Der Fluch des Uhrwerks
Die unerzählte Vorgeschichte zu H.P. Lovecrafts "Berge des Wahnsinns"
Adrian Vogler
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Für alle Fans von H.P. Lovecraft, die auch einer guten Steampunk-Geschichte etwas abgewinnen können.
Ich habe nicht genug Informationen für eine Theorie, Sir.
LIEUTENANT COMMANDER DATA,USS ENTERPRISE NCC 1701-D
Inhalt
Titelseite
Impressum
Widmung
Epigraph
Vorwort
Prolog – London
Akt 1 – London
Kapitel 1 – Der rätselhafte Brief
Kapitel 2 – Die gescheiterte Expedition
Kapitel 3 – Aufbruch ins Unbekannte
Kapitel 4 – Das geheimnisvolle Luftschiff
Kapitel 5 - Eine unwillige Patientin
Akt 2 - Tiefenwald
Kapitel 6 - Sturm über der Antarktis
Kapitel 7 - Jenseits des Tannhäuser Portals
Kapitel 8 - Triumph und Niederlage
Kapitel 9 - Der Pakt mit dem Uhrmacher
Kapitel 10 - Das Herz aus Eisen
Kapitel 11 - Die Vision des Quarzlings
Kapitel 12 - Spuren im Schnee
Akt 3 - Antarktis
Kapitel 13 - Das verlassene Basislager
Kapitel 14 - Der Weg zur Stadt im Eis
Kapitel 15 - Die Suche nach Dr. Alistair
Kapitel 16 - Die Rückkehr eines Verlorenen
Kapitel 17 - Eine unerwartete Allianz
Kapitel 18 - Die Konfrontation
Kapitel 19 - Die Beschwörung des Ithaqua
Akt 4 - Eisenhain
Kapitel 20 - Durch den Tiefenforst
Kapitel 21 - Der Quarzling erzählt
Kapitel 22 - Der Plan des Quarzling
Kapitel 23 - Der Stahlwald
Kapitel 24 - In Eisenhain
Kapitel 25 - Die Traumlande
Kapitel 26 - Die Rückkehr der Herzen
Akt 5 - Fluchbrecher
Kapitel 27 - Der Fluch des Uhrwerks
Kapitel 28 - Illusionen des Tiefentanns
Kapitel 29 - Der Fall des Uhrmachers
Kapitel 30 - Flucht aus der Stadt
Kapitel 31 - Flucht aus der Antarktis
Epilog
Kapitel 32 - Epilog – London
Fortsetzung folgt!
Vorwort
„Die größte Gefahr liegt nicht im Unbekannten selbst, sondern in dem Moment, in dem der Mensch glaubt, es mit Zahnrädern und Formeln beherrschen zu können.“ — Aus den Aufzeichnungen des Archivs, 1888
London, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.
Eine Zeit, in der Dampfmaschinen Städte zum Leben erweckten, während unter ihren Fundamenten Dinge schlummerten, die älter waren als jede Maschine — und geduldiger als jeder Mensch.
Als Cyrus Li erstmals auf die Unterlagen stößt, die später unter dem Namen „Expeditionsakte 221-B“ geführt werden sollten, ahnt er nicht, dass sie mehr sind als Berichte über Sabotage, Ehrgeiz und Verrat. Zwischen Skizzen von Zahnrädern, Routen und Luftschiffen finden sich Hinweise auf Phänomene, die sich jeder rein technischen Erklärung entziehen.
Gemeinsam mit seinem ungewöhnlichen Partner D.Chess gerät Li in eine Untersuchung, bei der Fortschritt und Hybris, Wissenschaft und Mythos unauflöslich ineinandergreifen. Was als Analyse eines Unglücks beginnt, entwickelt sich zu einer Konfrontation mit Mächten, die weder mechanisch noch menschlich sind.
Dieses Buch ist kein bloßes Abenteuer. Es ist ein Fragment. Ein Auszug aus einer größeren Wahrheit, die niemals vollständig erzählt werden sollte.
◆◆◆
ZUR EXPEDITIONSAKTE
Ein Teil der Unterlagen, Karten und Berichte, auf die in dieser Geschichte Bezug genommen wird, ist für Leserinnen und Leser zugänglich gemacht worden.
Die Expeditionsakte 221-B enthält ergänzende Dokumente, Skizzen und archivierte Beobachtungen zum Fall „Der Fluch des Uhrwerks“.
Digitale Einsicht: https://bit.ly/3KwzxdW
Hinweis: Die Akte ist als Begleitmaterial gedacht. Ihre Einsicht ist freiwillig — doch manche Details entfalten ihre volle Bedeutung erst, wenn man weiß, wo man hinsehen muss. Spoilergefahr!
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ABSCHLIESSENDE BEMERKUNG
Manche Geheimnisse lassen sich entschlüsseln. Andere sollten es nie werden.
Möge der Leser selbst entscheiden, welche Zahnräder er in Bewegung setzen möchte.
— Das Archiv
Prolog – London
Die majestätischen Schläge der Turmuhr von Big Ben verkündeten den herannahenden Nachmittag, und durch das pulsierende Leben Londons hindurch bahnte sich Cyrus Li seinen Weg. Kutschen rumpelten über das Kopfsteinpflaster, begleitet vom klappernden Geräusch der Pferdehufe, während Straßenhändler mit ihren Rufen die Luft erfüllten. Doch je weiter Cyrus sich von den Hauptstraßen entfernte, desto ruhiger wurde es. Die Straßen wurden enger, die Häuser niedriger. Nur gelegentlich kreuzte noch ein eiliger Passant oder langsam dahinrollendes Hansom Cab seinen Weg, als er in eine der verwinkelten Seitengassen abbog.
Sein Ziel war eine kleine Buchhandlung abseits der belebten Einkaufsmeilen. Sie war versteckt in einem Hinterhof inmitten einer Reihe von Antiquitätenläden und Cafés. Über der schmalen Holztür prangte in verblichenen Lettern der Name "B. Belmore & Söhne - Antiquare". Als Cyrus eintrat, wurde er von dem alten Mr. Belmore freudig begrüßt.
"Willkommen in meinem bescheidenen Laden, junger Mann! Kann ich Ihnen vielleicht bei der Suche nach einem bestimmten Schatz behilflich sein?", fragte Mr. Belmore mit einem zwinkernden Lächeln.
Cyrus erwiderte den Gruß höflich. "Vielen Dank, Sir, ich werde mich erst einmal ein wenig umsehen."
Damit wandte er sich von Mr. Belmore ab und bahnte sich vorsichtig einen Weg zwischen den vollgestopften Regalen hindurch. Er wusste, irgendwo hier musste D.Chess auf ihn warten.
Cyrus blickte sich in dem vollgestopften Laden um.
Plötzlich vernahm Cyrus ein vertrautes mechanisches Surren und Klicken. Er bog um eine Ecke und fand D.Chess in einer abgelegenen Leseecke sitzend vor. Der Android hatte es sich mit einem Stapel von mindestens 50 Büchern in einem Ohrensessel gemütlich gemacht. Mit einer Geschwindigkeit, die kein Mensch je erreichen könnte, blätterte D.Chess die Seiten um und scannte die Inhalte.
Das spärliche Licht, das durch die staubigen Fenster hereinfiel, ließ sein Metall auf matte Weise schimmern. Mit einer geschmeidig-mechanischen Bewegung wandte sich D.Chess zu Cyrus um.
"Guten Tag, Mr. Li. Ich sehe, Sie haben meine Einladung zu unserem verabredeten Treffen hier Folge geleistet", sagte D.Chess mit seiner charakteristisch präzisen Stimme.
Cyrus nickte ihm freundlich zu und trat näher. "Guten Tag, D.Chess. Ich bin gespannt, was Sie mir mitzuteilen haben. Schließlich haben Sie nicht oft Geheimniskrämerei um unsere Treffen gemacht."
Ein Anflug von einem Lächeln umspielte D.Chess' Lippen. "In der Tat, diesmal ist die Angelegenheit etwas...ungewöhnlich. Aber kommen Sie, setzen wir uns. Ich werde Ihnen alles erklären."
Nachdem Cyrus Platz genommen hatte, beugte sich D.Chess ein wenig vor. Seine mechanischen Finger strichen andächtig über den Einband eines der alten Bücher.
"Mein Freund, der Grund für unser heutiges Treffen ist ein außergewöhnliches Angebot, das ich Ihnen unterbreiten soll", begann der Android feierlich. "Es kommt von meinem geheimnisvollen Schöpfer, einem Erfinder von unvergleichlichem Genie."
Cyrus spürte, wie sich seine Neugier noch steigerte. Der mysteriöse Erbauer von D.Chess war ihm nie persönlich begegnet, aber er wusste, dass es sich um einen exzentrischen Visionär handeln musste.
"Sein letztes Meisterwerk ist etwas, das Ihnen sehr zugute käme", fuhr D.Chess fort. "Es handelt sich um ein Implantat namens Mecha Oculus, das er als Ersatz für Ihr verlorenes linkes Auge entwickelt hat."
Cyrus horchte auf. Ein Ersatz für sein Auge? Er erinnerte sich noch gut an den Schicksalsschlag, der ihn das Augenlicht gekostet hatte. Konnte die Technologie dieses genialen Erfinders wirklich Abhilfe schaffen?
"Der Mecha Oculus ist mehr als nur ein künstliches Auge", erklärte D.Chess. "Er würde nicht nur Ihre Sehkraft wiederherstellen, sondern Ihnen auch viele neue Möglichkeiten eröffnen."
Cyrus spürte, wie ihn gleichzeitig Aufregung und Skepsis erfüllten. Die Aussicht, wieder klar sehen zu können, war verlockend. Doch was steckte hinter diesen "neuen Möglichkeiten", von denen D.Chess sprach?
"Lassen Sie mich die besonderen Funktionen des Mecha Oculus erläutern", sagte D.Chess mit seiner typisch präzisen Stimme. "Zunächst verfügt er über verschiedene Zoom-Stufen, die Ihnen erlauben, Objekte aus großer Entfernung klar zu erkennen."
