Reise nach Karabach - Aka Morchiladze - E-Book

Reise nach Karabach E-Book

Aka Morchiladze

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Beschreibung

»Laß uns fahren, laß uns doch fahren!« Tiflis 1992: Die Regierung von Swiad Gamsachurdia ist zerbrochen, der Präsident außer Landes geflohen. Es herrscht Anarchie, paramilitärische Einheiten der Sakartwelos Mchedrioni (Georgische Reiter) patrouillieren durch Tiflis. In dieser Situation läßt sich der junge Georgier Gio von seinem ausgeflippten Freund Goglik dazu überreden, in seinem alten Lada mit ihm nach Aserbaidschan zu fahren. Dort wollen sie günstig Drogen einkaufen und nach Georgien schmuggeln. Der Plan ist, noch am selben Abend zurück zu sein. Die Verhältnisse in der Region sind jedoch verworren, Bürgerkrieg und Chaos erschweren und erleichtern zugleich ihr Vor haben. Gio und Goglik müssen zahlreiche Grenzen – darunter auch semioffizielle – passieren, Mittelsmänner aufsuchen und zu allem Überfluß den richtigen Weg durchs dunkle Niemandsland finden. Als sie die Orientierung völlig verloren haben und plötzlich auf sie geschossen wird, nimmt der Ausflug eine spannende Wendung ... Das Roadmovie wird zum Kriegsfilm. Der meistgelesene georgische Roman der letzten Jahrzehnte. Aka Morchiladze kommt zur Leipziger Buchmesse 2018. »Gios in geopolitischen und emotionalen Konflikten durchlebter Reifeprozeß ist sowohl unterhaltsam wie auch erhellend in bezug auf die ethnischen Spannungen in dieser Region. Sein wachsender Zynismus und seine Verzweiflung versinnbildlichen darüber hinaus Georgiens inneren Kampf zwischen diversen gesellschaftlichen Gruppen, die sich um die Macht streiten. Wie Morchiladze ironisch andeutet, führt der Kampf um Freiheit hin und wieder zu mehr Einschränkungen als die Unterdrückung, der man zu entkommen versucht.« (The Independent)

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Seitenzahl: 227

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Tbilissi 1992: Die Regierung von Swiad Gamsachurdia ist zerbrochen, der Präsident außer Landes geflohen. Es herrscht Anarchie, paramilitärische Einheiten der »Sakartwelos Mchedrioni« (Georgische Reiter) patrouillieren durch Tbilissi. In dieser Situation läßt sich der junge Georgier Gio von seinem ausgeflippten Freund Gogliko überreden, in seinem Lada mit ihm nach Aserbaidschan zu fahren, um Drogen zu kaufen und nach Tbilissi zu schmuggeln. Der Plan ist, noch am selben Abend zurück zu sein. Die Verhältnisse in der Region sind jedoch verworren, Bürgerkrieg und Chaos behindern ihr Vorhaben. Die beiden müssen zahlreiche Kontrollpunkte passieren, Mittelsmänner suchen und vor allem den richtigen Weg durchs dunkle Niemandsland finden. Als sie die Orientierung verloren haben und plötzlich auf sie geschossen wird, nimmt der Trip eine dramatische Wendung: Das Roadmovie wird zum Kriegsfilm.

Über den Autor

Aka Morchiladze (1966 in Tbilissi geboren) ist einer der meistgelesenen Autoren Georgiens. Er studierte Georgische Geschichte an der Staatlichen Universität Tbilissi, anschließend wirkte er dort als Dozent. Außerdem arbeitete er viele Jahre als Journalist. Insgesamt veröffentlichte er zwanzig Romane und drei Sammlungen mit Kurzgeschichten. Seine Bücher wurden in Georgien zu Bestsellern und teilweise verfilmt – so auch Reise nach Karabach. Aka Morchiladze wurde fünfmal mit dem wichtigsten georgischen Literaturpreis Saba ausgezeichnet, zuletzt 2012. Die Originalausgabe von Reise nach Karabach erschien 1992.

Über die Übersetzerin

Iunona Guruli wurde 1978 in Tbilissi geboren und lebt seit 1999 in Deutschland. Ihr Erzählungsband Die Diagnose bekam 2016 den Saba-Preis für das beste literarische Debüt und erscheint im Herbst 2018 auf deutsch. Einband: Karlo Kacharava

Aka Morchiladze

Reise nach Karabach

Roman

Aus dem Georgischen von Iunona Guruli

Weidle Verlag

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Weidle Verlag, Göttingen 2025

Wallstein Verlag GmbH

Geiststr. 11, 37073 Göttingen

www.wallstein-verlag.de

[email protected]

Der Weidle Verlag ist ein Imprint der Wallstein Verlag GmbH.

