Der gebrochene Kreis - K. J. Ellinger - E-Book

Der gebrochene Kreis E-Book

K. J. Ellinger

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Beschreibung

Während Lukas und Aki noch immer mit den Folgen der monatelangen Angst um ihre Familien kämpfen, stehen alle Zeichen auf Veränderung. Eine neue Kollegin im Team und ein neuer Fall lassen die besten Freunde nicht zur Ruhe kommen. Wie jagt man einen Mörder, der vollkommen unberechenbar ist? Er glaubt, das System habe ihn verraten und seine Taten werden immer brutaler. Um ihn zu stoppen, müssen das Dortmunder K 11 und die OFA dieses Mal einen vollkommen anderen Weg einschlagen und alte Muster durchbrechen. Kann Rache jemals gerecht sein? In einem einzigen Augenblick wird das Martyrium gleich mehrer Menschen beendet. Für immer. Doch ist jedes Ende auch immer der Beginn von etwas Neuem ...

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Seitenzahl: 421

Veröffentlichungsjahr: 2025

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K. J. Ellinger

DER GEBROCHENE KREIS

Das Buch

Während Lukas und Aki noch immer mit den Folgen der monatelangen Angst um ihre Familien kämpfen, stehen alle Zeichen auf Veränderung.

Eine neue Kollegin im Team und ein neuer Fall lassen die besten Freunde

nicht zur Ruhe kommen.

Wie jagt man einen Mörder, der vollkommen unberechenbar ist? Er glaubt, das System habe ihn verraten und seine Taten werden immer brutaler.

Um ihn zu stoppen, müssen das Dortmunder K 11 und die OFA dieses Mal einen vollkommen anderen Weg einschlagen und alte Muster durchbrechen. Kann Rache jemals gerecht sein?

In einem einzigen Augenblick wird das Martyrium gleich mehrer Menschen

beendet. Für immer.

Doch ist jedes Ende auch immer der Beginn von etwas Neuem …

Die Autorin

K. J. Ellinger, 1979 in Frankfurt am Main geboren, zog es 2003 beruflich nach Dortmund. Mittlerweile lebt sie mit Partner und zwei Katzen im östlichen Ruhrgebiet, wo sie derzeit am fünften Band der Reihe Marsolleks Morde arbeitet.

K. J. ELLINGER

DER GEBROCHENE KREIS

Marsolleks Morde

Band 4

Kriminalroman

Impressum

1. Auflage Meine Bücher sind durchweg Texte: © 2025 Copyright by K. J. Ellinger

Covergestaltung: © 2025 Copyright by M.fiktional. Gibt es Figuren, welchen

Hoffmann echte Menschen als Vorbilder Verantwortlich

für den Inhalt: K. J. Ellingerdienten, so habe ich im Vorhinein

c/o Fakriro GbR / Impressumsservicederen Einverständnis eingeholt.

Bodenfeldstr. 9

91438 Bad WindsheimDie Schauplätze hingegen sind

Instagram: dortmund_thriller real. Auch hier habe ich in www.kj-ellinger.de

[email protected] Fällen die Erlaubnis

Druck: epubli – ein Service der Neopublider Verantwortlichen erfragt. Alle

GmbH, Berlinweiteren Inhalte, Personen und

Namen sind frei von mir erfunden.

Sollte es hier Überschneidungen geben, ist das Zufall.

Sämtliche Inhalte und Texte sind urheberrechtlich geschützt. Das Urheberrecht liegt, soweit nicht ausdrücklich anders gekennzeichnet bei mir- K. J. Ellinger.

Personen:

Lukas Marsollek: Fallanalytiker bei der OFA

Ivica „Aki“ Andrajasevic: KHK, KK 11 Dortmund

Susanne Braig: Leiterin der OFA

Dietmar Leindecker: Dezernatsleiter, KK 11 Dortmund

Melissa Marsollek: Lukas' Frau und gute Seele der Reihe

Andreas Studtner: „Speedy“, enger Freundeskreis

Khadija Tahiri Fallanalytikerin

Matthias „Matze“ Katz: Fallanalytiker

Vesna Andrajasevic: Akis Frau und Ruhepol

Benjamin Roggenkamp: „Benni“, Akis Partner im KK 11

Martin Wedekind: KHK, KK 11 Dortmund

Sascha, Deniz, Xenia, Lea, Kim, Dr. Khaled El Ghareeb, Enno, Filiz

und weitere alte und neue Bekannte.

Abkürzungen:

OFA Operative Fallanalyse

LKA Landeskriminalamt

KHK Kriminalhauptkommissar

KK 11 Kriminalkommissariat 11 (Morddezernat Dortmund) EG Ermittlungsgruppe (anderes Wort für Soko / Sonderkommission) KDD Kriminaldauerdienst

PSU Psycho-Soziale-Unterstützung (Einheit der Polizeibehörden)

Rückblick Teil I - III

In der Buchreihe Marsolleks

Morde begleiten Sie die Kriminalisten Lukas Marsollek und »Aki« Andrajasevic bei der Lösung ihrer Fälle. Sie lernen die Hauptprotagonisten und ihre Familien kennen. Lukas und Aki sind mehr als nur Kollegen. Sie sind beste Freunde und bezeichnen sich selbst als Brüder.

Band 1 – Die Achte Linie: Die blutige Spur eines brutalen Serienmörders zieht sich durch ganz Dortmund. Das K 11 muss ihn aufhalten.

Band 2 – Ifrit: Lukas, mittlerweile Fallanalytiker beim LKA hilft seinem alten Dezernat dabei einen unbarmherzigen Mörder zu finden, der Obdachlosen nach dem Leben trachtet.

Band 3 – M.A.D.I.L.: Lukas und Aki müssen sich mit grausamen Kindermorden auseinandersetzen, während auch ihr privates Umfeld in große Gefahr gerät.

Band 4 – Der gebrochene Kreis: Ein ungeklärter Erzählstrang aus dem dritten Band wird hier zum Abschluss gebracht.

Band 5 – VÖ 2026: Im letzten Teil der Pentalogie laufen die noch ungeklärten Fäden zusammen werden final aufgelöst.

»Wer nach Rache strebt,

hält seine eigenen Wunden offen.«

(Francis Bacon)

Prolog

Mittwoch, 01.01.2025

So hatte er es selten erlebt. Und er wusste nicht, dass er es nach dieser Nacht nie wieder erleben würde. Weder auf die eine, noch eine andere Art und Weise.

Eigentlich war es ihm viel zu früh, die Party zu verlassen, aber sie war einfach unglaublich hübsch. Eine glatte zehn auf der Skala. Er konnte ihr nicht widerstehen, weshalb sie um kurz nach zwei den Club in der Innenstadt verließen. Zu Fuß machten sie sich auf den Weg zu seiner Wohnung im südöstlichen Hafengebiet. In der Silvesternacht ging das bedeutend schneller, als auf ein Taxi zu warten. Sie sagte es nicht direkt, doch ihre Signale waren eindeutig. Immer wieder spielte sie mit Haarsträhnen, biss sich auf die Unterlippe und lächelte ihn verführerisch an. An einer roten Ampel zog er sie zu sich heran und küsste sie. Okay, sie sollten sich wirklich beeilen.

In seiner Wohnung wollte sie sich frischmachen, ließ die Badezimmertür dabei geöffnet und rief gut gelaunt, dass sie noch einen Sekt trinken würde. Schließlich wollten sie die Silvesterparty ja nicht aus den Augen verlieren, bevor sie noch anderweitig ins neue Jahr feierten. Oh ja, das würde der weitaus interessantere Teil der Party werden, dachte er und holte eine Sektflasche aus dem Kühlschrank. Er füllte Eiswürfel in einen Kühler und trug diesen samt Flasche ins Wohnzimmer. Als sie zu ihm kam, schenkte er gerade ein und lächelte. Sie war wunderschön, er konnte es kaum erwarten und sie stießen an. Auf ihrem Glas zeichnete sich ein deutlicher Lippenstift-Abdruck ab. Wenn die Nacht das hielt, was sie versprach, würde er diesen auf ewig konservieren. Sie brachte ihn um den Verstand.

Nachdem er ein zweites Glas eingeschenkt hatte, bemerkte sie, dass sie es gerne warm, sauber und wohlriechend hatte, um sich gänzlich fallen lassen zu können.

