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1, 9, 11, 20, 300 und 2020! Diese Zahlen spielen in jeder einzelnen Geschichte eine tragende Rolle. Warum? Weil genau das die Aufgabe war, die der Verleger seinen Autoren stellte. Dabei durften sie es sich nicht so einfach machen, 9 Raumgleiter durchs Jahr 2020 fliegen zu lassen. Warum er genau diese Zahlenfolge wählte, wissen wir nicht. Wir können nur sagen, dass die Autoren in diesem Buch sich der Herausforderung stellten und die Vorgabe auf unterschiedlichste Art und Weise meisterten. Heraus kamen Geschichten aus der Zukunft, die alle lesenswert sind. Überzeugen Sie sich selbst. Die Geschichten: Paul Sanker: Es hat dich nie gegeben Enzo Asui: Die Smileys von Triangel Galax Acheronian: Nur das Beste Peter Stohl: Consumwelt Werner Karl: 1 – 9 – 11 – 20 – 300 – 2020 Marianne Labisch: Verbannung Michael Alois Ortner: Für das Rïjch, allein für das Rïjch Jeanine Lefèvre: Identität: Unbekannt Das Titelbild schuf Galax Acheronian.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 371
Veröffentlichungsjahr: 2020
Marianne Labisch & Galax Acheronian (Hrsg.)
Story Center
AndroSF 110
Marianne Labisch
& Galax Acheronian (Hrsg.)
NUMMERN
Story Center
AndroSF 110
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Juni 2020
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Galax Acheronian
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat: Marianne Labisch, Galax Acheronian
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 193 8
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 896 8
1 | eins
Sechs Zahlen.
9 | neun
Keine Entfernung. Keine Menge.
11 | elf
Keine Zeit, kein Datum.
20 | zwanzig
Eine Aufgabe.
300 | dreihundert
Acht Autoren.
2020 | zwanzigzwanzig
Acht Lösungen.
Den zwei Herausgebern
Marianne Labisch & Galax Acheronian
im April 2020 untergeschoben
www.pmachinery.de/archive/496
»Weltweit werden zwischen 250.000 und 300.000 Jungen und Mädchen als Kindersoldaten gehalten. Sie werden meist entführt, geschlagen, vergewaltigt und dann zu Tötungsmaschinen erzogen. Obwohl der Missbrauch von Kindern als Soldaten international verboten und geächtet ist, werden Minderjährige dennoch rekrutiert – nicht nur von Rebellenorganisationen und Milizen, sondern auch von Regierungstruppen.«
Aus einem Bericht des Kinderhilfswerks UNICEF von 2010.
»Wir müssen ihn so schnell wie möglich ausschalten!« Modulator Arthur Clarke brüllte regelrecht in das Kommunikationssystem. »Hast du mich verstanden?«
»Dazu müssen wir ihn zunächst einmal finden«, antwortete Ken Bulling lakonisch. Der kleine schmächtige Operator befand sich als Sklave getarnt in einem Kellerraum unterhalb des Kolosseums.
Nachdenklich drehte er die so unscheinbar wirkende Zeitbombe in den Händen. Wäre sie explodiert, würde halb Rom jetzt ein Trümmerhaufen sein. Der Zündmechanismus maß nicht mehr als Bullings kleiner Finger und bestand aus einer Glasampulle, die mit Nexium gefüllt war. Das seltene Edelgas entfaltete zusammen mit dem Sauerstoff der Luft ein verheerendes Gemisch mit der Sprengkraft von hundert Tonnen TNT. Zum Glück wurde das Institut für Zeitreisen rechtzeitig vorgewarnt, sodass ein Operator losgeschickt werden konnte, um die Katastrophe gerade noch zu verhindern.
Gewarnt hatte sie der Konstrukteur der Bombe höchstpersönlich. Es handelte sich um Viktor Donkov. Er war Operator des Ministeriums zur Abwehr von Zeitturbulenzen, kurz MAZ genannt, genauso wie Bulling. Netterweise hatte er gleich neben der Nexiumampulle einen winzigen Transtemporalsignalgeber aktiviert, der von der Zentrale geortet werden konnte. Normalerweise war solch ein Gerät dazu gedacht, um Hilfe anzufordern, falls ein Zeitreiseteam in unerwartete Schwierigkeiten geriet.
Nach Bullings Ansicht war Donkov einfach nur durchgeknallt. Er gehörte zu den dienstältesten Operatoren des MAZ. Operatoren mussten als eine Art Mädchen für alles herhalten. Sie wurden losgeschickt, wenn irgendwo Zeitturbulenzen mit Verwerfungen der Kausalitätsraster und der Gefahr von Zeitparadoxa auftraten. Bei diesem Job steckte man ständig mitten im Strahlungsfeld des Materie-Antimaterie-Kondensators, dem Herzstück einer Zeitfähre. Dies konnte über die Jahre zu neurologisch-psychiatrischen Störungen durch Schädigungen des Zentralnervensystems führen. Meistens kam es nur zu chronischen Kopfschmerzen, Sehstörungen oder selten einmal zu epileptischen Krampfanfällen. Manchmal beobachtete man aber auch Symptome wie Halluzinationen, Persönlichkeitsspaltungen oder Verfolgungswahn.
Bei Donkov konnte man dagegen am ehesten von krankhaftem Größenwahn reden. Vor einer Woche ließ er mitten in der Wüste Judäas im ersten Jahrhundert vor Christus einen ähnlichen Sprengsatz hochgehen, wie ihn jetzt Bulling unter dem Kolosseum gefunden hatte. Zum Glück lebte niemand in dieser gottverlassenen Gegend, sodass es zu keinem erkennbaren Eingriff in den Zeitstrom gekommen war. Kurz darauf meldete sich Donkov und kündete an, eine unumkehrbare Korrektur der Geschichte durch ein ultimatives Paradoxon herbeiführen zu wollen.
Großzügigerweise wollte er aber dem MAZ die Chance geben, das Unabänderliche doch noch zu verhindern, indem er uns vier Hinweise gab, durch die wir herausfinden konnten, wo und wann das angekündigte Attentat stattfinden sollte. Seitdem blieb Donkov verschwunden.
In der Tat entdeckte ein Exkursionstrupp an der Detonationsstelle in der judäischen Wüste einen modernen Aluminiumaktenkoffer. Darin fand sich eine Bibel mit einem Lesezeichen im Buch der Psalmen. Rot unterstrichen war der Vers: Alle, die dich kennen, Herr, setzen auf dich ihr Vertrauen. Du lässt niemand im Stich, der deine Nähe sucht.
Auch Bulling hatte jetzt einen solchen Alukoffer in der Hand, als er die Zentrale des MAZ nach seiner Rückkehr aus der Ewigen Stadt betrat. Gespannt schaute der zwölfköpfige Krisenstab des Zeitministeriums zu, wie Modulator Clarke eine weitere Bibel daraus zum Vorschein brachte. Diesmal fand sich die Markierung unter folgender Textstelle: Ein Psalm Davids, vorzusingen.
Das war’s. Nur ratloses Gemurmel war von den Anwesenden zu hören. Nachdem Clarke noch eine Weile auf den Bibelvers gestarrt hatte, knallte er das Buch wütend auf den Tisch.
»Der Kerl will uns bloß verarschen!«, brüllte er mit hochrotem Kopf. Bulling beobachtete beunruhigt, wie die Schläfenader seines Vorgesetzten heftig pulsierte.
»Das glaube ich nicht, Modulator Clarke«, meldete sich ein untersetzter, grauhaariger Mann zu Wort. Halo Singh war der Leiter der Ausbildungsakademie für Operatoren. »Donkov mag psychisch gestört sein, aber dumme Scherze macht er keinesfalls. Er ist durchaus ernst zu nehmen.«
»Da stimme ich Ihnen unbedingt zu, Direktor Singh«, sagte Geoffrey Pak nickend, Kommissar für Innere Angelegenheiten des MAZ.
»Donkov sprach jedoch von vier Hinweisen auf den geplanten Sabotageakt. Wir sollten also auf die nächsten beiden Puzzleteile des Rätsels warten.«
Zustimmende Bemerkungen kamen von allen Seiten.
»Wieso solche Umstände? Reisen wir doch einfach in die Zeit zurück, eine Stunde, bevor der Signalgeber anfängt zu senden! Wir können dann in Ruhe auf den Mistkerl warten und ihn unschädlich machen«, zischte Clarke.