Die Originalausgabe Mogzauroba Qarabghshi () erschien 1992.

© Aka Morchiladze 1992, Copyright renewed in 2008 by Bakur Sulakauri Publishing © Bakur Sulakauri Publishing

The book is published with the support of the Georgian National Book Center and the Ministry of Culture and Sport of Georgia.

Dank an Irena Popiashvili, Lika Kacharava und besonders an Bela Chekurishvili für die Durchsicht der Übersetzung.

Lektorat: Kim Keller, Barbara Weidle

Korrektur: Kim Keller, Helen Ludwig

Einbandgemälde: Karlo Kacharava (1964–1994)

ISBN (Print) 978-3-8353-7537-6

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-7725-7

Inhaltsverzeichnis

Umschlag
Titel
Impressum
Inhalt
Aka Morchiladze: Reise nach Karabach

1

Alles begann Ende Februar.

In Tbilissi war Bürgerkrieg oder so was. Ich meine, als Präsident Swiad Gamsachurdia geflohen ist und danach . . . Eigentlich kümmerten mich solche Geschichten bis dahin nicht, seither noch weniger. Es war Ende Februar, als Gogliko mich richtig bedrängte: »Laß uns fahren, laß uns doch fahren! Wir nehmen das Geld von Atschiko Kipiani und fahren.« Dazu hatte ich aber gar keine Lust. Vor allem im Winter, erst über die aserbaidschanische Grenze, dann wieder zurück. Und wieso sollte ich überhaupt fahren? Es gab nicht mal Benzin. Trotzdem ließ er nicht locker. Ich würde ihm Glück bringen, meinte er, »laß uns fahren, das Zeug mitbringen, und bis zum Herbst werden wir stoned sein. Gratis.«

Ich wollte nicht. Ich wollte das seit längerem nicht mehr. Ich vermißte es vielleicht vier bis fünf Mal im Jahr. Wohin willst du mich mitschleppen? Ich bin doch kein Kind mehr. Fahr du allein und bring das Zeug mit, dann erzähl überall rum, daß du dir in Gandscha harte Drogen und Gras besorgt hast. In Gandscha besorgt. In Gandscha . . . und so weiter.

Er wiederholte wie eine kaputte Schallplatte immer wieder das Gleiche: »Nimm mich mit! Nimm mich mit!« Zu alledem stolperte er beim Reden auch noch. Zum Teufel mit ihm.

Er ging und kam am Abend wieder, zusammen mit Kipiani. Groß ist der, wie ein Büffel. Den Schal trägt er doppelt übereinander um den langen Hals gewickelt. In den Händen hielt er einen Rosenkranz.

»Giuschki«, sagte er zu mir, »bitte versteh’ mich nicht falsch. Ich hab die Hälfte der Tataren über den Tisch gezogen, einschließlich Bullen und Dealer. Du bist ein Freund von Gogliko und auch mein Freund. Die zwei Tage spielen doch keine Rolle. Du hast mein Ehrenwort, daß ich dir alle Ausgaben ersetze.«

Er kann jeden überreden.

»Benzin?« sagte ich. Daß wir fuhren, hatte ich bereits beschlossen.

»Benzin gibt’s drüben in Aserbaidschan bei den Tataren. Zwanzig Liter gebe ich dir direkt.« Also würde ich den Lada, den mein Vater mir geschenkt hat, über die Rote Brücke schieben müssen. Zwanzig Liter würden nämlich kaum reichen, uns aus Tbilissi rauszubringen, der Tank war nicht mal halbvoll. Also fuhr ich zu meinem Vater.

Nana und Irakli waren zu Hause. Irakli schaute einen Film mit Schwarzenegger und war nicht mal zu sehen in seinem Sessel. Ich ging zu ihm und küßte ihn. Seine Augen waren weit aufgerissen, und in den Händen hielt er ein Maschinengewehr. Natürlich ein Spielzeug. Irakli ist mein fünf jähriger Halbbruder. Nana ist die Frau meines Vaters. Er heiratete sie erst, als ich erwachsen wurde. Aber ich kann mich aus meiner Kindheit sehr gut daran erinnern, wie er sie mit nach Hause brachte. Damals überließ er mir die Wohnung an der Kawsadzestraße und zog mit Nana zusammen. Mein Vater ist jetzt dreiundfünfzig, Nana achtunddreißig. Sie ist eigentlich noch ein Mädchen. Wie Duda sagt, hat sie sich die Millionen von Tengiz unter den Nagel gerissen und Gio auf dem Lada sitzenlassen. Irakli hat ihre Augen bekommen, mit weichem und leicht benebeltem Blick.

