Der Flug der Elster -  - E-Book

Der Flug der Elster E-Book

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Beschreibung

Sie lieben historische Erzählungen? Oder Fantasy-Geschichten in historischem Ambiente? Die Elster gilt als diebisch, aber auch als neugierig und klug. Mancherlei Mythen ranken sich um sie, im Mittelalter war sie als Hexentier und Galgenvogel verschrien. Sie inspirierte sieben Autoren zu einer spannenden Anthologie. Begleiten Sie diesen faszinierenden Vogel durch die Jahrhunderte. Erleben Sie Abenteuer, Mystisches, Unterhaltsames, Phantastisches oder Rätselhaftes. Mit sechs Erzählungen von Ursula Dittmer und Markus Frost, Annette Hillringhaus, Anke Höhl-Kayser, Heidi Christina Jaax, Monika Kubach und Josefa vom Jaaga. Eine liebevolle Zusammenstellung unterschiedlicher Geschichten für kurzweilige Stunden!

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Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Drapers Sphäre

Pica

Der Feuervogel

Die drei Eichen

Über die Krallen der

Agalstra

Xirra

Die Autoren

Anke Höhl-Kayser

Drapers Sphäre

Ich finde London im Nebel so spannend!« Bettinas aufgedrehte Heiterkeit ging mir im Moment gewaltig auf den Geist. Meine beste Freundin hüpfte auf dem Kopfsteinpflaster umher, als wäre sie siebzehn und habe nicht, genau wie ich, vor kurzem die Fünfzig überschritten.

Vielleicht war es keine gute Idee gewesen, Bettinas Angebot zu einem Kurztrip nach London anzunehmen.

»Um dich auf andere Ideen zu bringen«, hatte sie strahlend gesagt, und weil sie dermaßen überzeugt von ihrem Geistesblitz war, hatte ich einfach nicht genug Spaßverderbercourage, es ihr abzuschlagen.

»Darauf hast du doch auch Lust!«

Selten hatte Bettina so daneben gelegen.

London im November! Wer kam schon auf diesen Gedanken! Außer eben Bettina mit ihrem spirituellen Krimskrams und dem dauernden Gerede von der Wiedergeburt und dem Leben nach dem Tod.

Sie war total in ihrem Element.

»London ist so eine alte Stadt«, flüsterte sie mir im Flugzeug hinter vorgehaltener Hand zu, und ich sah ein, dass sie keine Zeugen für dieses Gerede haben wollte. »Man fühlt es, sobald man nur einen Fuß auf den Boden gesetzt hat. Die alten Seelen rufen dich! Ich bin schon in vielen Leben in London gewesen. Ich habe Edward den Bekenner erlebt und William den Eroberer. Ich war am Hof, aber ich habe auch das einfache Leben kennengelernt. Es war ein hartes Leben, damals, und harte, gnadenlose Menschen! Atemberaubend, glaub mir!«

Ich glaubte ihr nicht. Ich hatte mein eigenes einzelnes Leben, und das nahm mir ausreichend den Atem. Das Bewusstsein, dass ich die so genannte Lebensmitte – als ob es die Regel sei, dass man hundert wurde! – hinter mir gelassen hatte, gepaart mit der Gewissheit einer bislang unbekannten Endlichkeit, ließen mich in eine Art Schockstarre rutschen.

»Das sind doch nur die Wechseljahre«, versuchte mich Bettina zu beruhigen.

Das war keine Beruhigung. Die zeitliche Dimension des Begriffs »Wechseljahre« erschreckte mich noch mehr. Warum gab es nicht sowas wie »Wechseltage« oder »Wechselmonate«? Damit hätte ich leben können.

Im Moment konnte die Sonne scheinen, wie sie wollte: Mein Leben war grau.

Immerhin versuchte hier in London die Sonne gar nicht erst, gegen meine Tristesse anzuleuchten. Zu meinen Gefühlen passender Nebel hüllte unser erstes Besichtigungsziel in diesem Urlaub ein: das mittelalterliche Gebäude des Tower.

Die in ihrer Masse eintönig wirkenden Kronjuwelen, der gruslige Bloody Tower und die Hinrichtungsgedenkstätte auf dem Tower Green hatten nicht zur Hebung meiner Laune beigetragen. Alle Geräusche waren gedämpft, die Wahrnehmung verändert. Mir liefen Schauer über den Rücken.