Cyrus horchte auf. "Ähnlich einem Fernglas? Das wäre in der Tat nützlich."
D.Chess nickte. "Noch nützlicher dürfte die Fähigkeit zur Infrarotsicht sein. Damit können Sie Wärmesignaturen sehen und so in völliger Dunkelheit navigieren."
"Faszinierend!", rief Cyrus aus. "Das klingt fast zu fantastisch, um wahr zu sein."
"Oh, das ist nur der Anfang", fuhr D.Chess fort. "Der Mecha Oculus kann sogar elektromagnetische Wellen sichtbar machen, was Ihnen ganz neue Einblicke verschaffen wird."
Cyrus schüttelte ungläubig den Kopf. "Ihr Erschaffer ist ein Genie. Ich vertraue, dass seine Kreation all dies leisten kann und mehr."
D.Chess nickte zustimmend. "In der Tat, sein technologisches Können ist unerreicht. Was halten Sie nun von diesem Angebot, Mr. Li?"
Cyrus lächelte entschlossen. "Ich bin überzeugt. Sagen Sie ihm, dass ich dankbar bin und seine Gabe annehme."
Nachdem Cyrus seine Entscheidung für den Mecha Oculus getroffen hatte, nickte D.Chess zufrieden. "Sehr gut. Ich werde alles für Ihren Eingriff vorbereiten", sagte der Android mit seiner typischen formellen Ausdrucksweise.
Er erhob sich und strich seinen Gehrock glatt. "Heute Abend werde ich Sie gegen 20 Uhr von Ihrer Wohnadresse abholen. Charing Cross Road 17B, wenn ich mich recht entsinne?"
"Korrekt", bestätigte Cyrus und stand ebenfalls auf.
"Dann werde ich pünktlich dort sein", sagte D.Chess. "Bis dahin empfehle ich Ihnen, sich auszuruhen. Sie werden Ihre Kraft für das brauchen, was bevorsteht."
Cyrus nickte. "Ich danke Ihnen, mein Freund. Dann werde ich in meiner Wohnung auf Sie warten."
Die beiden verabschiedeten sich und Cyrus trat hinaus auf die belebten Straßen Londons. Auf dem Heimweg konnte er es kaum erwarten, bis der Abend hereinbrechen würde. Schon bald würde sich sein Schicksal für immer verändern.
◆◆◆
In seiner Wohnung in der Charing Cross Road angekommen warf Cyrus einen Blick auf die Standuhr. Noch drei Stunden, bis D.Chess ihn abholen würde. Um seine Nervosität zu bekämpfen, griff Cyrus zu seinem Theremin, das in der Ecke stand.
Sanft ließ er seine Hände durch die Luft über den Antennen des Instruments gleiten und komponierte eine improvisierte Melodie. Die schwebenden, ätherischen Klänge des Theremins erfüllten den Raum und halfen Cyrus, zur Ruhe zu kommen. Er ließ seiner Kreativität freien Lauf, formte aus Wellen der Luft beruhigende Harmonien gegen die Ungewissheit, die in seinem Innern tobte.
Die beruhigenden Klänge des Theremins erfüllten Cyrus' Wohnzimmer, als er plötzlich ein vertrautes Geräusch hörte - das Stampfen von mechanischen Pferdehufen und das Quietschen von Rädern auf Kopfstein. Rasch ließ er seine Hände sinken und das Theremin verstummte.
Cyrus eilte zum Fenster und blickte hinaus auf die dunkle Gasse der Charing Cross Road. In der Ferne näherte sich eine prächtige, von Dampf angetriebene Kutsche, gezogen von zwei mechanischen Pferden. Ihre Messingteile funkelten im Licht der Gaslaternen. Auf dem Kutschbock thronte die Gestalt eins mechanischen Kutschers, dessen blechernes Antlitz keine Regung zeigte.
Fasziniert beobachtete Cyrus, wie das Gefährt vor dem Haus mit der Nummer 17B zum Stehen kam. Die Pferde schnaubten Dampfwolken in die Luft, während der Kutscher vom Bock stieg. Seine Bewegungen wirkten seltsam menschlich für eine Maschine. Mit einem Quietschen seiner Gelenke ging der Kutscher um die Kutsche herum und öffnete den Verschlag.
Vorsichtig trat Cyrus einen Schritt zurück ins Schatten des Raumes. Plötzlich erkannte er eine vertraute Gestalt, die aus der Kutsche auftauchte - es war D.Chess. Der Android wandte sein blechernes Antlitz nach oben und seine mechanischen Augen fixierten Cyrus' Fenster.
Cyrus nickte dem Androiden zu, um zu signalisieren, dass er verstanden hatte. Rasch trat er vom Fenster zurück und griff nach seinem Mantel und Hut. Sein Herz pochte aufgeregt, als er die Treppe hinunter eilte, hinaus auf die dunkle Gasse, wo die Kutsche auf ihn wartete. Mit einem tiefen Atemzug trat Cyrus hinaus in die Nacht.
◆◆◆
Auf der dunklen Gasse erwartete ihn schon D.Chess vor der dampfenden Kutsche.
"Guten Abend, Mr. Li. Bitte nehmen Sie Platz, die Zeit drängt", sagte der Android und wies einladend auf den Innenraum der Kutsche. Cyrus nickte und stieg nach D.Chess ein.
Kaum hatte Cyrus Platz genommen, zog der mechanische Kutscher mit einem Quietschen eine schwere Blende vor die Fenster. Nun konnte Cyrus nicht mehr nach draußen sehen - der Innenraum der Kutsche war vollkommen abgedunkelt.
"Verzeihen Sie die Unannehmlichkeit", sagte D.Chess. "Aber nur so ist die Geheimhaltung, die sich mein Erschaffer wünscht, gewährleistet."
Cyrus stellte fest, dass er den Klang von D.Chess' Stimme beruhigend fand. Außerdem vertraute er seinem Androiden-Partner, dass dieser ihn nicht wissentlich in Gefahr bringen würde.
"Ich verstehe", erwiderte Cyrus. "Ich bin mir sicher, Sie haben alles Notwendige arrangiert, damit dieser Eingriff reibungslos und sicher vonstattengehen kann."
"In der Tat", bestätigte D.Chess. "Haben Sie keine Sorge, mein Freund. Bald werden Sie wieder klar sehen können."
Cyrus lehnte sich in dem weichen Polster zurück, während die Kutsche sanft in Bewegung setzte. Er lauschte dem hypnotischen Rattern der Räder und dem gelegentlichen Schnauben der mechanischen Pferde. Die Fahrt ins Ungewisse konnte beginnen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit der Fahrt durch die undurchdringliche Schwärze kam die Kutsche endlich zum Stillstand. Cyrus, dessen Zeitgefühl sich in der Dunkelheit des Innenraums vollkommen aufgelöst hatte, hörte draußen den Kutscher laut pfeifen. Der schrille Pfiff zerriss die nächtliche Stille und hallte durch die Luft.
Kurz darauf drangen laute knarrende Geräusche an Cyrus' Ohr, die wohl von einem großen Tor stammten, das sich knarzend öffnete, um die Kutsche einzulassen. Cyrus spürte, wie sich die Kutsche wieder in Bewegung setzte und nur eine kurze Strecke weiterrollte, bevor sie mit einem Ruck erneut zum Stehen kam.
Nun senkte sich erneut vollkommene Stille über den Ort, nur durchbrochen vom Schnauben der mechanischen Pferde und leisem Zischen von Dampf.
"Wir sind angekommen, Mr. Li", verkündete D.Chess gerade in diesem Moment mit tonloser Stimme. Draußen war deutlich das schwere Aufsetzen von Stiefeln auf Kopfstein zu hören, als der Kutscher vom Bock stieg. Metall klirrte leise, dann näherten sich schwere Schritte dem Verschlag der Kutsche.
Mit einem Quietschen wurde die Kutschentür aufgerissen. Kalte Nachtluft strömte herein und ließ Cyrus frösteln. Vor dem Eingang zeichnete sich die Silhouette des Kutschers ab, groß und blechern.
"Wir sind am Ziel angekommen", verkündete der Kutscher mit einer Stimme, die so klang, als würde Metall über Metall schaben. "Bitte verlassen Sie jetzt das Fahrzeug."
Cyrus tastete sich durch die Dunkelheit auf den Ausgang zu, dicht gefolgt von D.Chess. Er spürte Erleichterung, als er endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte und die kühle Nachtluft einatmete.
Neugierig sah er sich um. Doch die Schwärze der Nacht hüllte noch alles in undurchdringliches Dunkel. Nur die Silhouette des Kutschers war schemenhaft zu erkennen, sowie die Umrisse eines massiven Gebäudes, vor dem die Kutsche hielt.
"Folgen Sie mir", knarrte der Kutscher und setzte sich in Bewegung. Cyrus tauschte einen kurzen Blick mit D.Chess, dann folgten sie der blechernen Gestalt zögernd. Cyrus fragte sich, was für Rätsel sich hinter den Mauern dieses geheimnisvollen Ortes wohl verbergen mochten.
Schweigend passierten sie einen eisernen Torbogen. Der Kutscher führte Cyrus und D.Chess zu einem weitläufigen Innenhof, der zu einem riesigen Gebäudekomplex zu gehören schien. Staunend blickte sich Cyrus um. Hohe Mauern und Erker umschlossen den Hof, der im fahlen Mondlicht mysteriös wirkte.
"Wir sind an unserem Ziel angelangt", sagte D.Chess. "Bitte hier entlang, Mr. Li."
Der Android setzte sich in Bewegung und Cyrus folgte ihm durch den Innenhof zur anderen Seite, wo eine mächtige Flügeltür in die Mauer eingelassen war. D.Chess legte seine Hand auf die Tür, die sich mit einem langgezogenen Knarren öffnete.
Schweigend betraten sie einen langen, düsteren Korridor. Ihre Schritte hallten von den Steinwänden wider, während sie einen scheinbar endlosen Gang entlang gingen. Am Ende war eine Tür zu erkennen, unter der ein Lichtschein hervortrat. Leise Geräusche waren zu hören.