Was meinte sie nur damit? Die hübschesten Frauen waren auch immer die mysteriösesten. Seine Wohnung befand sich in tadellosem Zustand. Er beschloss, dass Angriff die beste Verteidigung war, und fragte einfach nach, bevor er etwas falsch machte.

»Ich fühle mich sehr wohl mit dir und auch in deiner Wohnung. Keine Sorge. Aber könntest du uns nicht eine Badewanne einlassen? Das wird uns in die richtige Stimmung bringen.«

Perfekter ging es kaum und er kam ihrer Bitte nach. Er überprüfte seinen Vorrat an Badezusätzen, um ihren Ansprüchen auch gerecht zu werden, als das Wasser in die Wanne floss. Ob sie Vanilleduft mochte? Zurück im Wohnzimmer, hatte sie sich ihrer Lederjacke und des T-Shirts entledigt. Das hautenge Glitzertop und der Minirock ließen ihn nicht unbedingt ruhiger werden.

»Warum hast Du in der Disco nicht schon in dem Outfit getanzt?« »Warum sollte ich? Ich wollte ja nicht irgendjemanden anziehen, sondern den Richtigen für diesen besonderen Abend.«

Als wäre sie ein Fluchttier, lag ihre Handtasche direkt neben ihr. Jederzeit war sie zum Absprung bereit, wenn er sich nur den kleinsten Patzer erlaubte. Auch ihre Highheels hatte sie noch nicht ausgezogen und Abdrücke damit in seinem Teppich hinterlassen. Das störte ihn nicht. Sie war eine Elfe und sie würden sich im Flor des Teppich wieder aufrichten. Viel mehr war er daran interessiert, dass sie sich auch ihrer restlichen Kleidung entledigte.

»Willst Du nicht deine unbequemen Highheels ausziehen?« »Es sind Stiefeletten.«

»Aber sie haben eben solche Absätze«, grinste er. »Gleich. Lass uns erst anstoßen.«

Sie tranken aus und er füllte aus einer neuen Flasche Sekt nach. Ihre Gläser nahm er mit ins Badezimmer und stellte sie in die hintere linke Ecke der Wanne. Auf dem Fensterbrett und an weiteren Plätzen hatte er Teelichte entzündet, stand an der Fensterseite und blickte sie fragend an. »Du bist echt süß«, sagte sie, während sie ihr Top auszog. »Mach dich locker«, fuhr sie fort und öffnete seine Jeans.

Als er versuchte sie zu küssen, drückte sie seinen Oberkörper sanft von sich und bat ihn, sich schon in die Wanne zu legen, da sie ihm vorher gerne noch so manch unvergesslichen Anblick bieten wollte. Noch nie in seinem Leben hatte er einer Bitte so schnell entsprochen und lag nun mit dem Rücken am bequemeren Teil der Wanne angelehnt. Sie hatte nicht zu viel versprochen. Nackt bis auf die Highheels, oder Stiefeletten, oder wie auch immer man diese Dinger nannte, stieg sie zu ihm in die Wanne. Auf Knien beugte sie sich breitbeinig über ihn und küsste seinen Hals, bevor sie sich zurücklehnte und sanft mit dem Absatz ihres rechten Schuhs ihre Grenzen absteckte. Sie lächelte kühl, fast überirdisch und glich einer Göttin. Wie eine solche würde er sie heute Nacht auch behandeln. Er war sich sicher, dass sie einen der ganz vorderen Plätze in seinem kleinen Buch einnehmen würde. Auf irgendetwas schien sie zu warten, während sie ihn von Sekunde zu Sekunde immer wahnsinniger machte. Ihr Blick war nicht nur geil. Er konnte es nicht einordnen, aber freute sich schon auf alles, was folgen würde. Kurz hatte sie ihm gestattet, sie zu berühren, denn was anderes wusste sie mit der Zeit nicht anzufangen, bis es losging.

Nachdem er wie erwartet einige Minuten später in sich zusammengesackt war, begann nun für sie der weitaus interessantere Teil. Solange das Wasser aus der Wanne schwand, bemühte sie ihre Handtasche und holte Einmalhandschuhe daraus hervor. Auch Ersatz hatte sie dabei. Und Ersatz für den Ersatz.

Natürlich würden sie körperliche Überreste von ihr hier finden, egal wie gut sie im Anschluss alles reinigte. Das Erfreuliche daran war, dass es ihr herzlich egal sein konnte, denn man konnte bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag suchen und würde nichts finden. Alle DNA-Abgleiche der Welt würden die Polizei nicht weiterbringen. Weibliche DNA, okay. Sie würden sich nichts weiter dabei denken, diese mit seinen sämtlichen Bekanntschaften abgleichen und die Ermittlungen an der komplett falschen Stelle beginnen. Sie war eine Unbekannte in einer Rechnung, auf deren Lösung sie nicht kommen würden.

Als sie zurückkam, atmete er noch. Perfekt. Genauso hatte sie es angedacht! Betäubt und halb ertrunken, mit Wasser in den Lungen lag er vor ihr auf dem Rücken.

Sie hatte sich alles ausgemalt. Nicht nur ein Mal. Alles war genau bedacht. Wanne, Badezusätze, Wasser … Das machte es ihr erst möglich, ihren Plan durchzuziehen. Vielleicht wog sie nur knapp sechzig Kilo, doch das hielt sie dank der akribischen Planung nun nicht mehr auf. Was den Anblick noch störte, waren seine Genitalien. Sie mussten weg. Wie sie es beigebracht bekommen hatte, bereitete sie alles vor. Glücklich an der Situation war, dass Männer die meisten Dinge in ihrem Haushalt parat hielten, die sie benötigte. Es passte eben auch nicht alles in eine Handtasche. Sie hatte ein kleines Ausgeh-Päckchen zusammengestellt, welches ihren Aktivitäten dienlich sein sollte und würde dieses heute auf künftige Tauglichkeit prüfen. Während sie in seiner Wohnung nach passenden Utensilien suchte, bemühte sie ihr Handy. Musik musste her, denn die Party war noch nicht vorbei! Amüsiert startete sie den Song Girls von den Beastie Boys und sprach mit sich selbst. »Jetzt seht ihr, zu was Frauen fähig sind und nennt sie gefälligst nicht länger Mädchen!«

Sorgfältig tupfte sie mit einem Frotteehandtuch seinen Körper ab, bevor sie sich ans Werk machte. Dazu streifte sie vorher das erste Paar Einmalhandschuhe über. Aufgrund ihrer langen und spitz manikürten Fingernägel ging dieses jedoch kaputt. Das Zweite musste her. Jetzt funktionierte es …

*

Vor drei Tagen hatte sie in einem Artikel der Tageszeitung gelesen, dass statistisch gesehen, die Mehrheit der Menschen, ihre Vorsätze für das nächste Jahr nur einen Tag bis einen Monat aufrecht erhielten. Sie konnte bereits jetzt von sich sagen, dass sie gut dabei war, was Vorsätze anging, obwohl das neue Jahr erst ein paar Stunden alt war. Gut, es handelte sich bei ihren Vorsätzen auch nicht gerade um eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio, aber auch sie musste ihren inneren Schweinehund dafür erst einmal überwinden. Da diese erste Hürde genommen war, würde der Rest nicht mehr so schwer werden. Der Erste war schließlich immer der Schwerste und den hatte sie am 01.01.2025 erfolgreich hinter sich gebracht. Sie wünschte sich selbst ein frohes Neues. Es würde ein verdammt gutes Jahr werden!

Nachdem sie bei einem Bäcker im Hauptbahnhof für Frühstück gesorgt hatte, kaufte sie noch eine Flasche Sekt dazu, damit sie zu Hause ihre perfekte Party ganz allein ausklingen lassen konnte. Sie verließ das Gebäude durch den Haupteingang und steuerte auf den großen Taxistand zu. Voller Übermut griff sie auf dem Weg dorthin mit der linken Hand einen Laternenmast und drehte eine Runde daran. Ihre Handtasche, in welcher sie die Backwaren verstaut hatte, holte sie dabei ein und wickelte sich für einen kurzen Moment um ihre Taille. Mit ihrem Lachen steckte sie nicht nur Passanten an. Auch die hier positionierten Polizeibeamten genossen den Anblick der hübschen Frau, die sich im Morgengrauen ihres Lebens freute. Offensichtlich hatte sie eine tolle Silvesternacht gehabt. Einer der uniformierten Männer sprach sie an. Sie war es gewohnt die Blicke der Männer auf sich zu ziehen und antwortete, dass es ihr gut ginge und er sich keine Sorgen um sie machen müsse. Nicht, dass ihr der Polizist nicht gefiel, aber sie bemerkte auch den Ring an seiner rechten Hand. Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte sie vielleicht sogar darüber nachgedacht. Immerhin hatte sie etwas zu feiern.

