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An einem ungewöhnlich kalten Dezemberabend wird Jon Friedland, ein amerikanischer Journalist, in der pakistanischen Millionenstadt Karachi entführt. Die Kidnapper planen, an Heiligabend ein Internetvideo seiner Hinrichtung ins Netz zu stellen. Die Entführung kommt zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt, läuft doch die pakistanische Regierung Gefahr, sich vor ihren amerikanischen Verbündeten zu blamieren. Die Uhr tickt. Gelingt es den Geheimdiensten und der Polizei, Friedland noch lebend zu finden? Die Geschichte führt uns in die Straßen von Karachi – in die viel zu reale Welt der Jihadis, der korrputen Polizei und der blutrünstigen politischen Schergen. Alles geschieht in einer Stadt, in der nichts ist wie es scheint.
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Seitenzahl: 546
Veröffentlichungsjahr: 2016
Der amerikanische Journalist Jon Friedland wird in der pakistanischen Millionenstadt Karachi entführt. An Heiligabend soll ein Video seiner Hinrichtung im Netz zu sehen sein. Die Uhr tickt und die pakistanische Regierung läuft Gefahr, sich vor ihren amerikanischen Verbündeten zu blamieren. Gelingt es Geheimdiensten und Polizei, Friedland zu finden?
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Omar Shahid Hamid (*1977) arbeitete bei der Sindh Police in Karachi, Pakistan, als Hauptkommissar. Als er auf die Todesliste der Taliban gesetzt wurde, beendete er seine Polizeiarbeit. 2013 verfasste er The Prisoner, inspiriert von der Entführung eines Wall Street Journal-Reporters.
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Omar Shahid Hamid
Der Gefangene
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Rebecca Hirsch
E-Book-Ausgabe
Draupadi @ Unionsverlag
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Dieses E-Book des Draupadi-Verlags erscheint in Zusammenarbeit mit dem Unionsverlag.
Die englische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel The Prisoner im Verlag Pan Macmillan, London.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amtes unterstützt durch litprom – Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V.
Originaltitel: The Prisoner
© by Omar Shahid Hamid, 2013
© by Draupadi Verlag, Heidelberg 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Reinhard Sick und Sven Schrape
ISBN 978-3-293-30952-4
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Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
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Inhaltsverzeichnis
DER GEFANGENE
1 — Tag 1, 21. Dezember, 6.58 Uhr2 — Tag 1, gegen 8.00 Uhr3 — Mai 19964 — August 19985 — Tag 1, 11.26 Uhr6 — Tag 1, 13.12 Uhr7 — Dezember 19988 — Oktober 19999 — Tag 1, 16.01 Uhr10 — Tag 2, 22. Dezember, 7.02 Uhr11 — Tag 2, 22. Dezember, 7.22 Uhr12 — Oktober 200113 — 1. November 200114 — Tag 2, 12.34 Uhr15 — Tag 2, 23.41 Uhr16 — Tag 3, 23. Dezember, 12.00 Uhr17 — 5. November 200118 — 5. November 200119 — Tag 3, 23. Dezember, 22.00 Uhr20 — Tag 4, 24. Dezember, 4.00 Uhr21 — Tag 4, 24. Dezember, 7.00 UhrEpilog — 14. Januar, 10.30 UhrNachwortMehr über dieses Buch
Über Omar Shahid Hamid
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Tag 1, 21. Dezember, 6.58 Uhr
Vor dem Haupttor des Zentralgefängnisses von Karachi
Eine kühle Brise wehte über den Vorplatz des Gefängnisses und ließ die alleinstehende Gestalt frösteln. Die sanften Strahlen der winterlichen Morgensonne brachen durch den Frühnebel. Das Wetter war verhältnismäßig kalt für Karachi, obwohl es unmöglich kälter sein konnte als ein besonders frischer Novembertag in London oder New York. Das Klima in der Stadt war so mild, dass die Bewohner von Karachi es nur gerade mal an ungefähr 15 Tagen im Jahr für nötig befanden, ihre Pullover und Schals aus dem Schrank zu holen. Aber in diesem Jahr war es anders. Eine Kältewelle hatte die Stadt erwischt und dauerte nun schon den größten Teil des Monats an. Die Temperaturen waren die kältesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.
Der Mann am Tor hustete und stampfte mit den Füßen. Als lebenslanger Einwohner der Stadt war er völlig unvorbereitet auf den plötzlichen Wintereinbruch. Er war groß gewachsen, und seine muskulösen Beine wirkten wie die eines Sportlers. Er trug eine khakigraue Polizeiuniform mit der Dienstmarke der Elite-Polizeigruppe auf seiner rechten Brust – Beleg dafür, dass er einmal Mitglied einer Kommando-Einheit der Polizei gewesen war. Sein wachsender Körperumfang und die Art, wie der Dienstgürtel unterhalb seiner Wampe feststeckte, unterstrichen hingegen, dass seine sportlichen Tage nunmehr einer fernen Vergangenheit angehörten. Direkt unter der Dienstmarke befand sich ein schwarzes Namensschild, in das der Name ›Constantine‹ eingraviert war. Auch wenn seine körperliche Form nachgelassen hatte, war er ein Mann, der immer noch stolz auf die Eleganz seiner Uniform war. Die Khaki-Hose war makellos gestärkt, die hellbraunen Stiefel poliert wie ein Spiegel, und das tiefblaue Barett saß perfekt auf seinem getrimmten Haar. Die silbern glänzenden Halbmond-und-Stern-Abzeichen, die er auf beiden Schultern trug, wiesen ihn als Direktor aus, aber der Schriftzug neben dem Dienstrang lautete ›Gefängnis‹, und nicht ›Polizei‹. Die einzige persönliche Note an seiner Uniform war das goldene Kreuz, das er um den Hals trug.
»Verdammte Faujis«, fluchte er. Typisch für einen Armee-Offizier, einen Termin auf den frühen Morgen zu legen! Constantine D’Souza war kein Frühaufsteher. Welcher Polizist ist das schon – gewöhnlich kommt er nie vor 3 oder 4 Uhr morgens weg von der Wache und verspürt danach keinen Drang, vor 12 Uhr wieder zurück im Dienst zu sein. Die Faujis hatten feste Dienstzeiten nach Stechuhr, einchecken um acht, auschecken um vier. Dummerweise wollte es ihnen nicht in den Kopf, dass Verbrechen nicht nach Dienstplan stattfinden. Direkt nach dem Militärputsch hatten Armee-Offiziere die Gewohnheit, gleich morgens um acht in den Polizeiwachen zur Kontrolle aufzutauchen – in der Erwartung, den Leiter an seinem Arbeitsplatz anzutreffen. Normalerweise war zu der Zeit niemand außer dem Diensthabenden und dem Wachtposten aus der Nacht anwesend. Constantine war dem jungen Armee-Hauptmann, der für seine Wache zuständig war, erst zehn Tage nach dem Putsch zum ersten Mal begegnet.
Die Unannehmlichkeit der frühen Morgenstunde bedrückte ihn weniger als der Anruf der letzten Nacht. Er war von einer Stimme geweckt worden, die er seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Und doch erkannte er den forschen Tonfall sofort. Oberst Tarkeen hatte so lange im Geheimdienst-Apparat von Karachi gedient, dass es kaum einen Polizeibeamten über dem Kommissarsrang gab, der seinen hemdsärmeligen, kumpelhaften Ton nicht erkannte, der mit genau der richtigen Prise Stahl gewürzt war.
