Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Der Flug – Jenseits des Pazifik – Polarnacht – Das Phantom - Tamanrasset E-Book

Simon Weipert  

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E-Book-Beschreibung Der Flug – Jenseits des Pazifik – Polarnacht – Das Phantom - Tamanrasset - Simon Weipert

Vier Frauen, fünf Erzählungen, fünf Reisen ins Unbekannte: Die junge Physikerin Catherine betritt als einer der ersten Menschen den Mars und gerät in der Einsamkeit des Alls zusammen mit der übrigen Besatzung in eine lebensbedrohliche Situation. Die Mathematikerin Arlene besteigt in Los Angeles ein Flugzeug, das über dem Pazifi k plötzlich seinen Kurs ändert. Zwanzig Jahre nach ihrem Marsflug verbringen die ehemaligen Astronauten Catherine und David einen Winter mit astronomischen Beobachtungen in der Antarktis. Dabei machen sie eine außergewöhnliche Entdeckung und sehen sich erneut einer tödlichen Gefahr gegenüber. Die jugendliche Aussteigerin Daniela wird bewusstlos im Wald gefunden und ist möglicherweise in eine Reihe von Verbrechen verwickelt. Die Philosophiedoktorandin Susanne verirrt sich mit ihrer Reisegruppe in der Sahara und wird Zeugin unerklärlicher Ereignisse, bei denen ein Gruppenmitglied nach dem anderen spurlos verschwindet. Expeditionen in unerforschtes Terrain sind Simon Weiperts Erzählungen im doppelten Sinne: Zum einen spannende Abenteuergeschichten, bei denen der Leser den Heldinnen in faszinierende und gefährliche Landschaften folgt, sind sie zugleich und vor allem Reisen ins Innere der Figuren. Denn für jede der vier Frauen steht ihr Erlebnis in enger Verbindung mit einem entscheidenden Umbruch im Leben, und jede von ihnen wird durch äußere Gefahren mit inneren Konfl ikten konfrontiert: sei es der Verlust oder die Entfremdung des Partners, sei es eine berufl iche Sinnkrise, sei es gar die Frage nach dem Glauben an ein Leben nach dem Tod. In präziser und klarer Prosa verknüpft der Autor fünf unerhörte Begebenheiten mit Fragen, die jeden von uns beschäftigen. An den exotischsten oder unwirtlichsten Schauplätzen stellt er Figuren wie Leser vor die Frage nach dem Ziel unseres Lebens.

Meinungen über das E-Book Der Flug – Jenseits des Pazifik – Polarnacht – Das Phantom - Tamanrasset - Simon Weipert

E-Book-Leseprobe Der Flug – Jenseits des Pazifik – Polarnacht – Das Phantom - Tamanrasset - Simon Weipert

Inhalt

DER FLUG

JENSEITS DES PAZIFIK

POLARNACHT

DAS PHANTOM

TAMANRASSET

DER FLUG

Tief unter ihr erstreckten sich die dunkelblauen Weiten des Atlantischen Ozeans. Selbst die Wolken wirkten aus der Höhe wie ein filigranes Netz, das fast mit der Wasseroberfläche verschmolz und dessen Schatten sich kaum von ihm abhob. Ihr Blick wanderte nach links zum nordamerikanischen Kontinent und zur Küste Floridas, von wo aus ihre Reise vor zwei Tagen begonnen hatte. Die Küstenlinie war klar zu erkennen und rief in ihr die Bilder der subtropischen Landschaft wach, die das Raumfahrtzentrum umgab. Sie meinte, die Wärme und Feuchtigkeit auf ihrer Haut zu spüren, das Rauschen des Meeres, die sanfte Brise der Nacht und das Zirpen der Grillen. Sie erinnerte sich an ihre erste Fahrt zum Kap und die Erwartungen vor ihrem ersten Flug ins All, an ihre Vorfreude, ihre Begeisterung und das Gefühl, in die Welt ihrer Träume einzutauchen. Während die Erde sich weiterbewegte, erschienen weiter entfernte Bilder in ihr: Gedanken an ihre Kindheit in einer Vorstadt von Columbia in South Carolina, die Parklandschaft aus Bäumen, Gärten und Häusern, in der sie aufgewachsen war, an das Haus ihrer Eltern und die Klaviermusik ihrer Jugend.

In Europa brach gerade die Dämmerung an, und der Kontinent verschwamm im Osten mit dem Dunkel der Nacht. Im Westen jedoch beleuchteten die letzten Sonnenstrahlen noch die Orte, in denen sie viele Jahre verbracht hatte, und weckten Erinnerungen an ihre Zeit in Deutschland. Bilder und Eindrücke erschienen vor ihrem inneren Auge und erweckten diese nahe und doch so ferne Welt für einen Augenblick wieder zum Leben.

Als das Raumschiff sich auf die Dunkelheit zubewegte, ging ihre kurze Ruhepause zu Ende, und es war Zeit für sie, zur restlichen Mannschaft zurückzukehren, die sich auf den langen Flug durch das All vorbereitete.