Mein Vater ist ein ewig junggebliebener Tbilisser Angeber. Einer von denen, die den Stadtnarren Geld schenken. Davon gibt es einen ganzen Haufen.

»Wir können doch nicht jedes Arschloch in dieser Stadt dulden«, war sein Lieblingsspruch. Tagsüber kümmert er sich um seine Geschäfte oder hängt mit seinen Kumpels rum. Erst spät abends kommt er nach Hause. Auch jetzt hatte er sich rausgeschlichen. Irgendwohin.

»Wo ist er?«

»Auf Kontrolle«, seufzte Nana.

»Was für eine Kontrolle?«

»Die Straßenkontrolle. Sie durchsuchen nachts Autos und beschlagnahmen die Schußwaffen.«

Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen.

»Wie, ist er jetzt bei der Polizei?«

»Nein. Sie haben irgendeine Organisation gegründet, eine Art Bürgerwehr. Alle sind dabei, die Mikaberidzes, Jilbera Ramischwili, Sasha, Buba. Eigentlich alle.«

»Und sie sorgen für Ordnung . . .«

»Er tickt nicht mehr richtig, fuchtelt mit diesen Pistolen rum. Willst du was essen?«

»Nein. Weißt du, ob er Benzin hat?«

»Bestimmt. Nimm den Schlüssel und schau unten nach.« So weit, so gut. Aber jetzt war ich überfordert.

»Nana, wann kommt er eigentlich zurück?«

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich gegen Morgen. Was ist denn?«

»Ich fahre weg, und was weiß ich . . .«

»Wohin?«

»Nach Jerewan. Für zwei Tage. Mit den Jungs und so . . . Besser, als hier zu sein . . .«

Nana dachte kurz nach.

»Komm, iß bitte was. Nimmst du sie auch mit?«

»Nein.«

»Was willst du denn sonst in Jerewan?«

»Was soll ich hier machen?«

»Toll, daß du sie sitzengelassen hast. Tengiz war ganz ­außer sich.«

»Ach?«

»Du brauchst das Geld und willst mich nicht fragen.«

»Nicht so viel«, lachte ich.

Nana ging aus dem Zimmer und fragte mich in der Eingangshalle:

»Wieviel brauchst du?«

»Wenig.«

»Tausend, zweitausend?«

»Einer reicht.«

»Hier sind tausendvierhundert und noch was. Nimm alles.«

Ich nahm lediglich tausend, küßte Irakli, zwinkerte Nana zu und ging nach unten. Im Keller stand eine lange Reihe von Benzinkanistern. Mein Vater ist ein typischer Imperialist.

Ich hörte Schritte, drehte mich um und sah Nana.

»Ich sag ihm nicht, daß du wegfährst, sonst regt er sich auf.«

»Ist gut.«

»Leg den Hörer nebens Telefon. Ich richte ihm aus, daß du hier warst und daß du nicht anrufen kannst, weil die Leitung tot ist. Außerdem sage ich, daß du dich mit einem anderen Mädchen triffst und mit ihr verschwindest. Okay?«

»Nana, falls Tengiz eine Kugel abbekommt, was sollen wir dann machen?«

»Blödmann, wie kannst du so was sagen . . .«

»Tja, er hat doch damit angefangen, Revolutionär zu spielen und das noch in seinem Alter.«

»Ich weiß auch nicht. Davor habe ich eigentlich auch Angst. Er meint, wenn sie Gamsachurdia schon letzten Sommer angegriffen hätten, ginge es uns heute sehr gut.«

»So nach dem Motto: Die Stadt gehört mir.« Wieder mußte ich lachen.

***

Ich kam nach Hause. Es war so stockdunkel, daß ich mit Mühe die Treppen hinauffand. Das Abschalten des Stroms machte mich endgültig fertig. Zu Hause habe ich eine einzige dekorative Kerze aus Japan, mit irgendwelchen Zweigen verziert. Ikebana oder so ein Scheiß. Die brennt schon den ganzen Winter lang und ist nicht totzukriegen. Auch die Zweige sind auf japanische Art bescheuert, die brennen weder, noch duften sie. Also zündete ich meine Kerze an und setzte mich daneben. Seit Kriegsbeginn habe ich nicht mehr im Bett geschlafen, sondern im Sessel. Auf einer Seite stand die Kerze, auf der anderen das Radio. Letzteres interessierte mich auch nicht, aber mein Vater rief jeden Abend an: »Hast du die Nachrichten gehört? Was wurde berichtet? Okay, okay. Also nur ›Radio Free Europe‹, okay. Und weiter nichts? Über uns? Was?«

So gesehen war ich das Pressezentrum und der tägliche Nachrichtenheini für Tengiz Mikatadze.