»Alleine an diese simple Möglichkeit zu denken, bedeutet eine gefährliche Unterschätzung von Donkovs Intelligenz«, antwortete Singh trocken. »Wir wissen längst, dass die Sprengsätze aus unserer Gegenwart ferngezündet werden. Die Bomben können bereits Wochen vorher an ihrem Bestimmungsort deponiert worden sein.«
Nun erhob sich Bruce Kim, der Leiter der Abteilung zur Verhinderung von Zeitverbrechen.
»Das eigentliche Problem liegt darin, dass wir gar nicht definitiv abschätzen können, was bei Herbeiführung eines ernsthaften Paradoxons tatsächlich passiert. Ich möchte an dieser Stelle nur den Capello-Effekt nennen.«
Seit der zweiten Hälfte des dreiundzwanzigsten Jahrhunderts gab es zwei unterschiedliche Theorien dazu, was geschehen würde, falls jemand bei einer Reise in die Vergangenheit durch seine Handlungen eine Änderung der Zukunft bewirken sollte.
Die etablierte Lehrmeinung dazu war, dass solche tief greifenden Eingriffe gar nicht möglich seien. Das Raum-Zeit-Kontinuum würde gröbere Änderungen des linearen Zeitstromes nicht zulassen und Verwerfungen selbst korrigieren. Das hieße, wenn jemand den zukünftigen Erfinder des Rades erschlagen hätte, dann würde jemand anderes an dessen Stelle das tun, was getan werden müsste, um das Rad zu erfinden.
Eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe um den Kosmophysiker Fabrizio Capello sorgte dagegen im Jahr 2438 für Aufregung durch einen wissenschaftlichen Aufsatz, in dem er nachzuweisen versuchte, dass jeder Eingriff in die Vergangenheit zu einem sofortigen Abbruch des Zeitstrahles führe. Nach seiner Theorie leben wir an der Spitze des Zeitstrahles. Dies erklärt auch, warum wir bisher keinen Besuch aus der Zukunft erhalten haben. Vor uns gibt es nichts.
Wenn ein Zeitreisender im Jahre 800 durch die Ermordung Karls des Großen ein Paradoxon verursachen würde, käme es zum Bruch des Zeitstrahles. Die Zukunft würde mit dem Tod des Kaisers wieder neu beginnen. Das Mittelalter, die Reformation, Erster und Zweiter Weltkrieg hätte es nie gegeben. Das eigentlich Sensationelle aber war, dass Capellos Team durch komplizierte quantenmechanische Berechnungen glaubte, beweisen zu können, dass die sogenannten schwarzen Löcher im Universum direkte Folgen von solchen Zeitstrahlbrüchen seien. Das hieße also, dass es sich nicht etwa um ein noch nie da gewesenes singuläres Phänomen handle, das es zu verhindern galt, sondern dass es bei der Schaffung von Paradoxa um sich ständig wiederholende, sozusagen alltägliche Ereignisse handle. In Fachkreisen spricht man seitdem vom Capello-Effekt.
Die Vorstellung, dass durch ungewollte oder mutwillige Manipulationen in der Vergangenheit die Zukunft und damit die Existenz der gegenwärtigen Menschheit nicht nur ausgelöscht, sondern sozusagen nihilisiert würde, erschreckte die Verantwortlichen des MAZ so sehr, dass eine Abteilung zur Verhinderung von Zeitverbrechen, kurz AVZ, mit besonders weitreichenden Kompetenzen geschaffen wurde.
Modulator Clarke hatte sich inzwischen wieder unter Kontrolle und auf seinem Stuhl Platz genommen.
»Nun gut, meine Herren. Warten wir’s ab. Mehr können wir wahrscheinlich im Augenblick sowieso nicht tun.«
Dann wandte er sich um und deutete mit einer knappen Geste auf Bulling, der als Einziger in der Runde etwas abseits stand.
»Operator Ken Bulling leitet das Sondereinsatzkommando Donkov und verfolgt weitere Spuren und Hinweise, die uns in dem Fall weiterhelfen können.«
Bulling machte einen knappen Ansatz zur Verbeugung und zeigte ein höfliches Lächeln. Die Angehörigen des Krisenstabes musterten ihn neugierig, so als hätten sie ihn gerade eben erst zur Kenntnis genommen.
Sondereinsatzkommando!, dachte der Operator verbittert. Damit war ausschließlich er allein gemeint. Zum einen musste die Affäre Donkov möglichst geheim gehalten werden. Nur die Personen, die sich in diesem Raum befanden, waren über die Krisenlage unterrichtet. Zum anderen konnte eine Zeitfähre sowieso immer nur eine einzige Person transportieren. Das MAZ besaß derzeit dreißig Maschinen, die sich alle ständig irgendwo im Einsatz befanden. Eine Unterstützung Bullings durch weitere Einsatzkräfte war somit gar nicht möglich.
»Erst als die Schusswechsel aufhörten, merkten wir, dass wir auf Kinder geschossen hatten. Die Verletzten schrien nach ihren Müttern«, berichtete der Soldat der Zentralafrikanischen Schutztruppe.
Aus dem Tagebuch von Nguono Bano, 15. September 2019.
Drei Tage später schlug erneut ein Transtemporalsignalgeber Alarm. Die Peilung ergab als Ursprungskoordinaten Kyoto im Jahr 1788.
In rekordverdächtiger Eile gelang es den Maskenbildnern der Zentrale, Bulling in einen Shogun der japanischen Edo-Periode zu verwandeln. Zum Glück war im Archiv das passende Spracherkennungsmodul vorhanden, womit die Mikrospeicher im Kehlkopf und Temporallappen des Operators programmiert werden konnten.
Nach seiner Ankunft am Zielort wies er sich als Stadtkommissar von Okayama aus, der zu einer Audienz beim Kaiser erschien. In einem unbeobachteten Augenblick verschwand er im westlichen Seitenflügel des Palastes, wo hochrangige Regierungsbeamte und Aristokraten gewöhnlich ihr Frühstück einnahmen. Um diese Zeit war der Bereich des Palastes aber verlassen.
Er entdeckte den erwarteten Sprengsatz an der Rückseite eines Bambusparavents. Nachdem er ihn entschärft hatte, schaute sich Bulling nach dem dritten Hinweis des Attentäters um. Doch der Raum war bis auf ein paar Matten und Seidenkissen auf dem Boden leer. Ziemlich ratlos stand er herum und wusste nicht, was er tun sollte. Auf jeden Fall musste er verschwinden, bevor er hier von einem Bediensteten entdeckt wurde.
Der Operator betrachtete nun den Paravent etwas genauer. Er erkannte darauf Motive des japanischen Sonnenkalenders. Als er näher herantrat, stutzte Bulling plötzlich. Über dem dreihundertsten Längengrad, dem Daikan, hatte jemand winzig klein mit Tusche das Zeichen einer Friedenstaube gemalt. Witzbold!, dachte der Operator unwillkürlich. Schnell machte er mehrere Detailaufnahmen mit seiner Mikrokamera und sah zu, dass er von hier fortkam.
»Sie waren noch Kinder, genau wie ich selbst, die in etwas hineingerieten, das sie nicht beeinflussen konnten. Vielleicht hatten sie im Busch an ihre Eltern und Geschwister gedacht und sich allein und verängstigt gefühlt wie ich.«
Aus dem Tagebuch von Nguono Bano, 11. Oktober 2019.
Keine achtundvierzig Stunden später führte ein weiterer Signalgeber Bulling nach Wien ins Jahr 1886. Der Sprengsatz war in einem Universitätshörsaal der medizinischen Fakultät deponiert worden, wo Sigmund Freud am Abend einen Vortrag über männliche Hysterie halten sollte.
Der Operator hatte zunächst erwartet, dass Donkov die Bombe im Rednerpult verstecken würde. Überraschenderweise fand er dort jedoch nichts. Als er sich gerade weiter umschauen wollte, öffnete sich die hintere Tür des Hörsaals und der Hausmeister der Fakultät trat ein. Der korpulente Mittfünfziger trug einen langen, grauen Arbeitskittel und kam mit drohender Miene hinter seinem Kaiser-Franz-Josef-Bart auf Bulling zu.