»Constantine, wie gehts, mein Junge?« Tarkeen war einer der sehr wenigen Leute, die Wert darauf legten, Constantines Namen richtig auszusprechen. 25 Jahre in der Polizei von Karachi hatten ihn zu ›Consendine‹ verkommen lassen.
»Gut, Sir – und Ihnen? Ich habe gehört, dass Sie zurück nach Karachi versetzt worden sind, aber ich …«
»Ja, und ich bin sehr enttäuscht, dass Sie noch nicht vorbeigekommen sind. All die alten Jungs haben vorbeigeschaut – Farooq, Waseem, Haider –, und ich frage sie alle nach Ihnen, aber sie sagen, Constantine wolle nicht zum Bleak House kommen und Ihnen die Ehre erweisen. Sie sagen, dass Sie sich von mir fernhalten wollen, dass Sie denken, Sie wollen nicht, dass ich Ihr Freund bin. Das stimmt doch nicht, oder, Constantine?«
»Überhaupt nicht, Sir. Nichts dergleichen. Ich hatte nur viel zu tun, mich hier im Zentralgefängnis einzurichten. Ich bin erst seit ein paar Monaten hier. Also wirklich nichts dergleichen, Sir. Farooq und die anderen machen nur Witze. Ich komme gerne morgen, wenn Sie es wünschen.«
»Hahaha. Keine Sorge, Junge. Ich weiß doch, dass Sie nicht vom Weg abgekommen sind. Wir werden uns sehen, und früher, als Sie denken. Aber im Moment brauche ich erst mal Ihre Hilfe.«
»Jederzeit, Sir.«
»Ich schicke Ihnen morgen einen meiner Jungs. Er heißt Major Rommel. Er wird um sieben Uhr früh bei Ihnen sein. Ich will, dass Sie ihm auf jede nur mögliche Weise behilflich sind. Danke, Constantine.«
Und damit brach die Verbindung ab. Die Tatsache, dass der Anruf aus heiterem Himmel gekommen war, beunruhigte Constantine. Oberst Tarkeen tat nichts einfach aus einem Impuls heraus. Er war der perfekte Spion. Er hatte sieben Jahre lang bei den Geheimdiensten in Karachi gedient, sieben der turbulentesten Jahre in der Geschichte der Stadt. Er hatte die blutigen Kämpfe gegen die ethnischen Rebellen überwacht, den Putsch gegen den früheren Premierminister, die Folgen des 11. September und die anschließende Aktion gegen die Jihadisten. Normalerweise hätte man erwartet, dass ein Armee-Offizier eine durchschnittliche Dienstzeit von zwei bis drei Jahren bei den Geheimdiensten verbringt, aber Tarkeen hatte als so unverzichtbar gegolten, dass seine Periode zweimal verlängert wurde. Und nun, nach einer kurzen Unterbrechung, während der er eine Artillerie-Einheit in irgendeiner kleinen Garnisonsstadt befehligt hatte, war es ihm gelungen, wieder zurück nach Karachi versetzt zu werden. Er verfügte über ein enzyklopädisches Wissen über die Polizeioffiziere in Karachi, gepaart mit enormem Sachverstand, wer gut und wer schlecht war, wer korrupt und wer schwach. Er hatte das oft für seine persönlichen Ziele benutzt, über seine dienstlichen Anweisungen hinaus. Er verstand auch die Komplexität der Polizeiarbeit, eine Seltenheit bei Armee-Offizieren, die dazu neigten, die Dinge in Schwarz oder Weiß zu betrachten. Constantine mutmaßte, dass Tarkeen schon sehr, sehr lange die Welt nur in Grauschattierungen wahrnahm. Wenn Tarkeen ihn angerufen hatte, dann wollte er etwas von ihm. Der Hinweis darauf, dass Constantine ihm nicht die Ehre erwiesen hatte, war Absicht gewesen, um ihn in die Ecke zu treiben. Aber das, was am meisten Besorgnis erregte, war der letzte Satz – behilflich auf jede nur mögliche Weise. Es war die Art, wie er es sagte. Er hatte etwas ganz Bestimmtes im Sinn, und die tiefere Botschaft war eindeutig. Egal, was es war, was es zur Folge haben würde oder wie groß Constantines Abneigung dagegen war, er musste es tun.
Es war nicht ungewöhnlich für die Geheimdienste, ihre Vertreter ins Gefängnis zu schicken. Es wimmelte dort von Informanten und Überläufern, und alle spionierten sich gegenseitig aus, in einer Art moderner pakistanischer Miniaturversion von Ost-Berlin. Das Zentralgefängnis (CP genannt) war ein Bienenstock von Informationen und eine Fern-Universität des Verbrechens. Jihadisten, Terroristen, Aktivisten aller politischen Parteien, Seite an Seite mit durchschnittlichen Feld-Wald-und-Wiesen-Mördern, mit Vergewaltigern und Räubern – CP Karachi hatte einfach alle. Sie lebten alle miteinander und lernten voneinander. Wann immer ein Straftäter wegen eines kleineren Vergehens im CP eingesperrt wurde und ein paar Jahre dort verbrachte, verließ er es mit einem Master-Abschluss in Kriminalität. Die Idee der Resozialisierung im Strafvollzug ging im CP völlig den Bach hinunter. Man kam dort als viel größerer, besserer und engagierterer Verbrecher heraus. Als es erbaut worden war, zu Anfang des letzten Jahrhunderts, war es für 3000 bis 4000 Insassen ausgelegt gewesen. Inzwischen waren mindestens sechsmal so viele auf der gleichen Fläche untergebracht. Der einzige Anbau waren das mehrschichtige Konstrukt von Gefängnismauern und unzähligen Wachtürmen gewesen, welches das alte Gefängnis wie eine antike, uneinnehmbare byzantinische Festung von der Hauptstraße abschottete. In der Tat glich das Haupttor des Gefängnisses, wo Constantine jetzt stand, eindeutig einer mittelalterlichen Burg, mit einer massiven Eisentür, eingelassen in eine gelbe Ziegelsteinfassade gekrönt von Türmchen.
Constantine zuckte mit den Schultern. Es hatte keinen Sinn, sich Sorgen zu machen, was die Faujis wollten. Die verdammten Dienste würden alles genau so machen, wie es ihnen gefiel, und daran war nicht zu rütteln. Und doch war der Zeitpunkt kurios. Wahrscheinlich wollten sie ins Gefängnis, um einen der Jihadisten zu verhören, die dort einsaßen. Viel bringen würde ihnen das nicht. Sogar wenn sie etwas wussten, würden die Jihadisten niemals reden. Ja. Das musste es sein. Es konnte nichts anderes sein … außer, es hatte etwas mit ihm zu tun … Aber nein, das konnte auch nicht sein. Wer erinnerte sich schon an ihn?
Ein Bhishti – ein Wasserträger – verspritzte Wasser auf dem staubigen Boden. Langsam erwachte das Gefängnis zum Leben. Die ersten Besucher hatten eine Reihe von Sicherheitskontrollen überwunden und näherten sich nun dem letzten Checkpoint und dem Wartebereich auf der rechten Seite des Gefängniseingangs. Sie würden ein paar Stunden aushalten müssen, bis die kleinen Schalterfenster an der Seite der Gefängnismauer sich öffneten, durch die sie ihren Liebsten begegnen und sie kurz für ein paar wertvolle Minuten berühren konnten. Es wirkte, als wären es die Schalterfenster eines Bankkassierers, hinter denen die Gefangenen saßen und ihre Kunden auf der anderen Seite in Rekordzeit abfertigten.
