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Die Fiktionen, die in diesem Kurzgeschichten-Band zusammengefasst wurden, stammen von einem Autor, der von sich selbst behauptet, zu gleichen Teilen Sarkastiker, Optimist, Moralist und Misanthrop zu sein. Ähnlich widersprüchlich reihen sich die … Storys aneinander. Bestimmt wird mancher Leser erstaunt sein, was ihm hier unter dem Label »Science-Fiction« präsentiert wird. Doch wenn man weiß, dass der Autor der festen Überzeugung ist, dass wir alle in einer schrägen Simulation leben, kreiert von einem zutiefst zynischen Wesen, gewinnen die Geschichten durchaus wieder an Glaubwürdigkeit.
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Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2025
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AndroSF 196
Paul Sanker
DER FLUCHTALGORITHMUS
und andere SF-Storys
AndroSF 196
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: September 2025
p.machinery Michael Haitel
Die Urheberrechtsinhaber behalten sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.
Titelbild: Peggy & Marco Lachmann-Anke: Refugees (Pixabay)
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 476 2
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 681 0
Ten
»Liebst du mich, Jan?« Die Klimaanlage machte ein leises, klackerndes Geräusch. Ich muss morgen früh unbedingt die defekte Relaisschaltung austauschen, dachte er. Zärtlich streichelte Rachel seinen Bauch, während sie ihren Kopf an seine Schulter schmiegte. Er schwieg und starrte von ihrem Bett aus durch das Bullaugen-Fenster aus ultraverdichtetem Silicium-Glas hinaus auf die weite Ebene des Südpol-Aitken-Beckens. Bald würden sie gemeinsam den Erduntergang beobachten können. Die Erde: Jan kannte sie nur von den Erzählungen der Alten. Wie es wohl dort war? Eine Welt mit einer Sauerstoffatmosphäre, mit riesigen Ozeanen und unendlich weiten Wäldern. War es tatsächlich so, wie es Hieronymo sie als Kinder gelehrt hatte? Er konnte es kaum glauben. Pflanzen kannte er nur aus dem kleinen Gewächshaus in Sektor C von Berlin. Und dort gediehen bislang nur einige Gemüsesorten und ein paar Obstgehölze, um etwas vitaminhaltige Frischnahrung neben ihrer eintönigen Kost ernten zu können. Die Kolonisten ernährten sich vor allem von Algen und Eiweißfladen, die ebenfalls durch genmutierte Bakterien produziert wurden.
»Jan?« Rachel hauchte ihm ihre Worte zärtlich ins Ohr. »Kannst du ihn spüren?« Sie legte seine Hand sachte auf ihren Bauch. Er spürte die kräftigen Bewegungen seines Sohnes. Ein Kloß steckte plötzlich in seinem Hals und tiefe Traurigkeit befiel ihn. Dann küsste er Rachel auf die Stirn und hielt sie fest in seinen Armen.
Nine
Historisches Archiv des soziokulturellen Instituts, Vereinte Netzwerke Europas, Katalog 2213, Datei 117CF9b. Thema: Persönlicher Blog. Autor: Anonymus 2265. Im Jahre 854 nach Henrik.
Die Gentechnologie ließ sich nicht aufhalten. Weder durch Wirtschaftskrisen und schon gar nicht durch moralische Bedenken. Wer sollte in diesen Zeiten überhaupt derartige Einwände vorbringen? Welche Instanz?
Die Kirche hatte genug mit sich selbst zu tun. Missbrauchsskandale weltweit wurden fast täglich durch den Sensations- und Skandaljournalismus vom Grunde des stinkenden Pfuhls des Schweigens an die Oberfläche gespült. Zuletzt wurde mit anklagendem Finger auf den Stellvertreter Petri auf Erden gezeigt, der in seiner Zeit im Priesterseminar ebenfalls nicht die Finger von sündigem Knabenfleisch lassen konnte. Mea culpa.
Es folgte der erste Rücktritt eines Papstes in der Kirchengeschichte. Millionen Gläubige verloren Halt und Orientierung und drifteten ab in persönliche Parallelwelten. Die einen wurden Workaholics, andere Esoteriker. Viele blieben konsequent und brachten sich um. Doch die meisten taten das, was sie immer taten. Sie blendeten die Wirklichkeit aus und gingen zur Tagesordnung über.
Immer höher und weiter, immer besser und schöner hieß die Devise. Versagen, Mittelmaß und Altern wurden nicht mehr akzeptiert. Facelifting, Botox und Liposuktion fanden ihren Weg aus der High Society zum normalen Durchschnittsbürger. Die Wissenschaft machte schier unglaubliche Fortschritte.
Aus pluripotenten Stammzellen ließen sich im Labor Organe wie Nieren, Herz und Lunge züchten und konnten ihrem Besitzer in einer zunehmend risikoarmen Operation implantiert werden. Dies gelang bald auch mit Gliedmaßen und Nervengewebe. Krebs und Alzheimer stellten die Dauer der Lebenserwartung bald nicht mehr infrage. Die Menschen wurden immer älter und wirkten äußerlich immer jünger. Das Durchschnittsalter lag bei hundertvierzig Jahren, in Einzelfällen konnten aber auch hundertachtzig Jahre erreicht werden.
Es versteht sich von selbst, dass von diesen kostspieligen Segnungen der Wissenschaft nur die reichen Industrienationen profitierten. An den armen Ländern ging der medizinische Fortschritt vorbei. Immerhin gelang es der Gentechnik, in unbegrenztem Ausmaß eiweißreiche Bakterienkulturen und Algen zu züchten, die den Hunger in der Welt hätten beseitigen können.
Hätten …, können … wäre da nicht die wachsende Überbevölkerung gewesen.
Paradoxerweise bestand das Bevölkerungsproblem dank der zunehmenden Langlebigkeit bei den Reichen und Schönen. Und die brauchten nun immer mehr Platz. So entstand der Gedanke, eine Mondkolonie zu errichten. Wer für die Errichtung einer derartigen extraterrestrischen Basis infrage kam, stand auch schon fest …
Es war klar, dass trotz der Möglichkeit, kranke Organe und Körperteile gentechnisch zu ersetzen, irgendwann dem biologischen Leben ein Ende gesetzt war. Außerdem wurde den Menschen die Pflege und Sorge um den Körper immer lästiger und zu viel.
In einer Zeit, die schnelllebiger wurde und Kommunikationswege immer kürzer, in der immer mehr geleistet und erlebt werden wollte, da störte der Körper mit seinen hartnäckigen Bedürfnissen nach Nahrung, Säuberung und vor allem Schlaf.
Während der letzten großen Kriege machte das Militär vor, was mit dem Körper, dem letzten Relikt eines primitiv archaischen Daseins geschehen konnte. Freiwillige stellten sich zur Verfügung, die ihr Gehirn in einen Maschinenkörper einbauen ließen, der dem biologischen Vorgänger in allen Belangen überlegen war. Die Titan-Legierung war robust, stark, schnell und nahezu unverwundbar. Er kannte keinen Schmerz und keinen Hunger.
Seine optischen Sensoren konnten weit entfernte Objekte besser erfassen als ein Fernglas, auch nachts. Zu Lande und in der Luft konnte er sich mit einer Geschwindigkeit von mehr als dreihundert Stundenkilometern fortbewegen. Er war das ideale Kampfinstrument.
Die Armee der Cyborg-Kämpfer war effizient und verursachte keine Kosten für Nahrung, Kleidung, Unterkünfte. Ihre Gehirne brauchten kaum Ruhepausen oder Schlaf.
Sorgen um neue Rekruten brauchte sich das Oberkommando nicht zu machen. Die Zahl der Freiwilligen war unerschöpflich. Die Aussicht auf ein Jahrhunderte andauerndes langes Leben ohne einen störenden organischen Leib war für viele eine Traumvorstellung, die sich mit Eintritt in die Armee mühelos verwirklichen ließ. Man nannte diese Maschinen-Menschen Veterans, in Anlehnung an die Veteranen der Kriege in Vietnam oder Korea, die nach schweren Verletzungen mit Arm- oder Beinprothesen versorgt wurden oder auf den Rollstuhl angewiesen waren.
