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Peterchen will frei sein. Er läuft aus dem Waisenhaus fort und hat nur ein Ziel: fliegen zu lernen. Er steigt auf den höchsten Berg der Umgebung und findet dort Zuflucht in einer Waldhütte beim alten Waldemar. Aber vor allem lernt er den gleichaltrigen Gottfried kennen. Die beiden verbringen einen unvergesslichen Sommer zusammen. Doch ihre Freundschaft wird zunehmend überschattet vom Erscheinen eines bedrohlichen Vogelmanns. Als ihre gemeinsame Zeit ein tragisches Ende nimmt, bleibt Gottfried allein zurück. Jahrzehnte später taucht Peterchen wieder auf, und endlich soll geklärt werden, was damals wirklich geschehen ist. Doch als der Vogelmann sich erneut zeigt, scheint die Geschichte sich zu wiederholen. Und schon bald weiß man nicht mehr, wer Täter und wer Opfer ist. Die Landschaft und die Mythen der Schwäbischen Alb bilden die Kulisse für diese raffiniert verwobene Geschichte darüber, was es bedeutet, einen Freund zu haben und ein Freund zu sein.
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Seitenzahl: 390
Veröffentlichungsjahr: 2025
Kasper Behm
Der Freund
Kasper Behm: Der Freund
© schruf & stipetic GbR 2025
Gustav-Adolf-Str. 152
13086 Berlin
www.schruf-stipetic.de
© 2024 Kasper Behm
Satz, Layout und Covergestaltung: JBC
Cover-Illustration: Vizetelly, pixabay
Druck: Totem
ISBN 978-3-944359-93-9
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15. Dezember 1985
1. November 2015
11. August 1985
2. November 2015
3. März 1986
11. August 1985
3. November 2015
12. August 1985
5. März 1986
4. November 2015
17. August 1985
5. November 2015
18. August 1985
7. März 1986
19. August 1985
5. November 2015
20. August 1985
6. November 2015
21. August 1985
6. November 2015
7. März 1986
22. August 1985
7. November 2015
31. August 1985
1. September 1985
8. November 2015
1. September 1985
9. November 2015
15. Dezember 1985
12. März 1986
9. November 2015
15. Dezember 1985
9. November 2015
15. Dezember 1985
9. November 2015
15. Dezember 1985
9. November 2015
Als das Eis unter seinen Füßen brach und er spürte, wie er unaufhaltsam zwischen den losen Platten hindurch in den See glitt, war Peterchen zehn Jahre alt. Das Wasser zog mit eiskalten Händen an seinen schweren Schuhen, und panisch krallte er sich in das Eis um ihn herum. Aber es half nichts, er tauchte für Sekunden unter Wasser. Sein dünner Körper drohte augenblicklich zu zerspringen. Es war ihm fast unmöglich, das kalte Wasser aus seinem Mund herauszuprusten, als er wieder auftauchte, wie einer der schweren Äste, von denen er und Gottfried unzählige in den nahe gelegenen Bach geworfen hatten, wenn sie versuchten einen Biberdamm zu bauen. Er trieb in dem Loch, das kaum breiter war als seine Schultern, mit einem durch die Kälte und den Schock erstarrten Blick in einen Himmel, der sternenklar und doch von einer Dunkelheit durchtränkt war, wie er sie vorher noch nie erlebt hatte. Unter ihm das Nichts, das ihn zu verschlingen drohte, über ihm die Unendlichkeit, die unerreichbar schien, und direkt vor ihm das Monster. Eine verschwommene Gestalt, deren Schatten Gottfried und er den ganzen Sommer über gejagt hatten, in den Wäldern und Gebäuden der Umgebung, und an deren Existenz Peterchen doch nicht hatte glauben können, ganz gleich, wie viele der alten oder erfundenen Geschichten sie sich erzählt hatten. Gefiedert wie ein Menschenvogel stand es da und schien sich in Zeitlupe auf und ab zu bewegen, als würde es tanzen oder versuchen abzuheben. Es schnaufte tief und ebenso laut wie er. Peterchen schrie nach Gottfried, der eben noch hier gewesen war und jetzt nicht mehr, und eine Angst packte ihn, wie er sie ebenso noch nie erlebt hatte. Die Gestalt hob die Arme, die wie zerrissene Flügel um sie schwangen. Da konnte er das Gewehr in ihren Händen erkennen. Peterchens Arme ruderten unter der Eisschicht und er drohte erneut zu versinken. Das Monster starrte ihn mit schräg gelegtem Kopf an, aber Peterchen konnte keine Augen erkennen, nur zwei schwarze Murmeln, als wäre kein Leben mehr in diesen Augenhöhlen. Als der erste Schuss fiel, schreckten aus den Bäumen umher die Krähen aus dem Schlaf und flogen auf. In den Gebäuden rund um den See gingen vereinzelt Lichter an. Peterchen schloss die Augen und es kam ihm vor, als würde er auf einmal fest im Wasser stehen, starr wie eine der kleinen Steinstatuen vor dem Eingang des Waisenhauses Sankt Stylian, unten in der Stadt, aus dem er an diesem Abend ausgebüxt war, um Gottfried zu suchen. Er hatte das Gefühl, als wäre auch er auch schon aus Stein. Den zweiten Schuss konnte Peterchen kaum mehr hören und Stille legte sich um ihn. Hinter den geschlossenen Augen erschien es ihm, als wäre es um ihn herum heller Tag. „Gottfried”, wimmerte er und es klang so stumm, als wäre es von der Stille einfach verschluckt worden, als käme nichts an gegen diese Stille, als wäre auch er schon längst in ihr verschwunden. Er öffnete die Augen. Das Monster war weg. Dann hörte er entfernte Stimmen von Menschen auf dem Eis. Sie kamen näher, aber für Peterchen wurden sie immer leiser.
Peterchen sitzt in der letzten Reihe auf einem der unbequemen Stühle, die man provisorisch dazugestellt hat, da die Bänke in der Kapelle nicht ausreichen, und weiß nicht, wie lange er dort schon sitzt. Gottfried steht vor dem Altar, von dem Peterchen weiß, dass es ein gewöhnlicher Tisch ist, wie er in diesem Haus auch in den Seminarräumen, dem Speisesaal und der Bowlingbahn im Keller zu finden ist, mit massiver Holzplatte und Beinen aus Metall, den nur die bestickte Decke und das schwere Holzkreuz darauf neben der aufgeschlagenen Lutherbibel zu einem Altar machen. Gottfried spricht zu der Gemeinde, von der Peterchen weiß, dass es keine Gemeinde ist, sondern eine lose Versammlung der aktuellen Gäste des Hauses. Alleinerziehende, die Heiligenbilder malen, Senioren, die den Palästinakonflikt verstehen wollen, geflüchtete Männer, die Deutsch lernen, Kinder, die Bibelgeschichten nachbasteln, während ihre Mütter oder ihre Väter mit einer schüchternen Anspannung Ikonen malen, als säßen diese Ikonen ihnen nackt Modell oder als seien alle Blicke zu den anderen Alleinerziehenden sündhaft und aufregend. Vor Gottfried über hundert Menschen, und hinter ihm ein einsamer Jesus am Kreuz. Peterchen ist sich nicht sicher, zu welcher Seite er selbst zu zählen ist.