»Woas mochens denn hier, werter Herr?«, rief er Bulling in breitem wienerischen Akzent zu. »Hier hoams nix zum suchen!«
»Ich bin der Sekretär von Professor Freud, guter Mann«, antwortete der Operator geistesgegenwärtig. »Ich muss dafür sorgen, dass der Herr Professor alles zu seiner Zufriedenheit vorfindet, wenn er am Abend seinen Vortrag hält.«
Als er merkte, dass der Hausmeister verunsichert war und nicht wusste, was er darauf sagen sollte, setzte Bulling frech nach. »Und wie ich zu meinem Bedauern feststellen muss, hat die hiesige Fakultät noch gar nichts vorbereitet!« Scheinbar entrüstet verdrehte er theatralisch die Augen. »Oh je! Wenn das nachher nur keinen Skandal gibt. Ich hoffe nur, dass ich das noch rechtzeitig in Ordnung bringen kann.«
Der Hausmeister errötete heftig. »Nun … äh, na nix für ungut, werter Herr!«, setzte er stotternd an. »Mir hoat doch koaner nix gsoagt über den Herrn Professor und des woas er Wichtiges zu reden hoat.«
Er gestikulierte aufgeregt mit seinen behaarten Pranken in der Luft herum.
»Ich bitt Sie goanz herzlich, werter Herr, richtens sich olles so her, so wies der Herr Professor gern hätt! Der Zeigestab steckt übrigens hinter der Tafel.«
Damit drehte er sich, ganz kleinlaut geworden, um und sah zu, dass er den Saal so schnell wie möglich verließ.
Bulling atmete erleichtert auf. Dann schaute er hinter die Schiefertafel, auf die ihn der Hausmeister hingewiesen hatte. Und in der Tat fand er dort nicht nur den Zeigestab, sondern auch den Sprengsatz, der mit modernem Paketklebeband befestigt war. Er entfernte rasch die Bombe. An der Rückseite klebte ein Zettel mit der Aufschrift: Wer normal sieht, der wird auch finden …! Gruß D.
Was hatte das schon wieder zu bedeuten? Dann wurde er auf das Plakat aufmerksam, das direkt neben der Schiefertafel an der Wand hing. Es handelte sich um eine Sehprobentafel, so wie sie auch Augenärzte in ihren Praxen verwendeten. Bestand da ein Zusammenhang mit Donkovs kryptischer Botschaft? Für alle Fälle machte er ein Foto von dem Plakat, bevor er wieder in die Gegenwart reiste.
»Wir mussten lange Märsche mit den Rucksäcken machen und laufen. Ich war elf, und wenn ich nicht mithalten konnte, wurde ich geschlagen.«
Aus dem Tagebuch des Nguono Bano, 19. Januar 2020.
Erneut hatte sich der Krisenstab im unterirdischen abhörsicheren Raum der Zentrale des MAZ versammelt. Auf dem Tisch vor ihnen lagen die angeblichen Hinweise auf das geplante Attentat Donkovs zur Schaffung eines ultimativen Zeitparadoxons. Zunächst waren da die beiden Bibeln mit den markierten Psalmtexten. Daneben das Foto vom Paravent aus dem japanischen Kaiserpalast und schließlich die Aufnahme des Sehschärfentests aus der Wiener Universität.
Max von Bredau fasste die Ergebnisse des Profilerstabs vom AVZ zusammen. Von Bredau war mit seinen dreißig Jahren der jüngste Ressortchef des MAZ und galt als Wunderkind auf seinem Gebiet der logistischen Datenanalyse und Strategieplanung. Bulling hielt ihn für einen schmierigen Wichtigtuer, doch da er wusste, dass die Meinung eines einfachen Operators in diesem Kreis wenig zählte, hielt er sich zurück und beschränkte sich aufs Zuhören.
»Meine Herrschaften, ich möchte gleich zur Sache kommen und Ihnen mitteilen, dass es uns aller Wahrscheinlichkeit nach gelungen ist, Donkovs Hinweise auf sein geplantes Zeitverbrechen zu entschlüsseln.« Ein hochmütiges Grinsen umspielte seinen Mund. Er machte eine Kunstpause, bevor er weiterredete. Die Anwesenden hörten angespannt zu und rutschten unruhig auf ihren Plätzen hin und her.
»Beginnen wir zunächst mit den Fakten, die uns Donkov selbst verraten hat. Er spricht von Hinweisen, die uns ermöglichen sollen, das angedrohte ultimative Paradoxon zu verhindern. Das kann nur gelingen, wenn er uns verrät, wann und wo der Anschlag stattfinden soll, damit wir rechtzeitig dort hinreisen können, um das Vorhaben zu vereiteln. Um eine Zeitreise programmieren zu können, brauchen wir mindestens Angaben zum Jahr und zum Tag des Zielpunktes sowie die räumlichen Koordinaten mit Angabe des Längen- und Breitengrades. Das heißt, wir brauchen vier Variablen, um unser Ziel in einem vierdimensionalen Raum-Zeit-Koordinatensystem definieren zu können. Und voilà …« Von Bredau aktivierte rasch den Holo-Beamer, mit dem er die vier von Bulling beschafften Gegenstände im Raum projizierte. »Wir haben genau vier Hinweise bekommen.«
»Wir müssen uns diese vier Hinweise als eine Art von Bilderrätsel oder Drudel vorstellen, das heißt, wir müssen herausfinden, welche Bedeutung hinter dem konkreten Bild oder Gegenstand steckt.«
»Kommen Sie endlich auf den Punkt!«, schnarrte Modulator Clarke ungeduldig. Von Bredau warf ihm einen kurzen, missbilligenden Blick zu, redete aber schnell weiter.
»Am einfachsten zu entschlüsseln war die Darstellung aus dem alten Kaiserpalast von Kyoto« Das Hologramm des Bambusparavents wurde rasch größer und zeigte in allen Einzelheiten die darauf abgebildete Darstellung des Sonnenkalenders.
»Donkovs lächerliche kleine Friedenstaube zeigt auf den dreihundertsten Längengrad. Dies entspricht in etwa dem zwanzigsten Januar unseres gregorianischen Kalenders. Der zwanzigste Januar ist also der Tag, an dem das besagte Zeitverbrechen stattfinden soll.«
Aufgeregtes Raunen und anerkennendes Kopfnicken ließen von Bredau strahlen und eifrig in seinem Vortrag fortfahren. Das Hologramm des Paravents verschwand, dafür schwebte nun die Sehschärfetafel aus Wien in der Luft.
»Es handelt sich hierbei um den sogenannten Snellen-Index nach dem niederländischen Augenarzt Herman Snellen. Zusätzlich hat uns Donkov die Botschaft hinterlassen: Wer normal sieht, der wird auch finden. Der Normalsichtige mit einem Sehvermögen von hundert Prozent hat nach dem Snellen-Index eine Sehschärfe von zwanzig/zwanzig. Und somit lautet unser Zieljahr 2020!«
Wieder erklang das anerkennende Raunen der Anwesenden. Einige klopften beifällig auf den Tisch. Bulling musste zugeben, dass der Kerl einiges auf dem Kasten hatte. Von Bredau fuhr indes fort.
»Bleiben uns noch die beiden Psalmen.« Die Darstellung des Snellen-Index verschwand, stattdessen konnten jetzt alle die beiden Bibelzitate lesen: Alle, die dich kennen, Herr, setzen auf dich ihr Vertrauen. Du lässt niemand im Stich, der deine Nähe sucht. Und darunter: Ein Psalm Davids, vorzusingen.
»Was verraten uns diese Worte über die noch fehlenden geografischen Zielkoordinaten?«
Wie ein Oberlehrer, der die Lösung der Mathematikaufgabe bereits kennt, die Antwort aber von den Schülern hören will, blickte er über die Köpfe des Krisenstabs. Als er Clarkes wütenden Blick bemerkte, beeilte sich von Bredau, fortzufahren.
»Auf den ersten Blick gar nichts. Aber wenn wir uns vergegenwärtigen, dass es sich bei den Zitaten um den Psalm neun, Vers elf beziehungsweise um Psalm zwanzig, Vers eins des Alten Testamentes handelt, dann sieht die Sache plötzlich ganz anders aus. Unser Zielort ist bei neun Grad, elf Minuten nördlicher Länge und zwanzig Grad, eine Minute östlicher Breite zu finden. Und zwar am zwanzigsten Januar des Jahres 2020!«
Nun hielt es die Zuhörer nicht mehr auf ihren Plätzen. Alle diskutierten, redeten und riefen durcheinander. Nach einer geraumen Weile wurde es ruhiger im Konferenzraum. Bulling ließ ein schüchternes Räuspern hören, bevor er seine Frage stellte.