In der Regel schlief ich beim Radiohören ein, am Morgen brannte die Kerze noch, war immer noch nicht runtergebrannt. Die machten mich verrückt, einerseits diese Kerze, andererseits die tiefen Baritonstimmen meiner jüdischen Nachbarn und letztendlich mein Putschisten-Vater.

An diesem Abend bin ich wie meine Kerze runtergebrannt. Meine Gedanken ließen mir keine Ruhe, und ich wußte nicht, was tun. Keine Ahnung, ob das Gespräch mit Nana mich aufgewühlt hatte oder ich mich an etwas erinnerte, jedenfalls begann ich in meinem Inneren Gogliko zu beschimpfen. Ich mache das jedes Mal, wenn ich sauer bin. Wahrscheinlich, weil er ein Idiot ist. Ich kann mich nicht erinnern, daß er je etwas Vernünftiges gesagt oder gemacht hätte.

Im Unterschied zum gestrigen Blödsinn ist diese Geschichte so schön und süß in mir verankert, daß ich bis heute Gänsehaut kriege. Es war im Oktober. Damals hatte ich kein Auto, ich hatte eigentlich rein gar nichts. Gogliko, Duda, Wato Amiredschibi und ich gingen gemeinsam aus. Es war kein Bordell, sondern irgendeine Wohnung irgendwo am Stadtrand. Die Bude stand auf dem Kopf und war voll mit Weibern. Duda sagte, es wäre sein Kontingent, und jede wäre zu kriegen. Falls sie uns mögen würden, würden sie uns noch mal einladen. Also kauften wir was zu trinken, Kuchen, Zigaretten, alles andere und gingen nach oben. Sie waren zu viert, genau wie wir. Deshalb haben wir richtig Gas gegeben, zuerst haben wir getrunken und gegessen. Dann nahm Wato ein Mädchen aus dem Zimmer mit, Duda das zweite. Nur Gogliko, ich und zwei von denen blieben im Zimmer. Auf einmal griff Gogliko nach der einen und wollte sie aus dem Zimmer bringen. Sie stand langsam auf und hatte müde Augen. Ich weiß noch, daß sie ein schwarzes T-Shirt und viele Ringe trug.

Wir gehen Luft schnappen – grinste Gogliko und zeigte seine schiefen Zähne. Keine Ahnung, was in mich gefahren war, aber ich gönnte Gogliko dieses müde und ernste Mädchen nicht. Mädchen ist vielleicht zuviel gesagt, sie war drei Jahre älter als ich.

Die Namen solcher Frauen kann ich mir selten merken. Mit ihr war es das gleiche. Ich wußte nur, daß es kein georgischer Name war. Im nächsten Moment stand ich auf und nahm Gog­liko mit in den Flur.

»Hast du Gras dabei?« fragte er erfreut.

»Überlaß die Frau mir«, sagte ich. Er ist so, total verdorben. Man muß ihm alles direkt sagen.

»Magst du sie?« Er kommt immer gleich auf den Punkt. Er ist Gedankenleser. Aber damals schien das alles noch lustig.

Er ging rein und nahm die andere Frau mit.

Auch ich kehrte ins Zimmer zurück.

Sie saß am Tisch, den Kopf in die Hände vergraben und die Haare im Gesicht. Man konnte ihre Augen nicht sehen, und sie knabberte an ihrer Unterlippe.

»Wie heißt du?« fragte ich sie.

»Jana«, antwortete sie und stand auf. Sie war ein sehr gutes Mädchen, also wußte ich, daß sie nicht gleich zur Couch gehen würde.

Auf einmal ging die Tür auf, und Duda kam in ein Bettlaken gehüllt rein.

»Ich brauch Zigaretten . . .«

Ich sehe bis heute vor mir, wie er nach der zerknitterten Schachtel griff und mir zuzwinkerte.

Dann ging er raus und schloß die Tür hinter sich ab. Jana trat ans Fenster. Auch auf der anderen Seite konnte man erleuchtete Fenster sehen. Die Fenster eines heruntergekommenen Hochhauses in einem abgelegenen Stadtteil.

Ich ging zu ihr und legte meinen Arm um ihre Schulter. So etwas hatte ich vorher noch nie gemacht. So etwas ist mir noch nie passiert. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Wenn du zu den Dirnen gehst, weißt du immer vorher Bescheid, wie man dich aufnehmen wird, was zu dir gesagt wird, wo du gekniffen wirst, und du benimmst dich auch entsprechend. Aber sie . . . Ich versuchte mich später daran zu erinnern, ob ich sie bereits am Tisch beobachtet hatte, aber was ich genau weiß, ist, daß sie am leisesten war.