Ein Toyota Landcruiser näherte sich aus der Richtung des Eingangs zum Jugendgefängnis. Seine Scheiben waren abgedunkelt, und er hatte ein Polizei-Nummernschild. Hinter dem auf der Rückseite des Fahrzeugs angebrachten Reservereifen waren zwei vielsagende drahtlose Antennen auszumachen. Constantine unterdrückte einen Fluch. Die Schufte benutzten einen Funk für ihre eigene Kommunikation und hörten mit dem anderen auf der Polizeifrequenz mit.
Der Jeep hielt direkt vor Constantine. Die Beifahrertür öffnete sich und ein junger Mann stieg aus. Er konnte nicht älter als 28 oder 29 sein. Er war groß gewachsen und hellhäutig, mit markanten Gesichtszügen, die ihn als Paschtunen auswiesen. Außerdem hatte er einen üppigen pechschwarzen Schnurrbart, der gewachst und zu einer adretten Spitze gezwirbelt war. Er trug Hemd und Hose, keine Uniform, aber sein strenger Kurzhaarschnitt und die Ray-Ban-Fliegersonnenbrille verrieten seinen Militärhintergrund.
Constantine verfluchte die Faujis wieder und anschließend Tom Cruise für dessen bescheuerten Film Top Gun. Seitdem war eine ganze Generation von Faujis mit dem Trugschluss aufgewachsen, sie würden zu Tom Cruise, wenn sie bloß diese billigen Abzock-Sonnenbrillen für 200 Rupien auf dem Zainab Market kauften.
Der Mann erwiderte Constantines Salut mit einem Nicken.
»Consendine D’Souza? Ich bin Major Rommel. Ich glaube, Oberst Tarkeen hat Ihnen gesagt, dass ich komme.«
»Ja, Sir. Angenehm.«
Das kleine Gefängnistor öffnete sich, und Constantine führte den Major durch den Eingang. Sie betraten einen Durchgang, an dessen Ende sich ein anderes Tor befand, das zum Haupthof des Gefängnisses führte. Der Durchgang diente als administrative Nervenzentrale des Gefängnisses. Auf der einen Seite des Durchgangs war eine Wendeltreppe, die nach oben zum Funkraum und zu den Türmen führte. Auf der anderen Seite befand sich eine getönte Glastür. Zwei Wachen saßen hinter einem Tisch in der Mitte des Ganges mit einem gewaltigen Logbuch, in das sie jeden eintrugen, der durch die Tore kam. Beide erhoben sich von ihren Stühlen, als Constantine und der Major eintraten. Einer von ihnen machte einen Versuch, dem Major einen Stift zu reichen, damit er sich ins Logbuch eintrage, aber Constantine winkte ab.
»Nein, nein, dieser Herr braucht nicht unterschreiben.« Constantine lenkte den Major in Richtung Glastür. »Kommen Sie hier entlang, Sir, das ist mein Büro.«
Das Büro war klein, eng und schlecht beleuchtet, ohne Fenster. Billige Neonröhren zierten die Wände. Ein schmutziger Läufer, der 1942, als er dort vermutlich platziert wurde, wohl einmal rot gewesen war, bedeckte den Fußboden. Ein langer, abgenutzter Tisch, bezogen mit grünem Stoff, wie üblich in Ämtern, beherrschte den Raum. Hinter dem Tisch stand ein ebenso abgenutzter Drehstuhl aus Rohr und davor zwei ein wenig moderner aussehende Plastikstühle.
An der Wand gegenüber der Tür hing wie überall das offizielle Regierungsporträt des Vaters der Nation. Der alte Herr schien mit leichtem Missfallen herunter zu starren. Neben ihm führte eine große Tafel aus Eichenholz die Namen all jener auf, die seit 1895 den Posten des Direktors im Zentralgefängnis besetzt hatten. Immer wenn Constantine diese Tafel anschaute, kam er nicht aus dem Staunen heraus, dass all diese Männer mit der größten Bereitwilligkeit Hunderttausende von Rupien aus diesem Gefängnis geschröpft hatten, aber keiner von ihnen hatte je etwas dafür ausgeben wollen, das Büro aufzumöbeln. Knausrige Dreckskerle.
»Ich entschuldige mich für das Büro, Sir. Ich bin selbst erst vor kurzem hier eingezogen. Hatte noch keine Gelegenheit, es aufzubessern. Wollen Sie nicht Platz nehmen?«
»Ja, Sie sind vor zwei Monaten hierher versetzt worden, nicht wahr?« Major Rommel machte es sich in einem der Plastikstühle bequem und öffnete die Akte, die er in der Hand getragen hatte.
»Das ist richtig, Sir.« Constantine bemerkte, dass auf eine Ecke des Aktendeckblatts sein Passfoto geheftet war. Der Major schien aus seiner vertraulichen Akte zu lesen.
»Bitte setzen Sie sich, Consendine. Das ist ein sehr außergewöhnlicher Name – selbst für einen Christen.« Constantine war leicht irritiert von der herablassenden Art des Majors. Der verdammte Hund befand sich in seinem Büro. Wie konnte er sich anmaßen, ihn aufzufordern, in seinem eigenen Büro Platz zu nehmen? Und was zur Hölle glaubte er über Christen zu wissen? Typisch arroganter Grünschnabel von einem Armee-Offizier!
»Es heißt eigentlich Constantine, Sir. Ja, es ist kein üblicher Name, auch nicht unter Christen aus Goa. Aber mein Vater war ein großer Cricket-Fan. Benannte mich nach irgendeinem alten Cricketspieler aus der Karibik, seinem Idol. Erzählte mir immer, wie viele Sechser der geschlagen hatte. Ich habe Sie hier noch nie gesehen, Sir. Sind Sie neu in Karachi?«
»Ja, ich habe erst vor fünf Tagen den Dienst in der Abteilung I angetreten. Sagen Sie mal, ich bin verwirrt. In meiner Akte steht, Ihr Dienstgrad sei stellvertretender Polizeidirektor. Wie kommt es dann, dass Sie die Rangabzeichen eines Direktors tragen?«
Obwohl das eine durchaus berechtigte Frage war, merkte Constantine, wie es ihn immer mehr irritierte, dass er dem Major seine Stellung erklären musste. »Ja, Sir, ich bin von der Polizei in Karachi zum Gefängnisdienst abgeordnet worden. Ich wurde nicht ausdrücklich zum Direktor befördert, aber mir wurde gestattet, an der Schulter das Abzeichen zu tragen, weil ich die Position des Gefängnisdirektors innehabe.« Faujis waren besessen von Uniform-Diensträngen und verglichen dauernd ihre mit den zivilen der Polizei, immer bemüht, die armen Polizisten klein zu halten.
»Ach, verstehe«, sagte der Major mit einem Anflug von Missbilligung. Er begann, seine Akte zu studieren, ohne sich im Geringsten um Constantine zu kümmern. Jeder Versuch, höflich zu sein, hatte sich erledigt. Es gab keinen Zweifel, dass dies ein Verhör war, und die Akte, aus der der Major las, war Constantines Fall.