„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen”, liest Gottfried die Losung aus der Bibel vor. Gottfrieds Talar ist schwarz und wirkt zu lang. Er spricht ruhig und mit warmer Stimme. An den drei Wänden ohne Fenster hängen auf Stoff gedruckte Sprüche von Anselm Grün und an den Scheiben der vollverglasten Wand wechseln sich Aufkleber von Silhouetten schwarzer Vögel mit den Basteleien der Kinder ab. Durch die verschiedenen Variationen der gemalten Archen Noahs, die teilweise schwer nach unvermeidbarem Schiffbruch aussehen, kann Peterchen auf den See blicken, der etwas unterhalb des Haupthauses zwischen den vielen kleinen Ferienhäusern für die Gäste liegt. Von dort, wo Peterchen sitzt, sieht es so aus, als führen all die kleinen bunten Archen auf dem See, umringt von Vögeln, eng aneinander, als gäbe es nicht genug Sintflut für so viele Noahs. Hinter den Häusern liegt der Wald, und dahinter der steile Abhang hinunter ins Tal. Von der Kapelle im Haupthaus des evangelischen Freizeitdorfes, das sich über den größten Teil eines Plateaus erstreckt, kann Peterchen hinter den Baumwipfeln bis weit in die Ebene hinaussehen und auf die Gipfel all der anderen Hügel, die schwarz und bewaldet die Ausläufer der Schwäbischen Alb ausmachen.
Peterchen schaut in hoffnungsvolle Gesichter. In die der Eltern, die später endlich wieder würden malen dürfen, in die der Kinder, die das Ende des Gottesdienstes langsam absehen können, in die der Senioren, die heute drei neue hebräische Wörter gelernt haben, und in die der Geflüchteten, die erst seit diesem Herbst in Deutschland sind und heute drei neue Fälle gelernt haben. An diesem Sonntag, dem 1. November 2015, ist es kalt. Bald würde es zu kalt werden, um noch mit einem Boot, geschweige denn einer Arche, auf dem See fahren zu können, denkt Peterchen. Er bemerkt, dass auch Gottfried zum Fenster sieht, während er spricht. Peterchen kann nicht erkennen, ob es Ungeduld ist auf etwas, das man herbeisehnt, oder Ungeduld auf etwas, das schon passiert ist und nicht schnell genug lang her sein kann. Er fragt sich, ob Gottfried vielleicht auf dem See nach ihm Ausschau hält. Dann sieht Gottfried wieder in die Gemeinde.
„So wird man am Ende nicht mehr Gast sein, ganz gleich, woher man kam oder wo man sich befindet, wenn man mitten unter Gott wohnt. Denn nicht nur wir Menschen sind es, die darüber bestimmen, wer fremd ist und wer nah, wer fern ist und wer vertraut. Vielleicht können wir es gar überhaupt nicht, sondern am Ende nur Gott allein. Und auch Gott wohnt mitten unter uns und will uns kein Gast sein, sondern Freund. Wenn Sie nun in diese neue Woche gehen, hier bei uns, versuchen Sie es einmal. Begegnen Sie sich alle gegenseitig nicht wie Gäste, sondern wie Freunde. Und begegnen Sie auch Gott, denn auch er wohnt hier und heißt uns alle willkommen. Amen.”
Das Amen der Anwesenden klingt wie ein Raunen unter Verschworenen, und während Gottfried sich feierlich zum Altar umdreht, sagt auch Peterchen leise „Amen”. Gottfried stockt in seiner Bewegung. Er muss Peterchens Stimme sofort erkannt haben. Eine Stimme, die er 30 Jahre nicht gehört hat. Peterchen kann nicht sehen, ob er lächelt. Gottfried hebt langsam beide Arme. Peterchen fühlt sich enttarnt. Er hört Gottfrieds ruhige Stimme, die für ihn etwas Meditatives und Bestimmendes zugleich hat, und beobachtet ihn, wie er mit erhobenen Händen und noch immer dem Altar zugewandt den Segen spendet. Und es klingt in ihm, als hörte er es zum ersten Mal. Als wäre es ein neues Versprechen oder eines, das für ihn bisher nur noch nie gegolten hat. „Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich.”
Die Tür neben Peterchen steht offen, und noch bevor Gottfried sich umdreht, schleicht Peterchen hinaus. Vor der Kapelle, im großen Empfangsbereich, von wo ein breiter lichtdurchfluteter Gang weiter ins Gebäude führt und ein breites Treppenhaus neben der Empfangstheke in die oberen Stockwerke, ist es menschenleer. Peterchen hat das Gefühl, als wäre er Teil dieses Menschenleerseins. Er bemerkt die tonfarbenen, großen Fliesen am Boden, den Sichtbeton an den Wänden und die Holzverzierungen am Tresen des Empfangs. Es riecht nach Klebstoff und Suppe. Nichts hat sich verändert, findet er. Gar nichts. Ein wenig schaudert er und ein wenig freut er sich. Und es fällt ihm schwer, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Von drinnen hört er Orgelmusik, und einige Kinder rennen bereits aus der Kapelle an ihm vorbei und verschwinden im Gang um die Ecke, bevor die ersten Erwachsenen herauskommen. Er beobachtet, wie die Menge bedächtig, aber erleichtert aus dem Saal strömt. Fast alle biegen ebenso wie die Kinder in den Gang, der zum Speisesaal führt. Als niemand mehr nachkommt, betritt Peterchen vorsichtig die Kapelle.
Gottfried steht noch immer am Altar, mit dem Rücken zum Raum stellt er verschiedene Gegenstände auf dem Altar zusammen. Seine kurzen Haare sind stoppelig und licht. Der Talar scheint noch immer zu lang über die Schuhe zu fallen, fast so als wäre Gottfried mal größer gewesen. Er kommt Peterchen bucklig und breit vor, als trüge er Schulterpolster unter dem Gewand. Als Peterchen in der Mitte der Sitzreihen ankommt, hält Gottfried inne. „Seit wann bist du hier?”, fragt er, ohne sich umzudrehen.
„Gottfried”, entgegnet Peterchen und findet, dass er hilflos und weinerlich klingt.
Gottfried dreht sich um und lacht. „Peterchen”, sagt er und kommt übergroß und bullig auf ihn zu.
Peterchen zittert. Gottfried schließt ihn in die Arme.
„Peterchen, mein Peterchen”, sagt er und seine Stimme klingt, als würde er noch immer den Segen spenden. Peterchen fühlt Gottfrieds Wärme.
„Ich habe deine Predigt gehört. Ich fand sie schön.” Er sieht Gottfried vorsichtig in die Augen. „Hier bin ich.”
Gottfried lächelt. „Nicht als Gast”, sagt er, „als Freund!”