Die beiden anderen Astronauten warteten schon auf Catherine: James, der Kapitän, der die Raumfähre zum Mars und zurück steuern würde, und der Copilot David, der zudem wie sie als Wissenschaftsastronaut für die Experimente verantwortlich war. In einer Stunde würden sie die Erdumlaufbahn verlassen und sich auf die Reise zum Roten Planeten begeben. Das Raumschiff bestand aus einer dreistufigen Antriebseinheit, von der zwei Stufen für den Hinflug benötigt wurden, und einer Raumfähre, die für die Landung auf dem Mars und die Rückkehr zur Erde vorgesehen war. Die dritte Stufe der Antriebseinheit sollte in der Marsumlaufbahn verbleiben und für den Rückflug benutzt werden, während die wie ein senkrecht startendes und landendes Flugzeug gebaute Raumfähre auf dem Mars landen und später zur Erde zurückkehren würde, wo sie wie ein normales Verkehrsflugzeug landen sollte. Im Vergleich zu Raumschiffen früherer Generationen war die Raumfähre »Constellation« sehr geräumig. Sie umfasste neben dem Cockpit einen Raum für wissenschaftliche Experimente, einen Aufenthaltsraum und drei Schlafräume für die Astronauten sowie ein kleines Gewächshaus, das die Besatzung während der langen Abwesenheit von der Erde mit frischer Nahrung versorgte. Dank Fortschritten in der Erzeugung künstlicher Schwerkraft konnten die Astronauten sich an Bord der Raumfähre fast wie auf der Erde bewegen. Schon zwei bemannte Flüge zum Mars hatte es vorher gegeben, doch auch der dritte beschäftigte noch die Menschen weltweit, wenn auch die öffentliche Resonanz nicht mehr so groß war wie bei der ersten Mission vor fünf Jahren. Damals waren die Erwartungen und vor allem die Hoffnung, auf dem Mars Spuren von Leben zu finden, sehr hoch gewesen. Bis jetzt hatten sie sich nicht erfüllt, aber es war nur ein kleiner Teil des Planeten erforscht, und Catherine hegte natürlich wie alle anderen den Traum, als erster Mensch eine solche Entdeckung zu machen. Diese Faszination war stärker als die Anspannung vor ihrem ersten großen Raumflug nach einigen kurzen Aufenthalten in der Raumstation. Große Schwierigkeiten hatte es bei den beiden vorangehenden Flügen nicht gegeben, obwohl sich die monatelangen Reisen durch das All noch am Rand des technisch Möglichen bewegt hatten. Dennoch fragte sich Catherine, wie es sein würde, zwei Jahre mit zwei Menschen ohne Umkehrmöglichkeit auf engstem Raum zusammenzuleben.

Sie wusch ihre Hände, kämmte ihre kurzen Haare und schaute kurz in den Spiegel, bevor sie zu James und David zurückkehrte. Catherine war deutlich kleiner und zierlicher als die anderen beiden Astronauten, und ihre dunkelbraunen, fast schwarzen Haare und braunen Augen bildeten einen reizvollen Kontrast zum hellen Blau ihres Raumanzugs.

»Da bist du ja«, sagte James, »ich dachte schon, du wärest eingeschlafen.«

»Nein, ich bin hellwach und bereit für die große Reise.«

James ging zum Platz des Piloten und zwängte sich in den Sitz. Er war groß und von kräftiger Statur, und seine blauen Augen und schwarzen Haare gaben seinem Gesicht zusammen mit den scharfen Konturen einen markanten Ausdruck.

David saß bereits auf dem Sitz des Copiloten. Er war etwas kleiner als James, hatte dunkelblonde Haare und braune Augen, und sein Gesicht wirkte jünger, als es seinem Alter von 35 Jahren entsprach.

Catherine setzte sich auf ihren Platz hinter David, und sie erledigten zu dritt die Arbeiten vor dem Abflug zum Mars. David kümmerte sich um den Funkverkehr, James kontrollierte die Anzeigen und Instrumente und nahm auf Anweisung der Bodenstation letzte kleine Veränderungen vor, während Catherine die Liste ihrer Geräte durchging und sich vergewisserte, dass alles für den Flug zum Roten Planeten vorbereitet war.

Die Anspannung stieg, auch wenn keiner der drei sich etwas anmerken ließ. Ihre Bewegungen und ihre Stimmen wirkten routiniert wie immer, als sie die Aufgaben ausführten, die sie während ihrer Ausbildung vielfach geübt hatten. Doch etwas war anders als bei den Flügen zur Raumstation, die alle drei Astronauten bereits hinter sich hatten. Zwar kannten sie die Mischung aus freudiger Erregung und unterschwelliger Angst, aber dieses Mal spürte vor allem Catherine eine tiefe innere Unruhe, als ob sich ihre Seele in einen Vulkan verwandelt hätte, der sie alle Tiefen ihres Daseins spüren ließ.

Die Bodenstation teilte ihnen nochmals mit, dass nach den neuesten Daten in den nächsten Wochen und Monaten keine Sonneneruptionen zu erwarten seien und dass sie auf dem Weg zum Mars auch keine Meteoroidenströme kreuzen würden. Die Vorhersage wurde ständig aktualisiert und gehörte zur täglichen Routine, auch wenn vor dem Start genaue Beobachtungen durchgeführt und die Bahnen sämtlicher Asteroiden und Meteoroidenschwärme vorausberechnet worden waren.

»Wir dürften also während der ersten Tage keine unliebsamen Überraschungen erleben«, sagte James.

»Ja«, antwortete Catherine, »es sieht alles gut aus, obwohl man natürlich nie genau weiß, was geschehen wird.«

Die letzten fünf Minuten in der Erdumlaufbahn vergingen in unaufhaltsam wachsender Spannung. Hinter ihnen lag ihr Heimatplanet, der ihnen seine Nachtseite zuwandte, und vor ihnen erstreckte sich der Sternenhimmel, der in ihnen eine Ahnung von der Größe des Weltalls weckte, wie sie sie auf der Erde nie empfunden hatten. Es war, so schien es Catherine, als ob sich vor ihr die Unendlichkeit öffnete und in sich alle Hoffnungen, Träume und Befürchtungen ihres Lebens bündelte.

Als sie schließlich das Geräusch der Triebwerke hörten und die Beschleunigung spürten, fiel alle Anspannung von ihnen ab und wich einem Gefühl rauschhaften Glücks. Eine Zeitlang behielten alle ihre Gefühle für sich, doch schließlich sagte David:

»Der erste Schritt ist getan!«

»Ja, jetzt kann es losgehen«, ergänzte James, und auch Catherine lächelte befreit.

Während die Erde hinter ihnen immer kleiner wurde und von grellem Sonnenlicht überstrahlt wurde, nahm die Raumfähre Kurs auf den Punkt, an dem sich in fünf Monaten der Mars befinden würde.