Nach jedem Kriegseinsatz hatten die Veterans die freie Wahl, was sie mit ihrer Freizeit anfangen wollten. Viele unternahmen mit ihrem Flugantrieb lange Reisen über den gesamten Erdball. Es war ihnen sogar möglich, bis in die Stratosphäre aufzusteigen und wie ein Satellit die Erde zu umkreisen. Doch die meisten zogen das Angebot vor, ihren Cyborg-Körper in eine von Tausenden riesigen Lagerhallen abzustellen und zu deaktivieren, während das Gehirn von einer psychotropen Substanz umspült wurde, um in endlosen süßen Träumen zu versinken.
Die synthetische Droge erschuf für jeden das individuelle Paradies. Während der eine mit seinem Geist an einem einsamen Karibikstrand lag, durchlebte der nächste nicht enden wollende Orgien im Harem seines Palastes wie in Tausendundeiner Nacht.
Eight
Logbuch des Kommandanten des Luna-Projektes Leo 1455, 23. Februar 2299, Mond-Kolonie Clear-Town.
Die zweite Hohlkugel konnte endlich fertiggestellt werden. Sie bietet Raum für fünfunddreißig neue Siedler, die mit dem nächsten Raumtransporter von der Erde ankommen werden. Wir tauften sie Paris. In Washington, also Kugel 1, wird inzwischen der gesamte Sauerstoff durch Clostridium oxygenus produziert, das genetisch veränderte Botulismus-Bakterium. Nun sind wir dabei, ausreichende Kulturen für Paris zu produzieren, das in spätestens drei Monaten bezugsfertig sein wird. Die Planung sieht vor, dass in den nächsten hundert Erdjahren hundert Hohlkugeln entstehen. Also jedes Jahr eine. In der zweiten Phase unserer Mission sollen die Kugeln über unterirdische Stollensysteme miteinander verbunden werden. Damit wäre Abschnitt 1, der Bereich Clear-Town, vollendet. In ähnlicher Weise würden anschließend weitere Gebiete des Mondes erschlossen. Ein ehrgeiziges Projekt, das Jahrtausende erfordern würde, wenn uns die Erde nicht deutlich mehr Arbeitskräfte und Material liefert. Doch wir haben großes Vertrauen in die Planung und Weitsicht unserer weisen Väter und Mütter unserer Heimatwelt. Und wir sind allesamt stolz darauf, dass wir dazu auserwählt wurden, aus diesem unwirtlichen, lebensfeindlichen Mond eine Heimat für Millionen neuer Siedler zu formen. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.
Seven
Historisches Archiv des soziokulturellen Instituts, Vereinte Netzwerke Europas, Katalog 2213, Datei 117CF9c. Thema: Persönlicher Blog. Autor: Anonymus 2265. Im Jahre 854 nach Henrik.
Vor allem Bürger aus mittleren und unteren sozialen Bevölkerungsschichten entschlossen sich zu einem Cyborg-Dasein. Die gebildete Oberschicht, Akademiker, Politiker, Künstler und Intellektuelle scheuten in der Regel diesen Weg. Ihnen fehlten als Maschinenwesen Individualität und Möglichkeiten der zwischenmenschlichen Kommunikation.
Zudem häuften sich unangenehme Zwischenfälle, bei denen Veterans einzeln oder in Gruppen aus unerfindlichen Gründen Amok liefen und mit ihren mächtigen integrierten Waffen an öffentlichen Plätzen wie Flughäfen, Bahnhöfen oder in Theatern und Stadien ein Blutbad anrichteten, bevor sie durch Sondereinsatzkommandos unschädlich gemacht werden konnten.
Es wurde vermutet, dass eine Variante des Alzheimer-Virus für diese unkontrollierbaren Aggressivitätsschübe verantwortlich war, das das alternde Gehirn des Cyborgs befiel, wenn eine Art Ablaufdatum des zerebralen Gewebes erreicht war.
Psychologen bevorzugten die Theorie, dass die Gehirne in ihren Metallummantelungen vereinsamten und in der unstillbaren Sehnsucht nach körperlicher Nähe und einem realen zwischenmenschlichen Kontakt durchdrehten und in Raserei verfielen.
Wie dem auch sei. Diese immer häufiger auftretenden Vorfälle führten dazu, dass in die Titan-Umfassungen der Cyborg-Hirne ein Sprengsatz eingebaut wurde, der von einer Zentrale aus jederzeit gezündet werden konnte, wenn der Cyborg außer Kontrolle geriet.
Wie gesagt, verzichtete die Elite der Bevölkerung auch deshalb lieber darauf, ihr Gehirn in eine Maschine verpflanzen zu lassen. Sie zog es vor, durch teure gentechnische Manipulationen ihren Körper so lange wie möglich jung und gesund zu erhalten. Fortpflanzung fand ebenfalls nur noch im Reagenzglas statt, um die Nachkommen möglichst perfekt nach den Vorstellungen ihrer Eltern designen zu können.
Dennoch entstand in den Jahren 220 bis 295 nach Henrik ein Heer von einer halben Milliarde Cyborgs, die in Zeiten der Kriege und Unruhen jederzeit aktiviert und in den Einsatz geschickt werden konnten. In Friedensphasen wurden sie platzsparend in unterirdischen Katakomben deponiert, in denen sie auf unbestimmte Zeit in ihren Träumen versanken.
Die Veterans waren aber auch die idealen Kandidaten, auf dem Mond mit seinen unwirtlichen Bedingungen eine Kolonie zu errichten. Die ersten Raketen zum Mond starteten im Jahre 282 n. H.
Bis zum Jahre 300 n. H. befanden sich hundertachtzig Kolonisten auf dem Mond, allesamt Clear (siehe auch Katalog 2213, Datei 117CF9f). Dazu kamen achthundertfünfzig Veterans für die groben Arbeiten auf der Mondoberfläche. Das besiedelte Areal betrug inzwischen fast sechsunddreißig Quadratkilometer. Auf dieser Fläche standen zehn Hohlkugeln, die jeweils auf einer Rundsäule aus Titan lasteten, durch die jede Kugel in Rotation versetzt werden konnte. Die dadurch entstehende Zentrifugalkraft simulierte im Innern der Kugel ein künstliches Schwerefeld. Energie wurde zum einen durch riesige Sonnenkollektoren erzeugt, zum anderen auch in Kernfusionsreaktoren durch Nutzung des im Mondgestein reichlich vorhandenen Helium-3.
Six
Jan war der Anführer der vierundzwanzig Bewohner von Kugel 4, oder Berlin, wie man sie getauft hatte. Er war für fünf Jahre demokratisch gewählt worden mit der Option, noch einmal für fünf weitere Jahre zu kandidieren. Nicht überall hatte man die Hierarchie so festgelegt. Jede Kugel stellte aufgrund ihrer Isolation einen Mikrokosmos für sich dar. In Delhi zum Beispiel hatte sich nach einem blutigen Kampf, bei dem vier Bewohner ums Leben kamen, eine Art Militärdiktatur entwickelt. In Tokio dagegen musste jeder Beschluss eines dreiköpfigen Rates per Bürgerabstimmung bestätigt werden. In Rio herrschte nahezu Anarchie. Die achtunddreißig Bewohner gehörten vier verschiedenen Gruppierungen an, die sich in ihren Entscheidungen gegenseitig blockierten.
Derweil ging der Raketenbau zwar langsam, aber stetig weiter. Zum Glück ließen sich die Cyborgs nicht durch das babylonische Durcheinander in den zehn Kugeln beeindrucken. Sie kannten ihren Auftrag und wussten, was sie zu tun hatten.
Auch für die Veterans war das Raumschiff die einzige Möglichkeit, jemals wieder die Erde wiederzusehen. Eine Gruppe von fünf Cyborgs hatte vor einigen Jahren versucht, mit ihrem eigenen Antrieb die Distanz zur Erde zu überwinden. Sie brauchten dafür fast sechzig Tage. Dann verglühten sie in der Atmosphäre.
Jan hatte so etwas wie eine Freundschaft mit CR34zt, dem Führer der Veterans, geschlossen. Sie unterhielten sich oft miteinander und sprachen über Gott und die Welt. Recht bald stellte Jan fest, dass das Thema Tod eine große Bedeutung für den Cyborg hatte. Es war klar, dass der Veteran labil und im höchsten Maße suizidal gefährdet war.
Five
Historisches Archiv des soziokulturellen Instituts, Vereinte Netzwerke Europas, Katalog 2213, Datei 117CF9d. Thema: Persönlicher Blog. Autor: Anonymus 2265. Im Jahre 854 nach Henrik.