"Das ist unser Ziel, das Labor", erklärte D.Chess knapp. "Bald ist es soweit."
Cyrus' Herz schlug ihm bis zum Hals. Er war dem Augenblick so nahe, auf den alles zugelaufen war. Was würde ihn hinter dieser Tür erwarten?
◆◆◆
Schließlich erreichten sie den Eingang. Das Licht blendete Cyrus, nach der langen Zeit in der Dunkelheit. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, die Konturen des Raumes auszumachen.
Neben einem OP-Tisch in der Mitte des Raums standen zwei hochgewachsene Gestalten in Ärztekitteln. Ihre Gesichter waren ausdruckslos und ihre Haut hatte einen merkwürdigen metallenen Schimmer. Es mussten mechanische Chirurgen sein.
An einem Instrumententisch war eine schlanke Krankenschwester mit Robotik-Gliedmaßen damit beschäftigt, chirurgische Werkzeuge bereitzulegen.
"Mein Erschaffer konnte leider nicht persönlich erscheinen", sagte D.Chess. "Aber seine mechanischen Geschöpfe werden Ihnen bestens dienen."
Cyrus schluckte schwer. Er spürte, wie der Moment der Wahrheit unaufhaltsam näher rückte.
Kaum hatte Cyrus das Labor betreten, als einer der mechanischen Chirurgen auf ihn zukam. Die Gestalt im weißen Kittel blieb vor Cyrus stehen und sprach mit einer mechanisch-monotonen Stimme:
"Seien Sie gegrüßt, Mr. Li. Ich bin der Erschaffer dieser Apparate und habe Sie zu diesem Eingriff eingeladen."
Cyrus war verblüfft. Dieser Chirurg war der geheimnisvolle Erfinder?
"Verzeihen Sie, dass ich inkognito bleiben möchte und nur durch diesen mechanischen Chirurgen zu Ihnen spreche", fuhr die blecherne Stimme fort, Cyrus nicht ausgesprochene Frage ahnend. "Aber Anonymität ist vonnöten. Lassen Sie mich kurz den Ablauf schildern."
Über den Chirurg begann der Erfinder Cyrus zu erklären, wie sein Auge operiert und der Mecha Oculus implantiert werden würde. Es war dieselbe Beschreibung, die ihm bereits D.Chess gegeben hatte.
Cyrus hörte angespannt zu. Er fühlte sich beunruhigt von der Vorstellung, dass dieser emotionslose Automat an seinem Auge operieren sollte. Doch gleichzeitig war er fasziniert von der Genialität des namenlosen Erfinders, der diese Wesen erschaffen hatte.
"Haben Sie noch Fragen?", erkundigte sich die blecherne Stimme, nachdem die Erläuterungen beendet waren.
Cyrus schüttelte den Kopf. Er war bereit, auch wenn Zweifel in ihm nagten. Schweigend folgte er der Krankenschwester zum Operationstisch, während die mechanischen Chirurgen sich vorbereiteten.
Die Krankenschwester trat an Cyrus heran, der nervös auf dem harten Metalltisch saß. Ihre mechanischen Finger berührten sanft seinen Arm.
"Bitte entblößen Sie Ihren Arm, Mr. Li", sagte sie mit ihrer emotionslosen Stimme.
Zögernd schob Cyrus den Ärmel hoch und legte seinen Arm frei. Die Berührung der mechanischen Finger auf seiner Haut ließ ihn frösteln.
Die Krankenschwester ging zum Instrumententisch und kam mit einer gefüllten Spritze zurück. Sie würde ihn in einen traumlosen Schlaf versetzen, damit die Operation beginnen konnte.
"Sie werden nun eine leichte Injektion erhalten", informierte die Krankenschwester ihn. Mit einer effizienten Bewegung stach sie die Nadel in Cyrus' Armvene. Er zuckte kurz zusammen, als der Stich durch seine Haut drang.
Cyrus spürte, wie das Narkosemittel rasch seine Wirkung entfaltete. Seine Sicht wurde zunehmend verschwommener, die Geräusche um ihn herum dumpfer. Als durch einen Schleier nahm er wahr, wie die mechanischen Chirurgen an den Operationstisch herantraten und medizinische Instrumente zurechtlegten.
Einer der Chirurgen beugte sich über Cyrus.
"Keine Sorge, Mr. Li", sagte der Chirurg mit blecherner, aber beruhigender Stimme. "Wenn Sie aufwachen, werden Sie wieder klar sehen können."
Cyrus wollte antworten, doch seine Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Langsam sank er in eine bodenlose Schwärze hinab. Das Letzte, was er hörte, war die Stimme des Chirurgen: "Sie werden zufrieden sein, mein Freund!"
Dann umfing ihn vollkommene Finsternis. Cyrus' Gedanken und Sinne schwanden dahin, als die Narkose ihn in tiefe Bewusstlosigkeit sinken ließ. Er driftete hinab in einen traumlosen Schlaf ohne Raum und Zeit.
Wie lange dieser Zustand anhielt, konnte Cyrus nicht sagen.
◆◆◆
Langsam, ganz langsam drangen Geräusche an Cyrus' Ohr. Er nahm ein leises Ticken wahr und das Knistern von Feuer, das im Kamin brannte. Mit Mühe öffnete er die Augen einen Spalt breit. Er lag in einem weichen Bett in einem vertrauten Raum - es waren seine eigenen vier Wände in der Charing Cross Road 17B.
Cyrus drehte den Kopf und erblickte D.Chess, der auf einem Stuhl neben dem Bett saß. Der Android hatte die Hände im Schoß gefaltet und sein metallenes Haupt war gesenkt, fast so als würde er schlafen. Doch natürlich schliefen Androiden nicht.
Als Cyrus sich rührte, hob D.Chess den Kopf. "Willkommen zurück, mein Freund", sagte er. "Wie geht es Ihnen?"
Cyrus wollte antworten, doch seine Kehle war staubtrocken. Mühsam brachte er ein heiseres "Wasser" hervor. D.Chess reichte ihm wortlos ein Glas, das auf dem Nachttisch stand.
Nach einigen Schlucken spürte Cyrus, wie neue Lebensgeister in ihn zurückkehrten. Er fühlte sich seltsam benommen und schwach. Aber er hatte keine Schmerzen, nur einen dumpfen Druck hinter seiner linken Augenhöhle. Was war dort geschehen? Noch konnte er es nicht sagen.
"Lassen Sie uns nun den Mecha Oculus aktivieren", sagte D.Chess, nachdem Cyrus sich etwas erholt hatte.
Der Android half Cyrus, sich aufzusetzen und wies ihn an: "Konzentrieren Sie sich nun auf Ihr linkes Auge. Stellen Sie eine Verbindung her in Gedanken."
Cyrus tat, wie ihm geheißen. Er spürte einen winzigen Schalter hinter seinem Auge und betätigte ihn mental. Plötzlich durchströmte ihn ein Prickeln und vor seinem linken Auge flammte ein blaues Licht auf. Klare, gestochene Bilder strömten auf ihn ein, schärfer als je zuvor.
"Sehr gut, die Verbindung ist hergestellt", lobte D.Chess. "Blinzeln Sie nun dreimal, um die Kalibrierung abzuschließen."
Wieder folgte Cyrus der Anweisung. Mit jedem Blinzeln wurde seine Sicht klarer, bis sich die Konturen des Zimmers in brillanter Schärfe abzeichneten. Er konnte jede Pore in D.Chess' künstlicher Haut erkennen, jede noch so feine Gravur im Messing.
"Sie werden feststellen, dass der Mecha Oculus Ihnen eine Fülle an Informationen liefert", erklärte D.Chess. Er zeigte Cyrus, wie er die verschiedenen Funktionen wie Zoom, Infrarotscanner und Nachtmodus nutzen konnte.
"Mit der Zeit werden Sie lernen, all diese Fähigkeiten intuitiv zu beherrschen", versicherte der Android. "Der Mecha Oculus wird Sie bei Bedarf durch audiovisuelle Hinweise unterstützen. Haben Sie Vertrauen - bald werden Sie eins mit diesem Gerät werden."
Cyrus nickte. Er war überwältigt von den Möglichkeiten, die sich ihm durch das Implantat boten. Schon jetzt fühlte es sich wie ein natürlicher Teil von ihm an, ein Fenster zu einer erweiterten Wirklichkeit.
Nachdem Cyrus nun wieder klar sehen konnte, war er überwältigt von den verbesserten visuellen Fähigkeiten durch den Mecha Oculus. Staunend betrachtete er die feinsten Details im Zimmer, die früher außerhalb seiner Wahrnehmung gelegen hatten.
"Die Bildschärfe ist erstaunlich, mein Freund", sagte er zu D.Chess. "Ich kann sogar die winzigen Nähte in Ihrem Gesicht erkennen, wo die Metallplatten zusammengefügt sind."
"In der Tat, der Mecha Oculus verfügt über eine außergewöhnliche Sehkraft", erwiderte D.Chess. "Zum Glück besitze ich als Android keine Empfindsamkeit über mein äußeres Erscheinungsbild. Die Optik sollte stets der Funktion folgen."
Cyrus musste schmunzeln. Er hatte fast vergessen, dass sein mechanischer Freund trotz aller menschlicher Züge letztlich eine rationale Maschine war.
In diesem Moment meldete sich Cyrus' Magen mit einem lauten Knurren. Die Ereignisse und die Narkose hatten ihn hungrig gemacht.
"Ich verspüre großen Appetit", sagte er zu D.Chess. "Lassen Sie uns zum Frühstück aufbrechen, mein Freund!"
"Eine exzellente Idee", erwiderte der Android. "Auch wenn ich selbst keine Nahrung benötige, ist es mir ein Vergnügen, Sie zu begleiten."
Cyrus lächelte dankbar. Gemeinsam mit seinem Freund an seiner Seite fühlte er sich bereit, diesen neuen Morgen und die Zukunft zu begrüßen.
Cyrus machte sich daran, sich anzukleiden. Er hatte beschlossen, dieses neue Leben sogleich zu begrüßen. Während er seine Weste zuknöpfte, blickte er zu D.Chess hinüber, der reglos am Fenster stand und hinaus auf die morgendliche Charing Cross Road starrte.