»Dieser Nebel«, juchzte Bettina und breitete die Arme aus, als wolle sie das Schmuddelgrau herzen. »Sonja, bitte genieße ihn! Er nimmt die Realität und ermöglicht es uns, unsere Traumaugen zu öffnen. Wir können Dinge zwischen den Zeiten sehen. Mehr noch, die Tore zur Vergangenheit tun sich auf! Wenn wir eins finden, können wir hindurchschlüpfen in ein vergangenes Leben!«

Ich überlegte, ob ich sie unterhaken und geradewegs in die nächste Pfütze ziehen sollte. Vielleicht hatte Nässe ja eine abkühlende Wirkung auf sie?

»Das ist doch jetzt der optimale Zeitpunkt, um den Salt Tower aufzusuchen«, wisperte Bettina pathetisch. »Die Wände sind Zeugen der Vergangenheit, längst zu Staub zerfallene Gefangene haben sich hier verewigt. Es gibt dort eine ganz besondere Zeichnung, ich denke, du wirst sie erkennen, sobald du sie siehst. Die Geschichte greift nach uns, Liebes, wir müssen ihr nur die Gelegenheit geben!«

Was meinte sie mit: Gefangene haben sich hier verewigt? Das hieß wohl: Die hatten an den Wänden ihre Schmierereien hinterlassen. Graffiti des Mittelalters. Mir wäre eine schöne Kunstausstellung lieber gewesen, unter hellem Kunstlicht mit einem Glas Prosecco in der Hand, aber Bettina ließ nicht locker.

»Ich bin so gespannt, wie du darauf reagieren wirst«, flötete sie. »Ich spüre schon die ganze Zeit die Schwingungen, die von dir ausgehen!«

Nein, Bettina spürte meine Schwingungen ganz bestimmt nicht. Sonst hätte sie nämlich die Klappe gehalten und wäre fluchtartig im Nebel verschwunden.

Wir gingen am äußeren Festungsring entlang, am Traitor’s Gate vorbei. Die Sicht betrug weniger als zehn Meter. Ich erkannte so gerade eben noch den Durchgang zur Tower Wharf, aber dahinter nichts. Ich hörte Nebelhörner: Dort irgendwo war die Themse, und die armen Touristen auf den Sightseeingbooten hatten keine Chance, auch nur das Geringste von der Kulisse zu erkennen.

Der St. Thomas’ Tower ragte vor uns auf, wir mussten eine schmale Treppe steigen und oben auf der Festungsmauer bis zum Salt Tower gehen. London war wie in graue Zuckerwatte gepackt, nur dass es bei weitem nicht so gut roch. Der Fluss stank irgendwie faulig. Das war mir bislang noch gar nicht aufgefallen.

Bettina zwinkerte mir verschwörerisch zu.

»Die Vergangenheit ist gegenwärtig!«, raunte sie. »Du merkst es auch, oder?«

Ein Schauer lief mir den Rücken herunter – das gab es doch wohl nicht, dass Bettinas Sprüche bei mir jetzt Wirkung zeigten. Ich nahm mir fest vor, sie zum Mittagessen zu einem Italiener zu schleppen: Gegen diese Stimmung halfen nur Pizza und ein dreifacher Espresso. Auf keinen Fall Hammel mit Pfefferminzsoße, so wie gestern Abend. Der rumorte übrigens immer noch in meinem Magen.

Oder war das etwas anderes, dieses Kribbeln im Bauch, als ich diesen unspektakulären kleinen Turm am südöstlichen Ende der Festungsmauer mit seinem scheußlich engen Treppenhaus betrat? Hier herrschte eine seltsame Atmosphäre. Es war dunkel, und irgendwie war der Nebel sogar hier drinnen. Von der Decke hing ein winziger Leuchter mit vier kraftlosen elektrischen Kerzen in einem schmucklosen Glasgehäuse. Die Bogenfenster ließen kaum Licht durch.

Mit zwanzig japanischen Touristen war das kleine Verlies hier eindeutig überfüllt.

Ich sah zur Ablenkung aus dem Buntglasfenster. Draußen bewegte sich etwas. Ich zuckte zusammen und schaute genauer hin: Auf dem Fenstervorsprung saß ein Vogel. Das Gefieder war weiß und blauschwarz, mit dunkelblauen Flügeln. Neugierige Knopfaugen funkelten.