Nachdem sie die Erdumlaufbahn verlassen hatten, kümmerten sich die Astronauten wieder um ihre jeweiligen Aufgaben. James überwachte den Flug, während Catherine und David noch einmal die Experimente besprachen, die sie zu Beginn durchführen sollten. Aus dem Heckfenster der Raumfähre sahen sie die Erde, die sich bereits ein Stück weitergedreht hatte, und beobachteten das nächtliche Europa.

»Diesen Anblick werden wir lange Zeit nicht mehr erleben«, sagte Catherine.

»Ich werde ihn vermissen«, meinte David. »Bald werde ich mit meiner Familie telefonieren, das macht den Abschied wenigstens etwas leichter.«

»Gehen wir noch einmal den Ablauf der Magnetosphärenmessungen durch«, sagte Catherine nach einer Weile, und sie begannen sich auf die Beobachtungen vorzubereiten.

Nach weiteren zwei Stunden kamen die drei Astronauten zum Essen zusammen und planten den Verlauf der nächsten Tage. Danach begann für Catherine und David die erste Ruhephase, während James wach blieb, um den Kontakt mit der Bodenstation aufrechtzuerhalten und bei Schwierigkeiten eingreifen zu können.

Catherine und David gingen in ihre Schlafräume, die jeweils genug Platz für ein Bett, ein kleines Fenster und einen Schrank boten. Catherine hörte noch ein wenig Musik und beobachtete den Sternenhimmel. Sie verfolgte das breite und doch zarte Band der Milchstraße, das sich von einer Seite des Himmels zur anderen spannte und niemals zu enden schien. Sie fühlte sich wie ein kleines Staubkorn in einem gewaltigen Ozean aus Licht und Dunkelheit. Wieder einmal wurde ihr bewusst, wie verwundbar sie in der Unendlichkeit des Weltalls war, und doch empfand sie gleichzeitig ein tiefes Gefühl der Geborgenheit und der Zugehörigkeit zu dieser Welt aus Licht und Schatten. Als sie sich schließlich schlafen legte, war bereits die Hälfte ihrer sechsstündigen Ruhepause vergangen.

Nachdem sie aus ihrem kurzen Schlaf erwacht war, begab sie sich ins Cockpit, um zusammen mit David James abzulösen, der schon auf sie wartete und angespannt und müde wirkte.

»Es wird Zeit, dass ihr kommt«, sagte er.

»Ja, die letzten sechs Stunden waren für dich ja auch ziemlich anstrengend«, antwortete David. Schon während ihrer gemeinsamen Ausbildung hatten Catherine und David bemerkt, dass James manchmal etwas unausgeglichen war, doch es waren nur kurze Phasen gewesen. James war mit 45 Jahren der Älteste unter den dreien und war vor seiner Bewerbung als Astronaut Offizier bei der Luftwaffe gewesen. Mehrmals war er während seiner Dienstzeit in Afghanistan, im Irak und im Kongo stationiert und mit seiner Einheit auch in Kämpfe gegen Aufständische verwickelt gewesen. Diese Erfahrungen hatten Spuren in seiner Seele hinterlassen, auch wenn sie für einen Soldaten nichts Ungewöhnliches waren und von seinen Vorgesetzten nicht weiter ernst genommen worden waren.

»Ich gehe jetzt schlafen. Achtet darauf, dass der Kurs innerhalb der erlaubten Abweichungen bleibt.«

»In Ordnung«, sagte David. »Gab es irgendwelche Besonderheiten?«

»Nein, außer einer ganz kurzen Störung des Funkverkehrs, wahrscheinlich wegen leicht erhöhter Sonnenaktivität. Nach Auskunft der Bodenstation ist das aber nicht von Bedeutung«, antwortete James und ging in seine Schlafkabine.

David wünschte ihm eine gute Nacht, aber James nahm das Gesagte kaum noch wahr. In seiner Kabine legte er sich gleich ins Bett und fiel augenblicklich in einen tiefen, manchmal von unruhigen Träumen unterbrochenen Schlaf.

Währenddessen trafen Catherine und David die letzten Vorbereitungen für die Experimente zur Erforschung der Magnetosphäre, die demnächst durchgeführt werden sollten. Dies waren zusammen mit der Beobachtung von einigen Asteroiden die einzigen wissenschaftlichen Arbeiten, die für die Zeit des Fluges zum Mars vorgesehen waren. Die Messungen sollten in etwa fünf Stunden beginnen und nach einigen Tagen abgeschlossen sein. Danach würde für die Astronauten bis zur Annäherung an den Mars eine lange Phase des Wartens beginnen. Jeder hatte auf seine Weise für diese Zeit vorgesorgt. Alle hatten Hunderte von Büchern auf ihren persönlichen Lesegeräten gespeichert, James und David hatten einige Computerspiele mitgebracht, und Catherine hatte fast ihre gesamte Sammlung von Musikstücken dabei. Während Astronauten auf früheren Flügen öfter über Langeweile geklagt und sie manchmal als erhebliche Belastung empfunden hatten, war Catherine darüber kaum besorgt. Sie kannte ihre Fähigkeit, sich ihren Träumen und der Welt ihrer Seele zu überlassen, und glaubte, dass ihr dadurch die lange Abwesenheit von der Erde leichter fallen würde.

Nachdem sie mit den Vorbereitungen fertig waren, trainierten David und Catherine eine Stunde lang auf ihren Laufbändern. Auch das war Teil der täglichen Routine, um einem Verlust der Muskulatur vorzubeugen. Als James wieder aufgewacht war, trafen sie sich zum Essen.

»Hast du dich ein bisschen erholt?«, fragte David James.

»Ja, es geht schon wieder. Ich habe ganz gut geschlafen – nur manchmal ein bisschen unruhig«, antwortete James.