»Constantine Michael D’Souza. Geboren 1959, eingestellt als Assistant Subinspector 1981. Befördert zum Subinspector 1988. Bester im Kommando-Kurs der Elite-Spezialpolizeigruppe 1991. Arbeitete mit der Abteilung I in der Operation Reiner Tisch 1992. Verwundet in einem Polizei-Einsatz gegen Aktivisten der Vereinigten Progressiven Front 1998. Im selben Jahr vorzeitig befördert zum Kommissar für die Verhaftung von Ateeq Tension, einem VF-Aktivisten, der in 70 Mordfällen gesucht wurde. 2002 erneut vorzeitig befördert zum stellvertretenden Polizeidirektor für die Aufklärung der Mordserie an schiitischen Ärzten. Beeindruckend.«
»Ich kann Ihnen die Zeit ersparen, dieses übermäßig lange Dossier zu durchkämmen. Fragen Sie mich doch einfach, was Sie wirklich wissen wollen, und ich sage es Ihnen direkt. Ich habe kein Problem mit den Geheimdiensten. Sie können Oberst Tarkeen fragen.«
Dem Major schien Constantines Verärgerung nicht entgangen zu sein, daher änderte er seinen Kurs. »Nein, ich bin nur gerne gründlich vorbereitet. Sagen Sie, was ist Ihr Aufgabenspektrum als Gefängnisdirektor?« Bis jetzt hatte der Major seine Tom-Cruise-Sonnenbrille nicht abgenommen. Nun tat er es und offenbarte dadurch eine schreckliche Narbe, die diagonal von unterhalb seiner linken Augenbraue bis zu seiner Wange verlief. Sie wirkte wie ein grausamer Scherz, komplett fehl am Platz, da der Major eigentlich gut aussah. Wie gerufen betrat ein anderer Mann mit einer weiteren Akte den Raum. Offensichtlich arbeitete er für den Major und hatte den Raum auf eine Art abgesprochenes Signal hin betreten.
»Naja, Sir, ich, äh, bin für die Gesamtverwaltung des ganzen Gefängnisses verantwortlich.« Die Narbe des Majors und das unbefugte Eintreten von dessen Gehilfen hatten Constantine leicht aus der Fassung gebracht. Er versuchte es zu überspielen, aber seinem Gesicht war eine Irritation anzumerken. Worauf lief dieses Verhör hinaus? Was interessierten die sich für seine Jobbeschreibung?
»Gut. Dann sind Sie genau der Mann, den ich brauche.« Ohne sich umzudrehen, hob der Major seine Hand und sein Assistent reichte ihm die zweite Akte, welche er öffnete. »Mr. D’Souza, Sie müssen einen Ihrer Gefangenen, Nr. 2377, Akbar Khan, in meinen Gewahrsam übergeben. Mein Mitarbeiter wird ihn holen gehen, und ich werde ihn bezüglich einer Angelegenheit von höchster nationaler Dringlichkeit verhören. Wenn wir mit ihm fertig sind, werden Sie ordnungsgemäß informiert. Dann können Sie den Gefangenen wieder abholen, aber unter keinen Umständen dürfen Sie jemandem davon erzählen. Rufen Sie bitte einen Ihrer Wächter herbei, damit wir mit der Prozedur beginnen können. Ich bin etwas unter Zeitdruck.«
Constantine war sprachlos. Als Oberst Tarkeen ihn letzte Nacht angerufen hatte, ahnte er schon, dass es – um welche Aufgabe es sich auch handeln würde – um etwas Großes ging, aber erst in diesem Moment realisierte er die ganze Tragweite der Situation. Es stimmte, dass die Geheimdienste öfter mal mit verschiedenen Gefangenen sprachen, aber sie hatten noch nie einen von ihnen in Gewahrsam nehmen wollen. Ihn mitnehmen ohne jeglichen Gerichtsbeschluss? Und ihn dann noch verhören? Er verstand sehr gut, was ein ›Verhör‹ mit sich brachte. Aber wer war verantwortlich, falls dem Gefangenen etwas passierte? Dieser verdammte zweitklassige Major kommandierte ihn herum, als wäre er in diesen Angelegenheiten die ultimative Autoritätsperson. Aber was Constantine am meisten schockierte, war die Identität des Gefangenen. Er war es. Nach all der Zeit verfolgten sie ihn immer noch.
Es brauchte alles an Constantines Erfahrung und Übung, sich diesen Schock nicht anmerken zu lassen. »Sind Sie sich bewusst, Sir, dass der Gefangene, den Sie meinen, immer noch ein Polizeioffizier ist?«
»Ja, stellvertretender Polizeidirektor D’Souza, das weiß ich. Na und? Er hat keine höhere Position als wir. Wir sind von den Geheimdiensten. Wir können verhören, wen immer wir wollen.«
Constantine blickte zum Gehilfen des Majors auf und gestikulierte Richtung Tür. »Entschuldigen Sie uns bitte für eine Minute.« Der Helfer sah Constantine finster an und weigerte sich zu gehen. Der Major machte keine Anstalten einzugreifen.
Schön, wenn du es so willst, du aufgeblasener Hurensohn, dachte Constantine. »Nun, Sir, ich werde gerne versuchen, Ihnen zu helfen, aber ich befürchte, es ist nicht alles machbar, wonach Sie gefragt haben.« Constantine ließ seine Stimme so leidenschaftslos und bürokratisch klingen wie nur möglich und begann damit, seine Einwände aufzuzählen. »Zuerst einmal, Sir, widerspricht es den Regeln, einen Gefangenen ohne Gerichtsbeschluss vom Gefängnisgelände zu entfernen. Wenn ihm irgendwelche Fragen gestellt werden sollen, dann muss das auf unserem Gelände geschehen. Zweitens ist bei einem Gefangenen, der im Gefängnis seine Strafe verbüßt, die Kooperationsbereitschaft in einem Verhör komplett freiwillig. Wir können ihn weder so verhören, wie wir es in einer Polizeistation tun würden, noch können Sie ihn zwingen, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Die Tatsache, dass er als Gefangener erster Klasse klassifiziert ist und außerdem Polizeioffizier ist, macht es sogar noch schwerer. Und drittens, Sir, kann ich weder Ihnen noch Ihrem Kollegen erlauben, den Gefangenen alleine zu befragen. Es ist notwendig, dass ein Angestellter des Gefängnisses dabei ist. Da ich verstehe, dass Ihre Recherche vertraulich ist, werde ich persönlich anwesend sein.« Die letzte Bedingung war genaugenommen nicht nötig, aber Constantine hatte entschieden, dass der Major sich mit ihm verständigen müsse, wenn er irgendeine Art von Kooperation wollte. Abgesehen davon war seine Neugier geweckt worden, was sie von Akbar Khan wollten.
Constantine erwartete vom Major einen Wutausbruch, da er ihn in Anwesenheit seines schnöseligen Assistenten brüsk zurückgewiesen hatte. Der Gedanke ließ ihn selbstzufrieden lächeln, während er sich zurücklehnte und das Unvermeidliche abwartete.