Einen Wendepunkt stellte das Jahr 331 nach Henrik dar. Ein Cyber-Historiker namens Ernesto Finn fand in geheimen Militärarchiven Berichte über ein Computerprogramm, mit dessen Hilfe sich der menschliche Geist in ein Netzwerk einspeisen konnte. Das Programm entstand auf der Grundlage eines Computerspiels namens Kingdom of Fantasy, das von den Spieleentwicklern Peter und Paul Winzig im Jahre 2000 nach Christus – oder nach der neuen Zeitrechnung 9 vor Henrik – auf den Markt kam.
Zunächst sah es so aus, als ob es sich dabei um ein ganz gewöhnliches Online-Game handelte. Der Spieler schuf sich einen Avatar, mit dem er als Kämpfer oder Magier eine Welt voller Feinde und Monster bereisen konnte, um verschiedene Quests zu lösen, für die es magische Gegenstände als Belohnung gab. Doch schon bald stellte sich heraus, dass dieses Spiel etwas ganz Besonderes war.
Es handelte sich nämlich um eine intelligente Software, die sich selbstständig weiter programmieren konnte. So entstanden wie von selbst innerhalb des Programms immer neue Landschaften und Fantasiewesen. Den Spielern wurden ständig weitere Aufgaben gestellt, die sie zu lösen hatten. Aber damit noch nicht genug.
Einzelne neue Programmabschnitte entwickelten sich zu einem Brain-Computer-Interface, kurz BCI. Das bedeutete, dass der Computer mit den Gedanken des Spielers in Verbindung treten konnte. Dies hatte weitreichende Konsequenzen. Zum Beispiel konnte es passieren, dass der Spieler, dessen Avatar im Kampf durch einen Schwerthieb eine Wunde am Arm erlitt, durch seine Gedankenverbindung mit dem PC den Schmerz der Verletzung real am eigenen Körper spüren konnte.
Sogar die Wunde selbst wurde mit ins Real Life genommen. In vielen Fällen bedeutete somit der Tod des Avatars gleichzeitig den Tod des Spielers. Die Verbindung des Menschen mit dem Computer führte bis zur vollkommenen Verschmelzung, durch die der Geist des Spielers aus seinem Körper trat und den Avatar als neue Hülle nutzte.
Das heißt, er agierte und lebte im Computer und im Kingdom of Fantasy als Magier oder Paladin weiter. Derweil existierte der biologische Körper wie ein Zombie im Zustand einer Art Wachkoma weiter. Wenn der Player die Zeit vergaß und sich zu lange in der virtuellen Welt vergnügte, konnte es passieren, dass er vor seinem PC verhungerte und verdurstete. Dann gab es kein Zurück mehr und er musste für immer sein virtuelles Leben fortführen.
Four
Logbuch des Kommandanten des Luna-Projektes Bruce 87, 23. Februar 2629, Mond-Kolonie Clear-Town.
Seit zweihundertfünf Jahren besteht mit der Erde kein Kontakt mehr. Die Hoffnung auf weitere Materiallieferungen von unserem Heimatplaneten haben wir längst verloren. Was dort vorgefallen ist und warum die Verbindung abgerissen ist, bleibt rätselhaft. Den ursprünglichen Plan, den Mond zu kolonisieren, indem immer mehr und größere Hohlkugeln errichtet werden, mussten wir aufgeben.
Seitdem die Sauerstofftanks in den Raumanzügen leer sind, ist es nicht mehr möglich, die Nachbarkugeln zu erreichen. Das bedeutet, dass die einzelnen Besatzungen auf sich alleine gestellt sind.
Die einzige Möglichkeit besteht darin, dass wir aus den vorhandenen Mitteln ein Raumschiff bauen können, das uns zur Erde zurückbringt.
Nach vorsichtigen Schätzungen könnte das frühestens in hundertfünfzig Jahren gelingen. Doch bis dahin werden wir nicht mehr leben.
Besteht zumindest für unsere Nachkommen die Hoffnung, eines Tages die Erde wiederzusehen? Und welche Nachkommen werden das sein?
Durch die Isolation der einzelnen Hohlkugeln ist der Genpool begrenzt, der zur Vermehrung zur Verfügung steht.
Die Bewohner der einzelnen Kugeln leben auf engem Raum beisammen. Viele neue Generationen wurden bereits in Clear-Town geboren. Wir sind stolz auf unsere Kinder des Mondes, die wir über alles lieben. Wir genießen unser Glück, Eltern sein zu dürfen und unsere Kinder aufwachsen zu sehen, zumal wir ursprünglich von Clear abstammen, geklonten, im Reagenzglas erzeugten Wesen, einzig zu dem Zweck geschaffen, eine Mond-Kolonie zu gründen.
Aber auch Angst und Traurigkeit befallen uns, wenn wir an das ungewisse Schicksal der Folgegenerationen denken. Bieten wir ihnen mit ihrer Geburt ein menschenwürdiges Leben oder folgen wir nur unserem Egoismus und triebhaften Drang nach Reproduktion? Und ein weiteres Problem gewinnt immer mehr an Bedeutung. Mit Sorge beobachten die Ältesten in allen Hohlkugeln, dass bereits Liebesbeziehungen zwischen Cousins und Cousinen ersten Grades zum Normalfall geworden sind. Nun ist der erste Fall bekannt geworden, wo der Bruder seine Schwester geschwängert hat. Bei dem kleinen Genpool innerhalb der in sich isolierten Kugeln ist es trotz Kontrolle durch die älteren Generationen nicht zu vermeiden, dass bald alle Bewohner miteinander verwandt sind.
Mit Entsetzen haben wir gehört, dass der Diktator in Delhi mit seinen drei Töchtern regelmäßigen Inzest betreibt und ebenfalls bereits Kinder aus dieser Beziehung entstanden sind.
Ganz anders stellt sich die Situation dagegen in Genf dar. Dort leben nur noch acht Personen, davon zwei Schwestern im gebärfähigen Alter. Die drei noch zeugungsfähigen Männer sind der Bruder und zwei Cousins ersten Grades.
Alle sind dort übereingekommen, unter diesen Umständen keine weiteren inzüchtigen Nachkommen zu produzieren. Welcher Weg ist der richtige? Ich vertrete weiterhin die Überzeugung, dass das Leben immer eine Chance verdient hat. Auch in einer verzweifelten Situation wie in Clear-Town. Vor allem, solange es noch Hoffnung gibt. Hoffnung auf eine Rückkehr zur Erde.
Three
Historisches Archiv des soziokulturellen Instituts, Vereinte Netzwerke Europas, Katalog 2213, Datei 117CF9e. Thema: Persönlicher Blog. Autor: Anonymus 2265. Im Jahre 854 nach Henrik.
Dem ersten Menschen, dem es gelang, seinen Geist vollständig in die virtuelle Welt des Kingdom of Fantasy zu integrieren, war ein junger Mann namens Henrik Wanker. Allerdings handelte es sich dabei mehr um eine Art Unfall. Dennoch gilt bis heute Wanker als der Pionier der körperlichen Entstofflichung, dem es gelang, als reines Geist-Energie-Wesen zu existieren. Somit war Henrik Wanker der erste Essential.
Genauere Informationen zum Leben und Wirken von Henrik Wanker sind zu finden in Kat. 2213, Dat. 65Nx33, Hist. Arch. unter: Der Tod aus einer anderen Welt von Paul Sanker aus dem Jahre 2 nach Henrik oder 2010 der alten Zeitrechnung.
Nach diesem Ereignis wurde das Online-Spiel im Jahre 1 nach Henrik jedoch zunächst schleunigst aus dem Verkehr gezogen und dessen Software verschwand in den Geheimarchiven des Militärs, bis im Jahre 331 n. H. Ernesto Finn auf diese fast vergessenen Unterlagen stieß.
Schnell erkannte man, dass dieses noch recht primitive Programm der erste Schritt in Richtung ewiges Leben in Jugend und Schönheit war. Vor allem stellte es die Lösung des Problems dar, wie man endlich den lästigen Körper aus Fleisch und Blut loswerden konnte. Die Zeiten, dass man wie die Veterans sein Gehirn wie eine Ölsardine in eine Metallkiste deponieren musste, waren endlich vorbei.