Unter diesen Umständen jedoch, schien er genauso ein Arschloch zu sein, wie jeder andere Kerl auch.

»Keine Sorge, ich hatte einen perfekten Start ins neue Jahr! Frohes Neues und ruhige Schicht euch!«

Ein junger Mann kam auf sie zu.

»Sieht aus, als hättest du Feierlaune. Willst du noch ein bisschen mit uns um die Häuser ziehen?«

Der beringte Polizist spielte sich wie ein Samariter auf und drängte den Verehrer vehement zur Seite, als sie tanzend das erste Taxi in der Reihe erreichte. Sie blickte nach hinten, als der junge Mann ihr noch hinterherrief: »Wie heißt du? Sieht man sich wieder? Sag mir wenigstens deinen Insta-Namen.«

»Habe ich dir den Kopf verdreht?«

»Ja! Du bist die erste Herzdame 2025 für mich!« »Wie würdest du mich denn nennen?«, rief sie zurück. »Pocahontas!«

»Es tut mir leid. Pocahontas ist nicht die richtige Antwort.« »Wie finde ich dich?«

»Gib dir Mühe!«

Lachend stieg sie in das Taxi und freute sich über ihr Wortspiel. Ob er es wohl verstanden hatte? Sicher nicht.

»Wohin geht es? Bisher habe ich nur den Stadtteil. Sie scheinen ja sehr beliebt zu sein. Frohes Neues erstmal«, grinste der Fahrer. »Entschuldigen Sie bitte, meine Schwester macht mich die ganze Zeit schon mit Whatsapp-Nachrichten irre. Meylantstraße vierzehn. Ich wünsche Ihnen auch ein frohes neues Jahr! Wie heißen Sie?«

»Ich heiße Ranganathan Udayanga. Bisschen kompliziert, ne?«, lachte er lauthals los.

»Ja, ein bisschen. Wie nochmal?« »Ranga tut es auch. Manche sagen auch Uda. Ich hab selten so einen fröhlichen Menschen am Neujahrsmorgen nach Hause gefahren. Freut mich für dich. Wie heißt du?«

»Lea. Das ist dann wohl recht einfach. Fahren Sie immer an Feiertagen? Falls ja, warum tun Sie sich das an?«

»Sind wir nicht beim Du? Ich mag Taxifahren. Meine Eltern hassen es, finden es unwürdig und klischeehaft, mir finanziert es aber das Studium. Außerdem halten an den Feiertagen die meisten einfach den Rand und nicht viele Kollegen wollen fahren. Mehr Gäste für mich. Die, die nicht schweigen, jammern mir die Hucke voll und geben deswegen mehr Trinkgeld. Perfekt.«

»Okay, das verstehe ich. Ich sehe keinen Ehering. Seid ihr Inder nicht immer megafrüh verheiratet?«

»Voll Schubladendenken. Bis eben mochte ich dich noch«, feixte der Taxifahrer.

»Sorry. Dein Name und die Klischees der Eltern … Ich weiß auch wie es ist, mit Vorurteilen zu kämpfen. Tut mir leid.« Er grinste sie breit an und teilte ihr mit, dass er nur einen Joke gemacht hatte. Was sie so groß zu feiern hatte, wollte Uda noch von ihr wissen. »Heute habe ich mich von meinem ehemaligen Leben emanzipiert!« »Wie sah das denn aus? Vielleicht lerne ich ja etwas.« »Ich glaube ähnlich, wie bei dir. Jeden Tag kämpfte ich gegen Vorurteile und habe mich ehrlich gesagt auch ein wenig entsprechend dieser verhalten. Das ist seit heute vorbei! 2025 wird mein Jahr und ich mache nicht mehr nur das, was man von mir erwartet. Direkt nach Mitternacht habe ich damit begonnen. Das tat verdammt gut!«

»Sehr geil. Glückwunsch! Da kann ich mir wohl wirklich noch eine Scheibe von dir abschneiden. Meine Familie stammt übrigens aus Sri Lanka, nicht aus Indien. Arbeitest du als Stewardess?«

»Hä? Wieso?«

»Na ja, du bist megahübsch, hast Terminstress an Neujahr und wohnst im Stadtteil Wickede.«

»Und das ist jetzt kein Schubladendenken?«

»Verdammt.«

Sie lachten.

Bevor sie vor dem Haus ihrer Schwester aus seinem Taxi stieg, tauschten sie ihre Insta-Accounts, folgten sich und wollten die Tage schreiben. Ein wirklich guter Abschluss für ihre Party!

Wie verabredet erschien sie pünktlich bei ihrer Schwester, um ihren Hund Buddy dort abzuholen. Er war ihr ein und alles.

1

Samstag, 04.01.2025

Aufgedreht durch die Ereignisse der letzten Monate, die Ferien und Feiertage, waren die beiden größeren Marsollek-Kids am Abend kaum zu bändigen. Aufgekratzt rannten sie durchs Haus, wollten nicht zum Zähneputzen antreten und erst recht nicht ins Bett. Dünnhäutig, wie Lukas derzeit war, wurde ihm das schnell zu viel und er brüllte sie an. Nico begann zu weinen. Daraufhin zog er die beiden zu sich auf die Couch und nahm sie in die Arme.

»Es tut mir leid. Ich wollte euch nicht anschreien. Wir kuscheln noch bis halb neun, aber dann geht es ab in die Kojen, okay?« »Ich glaub dir nicht, dass es dir leidtut, Papa.« »Wieso glaubst du mir nicht?«

»Du lächelst nicht.«

Lukas drückte die beiden sanft an sich, damit sie nicht sahen, dass er mit den Tränen kämpfte.

»Liest du uns gleich eine Geschichte vor?«, fragte Pia. »Ihr hattet eure Gutenachtgeschichte schon. Ich bringe euch gleich ins Bett und dann wird geschlafen.«

»Oh man, wieso denn so früh?«

»Weil ab Montag wieder Schule und Kindergarten angesagt ist. Ihr müsst langsam in euren Rhythmus finden, sonst seid ihr die ganze Zeit total erledigt und überdreht.«

»Das ist aber nicht fair, Papa! Du gehst ja auch nicht jetzt ins Bett, obwohl du wieder arbeiten musst.«

»Es ist nervig, dass du so schlau bist. Kompromiss: Eine kurze Geschichte aus dem Märchen-Buch und dann ist Schlafenszeit.« »Nervst du uns gerne?«

»Nein und ihr nervt mich auch nicht, aber die allabendlichen Diskussionen finde ich anstrengend. Ich bin erwachsen und weiß eben, dass es besser ist, dass ihr jetzt schlafen geht.«

»Woher willst du das denn wissen?«

Lukas verdrehte die Augen und musste sich nun keine Mühe mehr geben ein Lächeln zu erzwingen. Der Dialog mit seiner Tochter brachte ihn automatisch dazu.

»Genießt doch einfach noch die halbe Stunde.« Das taten die beiden. Währenddessen hatten sich Hund und Kater zu ihnen gelegt. Nach einigen Minuten schnurrten und grummelten die Vierbeiner. Wie kleine Schutzpatrone lagen sie bei den Kindern und warteten auf ihre Nachtschicht. Lukas knipste das Nachtlicht an, blickte noch einmal auf die Betten und verließ den Raum. Die Tür ließ er einen Spalt geöffnet und trug ihren jüngsten Sohn ins Schlafzimmer. Er legte den friedlich schlummernden Jonas auf Melissas Seite des Bettes, deckte ihn zu und ging sich die Zähne putzen. Im Spiegel blickte ihn ein fremder Mensch an. Sein blasser Zwilling mit langen fettigen Haaren und einem aufgedunsenen Gesicht. Lukas legte sich neben Jonas ins Bett. Es war zu groß. Der nächste Abend verlief nicht besser. Die Kids waren aufmüpfig, genervt und komplett von der Rolle.