»Und auf welchen Ort weisen nun diese angeblichen Zielkoordinaten hin?«
Alle Augen richteten sich wieder auf von Bredau.
»Er befindet sich im Norden der Zentralafrikanischen Republik, wenige Kilometer von der Grenze zum Tschad«, lautete die Antwort des Profilers.
»Und was genau befindet sich dort?«, bohrte Bulling weiter.
Von Bredau zuckte unsicher die Achseln.
»Keine Ahnung. Es handelt sich um Niemandsland inmitten eines Bürgerkriegsgebietes. Die historischen Archive liefern keine Informationen über ein bedeutsames Ereignis an diesem Ort zu diesem besonderen Zeitpunkt.«
»Ich habe Sarh 2018, also vor zwei Jahren, verlassen. Ich war allein und habe es niemandem erzählt. Ich wusste, wo ich mich der Rebellion anschließen konnte. Ich habe ältere Brüder, die sich nicht der Rebellion angeschlossen haben. Mein Vater ist alt. Zu Hause haben wir nicht genug für jeden, deshalb wollte ich unsere Situation verbessern und der Armee beitreten, um meiner Familie und meiner Mutter zu helfen …«
Aus dem Tagebuch des Nguono Bano, 18. Januar 2020.
In den frühen Morgenstunden des zwanzigsten Januar landete Bulling im Jahr 2020 in der Trockensavanne des Tschad-Beckens. Es war noch Nacht und recht kühl, doch war das dem Operator lieber, als die Hitze, die ihn hier tagsüber erwarten würde. Die Zeitfähre stand gut geschützt unter einem Felsvorsprung, zusätzlich getarnt durch einen Nanodeflektorschild, der die Maschine vor fremden Augen schützen sollte.
Bulling fluchte leise vor sich hin, wenn er in der Dunkelheit immer wieder über lockeres Geröll stolperte. Von Anfang an hatte er am Sinn des Einsatzes gezweifelt, zumal er nicht wusste, was er hier sollte. In welche Richtung sollte er sich wenden? Hier gab es nichts außer öder Savanne, Hitze und Schlangen. Er beschloss, zunächst nach Norden zu marschieren, der Grenze entgegen. Irgendwann würde er hoffentlich einen Hinweis erhalten, der ihn auf die Spur von Donkov brachte.
Bei Sonnenaufgang knapp zwei Stunden später sah er tatsächlich am Horizont Anzeichen einer menschlichen Siedlung. Als er näher kam, erkannte der Operator enttäuscht, dass es sich lediglich um ein gutes Dutzend schäbiger Wellblechhütten handelte, zwischen denen ein paar unterernährte Kinder spielten. Eine Frau war gerade dabei, einen Topf voll Hirse über einem Feuer zu kochen. Ein Hund lief Bulling kläffend entgegen und hob drohend seine Lefzen. Die Kinder sahen dem Fremden, der sich ihnen näherte, ängstlich entgegen und verschwanden dann in den Hütten. Mit einem Lächeln und mit seitlich erhobenen geöffneten Händen ging er langsam auf die Frau zu und fragte sie, zunächst auf Französisch, ob vor Kurzem ein weißer Mann hier vorbeigekommen sei. Als die Frau ihn nur weiter stumm anstarrte, wiederholte er die Frage mithilfe des Kehlkopfmodulators im ubangischen Dialekt Sango. Überrascht schüttelte sie den Kopf und erklärte, dass in den letzten Wochen nur immer wieder bewaffnete Rebellen aus dem Tschad über die Grenze gekommen seien, um die Dörfer zu überfallen und Männer zum Dienst in ihrer Armee zu zwingen.
Der Operator nickte und bedankte sich freundlich bei der Frau, woraufhin sie sich ihrer Hirse zuwandte und ihn nicht weiter beachtete. Bulling war ratlos und schlenderte ziellos zwischen den Hütten herum. Der Hund hatte mittlerweile auch aufgehört zu kläffen und schnupperte interessiert an seiner Hose. Am Ende des Dorfes kam er zu einem kleinen Ziegenpferch, daneben befand sich ein primitiv gezimmerter Hühnerstall. Aus einem Brunnenloch schöpfte ein Junge mit einem Eimer bräunlich trübes Wasser.
In der Ferne sah Bulling am Horizont eine feine Staubwolke, die zunehmend größer wurde. Beunruhigt stellte Bulling fest, dass sich über die trockene, unbefestigte Straße ein Konvoi aus mehreren Militärlastwagen näherte. Der Operator wollte schon eilig das Weite suchen, da sah er aus den Augenwinkeln ein metallisches Blinken am Straßenrand, direkt neben dem Ziegenpferch. Die Soldaten hatten das Dorf bald erreicht, dennoch lief Bulling einer Ahnung folgend zur Straße, um nachzuschauen, was da in der Sonne glitzerte.
Schnell erkannte er, dass es sich um eine Sprengfalle handeln musste. Die Straße war vermint. Die Truppentransporter waren höchstens noch hundert Meter entfernt. Bulling winkte aufgeregt, lief dem Konvoi entgegen und schrie immer wieder »Stop!«.
Höchstens eine Armeslänge vor dem Operator kam das vorderste Fahrzeug zum Stehen. Mehrere Soldaten sprangen von der Ladefläche und bauten sich vor ihm auf, die M16 im Anschlag. Beunruhigt erkannte Bulling mit erhobenen Händen, dass es sich bei den Bewaffneten ausnahmslos um Kinder handelte. Der Älteste und gleichzeitig der Anführer war höchstens sechzehn und kam langsam auf ihn zu. Mit versteinerter Miene musterte er den Weißen, dann untersuchte er die nähere Umgebung und entdeckte die Sprengfalle. Plötzlich sprang eine Gestalt hinter dem Hühnerstall hervor und schoss ohne Vorwarnung auf den Jungen. Von einer Kugel von den Beinen gerissen, feuerte er noch im Fallen eine Salve aus seiner M16 zurück. Der Angreifer brach in der linken Brust getroffen zusammen.
Als sie näherkamen, erkannte Bulling, dass es sich bei dem Angreifer um Donkov handelte. Er lebte noch, als sich der Operator zu ihm hinunterbeugte. Sein Atem rasselte, blutiger Speichel floss aus seinem Mund. Trotzdem lächelte er, als er Bulling erkannte und flüsterte: »Dich hat es nie gegeben.«
Dann war Donkov tot.
Die Verletzung des jungen Anführers der Rebellen war nicht lebensgefährlich. Sie brachten ihn in eine Hütte und verbanden den Steckschuss in seiner rechten Schulter.
»Warum hast du uns gewarnt, weißer Mann?«, fragte er den Operator. Bulling zuckte die Achseln.
»Das Schicksal wollte es so«, entgegnete er lakonisch. »Wie heißt du, mein junger Freund?«
»Nguono Bano«, antwortete der Junge.
Bulling erstarrte. Nguono Bano, der Vater von Mike Bano, dem genialen Physiker, der die Grundlagen der Zeitreise entdeckt hatte. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Anschlag gelungen wäre. Nguono trank gierig einen Schluck Brunnenwasser, das ihm einer seiner Kameraden brachte.
»Was wirst du jetzt tun, mein Freund?«, fragte der Operator mit sanfter Stimme. »Willst du weiter für die Rebellen deinen Kopf hinhalten und dich irgendwann töten lassen?«
Der Junge schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein. Wir haben uns von der Truppe abgesetzt und sind auf dem Weg nach Bangui. Dort werden wir unsere Waffen ablegen. Der Kampf ist für uns vorbei. Ich will wieder zur Schule gehen und ein neues Leben beginnen.«
Guter Plan!, dachte Bulling. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Alles würde sich zum Guten wenden, für Nguono und für die Welt.
Von draußen drangen laute, aufgeregte Stimmen zu ihnen herein. Einer der Kindersoldaten stürmte in die Hütte und schrie mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen: »Nicht trinken! Schlechtes Wasser!«
Der Operator sah den Jungen verständnislos an. Der lief auf den Wasserbecher zu, der neben Nguonos Decke auf dem Boden stand, und trat ihn in die Ecke.
»Gift!«, schrie er. »Der Brunnen wurde vergiftet!« Doch der Becher war leer und kullerte gegen die graue Blechwand.