»Das ist ja auch nicht ungewöhnlich auf einem solchen Flug«, sagte Catherine. »Im Lauf der Zeit wird alles zur Routine werden, und dann werden wir alle besser schlafen.«

Nach der kurzen Pause widmeten sich die drei Astronauten wieder ihren Aufgaben. Catherine und David begannen mit den Magnetosphärenmessungen, während James seiner Arbeit als Pilot nachging. Langsam wirkte sich im Funkverkehr mit der Erde die wachsende Entfernung aus, so dass man bei einem Gespräch länger auf die Antwort warten musste. Noch betrug diese Verzögerung nur einige Sekunden, doch bis zur Ankunft auf dem Mars würde sie auf etwa 25 Minuten anwachsen.

Nach wenigen Tagen waren die letzten Messungen und Experimente abgeschlossen, und für die drei begann die Zeit des Wartens. Neben ausgiebiger Lektüre sprachen sie in ihrer Freizeit oft und lange über ihre Erwartungen und Erlebnisse. Außerdem wurden ihre Ruhepausen von sechs auf acht Stunden ausgedehnt. Catherine nutzte diese Zeit nicht nur zum Schlafen, sondern genoss auch immer wieder den Anblick des Sternenhimmels. Einmal wanderte ihr Blick zurück zur Erde, die noch als kleiner Punkt in der Ferne zu erkennen war. Was mochte dort vor sich gehen? Vor drei Tagen hatte sie mit ihrem Vater und ihrer Schwester in South Carolina telefoniert und ihnen von den ersten Tagen an Bord der Raumfähre erzählt. Lange war dafür jedoch nicht Zeit gewesen, weil die Astronauten jeweils nur etwa zehn Minuten pro Woche für persönliche Telefongespräche zur Verfügung hatten. Ihr Vater war gerade aus seiner Arztpraxis zurückgekehrt, und ihre Schwester Anne schrieb an ihrer Abschlussarbeit an der Universität, da sie ihr Studium noch dieses Jahr abschließen wollte. Sie war 28 Jahre alt, fünf Jahre jünger als Catherine. Beide waren gemeinsam in South Carolina aufgewachsen, bevor Catherine einige Jahre in Deutschland verbracht hatte, von wo ihr Großvater stammte.

Catherines Gedanken schweiften zurück in ihre Kindheit, zu ihren ersten Erinnerungen.

Sie sah das Haus ihrer Eltern auf einem kleinen Hügel in einer Vorstadt von Columbia, umgeben von Fichten und Laubbäumen. Es war ein älteres, zweistöckiges Holzhaus aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts mit einer langen Einfahrt und einer steinernen Eingangstreppe. Auf seiner Rückseite lag hinter der Veranda ein großer Garten mit einem weitläufigen Rasen und Gruppen von hohen Bäumen, in dem Catherine als Kind oft zusammen mit ihrer Schwester ihre Zeit verbracht hatte. Vom Garten gelangte man in das Wohnzimmer, wo neben dem Kamin ein schwarzer Flügel stand, auf dem ihre Eltern und später auch Catherine jeden Tag gespielt hatten. Ihr Vater und ihre Mutter liebten klassische Musik, und die Klänge des Flügels gehörten zu Catherines frühesten Erinnerungen. Schon als Kind gab sie sich gerne ihren Träumen hin und konnte stundenlang ihren Eltern zuhören. In der Grundschule erwachte jedoch auch ihre Neigung zu Mathematik und Naturwissenschaften, und schon damals übten der Nachthimmel und die Sterne eine besondere Anziehungskraft auf sie aus. Abends stand sie manchmal auf, schaltete das Licht aus und beobachtete die schwarze Unendlichkeit mit ihren vielen kleinen und größeren Lichtpunkten. Sie fragte sich bisweilen, wie weit sie wohl entfernt sein mochten. Ihre Astronomiebücher gaben ihr eine vage Vorstellung von den Dimensionen des Universums, und da ihr Vater ihr frühes Interesse an der Welt der Sterne teilte, konnte er ihr manche Fragen beantworten.

Als sie sieben Jahre alt war, begann Catherine selbst Klavier zu spielen, zunächst mit Hilfe ihrer Mutter, die in New York Musik studiert hatte. Sie erinnerte sich noch gut an die ersten kleinen Melodien, das Gefühl bei der Berührung der Tasten, den Geruch des Holzes und die Wärme des Kamins im Winter. Jeden Tag verbrachte sie so als Kind eine halbe Stunde am Klavier und überließ sich dem Klang der Musik, obwohl ihr das Üben manchmal auch schwerfiel. Später, in der Pubertät, wurde ihr das Instrument immer mehr zum Begleiter, und sie spielte abends und am Wochenende oft stundenlang, mit der Musik gleichsam Zwiesprache haltend. Anne liebte es, ihr zuzuhören, und auch ihre Freunde und Schulkameraden waren vom Ausdruck ihres Klavierspiels manchmal geradezu fasziniert. Ihre Mutter hatte öfter davon geträumt, dass sie Pianistin werden würde, und versuchte, ihren Ehrgeiz zu wecken, doch Catherine sah die Musik nicht als ihren zukünftigen Beruf, sondern eher als ein Reich der Phantasie. In der Schule dagegen entwickelte sie großes wissenschaftliches Interesse und empfand schon bald den Wunsch, Mathematikerin oder Physikerin zu werden. Außerdem hatte sie begonnen, in ihrer Freizeit Deutsch zu lernen, und dachte daran, Europa und die Heimat ihres Großvaters kennenzulernen. Als die Zeit der Entscheidung näherrückte, unterstützte ihr Vater sie, während ihre Mutter sich nicht so leicht von ihrem Ziel abbringen lassen wollte. Schließlich jedoch setzte sich Catherine durch und machte erste Pläne für ihr Physikstudium in Deutschland. Zur selben Zeit begann sie, den christlichen Glauben ihrer Eltern, mit dem sie zu Hause aufgewachsen war, in Frage zu stellen. Konnte es so etwas wie eine Sphäre jenseits der materiellen Welt überhaupt geben? Ihre Beschäftigung mit den Naturwissenschaften ließ sie zunehmend daran zweifeln. Rational betrachtet, sprachen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse dagegen, dass es eine vom Körper unabhängige Seele gab, die nach dem Tod weiterlebte. Wie war das mit einem Leben nach dem Tod vereinbar? Andererseits mochte sie nie ganz ausschließen, dass rationales Denken nur eine mögliche Art der Erkenntnis war und dass auch in ihren Tagträumen ein wahrer Kern stecken könnte. Und diese Träume sagten ihr, dass die Existenz einer Welt jenseits des Materiellen kein unsinniger Gedanke war. Besonders wenn sie den Sternenhimmel betrachtete, fühlte sie sich oft als Teil einer Welt, die an den Grenzen des Materiellen nicht endete.