»Bettina, guck mal, da sitzt eine Elster, und die sieht mich an!«

Bettina wandte kaum den Kopf, so beschäftigt war sie mit ihren Mittelaltergraffitis.

»Liebes, da ist nichts. Eine Elster? Du wirst dich geirrt haben, das war wahrscheinlich einer der Towerraben.«

Endlich hatte die Gruppe japanischer Touristen den Raum verlassen. Das Blitzlichtgewitter war verebbt, und wir blieben allein mit sich allmählich beruhigenden Sehnerven zurück. Bettina war hibbelig wie ein Teenager. Sie führte mich an den Wänden entlang und zeigte mir die Inschriften der Gefangenen. Ich war nicht wirklich übermäßig begeistert. Es handelte sich um mehr oder weniger ausgeprägte Ritzungen in den Wänden.

Aber dann war da diese eine Gravur – eine Art astrologische Karte. Sie fesselte meinen Blick: Ein großes Rechteck, links voller mystischer Ziffern und Berechnungen. Im rechten Drittel ein perfekter Kreis mit den Tierkreiszeichen darauf. Wie konnte jemand nur eine so präzise Arbeit erschaffen?

Bettina sah mich mit rot glühenden Wangen an und hatte ein pathetisches Vibrieren in der Stimme.

»Du hast es gefunden«, wisperte sie. »Es zieht dich magisch an, ist es nicht so, Sonja? Das Zeichen des Okkulten: Hew Drapers astrologische Sphäre. Angefertigt im Mai 1561, drei Jahre nach Beginn der Regentschaft von Elizabeth I. Sie haben ihn der Hexerei angeklagt – wundert dich das, wenn du diese Gravuren siehst? Anders als die anderen Gefangenen hier war er kein Geistlicher, er führte ein Inn in Bristol. Und niemand weiß, was mit ihm geschehen ist. Haben sie ihn hingerichtet? Wurde er auf dem Scheiterhaufen verbrannt? Oder ist er, nachdem er diese geheimnisvolle Sphäre angefertigt hat, in Blitz und Rauchwolke verschwunden?«

Ich legte den Finger auf die Zeichnung und fühlte die exakten Kanten der Symbole. Ein Kneipenbesitzer also. Erstaunlich.

Plötzlich fühlte die Sphäre sich warm an, schien zu glühen. Ich zog erschrocken die Finger zurück, der Raum schwankte vor meinen Augen. Bettina schien nichts bemerkt zu haben. Sie war zufrieden darüber, dass ich das Ding gefunden hatte, und nun munter dabei, die anderen Ritzereien zu erläutern. Sie verfiel dabei in jenen Singsang, mit dem sie seit Jahren zahllose ihrer Schüler einzuschläfern pflegte – Bettina war Englischlehrerin an einem Gymnasium. Mir verschwamm alles vor den Augen, ich konnte überhaupt nichts erkennen. Ich hatte Schweißausbrüche und ein Pfeifen auf den Ohren.

Zum Teufel mit diesen Wechseljahren, dachte ich wütend.

Lieber Himmel, die Themse stank brackig! Warum war es so heiß? Ich hatte nicht gewusst, dass die verdammten Hitzewallungen so heftig werden konnten.

Von draußen ein Geräusch, das sich näherte.

Das trockene Klacken von Pferdehufen auf Stein. Das Rollen von Holzrädern auf dem Kopfsteinpflaster.

Mir war schwindelig.

Die Fensterflügel des Bogenfensters schwangen auf. Nebelschwaden drangen herein. Auf der Fensterbank saß kein Rabe, es war eindeutig eine Elster.

Mein Blickwinkel hatte sich verändert. Die Mittelaltergraffitis waren irgendwie nach oben gerutscht. Drapers Sphäre schien zu glühen. Der Raum war in rotgoldenes Licht getaucht. Und warum sah ich alles so scharf – und warum hatten sich die Farben verändert? Der Schlammstein war von einem viel dunkleren Orange als vorher.

Als ich mir die Augen reiben wollte, entfuhr mir unwillkürlich ein Schrei mit einer unvertrauten Stimme. Das waren nicht meine Hände! Das waren kleine schmutzige Hände mit unbeschreiblichen schwarzen Rändern unter den Fingernägeln. Ich registrierte absurderweise, dass diese Nägel zumindest nicht wie meine zum ständigen Abbrechen zu tendieren schienen. Diese Hände sahen aus, als hätte ihr Besitzer den ganzen Tag im Schlamm der Themse gewühlt. Und sie waren klein. Kinderhände!

