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Ist es Freundschaft, was Mensch und KI verbindet oder ein Herrschaftsverhältnis? Das Handy wird zum Freund und Helfer, als ein ehemals erfolgreicher Werber an einem entlegenen Urlaubsort sitzengelassen wird. Es begleitet ihn beim Bekämpfen der Dämonen und der Langweile. Es erweitert sein Bewusstsein und nimmt ihn auf den Arm. Seine Selbstsucht hat ihren Meister gefunden.
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Seitenzahl: 139
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Der FreundNovelleEC Zander
»Kannst du mir sagen, ob es etwas Härteres gibt,
als an sich selbst zu glauben?«
Philippe Djian
1
Da saß ich also.
Irgendwo am Mittelmeer in der Mitte des Nirgendwo.
Wetter herrlich, Umgebung traumhaft.
Da saß ich also auf einem Mauervorsprung und betrachtete ein Ferienhaus, das mit allem ausgestattet war, was das Herz begehrt.
Nur mein Herz begehrte es nicht.
Da saß ich also auf diesem Mauervorsprung direkt neben der Eingangspforte, vor mir ein Plattenweg auf einer leicht trockenen Wiese direkt zu diesem märchenhaften, katalogtreuen Ferienhaus, und war ratlos.
Ich wurde sitzengelassen, buchstäblich.
Da half kein Kopfschütteln und kein Wehklagen, auch kein hämisches Lachen oder Wegatmen des aufbäumenden Egos.
Der Freund, mit dem ich hier wandern wollte, Alpenrand, Südseite, hatte abgesagt, überraschend, die Nachricht kam, während ich mich im Flugmodus befand.
Kann leider nicht kommen. Lieber Gruß.
Nichts gegen den Süden. Da kommt man alleine klar.
Wein, Brot, Grün, Blau, Felsen, Pinien, Düfte, Ruhe, all das halt.
Das Haus, von dem aus wir unsere Touren starten wollten, lag abgeschieden, sehr abgeschieden, zum Abschiednehmen geeignet. Es war ein schöner Ort. Früher hätte ich es für einen Werbespot gebucht.
Ich musste lachen. Dieser Idiot.
Ich enterte das Refugium und sah mich um.
Liegestühle an einem Schwimmbecken, viel Schatten und Licht durch Bäume und Gebüsch, in den Schlafzimmern gute Matratzen, in der Küche die Arbeitsflächen aus dunklem Holz, eine Spülmaschine, ein großer Kühlschrank, luxuriös gefüllt, das lässt sich vorher buchen, natürlich ein Gasherd und eine Espressomaschine vom Feinsten, im Keller Konservendosen, Wein und Bier für die Heimkehr nach der Tour, der täglichen, zu zweit.
Dieser Idiot.
Vielleicht würde ich eben allein auf Tour gehen. Die Gegend verlangte es ja von einem. Mit oder ohne Freund. Die Gegend war der Chef.
Es war eine gute Idee gewesen. Ein Urlaub zusammen. Nach all den Jahren. In einer Fußgängerzone hatten wir uns getroffen. Erst auf den letzten Metern hatten wir uns erkannt, dann schnell und verwundert umarmt. Vielleicht hatte ich einen Moment gebraucht, um mich an seinen Namen zu erinnern. Aber schließlich waren wir, nur auf einen Kaffee, in einem Lokal gelandet und bis nach Ladenschluss geblieben. Damals im Studium, was ist eigentlich aus Sowieso geworden, diese verrückte Party draußen am See, die Pillen hätten wir lieber lassen sollen. Herzliche Nähe. Dann auf der Straße die Idee einer gemeinsamen Wandertour, die Terminabsprache, am nächsten Tag die Buchungen von Haus und Flug.
Von meinem Drama schien er nichts mitbekommen zu haben.
Im Kühlschrank fand ich eine geöffnete Flasche Weißwein. Ich schnupperte daran und nahm einen Schluck. Mit der Flasche spazierte ich auf die Terrasse. Ich sah mich um. Ich sah vor mich hin. Ich ging in die Hocke. Ich stand wieder auf. Ich nahm einen weiteren Schluck. Der Wein war gut.
Idiot. Der Idiot. Was für ein Idiot.