Peterchen schaut auf den Boden. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Gottfried. Nach all den Jahren.”
Gottfried nimmt ihn am Arm und geht langsam mit ihm in Richtung Ausgang. „Du musst gar nichts sagen. Ich gebe dir den Schlüssel. Haus Nummer 10 wird renoviert und ist deswegen frei. Da arbeitet aber grad gar niemand, sicher nicht bis zum neuen Jahr. Da kannst du bleiben, solange du willst.”
Peterchen lächelt unsicher. „Das ist unten am See”, sagt er leise.
„Ich weiß”, sagt Gottfried.
Sie gehen an der Empfangstheke vorbei und biegen wie die anderen zuvor in den breiten Gang. Der Geruch von Klebstoff wird weniger und der von Suppe stärker. Eine große Glasscheibe trennt den Speisesaal vom Gang. Gottfried grüßt im Vorbeigehen einige Leute dahinter. Peterchen hat das Gefühl, dass Gottfried ihn etwas eilig an der Scheibe vorbeischiebt. Er hält ihn noch immer am Arm, fast so als würde Gottfried sich mehr an ihm festhalten als an ihm ziehen. Sie treten durch eine Nebentür ins Freie. Die Luft ist klar und die Sonne scheint kalt und gleißend auf das Gelände vor ihnen, das hier hinter dem Haupthaus schnell abschüssig wird. Zwei Wege führen verschlungen zu den Häusern, die versetzt und auf verschiedenen Höhen bis zum See hinunter und um diesen verteilt liegen. Peterchen bleibt stehen und schaut hinab auf eine Anlage, die wie eingefroren daliegt, und auch hinab in eine Vergangenheit, die ihm so ungreifbar erscheint, als wäre sie ebenfalls dort unten festgefroren. Ein dritter Weg führt nach links, weg vom Haupthaus, weg von den Gästehäusern und weg vom See, weiter hinauf in den Wald. Dort, wo der Pfad zwischen den ersten Fichten verschwindet, steht eine Hütte. Peterchen kneift die Augen zusammen, als könnte er so schärfer oder weiter sehen. Gottfried bemerkt es und sieht ebenfalls zur Hütte.
„Seit damals war er nie wieder dort”, sagt er.
Peterchen fühlt sich ertappt. Aber er kann seinen Blick nicht von dem kleinen Häuschen abwenden. „Er war immer in der Hütte”, sagt er.
„Wenn er nicht im Wald war oder an einem der Häuser herumwerkelte”, sagt Gottfried. „Jetzt ist der Waldemar tot.”
Peterchen erstarrt. „Tot?”
„Er wurde erschossen.”
„Erschossen?”, wiederholt Peterchen und klingt dabei so hilflos wie eben noch in der Kapelle. „Aber wie …”
„Gestern Abend. Unten in der Stadt”, sagt Gottfried mit der gleichen sonoren Stimme wie vorhin beim Amen. „Heute Morgen stand schon ein Kommissar auf der Matte und hat Fragen gestellt. Armes Schwein, der Waldemar.”
„Bin ich vielleicht deswegen hier?”, fragt Peterchen und versucht, so zu klingen, als könnte er verbergen, dass er noch nicht einmal weiß, wie er überhaupt hier hergekommen ist.
„Komm weiter”, sagt Gottfried und nimmt erneut seinen Arm. Peterchen hat das Gefühl, als müsste Gottfried ihn stützen, als wäre er ein sehr alter Mann, der kaum mehr laufen kann, oder als hätte er eben erst das Laufen gelernt und bräuchte noch Hilfe beim Halten des Gleichgewichts. Gottfried führt ihn einen der Wege hinunter und Peterchen bemerkt jetzt, dass sein Talar tatsächlich zu lang ist. Gottfried muss kleine Schritte machen, um nicht darin hängen zu bleiben. Sie sehen vermutlich aus wie ein altes Ehepaar.
„Was ist denn passiert?”, fragt Peterchen und bemerkt, dass Gottfried ihn fester packt, fast so als müsste er überprüfen, ob Peterchen wirklich da ist, oder als müsste er verhindern, dass er selber den Halt verliert.
„Das weiß Gott allein”, entgegnet Gottfried.
Sie kommen an den ersten Ferienhäusern vorbei. Seit den Siebzigerjahren sind sie offensichtlich nicht ernsthaft renoviert worden. Die spitzen Dächer reichen bis fast auf den Boden, als hätte man nur das Dachgeschoss gebaut und das eigentliche Haus darunter weggelassen. Zu klein für mehrere Gäste, zu groß für einen Gast alleine. Peterchen fühlt sich, als gingen sie durch eine in zu großem Maßstab gebaute Zwergenlandschaft, die sie beide wiederum klein erscheinen lässt. Dann erreichen sie das Haus mit der Nummer 10. Teile eines Gerüsts stehen an der Vorderseite. Die Eingangstür ist offen. Jemand hat angefangen, am Boden Folie auszulegen. Neben der Tür ist ein bodentiefes Fenster, das von Sprossen in viele kleine Scheiben geteilt wird. Hinter dem Haus beginnen die ersten Bäume, und hinter den ersten Bäumen schon der steile Hang. Direkt vor dem Haus liegt der See. Schilfig und unwegsam versteckt sich der Uferverlauf. Peterchen und Gottfried schauen auf das bewegungslose Wasser, als gäbe es nichts zu tun. Nichts, außer abzuwarten, ob von alleine etwas passiert. Oder bis sich Gottfried wundern würde über Peterchen, der einfach aufgetaucht ist. Oder bis sich Peterchen wundern würde über Gottfried, der immer noch hier ist, nach so langer Zeit. Oder bis der See ihnen sagen würde, warum der Waldemar tot ist.
„Was mache ich hier denn jetzt nur?”, fragt Peterchen und weiß nicht, ob er auf das ungemütliche Haus schauen soll oder auf den verwunschenen See oder auf Gottfried, der ihn schon wieder am Arm nehmen will. Peterchen macht einen Schritt zurück und auf den Eingang zu. Gottfried lacht.
„Jetzt komm erst mal an! Erinnerst du dich an das Haus? Es ist kein Palast, aber du bist hier ungestört. Du hast eine Küche, das haben nicht alle Häuser. Bettzeug müsste auch noch in den Schränken sein. Komm, ich schau mal nach. Sieh dich nur um.”
Hinter der Eingangstür stehen sie direkt im Wohnzimmer, von dem eine kleine Küche abgeht und drei Stufen in einen Flur führen, von dem aus man in ein Bad und zwei Schlafzimmer gelangt. Peterchen streift durch das Wohnzimmer mit der zerteilten Fensterfront. Die Heizkörper sind kalt. Gottfried dreht den Thermostat auf. Irgendwoher beginnt es leise zu summen. An der Fensterwand stehen zwei gemütliche Sessel, an der anderen Wand ein viel zu großer, massiver Esstisch. Neben der Tür zur Küche eine weitere Tür, schmaler und ohne Klinke, abschließbar. Peterchen lässt sich in einen der Sessel fallen. Durch die Fenster sieht er den durch die Sprossen zerstückelten See so deutlich, als würde der gleich ins Haus fließen, und er sieht den Wald ebenfalls so nah, als würde der jeden Moment ins Haus hereinwachsen. Beide liegen still und geduldig nebeneinander da, als könnte ihnen die Zeit nichts anhaben. Nichts hat sie verändert, denkt Peterchen. Das gebrochene Eis nicht, der Sommer davor nicht und auch die vielen danach wohl nicht, die Angst nicht und auch das Monster hat nichts verändert. Ein Vogel krächzt und er zuckt zusammen.