Wir denken nicht über Frauen nach. Du gehst hin, trinkst was, hast deinen Spaß, und egal, wie schlecht du drauf warst, alles ist wie vom Winde verweht. Aber die Frau will vielleicht gar nicht, daß irgendeine stark behaarte Nudel wie Gogliko sie besteigt und mit Cognacfahne auf ihr rumkeucht.

Also standen wir am Fenster, wie in den kitschigen Liebesliedern beschrieben wird. Auf einmal zitterten ihre Schultern, und sie fing leise, sehr leise an zu weinen. Sie hatte so eine Art unterdrückten hysterischen Anfall. Man konnte kaum hören, wie sie schluchzte. Ich glaube, als wir sie wie Feuerzeuge mit ihrer Freundin getauscht haben, war sie endgültig am Boden zerstört. Sie sank in sich zusammen, verkrümmte sich und lehnte sich an meine Brust. Sie weinte mit gesenktem Kopf. Ich wußte nicht, was tun. Abrupt beschloß ich, sie mit nach Hause zu nehmen. Wir gingen aneinandergeschmiegt raus. Wir warteten eine Weile, dann fanden wir ein Taxi und fuhren los. Als wir in die Wohnung kamen, stand sie immer noch mit offenen Haaren da, man konnte ihre Augen nicht sehen. Ich nahm sie mit ins Schlafzimmer, aber ich dachte eigentlich nicht an Sex. Sie warf sich aufs Bett und wimmerte weiter. Ich hatte in meinem ganzen Leben mit niemandem so viel Mitleid wie mit ihr.

»Ich mach’ Kaffee.« Letztendlich fiel mir der passende Grund ein, und ich ging aus dem Zimmer. Als ich mit der Kaffeetasse zurückkam, lag sie in der gleichen Position, aber weinte nicht mehr. Ich setzte mich in die Nähe, vor den Spiegel, und lehnte mich an die Wand. Ich weiß nicht mehr, worüber ich nachgedacht habe oder wann genau ich eingeschlafen bin.

Eine Berührung weckte mich.

Sie stand vor mir, traurig, mit einem blassen Lächeln, und streichelte mit den Fingerspitzen mein Gesicht. Ich erinnere mich, daß ich ihre Hand küßte. Es kam einfach so, ohne viel darüber nachzudenken. Sie schien verdutzt.

»Ich gehe dann«, sagte sie plötzlich.

Ich stand auf und küßte sie. Jungs küssen solche Mädchen nicht – als wären sie selbst sauber und rein. Sie wollen die Frau, aber ihre Lippen widern sie an. Doch damals fühlte ich mich irgendwie besonders. Als ob ich mit allem zufrieden wäre. Ich wußte nicht, was mit mir los war. Seit dem Kindergarten hatte ich niemanden geliebt, und woher sollte ich etwas vom Küssen wissen? Sie hatte trockene Lippen, wahrscheinlich genau wie ich.

»Ich gehe dann«, wiederholte sie und schob meine Hand vorsichtig zur Seite.

Jana ging weg.

***

Ich konnte sie nicht vergessen. Immer wieder erinnerte ich mich an ihre Gesichtszüge, Finger, nassen Augenlider. Ihr Bild war zwar nicht ständig um mich, aber ich kriegte sie nicht aus dem Kopf. Suchen wollte ich sie nicht, sonst würden die Jungs anfangen . . . Sie sind doch die größten Klatschtanten auf der ganzen Welt.

Gogliko hat mindestens zehnmal erzählt, wie ich mit ihm die Frauen getauscht habe. Jedesmal regte ich mich wahnsinnig auf, aber lachte trotzdem mit.

Jana blieb verschwunden.

Noch ein, zwei Monate und ich hätte sie wahrscheinlich vergessen.

Wieder erinnere ich mich. Es war an Weihnachten. Ein kalter und farbloser Morgen in Tbilissi. Wir hatten die ganze Nacht durchgefeiert, und irgendwer fuhr mich mit dem Auto nach Hause. Ich war betrunken, rannte die Treppen rauf und verlor so plötzlich das Gleichgewicht, daß ich beinahe gestürzt wäre.

Auf meinem Stockwerk, am Treppenabsatz, saß Jana. Sie trug einen farblosen kurzen Mantel und eine Baskenmütze. Ihre Augen sahen wieder müde aus, und die Lippen waren völlig bleich. Wie ein Wintervogel lehnte sie am Treppengeländer. Solche Szenen sind oft in Chaplins Filmen zu sehen . . .