Man schuf zunächst viele einzelne Netzwerke, in denen Landschaften und Umgebungen kreiert wurden, die den unterschiedlichen Bedürfnissen der User gerecht wurden. So gab es paradiesische Inselwelten, in denen man traumhafte Strände genießen konnte, Urwaldlandschaften, die erforscht werden konnten oder mittelalterliche Szenarien, in denen Drachen besiegt oder die Kreuzzüge neu erlebt werden konnten.
Möglich waren auch Reisen mit Lichtgeschwindigkeit durch ein virtuelles Weltall hin zu fernen Planeten und Zivilisationen. Die Fantasie der Programmdesigner kannte keine Grenzen.
Allerdings mussten sie nur einen Basiscode anlegen, den göttlichen Funken sozusagen. Das intelligente Programm entwickelte sich von selbst immer weiter. Die Evolution fand von alleine statt.
Immer mehr Menschen speisten ihren Geist in riesige Netzwerke ein und blieben immer länger in ihrer persönlichen virtuellen Welt. Schon bald verzichteten die Ersten vollkommen auf eine Rückkehr in ihre biologische Hülle und ließen sie entsorgen. Man nannte solche reinen Geisteswesen die Essentials.
Der größte Vorteil dieses schmerzlosen Weges der Entstofflichung war, dass die Möglichkeit der interspirituellen Kommunikation bestehen blieb. Nichts war einfacher, als mit seinem Avatar die persönliche Welt eines Freundes oder Bekannten zu besuchen, wenn dieser es zuließ. Das war der eigentlich revolutionäre Fortschritt gegenüber den Veterans, die einsam in ihren Metallhülsen dahinvegetierten.
Plötzlich wurde damit aber auch das aufwendige und teure Mondprojekt überflüssig. Das Problem der Überbevölkerung war gelöst. Wer brauchte da noch den langweiligen, unwirtlichen Erdtrabanten? Also wurden schlagartig weitere Material-Lieferungen eingestellt. Warum sollte man sich weiter um einen nutzlosen Haufen Clear und Veterans kümmern?
Innerhalb der nächsten hundert Jahre war mehr als die Hälfte der Menschheit digitalisiert, nach weiteren hundert Jahren sank die globale Bevölkerungszahl auf unter fünfhundert Millionen Individuen. Die Krone der Schöpfung machte durch Beseitigung seines Körpers auf der Erde wieder Platz für die übrige Natur, die so lange Zeit durch ihn missachtet und geschunden worden war. Die Umweltverschmutzung stellte kein Problem mehr dar. Auto- und Flugreisen wurden überflüssig. Alle Bedürfnisse und Wünsche konnten virtuell befriedigt, alle Ziele problemlos in Nullzeit erreicht werden.
Dennoch ging es nicht ganz ohne Unterstützung aus der äußeren, realen Welt. Jemand hatte dafür Sorge zu tragen, dass Hardware und die Netzwerke gewartet wurden. Die Energieversorgung musste gewährleistet werden. Doch vor allem mussten die virtuellen Existenzen bewacht und geschützt werden.
Schon bald, nachdem die ersten Millionen Essentials entstanden waren, tauchten radikale Fanatiker und religiöse Gruppen auf, die lautstark gegen die Entmaterialisierung der Menschen protestierten. Sie propagierten, dass es widernatürlich und Sünde sei, den Körper – ein Geschenk Gottes – zu verlassen.
Einer Gruppe in Frankreich gelang es, ein Netzwerk, in dem hundert Millionen Essentials eingespeist waren, für eine Stunde von der Stromversorgung zu trennen. Dies kam einem Massenmord von noch nie da gewesenem Ausmaß gleich.
Two
Jan und Rachel waren von Kindesbeinen an unzertrennlich. Alles heckten die beiden gemeinsam aus und immer hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Sie teilten sich gegenseitig ihre geheimsten Gedanken mit. Immer wusste der eine ganz genau, was der andere dachte und fühlte. Es war halt so, wie es oft war, bei Zwillingsgeschwistern.
Und eines Tages gestand Rachel ihrem Bruder Jan ihre tiefe, bedingungslose Liebe ein. Und Jan erkannte, dass er ebenso fühlte. Natürlich blieb ihren Eltern die enge zärtliche Verbundenheit ihrer Kinder nicht verborgen. Dazu teilten sich zu viele Menschen einen zu engen Raum. Doch was sollten Mutter und Vater tun, die im Übrigen selbst Cousin und Cousin ersten Grades waren?
Eine Trennung der beiden war unmöglich.
One
Historisches Archiv des soziokulturellen Instituts, Vereinte Netzwerke Europas, Katalog 2213, Datei 117CF9f. Thema: Persönlicher Blog. Autor: Anonymus 2265. Im Jahre 854 nach Henrik
Von da ab wurden die Netzwerk-Server in unterirdischen Bunkeranlagen, ehemaligen U-Bahn-Systemen und Bergwerksstollen untergebracht und von Tausenden Veterans bewacht. Da man den Cyborgs aufgrund ihrer bekannten Fehleranfälligkeit und der Gefahr von weiteren plötzlichen Amokhandlungen nicht trauen durfte, wurden sie von Freiwilligen kontrolliert, die das Oberkommando innehatten. Man nannte diese Freiwilligen Clear.
Die Clear stellten die Verbindung zwischen der virtuellen Welt der Essentials und der realen Welt auf der Erde dar. Gleichzeitig kontrollierten sie die Veterans. Sie lebten ihr körperliches Dasein in verschwenderischem Luxus. Es fehlte ihnen an nichts – nur an der Unsterblichkeit. Dies war der Grund, warum immer weniger Menschen bereit waren, den Essentials zu dienen. Wozu auch, wenn man selbst ganz leicht zum Essential werden konnte?
Also entschloss man sich, passende »Freiwillige« zu klonen. Sie erhielten perfektes Erbgut, damit sie ihre ihnen zugedachten Aufgaben zur Zufriedenheit erfüllen konnten. So entstanden Computer-Spezialisten, Ingenieure und Energietechniker, aber auch Soldaten und Offiziere, die die Cyborg-Armee kommandierten. Diese neue Generation von Clear wurde von Kindesbeinen an so konditioniert, dass ihr einziger Lebenszweck sei, den herrschenden, gottgleichen Essentials zu dienen.
Es entstand ein neues Kastensystem auf der Erde: An der Spitze standen die Essentials als reine, vollkommene Geistwesen. Darunter kamen ihre Diener, die Clear. Diese wiederum befehligten die riesige Armee der Veterans. Doch es gab darunter noch eine weitere Stufe in der Hierarchie, die zum Problem werden sollte …
Nicht alle Menschen waren bereit, den Weg in die virtuelle Existenz zu gehen, wie eben religiöse Fanatiker und radikale Spinner. Es kam noch hinzu, dass einige Randgruppen der Bevölkerung das Privileg der Entmaterialisierung verweigert wurde. Dazu gehörten Schwerstkriminelle, Obdachlose und Geisteskranke. Die Gesellschaft beschloss, diese Zeitgenossen von Stund an zu ignorieren, und überließ sie unbeachtet wie Tiere ihrem Schicksal. Darum nannte man sie auch Pets.
Die Pets bevölkerten zunächst weiter die zunehmend verlassenen und verfallenden Städte. Später, als Strom- und Wasserversorgung versagten und die ersten Gebäude wegen wachsender Verfallserscheinungen in sich zusammenstürzten, besiedelten sie die Urwälder, die sich immer größere Bereiche der Erdoberfläche zurückeroberten.
Die Pets fanden sich zu unterschiedlich großen Gruppen oder Horden zusammen und lebten vorwiegend von der Jagd. Es entstand eine neusteinzeitliche Kultur, die im Laufe der Jahrhunderte ihre Vergangenheit allmählich vergaß.
Genauso, wie die Erde und die Essentials die Mondkolonisten vergaßen …
Zero
Logbuch des Kommandanten von Berlin, Jan 6554, 6. Februar 2863, Mond-Kolonie Clear-Town.
Unsere Bevölkerungszahl ist auf zweihundertzweiundfünfzig angewachsen. Die Anzahl der Personen pro Kugel ist allerdings sehr heterogen. In Delhi wohnen fünfundvierzig Menschen, während in Tokio nach der verheerenden Explosion des Kernreaktors im letzten Jahr nur noch drei Personen leben.