Nachdem sie am nächsten Morgen gemeinsam gefrühstückt und danach ihre Mama im Krankenhaus besucht hatten, schien Pia wütend, Nico in sich gekehrt.

»Kids?«, fragte Lukas auf der Rückfahrt.

»Was?!«, entgegnete Pia knatschig. »Zuhause gehen wir mit Toffee raus und reden, ja?« Genervt verschränkte seine Tochter die Arme vor der Brust, während Nico aus dem Fenster starrte. Zwischen den beiden lag Jonas schlafend in seinem Kindersitz.

»Papa, was willst du mit uns besprechen?«, fragte Pia geradeheraus, als sie auf ihrer nachmittäglichen Gassirunde mit Familienhund Toffee Richtung Rahmer Wald unterwegs waren. Lukas nahm Pias Hand und sah zu ihr herunter.

»Mama liegt seit einem halben Jahr im Koma und ihr sprecht kaum darüber. Wieso?«

»Weil du selber traurig bist. Nico und ich reden, wenn du schlafen gegangen bist. Wir wollen nicht, dass du weinst. Jetzt sind wir auf der anderen Straßenseite. Kann ich die Leine halten?« »Ja. Pia du weißt, was wir mit Toffee lernen. Nicht ziehen, das tut ihm weh. Du sprichst bestimmt mit ihm und dann wird es klappen. Nie ohne Grund schimpfen. Lass ihn schnüffeln.«

»Ja, weiß ich.«

»Okay. Du machst das super.«

»Papa, bist du traurig, wenn sie stirbt?«, fragte sie unvermittelt. Lukas sah besorgt zu seinem Sohn, der sich etwas weiter vorne auf einen Baumstumpf gesetzt hatte.

»Nico, komm bitte her. Es ist wichtig, dass wir darüber reden.« »Wenn Mama stirbt, ist sie dann ein Engel im Himmel?« Mitten in der Bewegung blieb Lukas stehen. Bis zum Hals spürte er sein Herz schlagen und binnen Sekundenbruchteilen blieb die Welt stehen. Auf diese Frage war er nicht vorbereitet. All die Jahre mit den Kindern hätten ihn auf dieses Gespräch nicht vorbereiten können. Religiöse Grundsatzdiskussionen waren jetzt genau so fehl am Platz, wie den Kindern die letzte Hoffnung zu nehmen. Er wollte sie auf alles vorbereitet wissen, ihnen nah sein und ihnen den Halt bieten, den sie in diesem Moment brauchten. War das der richtige Weg? Gab es hier ein Richtig oder Falsch?

Er kniete sich auf den Waldweg und zog Nico zu sich auf den Schoß. Pia kniete sich daneben und streichelte Toffee.

»Wenn Mama sterben würde, wäre ich furchtbar traurig. Sie fehlt mir genau so sehr wie euch. Mama ist im Krankenhaus und sie lebt. Die Ärzte tun alles, damit sie wieder gesund wird. Sie kämpft und sie will zu uns zurück. Sie ist eine starke Frau und wird das hoffentlich schaffen.« »Wieso hoffentlich?«

»Weil ich nicht weiß, ob sie es schafft.«

»Was, wenn nicht, Papa?«

Lukas schluckte.

»Kids, wir werden nicht aufhören, an sie zu glauben. Ihr malt weiter Bilder, ich nehme Reisedokus für sie auf und wir werden jeden Tag mit ihr sprechen. Mama spürt, dass wir da sind. Sie kämpft! Mama kommt vielleicht zu uns zurück. Vielleicht aber auch nicht. Ich will nicht, dass ihr weiter schweigt. Ich bin euer Papa und wenn euch etwas Angst macht, dann sprecht bitte mit mir darüber, okay?«

»Was passiert denn, wenn Mama stirbt? Ist sie dann im Himmel?« »Für manche Leute sind Verstorbene im Himmel. Der Gedanke daran hilft ihnen über den Verlust hinwegzukommen. Ich glaube nicht an einen Himmel für Verstorbene, aber ich glaube, dass Ihre Seelen über uns wachen. Mama wäre immer noch bei uns. Wir würden sie für immer im Herzen tragen, aber glaubt mir, die Ärzte tun alles, damit sie wieder gesund wird. Mama gibt nicht auf und wir werden das auch nicht. Jeden Abend vor dem Zubettgehen schicken wir ihr Kraft und positive Gedanken. Das wird ihr helfen und sie wird es spüren.«

»Okay Papa. Dann glaube ich jetzt auch wieder dran, dass Mama wieder aufwacht. Ich glaub auch, dass ich jetzt kapiert hab, warum du uns gestern angebrüllt hast. Wir haben zu viel gefragt, oder? Mama wird es schaffen!« »Es tut mir so leid, dass ich euch angebrüllt habe. Ich wollte das wirklich nicht. Ich bin auch traurig und das ist mir raus gerutscht. Es tut mir leid, Nico. Ehrlich. Und nein, ihr habt nicht zu viel gefragt. Ihr könnt immer alles fragen, was ihr möchtet. Ich bestehe sogar darauf. Wir müssen zusammenhalten und es ist wichtig, dass du an Mama glaubst, Nico. Wir alle. Pia, was sagst du dazu?«

Während sich die kleine Stirn seiner Tochter in viel mehr Falten legte, als das für ein Kind ihres Alters möglich sein sollte, holte sie tief Luft. Dann sah sie ihm fest in die Augen und sagte, dass auch sie die Hoffnung nicht aufgeben würde. Mit geöffneten Handflächen hob Lukas den Kids auf Augenhöhe seine Hände entgegen, woraufhin ihm beide ein Highfive gaben.

»Kommt. Ab nach Hause, bevor Jonas´ Kinderwagen oder Toffees Pfoten noch auf dem Waldweg festfrieren.«

»Können wir gleich beim Abendessen machen helfen?«, wollte Nico wissen.

»Oder Pizza bestellen und bei Kinderfilmen mit den Fellnasen auf der Couch kuscheln?«, fragte Lukas zurück.

»Jaaa!«, jubelten die Marsollek-Sprößlinge und weckten damit ihren kleinen Bruder auf. Mit großen Augen sah Jonas in die Gesichter seiner Geschwister und grinste.

2

Montag, 06.01.2025

Nachdem auch ihr jüngster Sohn Milan das Haus verlassen hatte, nestelte Aki auffällig lange an der Kaffeemaschine herum. Zumindest für seine Frau war das sehr deutlich. Mit einer Mischung aus Besorgnis und Amüsement beobachtete ihn Vesna.

Während seines Klinikaufenthaltes im letzten Jahr hatten ihn all seine Kollegen immer wieder besucht und keiner von ihnen war nur aus Höflichkeit gekommen. Sie kannte solche Pflichtbesuche, schließlich arbeitete sie selbst in der Pflege, wenn auch in einem anderen Bereich. Immer, wenn jemand aus dem Dezernat bei ihm war, gab es kein peinliches Schweigen oder gar falsche Zurückhaltung. Nur ein Mensch hatte ihm Wochen lang gefehlt: Sein bester Freund. Aki hatte Zeit gebraucht, um alles zu verarbeiten, was geschehen war, aber auch Zeit für sich selbst. Mittlerweile hatte er sich endlich mit Lukas ausgesprochen. Vesna spürte, dass sie nun den Mann wieder hatte, den sie einst kennen und lieben gelernt hatte.

»Macht es dir Spaß? Das brauch ich jetzt echt nicht.« Kopfschüttelnd stand sie auf und legte ihre Arme von hinten um seinen Körper.

»Ja, es macht mir Spaß, aber nicht, weil ich mich über dich lustig machen möchte, sondern weil ich dich liebe, Aki.«

Er drehte sich zu ihr um und nahm sie in die Arme. Nach so vielen Jahren Beziehung, hatten sie sich in allen erdenklichen Situationen erlebt. In den letzten Monaten hatte seine Frau unendlich viel auf sich geladen, um für ihn und die Familie zu funktionieren. Trotzdem brachte sie es in diesem Moment fertig, ihm einen der schönsten Blicke zu schenken, den er jemals gesehen hatte.