Über den Dächern Londons kündigte sich der Sonnenaufgang an, ein zartrosa Schimmer erhellte den Himmel. Die Stadt erwachte zum Leben, Kutschen und Fußgänger bevölkerten allmählich die Straßen. Für Cyrus fühlte sich dieser Morgen wie ein Neuanfang an.
"Es wird ein schöner Tag werden", sagte D.Chess, ohne den Blick vom Fenster zu wenden. "Die perfekte Gelegenheit, Ihren Mecha Oculus zu testen."
Cyrus nickte zustimmend und setzte seinen Hut auf. "Lassen Sie uns aufbrechen, mein Freund!"
Gemeinsam verließen Cyrus und D.Chess das Haus. Einen Moment lang blieb Cyrus stehen, den Blick in die Ferne gerichtet und atmete die frische Luft tief ein, voller Hunger nach Abenteuern und Entdeckungen. Dann wandte er sich um und ging mit entschlossenen Schritten voran. An seiner Seite schritt D.Chess dahin, stets bereit, ihn auf diesem Weg zu begleiten, wohin er auch führen mochte.
Der Vorhang für ihr nächstes Abenteuer hatte sich geöffnet.
Akt 1 – London
Kapitel 1 – Der rätselhafte Brief
Die Morgensonne fiel durch die Buntglasfenster von Cyrus' behaglicher Wohnung im 3.Stock in der Charing Cross Road 17B und tauchte den Salon in warmes Licht. Cyrus saß in seinem Sessel am Kamin und blätterte in der Morgenzeitung.
Seine Haushälterin Mrs. Hargreaves brachte einen Tee und frische Scones herein. "Guten Morgen Mr. Li, ich hoffe Sie haben gut geschlafen", sagte sie freundlich.
D.Chess erschien, um Cyrus einen guten Morgen zu wünschen. "Sir, der heutige Terminkalender weist keine dringenden Verpflichtungen auf", informierte der Android.
Cyrus seufzte. "Das befürchte ich auch, D.Chess. Ohne einen spannenden Fall droht uns ein überaus langweiliger Tag."
Schließlich erhob er sich und griff nach seinem Theremin, einem elektronischen Musikinstrument. Cyrus liebte es, darauf improvisierte Melodien zu spielen, wenn er nachdachte.
Seine Finger schwebten über den Antennen des Theremins und erzeugten schrille, mystische Klänge, die durch den Raum hallten. Plötzlich durchschnitt ein metallisches Klicken und feines Tickern die Ruhe. Cyrus hob neugierig den Kopf und blickte zum offenen Fenster hinüber.
Durch das Fenster segelte majestätisch eine mechanische Taube herein. Ihre Flügel schimmerten im Sonnenlicht golden, als bestünden sie aus filigran geschmiedetem Messing. Auf ihrem Rücken trug sie ein kleines Dampfventil, das rhythmisch zischend den Takt ihrer Flügelschläge vorgab.
Fasziniert beobachtete Cyrus, wie die Taube geschickt eine Kurve durch den Raum zog, einmal an der hohen Stuckdecke entlang strich und dann elegant auf seinem Schreibtisch landete.
In den Klauen hielt die Taube einen Briefumschlag mit einem Siegel, das ein Luftschiff zeigte.
Als die Taube landete, spürte Cyrus ein leichtes Vibrieren seines Mecha Oculus. Bilder und Daten blitzten vor seinem inneren Auge auf, als der Oculus die Taube scannte und analysierte.
"Messinglegierung von hoher Qualität, fein geschmiedete Zahnräder, Dampfbetrieb mit kinetischer Energierückgewinnung", blinkte es in Cyrus' Sichtfeld. Er blinzelte überrascht. Der Mecha Oculus schien die Taube bis ins kleinste Detail zu erfassen und technische Spezifikationen auszulesen.
"Faszinierend", murmelte Cyrus. Dies könnten die Vorzüge des Oculus in der Praxis sein. Mit diesem instrumentierten Auge würde ihm künftig wenig entgehen.
Vorsichtig nahm Cyrus der Taube den Brief ab und begann zu lesen. Je weiter er las, desto mehr runzelte sich seine Stirn. Nachdenklich lehnte er sich zurück.
"Ich frage mich, welcher Inhalt von solcher Wichtigkeit in diesem Brief vermittelt wird, dass er Sie derart nachdenklich stimmt", äußerte D.Chess mit ruhiger, aber interessierter Stimme.
Cyrus erklärte, dass der Brief von einer Kapitänin Ravenswood sei mit einer Einladung zu einer Expedition in die Antarktis.
"Sie erwähnten die Antarktis als Ziel dieser Expedition. Welches Phänomen in dieser Polarregion könnte Ihre Neugier derart stimulieren?", hakte D.Chess mit mechanischer Präzision nach.
Plötzlich ertönte eine mechanische Stimme: "Quittung!" Die Taube verlangte eine Empfangsbestätigung. Überrascht kritzelte Cyrus seine Initialen. Scheinbar zufrieden gab die Taube ein Schnarren von sich.
Anschließend entließ Cyrus die Taube mit einem Dank und blickte ihr nachdenklich hinterher, wie sie zum Fenster hinausflog. Dann wandte er sich wieder D.Chess zu.
"Das ist eine gute Frage", erwiderte Cyrus. "Ich habe schon viele Schlagzeilen über Ravenswood gelesen, aber nicht nur positive. Wir sollten vorsichtig vorgehen und mehr über sie herausfinden."
"Dann ist meine Empfehlung, wir recherchieren umgehend über diese Kapitänin Ravenswood. So können Sie eine faktenbasierte Entscheidung treffen, ob Sie das Angebot annehmen sollten.", riet D.Chess.
◆◆◆
Cyrus und D.Chess machten sich auf den Weg zur Zentralbibliothek, um mehr über die rätselhafte Kapitänin Ravenswood herauszufinden. In der verstaubten Zeitungsabteilung stapelten sich bald alte Ausgaben und Archivmappen auf ihrem Tisch.
D.Chess' mechanische Finger blätterten effizient Seite um Seite um. "Interessant", murmelte er. "Laut diesen Artikeln hat Ravenswood vor Jahren das Luftschiffrennen rund um den Ärmelkanal gewonnen. Allerdings mit knappem Vorsprung vor einem Konkurrenten."
Cyrus runzelte die Stirn. "Hier wird sie auch mit Schmuggel in Verbindung gebracht. Und dieser Bericht spricht von unlauterem Wettbewerb gegenüber kleineren Luftschiffbetreibern."
Die beiden setzten ihre akribische Suche noch eine ganze Weile fort, wälzten immer mehr vergilbte Zeitungsseiten und Aktenberichte durch.
D.Chess hielt inne. "Hier ist etwas Interessantes. In der Wirtschaftsausgabe von 1887 heißt es: 'Die junge Luftschiff-Kapitänin Isolde Ravenswood hat den Auftrag erhalten, wichtiges Equipment und Vorräte für die bevorstehende Expedition der renommierten Forscher Dr. Alistair und Dr. Tarkis in die Antarktis zu transportieren. Ihr kleines Luftschiffunternehmen expandiert damit erstmals in diesem lukrativen Bereich der Logistikunterstützung wissenschaftlicher Expeditionen.'"
"Allerdings liegt das schon vier Jahre zurück", analysierte der Android weiter. "Seitdem wird die Antarktis nicht mehr im Zusammenhang mit Ravenswood erwähnt. Ihr Aufstieg zur berühmten Luftschiffkapitänin begann danach."
◆◆◆
Nach einem langen Tag der Recherchen saß Cyrus erschöpft in seinem Sessel am Kamin. Draußen dämmerte es bereits und die untergehende Sonne warf lange Schatten über die Dächer Londons.
D.Chess sortierte noch die letzten Zeitungsausschnitte und Notizen. "Wir haben heute aufschlussreiche Informationen über Kapitänin Ravenswood zusammengetragen", sagte er. "Was gedenken Sie nun zu unternehmen?"
Cyrus seufzte und rieb sich die müden Augen. "Ich weiß es nicht, D.Chess. Etwas an diesem Auftrag scheint mir faul. Ravenswood ist notorisch unzuverlässig. Und ihre Verbindung zu Dr. Tarkis' Expedition wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet."
Er stand auf und blickte nachdenklich aus dem Fenster. "Ich fürchte, dieser Auftrag könnte uns in große Gefahr bringen. Vielleicht sollten wir Ravenswoods Angebot ausschlagen."
D.Chess nickte langsam. "Ich verstehe Ihre Bedenken, Sir. Und doch - Ihre Neugier ist geweckt. Wollen Sie dieses Rätsel nicht lösen?"
Cyrus blickte nachdenklich zum Fenster hinaus in die dämmrige Stadt. "Du hast Recht, mein Freund. Ich spüre, dass mehr hinter dieser Einladung steckt. Wir sollten der Sache auf den Grund gehen."
Er wandte sich vom Fenster ab und griff nach seinem Mantel. "Lass uns Dr. Tarkis aufsuchen. Vielleicht kann er Licht ins Dunkel bringen. Er war schließlich mit Alistair auf jener verhängnisvollen Expedition."
D.Chess erhob sich ebenfalls. "Eine logische Schlussfolgerung. Ich freue mich darauf, den Professor wiederzusehen."
Gemeinsam verließen sie Cyrus' Apartment und machten sich bei Einbruch der Nacht auf den Weg durch die nebligen Straßen Londons.
Kapitel 2 – Die gescheiterte Expedition
Das alte Herrenhaus von Dr. Tarkis lag am Stadtrand von London, umgeben von einem weitläufigen Park, dessen Bäume und Sträucher schon seit Jahren sich selbst überlassen waren. Efeu rankte sich an den Steinmauern des Herrenhauses empor und auch die Hecken und Beete im Garten wucherten wild durcheinander.