Am besten kann ich mich daran erinnern, daß sie völlig durchgefroren war.

Später, als wir in der Wohnung waren, im Bett lagen und die letzte, zufällig in der Jackentasche gefundene Zigarette rauchten, konnte ich so frei atmen, daß ich meinte, woanders, an einem unbekannten, friedlichen und beruhigenden Ort zu sein, von wo ich nie mehr auf die Straße oder irgendwoanders hingehen müßte.

Jana war still. Sie flatterte fast geräuschlos durch die Zimmer. Im allgemeinen redeten wir ganz wenig. Das Wetter war auch entsprechend, irgendwie ereignislos. Drei Tage lang ging ich nicht aus der Wohnung. Erst rief Gogliko an, dann kam Nana vorbei und brachte eine halbe Torte und anderen Kram mit. Jana machte die Wäsche. Die Badezimmertür stand offen, und Jana hatte außer meinem Pulli nichts an. Sie hörte die Tür nicht. Ich konnte doch nicht anfangen, geh dort rein, zieh das an und so ein Blödsinn.

Nana war verdutzt. Sie kann sich sehr gut beherrschen, aber ich merkte ihr sofort an, daß so etwas wie Empörung über ihr Gesicht geflogen war. Sie blieb nicht mal fünf Minuten bei uns und verließ die Wohnung fluchtartig. Als ich die Tür zumachte und zurückkam, stand Jana in der Badezimmertür, und ihre nassen Arme hingen komisch herunter. Als ob sie bereit wäre wegzurennen.

»Ich gehe dann«, sagte sie genauso wie damals.

Ich begriff sofort, oder besser gesagt, ich stellte mir vor, was passieren würde, wenn sie wegginge. Ich würde erst zu Gog­liko gehen, dann mit ihm zusammen anderswohin, dann wieder weiter. Wir würden irgendwo sitzen, zwei Schachteln rauchen und, falls wir Glück hatten, auch kiffen. Später würden wir mit ein paar anderen zu einer Party gehen, und falls weder Gogliko jemanden verletzte, noch er selbst verletzt würde, käme ich gegen Mitternacht nach Hause. Den zur Seite gelegten Telefonhörer würde ich richtig auflegen, und nach genau zwei Minuten würde Nana anrufen: »Tengiz hat nach dir gefragt.«

Jana war alles für mich. Sie war etwas, worüber ich nie nachgedacht hatte, was ich nie haben wollte. Das war etwas, wofür die Menschen wahrscheinlich überhaupt leben. Ich weiß bis heute nicht, was eine Familie bedeutet und was mit den Worten: »Familie als gottgewollte Institution« und derlei Quatsch gemeint ist. Auf jeden Fall war ich davor noch nie so glücklich, so ausgeglichen und voller Ruhe gewesen. Noch nie hatte ich so viel nachgedacht und geträumt wie in diesem Winter. Ich hatte kein einziges Mal den Videorekorder eingeschaltet. Den Jungs machte ich die Tür nicht auf und ging jeden Morgen Brot kaufen. Ich hätte auch gearbeitet, nach dem Studium. Ich bereitete schon meine Diplomarbeit vor, und eine elende Gestalt aus der Projektabteilung machte für mich die Zeichnungen fertig.

Jana verließ mich nur an den Wochenenden, sie wohnte gemeinsam mit einer Tante irgendwo auf der Moskauer Allee. Um den Hals trug ich ihren schlichten grünen Schal und lief so herum, ziel- und gedankenlos. Die Jungs wußten schon, daß sie bei mir wohnte, ließen sich aber nichts anmerken. Nur Gogliko grinste ab und zu, wenn er sagte: »Laßt uns abhauen, seine Frau kommt gleich.« Ich ließ ihn ohne Antwort. Nicht mal der Papst hätte das Ganze verstehen können, geschweige denn Gogliko. Lediglich Duda schien verwirrt. Es war sonnenklar, daß er die ganze Zeit über Jana und mich nachgrübelte. Ich wußte, daß sie aus seinem »Mädchenkreis« stammte . . . Er wußte wahrscheinlich viel mehr als ich, hundertmal mehr. Diese Klatschtante kann mich mal . . . Ich scherte mich keinen Deut darum. So gut ging es mir noch nie. Alles gefiel mir und freute mich. Bei jedem Wetter gingen wir spazieren, bei Kälte, Regen und Schnee. Immer zu Fuß. Auf der Gribojedow-Straße gab es einen Keller mit dem Namen »Mingrelische Küche«. Wir saßen die ganze Zeit dort. Jana lächelte, und ich freute mich, wir redeten ganz normal und menschlich miteinander. Ihre Hand lag immer in meiner Tasche und ich drückte sie, so fest ich konnte. Ich hab mich in das gemeinsame Zuhause verliebt. Jana trug stets meine Pullover und ihren farblosen Mantel. Ich habe ihr eine Jeans gekauft, italienisch oder so. Wir lachten oft und viel.