Endlich schickte der Major seinen Gehilfen mit einem verlegenen Kopfnicken aus dem Raum, bevor er sich an Constantine wandte. »Hören Sie mal, Sie verdammter Zivilist, mit wem glauben Sie haben Sie es zu tun? Ich bin nicht irgendein Dorftrottel. Ich weiß ganz genau, was hier vor sich geht. Ihr verdammten Polizisten seid alle korrupt!« Ein anklagender Finger fuhr in die Luft, und sein Gesicht lief purpurrot an. »Ich sag Ihnen, wenn Sie nicht mit mir zusammenarbeiten, dann werde ich Oberst Saleem im Rechnungshof anrufen, damit er gegen Sie ermittelt. Ich habe genug Geschichten über Korruption im Gefängnis gehört. Geld von den Leuten annehmen, damit sie selbstgekochtes Essen von zu Hause geliefert bekommen oder ihre Familien fünf Minuten länger sehen dürfen. Ich bin sicher, dass die Leute vom Rechnungshof interessiert daran sein werden, wie Sie sich mit ihrem Regierungsgehalt diese teure Rolex-Armbanduhr leisten können.«
Das dünne Lächeln lag immer noch auf Constantines Lippen. Er wartete einen Moment, bevor er antwortete, und betrachtete das süffisante Grinsen des Majors. »Es ist keine Rolex, sondern eine Tissot, und wenn Sie wissen wollen, wo sie her kommt, fragen Sie doch die Frau von General Ibadat, für die ich wie ein Sohn bin und die sie mir geschenkt hat.« Das ließ das Grinsen vom Gesicht des Majors verschwinden. »Ich fürchte, Sie verstehen nicht, worum es hier eigentlich geht, Major. Wenn Sie meine Integrität in Frage stellen, zögern Sie nicht, das bei Oberst Tarkeen anzusprechen.« Ja, nach all den ›Gefallen‹, die er Tarkeen über die Jahre hinweg getan hatte, würde das eine interessante Diskussion werden. »Aber das Problem hier ist nicht die Korruption. Ich bin bereit, Ihnen zu helfen, aber innerhalb eines vernünftigen Rahmens. Ich kann die Regeln des Gefängnisses nicht für Sie ändern. Wenn Sie das Gefühl haben, nicht genügend Erfahrung zu haben, um mit diesem Problem fertig zu werden, kontaktieren Sie bitte Oberst Tarkeen für Anweisungen. Wissen Sie was, ich werde ihn anrufen.«
Während er sprach, nahm Constantine sein Handy vom Tisch und begann, die Tasten zu drücken. Er beobachtete mit einiger Genugtuung, dass der Major sprachlos war. Dieser verdammte Schnösel! Was dachte er – dass er der erste wichtigtuerische junge Major war, mit dem er sich herumschlagen musste? Oder war er tatsächlich naiv genug zu denken, nur Polizisten würden sich schmieren lassen?
Er kam zu Oberst Tarkeen durch und erklärte ihm die Situation. Nach einer kurzen Pause reichte er das Telefon dem Major. »Der Oberst würde gerne ein Wörtchen mit Ihnen reden.« Constantine freute sich mittlerweile richtig über den unbehaglichen Gesichtsausdruck des Majors.
»Sir!« Der Major nahm plötzlich Haltung auf seinem Stuhl an. Die nächsten drei Minuten lang lauschte Constantine einer ziemlich einseitigen Unterhaltung, die aus einer Menge Kommentaren wie »Sir« und »Ja, Sir« auf Seiten des Majors bestand. Am Ende der Unterhaltung gab er das Telefon stillschweigend zurück.
»Er ist neu und versteht noch nicht, wie die Dinge hier funktionieren. Helfen Sie ihm, Constantine. Tun Sie es auf Ihre Art, aber Sie müssen uns aushelfen. Es ist sehr wichtig. Rommel wird Ihnen alles erklären.«
»Danke, Sir. Ich werde mein Bestes geben.«
Nach dem Telefongespräch gab es eine unangenehme Pause. Constantine saß ungerührt da, während der Major sich erst mal zusammenzunehmen schien.
»Nun, Major Sahib?«
Der Major atmete tief aus. »Wie Sie wahrscheinlich wissen, wurde vor sieben Tagen ein amerikanischer Journalist entführt. Sein Name ist Jon Friedland. Er ist ein Reporter für den San Francisco Chronicle. Die Medien berichten seitdem von nichts anderem mehr.« Als Constantine einen Blick auf die Morgenzeitung warf, die auf seinem Tisch lag, ging es tatsächlich nur um die Entführung. Die unabhängigen Nachrichtensender brachten Sondersendungen, in denen es nur um dieses Ereignis ging. »Zwei Tage nach der Verschleppung stellte eine Gruppe namens Lashkar-e-Jihad Waziristan ein Bild von ihm ins Internet. Sie sagten, er sei ein Jude. Sie stellten keine Forderungen, sondern verkündeten, dass sie an ihm ein schreckliches Exempel statuieren wollten, als Vergeltung für die Regierungsoperation in den Stammesgebieten.« Er zögerte. »Und sie haben gesagt, dass sie es am 25. Dezember tun würden.«
»Weihnachten.«
»Ja. Seitdem hat es keine weiteren Ankündigungen mehr von der Gruppe gegeben. Bis jetzt hat die Polizei noch keinen Durchbruch in den Ermittlungen erzielt, und auch wir konnten noch nichts herausfinden – genauso wenig wie unsere Schwesterorganisationen. Wir haben in alle möglichen Richtungen ermittelt, aber Oberst Tarkeen fand, wir sollten es auch mit ein paar unorthodoxen Methoden versuchen. Er nannte den Namen Akbar Khan. Ich weiß nicht viel über seine Vergangenheit, aber wie es scheint, waren seine Informationsquellen in der Stadt unübertroffen gewesen, bevor er sich selbst wegen irgendeines Mordes in Schwierigkeiten brachte. Wir müssen alles versuchen. Im Moment sind wir nicht einmal sicher, ob der Amerikaner überhaupt noch in Karachi festgehalten wird oder ob er an einen anderen Ort gebracht worden ist. Um ehrlich zu sein, können wir – abgesehen von ihrem Wort – nicht einmal sagen, ob er noch lebt oder nicht. Ich bin mir sicher, Sie verstehen, von welch weitreichender Bedeutung diese Entführung ist – noch zusätzlich zu den Aufständen in den Stammesgebieten und dem geplanten Besuch des amerikanischen Präsidenten. Das Image des Landes steht auf dem Spiel. Und da der 25. Dezember der Stichtag ist, haben wir nur sehr wenig Zeit, um zu arbeiten. Und wir müssen alles hundertprozentig vertraulich halten. Verstehen Sie jetzt? Können Sie helfen?«
»Ja, Sir, verstehe. Und natürlich werde ich helfen. Wir können unverzüglich zu Akbar gehen. Aber Sir, ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass er eine große Hilfe sein kann.«
»Was meinen Sie?«
»Naja, Sir, Akbar ist jetzt seit zwei Jahren hier. Zur Zeit seiner Verhaftung steuerte er eine Sondereinsatzgruppe, die das organisierte Verbrechen bekämpfte. Er wurde zusammen mit seinem gesamten Team festgenommen, weil sie einen Verdächtigen in einem vorgetäuschten Polizeigefecht getötet hatten. Am Anfang versuchte er mit allen Mitteln, entlassen zu werden, engagierte die besten Anwälte, versuchte, mit allen wichtigen Leuten von der Polizei und den Geheimdiensten zu reden. Aber alle ließen ihn im Stich. Nach einem Jahr im Gefängnis gaben alle anderen auf, eine gemeinsame Freilassung zu erreichen. Manche von ihnen änderten ihre Aussagen, distanzierten sich und verhandelten. Er nicht. Aber er versuchte auch nicht, die anderen zu stoppen. Das Endresultat war, dass sie alle freigelassen wurden, einer nach dem anderen, und er alleine wurde mit der gesamten Verantwortung für den Fall zurückgelassen. Es schien fast, als wäre es ihm mittlerweile egal. Er war ein mächtiger und einflussreicher Polizeibeamter gewesen – aber als die Welt ihn vergaß, vergaß er die Welt ebenso. Der letzte seiner Kollegen wurde vor ungefähr einem Jahr entlassen. Seitdem hat er aufgehört, den Fall zu verfolgen, traf sich nicht mehr mit seinen Anwälten und schickte sogar seine Familie in sein Dorf zurück. Brach jeglichen Kontakt zu seinen Teammitgliedern und übrigens auch zu allen hohen Polizeibeamten ab. Die Gerichtsverhandlungen gehen zwar weiter, aber es gibt niemanden mehr, der die Sache ernsthaft voranbringen will, und weil die Gerichtshöfe so langsam und überarbeitet sind wie sie eben sind, wird es wahrscheinlich auch noch jahrelang so weitergehen.«