»An unserem ersten Abend habe ich dir schon gesagt, dass du dich nicht in mich verlieben sollst. Hättest du lieber mal auf mich gehört.« »Da ich selten auf das höre, was mir geraten wird, habe ich dich jetzt eben an der Backe. Und du mich!«, lachte Vesna. »Ich sehe genau, dass du gerührt bist. Nur, um das nicht zugeben zu müssen, drückst du mir jetzt so einen Spruch? Dein Ernst? Geh arbeiten!«

In gediegener Lautstärke ließ er amerikanische Hip-Hop-Klassiker aus den 90er Jahren laufen. Er ärgerte sich weder über Staus noch über die kaputte Sitzheizung in seinem altehrwürdigen BMW-Cabrio. Das würde ein verdammt guter Tag werden.

Kurz nachdem er in der Tiefgarage geparkt hatte, schaute er wie jeden Morgen noch einmal auf sein privates Handy, bevor er es lautlos stellte. Lukas hatte ihm eine Nachricht geschickt:

»Viel Spaß im PrÖsidium, Brudi. Niemand auf der ganzen Welt wird heute einen besseren Montag haben, als du! Grüß alle.« Dankbar für die richtigen Worte seiner Frau und seines besten Freundes betrat Aki das Dezernat. Natürlich spürte er die Blicke der Kollegen und bemerkte ihre Zurückhaltung. Er machte niemandem Vorwürfe, vermittelte aber sofort, mit was für einer bombastischen Stimmung er zurückkehrte. Bester Laune schmetterte er sofort jeden mitleidigen Kommentar ab. Benni, Deniz und Sascha sprangen ihm im Eingangsbereich quasi ins Gesicht. Der Ein-Meter-neunzig-Mann hatte Mühe, nicht mit den dreien auf dem Boden der Tatsachen zu landen.

So musste das aussehen! Geil!

Nachdem auch Dietmar ihn grinsend umarmt hatte, rief dieser seine Bande zur Ordnung. Benni und er hatten Aki in einen neuen Fall einzuarbeiten, wobei die beiden anderen Kollegen ihren aktuellen verfolgten. Im Büro des Dezernatsleiters wälzten sich die Ermittler durch die Aktenberge. Als sie sich gerade dem Bericht des Rechtsmediziners widmeten, klingelte Dietmars Handy. Er sagte nicht viel, nickte jedoch ab und zu. Er würde jemanden schicken.

»Männer, ihr könnt direkt raus. Der KDD hat einen neuen Tatort, der unserem letzten ähnelt. Ich bleibe im Dezernat und hätte gerne zeitnah euren Bericht.«

Dietmar reichte Aki den Zettel mit der Adresse. Er nickte Benni zu und fragte ob sie mit seinem Wagen fahren konnten. »Klar, wieso? Sonst fahren wir immer mit deinem.« »Sitzheizung kaputt und arschkalt.«

Als sie den Tatort im Ortsteil Körne erreichten, grüßten sie die Streifenkollegen freundlich, welche die offene Tür absicherten. Durch lautes Klopfen machten sie sich für die Spurensicherung bemerkbar.

»Komme gleich«, rief der Kollege von innen.

Kurze Zeit später erschien Enno mit blutverschmierten Einmalhandschuhen und gab ihnen den Ellenbogen zur Begrüßung. »Hey ihr beiden. Schön, dass du wieder da bist, Aki. Wir haben gleich den nächsten Einsatz, deswegen direkt Fakten. Benni, wie bei eurem letzten Tatort. Ein Toter mit abgebundenen Genitalien in seiner Badewanne, welche dieses Mal allerdings voller Blut ist. Ein nicht unerheblicher Teil floss ab. Ausscheidungen des Opfers vorhanden, eine tiefe Stichwunde in der Brust und er hat … Es befindet sich eine Art Öffnung in seinem Torso.« »Öffnung?«, hakte Aki nach.

»Sieh es dir an. Erklären kann ich das nicht. Für mich sieht es wie eine Verätzung aus. Wir haben den Leichnam nicht bewegt, da wir auf euch warten wollten. Außerdem war ja noch nicht klar, ob ihr die KTU-Kollegen dazu beordert. Braucht ihr uns noch?«

»Enno, wie dringend kann euer nächster Einsatz im Vergleich hierzu sein? Benni, kommst du bitte dazu?«

Als sein jüngerer Kollege das Badezimmer betrat, richtete sich sein Blick automatisch auf den in der Wanne liegenden Toten. »Was soll ich dir sagen, Aki? Ich habe auch noch keine Ahnung, was hier passiert ist. Vor ein paar Tagen hatten wir einen fast identischen Tatort. Dietmar und Benni waren dabei.«

»Okay, danke Enno. Wohnung komplett?«

»Spuren und Asservate gesichert. Ihr könnt überall rein.« Die Kollegen des Kriminaldauerdienstes, intern KDD genannt, verabschiedeten sich. Aki hörte, wie jemand vor der Badezimmertür mit Atemübungen beschäftigt war. Da die Streifenkollegen draußen standen und der Rechtsmediziner noch nicht anwesend war, konnte es nur Benni sein. Aki fasste trotz Einmalhandschuhen weiterhin nichts an und sah um die Ecke. Mehrfach schluckte Benni, atmete tief durch die Nase ein und den Mund wieder aus. Als er bemerkte, dass er von seinem Partner beobachtet wurde, versicherte er ihm, dass er gleich soweit wäre. »Alles gut. Mach langsam. Falls es dich irgendwie beruhigt, einen solchen Tatort habe ich auch noch nicht gesehen.«

Benni nickte, sagte nichts und atmete ein letztes Mal, bevor er den kleinen Raum wieder betrat.

Während Aki damit begonnen hatte, alles mit seinem Diensthandy für ihr Dezernat zu dokumentieren, fragte er seinen Kollegen über die Details des letzten Tatortes aus. Kriminaloberkommissar Benedikt Roggenkamp, von allen Benni genannt, erzählte chronologisch.

In der ersten Kalenderwoche des neuen Jahres waren sie zu einem Tatort im Dortmunder Hafenviertel gerufen worden. Dort fanden sie, genau wie hier, einen jungen Mann leblos und entkleidet in der Badewanne seiner eigenen Wohnung vor. Die Genitalien des Toten waren mit Klebeband zwischen Damm und After des Opfers fixiert worden. Die Szenerie mutete skurril an. Das Opfer war Mitte zwanzig, in keiner festen Beziehung, mutmaßlich heterosexuell und galt bei Familie, Freunden und im Arbeitsumfeld als zuverlässig. Nahezu gleichzeitig hatten seine Familie und sein Arbeitgeber eine Vermisstenanzeige erstattet. Im Gegensatz zu hier, gab es bei dem anderen Opfer keine offensichtlichen Verletzungen, oder Spuren von Gewalt. Benni schloss seinen Bericht damit, dass der Tatort der vergangenen Woche diesem sehr ähnlich war, allerdings ohne Blut und ein Loch im Torso des Toten.

»Was ist mit sexuellen Vorlieben? Habt ihr schon in diese Richtung ermittelt? Vielleicht war es ein autoerotischer Unfall.« »Das haben wir natürlich nicht ausgeschlossen, aber Stand heute würde ich das. Ich meine, zwei so ähnliche Fälle so kurz hintereinander in derselben Stadt, das ist schon unwahrscheinlich, oder?«

»Was ist mit Bondage?«

»Habe ich gecheckt und mich auch mit dem Rechtsmediziner kurzgeschlossen, der die Leichenschau beim ersten Opfer vorgenommen hat. Er sagte, dass dies andere Spuren hinterlassen hätte. Sowohl im Falle eines gewaltsamen Todes, als auch bei einem Unfall.« Aki blickte erneut sehr genau auf den Toten und machte keinerlei Anstalten, die anderen Räume durchsuchen zu wollen.