Ihre Eltern reagierten auf ihre Zweifel am hergebrachten Glauben in unterschiedlicher Weise. Während ihr Vater bekannte, ganz ähnliche Gedanken zu hegen, zeigte ihre Mutter wenig Verständnis dafür, dass Catherine auch in dieser Hinsicht ganz andere Wege ging als sie selbst. Zu dieser Zeit fühlte Catherine immer mehr, dass es für sie an der Zeit war, Columbia zu verlassen und völlig neue Erfahrungen zu sammeln, und auch ihre Eltern spürten, dass es nach den Auseinandersetzungen der letzten Monate das Beste war, wenn für Catherine ein neuer Lebensabschnitt begann.

Noch im Sommer desselben Jahres flog sie nach Frankfurt. Es war das erste Mal, dass sie das Land sah, in dem ihr Großvater aufgewachsen war. Mit einer Mischung aus Wehmut über den Abschied von zu Hause und freudiger Erwartung des Neuen hatte sie sich auf diese erste große Reise ihres Lebens begeben. Als das Flugzeug abhob, spürte sie, wie sie etwas von sich zurückließ und wie das Unbekannte an die Stelle des Alten zu treten begann. Während der Nacht, als die meisten anderen Passagiere schliefen, öffnete sie die Blende ihres Fensters und blickte nach draußen. Es war eine Neumondnacht, in der sich die Sterne deutlich vom Dunkel des Nachthimmels abhoben. Das Flugzeug schien sich über ein nicht enden wollendes Gebirge aus Wolken hinwegzubewegen, über dem Zeit und Entfernung ihre Bedeutung verloren. Jenseits dieser unwirklichen Landschaft spannte sich der Nachthimmel mit den Catherine wohlbekannten Sternbildern. Obwohl sie wusste, dass diese Sterne unerreichbar fern waren, erschienen sie ihr doch wie ein vertrauter Teil ihrer inneren Welt und gaben ihr ein Gefühl tiefer Geborgenheit. Als schließlich das Morgenrot sichtbar wurde und sich das Flugzeug seinem Ziel näherte, fühlte sie, dass sie ihre Kindheit und Jugend hinter sich gelassen hatte und bereit war für das, was vor ihr lag.

Frankfurt erinnerte sie auf den ersten Blick an eine amerikanische Stadt und gab ihr von Anfang an das Gefühl, eine neue Heimat gefunden zu haben. Als sie nach einigen Wochen ihr Physikstudium an der Universität begann, hatte sie sich schon an das Leben in Deutschland gewöhnt und auch ihr Deutsch so weit verbessert, dass sie sich fließend in der zunächst noch fremden Sprache ausdrücken konnte. Dennoch ging sie nicht ganz im täglichen Leben in Deutschland auf, denn während eines Sprachkurses hatte sie eine enge Freundschaft mit einem anderen amerikanischen Physikstudenten geschlossen. Roger teilte mit ihr die Leidenschaft für Naturwissenschaften und vor allem die Faszination für die Welt der Sterne. Im Lauf der Monate wurden sie ein Paar und zogen in eine gemeinsame Wohnung in dem Stadtteil, in dem Catherine lebte. Während ihrer drei gemeinsamen Jahre unternahmen sie mehrere Reisen nach Süddeutschland, Italien und Frankreich. Die ersten Landschaften, die Catherine in Deutschland kennenlernte, waren der Schwarzwald und die Alpen. Sie erinnerte sich noch gut an ihren Ausflug nach Freiburg im Herbst, an die Stadt und vor allem an ihre Fahrt auf die Schwarzwaldberge, als der Nebel der Sonne wich und die klare Luft einen weiten Blick in die Ferne eröffnete, von den Schweizer Alpen über den Montblanc bis zu den Vogesen, während das graue Meer des Nebels die Welt unter ihr bedeckte.

Neben ihrem Studium spielte Catherine auch weiterhin Klavier, sofern sie dafür noch Zeit fand. Roger konnte ihr oft lange wie gebannt zuhören, und auch wenn er selbst kein Instrument spielte, begann er doch ihre Begeisterung für Musik zu teilen. Während dieser Zeit schmiedeten sie Pläne für ihre gemeinsame Zukunft. Sie wollten nach Amerika zurückkehren, um dort an einer Universität zu arbeiten und eine Familie zu gründen, obwohl sich Catherine nicht sicher war, ob sie Letzteres mit ihren beruflichen Plänen würde vereinbaren können. Manchmal hatte sie deswegen auch Streit mit Roger.

Im Frühjahr von Catherines letztem Studienjahr fuhr Roger für einige Tage zu einem Freund nach Karlsruhe. Sie hatten sich verabschiedet wie immer, und Catherine war danach in die Stadt gefahren. Zwei Tage später, als sie zu Hause am Schreibtisch arbeitete, klingelte es plötzlich, und als sie nach unten ging, sah sie zwei Polizisten vor der Tür stehen. Sie machten schon auf den ersten Blick den Eindruck, dass ihnen die Aufgabe, die sie jetzt zu erfüllen hatten, nicht leichtfiel, und auch Catherine hatte sofort eine dunkle Vorahnung.