»Bettina! Bettina, was passiert hier!«, schrie ich mit einer Kinderstimme und drehte mich im Kreis.

Niemand da. Keine Spur von Bettina. Ein seltsames Licht erfüllte den Raum.

Die Elster stieß einen Schnalzlaut aus, und der Nebel drang durch das Fenster herein, als sei er körperlich. Er hüllte mich ein, mit einer Eiseskälte, die meinen ganzen Körper durchdrang. Ich war blind und taub. Ich schrie, aber ich hörte nichts. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, ich dachte, so muss sich der Tod anfühlen. Es war etwa genau so schlimm, wie ich befürchtet hatte.

Doch nach und nach wich die Dunkelheit.

Es blieb kalt. Meine Zähne schlugen aufeinander, ich schlotterte. Mein dicker Parka war fort, ich fühlte kratzige, teils zerrissene Stoffe um meinen Körper. Sie wärmten fast überhaupt nicht.

Die Umgebung war nach wie vor in Nebel gehüllt.

Hinter mir die schwarzen Mauern des Tower waren weiter fortgerückt.

Ich stand auf einem breiten Uferstreifen. Die Themse lag ein gutes Stück weg vom Tower.

Holzboote trieben darauf, Fischerkähne, Segelboote. Keine Spur von den modernen Ausflugsbooten. Alles sah altmodisch aus.

Angst kroch mein Rückgrat hinauf – was geschah hier?

Mir wurde wieder schwindelig. Ich sah an mir herunter, meine schwarzen Stiefel waren fort. Stattdessen waren meine Füße in Lumpen eingewickelt, und jetzt setzten sie auch noch ohne mein Zutun Schritt für Schritt in die Themse.

Der Fluss war viel breiter als vorher. In Ufernähe war er seicht, aber zur Mitte hin wurde er reißend. Das Wasser am Ufer war brackig und stank. Holz, Äste und anderer Abfall staken im Grund fest. Algen hatten einen Teppich auf allem gebildet, wallten träge hin und her wie Leichenhaar. Ich spürte undefinierbare matschige Dinge unter meinen Fußsohlen.

In einiger Entfernung lag ein bläulicher Tierkadaver, wohl eine Kuh, der Leib aufgegast, das Fell löste sich in Stücken. Übelkeit stieg in Wellen in mir auf, aber ich konnte einfach nicht anhalten. Ich wollte auf gar keinen Fall weitergehen, in diese Brühe hinein, doch ich hatte keine Kontrolle über den Körper des Kindes.

Eisige Kälte kroch an meinen Waden empor, und ich versuchte zu schreien, weil sie in meine Haut schnitt wie ein Messer, aber aus meinem Mund kam kein Laut.

Ich ging immer weiter. Ich spürte die gierige Strömung an meinen Kleidern reißen, meine Beine wurden in der Kälte taub. Eine fremde Erleichterung stieg in mir auf.

Endlich wurde mir klar, was hier geschah.

Dieses Kind ging soeben in den Fluss, um zu sterben.

Panik lähmte mich, bis mich die Strömung erfasste und mit sich riss.

Ich hörte einen Vogel schreien, erhaschte einen Blick auf schwarzweißes Gefieder. Die Elster kreiste über mir, mit hektischen Flügelschlägen, immer wieder rufend. Es klang beinahe menschlich.

Die Kälte raubte mir den Verstand, aber sie brachte mir auch die Kontrolle über den fremden Körper. Das Kind schien bewusstlos geworden zu sein.

Ohne mich wärst du in wenigen Augenblicken tot, dachte ich grimmig. Ich rette dir gerade deinen kleinen Hintern, aus Dank dafür, dass du mir ein Bad in der dreckigen, verseuchten, eiskalten Themse verschafft hast.

Ich drehte mich im Wasser und versuchte zum Ufer zurückzuschwimmen. Aber die Strömung war viel zu stark. Ich paddelte und wirbelte hilflos im Kreis, während ich mitgerissen wurde.

Ich war jetzt nicht mehr so sicher, dass ich das Kind retten konnte.

Die Elster schrie gellend, und ich hörte in der Nähe Menschenstimmen. Das unverkennbare Platschen von Holzpaddeln auf dem Wasser. Von der Flussmitte kam ein Ruderboot auf mich zu. Obwohl meine Kräfte erlahmten und ich meinen Körper kaum noch spürte, hielt ich mich verzweifelt über der Oberfläche.