Wie auf ein Zeichen hin krümmte sich Nguono von heftigen Bauchkrämpfen gequält auf seiner Liegestatt. Feine Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Dann schrie der Junge vor Schmerzen auf, wälzte sich zur Seite und erbrach faulig stinkenden Mageninhalt. Kurz darauf war Nguono Bano, der zukünftige Vater des Erfinders der Zeitmaschine, tot.
»Dich hat es nie gegeben«, murmelte Bulling und die Welt um ihn herum verblasste.
In blutroten Buchstaben projizierte der Beamer den Bescheid an die Kabinenwand.
Treffer.
Versenkt.
Berta aktivierte den Replikator, orderte einen doppelten Merkur Spezial und spülte den milchigen Inhalt auf ex hinunter. Brennend schlich der konzentrierte Alkohol durch ihre Speiseröhre. Enttäuschung legte sich über sie wie eine Bleidecke.
Schlechte Nachrichten umhüllte die Bürokratie gern mit sperriger Sprache, dachte Berta, und vor ihr stand ein prägnantes Beispiel. Zwingende Voraussetzung für die Ernennung zur kosmischen Rätin sei nach der neuesten Richtlinie die erfolgreiche Erschließung eines Planeten der Terra-Klasse und die könne sie nicht vorweisen. Mit Hinweisen auf die Rechtsquellen, großem Bedauern und besten Zukunftswünschen …
Die konnten sie doch alle mal. Wussten die Sesselpupser in der Zentralverwaltung, wie viel Scott und sie investieren mussten, um einen erdähnlichen Himmelskörper zu entdecken? Wie viel Glück ein Archeteam benötigte, die ausgesetzten Tiere und Pflanzen so zu konfigurieren, dass er innerhalb von neun Jahren mindestens elf Promille irdische Organismen aufwies?
Hilflose Wut stieg in Berta auf. Sollte die mühevolle Arbeit im zermürbenden Staub, im prasselnden Regen, unter glühender Sonne, gepeinigt von scharfem Wind und stechwütigen Insekten, sollten die langweiligen Zellanalysen umsonst gewesen sein? Lag es an ihr, dass die ausgesetzten Organismen auf allen Himmelskörpern, die sie betreten hatte, eingingen wie Eistorten in der Wüste? Warum gönnte ihr der heilige Gagarin kein einziges Erfolgserlebnis in fünfzehn harten Jahren?
Ein rhythmisches Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Berta schaltete die Projektion ab und stellte das Glas in den Replikator zurück. »Herein.«
Scott schob seinen hünenhaften Körper in den Raum. »Hast du Zeit?«
Berta nickte.
Scott sank in den abgesessenen Besucherstuhl, der sich ächzend unter der Last des Hünen verbog. »Du hattest mich gebeten, dich zu informieren, wenn wir auf einen Planeten mit Terra-Potenzial stoßen. Vielleicht haben wir einen Kandidaten gefunden: Sonde Alpha-357 meldet einen Planeten mit erdähnlicher Sauerstoffatmosphäre. Er könnte für eine Besiedlung infrage kommen.«
Berta seufzte. Bei ihrem Glück sicher wieder eine Sternschnuppe, die sie schon mit ihren Eingangsfragen zum Verglühen bringen würde.
»Flora? Fauna? Unsere Pioniere möchten sich schließlich nicht von Aminosäurensuppe ernähren.«
»Die Sonde meldet elf Pflanzen- und acht Tierarten. Kohlenstoffbasis.«
Konsterniert starrte Berta den Riesen an. Ihr war kein Planet mit Fauna und Sauerstoffatmosphäre bekannt, auf dem die Zahl der komplexen Lebensformen nicht mindestens sechsstellig war. »Du meinst sicher, elf und acht Millionen?«
»Nein: Alpha-357 sondierte ein Gras, vier Algen, drei Sträucher und drei Baumtypen. Die Fauna besteht aus fünf Insekten und drei auf dem Land lebenden hoch entwickelten Tierarten.«
»Keine Fische? Keine Vögel? Keinerlei biologische Vielfalt? Unmöglich! Weist die Sonde einen Defekt auf?«
»Es gibt keinen Hinweis auf Fehlfunktionen. Und mir ist noch etwas aufgefallen. Kennst du Triangel?«
Wer kannte es nicht? Stereotyp betete Berta den Trailer herunter, mit dem Universe Unlimited das Game seit jeher bewarb. »Triangel – das ultimative Strategiespiel. Gelingt es dir, das Rätsel zu lösen? Einen Sternenhaufen mit mindestens einem schwarzen Loch, elf weißen Zwergen, zwanzig roten und dreihundert gelben Sonnen sowie dreitausend Planeten so zu konzipieren, dass er von einem erdgroßen Planeten auf einer triangelförmigen Flugbahn durchquert wird?«
»Exakt, Berta. Triangel bereitete Millionen von Computernerds schlaflose Nächte, die theoretischen Möglichkeiten sprengen die aktuellen Kapazitäten der Rechenleistung selbst der größten Netzwerke. Auch nach mittlerweile fast sieben Jahren hat noch niemand die Massen, Abstände, Geschwindigkeiten und Zentrifugalkräfte so justiert, dass alle Anforderungen erfüllt werden.«
»Universe Unlimited verspricht der Person, die diese Nuss knackt, ja auch nicht umsonst ein Preisgeld von zwei Millionen Solaris. Ein geschickter Schachzug; das Ding wird immer noch wie verrückt heruntergeladen, obwohl das Rätsel bei Experten mittlerweile als unlösbar gilt. Aber was hat das mit dem seltsamen Planeten zu tun?«, fragte Berta nach.
»Nun, der von Sonde 357 untersuchte Kandidat erfüllt die Anforderungen des Titelhelden aus dem Computerspiel. Ich habe mir deshalb den Spaß gegönnt, ihn Triangel zu taufen. Aber das ist noch nicht alles.«
Scott richtete seinen Holostick auf die Präsentationswand. Neugierig beugte sich Berta vor. Vielleicht bot ihr dieser ominöse Himmelskörper die Chance, sich mit einem Artikel auf der Kuriositätenseite im Galaktischen Explorer zu verewigen. Wenn schon die seriöse kosmische Karriere verebbte.
Die Sternenkarte des Quadranten, auf den sie zusteuerten, nahm Gestalt an. Eine ungewöhnlich dichte Gemengelage von Himmelskörpern ballte sich zusammen, an deren oberem Rand ein Punkt besonders markiert war. »Unseren Zielplaneten erkennst du am Blinken. Nicht nur er entspricht den Vorgaben des Computerspiels, auch der Sternenschwarm, in dem er sich befindet, übertrifft die Mindestvoraussetzungen bei Weitem. Das hat mich verblüfft und neugierig gemacht. Ich habe unseren Computer spaßeshalber mit Abständen und Rotationsgeschwindigkeiten der Himmelskörper in diesem Sternenschwarm gefüttert und auf dieser Basis eine Extrapolation der Bewegungen berechnen lassen. Das Ergebnis wird dich umhauen.«
Scott aktivierte die Zeitrafferfunktion. Der blinkende Punkt nahm Fahrt auf. Er wanderte auf gerader Linie bis zum Rand des Sternenhaufens, bremste und bog scharf ab, während um ihn herum die Sonnen und Planeten wimmelten und rotierten wie die Mückenschwärme in der Sommerhitze Schleswig-Holsteins. Wieder durchzog er den Sternenpulk. Erneut wurde er kurz vor dem Erreichen der Grenze gestoppt, deren Überschreiten ihn bei seiner Geschwindigkeit wie eine Pistolenkugel aus dem Sternenhaufen katapultiert hätte, und änderte seine Richtung. Dieses Szenario wiederholte sich ein drittes Mal, bevor das Blinken wieder seinen Ausgangspunkt erreichte. Die markierte Spur offenbarte den zweiten Grund, aus dem Scott diesen Namen gewählt hatte.
»Erstaunlich, nicht wahr? Die physikalischen Kräfte spielen Flipper mit den Planeten. Kein Sternenkörper bleibt lange auf einer einfachen Umlaufbahn, aber Triangel ist besonders stark gebeutelt. Er tanzt durch den Pulk wie wir beide beim letztjährigen Polkawettbewerb durch den Großen Saal der Akademie, befindet sich mal im Zentrum, mal am Rand, kommt aber immer wieder zu seinem Ursprungspunkt zurück«, führte Scott stolz aus.