Als sie die Tür öffnete, sagte einer der Polizisten zu ihr:

»Frau Weaver, wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Herr Williams vor zwei Stunden bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Er fuhr mit seinem Wagen auf der Autobahn, als ein vorausfahrendes Fahrzeug plötzlich bremsen musste. Er geriet mit seinem Auto ins Schleudern und prallte gegen einen Baum. Der Notarzt konnte sein Leben leider nicht mehr retten.«

In ihrem Innern schien das Leben stillzustehen, wie zerrissen zwischen Traum und Realität. Erst als die Polizisten gegangen waren, verdrängte die eindringende Wirklichkeit alle anderen Gedanken. Das Gefühl der Verzweiflung überwältigte sie und ließ sie für Stunden, Tage und Nächte erstarren, wie wenn sich eine dicke Eisschicht auf ihre Seele gelegt hätte. Erst nach einigen Tagen war sie wieder fähig, zur Universität zurückzukehren und ihre Eltern anzurufen, die sie zu trösten versuchten. Aber auch als sie wieder in den Alltag zurückfand, blieb in ihrem Leben vieles anders. Nicht zuletzt stellte sie sich immer häufiger Fragen, die sie manchmal schon vorher bewegt hatten: Bleibt nach dem Tod etwas von uns bestehen? Gibt es eine Welt jenseits des Materiellen? In der Vergangenheit hatten bei ihr die Zweifel überwogen. Die Seele mit all ihren Gedanken, Gefühlen und Träumen war nach naturwissenschaftlichen Erkenntnissen doch letztlich nur ein Ergebnis organischer Vorgänge und damit ein Teil der körperlichen Welt. Auch jetzt sagte ihr der Verstand, dass es keinen Grund gab, an dieser naturwissenschaftlichen Sichtweise zu zweifeln. Und doch konnte sie das Gefühl, dass Roger noch immer Teil ihres Lebens und auf geheimnisvolle Weise da sei, nicht verdrängen, und sie fragte sich wieder, ob nicht Träume und Ahnungen auch ein Teil der Wirklichkeit waren und auf ihre Weise an der Erkenntnis teilhatten. Während sie in den nächsten Wochen ein wenig Abstand von dem Geschehenen gewann und ihre Kraft langsam zurückkehrte, beschäftigte sie diese Frage weiter, und trotz aller Zweifel begann sie, sie zögernd zu bejahen. Roger blieb auf diese Weise bei ihr – in ihren Tagträumen und in ihrer Musik, und sie lernte, diese Träume nicht mehr als reine Illusion zu betrachten, sondern in ihnen einen Teil ihres Lebens zu sehen. Nach etwa einem halben Jahr schloss sie ihr Studium ab und kehrte nach Hause zurück. Sie hatte ihre Eltern und ihre Schwester vermisst, auch wenn sie sie zweimal im Jahr besucht hatte. Schon bald nach ihrer Ankunft trat Catherine eine Stelle als Softwareentwicklerin bei einem Flugzeughersteller in North Carolina an und schrieb daneben ihre Doktorarbeit. Bald ging sie mehr als je zuvor in ihrer Arbeit auf, die ihr Erfüllung und Anerkennung einbrachte. Nach einiger Zeit wurde ihr die Entwicklung von Computerprogrammen für Raumfahrtprojekte übertragen, was ihrer Neigung zur Astronomie entgegenkam. Zwei Jahre später erfuhr sie von einer Stellenausschreibung für Astronauten, und nach einigem Überlegen bewarb sie sich, obwohl sie es für unwahrscheinlich hielt, dass sie tatsächlich angenommen werden würde. Zu ihrem Erstaunen wurde sie jedoch ein paar Wochen später zu einem Vorstellungsgespräch geladen. Dass die Verwirklichung dieses Traums plötzlich in greifbare Nähe rückte, spornte sie an, alles dafür zu tun. Sie verbrachte abends und nachts viele Stunden damit, alles über geplante Raumflüge und auch mögliche Flüge zum Mars herauszufinden, und mit dieser Arbeit wuchs auch ihre Begeisterung für die Erforschung des Weltalls. Als sie schließlich die Nachricht bekam, dass sie unter mehreren tausend Bewerbern ausgewählt worden war, empfand sie eine tiefe Überzeugung, das Richtige zu tun, obwohl ihr die Gefahren von Raumflügen bewusst waren und obwohl ihre Eltern und ihre Schwester sie bei aller Bewunderung für ihre begeisterte Entschlossenheit auch manchmal davor gewarnt hatten. Während ihrer Ausbildung zur Astronautin und dem Training für ihren ersten Flug war Catherine so stark mit ihrer Arbeit beschäftigt, dass für die Musik nur noch wenig Zeit blieb. Manchmal jedoch fand sie noch die Gelegenheit, Klavier zu spielen und sich ihren Gedanken und Träumen hinzugeben. Wie früher tauchten in ihr Bilder aus der Vergangenheit und der Zukunft auf, und auch Roger lebte in diesen Bildern fort, und mit ihm das Gefühl der Geborgenheit in einer Welt, die mit dem Physischen nicht endete.

Etwa ein Jahr nach Abschluss ihrer Ausbildung flog Catherine zum ersten Mal ins All. Sie erinnerte sich noch gut an den Start der Raumfähre, an ihren Aufenthalt in der Raumstation und an den ersten Anblick der Erde von oben. Zu dieser Zeit wurden auch die ersten bemannten Flüge zum Mars geplant, die nach vielen Jahrzehnten nun endlich Wirklichkeit werden sollten. Obwohl inzwischen nahezu jede unbemannte Sonde ihr Ziel erreichte, blieb in allen Beteiligten das Bewusstsein für die Gefahren eines bemannten Marsfluges und die Folgen eines möglichen Scheiterns nur allzu lebendig. Trotz mancher kleinerer Schwierigkeiten wurden jedoch die ersten beiden bemannten Flüge große Erfolge, die die Öffentlichkeit und die Medien weltweit in ihren Bann zogen. Wie einst bei den lang zurückliegenden Mondlandungen wurde auch der erste Schritt eines Menschen auf dem Mars als großer Schritt in der Geschichte der Menschheit gefeiert. Ingenieure, Ärzte und Psychologen versuchten danach, aus den Erfahrungen dieser ersten Flüge zu lernen. Trotz vieler Langzeitversuche war vor diesen Missionen unklar gewesen, wie Menschen sich während eines so langen Fluges verhalten und wie sie ihn seelisch verarbeiten würden. Bei den ersten beiden Flügen war aber auch in dieser Hinsicht alles gut gegangen, trotz gelegentlicher Auseinandersetzungen und obwohl einige Besatzungsmitglieder kurze depressive Phasen hatten durchleiden müssen. Längst hatte die Erfahrung vieler Raumflüge auch gelehrt, dass es dem sozialen Klima diente, wenn wenigstens eine Frau an Bord des Raumschiffes war. Das hatte sich gerade bei den ersten Marsflügen erneut bestätigt. Auch darum wurde Catherine für den dritten Flug vorgeschlagen, zumal man glaubte, dass sie auf Grund ihrer eher zurückhaltenden Persönlichkeit gerade während eines langen Fluges eine wichtige Rolle im sozialen Gefüge der Mannschaft spielen könne.