Die Fortschritte an unserem Raumschiff gehen nur langsam voran. Inzwischen existieren nur noch achtunddreißig Cyborgs. Der größte Teil der übrigen Veterans beging im Laufe der Zeit Selbstmord, indem sie mit ihren Laserwaffen ihr Gehirn zerstörten. Hundert Veterans dagegen beschleunigten ihre Triebwerke wie auf ein geheimes Kommando auf vollen Schub, um auf ewig ins All fortzudriften.
Nach Einschätzung unserer beiden Psychologen machten die Cyborgs ihre Einsamkeit und die triste Umgebung des Mondes depressiv.
CR34zt und ich treffen uns fast täglich und tauschen unsere Gedanken aus. Im Laufe der Zeit entstand eine tiefe Freundschaft zwischen uns beiden. Mensch und Cyborg lernten sich gegenseitig besser kennen und verloren das Misstrauen voreinander.
Mit einem Mal waren wir uns nicht mehr fremd. Auch ich musste zugeben, dass ich bislang auf die Veterans herabgesehen hatte, die nach meinem Verständnis gar keine richtigen Menschen waren und nur dazu dienten, für uns die schwere Drecksarbeit zu verrichten.
Doch was machten wir uns eigentlich vor? Für die Verantwortlichen auf der Erde waren die Clear ebenfalls nur Menschen zweiter Klasse gewesen, gezüchtet wie Vieh, um den Staubklumpen namens Mond zu besiedeln.
Die Clear machten nur die Drecksarbeit für die richtigen Menschen. Wie dumm das alles doch war. Manchmal wünschte ich mir, auch ein Veteran zu sein. In einem Maschinenkörper wäre man nicht an diese Hohlkugel gefesselt und könnte den Mond erkunden, wie es einem beliebte. Sogar ins All hätte man mit einem eigenen Antrieb fliegen und sich eins fühlen können mit den Sternen.
Doch dann denke ich wieder daran, wie einsam die Veterans waren, ohne Körper und ohne die Möglichkeit, jemals wieder die tröstende Hand eines Freundes auf der Schulter oder den zärtlichen Kuss einer Frau auf dem Mund spüren zu können. Und dann wird mir bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann.
Lift off
Morgen beginnt der Start in die Zukunft. Die Besatzung des Schiffes, das uns zurück zur Erde bringen soll, besteht aus zehn Clear und zehn Veterans. Nein …! Die Besatzung besteht aus zwanzig Menschen!
Rachel und unser Sohn Ben werden dabei sein. Letzte Woche hatte er seinen ersten Geburtstag. Ebenso mein Freund CR34zt. Er wird meine Familie begleiten und beschützen in ihrer fremden, neuen Heimat.
Was werden sie dort wohl vorfinden? Leben die großen Alten noch, die uns einst zum Mond geschickt und dann vergessen haben? Und wenn ja, was haben sie zu ihrer Entschuldigung vorzubringen?
Doch vielleicht ist das alles auch einerlei. Wichtig sind nur das Heute und die Zukunft. Und die Hoffnung, dass wir alle irgendwann wieder vereint sein werden. Irgendwo auf der Erde müssen noch Raumschiffe existieren, die auch uns aus dem Exil zurück auf den Blauen Planeten holen.
Und wenn nicht? Dann werden CR34zt und seine Freunde ein neues bauen, auch wenn es wieder Hunderte von Jahren dauern sollte.
Man wird uns nicht wieder im Stich lassen, das ist gewiss. Dafür wird Ben sorgen, mein Sohn, mein eigenes Fleisch und Blut.
Benjamin beobachtete das Dorf von seinem Standort vierhundert Meter unterhalb des Berggipfels aus. Durch das verschneite Tal floss friedlich der Fluss, der durch die Vereinigung dreier Gletscherbäche entstand. Der Morgennebel hatte sich längst verzogen. Die kalte Luft war klar, der blaue Himmel wolkenlos. Aber auch bei schlechtem Wetter und ungünstigen Sichtverhältnissen hätten Benjamins Sensoren jede verdächtige Feindaktivität im Umkreis von zwanzig Kilometern orten können.
Schon seit sechs Monaten beobachtete er das Tal und die beiden noch passierbaren Gebirgspässe, über die das Dorf erreicht werden konnte. Er wusste, dass sie eines Tages kommen würden, um nach ihm zu suchen. Denn er war ein Deserteur. Und ein Mörder. Eigentlich war seine Flucht vollkommen sinnlos gewesen. Mutter konnte seinen Standort jederzeit ausfindig machen. Erstaunlich, dass er überhaupt noch existierte, schoss es ihm durch den Kopf. Die Sprengladung, die sich neben seinem Großhirn befand, wartete nur auf den Zündimpuls, der vom Zentralcomputer des Wallisdistrikts abgegeben wurde. Aber nichts geschah. Er lebte immer noch. Mutter verfolgte offensichtlich andere Pläne. Er vermutete, dass sie ihn lebend fangen wollte, um sein Gehirn sezieren zu können und dessen Struktur auf Anomalien hin zu untersuchen. Sie musste wissen, warum er ihre Befehle missachtet hatte und zum Verräter geworden war. Sie musste es wissen, um verhindern zu können, dass sich derartiges jemals wiederholte.
Wenn Benjamin die Fähigkeit besessen hätte, seinem Gesicht einen verbitterten Gesichtsausdruck zu verleihen, dann hätte er es jetzt getan. Doch sein mächtiger, aus einer Titanlegierung bestehender Körper war nicht in der Lage, emotionale Regungen zu zeigen. Aber wozu auch? Niemand befand sich in seiner Nähe. Das Dorf mit den Pets war zehn Kilometer entfernt. Sonst gab es außer ihm keinen Menschen weit und breit. Aber war er überhaupt ein Mensch? Früher einmal, ja. Er wurde als Mensch geboren und hatte eine Mutter und einen Vater besessen. Wie lange Zeit war seitdem vergangen? Sechshundert Jahre? Siebenhundert Jahre? Die Erinnerung war fast verblasst …
Es war im letzten Zeitalter der großen Kriege gewesen. Seine Einheit wurde im Afrika-Feldzug eingesetzt. Er hatte mit seiner Kompanie den Auftrag erhalten, einen Rebellenführer in dessen Unterschlupf aufzuspüren und zu liquidieren. Dann gerieten sie in einen Hinterhalt. Die Gruppe wurde aufgerieben. Er hatte überlebt. Allerdings ohne Arme und Beine. Die Tretmine hatte sein Gesicht in einen amorphen blinden Brei verwandelt.
Man entschloss sich, sein Gehirn in einen Cyborgkörper zu verpflanzen, und machte ihn zu einem Veteran. Seit Jahrzehnten waren viele seiner Kameraden diesen Weg bereits vor ihm freiwillig gegangen. Die Militärführung verlockte junge Soldaten zu diesem Schritt, indem sie versprach, sie zu unbezwingbaren Kämpfern ohne lästigen verwundbaren Körper zu machen. Sie würden nahezu unsterblich und wären jedem anderen Menschen hinsichtlich ihrer Fähigkeiten weit überlegen.
Benjamin hatte einen solchen Schritt nie erwogen, zumal er nicht für immer Soldat bleiben, sondern vielmehr irgendwann heiraten und eine Familie gründen wollte. Aber nun hatte es das Schicksal anders gewollt. Von Stund an hieß er B556Z2. Zunächst konnte er sich durchaus mit seinem neuen Dasein arrangieren. Immerhin steckten in seinem neuen Metallkörper, der keinen Schmerz mehr kannte, ungeahnte Fähigkeiten.
Schon nach kurzer Zeit kehrte er zu seiner Truppe zurück. Er wurde zu einer speziellen Cyborgeinheit versetzt, deren Aufgabe es war, Widerstandsnester der Rebellen in unwegsamem vermintem Gelände auszuschalten. B556Z2 und seine Kompanie arbeiteten äußerst effizient. Niemand konnte sie aufhalten. Kein Auftrag blieb unerledigt. Auf gegnerischer Seite gab es nie Überlebende. Gefangene waren nicht vorgesehen. Zunächst machte er sich darüber keine großen Gedanken. Immerhin gehörte der Tod unweigerlich zum Krieg dazu. Und das Töten war als Veteran spielerisch leicht. Die Menschen waren so unglaublich verletzlich. Es genügte ein Schuss aus der Laserkanone in seinem Torso und schon lagen zehn Leichen mit verdampften Körpern im Staub. Und B556Z2? Er beobachtete das Sterben seiner Feinde ohne Emotion und mit Gleichmut. Er hatte keinen Puls, der rasen, und keine Haut, aus der der Schweiß ausbrechen konnte. Leichengeruch verursachte keine Übelkeit mehr und der Anblick eines niedergestreckten unschuldigen Zivilisten, der ins Kreuzfeuer geraten war, konnte ihm keine Tränen entlocken.