»Als spielte eine Superintelligenz Planetenbillard. Wie lange dauert ein Wanderzyklus von Triangel?«
»Ziemlich genau viertausend Jahre.«
Berta ließ einen erstaunten Pfiff über ihre Lippen gleiten.
Scott setzte seinen Vortrag fort. »Während dieser Zeit nehmen mal lebensfeindliche Minusgrade, mal glühend hohe Temperaturen Triangel in die Mangel; der maximale Temperaturunterschied beträgt zweitausendzwanzig Kelvin. Die Chance, dass sich komplexes tierisches oder pflanzliches Leben, wie wir es kennen, entwickelt, besteht nur für circa dreihundert Jahre. Nach allem, was wir wissen, ist dies für die Evolution eine viel zu kurze Spanne, um hochwertige Lebensformen hervorzubringen.«
»Und dann entdeckt Alpha-357 auf diesem rätselhaften Himmelskörper genau elf Pflanzen- und acht Tierarten, alle hoch entwickelt …« Das Phänomen stachelte Bertas Neugier an. Auch wenn Triangel keine geeignete Plattform für eine dauerhafte menschliche Besiedlung bot, konnte ein Besuch auf dieser kosmischen Kuriosität nicht schaden.
Hitze. Kälte. Toter Stein. Blühende Flora. Ein stetes Pfeifen.
Bertas Gesäß kontaktierte harten Untergrund. Durch eine programmierbare Luftmatratze geweckt zu werden, die pünktlich um sechs Uhr morgens ihre Luft verliert, war unangenehm und retro, aber verlässlich. Benommen führte Berta die Hand an die Stirn und versuchte, die Bilder einzuordnen, die sie im Schlaf heimgesucht hatten. Vergeblich. Neue Planeten, neue Träume; nicht zum ersten Mal empfing ein Himmelskörper irdische Besucher mit nächtlichen Visionen. Berta ließ ihre blonde Mähne fliegen, um Klarheit in ihren Kopf zu bekommen, stemmte sich hoch und trottete zur Dusche.
Elf Minuten und eine Dampfpatrone später betrat sie in vorzeigbarem Zustand den Forschungs- und Frühstücksraum. »Morgen, Scott. Wie geht es Sir Henry und Clara-Bella?«
Der Schotte deutete auf die Laufräder, die er auf der Gangway aufgebaut hatte und die zwei weiße Ratten fröhlich quiekend auf Trab hielten. »Blühen und gedeihen. Es ist erstaunlich: Beide vertragen das Gras von Triangel nicht nur problemlos, es steigert offensichtlich auch ihr Wohlbefinden und ihre Leistungsfähigkeit. Obwohl, aktiv waren sie ja schon früher …«
Scott erlaubte sich ein anzügliches Grinsen, doch Berta ging nicht auf seine Anspielung zu Clara-Bellas Schwangerschaft ein. Sie wusste, der Schotte hatte nicht nur ein Auge auf sie geworfen, aber er musste akzeptieren, dass seine Chefin andere Prioritäten setzte. Zumindest bis zu ihrer Ernennung zur Rätin. Danach war vieles möglich.
Berta wechselte das Thema. »Der gute Zustand von Sir Henry und Clara-Bella bestätigt unsere Laborversuche, wonach das Gras alle Nährstoffe und Vitamine enthält, die Ratten und Menschen zum Überleben benötigen. Eine echte Wunderpflanze. Vielleicht ist der Planet trotz der begrenzten Zahl der Lebensformen zumindest für eine temporäre Besiedlung geeignet. Wir sollten den beiden morgen Blut abzapfen und es auf mögliche Erreger untersuchen.«
Berta schlenderte zum Replikator und gönnte sich einen Becher Espresso. Die Hände um das wärmende Porzellan gelegt, musterte sie den vollgepackten Buggy, den Scott für die Expedition vorbereitet und vor der Tür der »Arche« geparkt hatte.
Zwei Stunden später presste sich Berta flach auf den Boden. Irritiert registrierte sie, wie ihre drei Schatten von dem basketballgroßen Glitzerstein vor ihr wie eine Billardkugel von einer Seitenbande abzuprallen schienen. Noch hatten sie sich nicht die Zeit nehmen können, diesem optischen Phänomen auf den Grund zu gehen. Berta schüttelte sich. Selbst die Steine sorgten dafür, dass sie sich als Eindringling empfand.
»Unsere Schafpelze sind mal wieder fleißig.« Scott robbte an ihre Seite und deutete nach vorn.
Die beinahe kugelförmigen, kurzbeinigen Pflanzenfresser schlugen ihre schartigen Zähne emsig in die roten Halme unter ihren Hufen. Etwa siebzig Meter nordöstlich strich eine Herde schäferhundgroßer Raptoren um ein herzförmiges Wasserloch, die langen Nasen witternd in den Wind gerichtet.
»Ich begreife das nicht. Körperbau, Kopf- und Zahnform weisen diese Tiere eindeutig als Jäger aus. Sehen und riechen müssten sie die Schafpelze und hungrig sind sie offensichtlich auch. Warum versuchen sie nicht wenigstens, sich ein paar Leckerchen in die Mägen zu schlagen? Seit wir die Tiere beobachten, habe ich sie noch nicht fressen sehen.«
Berta zuckte mit den Schultern. »Vielleicht vertragen sie das Fleisch nicht? Ich frage mich ohnehin, wie die Evolution auf einem Planeten so unterschiedliche Tierarten hervorbringen konnte. Möglicherweise liegt das an denen da – warum auch immer.«
Ihr Kopf wies in Richtung der dritten größeren tierischen Lebensform, die Alpha-357 auf Triangel entdeckt hatte. Im nordwestlichen Endpunkt dieses seltsamen Dreiecks vertrieb sich eine Herde riesiger känguruähnlicher Beuteltiere die Zeit damit, die Glitzersteine, die überall auf dieser riesigen Ebene drapiert waren, in seltsamen Mustern auf dem Boden zu ordnen. Eine Funktion hatten Berta und Scott den so entstehenden Gebilden, die immer aus der gleichen Anzahl Steinen bestanden und die aus der Luft an riesige Smileys erinnerten, noch nicht zuordnen können. Abgesehen davon, dass sie eine passable Deckung für ihr Anschleichen und ihre Beobachtungen boten.
Berta setzte ihr Kinn auf ihre hochgereckten Daumen. Auf die Dauer brachte es sie nicht weiter, Tag für Tag die Schafpelze beim Fressen, die Raptoren beim hungrigen Herüberschauen und die Kängurus bei ominösen Baukastenspielen zu beobachten. Andererseits wusste sie um die Gefahren eines Eingriffs in ein unverstandenes ökologisches System. Sie wog ab und traf eine Entscheidung. »Wir müssen etwas Leben in die Bude bringen, wenn wir sehen wollen, nach welchen Verhaltensmustern die Tiere reagieren. Für das Protokoll: Ich genehmige einen Eingriff der Stufe vier. Leg los, Scott.«
Mit einem zufriedenen Lächeln begab sich der Schotte in die Hocke. Er ergriff den Glitzerstein vor sich, holte aus und schleuderte ihn mit dem gekonnten Schwung des austrainierten Athleten in Richtung der Raptorenherde. Der Stein überwand im Flug knapp die Hälfte der Strecke, ließ den Boden beim Aufprall stauben und rollte weiter.
Etwa vierzig Meter vor dem ersten Tier kam er zum Liegen. Ein sonorer Brummton stieg auf und strich über die Ebene. Raptoren, Schafpelze und Beuteltiere erstarrten, während Berta vergeblich versuchte, die Quelle des Geräusches zu orten.
Es verstummte nach etwa zehn Sekunden. Dafür heulten nun die Raptoren auf. Als wären unsichtbare Fesseln von ihnen abgefallen, jagten sie auf die Schafpelze zu und beschleunigten ihre schlanken Körper binnen weniger Meter auf eine Geschwindigkeit, die einem irdischen Gepard zur Ehre gereicht hätte. Mit einem ängstlichen Krächzen wandten sich die Schafpelze zur Flucht, hatten angesichts ihrer kurzen Beine und massigen Körper aber absehbar keine Chance, dem drohenden Unheil zu entfliehen. Berta hob ihren Kopf und wartete schaurig fasziniert auf das sich anbahnende Gemetzel.