Als Catherine erfuhr, dass sie zum Mars fliegen würde, war sie außer sich vor Freude. Damit erfüllte sich für sie ein lang gehegter Wunsch, an dessen Verwirklichung sie selbst zu Beginn ihrer Astronautinnenlaufbahn kaum geglaubt hatte. Als das Training für den Flug begann, widmete sie sich noch intensiver als bisher ihrer Arbeit und verbrachte oft den ganzen Tag und auch die Wochenenden mit der Vorbereitung von Experimenten und dem Studium der Bedingungen auf dem Mars. Zu den beiden anderen Astronauten entwickelte sie von Anfang an eine gute Beziehung und war zuversichtlich, mit ihnen auch die lange Reise zum Mars meistern zu können. Sie entwickelte schnell große Sympathie für David, und auch mit James konnte sie sich anfreunden, obwohl oder gerade weil sie spürte, dass er in seinem Leben auch schwere Erfahrungen gemacht hatte. Die letzten Monate und Wochen bis zum Start vergingen umso rascher, je näher der Abflugtermin rückte. Als die »Constellation« schließlich abhob, schien die Zeit hingegen beinahe stillzustehen, als wollte sie die Astronauten und die Welt das Außergewöhnliche dieses Augenblicks spüren lassen. Hunderttausende waren gekommen, um den Start mit eigenen Augen zu verfolgen, doch die Astronauten waren mit ihren Gedanken bereits im All auf der Reise in eine ferne Welt und nahmen das Geschehen auf der Erde nur noch am Rande wahr. Als sie schließlich in der Umlaufbahn ankamen, wurde ihnen noch deutlicher bewusst, dass dies nicht das Ziel ihrer Reise war, sondern nur der Ausgangspunkt für einen weiten Weg.

Alle diese Erinnerungen und Gedanken gingen Catherine in ihrer langen Ruhepause durch den Kopf, bevor sie einschlief, während das Raumschiff seine Bahn durch die Weiten des Weltalls zog und die Erde immer weiter im Dunkel verschwand. Während des Fluges von der Erdumlaufbahn zum Mars übernahm jeweils ein Astronaut die Flugkontrolle, ein anderer hatte frei oder nutzte die Zeit für die Vorbereitung der Erforschung des Planeten, und der dritte schlief in seiner Kabine. Da der Flug weitgehend automatisch gesteuert wurde und der Funkverkehr nur einen kleinen Teil ihrer Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, blieb manchmal auch Zeit für Gespräche. Vor allem David und Catherine lernten sich dadurch näher kennen und erfuhren viel über das Leben des anderen. Doch auch James eröffnete David und Catherine manchmal einen Blick in seine Seele, auch wenn ihnen ein Teil seiner Gefühlswelt verschlossen blieb. Einmal erzählte er, wie bei einem Angriff auf einen Luftwaffenstützpunkt mehrere seiner Kameraden getötet wurden.

»Die Angreifer kamen plötzlich aus dem Hinterhalt und eröffneten mit Maschinenpistolen das Feuer. Wir versuchten, Schutz zu finden, doch die feindlichen Kämpfer schienen von allen Seiten auf uns loszustürmen. Wir mussten uns verteidigen, und es kam zu einem stundenlangen Gefecht. Ich hatte Glück und wurde nicht getroffen, doch zwei meiner Kameraden wurden am Kopf verletzt und starben noch am Ort des Angriffs. Drei weitere Soldaten aus unserer Einheit wurden durch Schüsse und Granatsplitter schwer verwundet. Sie schrien vor Schmerz, und wir konnten ihnen nicht helfen. Immer wieder gerieten wir nach kurzen Momenten der Ruhe unter heftigen Beschuss, und häufig tauchten die feindlichen Soldaten wie aus dem Nichts plötzlich wieder auf und schossen auf uns. Nach längerer Zeit gelang es uns schließlich, den Angriff abzuwehren und uns zurückzuziehen. Diese Stunden und der Anblick meiner toten und verletzten Kameraden haben sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt.«

David und Catherine waren sichtlich berührt und versuchten, ihr Mitgefühl in Worte zu fassen, aber das Gespräch wurde bald durch eine Meldung von der Bodenstation gestört. Danach war es Zeit für James’ Ruhepause, und David und Catherine blieben alleine zurück. Als alle Aufgaben erledigt waren, setzten sie ihr Gespräch fort und tauschten sich über ihre Jugend und Schulzeit aus. David stammte aus Colorado und hatte zwei Schwestern, Rachel und Edith, die als junge Frau an Leukämie gestorben war.