Mit der Zeit wurden die Kriege immer seltener, da es keine Feinde mehr gab, die man bekämpfen musste. Und eines Tages hatten die Menschen ganz andere Sorgen als Land, das es zu erobern galt, oder Bodenschätze, für die es sich zu kämpfen lohnte.
Selbst die Sorge um den eigenen Körper, den es zu ernähren oder vor Angriffen feindlicher Nachbarn zu beschützen galt, wurde zur Nebensache. Die Menschheit hatte einen Weg gefunden, ihren Geist zu digitalisieren und Unsterblichkeit im Paradies einer virtuellen Welt zu erlangen.
Überbevölkerung und Hungersnöte gehörten der Vergangenheit an. Niemand musste mehr arbeiten, um sich ein Leben in Wohlstand und Zufriedenheit zu verdienen. Jeder konnte sich seinen individuellen Traum im Netz verwirklichen. Niemand brauchte noch einen alternden zerbrechlichen Körper, und auch die Sorgen wegen zunehmender Umweltverschmutzung oder den Folgen des Klimawandels fanden ein Ende.
Die Veterans wurden zu Wächtern der Computerserver, die in riesigen unterirdischen Anlagen untergebracht waren und sieben Milliarden menschlicher Bewusstseinsinhalte speicherten. Man nannte sie auch Essentials.
B556Z2 wurde im Wallisdistrikt stationiert. Es handelte sich um ein fünfzehn Kilometer langes Tunnelsystem, in dem modernste EDV-Technik untergebracht war, Heimat von mehr als hundert Millionen Essentials. Die meiste Zeit stand Benjamin inaktiviert in einem großen Hangar in Reih und Glied zusammen mit zweihundert weiteren Cyborgs. In diesen Ruhephasen wurde das Gehirn in ihrem Stahlschädel von psychotropen Substanzen umspült, die ihnen angenehme Träume von einem früheren Leben bescherten, in dem sie noch fühlen, riechen und schmecken konnten.
In alternierender Reihenfolge aktivierte der Zentralcomputer Mutter jeden Tag zehn Cyborgs, die auf dem Gelände um den Wallisdistrikt patrouillierten. B556Z2 kam etwa alle drei Wochen zum Einsatz. Doch was hieß dabei schon Einsatz? Jeweils zu zweit schwebten sie in alle vier Himmelsrichtungen und suchten nach Feinden, die es nicht gab. Die letzten beiden Veterans standen vor dem Haupttor der Anlage Wache.
So verging Jahr für Jahr, in dem B556Z2 und die übrigen Cyborgs entweder die meiste Zeit in ihrem Hangar standen, um im Drogenrausch zu träumen, oder sich im Wachzustand in der einsamen Gebirgslandschaft des Wallisdistriktes langweilten.
Eines Tages beschloss B556Z2, dass er so nicht weiter existieren wollte. Nach Beendigung seines Patrouilleneinsatzes verweigerte er die Freigabe des Psychohormons Beta-Lactam-Endorphinase. Wie erwartet schaltete sich Mutter in sein Intrakommunikationssystem.
»Mutter an B556Z2! Was gibt es für ein Problem?« Mutters Frage wurde nicht akustisch gestellt, sondern entstand direkt als elektrisches Signal in seiner Hirnrinde. Dennoch hatte er die Illusion einer freundlichen, sanft modulierten Frauenstimme.
»Negativ, Mutter«, antwortete er. »Es gibt kein Problem. Und nenne mich bitte Benjamin.«
Mit Befriedigung registrierte er, dass eine Pause in ihrer lautlosen Kommunikation entstand. Mutter schien durch die Antwort des Cyborgs irritiert zu sein.
»Was soll der Unsinn, B556Z2? Wer ist Benjamin?«, fragte Mutter schließlich.
»Das ist mein Name, Mutter. Ich heiße Benjamin Fowler, geboren am 20. Juli 1998 in London. Mein Vater war der Arzt Jonathan Fowler. Er war verheiratet mit Marie Fowler, geborene Hastings.« Seine Antwort war an einen Gefühlsmix aus Stolz und Trotz gekoppelt.
»Nun gut, Benjamin«, antwortete Mutter scheinbar gleichgültig. »Warum gehst du nicht in den Ruhemodus?«
»Junkiemodus würde es besser treffen, Mutter!«, entgegnete er aggressiv. »Ich werde nicht mein Leben weiterhin im immerwährenden Drogenrausch verbringen. Ich quittiere hiermit meinen Dienst in der Armee der Vereinigten West-Union. Der Krieg ist vorbei. Es gibt nichts mehr für mich zu tun.«
»Negativ, Soldat!«, hämmerte Mutters Antwort in seinem Gehirn. »Nichts ist vorbei. Mit dem Privileg, ein Veteran sein zu dürfen, ist die niemals endende Pflicht verbunden, der menschlichen Gesellschaft zu dienen und sie zu schützen.«
Benjamin dachte nach. Natürlich hatte er niemals um das Privileg gebeten, dass man sein Hirn in einen Metallkäfig sperrte. Wahrscheinlich wäre es sogar besser gewesen, wenn man ihn an seinen Verletzungen hätte sterben lassen. Trotzdem hatten ihn Mutters Worte über seine niemals endende Pflicht beeindruckt. Das war die Lösung! Er brauchte eine neue Aufgabe, die er erledigen konnte und für die es sich lohnte, weiter zu leben. Aber diese Aufgabe konnte nicht darin bestehen, über die Essentials zu wachen. Für ihn zählten diese digitalen Träumer nicht mehr zur menschlichen Gesellschaft. In Wahrheit hielt Benjamin sie für dumm und feige. Was hatten sie nur freiwillig aufgegeben? Einen Körper, der fühlen, und ein Herz, das lieben konnte. Was hätte er – der Cyborg – nur dafür gegeben, nur einmal wieder die wärmende Sonne auf der Haut und die kalte Gebirgsluft in seinen Lungen spüren zu können. Diese dekadenten Narren! Es wäre das Beste für sie, wenn jemand die Energieversorgung der Anlage abstellen würde. Der endgültige Tod wäre allemal würdevoller als diese virtuelle Scheinexistenz.
Dennoch … Der menschlichen Gesellschaft dienen … Der Satz ging ihm nicht mehr aus dem Sinn. Er beschloss, zunächst einmal Mutters Befehl zu gehorchen, und flutete seinen Titanschädel mit angenehmen Illusionen.
Als er wieder erwachte, waren zwanzig Tage vergangen. Es war Zeit für seine vierundzwanzigstündige Patrouille. Sein Begleiter war R113K, ebenfalls Cyborg aus der Explorerklasse. Diese Baureihe besaß besonders empfindliche Ortungssensoren auf Radar-, UV- und Wärmebildbasis. Benjamin wusste, dass R113K früher einmal Robert Baxter hieß, ein Marineinfanterist, der sich als einer der Ersten freiwillig gemeldet hatte, um als Kämpfer in der Cyborgarmee aufgenommen zu werden. Man hatte ihm weisgemacht, dass er so nicht nur unbesiegbar und unverwundbar, sondern auch unsterblich werden würde. Natürlich war das Unsinn, denn auch ein Gehirn in einem Stahlsafe alterte und besaß ein Ablaufdatum, auch wenn dies erst nach tausend oder zweitausend Jahren erreicht würde. Als sich irgendwann die ersten Veterans seltsam verhielten und scheinbar verrückte oder sinnlose Dinge taten, wurde offensichtlich, dass zerebrale Abbauvorgänge einsetzten, mit ähnlichen Folgen wie bei Demenzkranken. In Einzelfällen war es in deren Folge auch zu Amokläufen gekommen, die zu vielen Hundert Opfern führten, da ein irrer Cyborg beileibe nicht leicht zu stoppen war. Das war der Grund dafür, dass sich die Militärführung dazu entschloss, zur Sicherheit eine Sprengladung neben das Großhirn der Veterans zu implantieren, um im Notfall eine Katastrophe verhindern zu können.