»Er trifft sich mit niemandem?«
»In den letzten Monaten waren die einzigen Besucher, mit denen er sich getroffen hat, die Tableeghis. Das ist eine religiös-soziale Organisation, die ständig ihre Gelehrten ins Gefängnis schickt, damit sie ein paar von den Häftlingen beibringen, den Koran zu lesen. Er trifft sie regelmäßig und verbringt den ganzen Tag damit, zu beten und den Koran zu rezitieren. Aber sonst interessiert er sich für nichts. Normalerweise haben Gefangene erster Klasse Zugang zu Material von draußen, wie zum Beispiel Zeitungen und Bücher, aber er hat seit sechs Monaten nach nichts mehr gefragt. Also, Sir, jetzt wissen Sie, warum ich bezweifle, dass er von Nutzen sein wird. Wahrscheinlich weiß er nicht mal, dass ein Amerikaner entführt wurde.«
Der Major dachte einen Moment lang darüber nach. Dann zuckte er mit den Schultern.
»Nun ja, Oberst Tarkeen scheint zu denken, dass er hilfreich sein könnte – und da ich sowieso schon hier bin, sollte ich es zumindest versuchen, selbst wenn nichts dabei herauskommt.«
»Also dann, wenn das so ist, lassen Sie uns zu ihm gehen.«
Tag 1, gegen 8.00 Uhr
Sie verließen das Büro und betraten den Gang. Der Gehilfe des Majors stand schmollend in einer Ecke. Der Major trug ihm auf, draußen am Auto zu warten. Beide Männer ließen ihre Handys bei der Wache am Tor und gingen auf das zweite schwarze Tor zu, das in den Gefängnishof führte. Vor ihnen befand sich eine hell gestrichene Wand, deren Farbe in der allgemeinen depressiven Atmosphäre deplatziert wirkte. Hinter der Wand, in der Hauptküche des Gefängnisses, räumten ein paar Gefangene die Überreste des Frühstücks auf. Die riesigen Bottiche, in denen das Frühstück zubereitet worden war, wurden gesäubert, damit sie für das Mittagsessen wieder verwendet werden konnten. Eine andere Gruppe Gefangener war damit beschäftigt, Blumentöpfe zu bemalen. Die Häftlinge arbeiteten still vor sich hin und keiner von ihnen schaute zu den zwei Männern auf, aber Constantine spürte, dass sie von allen beobachtet wurden. Es waren keine Wächter in der Nähe. Der Major wirkte überrascht und sah Constantine fragend an.
»Das haben Sie nicht erwartet, oder, Sir? Keine reihenweise angelegten Zellen wie in Hollywood-Filmen. Niemand in Handschellen oder Ketten.«
»Und keine Wächter. Was tun Sie, wenn etwas passiert?«
»Ja, wir sind extrem unterbesetzt. Aber das Gefängnis hat sein eigenes Disziplinarsystem, deswegen müssen die Wächter nur selten eingreifen. Die meisten dieser Männer sind harmlos. Schauen Sie nur mal in ihre Augen. In denen ist nichts als Hoffnungslosigkeit.«
Sie bogen bei der Küche rechts ab und liefen an der Gefängniswand entlang. In der Ferne sahen sie eine einzelne Baracke, aus der eine Klimaanlage herausragte. Außenherum war ein gepflegter Spazierweg angelegt worden, und erst kürzlich hatte man frische Blumenbeete daneben gepflanzt. Constantine wies den Major auf das Gebäude hin.
»Das ist Akbars Baracke. Es ist die einzige Baracke erster Klasse, und er ist der einzige Gefangene erster Klasse, den wir haben. Sie war ursprünglich für den Ehemann der Ex-Premierministerin gebaut worden. Er war es, der den Weg anlegen und die Klimaanlage installieren ließ. Wir haben hier eine Regel, die besagt, dass ein Gefangener dem Gefängnis jede Verbesserung, die er vornimmt, überlassen muss, wenn er geht. Aber nachdem er freigelassen worden war, hatte das Gefängnis keinen Gefangenen erster Klasse mehr, bis Akbar kam.«
»Warum wurde Akbar als Gefangener erster Klasse eingestuft?«
»Offen gestanden, das war die einzige Möglichkeit, wie man ihn einstufen konnte. Das Gefängnis hat noch nie so einen Gefangenen wie ihn gehabt. Sie konnten ihn nicht zu all den anderen stecken. Erstens natürlich deswegen, weil er ein hochrangiger Polizeibeamter war, aber vor allem deswegen, weil er so viele Feinde hatte, dass sein Leben ernsthaft bedroht gewesen wäre. Er hatte hunderte von den Häftlingen eingelocht. Aktivisten der Vereinigten Front, Entführer, Drogenbarone. Man musste ihn von denen isolieren. Wenn die anderen auch nur den Hauch einer Chance gewittert hätten, wäre versucht worden, ihn umzubringen. Er zieht es sowieso vor, alleine zu sein.«
»Also hat keiner der anderen Gefangenen Zugang zu ihm? Sie kommen nirgendwo an ihn ran?«
»Nein. Der Zutritt zum Gebiet rund um diese Baracke ist allen verboten. Keinem der anderen Häftlinge ist es gestattet, auch nur hier vorbei zu laufen. Einer der regulären 3.-Klasse-Gefangenen bedient ihn, putzt die Baracke, pflanzt die Blumen und bringt ihm sein Essen. Er kommt nicht einmal viel heraus. Gelegentlich sieht man ihn abends auf dem Weg herumspazieren. Die Tableeghis sind die Einzigen, die hierherkommen und mit denen er sich trifft. Das sind einfach gestrickte Seelen. Sie interessieren sich nur dafür, für den Koran zu werben, verteilen umsonst religiöse Texte und ermahnen die Häftlinge dazu, ein besseres Leben zu führen. Sie drehen fast jeden Tag ihre Runde durch das Gefängnis und versuchen, ein paar der armen Seelen für sich zu gewinnen.«
»Schaffen sie es, viele zu bekehren?«
»Ein paar. Mit ihm hatten sie auf jeden Fall Erfolg.«
Sie standen nun direkt vor der Barackentür. Der Gefangene, der sich um die Blumenbeete kümmerte, grüßte sie leise und hielt ihnen die Tür auf. Im Inneren war die Baracke eine Offenbarung. Der Raum war lang und rechteckig. Die Wände waren kahl und makellos weiß. Die Fliesen auf dem Boden waren ebenfalls von gleißendem Weiß. Ein schwacher antiseptischer Geruch hing im Raum, wie in einem Krankenhauszimmer. In einer Ecke direkt links neben der Tür lagen eine unbenutzte Sportausrüstung, Laufbänder und ein paar Gewichte, die der vorherige Bewohner dort gelassen hatte. In der hinteren rechten Ecke des Raumes stand ein großer Kleiderschrank und in der Mitte des Zimmers lag eine großzügige Matratze mit einer roten Decke. Sie war der einzige bunte Gegenstand in dem sonst so sterilen Raum. Gegenüber der Matratze standen drei niedrige Hocker aus Holz. Auf einem von ihnen saß ein vornüber gebeugter Mann, mit dem Rücken zur Tür, und las laut aus einem Koran. Er war in einen zerknitterten weißen Shalwar Kameez aus Baumwolle gekleidet. Er trug eine weiße Gebetskappe, unter der graumelierte Locken bis auf die Schultern fielen. Der Mann hatte einen struppigen, ungepflegten Bart, der frühzeitig weiß geworden war. Er sah aus, als ob er viel Gewicht verloren hätte, aber seine sehnigen Muskeln spannten sich noch immer unter dem Stoff seiner Kleidung. Obwohl er sich erst im mittleren Alter befand, ließ seine ausgemergelte Erscheinung ihn viel älter wirken, als er eigentlich war.