»Als Kinder hatten wir viel Spaß miteinander und spielten oft stundenlang Ball im Garten hinter dem Haus. Später gingen Rachel und Edith häufig mit mir laufen, oder wir machten lange Radtouren durch die Berge, von denen wir manchmal erst spätabends zurückkamen. Rachel entwickelte später ein starkes Interesse an Literatur und Sprachen, während Edith sehr gut zeichnete und Designerin werden wollte. Ich dagegen war der Naturwissenschaftler in der Familie und eiferte schon früh meinem Vater nach, der als Bauingenieur bei einer großen Firma arbeitete. Kurz nachdem ich angefangen hatte, Elektrotechnik zu studieren, bekam Edith öfter Infektionen und wurde immer schwächer und kurzatmiger, obwohl sie vorher sehr sportlich gewesen war. Wir gingen zum Arzt, der sie sogleich in ein Krankenhaus schickte und uns darauf vorbereitete, dass es sich um Leukämie handeln könne. Diese Befürchtung hat sich dann leider schnell bestätigt, und es wurde uns auch gesagt, dass die Prognose nicht sehr günstig sei. Edith trug diese niederschmetternde Nachricht mit erstaunlicher Gelassenheit und half damit uns allen, mit unserer anfänglichen Verzweiflung besser fertigzuwerden. Obwohl sie wie die meisten in unserer Familie nie religiös gewesen war, schien sie keine Angst vor dem Tod zu haben. Sie war vielmehr davon überzeugt, dass die Toten wie die Lebenden Teil einer umfassenden Gemeinschaft seien und dass etwas von uns nach dem Tod bestehen bleibe. Dieser Gedanke war für uns etwas Neues, weil wir uns eigentlich immer in der Gewissheit einig waren, dass mit dem biologischen Tod das Leben zu Ende sei, und uns jeder Glaube an eine Welt jenseits des Materiellen unsinnig erschien. Doch Ediths wachsende Überzeugung im Angesicht ihres Todes nährte bei jedem von uns im tiefsten Innern Zweifel an dieser Gewissheit, und wir mochten diese Möglichkeit trotz aller Bedenken nicht mehr ganz ausschließen. Auch nach Ediths Tod schien es uns manchmal so, als sei sie noch bei uns und Teil unserer Familie. Dieses Gefühl verstärkte sich bei mir im Lauf der Zeit, und ich lernte, es nicht mehr als etwas Irrationales anzusehen, sondern als einen Teil meines Lebens. Ich billigte ihm einen Sinn zu, auch wenn ich es mir nicht genau erklären konnte. Zu dieser Zeit wurde ich zum begeisterten Langstreckenläufer, und beim Laufen gab ich manchmal meiner Neigung zu Tagträumen nach, die ich nicht mehr wie früher als überflüssig oder sinnlos ansah. Gerade in diesen Träumen fühlte ich mich nicht nur Edith verbunden, sondern empfand mich auch wie sie als Teil eines großen Ganzen. Dieses Gefühl habe ich manchmal auch hier im Weltall auf dem Flug zum Mars, bei der Beobachtung der Sterne und beim Anblick der Erde von oben.«

»Mir geht es ganz ähnlich«, sagte Catherine und erzählte David von Roger und den Erfahrungen mit ihren Tagträumen. »Ich kenne natürlich auch die rationalen Erklärungen für all diese Empfindungen und Erscheinungen, doch ich glaube trotz allem immer mehr, dass es noch etwas jenseits dieser Erklärungen geben könnte.« So entdeckten David und Catherine bei ihren Gesprächen viele Gemeinsamkeiten und verbrachten immer mehr Zeit miteinander, soweit es die Abläufe an Bord zuließen.

Trotz der langen Abwesenheit von der Erde war die Stimmung unter den Astronauten noch immer gut. Lediglich James wirkte manchmal nach seinen Ruhepausen etwas bedrückt. Immer wieder plagten ihn Albträume, in denen im Dunkel seiner Schlafkabine seine Kriegserfahrungen wieder lebendig wurden. Einmal erlebte er dabei eine Kampfszene so unmittelbar mit, als ob sie sich im wirklichen Leben abspielte. Er sah sich in einen Luftwaffenstützpunkt in der Wüste versetzt, ähnlich dem, den er als Soldat kennengelernt hatte. Während Kampfflugzeuge Spreng- und Brandbomben abwarfen, griffen feindliche Soldaten und Guerillakämpfer plötzlich ihn und seine Kameraden an. Er hörte die Explosionen und die Schreie der Verwundeten, sah die entstellten und zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Toten. Und dann bemerkte er plötzlich, dass ein gewaltiger Panzer auf ihn zurollte, der ihn und seine Kameraden zu zermalmen drohte. Als das Kettenfahrzeug nur noch wenige Meter von ihnen entfernt war, wachte James schweißgebadet auf. Er zog sich an, obwohl seine Ruhepause noch lange nicht zu Ende war, und blieb fast eine Stunde lang auf seinem Bett sitzen. Doch er konnte sich von seinen bedrückenden Gedanken nicht befreien, und er ahnte, dass sie ihn wahrscheinlich über Stunden verfolgen würden. Schließlich stand er auf und begann zu lesen, doch seine Gedanken kehrten immer wieder zu seinen Erinnerungen zurück. Als nach einigen Stunden seine Ruhezeit endete, kehrte er zu den anderen beiden Astronauten zurück. Catherine bemerkte, dass er schlecht geschlafen hatte, und fragte ihn:

»Hattest du wieder Albträume?«

James erzählte ihr und David von seinem Traum, und David fragte ihn nach seinen Erfahrungen bei der Armee. James spürte, dass es für ihn eine gewisse Befreiung bedeuten würde, ihnen von seinen Erlebnissen zu berichten, und sagte:

»Schon als kleiner Junge wollte ich unbedingt Pilot werden. Da meine Eltern kein Geld für eine teure Ausbildung hatten, entschied ich mich nach meiner Schulzeit, für zehn Jahre als Berufssoldat zur Luftwaffe zu gehen. Nach der Grundausbildung lernte ich das Fliegen auf verschiedenen Flugzeugen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Danach nahm ich an mehreren Einsätzen und Kriegen rund um die Welt teil, in verschiedenen arabischen Ländern, in Afghanistan und auf Flugzeugträgern. Auch im Kongo war ich mit meiner Einheit einmal stationiert. Unsere Aufgabe war es, einen Bürgerkrieg dort zu