»Okay, nochmal. Ihr habt mich auf den neuesten Stand gebracht, ich weiß. Travestie- und Dragszene schließt ihr warum genau aus? So weit ich weiß, ist es für viele Drag-Künstler Usus, sich für Shows die Genitalien abzubinden.«

»Richtig, Tucking ist in dieser Szene üblich, aber wir haben weder Show-Outfits, noch Perücken oder Makeup in seiner Wohnung gefunden. Außerdem war er laut Aussagen aller vernommenen Angehörigen hetero. Gut, das alleine würde nichts aussagen, aber meistens sind Drag-Künstler halt schwul und das sage ich dir als dein queerer Kollege des Vertrauens.« »Was ist, wenn er es verheimlichen wollte?«

»Theoretisch möglich, aber ich halte das für unwahrscheinlich.« »Aus welchem Grund? Vielleicht hatte er alles, was er für seine Verwandlung brauchte, wo anders gelagert.«

»Nee. Der erste Tote, Sven Friebe übrigens, hatte bis vor wenigen Monaten noch eine Freundin und datete seit einigen Wochen wieder. Frauen. Für nicht geoutete schwule Männer wäre es üblicher, die beste Freundin als Alibi vorzuschieben und trotzdem inoffiziell Männer zu daten. Aufgrund seines Verhaltens im Netz, in all seinen Chats und den Aussagen seiner Angehörigen, fällt das flach. Er war 'ne Hete. Fakt. Außerdem sind Drag-Künstler Showmenschen durch und durch und lassen sich dafür auch gerne feiern. Wenn er eine Dragqueen gewesen wäre, hätten wir etwas dazu gefunden, glaub mir. Können wir uns jetzt mal langsam an die anderen Räume machen? Ich will nicht hier stehenbleiben, bis der Rechtsmediziner da ist.«

Aki nickte nachdenklich, sah noch einmal auf den Leichnam und trat in den Flur hinaus, der in die weiteren Räume führte. »Ich sehe mich im Wohnzimmer um. Du nimmst dir bitte sein Schlafzimmer vor.«

»Alles klar.«

Sorgfältig beäugte Aki jede Ecke des Raumes. Dabei achtete er nicht nur auf Besonderheiten, die eventuell etwas mit dem Tatabend zu tun gehabt hatten. Oft waren es Kleinigkeiten, welche Puzzlestücke zur Entschlüsselung eines Deliktes ergaben. Aufschluss über die Leben verstorbener Person zu bekommen, war das kleine Einmaleins ihres Berufs. Aki dachte an seinen besten Freund, der mittlerweile Fallanalytiker beim LKA war, und fragte sich, ob Lukas nun anders an Tatorte heranging als früher. Mit Sicherheit. Er hätte ihn jetzt gerne an seiner Seite. Nicht nur, weil er sich weitergebildet hatte, sondern weil sie sich schon fast ihr ganzes Leben lang kannten.

Nichts konnte ihre Vertrautheit und Routine ersetzen – auch Benni nicht, obwohl er mittlerweile wirklich im Dezernat angekommen und ein wichtiger Teil des KK 11 geworden war.

Wahrscheinlich sah es in seiner Junggesellenbude damals nicht so viel anders aus als hier, grübelte Aki, als er sich die unpersönliche, dafür aber schicke Einrichtung des Opfers ansah. Aki stand in der Mitte des Wohnzimmers und blickte in alle Richtungen.

Das Imitat eines Designerteppichs lag unter dem stylischen, mit LED-Lichtern bestückten Wohnzimmertisch. Auf diesem befand sich fast nichts. Ein Notizblock, ein Kugelschreiber und ein großes, rechteckiges Tablett aus schwarzem Metall. Darauf lagen mehrere kleine Fernbedienungen in einer Reihe. Seine Neugier war geweckt. Aki hatte die Handschuhe noch an und griff nach der ersten. Von links nach rechts probierte er sich durch das Sortiment. Die erste erhellte die Zwischenebene des weißen Hochglanz-Tischs. Er konnte zwischen mehreren Farben wählen und das Licht dimmen. Die zweite beleuchtete eine Schrankwand, in deren Mitte ein großer Fernseher stand. Auch hier konnte er verschiedene Farben einstellen. Die dritte war für die Deckenleuchte. Als er die vierte und letzte prüfte, tat sich nichts. Aki hielt sie in alle Richtungen des Raums, jedoch ohne Ergebnis. Er legte sie an ihren Platz zurück.

Ein Poster eines ihm unbekannten Menschen prangte ihm von der gegenüberliegenden Seite der Fensterfront entgegen. Noch während Aki sich fragte, wer dieser wohl war, betrat Benni das Wohnzimmer. »Kennst du den Dude auf dem Bild?«

»Johnny Cash. Ich hab übrigens rein gar nichts Privates bisher. Hab auch die üblichen Verstecke abgesucht. Keine Pornos, Sextoys, nicht mal Schmuddelheftchen. Hier sieht es aus, wie in einem Einrichtungs-Katalog.« »Ja, ist mir auch schon aufgefallen. Wer lebt so?« »Ich«, grinste Benni. »Auch wenn ich dieses Jahr zweiunddreißig werde, will ich es nicht gemütlich. Ich will kein Nest. Noch nicht.« »Ja, aber hier ist nichts Persönliches. Haargel, Rasierschaum, okay. Was soll der Scheiß? Sogar ich hatte damals wenigstens ein Foto meiner Familie oder ein kleines Schnickschnack-Teil, das für mich etwas bedeutet hat. Das hier kannst du sofort als Monteurswohnung oder AirBnB vermieten. Sag mir nicht, dass es bei dir nichts Persönliches gibt, Benni?« »Doch schon. Ich habe eine Fotowand.«

»Na immerhin.«

»Was? Denk doch mal zwanzig Jahre zurück. Wir waren übrigens noch nicht in der Küche.«

»Stimmt schon. Dann lass uns da mal rein, aber auch die wird der Wohnung wahrscheinlich keine persönliche Note verleihen.« »Die Oberschränke sind vom Inhalt her klar unterteilt. Tassen und Gläser hatte er nicht viele, aber seine Pülverchen und Supplements nahmen jede Menge Platz ein«, referierte Benni.

»Hm? Was?«

»Im kleineren der beiden Hängeschränke hatte er Gläser verstaut, aber die anderen sind mit Nahrungsergänzungsmitteln geradezu vollgestopft. Aminosäuren, Pülverchen für dies und das, Proteine ohne Ende, Mineralien, Vitamine … Ich meine, schau dir das doch mal an.« »Passt zu dem ganzen Kram, den ich neben sämtlicher LED-Deko in seinem Wohnzimmer vorgefunden habe. Auf einem Sideboard gibt es außerdem eine kleine Box, in welcher er Fitnesstracker, Uhren und Kopfhörer gelagert hat. Die wenigen Bücher und Bilder sprechen ebenfalls ihre eigene Sprache. Portraits von Bodybuildern und Rappern und an der Wand und Selbstoptimierungsbücher im Regal. Hier und da Machiavelli-Sprüche zur Selbstmotivation. In einer Sitzbank, in der meine Frau unsere Kuscheldecken lagern würde, befinden sich hier Hanteln und andere Fitnesstools. Um das schicke Ambiente der Wohnung nicht zu zerstören, lagerte diese wohl darin. Aber andere ließ er offensichtlich in der Wohnung herumliegen.«

»Woher willst du das wissen?«, hakte Benni nach. »Ich war doch nicht anders damals«, sagte Aki und fuhr fort. »Schicki alles schwarz-weiß, glänzende Oberflächen und jede Menge Flex-Kram. Die Frauen, die man am Wochenende abgeschleppt hat, sollten ja beeindruckt sein, damit es eine erfolgreiche Nacht wurde. Oh, was für ein Zufall, dass meine 50-Kilo-Hanteln jetzt gerade hier neben dem Bett liegen. Natürlich mache ich jeden Morgen erst mal ein paar Lifts, noch bevor ich pissen gehe.«

»Sag ich doch, der ist so Hete, wie es nur geht.« Unzufrieden nickte Aki und wollte das Bad erneut unter die Lupe nehmen. »Wir gehen da jetzt noch mal frisch rein. Schauen wir zunächst nicht zum Toten. Betrachten wir die gesamte Situation und versuchen, die letzten Momente in seinem Leben nachzuvollziehen, okay?«

»Ja. Ich checke aber auch nochmal den Inhalt seines Spiegelschranks und alles, was sich darunter auf der Ablage befindet.« »Gut.«

Mit einem Mal schärften sich seine Sinne, als hätte jemand an einem unsichtbaren Regler gedreht. Aki driftete ab. Etwas derartiges hatte er so noch nie erlebt. Seit über zwanzig Jahren war er Bulle und seit knapp zehn Jahren im K 11. Er wusste genau, wie alles vonstatten ging. Jeder noch so kleine Ablauf der Tatortarbeit war ihm bewusst. Heute fühlte es sich an, als würde er sich selbst von außen beobachten.