Gottfried steht in der Küche und kontrolliert, was vorhanden ist. Dann tritt er an die Eingangstür.
„Es ist jetzt vorbei, endgültig vorbei”, sagt er und lacht schon wieder.
Peterchen schaut ihm nach, wie er mit zu kleinen Schritten den Weg hinauflaufen muss, um nicht zu fallen, über seine Beine oder vielleicht über seine Worte von eben. Vielleicht ist er es, der nicht laufen kann, denkt Peterchen und seufzt. Er fühlt sich verloren. Er fühlt sich einsam und zurückgelassen und spürt ganz tief in sich, dass es nicht vorbei ist. Ob Waldemar nun tot ist oder nicht.
Am ersten heißen Sonntag des bisher verregneten und stürmischen Monats stand Peterchen am Fuße des Berges, dort, wo die letzten Häuser der Stadt aufhörten und nur noch eine Wiese ihn vom Wald trennte, und beschloss hinaufzusteigen. Ob man sein Fehlen im Heim schon bemerkt hatte, war ihm egal. Der Anblick und die Gerüche der Wildnis nahmen ihn voll und ganz ein. Sein Blick wanderte den steiler werdenden Hang hinauf. An den kahlen Stellen ragten mächtige Felsen aus dem Berg. Es roch nach Gras und Pinien. Es roch auch nach Abenteuer und Freiheit. Seit er denken konnte, lebte Peterchen im katholischen Waisenhaus Sankt Stylian im Zentrum der Stadt und ebenso lang schon starrte er beim Essen im großen Saal durch die Fenster auf diesen bewaldeten Riesen. In den vielen Nächten, in denen er vom Ausreißen geträumt hatte, war es ihm so vorgekommen, als gäbe es keinen dichteren Urwald als den, der diesen Berg umschlang. Dort würde er sicher sein wie hinter einer Burgmauer aus Dornen. Nur er könnte den Ästen befehlen, sich zu öffnen, damit er hindurchschlüpfen konnte. Ihm gefiel der Gedanke, wenn er beim Essen mit dem Blick aus dem Fenster in Tagträume versank, dass man ihn überall suchen würde, nur dort nicht, weil man ihn überall vermuten würde, nur dort nicht, direkt vor der Haustür, aber geschützt hinter den Dornen. Er würde zu Robin Hood werden und zu Tarzan. Und er würde herrschen über die Tiere. Er würde ein gerechter Herrscher sein. Ihm würden sie sich alle anvertrauen, der Bär ebenso wie der kleinste Wurm.
Peterchen breitete die Arme aus und rannte los. Er schwebte über die Wiese, deren Gräser höher wurden, je weiter er sich von der ihm bekannten Welt entfernte und je näher er dem Waldrand kam. Er schloss die Augen und spürte, wie die weichen Halme und Blätter seine Hände streiften. Sie schlangen sich um seinen Bauch und seine Beine und er drohte zu fallen. Er hob den Kopf und öffnete die Augen. Die Augustsonne blendete ihn, er taumelte und es gefiel ihm, nicht mehr verhindern zu können, dass er gleich am Boden liegen würde. Als er mit dem Schuh in einer Wurzel hängen blieb, kam er vollends aus dem Tritt und hob ab. Peterchen schwang die Arme auf und ab und strampelte weiter mit den Beinen, als könnte er auf einer Leiter nach oben steigen. Als wäre er ein Vogel, der zum ersten Mal fliegt, flatterte er über die Spitzen der Halme. Peterchen Pan, dachte er. Er schloss erneut die Augen und lächelte, als wäre es ihm gelungen, seinem Dasein zu beweisen, dass Fliegen auch ohne Fallen ging. Er musste es lernen.
Das letzte Mal war er geflogen, weil ihm der Erich im Speisesaal unvermittelt einen derartigen Tritt in den Rücken gegeben hatte, dass er über den Tisch geflogen und auf Wilhelm gefallen war. Danach hatte er drei Tage mit Schmerzen und verheulten Augen im Krankenzimmer gelegen. Davor war er bereits einmal aus dem Stockbett geflogen. Auch dieser Flug hatte mit Fallen, Tränen und Schmerzen geendet. Dieses Mal war es anders. Es war ein Flug in die Freiheit. Peterchen spürte die Blumen in seinem Gesicht und das saftige Gras unter seiner Brust, als er über die Erde glitt. Er jauchzte, als er zum Liegen kam, und drehte sich auf den Rücken. Einen Moment blieb er so liegen und beschloss, so lange in Freiheit zu bleiben, bis er vollends ein Vogel geworden war, der hinfliegen konnte, wohin er wollte.
In der großen Bibliothek von Sankt Stylian gab es ein Nebenzimmer, das nur Pater Herz betreten durfte und von Zeit zu Zeit auch Schwester Martha. Für die Jungen war der Zugang verboten. Auf einem kleinen Schild neben der Tür stand Verwaltung. Pater Herz, ein Mann von großer, fast übermächtiger Statur, der mit seinen kirchlichen Gewändern derart verwachsen schien, dass Peterchen hätte schwören können, dass er immer mehrere Lagen von ihnen übereinander trug, konnte, so war zumindest der Eindruck der Kinder, nicht viel anfangen mit den Bedürfnissen von elternlosen Jungen. Er bewegte sich langsam und wortlos streng durch die Gänge des Heims, und die meisten Kinder hörten ihn nur in den Messen überhaupt reden. Unheimliche Geschichten rankten sich um den Riesen und um die Kammer in der Bibliothek. Erich erzählte den ängstlichen Neuankömmlingen am liebsten, dass der Pater nur Herz heiße, weil er so viele davon gegessen habe, in eben jener Kammer. Und Wilhelm wollte durch die Tür gehört haben, wie der Pater darin satanische Psalmen sprach, die Schwester Martha nachbeten musste. Und sie alle bewunderten Wilhelms Mut, dort gelauscht zu haben, die einen stumm vor Angst, die anderen johlend vor Begeisterung. Überhaupt ließ sich die Gemeinschaft der Waisenjungen einteilen in die, die kaum je ein Wort herausbekamen, als wären sie in einem andauernden Schock über ihr Schicksal, und in die, die nicht aufhören konnten, immerzu etwas zu sagen. Und so waren die Schwestern tagaus tagein damit beschäftigt, die eine Gruppe zu maßregeln, und froh über jeden der anderen Gruppe, um den man sich nicht kümmern musste. Peterchen, der nicht nur stumm, sondern auch starr war, stummer und starrer als die anderen Stummen, fiel vollends durch das Netz. Was er tat, wurde nicht gesehen, und was er manchmal doch sagte, wurde nicht gehört. Peterchen störte das nicht. Erich und Wilhelm störte es. Sie drangsalierten ihn, wo sie nur konnten. Sie pinkelten nachts in sein Bett, damit die Schwestern ihn schimpfend das Bettzeug wechseln ließen, oder beschmutzten seine Hemden, damit man ihn zum Umziehen schickte. Sie banden ihn von innen an die Türklinke des Schlafsaals, damit die wütenden Schwestern ihn dort fanden, wenn er bei der Morgenandacht nicht erschien. Peterchen redete sich immer kleinlaut heraus, ohne die Peiniger zu erwähnen, und ertrug die strafenden Blicke. Fast so als wäre er selber froh um die Reaktionen, die Erich und Wilhelm für ihn bei den Schwestern provozierten. Erich und Wilhelm rieben sich die Hände, wenn Peterchen mit roten Backen beim Essen saß, und niemand traute sich, ihm zur Seite zu stehen. In einer Nacht, kurz vor dem letzten Weihachten, hatten die beiden Peterchen gepackt und im Nachthemd in die eisige Kälte des Innenhofes gelegt. „Peterchen Frost”, hatten sie gerufen und lachend die Tür verschlossen.