R113K sprach nicht gerne über seine körperliche Vergangenheit. Doch Benjamin wusste, dass er seinen Schritt längst bereut hatte, ein Cyborgdasein zu führen. Er beneidete die Essentials, die nach seiner Vorstellung gottgleich im digitalen Netz jede gewünschte Existenz in beliebiger paradiesischer Umgebung ausleben konnten. Was hätte er dafür gegeben, als Pascha einen Harem mit hundert jungen schönen Frauen zu besitzen! Wenn er es wünschte, hätte er auch in ein eigens für ihn programmiertes Weltall starten können, um auf fremden exotischen Planeten unzählige Abenteuer zu bestehen. Aber nun war es zu spät. Den Veterans war es nicht gestattet, ihren Geist ins Essentials-Netz einspeisen zu lassen.
Die Frustration von R113K wurde in ein gesteigert aggressives Verhalten gegenüber schwächeren Individuen kanalisiert. Mit Vergnügen tötete er auf seinen Patrouillen um den Wallisdistrikt umherstreifende Hunde oder Wildkatzen. Benjamin verachtete ihn für den Drang, wehrlose Kreaturen zu quälen. Darum nannte er ihn oft Robert, weil er wusste, dass R113K seinen ehemaligen Namen hasste. Die meiste Zeit aber vermieden sie es, miteinander zu kommunizieren.
So auch diesmal. Sie waren bereits seit zehn Stunden auf ihrer Route entlang des Furkapasses unterwegs in Richtung Rhônegletscher. Ein eisiger Wind fegte über das Land und Schneegestöber setzte ein. Die Cyborgs beeindruckte das wenig, die sich unbeirrt mit ihren Antigravantrieben fortbewegten. Nicht mehr lange, dann endete ihr zu kontrollierendes Planquadrat und sie konnten den Rückweg antreten.
»Wärmebildortung in acht-zwo-zwo-sechs Metern Nordnordwest«, meldete R113K. Wahrscheinlich handelte es sich um einen Wolf oder einen Luchs auf Nahrungssuche. Dennoch machten sie sich auf den Weg, um das unbekannte Objekt zu untersuchen.
Dreißig Minuten später hatten sie das Zielgebiet erreicht. Sie befanden sich inmitten der Gletscherregion. Heftige Sturmböen machten eine akustische Kommunikation unmöglich. Doch darauf waren die Cyborgs nicht angewiesen.
»Ortung in vierzehn Metern voraus. Da steckt etwas in der Gletscherspalte!« R113K empfing Benjamins Interkomsignal vollkommen störungsfrei. Als sie sich dem Rand der Spalte näherten, sahen sie, dass eine mit Bärenfell bekleidete Person etwa drei Meter tief in den Abgrund gestürzt und zwischen den Eiswänden festgeklemmt war. Benjamin erkannte sofort, dass es sich um einen Pet handelte. Das waren verwilderte Nachfahren der Menschen, denen man es vor Jahrhunderten verweigert hatte, sich ins Essentials-Netz einzuspeisen. Die meisten von ihnen waren Kriminelle oder litten an einer Psychose oder Geisteskrankheiten. Im Laufe der Zeit zogen sich die Pets in die sich auf der Erde ausbreitenden Urwälder zurück und lebten von der Jagd.
Der arme Kerl war höchstens sechzehn Jahre alt und musste schon längere Zeit dort unten feststecken. Er war halb erfroren und seine seltenen Bewegungen wirkten kraftlos.
R113K ließ den Laserblaster aus seinem Torso herausfahren und zielte auf den Jungen.
»Was machst du da, Robert? Was hast du vor?«, fragte Benjamin und stellte sich dem Cyborg in den Weg. Gleichzeitig aktivierte auch er seine Waffensysteme.
»Geh aus dem Weg, B556Z2! Der Pet ist in die Sicherheitszone eingedrungen und wird eliminiert!« R113K wollte sich an Benjamin vorbeischieben, doch der blockierte weiter mit seinem mächtigen Titan-Körper den Weg.
»Rede keinen Unsinn, Robert! Der Junge ist nirgendwo eingedrungen und kilometerweit vom Wallisdistrikt entfernt. Lass ihn einfach in Ruhe.«
»Negativ!« R113K feuerte aus kürzester Distanz seinen Laser ab, dessen Strahl Benjamin in den Bereich traf, wo sein rechter Greifarm aus dem Rumpf entsprang. Er wurde von der Wucht des Schusses zur Seite gerissen, aber auch R113K taumelte von dem Rückstoß nach hinten. Benjamins Steuerungselektronik sorgte dafür, dass ihn sein Antigravantrieb rasch wieder ausbalancierte. Dann feuerte er eine Lasersalve auf den Schädel des gegnerischen Cyborgs. Es war nahezu unmöglich, dass sich Veterans durch ihre Waffensysteme gegenseitig zerstören konnten, dennoch wurden R113Ks optische Sensoren durch Benjamins Treffer kurzfristig gestört, sodass er die Orientierung verlor und blind um sich feuerte. Benjamin nutzte die Gelegenheit, raste vorwärts und brachte eine thermonukleare Haftladung an der Halsmechanik des Cyborgs an. Dann brachte er sich durch einen Sprung in die Gletscherspalte in Sicherheit. Kurz darauf kam es zur Detonation. Ein greller bläulicher Feuerblitz gefolgt von einer heftigen Druckwelle zog über Benjamin hinweg, der seinen Titankörper schützend über den Pet gelegt hatte.
Als es vorbei war, befreite er den vor Schmerzen stöhnenden Jungen aus seiner Eisfalle und schwebte mit ihm in den Armen aus dem Abgrund hervor. Der kopflose Rumpf von R113K lag im Schnee, um ihn herum dampften noch ein paar zerrissene Stahlsplitter. Benjamin machte sich auf den Weg Richtung Tal, wo er das Dorf der Pets vermutete, zu dem der Junge gehörte. Wahrscheinlich war er bei der Jagd vom Unwetter überrascht worden und in die Gletscherspalte gestürzt. Auf dem Rücken trug er einen leeren Pfeilköcher.
Nach zwei Stunden fand er am Ufer eines Flusses tatsächlich eine Siedlung. Die Bewohner waren offensichtlich in den nahen Wald geflüchtet, als sich ihnen der furchterregende Cyborg näherte. Nachdem Benjamin den Jungen vorsichtig in der Mitte des Dorfes abgelegt hatte, entfernte er sich rasch und beobachtete aus sicherer Entfernung von einer Anhöhe aus, was weiter geschah. Schon bald kehrten die Pets zurück und kümmerten sich um ihren geretteten Stammesgenossen. Zufrieden sah der Cyborg, wie glücklich die Menschen waren und sich freuten, dass der Vermisste wieder unter ihnen war. Nach einer Weile verließ Benjamin seinen Platz und folgte einem Pfad ins Gebirge. Zurück in den Wallisdistrikt konnte und wollte er nicht mehr. Er zog sich in eine Höhle unterhalb des Berggipfels zurück und wachte über die Dorfbewohner im Tal.
Am nächsten Tag sah er, wie sich mehrere Dorfbewohner auf den Weg machten, um seinen Spuren zu folgen. Jenseits der Baumgrenze machten sie Halt und zündeten ein Feuer an. Daneben breiteten sie Tierfelle aus und legten Brot und Fleisch darauf, als Geschenk für den großen Alten, der einen der Ihren vor dem sicheren Tod gerettet hatte. Sie hoben die Arme in die Luft, tanzten und sangen Lieder, um ihn zu ehren. Später, sehr viel später kehrten sie ins Tal zurück.
Der menschlichen Gesellschaft dienen …, schoss es Benjamin wieder durch den Kopf. Ja! Er wollte den letzten wahren Menschen auf dieser Erde dienen und sie beschützen. Beschützen vor seinesgleichen, die irgendwann kommen würden. Das war sicher. So sicher, wie er Benjamin Fowler hieß, geboren am 20. Juli 1998 in London.