Als Cyrus und D.Chess sich dem Portal des Herrenhauses näherten, fiel ihnen die nun wieder gepflegte Parkanlage auf. Dr. Tarkis musste nach seiner Rückkehr einen Gärtner engagiert haben, denn die Vegetation war zurückgeschnitten, die Beete sauber gejätet und die Wege frei von Unkraut. Statuen mythologischer Gestalten säumten den Weg und wirkten im Licht der untergehenden Sonne beinahe lebendig.
Vor dem Herrenhaus selbst leuchtete ein warmer Schein aus den Fenstern und ließ die Konturen des Gebäudes in der Dämmerung hervortreten. Cyrus erkannte die filigranen Türmchen, die Spitzbogenfenster und die kunstvoll verzierten Balkone wieder, doch wirkte das Haus nun nicht mehr unheimlich, sondern einladend. Offenbar war Dr. Tarkis aus seinem jahrelangen Verschwinden zurückgekehrt.
Langsam stiegen Cyrus und D.Chess die breite Steintreppe zum Eingangsportal hinauf. Cyrus ergriff den ovalen Türklopfer, der in Form eines Drachenkopfes gestaltet war, und ließ ihn auf die schwere Eichentür fallen. Das Geräusch hallte im Inneren des Hauses wider und nur wenige Augenblicke später hörten sie Schritte auf dem Flur.
Die Tür wurde von Dr. Tarkis' Tochter Selene geöffnet. Sie lächelte freudig, als sie Cyrus und D.Chess erkannte. "Schön euch zu sehen! Kommt herein, mein Vater wartet schon im Speisezimmer."
Sie führte die beiden Besucher durch die Eingangshalle, vorbei an prächtigen Gemälden und Skulpturen, bis zu einer reich verzierten Flügeltür. Dahinter erstreckte sich ein geräumiges Speisezimmer, in dessen Kamin ein behagliches Feuer prasselte. Dr. Tarkis saß an einem gedeckten Tisch, auf dem mehrere dampfende Schüsseln und Platten standen.
Nachdem Cyrus und der Professor sich herzlich begrüßt hatten, nahmen alle am Kamin Platz. Cyrus erklärte den Grund ihres unerwarteten Besuchs:
"Professor, ich habe kürzlich eine rätselhafte Einladung von Kapitänin Ravenswood erhalten. Sie will mich für eine Expedition in die Antarktis anheuern. Ich weiß, Sie haben Ravenswood einst für Ihre eigene Expedition engagiert. Deshalb hoffe ich, Sie können mir mehr über sie und ihr Vorhaben verraten."
Er machte eine kurze Pause. "Ich will herausfinden, ob dieser Auftrag seriös ist, bevor ich mich darauf einlasse. Können Sie mir Rat geben?"
"In der Tat, ich kann Ihnen Einiges über die Expedition von Dr. Alistair und mir in die Antarktis berichten. Meine Informationen zu Luftschiff-Kapitänin Ravenswood sind dagegen nicht so umfangreich.", sagte er zu Cyrus. "Aber zunächst sollten wir das Abendessen einnehmen, das meine Tochter vorbereitet hat. Für eine lange Geschichte wie diese braucht man einen gefüllten Magen."
Er lächelte und wies auf die freien Plätze am Tisch. "Nach dem Essen ziehen wir uns mit einem Glas Portwein in die Bibliothek zurück. Dort werde ich Ihnen alles über unsere Expedition von 1887 erzählen und wie es dazu kam, dass Dr. Alistair Ravenswood engagierte."
Cyrus nickte. "Das klingt nach einem ausgezeichneten Plan, Professor."
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Er und D.Chess nahmen am Tisch Platz und genossen gemeinsam mit Dr. Tarkis und Selene das vorzügliche Mahl. In einer gemütlichen Runde aßen sie, während draußen der Wind ums Haus strich und gelegentlich an den Fenstern rüttelte.
Nach dem Essen erhob sich Dr. Tarkis. "So, nun folgt mir in die Bibliothek. Bei einem Glas Portwein werde ich Euch von den Ereignissen berichten, die Ravenswood und mich verbinden."
Sie gingen den Flur entlang in einen großen Raum, dessen Wände vollständig mit Bücherregalen bedeckt waren. Während sich alle in die breiten Sessel am Kamin setzten, schlug die alte Standuhr mit einem tiefen Klang Mitternacht.
Dr. Tarkis goss allen ein Glas Portwein ein. Dann räusperte er sich, strich sich nachdenklich über seinen Bart und begann mit seiner Erzählung...
"Unsere Expedition in die Antarktis im Jahr 1887 hatte zum Ziel, eine mythische Stadt der Großen Alten zu finden, von der wir in uralten Texten gelesen hatten. Die Möglichkeit, mehr über diese Zivilisation in Erfahrung zu bringen, elektrisierte Alistair und mich gleichermaßen.
Wir waren mit zwei Luftschiffen unterwegs. Einem großen Luftschiff, mit dem unsere gesamte Mannschaft und ein Großteil unserer Ausrüstung transportiert wurde. Darum kümmerte sich Dr. Alistair. Die Anwerbung von Kapitänin Ravenswood erfolgte auch durch ihn. Sie sollte wichtiges Material transportieren, das erst ankommen durfte, wenn unser Basislager fertig aufgebaut war. Was genau der Inhalt dieser Ladung war, behielt Alistair für sich.
Unsere Überfahrt war qualvoll. Stürme peitschten unser Luftschiff und Eisregen geißelte uns. Doch wir erreichten die Antarktis und errichteten unser Basislager am Fuße der Berge, in denen sich laut den Texten die Stadt befinden sollte. Wir warteten auf das Eintreffen von Kapitänin Ravenswood.
Uns umgab eine öde Weite, Eis und Schnee soweit das Auge reichte. Die Berge in der Ferne erschienen bedrohlich, ihre Gipfel in Wolken gehüllt.
Nachts heulten unheimliche Winde. Und in der zweiten oder dritten Nacht wurden wir angegriffen. Schattengestalten umzingelten unser Lager, fremdartige Laute erfüllten die Luft.
Chaos brach aus. Alistair rettete mich vor einem Angriff, wurde selbst aber verletzt. Ich sah eine dunkle Veränderung in ihm beginnen.
Beim nächsten Angriff verschleppten die Wesen mich, rissen mich aus unserer Welt. Was ich dort durchlitt, lässt sich nicht in Worte fassen.
Was damals danach im Basislager noch geschehen ist, weiß ich nicht. Auch ob Ravenswood noch eintraf, ist mir unbekannt."
Dr. Tarkis seufzte und trank einen Schluck Wein. Sein Blick wirkte abwesend, zurück in jener Zeit.
Cyrus beobachtete den Professor mitfühlend. Er konnte nur erahnen, welche Schrecken dieser Mann, der in mittlerweile sein Freund geworden war, durchlitten haben musste.
Schließlich sagte er: "Professor, ich danke Ihnen, dass Sie diese schmerzhaften Erinnerungen mit uns geteilt haben. Jetzt verstehe ich, warum Sie damals Ravenswood engagiert hatten und welche Tragödie sich in der Antarktis abgespielt hat."
Er machte eine Pause. "Angesichts dieser Geschehnisse halte ich es für unsere Pflicht, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen. Wir sollten Ravenswoods Angebot annehmen und in die Antarktis reisen."
D.Chess nickte zustimmend. "Die Fakten weisen darauf hin, dass in der Antarktis noch immer ein großes Geheimnis verborgen liegt. Wir sollten der Sache nachgehen."
Auch Selene sprach sich leidenschaftlich für eine Expedition aus. "Lasst uns gemeinsam in den Süden aufbrechen und Antworten finden - über das Schicksal meines Vaters und Alistairs Rolle in alledem."
Die Gruppe war entschlossen, die Geheimnisse der verhängnisvollen Expedition zu lüften und die Geschehnisse aufzuklären.
Es war an der Zeit, sich der Gefahr zu stellen und die Reise in den Süden anzutreten.
Kapitel 3 – Aufbruch ins Unbekannte
Am östlichen Rand des nächtlichen London breitete sich der gewaltige Luftschiffhafen aus, ein Ort voller Romantik und Abenteuerlust. Hinter den hohen Backsteinmauern erhoben sich riesige Hangars und Halle, in denen die Luftschiffe gewartet und repariert wurden. Über dem ganzen Areal lag der Geruch von Öl, Metall und Chemikalien. Dampf strömte aus den Schornsteinen der Generatorenhäuser, die die Startplätze und Hangars beleuchteten. In der Ferne konnte man die Silhouetten startbereiter Luftschiffe erkennen, die majestätisch an ihren Masten schaukelten.
Zu fast jeder Tages- und Nachtzeit fanden sich vor den Toren des Luftschiffhafens große Menschenmengen ein, angelockt von dem Spektakel der startenden und landenden Luftschiffe. Reisende, Flugbegeisterte und Schaulustige aller Art strömten herbei, um einen Blick auf die majestätischen Luftfahrzeuge zu erhaschen. Manche kamen in der Hoffnung, am Himmel ein besonders prachtvolles Exemplar der Luftschifffahrt zu erspähen, andere wollten geliebte Menschen beim Aufbruch in die Ferne winkend verabschieden oder nach langer Reise willkommen heißen. Immer herrschte dort vor den Toren ein Bild von geschäftigem Treiben, aufgeregten Erwartungen und dem Versprechen auf Abenteuer in den Lüften.
Dichte Nebelschwaden wallten über die Landeplätze und Liegeplätze, nur schwach durchdrungen vom fahlen Licht der Gaslaternen. Stimmengewirr und mechanisches Dröhnen erfüllten die Luft, als Cyrus Li, D.Chess und Selene Tarkis sich ihren Weg durch die Menschenmenge bahnten.
Cyrus zog seinen Mantel enger um sich, die Narbe seines verlorenen linken Auges war deutlich sichtbar. Doch nun trug er den Mecha Oculus, ein künstliches Auge, das ihm eine maschinelle Sehkraft verlieh. Neben ihm glänzten D.Chess' Messingverkleidungen im Schein der Laternen, während Selene in ihrer dunklen Robe beinahe zerbrechlich wirkte.
"Sie muss bald eintreffen", murmelte Cyrus und blickte zum nächtlichen Himmel empor, der von den Lichtern ankommender und abfahrender Luftschiffe durchzogen wurde.