Der Gefangene, der sie herein geführt hatte, näherte sich dem sitzenden Mann und flüsterte ihm etwas ins Ohr, während Constantine und der Major an der Tür stehen blieben. Der Mann zeigte keinerlei Reaktion und rezitierte weiter. Die beiden Offiziere traten unbehaglich von einem Fuß auf den anderen und wussten nicht, was sie jetzt tun sollten. Die beiden Klimaanlagen im Raum arbeiteten auf Hochtouren – der Raum war eiskalt. Constantine räusperte sich einige Male hörbar, um den Gefangenen auf sich aufmerksam zu machen, aber es dauerte ganze fünf Minuten, bis der Mann seine Rezitation beendete und sich zu ihnen umdrehte. Er winkte sie zu den leeren Hockern und nickte Constantine zu.
»Na, Consendine, wie gehts dir so?« Seine Stimme klang kratzig, als wäre sie durch seltenen Gebrauch eingerostet.
»Wie geht es dir, Akbar? Bist ziemlich fit geworden, was? Bist wohl auf einer neuen Wunderdiät?«
»Heh heh. Die Wunderdiät heißt Gefängnis. Versuch es mal, und auch du wirst deinen Bauchspeck verlieren.«
»Ich glaube dir aufs Wort.« Constantine setzte sich auf einen der Stühle und gab dem Major zu verstehen, dass er auf dem anderen Platz nehmen solle. Er war nervös und wusste nicht wie er anfangen sollte, also räusperte er sich erst einmal. »Gibt es irgendetwas, was ich für dich tun könnte?«
»Ach Consendine, wir wissen doch beide, dass du nicht einfach nur mal vorbeischauen wolltest. Die wirkliche Frage ist: Wie kann ich dir helfen?« Akbar wandte sich an den Major. »Nicht wahr, Major Sahib, sieht wohl so aus, als hätten Sie Ihren amerikanischen Singvogel verloren?« Er kicherte wieder und entblößte dabei eine Reihe kaputter schwarzer Zähne.
Constantine hob überrascht eine Augenbraue und der Major stotterte verblüfft: »Woher zum Teufel kennen Sie meinen Rang?«
»Ganz ruhig, Major Sahib. Sie sind noch zu jung, um ein Oberst zu sein, und schon zu alt, um nur ein Hauptmann zu sein. So wie Sie aussehen, hatten Sie genau so wie ich ein paar grobe Liebhaber.« Er strich sich auf der rechten Seite das Haar aus dem Nacken, und eine üble Narbe, die aussah, als wäre sie von einem gezackten Stück Metall verursacht worden, kam zum Vorschein.
Zum zweiten Mal an diesem Tag musste der Major sich einen Moment lang zusammenreißen. Er nahm eine Packung Zigaretten aus der Tasche und bot Akbar eine davon an.
Akbar starrte die Zigarette eine Weile an, bevor er sie nahm.
»Das letzte Mal, dass ich eine geraucht hab, ist schon sechs Monate her.« Der Major zündete sie ihm an, und Akbar nahm dankbar einen tiefen Zug.
»Also gut, äh, Akbar, ich bin hier auf Befehl von Oberst Tarkeen, weil ich Sie in einem nationalen Notfall um Ihre Hilfe bitten soll. Sie liegen richtig in der Annahme, dass meine Bitte mit besagter Entführung des amerikanischen Journalisten zusammenhängt. Jegliche Information, die Sie haben, jede Art und Weise, in der Sie uns eventuell helfen könnten, würden wir sehr zu schätzen wissen, und Ihre Hilfe wird natürlich in weiteren Gerichtsverfahren positiv berücksichtigt werden.«
Akbar schien über die Worte des Majors nachzudenken. Dann lächelte er. »Ich sage Ihnen was, Major Sahib, zumindest sind Sie höflich im Vergleich zu den anderen Dreckskerlen in Ihrer Abteilung. Nein, danke. Ich möchte Ihnen nicht helfen.«
»Was meinen Sie damit, Sie wollen uns nicht helfen? Es geht hier nicht darum, was Sie wollen. Wenn Sie Informationen zu dieser Angelegenheit haben, dürfen Sie diese nicht verschweigen. Es geht um eine Angelegenheit von höchster nationaler Bedeutung! Die Ehre der Nation steht auf dem Spiel!« Die Stimme des Majors erhob sich, als seine selbstgerechte Empörung zum Vorschein kam.
»Ich scheiß auf die Ehre der Nation.« Die Worte wurden nur leise ausgesprochen, aber mit solcher Boshaftigkeit, dass der Major aussah, als wäre er geschlagen worden. Constantines Körper spannte sich an, er bereitete sich darauf vor, dazwischenzugehen, falls einer von ihnen gewalttätig werden sollte. Der Major war aufgestanden. »Schauen Sie mich an! So können Sie nicht reden. Ich bin seit elf Jahren in der Armee. Ich lasse es nicht zu, dass jemand auf die Art und Weise über dieses Land spricht!«
Akbar winkte ab. »Bitte, sparen Sie sich das für einen Idioten auf, der direkt aus der Polizeischule kommt, Major Sahib. Ich bin kein Kind, das an der Brust der Mutter nuckelt! Ich weiß, wie Ihre Leute arbeiten und wie lange sie schon die Ehre der Nation vergewaltigen, als wäre es irgendeine billige Hure an der Straßenecke. Ihr benutzt Worte wie Ehre und Land, um Leute dazu zu bringen, zu tun, was ihr wollt, und dann schmeißt ihr sie weg wie ein benutztes Kondom! Ich bin auch eins von euren Kondomen! Sagen Sie Tarkeen, dass ich das nicht vergessen habe!«
»Ich … ich verstehe nicht …«, stotterte der Major.