In der noch schwarzen Frühe des nächsten Morgens fand Pater Herz in der Eingangstür ein fast erfrorenes Peterchen und trug es in die Bibliothek. Er schaute das Bündel in seinen Armen hilflos an, dann holte er einen großen Schlüssel aus der Tasche seines Gewandes. Peterchen, der noch immer zitterte, öffnete die Augen und sah erschrocken, wie der Pater die Tür zur Kammer aufschloss. Er ließ sich, unfähig sich zu bewegen, hineintragen. Pater Herz legte ihn auf das Sofa unter dem Fenster mit den schweren Vorhängen. Es roch nach altem Rauch, nach altem Holz und Mottenschrank. Der Raum war dunkel, nur das Licht aus der Bibliothek strömte zaghaft durch die offene Tür, als könnte es nicht viel ausrichten gegen die dichte Dunkelheit in diesem Allerheiligsten des Waisenhauses. Peterchen lag zusammengekrümmt auf dem Sofa und traute sich nicht aufzuhören zu zittern.
Pater Herz ging zu einem der Einbauschränke und kramte darin herum. Es schien ihm nichts auszumachen, dass er kaum etwas sah. Peterchen wünschte, der dämonische Schatten des Paters würde im Schrank verschwinden. Er fürchtete den Moment, wenn das Licht angehen und er die Schrecken dieses Raumes und die Ausweglosigkeit seiner Situation erkennen würde. Ihm schauderte und er konnte die Kälte der Nacht nicht mehr unterscheiden von der Kälte der Angst. Er hörte Pater Herz murmeln und dachte an Wilhelm, der ihn schon einmal so gehört haben wollte. Peterchen sah zur Tür und wollte aufspringen, aber es ging nicht. Im Türrahmen erschien der Umriss des Paters, groß und massig, als hätte er sich noch fünf weitere Talare übergezogen. Langsam schloss er die Tür. Für Sekunden war es so dunkel, dass Peterchen seine eigene Hand nicht sehen konnte. Dann hörte er den Lichtschalter. An der Decke über ihm glühte eine Lampe auf, und das warme, gelbe Licht erhellte Lampe für Lampe den Raum, bis es die Wand mit den Einbauschränken erreichte. Pater Herz stand plötzlich mit einer dicken Wolldecke in der Hand vor ihm und deckte ihn zu. Dann füllte er am Waschbecken neben der Tür den Wasserkocher. In dem nun hell erleuchteten Raum war kein Blut an den Wänden, kein Opferaltar, kein umgedrehtes Kreuz. Aber etwas an den Wänden warf verzerrte und gezackte Schatten. Unzählige schwarze Gestalten unterschiedlichster Größe bedeckten fast jeden freien Platz. Als Peterchen nach oben schaute, starrte er in die kalten Augen eines Vogels. Er schrie auf. Der Pater drehte sich langsam um. Peterchen war sich nicht sicher, ob der Pater noch Augen hatte, oder auch nur schwarze Murmeln wie der Habicht über ihm. Ruhig goss der Pater das heiße Wasser in eine Tasse und kam herüber. Peterchen richtete sich auf und nahm die Tasse. Der Pater setzte sich auf einen Stuhl neben dem Sofa. Peterchen erkannte mehr und mehr Vögel an den Wänden und er betrachtete jeden wie einen Drachen, den man erlegt hat und von dem keine Gefahr mehr ausgehen konnte. Der Pater lehnte sich zurück und betrachtete ebenfalls die Vögel, mit der Genugtuung und Ruhe eines Schäfers. Eine Eule neben Peterchen, ein Steinadler über der Tür, ein Specht unter der Zimmerdecke. Ein ganzer Schwarm, eine Herde, wie die Gemeinschaft der Gläubigen. Den Kopf schräg und die Flügel ausgebreitet, als wären sie im Begriff loszufliegen, saßen sie gefangen in der Zeitlosigkeit des Todes. So starr und stumm wie Peterchen. Für einen Moment war er sich nicht sicher, ob er nicht auch schon ausgestopft war. Er schaute zaghaft zum Pater, der seinen Blick ruhig über die drapierten Tiere wandern ließ, als würde er mehr in ihnen erkennen, als würden sie sich vor seinen Augen noch bewegen. Peterchen fand, dass der Pater gar nicht mehr so streng aussah. Er wirkte zufrieden und ruhig, so wie die Vögel, die vielleicht froh waren, nirgends mehr hinfliegen zu müssen, sondern ihren Platz gefunden zu haben. Peterchen wollte gerne einen Schluck aus der Tasse nehmen, aber er traute sich nicht. Er traute sich auch nicht zu fragen, woher all die Vögel kamen, wer sie umgebracht und so steif gemacht hatte. Dann bekam er Angst, dass er der nächste Vogel an der Wand werden würde, jetzt wo er den verbotenen Raum gesehen hatte, dass es vielleicht keine Vögel waren, sondern die Jungs, deren Herzen der Pater hier verspeist hatte, bevor er sie in Vögel verwandelt hatte. Er dachte an Mio, mein Mio und den Ritter Kato und schauderte. Peterchen hatte kein Schwert, das Stein zerschneiden konnte, und keinen Freund, der ihm zur Seite stand. Er dachte, während er versuchte, nicht zu atmen, dass er in dieser Geschichte nicht Mio war, sondern nur eines der Vogelkinder, und begann erneut zu zittern.