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Die Menschenmenge vor den Toren des Luftschiffhafens wuchs zunehmend an, als sich das Dröhnen mächtiger Propeller näherte. Plötzlich durchschnitten grelle Scheinwerfer die Nebelbänke und enthüllten die Silhouette eines gewaltigen Luftschiffs. Staunen ging durch die Menge, als die Ikarus majestätisch über den Hafen glitt.
Ihre stromlinienförmige Außenhülle aus gehärtetem Stahl schimmerte im Licht, Messingornamente funkelten. An Bug und Heck konnte man die ausladenden Dampfturbinen erkennen, welche das Schiff antrieben. Während es sank, surrten die Seitenpropeller leise.
Am Liegeplatz warteten bereits Matrosen und dirigierten mit Leuchtfackeln. Die Ikarus näherte sich langsam, gegen den Wind ansteuernd. Taue wurden herabgelassen und an den Pollern befestigt. Dampf strömte zischend aus Ventilen, als das Schiff endgültig zum Stillstand kam.
Kleine Propeller-Bots schwirrten umher, überprüften die Instrumente. Cyrus Li konnte mechanische Mannschaftsmitglieder erkennen, die mit synchronen Bewegungen die Verankerung sicherten.
Fasziniert betrachtete er die Ikarus, dieses Wunderwerk der Technik. Ihre glatte Außenhülle, die komplexen Apparaturen, die geheimnisvoll blinkenden Lichter - alles vermittelte den Eindruck von ungeahnter Innovation.
Selene stieß einen leisen Seufzer aus. "Sie ist wirklich majestätisch, nicht wahr?"
D.Chess nickte knapp. "Die Ikarus ist zweifellos ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Ich erspähe zahlreiche bahnbrechende Innovationen."
"In der Tat", sagte Cyrus nachdenklich. "Diese Reise könnte weit mehr als ein Abenteuer werden. Ich spüre, dass Kapitänin Ravenswood Großes vorhat."
"Was meinst du damit?", fragte Selene nervös.
Cyrus deutete auf die mechanischen Mannschaftsmitglieder. "Solch eine Technologie habe ich noch nie gesehen. Sie muss einen bestimmten Zweck erfüllen."
"Meine Analyse legt nahe, dass die Ikarus für Expeditionen in gefährliche Regionen konstruiert wurde", sagte D.Chess. "Möglicherweise ist das unsere Bestimmung."
Plötzlich ging ein aufgeregtes Raunen durch die Menge. Alle Blicke richteten sich nach oben. Dort, auf dem Oberdeck der Ikarus, war eine einsame Gestalt erschienen. Cyrus erkannte sofort die markanten Züge von Kapitänin Isolde Ravenswood.
Sie trug einen langen, dunklen Mantel, der im Wind flatterte. Ihr rabenschwarzer Zopf wehte wild um ihr blasses Gesicht. Mit zusammengekniffenen Augen blickte sie auf die wartende Menschenmenge hinab. In ihren smaragdgrünen Augen konnte Cyrus einen Ausdruck von Stolz und Herausforderung erkennen.
"Da ist sie", sagte Selene mit zusammengekniffenen Augen. "Die geheimnisvolle Kapitänin Ravenswood. Was mag sie wohl im Schilde führen?"
Cyrus beobachtete Isolde nachdenklich. "Sie scheint sehr von ihrem Schiff überzeugt zu sein. Und von dieser Expedition."
"Nun, ich werde mich nicht so leicht beeindrucken lassen", erwiderte Selene selbstbewusst. "Erst muss sie mir beweisen, dass sie dieser Aufgabe gewachsen ist."
Isolde hob eine Hand und gebot mit einer energischen Geste Ruhe. Die Gespräche verstummten augenblicklich.
"Meine werten Zuschauer!", rief Isolde. "Die Ikarus steht kurz davor, Geschichte zu schreiben! Seid Zeugen, wie wir in ein neues Zeitalter aufbrechen!"
Jubel brach in der Menge aus. Selene schnaubte leise. "Geschichte schreiben? Das klingt etwas großspurig, meinen Sie nicht auch, Cyrus?"
Cyrus zuckte mit den Schultern. "Große Worte. Hoffen wir, dass auch große Taten folgen."
Cyrus spürte Selenes Skepsis - aber auch ihren Mut. Gemeinsam mit D.Chess betraten sie den Steg zum Luftschiff - ihrem Weg in ein düsteres Abenteuer entgegen.
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Der Einstieg in die prunkvolle Gondel der Ikarus lag direkt vor ihnen. Messingverzierte Geländer und kleine Propellerbots säumten ihren Weg. Drinnen konnte Cyrus schon die Konturen einer imposanten Lounge erkennen. Doch plötzlich versperrte ihnen eine hochgewachsene Gestalt den Weg.
Es war ein breitschultriger Mann in der dunkelblauen Uniform eines Ersten Offiziers. Sein Gesicht war wettergegerbt und von tiefen Falten durchzogen. "Moment!", bellte er und musterte Cyrus' Gruppe misstrauisch. "Wer seid ihr und was wollt ihr hier?"
Cyrus straffte die Schultern und erwiderte den Blick selbstbewusst. "Mein Name ist Cyrus Li, dies sind meine Begleiter D.Chess und Selene Tarkis. Kapitänin Ravenswood hat uns persönlich als Passagiere dieser Expedition eingeladen."
Der Erste Offizier runzelte die Stirn. "Davon weiß ich nichts. Die Kapitänin hat keine weiteren Gäste angekündigt."
Cyrus tauschte einen beunruhigten Blick mit Selene. Würden sie es überhaupt an Bord schaffen? Da ertönte hinter dem Offizier eine klare, durchdringende Stimme: "Warten Sie, Mr. Barton. Ich kläre das."
Mit federnden Schritten kam Isolde Ravenswood näher, ihr langer Mantel bauschte sich im Wind. Ihre smaragdgrünen Augen musterten Cyrus und seine Begleiter neugierig.
"Captain Ravenswood", sagte der Erste Offizier überrascht und salutierte. "Ich wusste nicht, dass Sie weitere Gäste erwarten."
"Es war eine spontane Entscheidung, Mr. Barton", erwiderte Isolde kühl.
"Allerdings habe ich auch nur Mr. Li eingeladen uns auf dieser Expedition begleiten."
Barton nickte knapp. "Wie Sie wünschen, Ma'am." Er trat beiseite und zog sich zurück.
Isolde fixierte Cyrus mit blitzenden Augen. "Sie waren der Einzige, der eine Einladung erhalten hat, Mr. Li. Ihre Begleiter sind nicht willkommen."
Bevor Cyrus antworten konnte, trat D.Chess vor. "Verzeihen Sie, Kapitän", sagte er ruhig. "Aber ohne meine Fähigkeiten sind Mr. Li's Erfolgschancen auf dieser Mission statistisch um 37,2% reduziert."
Isolde zog eine Augenbraue hoch. "Das bezweifle ich, Automat."
D.Chess neigte den Kopf. "Erlauben Sie eine Demonstration meiner Fertigkeiten?" Ohne eine Antwort abzuwarten, begann er in schneller Folge komplexe mathematische Gleichungen aufzusagen und navigierende Berechnungen durchzuführen.
Isolde hörte mit undefinierbarer Miene zu. Schließlich hob sie eine Hand. "Genug. Vielleicht können Sie tatsächlich nützlich sein." Sie wandte sich an Selene. "Und was ist mit Ihnen, junge Dame?"
Selene erwiderte ihren Blick ohne zu Zögern. "Meine wissenschaftliche Expertise wird unverzichtbar sein, wenn wir die Rätsel der Antarktis lösen wollen." Sie deutete auf das Luftschiff. "Zudem habe ich Cyrus mein Wort gegeben."
Die beiden Frauen maßen sich einen Moment schweigend. Dann nickte Isolde knapp. "Wir werden sehen. Steigen Sie ein."
Sie drehte sich um und ging mit wehendem Mantel voraus zur Kabine. Cyrus atmete innerlich auf. Der erste Konflikt war überstanden. Langsam folgten sie Isolde durch den Eingang in die prunkvolle Gondel der Ikarus.
Staunend blickte sich Cyrus um. Die Wände waren mit Holz vertäfelt und von Messingapplikationen verziert. In der Mitte befand sich eine Lounge mit Chesterfield-Sofas und globenförmigen Leselampen. Eine Glaskuppel erlaubte den Blick zum nachtschwarzen Himmel hinaus.
Selene betrachtete ehrfürchtig die Apparaturen und Messinstrumente in der Lounge. "Diese Technik und Mechanik sind von höchster Qualität", sagte sie anerkennend. "Die Ingenieure müssen wahre Virtuosen ihres Fachs sein. Ich habe selten ein Luftschiff von solch futuristischer Finesse erblickt."
Sie strich andächtig über eine Messingverkleidung und seufzte leise. "In der Tat eine Meisterleistung der modernen Wissenschaft. Die Konstruktion dieser Apparaturen ist ausgesprochen kunstvoll."
D.Chess nickte anerkennend. "Die Mechanik entspricht dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Sehr effizient."
Cyrus lächelte. "Ich denke, wir werden es einige Zeit hier aushalten. Wenn Kapitänin Ravenswood uns lässt."
Diese warf ihnen von der Treppe zur Kommandobrücke einen undeutbaren Blick zu. Dann verschwand sie nach oben.
Cyrus seufzte leise. Das Abenteuer hatte begonnen, aber die Spannungen waren deutlich spürbar. Nun galt es, das Rätsel um Isolde Ravenswood zu lösen.
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Ein Mechanoid mit blank poliertem Messingkörper geleitete Cyrus, Selene und D.Chess durch einen schmalen Gang zu ihren Kabinen. Als Cyrus seine zugeteilte Kabine betrat, fand er sich in einer kleinen, aber elegant eingerichteten Räumlichkeit wieder. Holzvertäfelungen, ein kleines Bullauge und eine geräumige Schlafkoje im viktorianischen Stil dominierten den Raum.