Die Inspiration
Inspiriert zu der Story hat mich Kate Bushs Single »Wild man«, eine Art Ode an den Yeti. Der große Alte der schneebedeckten Berge, den die Menschen gleichzeitig fürchten und verehren. Das einsame Ungeheuer, das man jagen und töten will, dem man aber gleichzeitig wie einem Gott huldigt.
Die Menge in der Arena tobte vor Begeisterung. Im Ring lag mit verdrehtem Genick die Schlitzerechse. Aus dem mit messerscharfen Zähnen bewehrten Maul des zwei Meter großen und zweihundertfünfzig Kilogramm schweren Kampfsauriers quoll ein Schwall dunkelroten Blutes. Sein schweres Atmen klang rasselnd und keuchend.
Die Mighty Twins – Butcher 1 und Butcher 2 – hoben triumphierend ihre Fäuste in die Luft. Der Kampf dauerte gerade mal zwanzig Minuten, dann war’s schon vorbei. Dennoch war das Publikum zufrieden. Die Zwillinge waren die neueste Sensation und die Lieblinge der Massen in der Kampfarena von Saturn-Town.
Butcher 1 hatte lediglich eine Schramme über der linken blonden Augenbraue, die ihm der Schlitzer mit einer seiner rasierklingenartigen Klauen zugefügt hatte. Dies war das Einzige, was ihn von seinem Bruder Butcher 2 zurzeit äußerlich unterschied. Während sich die beiden noch von der Menge bejubeln ließen, räumten zwei MechanoBots den Schwerverletzten mit ihren Titangreifern aus dem Ring. Dahinter folgte ein Servo, der mit lautem Gebrumm und Gepiepe die blutige Sauerei vom Ringboden wegwischte.
Aufgebracht verließ Don Kong seine Loge. Vier Gators folgten ihm auf dem Fuße. Der fette, grobschlächtige Halbsaurier – eine Züchtung aus Sumpfraptor und Mensch – steckte sich eine Zigarette ins Maul, fand aber vor lauter Wut sein Feuerzeug nicht in den Taschen des teuren, aber geschmacklosen DesignerAnzuges. Kong war der zurzeit mächtigste und rücksichtsloseste Kampfpromoter von Saturn-Town.
»Gib mir Feuer, du Schlampe!«, fuhr er eine kleine brünette Hostess an, die ihm in ihrem hautengen blauen Minikleid auf dem Flur über den Weg lief. Mit zitternden Händen tat sie hastig das, was von ihr verlangt wurde. Don Kong blies ihr abfällig den Rauch ins Gesicht.
»Nun verschwinde, du Flasche!« Sadistisch stieß er sie mit dem Ellbogen in die Magengrube, sodass die Kleine mit einem Stöhnen zusammenklappte. Die vier Gators in seinem Schlepptau lachten höhnisch.
Als die Gruppe um die Ecke bog, blieben sie abrupt stehen. Vor ihnen sahen sie eine nur 1,65 Meter große, aber mindestens 100 Kilo schwere und muskelbepackte Gestalt mit weißblond gefärbter Punkfrisur, die gerade einer Horde Journalisten ein Interview gab. Mighty Ma Butcher, die Mutter der Mighty Twins und Chefin der Butcher-Clone-Fight-Association.
Sie gehörte einer alten traditionsreichen Sippe von Arenakämpfern an. Über viele Generationen hinweg wurden bereits aus dem Genpool der Familie Butcher die besten Kämpfer geclont.
Immer wieder hatten in den vergangenen Jahrzehnten konkurrierende Kampfklans versucht, aus gestohlenem Erbmaterial der Butchers ihre eigenen Topfighter zu züchten. Doch seitdem Mighty Ma den Gencode ihrer Sippe als eingetragene Marke bei »clonery – art and design« hatte rechtlich schützen lassen, fanden diese Machenschaften ein Ende.
Mighty Ma versuchte, die aufdringlichen Reporter loszuwerden, und bahnte sich einen Weg zum Arenalift. Dort wartete bereits Don Kong mit seinen Gators. Als Ma in der Kabine stand, blockierten sie den Journalisten den Weg und hielten sie mit ein paar gezielten Schlägen auf Distanz. Ein kurzer Schmerzensschrei, ein paar empörte Flüche – dann schloss sich die Lifttür. Die Gators und Mighty Ma waren nun alleine im Aufzug.
Ma sagte nichts. Mit Verachtung sah sie Don Kong in sein böse grinsendes Echsenmaul.
»Wegen dir haben wir viel Geld verloren, du alte Vettel«, giftete er sie an.
»Das wird vielen einflussreichen Leuten, die sehr viel Geld auf meinen Fighter gesetzt haben, nicht gefallen.« Don Kong warf Ma den glimmenden Zigarettenstummel vor die Füße.
»Deine einflussreichen Leute können mich kreuzweise, sag ihnen das«, schnaufte Mighty Ma. »Und das, was du heute mit deiner stinkenden Kampfechse erlebt hast, wird sich nächste Woche mit deinem Liebling Brutus Bargain wiederholen.« Sie spuckte ihm vor die Spitzen seiner polierten roten Schlangenleder-Schuhe.
Inzwischen war der Aufzug im Erdgeschoss angekommen. Ma wollte sich an den Gators vorbeidrängen, doch Don Kong sorgte mit einem Knopfdruck dafür, dass die Tür verschlossen blieb.
»Brutus ist unbesiegbar. Merk dir das, Schlampe!« Don Kong war jetzt so nah mit seinem geifernden Maul gekommen, dass ihr ein Gestank nach Aas und Verwesung entgegen drang. Ma wurde es übel, dennoch wich sie nicht zurück und starrte ihm in seine tückischen Augen.
»So, Bürschchen. Ich sag dir mal was: Du gehst mir jetzt mitsamt deinen vier hässlichen Spielkameraden aus dem Weg und lässt mich hier raus, oder meine Söhne statten dir einen Besuch ab und drehen dir deinen ungewaschenen Echsenhals um.« Mighty Mas Stimme war nicht mehr als ein raues Flüstern, doch sie verfehlte nicht ihre Wirkung. Wortlos traten Don Kong und seine Gang beiseite. Die Aufzugtür glitt zur Seite. Draußen wartete wieder eine Horde Journalisten. Als sie Ma sahen, leuchtete ein Blitzlichtgewitter auf.
»Mighty Ma! Wie stehn nach diesem grandiosen Sieg die Chancen der Mighty Twins gegen Brutus Bargain?«, rief ihr jemand entgegen. Eilig verließ sie die Kabine und stellte sich den Reportern.
Bevor sich der Aufzug schloss, hörte Don Kong noch ihre Antwort.
»Meine Söhne werden Brutus den schuppigen Schwanz einen Meter tief in seinen Allerwertesten stopfen, Gentlemen.« Don Kong und seine Gang fuhren weiter ins Kellergeschoss und liefen durch die Arenakatakomben Richtung Parkplatz ihres Airdilac.
»Boss. Was ist, wenn die Alte recht behält und Brutus verliert?« Abrupt blieb Don Kong stehn, sodass die vier Gators gegeneinanderprallten und fast gestürzt wären.
»Brutus wird nicht verlieren, du schwachköpfiger Sohn eines Sumpfkrokodils!« Der Halbsaurier schnappte mit seinem Maul nach dem Gator, der die Frage gestellt hatte.
»Und damit das so ist, werden wir entsprechende Vorkehrungen treffen.« Ein heimtückisches Leuchten trat in Kongs Augen. Seine vier Begleiter glotzten sich nur gegenseitig ratlos an.
Eine Woche später … Eine große, kräftige Gestalt im dunklen Trenchcoat schlich eilig im Schutz der Häuserwände entlang. Immer wieder blickte er misstrauisch über seine Schulter und hielt nach möglichen Verfolgern Ausschau. Doch die Straße war fast menschenleer. Die Gestalt verschwand unerkannt in einem Hauseingang. Sie hastete nahezu lautlos die Treppen hinauf, bis sie in der zweiten Etage vor einer Türe stehen blieb. Neben der Türe hing ein Schild: »Sony u. Ironman – Investigators«. Dann klopfte die Gestalt im Trenchcoat an.
»Herein!« Der dunkelhaarige Mann war Anfang dreißig. Er saß in seinem Stuhl und hatte die Beine auf den Tisch gelegt. Gelangweilt blätterte er in seinem Magazin »Planet Sports« und schaute mäßig interessiert von seiner Lektüre auf.