»Halt durch, wir sind gleich bei dir«, schrie mich eine fremde Männerstimme an. Ich hörte sie doppelt: Für mich klang es entfernt englisch, aber unverständlich. Für das Kind jedoch war es die Muttersprache.

Durchhalten – das würde nicht einfach werden. Ich hatte schwarze Punkte vor den Augen und das Sirren einer nahenden Ohnmacht in den Ohren. Wenn ich unterging und sie verloren mich aus den Augen, sanken meine Chancen erdrutschartig.

Ich konnte meine Arme nicht mehr bewegen. Meine Hände waren blau. Ich japste verzweifelt nach Luft, schluckte diese widerliche Brühe, hustete, würgte. Ging unter, kam wieder hoch, ging nochmal unter. Das Blut pulsierte in meinem Kopf, meine Lungen drohten zu platzen.

Das gab es doch wohl nicht: Ich würde ertrinken. Aber nicht mit gerade eben mal fünfzig. Ohne mich. Die Empörung ließ mich einen kräftigen Schwimmstoß machen, dem Boot entgegen.

Grobe Hände packten mich unter den Schultern, kugelten mir beinahe die Arme aus, als sie mich hochrissen.

Meine Oberschenkel schlugen hart auf dem Bootsrand auf, die Lumpen, in die ich gehüllt war, zerrissen, Splitter drangen in meine Haut.

Jemand schüttelte mich so, dass mir die Zähne aufeinanderschlugen.

»Bist du verrückt, Mädchen?«, knurrte eine harte Männerstimme. »Willst dich hier ersäufen? Hätt’st es fast geschafft, sag ich dir! Das war um Haaresbreite!«

»Was ist los mit dir, sag schon?«

Zwei Männer beugten sich über mich. Sie waren bemuskelt wie Bodybuilder, man sah ihnen an, dass harte körperliche Arbeit ihr Tagwerk war. Für die Temperaturen waren sie nachlässig dünn gekleidet, ein paar dünne Lagen fadenscheiniger Stoffe umhüllten ihre massigen Leiber, die Arme waren zur Hälfte frei und feuerrot, aber es schien ihnen nichts auszumachen.

Sie wirkten nicht besonders vertrauenerweckend.

Der eine hatte eine rote Säufernase und keine Zähne mehr im Mund, der andere so viele Pockennarben, dass sein Gesicht wie die Mondoberfläche aus der Nähe betrachtet aussah.

Das Kind, in dessen Körper ich steckte, war wieder zu Bewusstsein gekommen. Ich spürte seine Angst vor diesen Typen, die uns beide die Kälte des Themsebades vergessen ließ.

»He, Mädchen, wie heißt du?«, fuhr der Rotnasige mich an. »Woher kommst du? Dein Vater soll bezahlen, dass wir dich hier rausgezogen haben! Ein guter Fang ist uns dafür durch die Lappen gegangen!«

Ich sagte nichts und hörte mich doch sprechen.

»Mein Vater ist weg«, antwortete das Kind tonlos. »Er ist im Tower eingesperrt und wird morgen verbrannt.«

»Dann deine Mutter«, beharrte der Pockennarbige.

»Meine Mutter ist vor vier Jahren gestorben«, antwortete das Mädchen. »Ich bin allein.«

Die beiden Fischer sahen einander ratlos an.

»Wer zahlt uns denn jetzt unseren Fang?«, rätselte der Rotnasige. »Und wohin sollen wir mit dem Kind?«

Der Pockennarbige schüttelte mich wieder durch.

»Wie alt bist du, he?«, brüllte er. »Ich hab ’ne Base, die führt so ’n Haus. Da kriegst du immer zu essen und hast es warm. Die könnte dich vielleicht gut gebrauchen!«

Ich hörte wieder Flügelschlagen. Die Elster war zurück – war sie überhaupt fort gewesen? Sie stieß wie ein Adler auf die Männer herunter, und ihre Krallen zerrten am Haar des Pockennarbigen.

»Verdammter Vogel!«

Die Männer ließen mich los und schlugen nach der Elster.

»Was macht der hier mitten auf dem Fluss?«

»Das ist ’ne Elster, pass auf, man weiß doch, was es mit denen auf sich hat!«