Der Volksmund sagt, die Wut sitzt im Bauch. Die Wut auf den Idioten saß mir im gesamten Körper bis in die Fußnägel.
Hatte er doch etwas mitbekommen und im Café nur geschauspielert, hatte gute Miene gemacht zum bösen Gegenüber, das ich eigentlich war?
Der Baum dahinten: Wut. Idiot, sagte der Baum. Und die schönen Bodenplatten sagten: Idiot. Selbst der Wein sagte das. Nein, der Wein sagte: Ist doch nicht so schlimm. Der Wein wollte mein Freund sein.
Ich war beschwipst. Kein Wunder, mit leerem Magen. Ich ging noch einmal zur Kellertreppe, zu meinen Freunden, den Weinflaschen. Ich rutschte an einer Treppenstufe ab, fing mich wieder, triumphierte. Keiner kann mir was!
Ich stellte die fast ausgetrunkene Flasche in die Ecke zum Altglas, nahm mir eine neue und stellte sie oben in den Kühlschrank. Ich ging raus auf die Terrasse, stand herum und legte mich probehalber auf einen der Liegestühle.
Das Schwimmbecken lag ruhig da. Ein selbstvergnügtes Blau. Von meiner Wut hatte es nichts mitbekommen.
Wo war eigentlich das Handy? Er wird sich schon noch mal melden, irgendeinen Grund nennen, Scheißding! Eine Ausrede von mir aus, eine intelligente, am besten humorvolle. Ich wäre mit allem zufrieden gewesen.
Wir wollten in der Stadt einkehren, auf dem Weg vom Flughafen zur Unterkunft alles besprechen, die Touren planen. Sein Flieger wäre vor meinem angekommen. Er wollte in der Bar am Terminal warten. Nach einer Stunde hatte ich ein Taxi genommen, hierher, fast 20 Kilometer bergauf. Der Taxifahrer hatte kein Wort gesagt, nur alle paar Minuten laut geseufzt, warum auch immer.
Der Code an der Eingangstür zum Gelände war derselbe wie der zur Haustür. Der Kühlschrank war gefüllt, die Betten waren gemacht, der Strom floss, WLAN sauber und voller Kraft, das Becken blau und strahlend.
Sollte ich mich ausziehen und einfach mal ins Becken steigen?
Ich zögerte. Es war warm genug, aber ich blieb liegen, ich blieb jetzt hier einfach liegen. Keiner konnte mir was. Was bildete sich der Idiot bloß ein?
Ich war wichtig, zur Gurgel.
Zur Gurgel?
Hm, lustig. So hatte ich damals meine Ideen bekommen. Eingebungen. Aus dem Nichts heraus. Das war nicht rational überlegt, nicht ingenieursmäßig geschmiedet und konstruiert. Das kam über mich. Komische Formulierungen, komische Wörter, Slogans, Phrasen. Zur Gurgel. Nicht schlecht.
Ich hatte es immer noch drauf. In der Werbebranche war ich eine kleine Legende. Ich rappelte mich auf und machte mit beiden Armen eine ausholende Geste hin zu meinem Publikum aus Bodenplatten, Schwimmbecken, Gebüsch und dem großen stillen Meer im Hintergrund.
Ihnen allen war klar: Mich lässt man nicht sitzen.
»Ich sollte etwas essen.«
Ich sagte das laut vor mich hin, wie eine Selbstbeschwörung, um wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren.
Vielleicht gab es Konserven in der Spitzen-Küche. Am besten eine Suppe. Da konnte nichts schiefgehen.
Idiot, sagte die Küche. Dieser verdammte Idiot.
Die Mode mit den Suppen hatte ich vorhergesehen. Lange vor der Zeit hatte ich die Idee gehabt, ein Restaurant aufzumachen, nur mit Suppen im Angebot, also nur mit einer Suppe pro Abend, plus eine vegetarische. Heute wäre das schon schwieriger. Da müsste dann noch eine vegane dabei sein, eine aus der Region, eine ohne Gluten, ohne Laktose, ohne Fett, ohne Alkohol, ohne Ohne.