Eines Morgens ging ich zu meinem Vater. Es war früher Morgen. Er lag im Bett, Irakli saß auf seinem Bierbauch, und sie rangen miteinander.

»Ich brauche fünftausend Rubel«, sagte ich. Er setzte Irakli ab und richtete sich auf.

»Hast du gezockt?« Er war schon kurz davor loszubrüllen.

»Ich will eine Jacke kaufen.«

»Du hast doch eine Jacke, dieses Daunending, oder wie auch immer es heißt.«

»Ich will sie trotzdem.«

»Wo fährst du hin?« Er hat einen Knall. Immer bildet er sich ein, daß ich abhauen will, nach Inguschetien oder so.

Seit damals, als Mortschila und ich im ersten Studienjahr in der Nähe von Mleta verhaftet wurden, hat er Wahnvorstellungen, daß da irgendwas abgeht. Eigentlich haben sie uns auch damals grundlos eingelocht. Die Sache lag völlig anders.

»Ich fahre nirgendwohin. Ich will eine Jacke. Wo soll ich denn hinfahren?«

»Was weiß ich. Ihr Mistkerle seid doch keine Männer!«

Dann stand er auf, kratzte sich am Bierbauch und brüllte:

»Nana!«

Nana kam herein.

»Wo fährt er hin?«

»Wo soll er denn hinfahren? Er will einfach eine Jacke.«

»Ihr flüstert doch die ganze Zeit hinter meinem Rücken miteinander. Sobald er reinkommt, rennt er zuerst zu dir. Ihr wollt mich wohl verarschen.«

»Magst du Tee trinken, Tengiz?«

»Du gehst dann mit ihm, und ihr kauft die verdammte Jacke zusammen«, sagte er auf einmal und wandte sich zu mir: »Brauchst du sie für Gogliko?«

»Nein, nein. Wieso ist das so schwer zu verstehen? Ich will sie für mich.«

»Dann nimm den Schlüssel und fahrt mit dem Auto! Setz sie nicht irgendwo ab, und ruf mich später nicht aus einer Polizeiwache an!«

Ich hab mich sogar gefreut. Die Jacke, türkisch oder so, wollte ich für Jana. Sie hing im Vera-Viertel, im Schwarzmarktladen von Margischwili, und ich wollte sie zurücklegen lassen. Temur Pantschulidze und ein paar andere Jungs, die ich kannte, waren ebenfalls im Laden. Pantschulidze nahm die Jacke vom Bügel und wollte sie bezahlen. »Nimm, Gio, das Geld kannst du mir Ende der Woche zurückgeben.« Der Junge weiß Bescheid. Zu Atschiko Kipiani hätte er das nicht gesagt. Er weiß, wenn Tengiz Mikatadze will, kauft er nicht nur die Jacke, sondern den ganzen Laden von Margischwili, inklusive aller Schokoriegel.

Nana musterte erst die Jacke und dann mich.

»Sie wird nicht passen. Sie ist zu klein.«

Die Jacke hatte Knöpfe auf der linken Seite. Nana betrachtete mich noch einmal, legte das Geld auf die Theke und drehte sich zu mir: »Nimm sie. Ich bin in einer Minute wieder da.«

Eine halbe Stunde lang saßen Nana und ich dann im Auto vor Margischwilis Laden. Ich erzählte ihr alles. Sie fragte mich aus. Auf ihre Art, sehr sanft. Sie schien sehr besorgt zu sein.

»Tengiz wird ausflippen«, sagte sie schließlich.

Natürlich würde Tengiz ausflippen.

»Ihr könnt doch nicht für immer so weitermachen. Es wird sich ändern . . .«

»Und was genau wird sich ändern?«

»Giuschki. Du bist ein sehr guter Junge, aber Tengiz wird es nicht zulassen, daß du sie heiratest.«

Nicht zulassen! Anscheinend denken sie, daß man Jana und mich zum Standesamt bringen muß, mit Rosen und Nelken in der Hand, in Begleitung von meinen zweihundert und Tengiz’ fünfhundert Freunden. Das Restaurant »Iweria« wäre nur für uns reserviert, der ganze Verkehr hätte unseretwegen stillgestanden, und irgendeine Alte mit Tauben und Trinkhorn wäre in den Saal hereinspaziert.