Cyrus sah sich zunächst um. Seine wenigen Habseligkeiten waren bereits von Crewmitgliedern hereingebracht worden. Nachdenklich begann er nun, sein Gepäck weiter auszupacken und die Kabine gemütlicher einzurichten.
Neben einfacher Kleidung und einigen Büchern befand sich darunter auch sein portables Theremin. Cyrus schaltete das Instrument ein und ließ seine Finger über die Antennen gleiten. Sofort erfüllten sanfte, melancholische Klänge den Raum. Er schloss die Augen und ließ sich von den Tönen treiben, tauchte ein in Erinnerungen.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Kapitänin Ravenswood stand im Rahmen. Beim Klang der Musik huschte ein wehmütiger Ausdruck über ihr Gesicht. Doch als Cyrus das Spiel unterbrach und sie ansah, wurden ihre Züge wieder kühl und distanziert.
"Sie träumen wohl von fernen Zeiten, Mr. Li?", sagte sie scharf. "Wir haben eine Expedition zu leiten, keine Zeit für Sentimentalitäten."
Cyrus erwiderte ihren Blick ruhig. "Die Vergangenheit ist unser Kompass, der uns den richtigen Kurs weist, Kapitänin."
Isolde seufzte ungeduldig. "Kommen Sie mit Ihren Begleitern in die Lounge", blaffte sie. "Dort findet gleich die Vorstellungsrunde statt."
Damit rauschte sie hinaus, ihr Mantel bauschte sich hinter ihr auf.
Cyrus sah ihr nachdenklich nach. Was verbarg sich hinter ihrer Fassade?
"Ich habe Kapitän Ravenswoods Verhalten analysiert", erklang plötzlich D.Chess' mechanische Stimme. Der Android war unbemerkt eingetreten. "Ihre emotionalen Reaktionen weisen eine volatile Signatur auf. Sie oszilliert zwischen Wärme und Distanz."
Cyrus nickte langsam. "In der Tat, sie ist schwer einzuschätzen. Mal kalt, mal emotional."
"Meine Hypothese lautet, dass interne Konflikte ihre emotionale Matrix destabilisieren", sagte D.Chess. "Weitere Beobachtung ist erforderlich."
"Du hast Recht, mein Freund", erwiderte Cyrus nachdenklich. "Gehen wir zur Lounge, vielleicht finden wir dort weitere Hinweise."
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In der elegant ausgestatteten Lounge der Ikarus hatten sich bereits die anderen Passagiere und Crewmitglieder versammelt. Gepolsterte Chesterfield-Sofas und Lesesessel standen um niedrige Tische, an denen Gläser mit Sherry bereitstanden. Eine Kellnerautomat rollte lautlos umher und bot Häppchen an.
Cyrus, D.Chess und Selene gesellten sich zur Runde. Kapitänin Ravenswood erhob sich mit energischem Blick. Sie trug einen dunkelgrünen Gehrock mit Messingknöpfen.
"Meine werten Damen und Herren", begann sie. "Willkommen an Bord der Ikarus. Lassen Sie mich Ihnen die wichtigsten Mitglieder meiner Mannschaft vorstellen."
Sie stellte nacheinander den ersten Offizier Barton, den Navigator Mr. Higgs, die Ärztin Dr. Scott und weitere vor. Cyrus lauschte aufmerksam und prägte sich die Anwesenden ein.
Danach bot sich die Gelegenheit, sich untereinander bekannt zu machen. Cyrus sprach kurz mit dem Maschinisten über die Technik des Schiffes. Selene unterhielt sich angeregt mit der Ärztin über medizinische Ausrüstung.
Dann wandte er sich an Mr. Harlow, einen nervös wirkenden Herrn mit Spitzbart. "Womit beschäftigen Sie sich hauptsächlich auf diesem Schiff, Mr. Harlow?", erkundigte sich Cyrus. "Äh... ich bin für die k-kartographischen Aufgaben zuständig", stotterte Harlow.
Nach einem gemeinsamen Drink löste sich die Runde langsam auf. Cyrus blickte Kapitänin Ravenswood nachdenklich hinterher. Sie hatte sich wieder distanziert gegeben, völlig anders als im Gespräch in seiner Kabine.
"Der emotionale Zustand der Kapitänin bleibt oscillierend", bemerkte D.Chess. "Weitere Daten sind nötig."
Cyrus nickte. "Bleiben wir wachsam, meine Freunde", sagte er leise. "Ich spüre, dass wir noch eine Überraschung erleben werden."
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Die Ikarus hatte gerade an Höhe gewonnen, als der Erste Offizier Barton plötzlich meldete: "Kapitän, das Luftschiff „Sturmvogel“ achteraus voraus!"
Ravenswood lachte amüsiert. "Na, wenn das nicht der alte Sterling ist! Geben wir ihm ein kleines Rennen!"
Sie gab komplizierte Kommandos, woraufhin die Ikarus in ein waghalsiges Manöver ging. Mit Volldampf beschleunigte sie und schnitt dem Luftschiff des Lord Sterling den Weg ab.
Beim haarscharfen Vorbeiflug sah Cyrus die zornigen Gesten der Mannschaft des anderen Luftschiffs, die alle Hände voll damit zu tun hatte, ihr Fahrzeug unter Kontrolle zu halten.
Danach hatte die Ikarus den „Sturmvogel“ überholt und war majestätisch an ihm vorbeigezogen. Ravenswood lachte triumphierend.
Der andere Kapitän schien außer sich vor Wut, während seine Mannschaft versuchte, das Schiff wieder zu stabilisieren. Die Ikarus setzte unterdessen unbeirrt ihren Kurs fort.
Ravenswoods Reaktion war ein einziges, spöttisches Grinsen."Lord Sterling hat einst mit seinem 'Silbernen Baron' versucht, mir ein Rennen abzujagen. Doch jetzt ist das bestenfalls noch der 'Blecherne Baron', kein Gegner für meine Ikarus!"
Nach dem haarscharfen Manöver neben dem Lord Sterlings Luftschiff
wandte sich Cyrus besorgt an Kapitänin Ravenswood:
"Kapitän, dieses waghalsige Vorgehen war äußerst gefährlich. Wir hätten alle in den Abgrund stürzen können!"
Doch Ravenswood lachte nur. "Ach, Sterling wollte doch schon immer mal ein Rennen gegen mich fliegen. Erinnert mich an unser Match vor Jahren, als ich noch die Sternenkrone steuerte." In ihren Augen blitzte es auf.
Cyrus runzelte die Stirn. "Mag sein, aber müssen Sie deswegen die Sicherheit aller riskieren? Lord Sterling hätte die Kontrolle verlieren können."
"Ha!", machte Ravenswood abfällig. "Sterling war schon immer ein draufgängerischer Hitzkopf. Hätte er mehr Fingerspitzengefühl besessen, wäre ihm der Silberne Baron nicht abhandengekommen." Sie wandte sich ab. "Genug Träumereien, wir haben einen Kurs zu halten!"
Cyrus seufzte frustriert. Es war unmöglich, zu dieser Frau durchzudringen. Dennoch würde er wachsam bleiben müssen. Wer wusste schon, zu welchen Tollkühnheiten sie noch fähig war?
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Das Abendessen in der prunkvollen Lounge der Ikarus neigte sich dem Ende zu. In den polierten Messingschalen flackerten die letzten Öllampen und warfen tanzende Schatten über die in Samt und Seide gekleideten Passagiere. Cyrus lehnte sich in seinem Sessel zurück und dachte an die Ereignisse des Tages nach.
"Das riskante Manöver gegen Lord Sterlings Sturmvogel hätte uns heute beinahe das Leben gekostet", murmelte er sorgenvoll. "Kapitänin Ravenswood spielt ein gefährliches Spiel."
Selene, die gedankenversunken ihr Glas Rotwein betrachtete, runzelte nachdenklich die Stirn. "Sie erwähnte ein Wettrennen, das sie einst gegen Sterling bestritt. Vielleicht will sie vergangene Niederlagen wiedergutmachen?"
D.Chess' mechanische Augen begannen zu surrend zu leuchten, während er in seiner Datenbank nach Informationen suchte. "Aus meinen Aufzeichnungen: Vor Jahren verlor Ravenswood in einem riskanten Duell gegen Lord Sterling ihr damaliges Luftschiff, die legendäre Sternenkrone."
"1887, das Jahr, in dem sie die Sternenkrone in ihren Besitz brachte", murmelte Cyrus nachdenklich vor sich hin. "Damals hatte sie nur das altmodische Schiff ihres Vaters, die Storm Raven, als sie Ausrüstung für Dr. Alistair Tarkis' Expedition in die Antarktis transportierte."
D.Chess nickte bestätigend. "Korrekt, laut Bericht von Dr. Tarkis benutzte Ravenswood seinerzeit die bescheidene Storm Raven für die verhängnisvolle Expedition."
Selene wirkte verwirrt. "Wie konnte Ravenswood diesen Aufstieg finanzieren? Vom unscheinbaren Schiff des Vaters zur glorreichen Sternenkrone und dann sogar zur High-Tech-Ikarus?"
Cyrus ließ seinen Blick grübelnd durch die protzige Lounge schweifen. "Hier liegt ein dunkles Geheimnis verborgen. Es ist, als wäre Ravenswood gleich zwei Mal vom hässlichen Entlein zum majestätischen Schwan mutiert."
D.Chess' Linsen fokussierten sich, und seine Stimme erhielt einen angespannten Unterton. "Meine Analysen legen nahe, dass nach Ravenswoods Rückkehr aus der Antarktis ein entscheidender Wandel mit ihr vor sich gegangen sein muss. Es ist, als wäre sie eine völlig andere Person geworden."
Selene beugte sich nach vorn, ein Fünkchen Neugier und Sorge in ihren Augen flackernd. "Wie konnte sie nach der gescheiterten Expedition mit diesem fortschrittlichen Luftschiff zurückkehren? Es ist, als hätte sie in der Antarktis etwas Unerwartetes gefunden... oder jemanden."