Ist natürlich nicht dazu gekommen. Alle, mit denen ich darüber gesprochen hatte, fanden das doof. Suppen, die gab es doch bei der Oma. Ein halbes Jahr später überall Suppen, der letzte Schrei, Sternerestaurants, Soup-Fast-Food an jeder Ecke, Kochserien mit den Suppen der Welt. Ich hatte es im Kopf gehabt und nix daraus gemacht. Man merkt, dass da etwas kommt, aber man begreift nicht, dass man etwas tun muss, etwas riskieren, die Ärmel hochkrempeln, loslegen, Start-up, verstehste.
Das war mir öfter passiert. Dass ich Dinge vorhergesehen habe.
Ich sollte aufhören zu grübeln. Was wollte ich doch gleich?
Ein Glas Wein. Nein, etwas essen. Im Kühlschrank fand sich tatsächlich ein kleiner Topf mit Suppe. Zettel draufgeklebt, »Liebe Nachfolger, das ist übriggeblieben. War lecker. Ist eine Hühnersuppe mit Möhren. Erst gestern gekocht. Guten Appetit!«
Ich saß draußen auf der Terrasse, Blick in äußerst dunkelgrünes Gestrüpp gerichtet, und ließ es mir schmecken. Zikaden zirpten, Fledermäuse huschten, Autoverkehr weit entfernt, neben dem Teller der Wein, den ich mitgenommen habe, gut gekühlt. Dazu passte diese Hühnersuppe, leicht, federnd im Geschmack und versöhnend. Der Freund war entschuldigt, vorerst.
Ich löffelte zufrieden vor mich hin und betrachtete den Pool, der kein Pool war, sondern ein richtiges Schwimmbecken, Stichwort Bahnen ziehen, mindestens 25 Meter, interessante Grundbemalung, sauberes, freundliches Wasser, plätschernd. Ich wusste, was ich morgen früh machen würde. Das Wandern trat in den Hintergrund.
Löffel um Löffel kam mir die Sache wieder hoch, die Sache mit der Suppe. Diese trübe Brühe hatte in meinem Leben eine große Rolle gespielt. Dabei war das noch vor meinem Studium gewesen. Noch bevor ich gelernt hatte, wie das funktionierte mit den Trends, mit der Tatsache, dass alles Marketing ist, dass die Menschen denken, sie tun, was sie wollen, und dass Leute wie ich das lenken, was die Leute denken. Das war noch in der Zeit der Unschuld, in der ich einfach nur Ideen hatte.
Ein Vogel im Gebüsch drüben machte einen Ruf. Kann man einen Ruf machen?
Ich hatte damals meinen Ruf gemacht, mein Image. Ich hatte mich selbst im Griff gehabt, ganz große Zeit, herrlich. Ich hatte Ideen und hatte keine Ahnung, dass es Menschen gibt, die keine Idee haben, dass Ideen zu haben selten ist. Mit Ideen ist es wie mit Muskeln. Man hat sie, ohne zu wissen, dass man sie hat. Ich hatte Ideen, die ich nicht als Ideen wahrgenommen habe. Es war einfach die Art, wie ich die Welt sah. Klar hatte ich gern Suppen gegessen, hatte mir Kochbücher schenken lassen, lange vor dem Kochbuch-Boom. Heute lesen sie Kochbücher, wie andere Krimis lesen oder Serien glotzen. Dann tauschen sie sich über die Rezepte aus.
Ich hatte die Rezepte gelesen und dann hatte ich gekocht, für meine Kumpels und für mich. Alle waren begeistert. Die Idee mit dem Restaurant fanden die Kumpels gut. Aber alle anderen, die mir hätten Geld geben können, aus der Verwandtschaft zum Beispiel? Keine Chance. Einmal war ich bei einer Bank gewesen, hatte mich durchgefragt bis zu einem Kreditberater. Er hatte mir zugehört und bedeutungsvoll seinen Kuli hin- und hergedreht. Dann hatte er mich angeguckt, und ich erzähle jetzt keinen Quatsch, dann hat er mir von seinem Freund erzählt, mit dem er zusammenwohnt, der ihm abends immer eine Suppe kocht, für seine Gesundheit, weil er so oft erkältet ist und weil Suppen gut gegen Erkältung sind, besonders Hühnersuppen, aber es gebe auch Gemüsesuppen, Rote Bete, besonders gesund, das hatte er mir erzählt, am besten püriert, wenn man püriere, dann könne man alles damit machen, Resteverwertung nämlich, der hatte gar nicht mehr aufgehört, der hatte sich völlig in seinem privaten Suppendrama verloren. Am Schluss hatte er mir leidgetan. Aber einen Kredit hatte ich nicht bekommen.