Ein rechteckiges, vertikal ausgerichtetes Fenster mit Riffelglas unter dem sich lediglich eine kleine Ablagefläche für Duschgel befand. Aufgrund des Riffelglases war ein Rollo nicht nötig und ein junger Mann hätte so etwas nur zu Dekozwecken niemals installiert.

Auf der Ablagefläche am Kopfteil der Badewanne, waren die abgebrannten Teelichte zu sehen, die Enno erwähnt hatte und als Spur in den Bericht des KDD mit aufgenommen hatte. Am anderen, dem Waschbecken zugeneigten Teil der Badewanne, befanden sich weitere. Ebenso in der Seifenhalterung, die linksseitig in den Fliesenspiegel integriert war, sah er eines, welches aber nur zur Hälfte heruntergebrannt war. Wahrscheinlich der Schräglage des Aluminiumbehälters geschuldet. Auch zu beiden Seiten des Wasserhahns am Waschbecken befanden sich welche. Auf dem restlichen Wachs und in den kleinen Behältern befand sich kein Staub, was bedeutete, dass sie dort frisch platziert worden waren. Auf der linken Seite daneben ein Seifenspender einer Hausmarke eines Discounters und ein Zahnputzbecher. »Benni, kannst du Beutel aus dem Wagen holen? Wir nehmen auch diese Teelichte als Asservate für die KTU mit.«

»Jo.«

Das Diensthandy riss Aki kurz darauf aus seinen Gedanken. In der Annahme, dass es jemand aus dem Präsidium war, meldete er sich, ohne vorher auf das Display gesehen zu haben. »Andrajasevic?«

»Aki?«

»Jap. Was geht ab, Brudi?«

Am anderen Ende der Leitung hörte er seinen besten Freund schwer atmen. »Lukas? Alles okay?«

»Nein«, presste sein bester Freund hervor.

3

Montag, 06.01.2025

Nach fast zwei Monaten kehrte Lukas endlich wieder in den Dienst zurück. Der Arbeit so lange fernzubleiben war nicht seine Idee gewesen, doch er verstand die Beweggründe seiner Vorgesetzten. Bis auf die Sache mit den Hausdurchsuchungen im letzten Jahr. Mit Raphael, dem LKA-Leiter, würde er in diesem Leben wohl nicht mehr grün werden. In der OFA-Abteilung des LKA wurde er von den Kollegen mit Samthandschuhen begrüßt. Die Wiederkehr schloss nahtlos an seinen unfreiwilligen Abgang an. Super. Nicht.

Kurz vor elf klopfte Matze an sein Büro.

»Schön, dass du wieder da bist. Hast du Zeit? Susanne will mit uns sprechen.«

»Da ich hier nur Larifari-E-Mails habe, ja. Ihr lasst mich ja nicht mal an die Nachbereitung der EG Nachtigall.«

Lukas fand es amüsant, dass sein zwei Meter großer und quasi ebenso breiter Kollege daraufhin nur ganz verlegen mit den Schultern zuckte und nichts sagte.

Freudestrahlend stand Susanne auf, nachdem sie ihr Büro betreten hatten. Die OFA-Leiterin umarmte beide, wünschte persönlich noch einmal ein frohes neues Jahr und setzte sich wieder. Die Männer taten es ihr gleich und sie grinste.

»So, ihr beiden, dann wollen wir mal. Lukas, ein kurzes Update: Matze ist noch in der Nachbereitung der EG Nachtigall. Dietmar und Raphael sind nur noch zu den Abschlussmeetings an den Freitagen anwesend. Es gab weitere Festnahmen, neue Zeugen haben sich gemeldet, acht Männer sind in U-Haft, vier weitere werden noch gesucht. Das zweite OFA-Team hat weiter am M.A.D.I.L.-Fall gearbeitet, aber wird entbunden, da sie nicht weiterkommen. Noch sind die Verbrechen, die eurem Familien- und Freundeskreis angetan wurden, keine Cold-Cases. Wir bleiben dran!« Sie konnte Lukas´ Gesichtsausdruck nicht deuten. Vor zehn Jahren hatte sie ihn im K 11 kennengelernt und mochte ihn sofort. Einer der besten Ermittler, der ihr je begegnet war, saß heute wie ein getretener Hund vor ihr. Als er sich dann 2022 für die Ausbildung in ihrer Abteilung bewarb, hätte sie sich keinen besseren Kandidaten wünschen können. Er bestand die Prüfungen mit Bravour und die ersten Zusammenarbeiten waren mehr als perfekt. Er hatte eine große Zukunft vor sich. Der Mensch, dem sie jetzt in die Augen sah, war jedoch ein anderer geworden. Sie hatte Angst um ihn. Nicht nur als Vorgesetzte, sondern auch als Freundin. »Mit deinem Dienstantritt, kann ich dir deine Waffen wieder aushändigen. Willkommen zurück.«

»Das war der offizielle Teil. Was willst du mir wirklich mitteilen, Susanne?«

»Wie hast du mal zu mir gesagt? Dein Röntgenblick nervt. Kann ich genau so zurückgeben. Du hast recht, das war der offizielle Teil. Serdal und die Personenschützer für Aki und Speedy hatten Freitag ihre letzten Einsätze.« »Ja, die Mittel, ich weiß. Kannst du bitte zum Punkt kommen?« »Ich kann dich nicht an neue Fälle lassen. Du erscheinst mir noch zu labil, wenn ich ehrlich bin. Versteh' mich nicht falsch. Jeder wäre das an deiner Stelle. Das habe ich so entschieden, nicht Raphael.« »Warum bin ich dann überhaupt hier?«

»Direkt, wie immer. Wir wollen nicht, dass du ins Krankengeld rutschst. Wir erleichtern dir den Wiedereinstieg. Ihr werdet Bewerber für die neue Dortmunder OFA-Abteilung prüfen. Zwei Stellen, zwölf Bewerber, davon drei alte Hasen, die Raphaels Sache sind. Du entwirfst den Einstellungstest und wir entscheiden gemeinsam über den neuen Bewerber.« »Was ist mit Nicky?«

»Wieso Nicky?«

»Sie ist qualifiziert.«

»Du willst freiwillig mit Nicole arbeiten? Hab ich was verpasst?«, fragte seine Chefin entgeistert.

»Ich hab mich irgendwie an sie gewöhnt«, grinste Lukas. »Sie ist doch schon Teil unseres Teams, auch ein alter Hase und hat ohnehin einen Versetzungsantrag gestellt.«

»Das glaub' ich jetzt nicht«, lachte Susanne. »Ihr Antrag ist durch und sie geht nach Münster. Sie liebt es jetzt schon und ich sehe keine Chance, ihr das auszureden.«

Matze warf ein, dass sie dort ganz unvorbelastet ihrer sadistischen Neigung nachgehen konnte, was das Mobbing neuer Mitarbeiter anging. Lachend rief Susanne die Kollegen zur Ordnung.