Als die Raubtiere etwa zwei Drittel der Distanz überwunden hatten, fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Scott wies in Richtung der Beuteltiere. Mit gewaltigen Sätzen und dem von Scott geworfenen Glitzerstein zwischen den Pfoten hüpfte das größte Exemplar auf sie zu. Hektisch nestelte Scott seinen Lähmstrahler aus dem Holster, doch Berta legte ihm, einer Eingebung folgend, die rechte Hand auf den Arm und deutete mit der linken nach hinten. Der Schotte verstand; sie hatten schon genug Schaden angerichtet. Mit schnellen Schritten zogen sich Scott und Berta zurück.
Die ersten beiden Raptoren erreichten den langsamsten Schafpelz, sprangen ihn an und schlugen ihre scharfen Zähne in die Kehle ihres Opfers. Grünes Blut spritzte fontänenartig heraus; die Killer verstanden ihr Geschäft. Sekunden später fiel das nächste Tier der ungezügelten Attacke einer zweiten Gruppe zum Opfer. Ein dritter Angriffskeil trieb einen weiteren Schafpelz in die Enge, als das Beuteltier den Ort erreichte, dem Scott sein Wurfgeschoss entnommen hatte. Geschickt platzierte es den Glitzerstein wieder auf der verwaisten Stelle.
Mit fassungslosem Staunen registrierte Berta, dass der Angriff der Raptoren in genau diesem Moment zum Erliegen kam. Ohne jede Spur von Angst, ja mit einem fast ärgerlichen Blöken trottete der dritte angegriffene Schafpelz gemächlich an den sichtbar verunsicherten Jägern vorbei, die ihm gerade noch ans Leben wollten. Er gesellte sich zu seinen Artgenossen, die bereits ihre Mahlzeit fortsetzten, als wäre nichts geschehen. Berta wandte ihren Blick zu dem Beuteltier, dass das Smiley wieder hergestellt hatte. Es stellte sich etwa einen Meter vor ihr auf die Hinterbeine und überragte sie um mindestens zwei Haupteslängen.
Schwarze Knopfaugen funkelten auf Berta nieder.
Berta schlief. Das bewahrte sie allerdings nicht vor dem gnadenlosen Verhör. Zwanzig Glitzersteine hatten sich zu einem Smiley gruppiert und Berta in ihre Mitte genommen. »Bist du intelligent?«
So direkt hatte ihr diese Frage schon lange niemand mehr gestellt. Die Antwort wäre schon im Wachzustand schwierig, obwohl sie weder unter Maulfaulheit noch unter Bescheidenheit litt.
»Ja, nein – doch, ich glaube schon. Genauer gesagt bin ich Mitglied einer intelligenten Spezies.«
»Es gibt also noch mehr von euch. Woher stammt ihr?«
Nun, da sie sich sortierte, befähigten Disziplin und Ausbildung Berta dazu, selbst in diesem Dämmerzustand professionell zu reagieren. »Von einem Planeten aus einer dreihundert Millionen Lichtjahre entfernten Galaxis, den wir Erde nennen.«
»Gilt das für alle vier größeren Lebewesen?«
Wieso vier? Berta dachte an Scott und sich selbst, dann fielen ihr Sir Henry und Clara-Bella ein. »Ja. Wobei wir die kleineren weißen Lebewesen in den Laufrädern nur dazu nutzen, die Verträglichkeit der hiesigen Pflanzenwelt als Lebensmittel zu testen. Richtig intelligent sind nur wir Zweibeiner.«
Die Augen des Smiley wanderten aufeinander zu und verliehen dem stilisierten Gesicht einen Ausdruck der Strenge. »Wenn ihr euch als intelligent bezeichnet, warum brachet ihr dann die Harmonie?«
»Als wir den Glitzerstein hochhoben und warfen?«, schlussfolgerte Berta, und ein kalter Schauer raste über ihr Rückgrat. »Wir wussten nicht, dass wir damit eine Struktur zerstörten.«
Die Mundwinkel des Smileys sanken herab. »Aber ihr habt das Risiko in Kauf genommen. Eure Ethik ist nicht überzeugend. Wir können euch hier nicht gebrauchen.«
Ein entsetzter Männerschrei riss Berta aus ihrem Schlummer. Binnen eines Sekundenbruchteils saß sie senkrecht auf ihrer Matratze. Ohne anzuklopfen und ihre Erlaubnis abzuwarten, aktivierte Scott den Notfallöffner für ihr Zimmer und stürmte, nur bekleidet mit Shorts und Muskelshirt, herein, die Augen panisch aufgerissen. Hatte ihn der gleiche Traum heimgesucht? Er warf sich an das Kommandopult, das die Konstrukteure in Bertas Raum platziert hatten.
Als sie sah, wie Scott die Startsequenz aktivierte, wurde auch Berta von einem Gefühl nackter Angst durchspült. Ihre Gedanken füllten sich mit Bildern heranfliegender Glitzersteine, reißender Raptoren, Kängurus mit funkelnden Augen und schmatzender Schafpelze. Sie eilte an Scotts Seite, um ihn beim Einleiten des Starts zu unterstützen. Zwei Laufräder und die zappelnden Körper von Sir Henry und Clara-Bella purzelten ins Gras, als die Gangway sich in den Flugkörper schob. Mit einem jaulenden Notstart jagte die »Arche« in den Himmel, der grün-rot leuchtete und von fünf strahlenden Sonnen beherrscht wurde.
Neun Monate später saß Berta im Schneidersitz auf ihrer Luftmatratze. Sie suchte auch in dieser Nacht vergeblich den Schlaf und starrte auf die Wand, das halb geleerte Glas mit Merkur Spezial in der rechten Hand. Ihr Konsum dieser betäubenden Flüssigkeit war in letzter Zeit deutlich gestiegen; immer wieder gab es Momente, an denen sie die Erinnerung an Triangel einholte und aus dem Gleichgewicht stieß. Außerdem vermisste sie Sir Henry und Clara-Bella, die sie oft beobachtet hatte und deren Anblick sie beruhigt hatte, wie dies in ihrer Jugend den Fischen im Aquarium ihres Vaters gelungen war.
Nicht nur der Verlust der kleinen Ratten schmerzte. Die Erkenntnis, bei einem Kontakt mit einer außerirdischen Intelligenz versagt zu haben, bohrte sich in Herz und Selbstbewusstsein. Offensichtlich besaß sie wohl doch nicht genug Talent für eine kosmische Karriere. Mit einem bitteren Lächeln führte sie das Glas zum Mund, als sie ein wohlbekanntes Klopfen an ihrer Tür hörte.
Scott. »Herein!«
Mit einem breiten Grinsen und schwer beladen betrat der Schotte ihre Kabine. Ihr derangiertes Outfit ignorierend, stellte er zwei Sektgläser auf den Tisch und zog eine grüne Flasche aus der mitgebrachten Kühlbox. Effektvoll ließ er den Korken knallen und füllte die perlende Flüssigkeit ein.
Verwirrt starrte Berta ihn an. »Was gibt es zu feiern?«
»Nun, zum einen ist das Preisgeld eingetroffen, weil wir das Triangel-Rätsel geknackt haben – ich habe mir erlaubt, unsere Beobachtungen in ein theoretisches Gewand zu kleiden und als Lösung an Universe Unlimited einzuschicken. Die Fachpresse rätselt, wie wir das hinbekommen haben, die Regenbogenpresse wittert Betrug. Kann uns egal sein. Reich und berühmt sind wir also – obwohl ich den Eindruck habe, dass dich das nicht besonders interessiert. Feiern wir deshalb etwas viel Wichtigeres.«
Feixend aktivierte Scott seinen Holostick.
Fassungslos nahm Berta die Botschaft auf, die an der Präsentationswand Gestalt annahm. »Beförderung zur Rätin? Ich? Aber warum?«
»Wegen unserer Erfolge auf Triangel!«
»Du sprichst in Rätseln. Da sind wir beim galaktischen Intelligenztest doch so was von gnadenlos durchgefallen.«
»Stimmt. Es hätte uns in der Tat klar sein müssen, dass auf Triangel angesichts der schwankenden klimatischen Rahmenbedingungen allein geologische Formen Zeit genug haben konnten, Intelligenz zu entwickeln. Wir haben uns wirklich nicht mit Ruhm bekleckert, als wir versuchten, den Planeten und seine Bevölkerung in irdische Maßstäbe zu pressen und Intelligenz nur bei unseren genetischen Nachbarn zu suchen. Aber rein formal ist es uns gelungen, einem Planeten innerhalb von nur neun Monaten so zu explorieren, dass nicht nur ein paar Promille, sondern sogar elf Prozent der Tierarten irdischen Ursprung sind; das ist für Explorationsteams einsamer Rekord und eine herausragende Leistung, die Ruhm, Ehre und nicht zuletzt auch eine Beförderung nach sich zieht.«
Mit großen Augen starrte Berta ihren Kollegen an, der seinen Verstand verloren zu haben schien. Andererseits prangte die Ernennungsbotschaft an der Kabinenwand, und selbst Scott erlaubte sich bei derart wichtigen Vorgängen keine üblen Scherze.