»Ich sag ihm nichts. Genießt die Zeit, solange es geht. Wenn er dich erwischt, redest du dich selbst raus.«

Dann nahm sie ein mit Halbedelsteinen bestücktes Silberarmband aus der Handtasche, syrisch oder türkisch, und steckte es in eine der Taschen der neuen Jacke.

»Du hast keine Ahnung, was man einem Mädchen schenken soll«, sagte sie lächelnd und zwinkerte mir zu.

Ich hatte das Gefühl, daß Nana sich selbst dieses Geschenk machte.

Jana schlief noch. Ich küßte sie und zog ihr die neue Jacke an. Sie war noch im Halbschlaf. Auch das Armband zog ich aus der Tasche und legte es ihr um den Arm. Wir saßen auf dem Bett und lachten.

Seitdem grüble ich ständig nach und versuche mich zu besinnen, ob es diese Tage wirklich gegeben hat. Ob Jana sich wirklich freute und ob wir an den regnerischen Tagen tatsächlich am Fenster saßen und uns an unsere Kindheit erinnerten. Heute erscheint das Ganze in so weiter Ferne, daß ich mich jedesmal an etwas klammere, wenn ich über diese Zeit nachdenke. Jana, Jana, Jana – ich hatte nichts anderes im Kopf, und ich dachte über sonst nichts nach. Ich machte keinen Rückzug. Etwas Besseres als das kannte ich nicht, und basta! Ich wußte nicht, wie wir leben sollten, was passieren würde oder wie. Jana schien wie eine Feder zu sein, warm, leicht. Beim Einschlafen legte sie ihren Kopf immer auf meine Schulter und murmelte ununterbrochen verschiedenes Zeug. Ich lag mit geschlossenen Augen da und wartete darauf, daß sie mir den nächsten liebevollen Unsinn in der Stille der Nacht ­zuflüsterte . . .

An jenem Morgen hat es geschneit. In Tbilissi gibt es ja nur zweitägigen Schnee, der sehr kurze Zeit angenehm ist und sich danach in einen allesverschlingenden Schlamm verwandelt. Es war genau diese Zeit. Als ich aufwachte, stand Jana am Fenster.

Sie ließ mich nicht mal zu sich kommen und sagte mit tiefer Stimme in ihrer typischen, direkten Art:

»Ich glaube, ich bin schwanger.«

Ich wußte, daß es eine sehr gute Neuigkeit war, aber ich wußte nicht, was tun. Ich dachte, in diesem Zustand bekommt man das Bedürfnis nach allen möglichen Dingen, und auch wenn sie mitten im Winter Erdbeeren essen will, mußt du sie besorgen. Es war etwas Ungewöhnliches, wie das Warten, neue Gefühle, etwas, was man davor nicht kannte, die gigantischen, fragilen Gedanken. Wir spazierten den ganzen Tag durch den Schnee. Um uns liefen Kinder herum, Frauchen führten ihre Hunde spazieren, die Alten watschelten im Schneckentempo um den gefrorenen Brunnen. Der Himmel über uns war schneeweiß und ruhig. In den verschneiten Alleen des Parks fühlte ich mich so leicht, daß ich befürchtete, Jana könnte mir aus der Hand gleiten, schmelzen und sich mit der kalten, ungewöhnlich würzigen Luft vermischen. Ja, solche Gedanken kamen mir in den Sinn. Ich stopfte sie immer wieder mit Schokolade und solchem Zeug voll. Auch das hatte ich irgendwo gehört.

Wie gesagt, ich dachte über nichts nach, weder über Tengiz noch darüber, was in der Regel darauf folgt und was, wie ich feststellen mußte, in dieser wunderschönen Stadt mehr geschätzt wird als ein Kindesleben und Menschenglück. Es hat mehr Wert als die Liebe zwischen einem Mädchen und einem Jungen. Die Regeln haben anscheinend Priorität. Das heißt, wenn Gogliko mein Freund ist, ist es normal und so. Aber wenn Jana mit mir zusammen sein will, ist es abnormal. Anscheinend müßte mein Vater mich umbringen, weil ich mit dem Mädchen Mitleid gehabt habe, weil ich mich in sie verliebt habe, weil ich sie mit nach Hause gebracht habe. Das arme Mädchen, das in einer verqualmten Bude liegende elende, zitternde, weiche und zarte Mädchen. Ich hätte anscheinend das alles wissen sollen, weil Tengiz Mikatadze nicht irgendein Taxifahrer ist.