Der Pater schien es zu bemerken. Er fasste nach Peterchens Hand. Peterchen verlor fast das Bewusstsein. Der Pater stand auf und verließ den Raum. Kurz darauf kam er mit Schwester Martha zurück. Sie kniete sich vor Peterchen und fühlte seine Stirn. Peterchen sah Schwester Marthas wunderschöne Augen. Sie waren keine Murmeln. Er beugte sich, so gut es ging, nach vorne und fiel ihr um den Hals. Sie drückte ihn und murmelte etwas zum Pater, der unsicher neben ihr stand. Er ging zum Waschbecken und kam mit einem nassen Handtuch zurück. Schwester Martha legte es um Peterchens Kopf. Die feuchte Kälte schoss wie ein heißer Blitz durch den geschüttelten Körper. Schwester Martha trug Peterchen aus der Kammer und ließ ihm im Badezimmer auf dem Stockwerk für die Schwestern ein heißes Bad ein. Als er im warmen Wasser lag und merkte, wie die Kälte der Nacht aus seinen Gliedern wich, mit der schönen Schwester Martha neben ihm, die seine Hand hielt, fühlte er eine Geborgenheit, die er noch nie erlebt hatte. Er bewegte seine Arme auf und ab, so gut es in der engen Badewanne ging, und strampelte mit den Füßen vor lauter Glück, nicht ausgestopft und nicht mehr starr zu sein.
Peterchen strampelte noch immer mit den Füßen und bewegte auch seine Arme noch immer auf und ab, als er in der Augustwiese lag, und es fühlte sich noch immer nach Fliegen an. Könnte er doch nur den ganzen Berg hinauffliegen! Er stand auf und schaute zum Wald, der nur noch wenige Meter vor ihm lag, als wäre er ihm entgegengekommen, konnte aber noch keine Wand aus Dornen ausmachen. Peterchen hatte nichts bei sich, keinen Rucksack und keinen Proviant. Er besaß schlicht nichts, was er hätte mitnehmen können. Ein Vogel hat auch nichts bei sich außer sich selbst, hatte er gedacht, als er am Morgen nach der Andacht durch das Fenster der Kapelle, das einzige unvergitterte Fenster an der Außenmauer des Heims, gesprungen war. Er war nicht auf der Flucht, deshalb hatte er sie auch nicht geplant. Er war einfach nur frei. Freiheit konnte man nicht planen.
Nach der unwirklichen Begegnung mit Pater Herz in der Kammer hatte Peterchen den ganzen Tag bei Schwester Martha verbracht. Als er am Abend aufgewärmt in den Schlafsaal der Jungen zurückkehrte, saßen Erich und Wilhelm gleichgültig in ihren Betten und sahen kaum auf. Es schien für sie weder ein großes Wunder zu sein, dass er noch am Leben war, noch interessierten sie die Umstände seiner Rettung. Die anderen Jungs tobten noch durch den großen Raum oder versuchten bereits, sich in einen dünnen Schlaf zu retten. Wenn Peterchen nachts aus einem Traum aufschreckte, war er nie alleine wach im Halbdunkel. Die Laternen des Innenhofs warfen die langen Schatten der Stockbetten an die schmucklosen Wände des Saals, während mindestens ein Kind weinte und mindestens ein weiteres sich im Bett herumwälzte. In dieser Nacht schreckte Peterchen besonders früh wieder hoch. In seiner Hand hielt er noch immer den goldenen Apfel von Mio, von dem aber im schwachen Licht der Nacht schon nichts mehr zu sehen war. Ein Geist würde nicht mehr erscheinen in dieser Nacht und er würde wohl weder den Vater, den König, treffen noch Kato besiegen, wenn er weiterträumte. Dann hörte er etwas. Er erkannte das Wimmern zwei Betten weiter sofort. Erich weinte wie ein hungriges Baby, aber so leise, als würde er für sich alleine heulen wollen, als dürfte es keiner hören. Peterchen lag auf dem Rücken und lauschte dem Leid des grausamen Erichs. In der Einsamkeit der Nacht waren sie alle gleich ungeliebt. Manchmal ging nachts plötzlich die Tür auf und eine der Schwestern schaute herein. Dann hörte das Weinen schlagartig auf. Auch jetzt, mitten in Erichs Heulen, knarrte die Tür und Erich verstummte. Peterchen schloss blitzschnell die Augen. Es herrschte Stille und Starre. Er wünschte sich so sehr, Schwester Martha würde hereinkommen und Erich mitnehmen, um ihn so zu baden, wie sie ihn heute gebadet hatte. Er wünschte sich, sie würde Erichs Tränen wegbaden. Dann schloss sich die Tür wieder. Peterchen drehte sich langsam zur Seite und sein Blick fiel zur Tür. Der Umriss einer großen Gestalt zeichnete sich dort ab und Peterchen erschrak. Der Pater stand dort, als wäre er erneut gewachsen, als würde er noch größer werden mit jedem Mal, wenn Peterchen ihn sah. Peterchen konnte seine Murmelaugen nicht erkennen, aber er wusste, dass der Pater ihn ansah. Erich begann wieder zu weinen, weil er nicht wusste, dass sie nicht alleine waren. Peterchen fand, dass der Pater aussah wie einer seiner Vögel, ein Bussard oder ein Kauz vielleicht. Peterchen wusste nicht wieso, aber er spürte keine Angst. Es erschien ihm vielmehr so, als wäre da eine Art Verschworenheit. Um sie herum das Gewimmer von Erich und die immerwährende Unruhe, die sich durch den Schlafsaal voller elternloser und ungeliebter Knaben wälzte, und zwischen ihnen beiden, dem Pater und ihm, das Band. Das Geheimnis, als Einzige die Ruhe der Vögel zu kennen. Dann öffnete der Pater erneut die knarrende Tür und verließ den Raum. Erich gluckste, als er das Geräusch hörte und realisierte, dass jemand da gewesen sein musste, der ihn hatte weinen hören. Er blieb stumm. Peterchen hatte großes Mitleid mit Erich. Er versuchte wieder einzuschlafen und dachte, dass jetzt doch noch ein Geist erschienen war. Vielleicht war Pater Herz alle gleichzeitig, der Geist, der Vater und Kato. Vielleicht, dachte Peterchen noch, bevor er einschlief, könnte aus ihm, Peterchen, doch noch ein Mio werden.
Mutig machte Peterchen den ersten Schritt in den Wald. Augenblicklich schien die Sonne verbannt und er war völlig eingehüllt in Schatten. Nach wenigen Metern ging es bereits steil bergauf. Der Duft von Harz und Moos erfüllte die Luft und Peterchen atmete tief ein. Er hatte keinen Hunger und keinen Durst. Er stieg in großen Schritten gegen die Schwerkraft nach oben, fast so als würde er an Schwung gewinnen, als liefe er bergab. Er konnte nicht abschätzen, wie lange er brauchen würde bis ganz oben. Er konnte nicht einmal abschätzen, wie dieses Oben aussehen würde oder was er dort finden würde. Aber er stieg empor, als wäre das nicht von Bedeutung, als gäbe es gar kein Unten und kein Oben mehr. Er ahnte nichts von Gottfried, der oben saß und sich die Hände schützend vors Gesicht hielt. Er ahnte nichts von dem See und den Zwergenhäusern darum herum. Er ahnte nichts von Waldemar und auch nichts von dem Monster, das wenige Monate später vor ihm stehen würde, nachdem das Eis unter seinen Füßen zerbrochen wäre und mit ihm auch alle Hoffnung.