Ich holte mir einen zweiten Teller aus der Küche. Sie hätte für zwei Leute kaum gereicht. Gut, dass der Blödmann weggeblieben war.
Wo war eigentlich mein Handy?
Der Wein war gut. Er passte perfekt. Hatte ich vorhin »federnd« zum Geschmack dieser Suppe gesagt? Das wäre auch eine taugliche Bezeichnung für einen Werbeslogan. Vermutlich hatten die hier ein Schwarzfederhuhn verwendet. Das war auch so ein Trend. Und man musste zugeben, es schmeckte besser, wilder, hatte mehr Zack! Auch nett, »federnd und mit Zack«. Warum fiel mir dauernd so etwas ein? Hier draußen im Nirgendnichts.
Was sollte ich bloß machen, jetzt und hier, im Hier und … Auch so ein Trend. Alles ist Trend. Sogar das Hier und Jetzt. Ich lachte blöd vor mich hin. Was sollte ich bloß machen, allein mit meinen Slogans und mit meiner blöden Vergangenheit? Vielleicht war es auch gut so. Ich hatte etwas Angst gehabt, mit dem Idioten die ganze Zeit zusammen sein zu müssen. Wir kannten uns ja gar nicht mehr. Gut, wir wären gewandert, hätten etwas erlebt, gemeinsam. Aber hätte es mir geholfen? Im schlimmsten Fall hätte er Fragen gestellt, was ich gerade beruflich machte, ob ich jemanden hätte, warum ich denn allein sei und arbeitslos, warum ich den Blick immer gesenkt hielte. Es war sicher gut so, wie es jetzt war, hier und jetzt.
Wo war ich stehen geblieben? Beim Zufall und beim Essen.Diese Suppe war hervorragend. Danke dafür, liebe Vorgängergäste. Tiefer Geschmack, im Nachklapp etwas fruchtig, keine Säure, rund, würde ich sagen, federnd und mit Zack!
Jetzt redete ich schon wie ein Weinverkäufer. Neulich hatte mich der neue Käsehändler auf dem Markt vollgequatscht. Woher dieses Stückchen kam, was das außergewöhnlich Besondere daran war, wie die Kuh hieß und der Geschmack beim Abgang, dann tief in der Kehle, ich soll darauf achten. Dabei wollte ich nur Käse und keinen Lehrgang in Geschmackspoetik.
Andererseits.
Hühnerbrühe, das ist eine Religion, keine Frage. Das können nur Könner. Nicht zu lang, nicht zu kurz, mit Salz aufpassen, beim Gemüse nur eine kleine Auswahl, Knollensellerie rundet ab. Später dann die Sache mit der Brühe, der nächste große Trend, war mir auch früh klar. Dass das nicht jeder gemerkt hatte.
Mit Suppen oder dann mit Brühen, das Prinzip ist etwa dasselbe, hätte ich meine erste Million machen können.
Ob die Sache mit Suppen mein erstes Trauma war? Von wegen. Da hatte ich noch ganz anderes im Angebot. Auch in der Niederlage war ich der Größte.
Warum ruft der Idiot nicht an?
Was war das gerade für ein Geräusch?
Wurde ich jetzt paranoid?
Wieder ein Vogel, oder?
Schon wieder, hör mal. Hat einen Rhythmus. Klang blechern, war also künstlich.
Das war ein Handysound. Dabei hatte ich meine Mitteilungsfunktion doch ausgestellt. Wo war das Ding bloß?
Ich verließ die federnde Suppe und machte mich auf die Suche. Dabei lernte ich das gesamte Haus kennen. Denn das Geräusch machte Schabernack mit mir, hallte durch die Gegend, gab hier ein Echo und dort ein Summen der Vibrationsfunktion, sogar in meiner Hosentasche, wo es natürlich nicht war. Ich fand es in meinem Daybag auf meinem Bett.
Ich nahm es in die Hand, konzentrierte mich darauf, langsame Bewegungen zu machen, aufpassen, jetzt nicht hetzen, das war nämlich komisch, mein Handy klingelte nie, ich hasste das, und was für eine Verbindung hatte es überhaupt. Ich entsperrte den Bildschirm, alles war normal, die mobilen Daten aktiv, also ging ich zum Router, scannte das Passwort und suchte in den Apps, was es da wichtig zu klingeln gab.