Cyrus' Blick wurde immer intensiver, während er gedankenverloren in die Ferne starrte. "Das wahre Rätsel ist, welches Ereignis sich in der Antarktis zugetragen hat. Wie gelang dieser armen Luftschiffertochter nach dem Scheitern plötzlich die Rückkehr in einem technologischen Wunder der Lüfte?"
D.Chess' Augenlichter blinkten auf und seine Stimme wurde eindringlich. " Eine bescheidene Anmerkung meinerseits: All dies sind historische Fakten über Kapitänin Ravenswood. Aber die viel interessantere Frage für die Gegenwart lautet..."
Seine Augen begannen eindringlich zu leuchten. "Was plant Ravenswood bei ihrer Rückkehr in die Antarktis? Welches Ziel verfolgt sie diesmal mit dieser Expedition in die eisigen Weiten?"
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In der kargen Kapitänkabine stand Isolde Ravenswood am Bullauge, ihr blasses Gesicht vom fahlen Mondlicht beschienen, der Blick abwesend ins Leere gerichtet. Langsam ging sie zu einer versteckten Schublade und öffnete sie mit einer Kombination aus Messingzahnrädern.
Vorsichtig holte sie einen bronzebeschlagenen Kompass heraus. Im Inneren wirbelte ein hypnotischer Nebelschleier umher. Für einen Moment hielt Isolde den Kompass mit ausgestreckten Händen vor sich und schien in eine Vision versunken.
Dann blinzelte sie, und ein kalter, entschlossener Ausdruck trat in ihre Augen. Behutsam verstaute sie den Kompass wieder und verriegelte das Versteck.
Kapitel 4 – Das geheimnisvolle Luftschiff
Das Luftschiff, die Ikarus, hatte seine Reise in der pulsierenden Metropole London begonnen, von wo aus es majestätisch in den Himmel aufstieg und in Richtung des unerforschten Südens steuerte. An Bord waren neben der Besatzung der Ikarus, Cyrus, Selene und D.Chess, auch andere Passagiere, die in den unterschiedlichsten Winkeln der Welt entlang der Route abgesetzt werden sollten.
Das Schiff glitt elegant durch die Lüfte, der Himmel darüber unendlich und klar. Die Reise verlief problemlos, jeder Tag war ein Tanz von Licht und Schatten, ein Spiel von Wolken und Sonne. Kapstadt, die letzte Station vor dem großen unbekannten Süden, erreichten sie nach einer sanften und unbeschwerten Fahrt. Hier wurden die letzten Passagiere abgesetzt, und frischer Proviant wurde an Bord genommen. Mit gefüllten Vorräten und erneuter Zuversicht brach die Ikarus auf, den südlichen Kontinent zu erreichen.
Die Tage verstrichen, der Himmel wurde grauer, die Luft kälter. Doch die Reise verlief anfangs weiterhin ohne Zwischenfälle. Dann, eine oder zwei Nächte bevor die eisige Küste der Antarktis in Sicht kommen sollte, geschah das Unvorhersehbare.
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In der warmen Umarmung des Speisesaals der Ikarus schwebten Gesprächsfetzen durch die Luft, vermengten sich mit dem Aroma von gebratenem Wild und frischen Kräutern. Die prunkvollen Chesterfield-Sofas luden zu einem entspannten Verweilen ein, während über den Tischen globenförmige Lampen ein weiches Licht auf das Ensemble aus Tafelnden warfen. Cyrus, in einem Sessel mit Blick auf das satt glänzende Holz der Wandvertäfelung sitzend, ließ den Blick schweifen.
"Ein wahrhaft köstliches Mahl, das hier vor uns ausgebreitet ist", bemerkte er und hob sein Weinglas in einer anerkennenden Geste. "Es spiegelt die Raffinesse wider, die diese Reise zu versprechen scheint."
Die Kapitänin, eine Silhouette gegen das gedämpfte Licht der untergehenden Sonne durch die Glaskuppel, lächelte breit und nickte. "Ich hoffe, es ist euren Gaumen genehm." Ihre Stimme hatte einen Klang wie dunkler Samt, der die Entspannung nur vertiefte.
Selene gegenüber saß D.Chess, dessen optische Sensoren im sanften Schein des Lichts glitzerten. "Das Zusammenspiel der Aromen und Texturen scheint in der Tat von hoher Qualität zu sein", kommentierte er. "Obwohl ich es nicht schmecken kann, erkenne ich den Wert dieses Festmahls an."
Cyrus lehnte sich zurück, seine Hand spielte mit dem Stiel des Weinglases. "D.Chess, immer so pragmatisch", sagte er und lachte. Sein Mecha Oculus fing das Licht der Lampen ein, die funkelnden Messingverzierungen reflektierten in goldenen und kupfernen Tönen.
Plötzlich wurde die Aufmerksamkeit aller durch ein tiefes, resonierendes Brummen eingefangen. Cyrus wandte seinen Blick zur Glaskuppel hinauf, wo sich das sanfte Blau des Abendhimmels in einen tieferen, fast violetten Farbton verwandelte. Die Ikarus stieg höher in den Himmel auf und Cyrus konnte den Atem der Welt um sich herum spüren, als ob das Luftschiff selbst ein lebendiges Wesen wäre.
Die Stunden vergingen wie Minuten, die Minuten wie Sekunden. Das Gespräch floss wie ein ruhiger Fluss, jeder lauschte den Geschichten der anderen, lachte und stellte Fragen. Es war eine Atmosphäre der Gemeinschaft und des Abenteuers, die Cyrus tief im Inneren berührte.
Während sie aßen, spielte eine mechanische Band auf einer kleinen Bühne am Ende des Raumes leise Musik. Die Melodien waren fremd und doch vertraut, sie erinnerten an alte Lieder aus einer vergangenen Zeit. Cyrus fühlte eine seltsame Sehnsucht in sich aufsteigen. Es war, als ob die Musik etwas in ihm berührte, das tief verborgen lag. Ein Geheimnis, das noch darauf wartete, entdeckt zu werden.
Als die Nacht hereinbrach und der Speisesaal nur noch vom sanften Schein der Lampen beleuchtet wurde, blickte Cyrus auf die dunkle Silhouette von Kapitänin Ravenswood. Ihre Haltung war stolz und selbstbewusst, doch in ihren Augen sah er einen Hauch von Unsicherheit.
"Wir sind auf dem Weg zu einem unbekannten Ziel", sagte er leise zu D.Chess. "Und ich frage mich, was uns dort erwartet." Der Androide sah ihn an, sein azurblauer Blick unergründlich. "Es ist logisch anzunehmen", antwortete er schließlich, "dass das Ziel unserer Reise Geheimnisse birgt, die noch keiner von uns kennt."
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Cyrus Blick wanderte aus dem Fenster, die Kühle des Glases war ein willkommener Kontrast zu der Wärme des Speisesaals. Die Weite des Himmels erstreckte sich vor ihm, ein Meer aus dunkelblauem Samt, das von den Sternen gesprenkelt wurde. Er betrachtete die Wolkenformationen, die vorbeizogen, wie gemalt von einem Künstler, der sich nicht zwischen Sturm und Stille entscheiden konnte.
Plötzlich bemerkte Cyrus eine Veränderung in der Atmosphäre. Ein dichter Nebel kroch heran, so leise und heimtückisch wie ein Dieb in der Nacht. Innerhalb von Momenten hüllte er die Ikarus ein und löschte die Sterne aus dem Blickfeld. Das Luftschiff schien plötzlich in einem Nichts aus weißer Stille zu schweben.
"Interessant", murmelte Cyrus, seine Neugier geweckt. Er rückte näher ans Fenster und beobachtete, wie der Nebel sich verdichtete und das Glas mit feuchten Tröpfchen bedeckte. Es war, als ob sie in eine andere Welt eintauchten, eine Welt ohne Horizont.
Er spürte den Impuls aufzustehen und den anderen Bescheid zu geben, doch dann hielt er inne. Dies war seine Entdeckung; er wollte sie noch einen Moment für sich behalten. Der Mecha Oculus summte leise, als er in den Analysemodus wechselte und die Zusammensetzung des Nebels scannte.
"Luftfeuchtigkeit steigt rapide an", flüsterte Cyrus vor sich hin. "Sichtweite reduziert auf wenige Meter." Sein künstliches Auge vermittelte ihm Daten, die sein natürliches Auge niemals hätte erfassen können.
Der Nebel hatte etwas Beruhigendes an sich und gleichzeitig etwas Bedrohliches. Cyrus wusste, dass solche plötzlichen Wetteränderungen in dieser Höhe nichts Ungewöhnliches waren, aber sie konnten gefährlich sein. Die Ikarus war zweifellos mit der modernsten Technologie ausgestattet, um mit solchen Situationen umzugehen – aber die Natur konnte launisch und unberechenbar sein. Die Erinnerung an die Worte von Kapitänin Ravenswood kam ihm in den Sinn. "Die Ikarus ist mehr als nur ein Luftschiff. Sie ist ein lebendes Wesen." Cyrus konnte nun erahnen, was sie damit gemeint hatte. Es war nicht nur die Technik, die das Schiff am Laufen hielt, es war auch die Anpassungsfähigkeit und Ausdauer seiner Besatzung – sowohl menschlich als auch mechanisch.
Cyrus stand auf und ging zur Tür. Er wollte den anderen Bescheid geben, wollte sicherstellen, dass alle auf die kommenden Herausforderungen vorbereitet waren.
Doch bevor er den Raum verlassen konnte, hörte er ein Geräusch. Ein leises Summen, fast unmerklich. Er blieb stehen und lauschte. Es kam aus der Richtung seines Theremins, das er in einer Ecke des Raumes abgestellt hatte. Seine Augen weiteten sich in Erstaunen. Das Instrument war nicht berührt worden, aber es erzeugte Töne. Ätherische Melodien, die durch den Raum schwebten und sich mit dem Nebel vermischten. Cyrus ging langsam auf das Theremin zu und streckte seine Hand aus. Die Melodien wurden intensiver, als ob das Instrument auf seine Nähe reagierte. Cyrus' Herz schlug schneller. Wie war das Musikinstrument aktiviert worden; es war ein weiteres Rätsel, das darauf wartete, gelöst zu werden.