Peterchen steht vor dem Haus und wartet. Er kann nicht sagen, worauf er wartet, oder ob es überhaupt ein Warten ist, wenn man einfach so dasteht und weder weiß, woher man gekommen ist, noch wohin man von hier aus noch gehen soll. Nachdem Gottfried am Tag zuvor den schmalen Weg hinauf zum Hauptgebäude gehumpelt war, war nichts mehr geschehen. Nichts, woran er sich erinnern müsste. Ein wenig fühlt er sich, als sei er verkatert aufgewacht. Als hätte er hier im Stehen vor dem Haus geschlafen oder als wäre er nur kurz eingenickt. Dann fällt ihm ein, dass er überhaupt nicht geschlafen hat. Die Luft ist klar und alles sieht genauso aus wie am Tag zuvor. Woran soll man denn erkennen, ob die Zeit vergeht, denkt Peterchen. Er sieht auf die zu groß geratenen kleinen Häuser und fühlt sich wie eine Puppe, die man in eine Spiellandschaft gesetzt hat. Peterchen schnauft, fast so als wollte er überprüfen, ob er dabei ein Geräusch hinterlässt. Vor seinem Gesicht wird sein warmer Atem zu einer Wolke in der kalten Luft. Er kramt in seinem Kopf nach Erinnerungen, als würde er dabei auch überprüfen wollen, ob sie ein Geräusch in ihm machen. Das ganze Gelände um den See und den kleinen Hang zum Hauptgebäude hinauf liegt völlig still vor ihm. Immer noch eingefroren, denkt er. Die Stille kommt ihm sonderbar und beklemmend vor. Er schließt die Augen und horcht in sich hinein. Etwas flackert vor ihm auf. Ein Blitzflackern, als würde gleich der Donner folgen. In seiner Erinnerung steigt das Bild auf, wie sie im Sommer, als sie noch Jungen waren, hier im Schilf umherstreunten. Da war die Luft so voll gewesen von dem Geschrei der Vögel, dass er sich jetzt fragt, wo heute all die Vögel sind.
Gottfried war schon damals größer gewesen als er, obwohl sie gleich alt waren, und auch stärker. Trotzdem hatte er sich an Peterchen geklammert, als könnte er ohne ihn nicht einmal laufen. Für einen kurzen Moment sieht Peterchen sich so klar vor sich, in der Mittagshitze in zu langen Kleidern, als wäre es nicht nur noch immer gestern, sondern sogar noch immer der Sommer von damals. Aber er kann das Bild nicht scharf halten, als wäre es eine Erinnerung, die nicht ihm gehört. Vor seinem inneren Auge laufen er und Gottfried vorbei am Haupthaus den Weg hinauf. Bald sind sie nur noch zwei Punkte, und je näher sie der Hütte am Waldrand kommen, desto mehr scheint es Peterchen, als würden sie in ihr Ende rennen. Dann sind sie im Wald verschwunden und mit ihnen jede weitere Erinnerung. Er sucht tiefer in sich und beginnt wieder zu schnaufen. Als könnte das Schnaufen die Erinnerungen in die kalte Luft pusten, damit er sie sehen kann. Aber es ist nichts mehr zu erkennen, was Peterchen einordnen könnte. Wo sind denn nur all die Vögel und wo sind all die Erinnerungen?
Peterchen verspürt den Drang, Gottfried zu finden. Als Musik aus dem Hauptgebäude dringt, zerbricht die Stille klirrend. Einige Kinder lösen sich als kleine bunte Punkte, so wie er und Gottfried eben noch welche waren, und strömen in Richtung der oberen Häuser. Dann erkennt Peterchen einen weiteren Punkt, einen schwarzen, der humpelt. Gottfried scheint in Eile zu sein. Doch auf halber Strecke bleibt der Punkt unvermittelt stehen. Peterchen läuft ihm entgegen. Als er bei ihm ankommt, steht Gottfried wie angewurzelt auf dem Pfad und schaut auf einen schwarzen Klumpen am Wegrand, neben einem Mülleimer. Als Peterchen erkennt, was da vor ihnen liegt, wird ihm schwindelig.
„Eine Krähe”, sagt Gottfried. „Schon wieder eine Krähe.”
Der Vogel ist kaum noch als Vogel zu erkennen. Er sieht zerlegt und gerupft aus. Als hätte jemand seine Wut an ihm ausgelassen.
„Wie damals, Peterchen.”
„Die Federn”, sagt Peterchen leise. „Die meisten fehlen.”
„Wie damals. Oh Gott.”
Es blitzt erneut in Peterchen. Er schüttelt den Kopf, aber es tauchen dennoch Bilder auf, die er nicht erkennen will. Eine Schnabelfratze, die Federn rupft und sie sich selber ansteckt, ein Vogelmann, der um den Kadaver hüpft. Bilder, von denen er nicht sagen kann, ob er sie je gesehen hat, oder ob sie nur in seinem Kopf entstehen, so wie man Bilder im Kopf hat, wenn jemand ein altes Märchen erzählt. Peterchen schaut durch die Blitze auf den Kadaver, und eine vage Erinnerung an eine Stelle im Wald, an der sie damals ein Grab für die toten Vögel ausgehoben hatten, lässt ihn schaudern. Er sieht sich mit einer Schaufel, die sie Waldemar geklaut haben, die Grube ausheben und er sieht sich immer weiter in dem tiefen Loch verschwinden, mal im Zeitraffer vorwärts, mal rückwärts, fast so als wäre sich die Zeit selbst nicht sicher, wohin mit diesen Bildern. Für einen Moment überlegt er, ob sie das tote Tier dorthin bringen sollen. Aber Peterchen traut sich nicht, etwas zu sagen. Er sieht zu Gottfried, der sich völlig entgeistert umdreht.
„Es ist gar nicht vorbei, richtig?”, sagt Peterchen.
„Glaubst du, es ist zurück?”, fragt Gottfried und hält die Hand vor den Mund, als hätte er das nicht sagen dürfen. Er schaut sich um, als wollte er sichergehen, dass niemand zuhört. Dann kommt er nahe an Peterchen heran. „Aber wir haben es doch besiegt, Peterchen. Wir haben es doch verjagt”, flüstert er ihm ins Ohr.
Eine Krähe fliegt auf und schreit, als würde sie den Tod des Vogels erst jetzt bemerken, und Gottfried fährt zusammen. Peterchen ist fast erleichtert, dass es wohl doch noch Vögel gibt.
„Haben wir das wirklich?”, fragt Peterchen. „Oder haben wir damals nur Waldemar besiegt?”
„Komm!”, sagt Gottfried.