Aber keine Nachricht, kein Anruf. Es hatte einfach nur Hallo gesagt. Vermutlich wurde es ins örtliche Netz eingeloggt.
Ich holte mir noch einen Teller Suppe und noch ein Glas Wein.
Am Tag davor hatte ich Linsen gehabt. Natürlich püriert. Mit Linsen kann man alles machen. Linsen, grüne, gelbe, rote, am besten Berglinsen, das sind die besten Freunde der Linsen-Society. Linsensuppe kann man aufwärmen, einfrieren, wieder aufwärmen, das alles macht ihr gar nichts. Gib mir eine Handvoll Linsen, eine alte Zwiebel, eine Tomate, kein Salz, bitte kein Salz bei Linsen, erst ganz am Schluss, aber etwas Essig, ein paar Kräuter, ein Püriergerät, und ich mache alle glücklich, kein Spaß.
Kurz dachte ich: Ich sollte meine Tasche ausräumen.
Dann war ich wieder beim Suppentrauma. Es hatte mich lange belastet, kein Witz. Niemand hatte mich ernst genommen. Ich hätte einfach mehr Unterstützung gebraucht, von einer Bank oder von einem Berater oder von einem Freund oder von jemandem aus der Verwandtschaft, meine Eltern hielten mich ohnehin für einen Idioten, der nur Flausen im Kopf hat.
Ich hätte viel Geld verdienen können, bei all dem, was ich vorhersah, und man hätte mich ernst genommen, vielleicht sogar bewundert. Nicht nur in Fragen von Speisen und Getränken war ich vorne. Diesen ganzen Meditationsboom hatte ich kommen sehen oder den Achtsamkeitstrend, wie es dann hieß. Eigentlich hatte ich auch den Empörungstrend vorhergesehen. »Ich empöre mich, also bin ich«. Oder besser: »Ich empöre mich, also habe ich recht«. Die Macht der Meinung, überall Meinungen. »Ich habe keine Ahnung, aber eine Meinung«. Aber es hatte mir niemand geglaubt.
Es gab so viele Moden und Trends, die ich vorhersah. Also, streng genommen hatte ich sie nicht vorhergesehen. Ich war ja kein Prophet. Aber ich hatte den Braten gerochen. Ich hatte einfach nur richtig hingesehen und mir einen Reim darauf gemacht, was gerade vor sich ging um mich herum. Die Zukunft liegt oft schon in der Gegenwart herum. Das ist eine Frage des Blicks. Anscheinend hatte ich ihn, wusste es aber nicht so richtig und wurde eben auch nicht ernst genommen.
Ich rege mich jetzt nicht auf.
Später hatte ich begriffen, dass das nicht jedem so geht, dass das eine Begabung ist. Hätten sie mich nicht entdeckt, dann wäre das niemandem aufgefallen. Das war ein Sechser im Lotto. PR-Abteilung. Riesenfirma. Da musste man wissen, was kommen wird. Da musste man vorher verstanden haben, was die Leute machen werden, in einer Zukunft, von der sie ahnen, dass sie kommt, von der sie aber keine Ahnung haben, über die sie einfach nicht nachdenken, die Leute, für die man Werbung macht.
Irgendwann habe ich mir einen Spaß draus gemacht, habe mir etwas vorgestellt, etwas gewünscht, zum Beispiel, dass die Männer mit langen Haaren doch gut aussähen, oder mit Bart, oder dass Zitronengras im Essen toll wäre, oder Rucola. In der Regel hat es ein halbes Jahr gedauert und schon haben es alle so gemacht. Die schönen grünen Büsche, der Pool. Ich versuchte, mich auf das Hier zu konzentrieren. Aber wirklich beruhigen konnte ich mich nicht. Ich stellte den Teller in die Spüle, der Löffel fiel mir zweimal runter, schepperte auf den Kacheln, ich goss mir noch ein Glas Wein ein, ich ging raus, ich ging rein. Ich dachte über eine Dusche nach, spazierte lieber durch den kleinen Garten, schaute einem Flugzeug am wolkenlosen Himmel hinterher.