Der Schotte klickte feierlich auf seinem Holostick. »Voilà – die neueste Aufnahme von Alpha-357.«
Langsam baute sich ein Bild auf, das Triangel aus der Perspektive der Sonde zeigte, und es dämmerte Berta langsam. Sie hatten acht Tierarten auf Triangel vorgefunden. Wenn sich dort nun elf Prozent irdische Tierarten befanden, würde das bedeuten, dass sich eine neunte Art angesiedelt hatte. Dafür konnte es nur einen Kandidaten geben.
Und richtig, mitten zwischen Beuteltieren, Schafpelzen und Raptoren und umstellt von einem riesigen lächelnden Smiley fraßen sich elf weiße Punkte emsig durch ketchuprotes Gras.
Scott zoomte heran. »Ich stelle vor: die von uns ausgesetzte neunte Tierart von Triangel: Rattus norvegicus forma domestica.«
Berta musste grinsen. Sie fühlten sich sichtbar wohl auf Triangel, die flinken Wesen, die die Gunst der Steinwesen gefunden hatten.
Scott hob das Glas und prostete Berta zu: »Auf euer Wohl, Sir Henry und Clara-Bella, und auf eure hungrigen Racker.«
1
Der mechanische Steward unterbrach seine Getränkeausgabe mit dem Erklingen des seichten, wohlbekannten Warntons. Auf dem Display über dem schmalen Kabinenschott erschien das Wort »Transit«, der Hinweis, dass ein Raumsprung unmittelbar bevorstand. Der einem weißen Mülleimer gleichende Roboter sah Nico LeSolda über die Darstellung mitfühlender Augen an, die auf einem Display angezeigt wurden. Mit sanfter Stimme fragte er seinen Gast, ob er die Hilfsinformationen zum bevorstehenden Ereignis abzurufen wünschte.
»Unfug«, schmetterte LeSolda ab. Dieses Prozedere war ihm nur zu vertraut. Abgesehen von Berufsraumfahrern kannte er niemanden, der öfter zwischen den Sternen pendelte, als er. Die meiste Zeit seines bereits recht langen Lebens verbrachte er in den verschiedenen Kabinen irgendwelcher Linienschiffe, sah sich seinen Auftrag an, löste ihn wenn möglich noch unterwegs und sprang, im wahrsten Sinne des Wortes, zum nächsten.
Selbstsicher richtete er sich auf und hielt konzentriert den Atem an. Man sollte meinen, dass sich das Schließen der Augen nachteilig auf das in wenigen Momenten aufkommende Schwindelgefühl auswirken würde. Tatsächlich half es – warum auch immer.
Passagierschiffe setzten – im Gegensatz zu Militärschiffen oder einfachen Frachtern, auf denen LeSolda ebenfalls schon reisen musste – ungewöhnlich sanft über. Dennoch waren Transitsätze auch in Linienschiffen sehr deutlich zu spüren.
Es begann; wie ein Fausthieb schlug es ihm auf den Magen, zerrte an seinen Innereien, als wolle es sie aus seinem Körper ziehen. Für den Bruchteil eines Augenblicks schien das Eigengewicht millionenfach schwerer.
LeSolda stützte sich an der Wand zu seiner Linken ab und atmete behutsam aus. So schnell, wie das Gefühl der Magenimplosion aufgekommen war, so schnell verschwand es wieder, als hätte es nie existiert. LeSolda beneidete den Steward, der geduldig wartete.
Vier dumpfe Schläge hallten von der Wand wider und brachten LeSolda dazu, leicht gehässig zu lächeln. Stolz klopfte er sich auf seinen Bauch und beglückwünschte sich zu seinem durchaus robusten Magen. Nicht jeder überstand die Sätze so wie er.
Endlich nahm er den bestellten Drink vom Steward entgegen, der nun seinen Dienst wieder aufnahm. LeSolda prostete dem Roboter mit der handlichen Flasche zu und nahm einen kräftigen Schluck. Der Alkohol perlte in seiner Kehle und wärmte seinen Magen wie Balsam. Aus den Augenwinkeln betrachtete er die Wand, von der das Hämmern erklungen war. Mit unverhohlener Häme fragte sich LeSolda, ob sein Kollege nebenan auch diesen Satz so elendig wie die vorigen durchlebt hatte. Mit einem Schwung an Fröhlichkeit, gefördert vom Alkohol, öffnete er das Kabinenschott und trat in den hellen, wabenförmigen Korridor dieses Schiffes der Varuna-Klasse.
Der Steward blickte LeSolda nach und folgte ihm mit aufsirrender Elektronik. In dem schmalen Gang stand Schott an Schott gereiht. Kein Zentimeter wurde verschwendet. Hinter jedem befand sich eine Zelle mit einer Koje, einem Toilettenraum und einem Tisch, den man ausklappen konnte. Fenster gab es keine.
In einer überschwänglichen Bewegung klopfte er an das Nachbarschott. »Mally? Alles überstanden?«
»Verschwinden Sie«, hallte eine helle und leicht geknickte Stimme aus dem Inneren der hinter dem Schott liegenden Kabine und fügte ein leises »Sir« hinzu.
LeSolda schmunzelte, legte seinen Daumen auf den biometrischen Scanner und gab seinen Überbrückungscode auf dem Display ein. Grinsend sah er sich nach dem Steward um. »Das hast du nicht gesehen.«
Der Roboter reagierte nicht, das Schiffssystem hingegen erkannte LeSolda als Ingo Mallwaks Vorgesetzten und entriegelte das Schott, das zischend in die Wand fuhr.
»Ich habe Ihnen doch schon mehrmals gesagt, Sie sollen während der Sprünge schlafen«, erklärte er mit dem Öffnen des Schotts und warf seinem sehr viel jüngeren Begleiter einen beinahe väterlichen Blick zu. Gegenüber seinen Schützlingen fühlte sich der alte Mann tatsächlich mehr als Vater denn als Vorgesetzter, behielt dies jedoch für sich. Schließlich waren sie Agenten im Dienst der Erde und diese Grenze musste gewahrt bleiben, selbst bei allem Stolz, den LeSolda für Mallwak empfand.
Vor gut fünf Jahren hatte er sich den damals Sechzehnjährigen aufgrund seiner Leistung ausgesucht. Bereits auf der Akademie hatte der junge Ingo die Ausbilder beeindruckt. In jedem Test hatte er Werte erzielt, von denen selbst LeSolda nie geahnt hätte, dass sie möglich waren – obwohl er selbst zu den außergewöhnlich Begabten gehörte. Mallwak war ein Naturtalent, ein geborener Meister seines Gebietes. Umgangssprachlich nannten sich diese Menschen selbst ›Mindmaster‹ oder ›Trakker‹ – beides traf es nicht ganz, daher verzichtete LeSolda darauf, diesen Unsinn mitzumachen. Er behielt gerne den Boden unter seinen Füßen und blieb besonnen, kannte seine eigene Leistung, noch besser aber seine Grenzen. Nach dem viel zu frühen und bedauerlichen Ableben seines letzten Partners vor mehr als acht Jahren, wollte LeSolda diesmal jemanden neben sich, der ein wenig robuster war, sein Handwerk verstand, selbstständig handelte und doch seine Grenzen kannte. Ingo Mallwak war so jemand geworden und war nun bereit für die gefährlicheren Aufgaben. Dennoch würde LeSolda es langsam angehen, um sein gottgegebenes Versprechen zu halten: Nie wieder würde er einen Partner verlieren.
Mallwak sah ihn finster an, ein hässlicher Fleck, bestehend aus Magensäure und seiner letzten Mahlzeit zierte seine Brust.
»Sehr witzig, Sir.« Die hohe Stimme des jungen Mannes klang schrill, wann immer er aufgeregt war. »Das ist genau das, was ich versuchte. Ich bin wach geworden, weil ich mich vollgekotzt habe!«, keifte er.