Wie zwei kleine Jungs, die ein Versteck suchen, rennen sie zu Peterchens Haus. Sie eilen hinein und Gottfried verschließt die Tür. Sie setzen sich in die zwei Sessel und schauen durch die kleinen Scheiben auf den See. Peterchen schnauft erneut und Gottfried schließt die Augen. Sein Talar geht ihm, jetzt wo er sitzt, bis weit über die Schuhe und bedeckt den Boden wie ein kleiner schwarzer See.
„Aber wenn Waldemar tot ist, wie sollte er dann diesen Vogel …”, sagt Peterchen.
„Es war weg”, unterbricht ihn Gottfried. „30 Jahre war das Monster weg.”
„Und Waldemar?”
„Waldemar war auch 30 Jahre weg. Und dann ist er wieder aufgetaucht, nachdem er entlassen wurde. Er hat wohl unten in der Stadt als Wachmann gearbeitet.”
„Der war doch viel zu alt.”
„Für die Flüchtlingsunterkunft haben sie ihn genommen. War nicht der einzige Knastbruder bei den Security-Leuten.”
„War er hier?”, fragt Peterchen.
„Du meinst, in der Hütte?”, fragt Gottfried. „Das hat der Kommissar auch gefragt. Und nach dem Jungen.”
Peterchen stutzt. „Welcher Junge?”
„Na, dieser Junge, der aus dem Flüchtlingsheim abgehauen ist, in der Nacht oder wann das war mit dem Mord. Die suchen überall nach ihm, weil jemand ihn draußen gesehen hat. Es gab wohl eine Auseinandersetzung, nach der Waldemar tot am Boden lag. Die denken, der Junge war es oder er hat was gesehen. Der Kommissar hat mir ein Bild gezeigt. Schwarzer Junge, vielleicht zehn, elf Jahre, gekannt hab ich ihn nicht.”
Gottfried sieht angestrengt aus dem Fenster. Er steht auf und geht an die Scheibe. Eine Weile sagen sie nichts.
„Du warst all die Jahre hier. Du warst nie weg. Gab es nie einen toten Vogel?”, fragt Peterchen.
„Nicht einen.”
Gottfried schnauft jetzt, fast so als wäre die Anstrengung des Rennens erst jetzt bei ihm angekommen oder als würden sich die Gedanken in seinem Kopf so schnell drehen, dass es ihn körperlich anstrengt. Peterchen schnauft nicht mehr. Er sitzt da und traut sich nicht weiterzudenken und hofft, Gottfried würde nicht bemerken, welcher schlimme Gedanke ihm gerade gekommen ist. Waldemar, denkt Peterchen, ist nicht der Einzige, der dreißig Jahre weg war und plötzlich wieder hier aufgetaucht ist, und mit ihm das Monster. Er selbst ist es auch. Vielleicht ist das Monster nach dreißig Jahren mit ihm wieder aufgetaucht. Vielleicht sogar wegen ihm. Gottfried scheint abwesend und nicht sonderlich interessiert daran, seine Gedanken zu lesen. Peterchen beobachtet ihn, wie er schnaufend seinem Atem zusieht, der sich als fahler Fleck an der Scheibe windet. Peterchen versucht, etwas in ihm zu erkennen, aber er kann nicht sagen, ob Gottfried besorgt, ängstlich, traurig oder unbekümmert, vielleicht neugierig oder sogar zufrieden aussieht. Vielleicht weiß Gottfried selber nicht, wie er sich fühlt. Er sieht aus wie ein buckliger, übergroßer Junge. Vielleicht ist er in all den Jahren in dieser Zwergenlandschaft zu einem Riesen geworden. Vielleicht hat er einfach nie aufgehört zu wachsen. Vielleicht hat er sich vorgenommen, so lange zu wachsen, bis er endlich in den Talar seines Vaters hineingewachsen ist, der unerreichbar groß über ihm hängt, so wie auch sein längst toter Vater noch immer übergroß und gewaltig über ihm hängt, wie ein strafender Schatten, den er nie ganz ausfüllen kann. Gib es auf, denkt Peterchen und wundert sich über diesen Gedanken. Was weiß er schon über Gottfrieds Vater. Außer, dass dieser vor Gottfried hier der Pfarrer des Freizeitdorfes gewesen war und dass sie sich immer vor ihm versteckt hatten. In einem Blitz sieht er sich im Keller des Pfarrhauses hinter einem Vorratsschrank kauern. Aber das Bild zerrt, als würde es sich wehren, erinnert zu werden.
„Warum bist du hiergeblieben? Nach allem, was passiert ist?”, fragt Peterchen, weil er sich nicht traut zu fragen, was er eigentlich wissen will, nämlich was überhaupt alles passiert ist.
Gottfried verzieht das Gesicht und Peterchen kann wieder nicht erkennen, ob er grinst oder schmerzlich den Mund verzieht. Das Schnaufen verstummt, aber Gottfrieds Brustkorb hebt und senkt sich weiter.
„Jemand muss doch bleiben”, sagt er und es klingt, als hätte er diesen Satz schon hundertmal gesagt und davor schon tausendmal gedacht. „Du warst weg. Das Monster war weg. Waldemar war weg. Und überhaupt, alle, die hier herkommen, gehen wieder weg. Alle gehen. Einer muss doch bleiben.”
Er dreht sich zu Peterchen und sieht ihn hilflos an, als hätte er sagen wollen, dass er nur nie gegangen ist, weil er alleine gar nicht laufen kann, den Berg hinunter schon zweimal nicht. Er geht zur Tür, und Peterchen fällt auf, dass sein Humpeln stärker geworden ist. Als würde er von Minute zu Minute buckliger und träger. Gottfried schließt auf und steht an der genau gleichen Stelle wie gestern, als er Peterchen sagte, dass alles vorbei sei. Er sagt nichts und geht nach draußen. Die Tür bleibt offen stehen. Peterchen bleibt allein zurück und fühlt sich noch verlassener und ratloser als am Tag zuvor. Er beobachtet Gottfried, wie er den Weg hinaufhumpelt, als wäre er angeschossen. Vielleicht weiß er es selber gar nicht mehr, denkt Peterchen. Das Einzige, was Peterchen in diesem Moment weiß, ist, dass das Monster nicht mit Waldemar gestorben ist. Und er beschließt, dass er zum Waisenhaus muss, das jetzt kein Waisenhaus mehr ist, sondern eine Flüchtlingsunterkunft, die wiederum keine Flüchtlingsunterkunft mehr ist, sondern ein Tatort. Was, wenn das Monster Waldemar getötet hat, so wie es damals versucht hat, Peterchen und Gottfried zu töten, auf dem Eis, denkt er und wundert sich über den Gedanken. Aber es kommt kein Blitz, der ihm ein Bild zeigt, keine Erinnerung, nur ein vages Wissen um etwas, das er eigentlich vergessen will. Vielleicht hat das Monster Spuren hinterlassen. Spuren, die nur er lesen kann, Spuren, die die Polizei übersieht, eine Feder oder gar einen gerupften Vogel.