»An deiner Stelle hätte ich es nicht anders gemacht und freue mich auf den Aufbau des Dortmunder Teams. Dass ich meine Waffen wieder im Haus habe, gibt mir beinahe ein besseres Gefühl. Ich hasse es, das zu sagen, aber es ist so. Ich bin mit Allem einverstanden. Ab wann geht es offiziell los und wann ziehen wir nach Dortmund? Ist da schon alles vorbereitet? Und vor allem: Was mache ich dann bis nächsten Monat hier? Eierschaukeln und aus dem Fenster glotzen?«

»Dein ungebrochener Enthusiasmus in allen Ehren, aber du weißt deine Grenzen selbst einzuschätzen. Bis du wieder voll da sein kannst, brauchst du einfach noch. Sollten wir uns diesen Monat über die Bewerber einig werden, zieht ihr zum ersten Februar ins Dortmunder Präsidium. Wir haben dafür gesorgt, dass eure Büros direkt beim K 11 sind. Da wissen schon alle Bescheid und freuen sich. Kein Eierschaukeln, da du ja die Einstellungstests entwirfst.«

»Hm«, machte er belustigt. »Respekt. Gut durchdacht.« »Nicht nur für dich. Ich möchte das ja zukünftig auf alle bundesweiten Bewerberrunden anwenden. Das sollte für die nächsten Jahre der neue Standard werden, bis neue Methoden hinzukommen. Das ist purer Eigennutz.«

»Wieso ich? Wieso nicht Nicky oder Matze?«

»Ihr kenne dich seit zehn Jahren, die anderen beiden seit beinahe zwanzig. Ich vertraue euch zu hundert Prozent und kann mir keine besseren Teamplayer vorstellen, aber Nicky ist zu soziopathisch und würde somit, anders als ihr beiden, nie in einer Führungsposition funktionieren. Sie weiß, dass ich so denke und ist fein damit. Damit ist sie auch nicht dazu qualifiziert, einen solchen Test zu entwerfen.« »Was ist mit Matze?«

»Das interessiert mich auch«, sagte Matze amüsiert. »Matze, du weißt, dass ich dich total mag, weil man dich einfach mögen muss. Es geht gar nicht anders und genau das ist das Problem. Du bist viel zu nett, um einen Test mit ein paar kleinen Kniffen oder Fallen zu entwickeln. Seit jeher warst du der Papa-Bär für alle Neulinge. Selbst wenn dich jemand genervt hat, hast du eine Engelsgeduld aufgebracht. Ich bewundere das, aber in dem Fall ist das kontraproduktiv.«

»Ja, das hast du dir wirklich gut ausgedacht, Susanne! Mich, also den gutmütigen Papa-Bär, setzt du erst dann ein, wenn Frischfleisch da ist, wogegen du unsere Psycho-Nicky nicht an dieses heranlässt. Lukas ist beschäftigt und damit aus Raphaels Schusslinie. Auch von mir Respekt.« Sich ertappt fühlend grinste sie ihre Kollegen breit an. »Also eine AB-Maßnahme?«, grinste nun auch Lukas. »Auch. Um dich in meine Abteilung zu bekommen, habe ich lange gekämpft, aber du bist derzeit noch zu sehr neben der Spur, sodass ich dich an keinen Fall lassen kann. Das wäre jeder an deiner Stelle und das tut mir verdammt leid. Weißt du noch? Deine X-Analyse? Die nutzen wir mittlerweile deutschlandweit! Ich bin mir sicher, dass es mit der Bewerberrunden-Sache nicht anders sein wird. Ist ja finanziell auch nicht zu deinem Schaden. AB-Maßnahme für dich – Vorteil für uns alle.« Der finanzielle Aspekt war ihm wirklich scheißegal. Was Lukas wollte, war arbeiten. Richtig, vernünftig, an einem Fall. Allerdings wusste er selbst, dass er noch nicht wieder so weit war. Jeder hier wusste das. Dennoch fand er die neue Aufgabe spannend, auch wenn ihm bewusst war, dass seine Chefin damit einen Nerv bei ihm treffen und sein Ego pushen wollte. Es hatte funktioniert. Sein Ehrgeiz war geweckt.

»Lukas?«

»Ich mache es. Was anderes bleibt mir eh nicht, oder?« »Nein«, lächelte seine Chefin. »So Männer, ich will euch nicht rausschmeißen, aber der Bigboss hat gerufen. Für die Mittagspause bin ich an Raphael gefesselt. Die Bewerbungsunterlagen sind ab jetzt für euch freigegeben. Wir sehen uns morgen.«

Die beiden verließen das Büro ihrer Chefin und machten sich auf den Weg in ihre gewählte Mittagslokalität.

*

Lukas´ Handy zeigte 13:37 an, als er das Display entsperrte und den Anruf einer Dortmunder Vorwahl mit einem knappen Hallo beantwortete. Nachdem er seinem Gegenüber kurz zugehört hatte, folgte ein ebenso knappes Ja und Matze sah dabei zu, wie seinem Kollegen jegliche Farbe aus dem Gesicht wich. Lukas hatte Angst.

»Herr Marsollek, Ihre Frau hat heute Morgen in Folge ihrer letzten OP eine Sepsis erlitten. Sie bekommt Medikamente dagegen und wird parallel dazu dialysiert, aber wir wissen nicht, ob sie die nächsten vierundzwanzig Stunden überleben wird. Ich kann das leider nicht beschönigen. Bitte kommen Sie in die Klinik, wenn Sie bei ihr sein möchten.« »Stirbt sie?«

Matze legte zwei Geldscheine auf den Tisch und forderte seinen Kollegen zum Aufstehen auf, der noch immer auf sein Handy starrte. »Komm, wir holen deine Sachen und fahren los!« Nachdem sie ihn auf den Rücksitz von Susannes Dienstwagen verfrachtet hatten, setzte sie sich neben ihn, Nicole fuhr und Matze brachte in der Zwischenzeit Lukas´ Wagen zu ihm nach Hause. »Nicole, mach Licht und Sirene an.«

Lukas realisierte, was passiert war, und funktionierte nur noch. Zitternd betätigte er eine Kurzwahltaste auf seinem Handy. »Aki?«

»Jap. Was geht ab, Brudi?«

»Ich …«

»Lukas, alles okay?«

»Nein.«

»Was? Was ist los?«

»Kannst du die Kids abholen? Sie sind bei Papa. Melissa hatte eine Sepsis und überlebt das vielleicht nicht.«

»Wir sind gleich da. Ich bin sofort da, okay?!« Nachdem Lukas seine und Melissas Eltern sowie Speedy kontaktiert hatte, um sie ins Krankenhaus zu bitten, klingelte sein Handy wieder und seine Tochter war dran. Schluchzend fragte Pia, was sie sagen konnten. Wie sollte man sich denn von seiner Mama verabschieden? Susanne merkte, wie Lukas krampfhaft versuchte die Fassung zu wahren. »Pia, wir sind gleich da. Wir beeilen uns.«

»Papa, ich hab Angst. Nico auch. Was sollen wir sagen?« Während er aus dem Fenster sah, lag sein Ellenbogen auf der Fensterbank des Dienstwagens und seine linke Hand samt Handy wanderte immer weiter in sein Gesicht. Viel zu fest presste er es an die Stirn und hielt den Mund dabei ganz nah ans Mikrofon, ohne das er sprach. Lautlos, aber in Sturzbächen liefen Tränen über seine Wangen. In seinem mittlerweile sehr ungepflegten Bart endete vorerst ihr Weg.

»Ihr sagt ihr, dass ihr sie liebt. Ihr könnt ihr sagen, dass ihr nicht wollt, dass sie stirbt, dass ihr Angst habt und, dass ihr nicht ohne eure Mama sein wollt. Erzählt ihr auch schöne Dinge. Nico soll berichten, dass die Zwergen-Mannschaft in der Juniorenliga super ist. Pia, sag ihr, dass du total Spaß am Gitarrenunterricht hast und …«

»Ja?«

»Erzählt ihr von den Tricks, die ihr Toffee und Mikesch beigebracht habt und sagt ihr, was ihr sagen möchtet. Es gibt nichts, was ihr falsch machen könnt. Wir sind gleich da.«

Aki hatte mit ihnen am Parkhaus gewartet. Das Weinen der Kinder ging langsam in ängstliche Stille über. Genau, wie es für Pia und Nico außerhalb ihrer Vorstellungskraft lag, dass Melissa heute sterben könnte, so auch für Lukas. Es war zu früh.

Bevor sie das Zimmer betraten, sah Lukas seinem besten Freund hilfesuchend in die Augen. Aki verstand ohne Worte. Er nahm die Zwerge an die Hand, damit Lukas zunächst allein hineingehen konnte. Noch als die schwere Tür dabei war ins Schloss zu fallen, sah er, wie Melissas Mutter aufstand und Lukas in die Arme nahm. Nach einigen Minuten traten ihre Eltern auf den Flur und sprachen mit Aki. Sie hatten gebetet, mit ihrer Tochter gesprochen und alles gesagt, was es in einem solchen Moment zu sagen gab. Sie dankten den Freunden der Familie, küssten ihre Enkel und machten sich auf den Heimweg.