»Was verstehen Sie nicht? Was haben Sie erwartet? Dass Sie hier rein kommen könnten und mir eine verdammte Moralpredigt halten könnten, und ich würde mich bücken und Ihre Stiefel küssen und Ihnen danken und sagen, dass es mir schon genügen würde, einfach nur die Gelegenheit zu bekommen, meinem Land zu dienen? Was haben Sie mir als Gegenleistung zu bieten, Major Sahib? Sie werden mit mir verhandeln müssen, wenn Sie meine Hilfe wollen, denn – so leid es mir auch tut – ich habe meinen Vorrat an Patriotismus so ziemlich aufgebraucht.«
»Aber ich bin nicht dazu autorisiert, Bedingungen auszuhandeln.«
»Wenn Sie nicht dazu autorisiert sind, zu verhandeln, dann sind Sie auch sonst für nichts autorisiert, Major Sahib. Was können Sie schon tun? Mich ›verhören‹? Ich glaube kaum. Ich bin schon im Gefängnis. Ich fürchte, wir müssen dieses Treffen beenden, Major Sahib. Ich muss mit meinen Rezitationen weitermachen, und Sie müssen zurückgehen und beten, dass an Weihnachten niemand die Leiche eines toten Amerikaners in irgendeinem Graben findet. Gott behüte Sie.« Damit drehte er sich um, hob den Koran auf und begann, wieder darin zu lesen.
Der Major sah Constantine hilfesuchend an. »Akbar, ich weiß, wie du dich fühlst, aber bitte, überdenke es nochmal. Vielleicht kann Major Rommel morgen nochmal herkommen, nachdem du etwas Zeit hattest, darüber nachzudenken?«
»Ich freue mich auf zukünftige Besuche von Major Sahib, Consendine, aber sie müssen nochmal nachdenken, nicht ich.«
Der Major und Constantine standen auf und gingen auf die Tür zu. Als sie die Tür gerade öffnen wollten, rief Akbar ihnen nach.
»Übrigens, danke für die Zigarette, Major Sahib. Weil Sie ein netter Mann sind, werde ich Ihnen eines sagen. Sie müssen sich keine Mühe machen, Suchtrupps durch das ganze Land zu senden. Ihr Singvogel ist noch in Karachi, und er lebt noch. Sagen Sie dem Oberst Sahib, dass das von seiner speziellen Quelle bestätigt werden kann, derjenigen, die ich ihm vor acht Jahren in der Lobby des Sheraton Hotels vorgestellt habe.«
Constantine geleitete den Major zurück in sein Büro. Der junge Offizier schwieg, als stünde er unter Schock. Akbars Enthüllung hatte auch Constantine überrascht, es hätte ihn interessiert, wie der Gefangene an diese Information gelangt war, aber er hielt es für klüger, seine eigene Einschätzung für sich zu behalten, bis er mehr herausgefunden hatte.
»Kommen Sie, Sir, Sie hatten einen schwierigen Morgen, lassen Sie uns eine Tasse Tee trinken.« Constantine betätigte eine Klingel auf seinem Schreibtisch, um seinen Bediensteten herbeizurufen. Der Tee kam fünf Minuten später. In dieser Zeitspanne sagte der Major kein einziges Wort, sondern starrte nur geistesabwesend auf Akbars Akte in seiner Hand. Das sah Tarkeen ähnlich, diesen armen Grünschnabel mit so einem Auftrag zu betrauen, dachte Constantine.
»Er schien Sie zu kennen. Von früher, meine ich.«
»Ja, Sir. Wir haben zusammen bei der Truppe angefangen. Wir waren Polizeianwärter im Preedy Polizeirevier. Wir waren einige Jahre zusammen im Dienst, auch in harten Zeiten.«
Der Major legte das Gesicht in seine Hände und lehnte sich auf seinem Stuhl nach vorne. »Wer ist dieser Mann? Ich habe noch nie jemanden wie ihn getroffen. Warum denkt Oberst Tarkeen, dass er so wichtig ist?«
»Er ist vielleicht der beste Polizist in Karachi. Ich habe zumindest während meiner Dienstzeit keinen besseren gesehen. Wissen Sie, Sir, um in dieser Stadt ein guter Polizist zu sein, brauchen Sie zwei Eigenschaften. Erstens brauchen Sie sehr gute Informationsquellen, sodass Sie Verbrechen aufklären, Fälle verfolgen und die ganz großen Kriminellen fangen können. Und zweitens brauchen Sie eine Menge Mut – den Mut, zu tun, was andere nicht tun wollen oder können. Sie brauchen ein sehr großes Herz, Sir. Akbar hatte beide Eigenschaften im Überfluss. Auf dem Höhepunkt seiner Macht hatte er unzählige Informanten überall in der Stadt, aus allen Gesellschaftsschichten. Und Mut? Ich habe nie einen mutigeren Mann gesehen als Akbar. Oberst Sahib ist kein Dummkopf. Er weiß ganz genau, was bestimmte Leute wert sind. Und er weiß ganz sicher, wie wertvoll Akbar ist.«
»Was hat er denn Wertvolles gemacht?«
»Sie sind neu in Karachi, Sahib. Ist das hier Ihre erste Stelle? Natürlich, Sie können nicht wissen, was wir hier durchgemacht haben. Damals, als Akbar und ich angefangen haben, war die Polizeiarbeit einfach. Einbrecher, Taschendiebe, ab und an eine Schlägerei an der Universität. Unkomplizierte Kriminelle in einer unkomplizierten Zeit. Wir waren junge Beamte, und als der Reviervorsteher uns in den Einsatz schickte, fassten wir ein paar Gauner, schlugen sie zusammen, und das war es auch schon. Die einzigen Waffen, die sie hatten, waren Messer und Schlagringe. Wenn mal einer einen Revolver hatte, war das eine ganz große Sache. Keiner stellte die Autorität der Polizei in Frage. Alle großen Schurken von Karachi waren taffe Kerle gegenüber den gewöhnlichen Bürgern, aber wenn selbst der kleinste Wachtmeister sie aufs Revier beorderte, gehorchten sie widerspruchslos. Die Dinge änderten sich, als die Vereinigte Front die Bühne betrat und eine Politik der bewaffneten Schlägertrupps einführte. Ihr Anführer, der Don, hatte als studentischer Aktivist an der Universität angefangen. Er schuf ein System von Vereinigte-Front-Bezirken und Bezirksbossen. Die Bezirke waren (oder bestanden aus) Gruppen junger Männer, die eine Parteistruktur auf lokaler Ebene etablieren sollten. Was sie tatsächlich schufen, war eine Parallelregierung, in der sie gegenüber den Einwohnern der Stadt die Macht über Steuerwesen, Konfliktlösung, Strafsystem und sogar Leben und Tod hatten. Damit begann der Terror. Kalaschnikows, die sie sowohl ihren eigenen Leuten als auch ihren Feinden verkauften, wurden von paschtunischen Lastwagenfahrern aus Afghanistan in die Stadt gebracht. Dann begann die Gewalt auf dem Campus zwischen den Jungs der VF und allen anderen. Danach wurden die Dinge noch hässlicher – Massaker in Bussen, Schusswechsel zwischen verfeindeten Gruppen, Attentate. Wir wussten nicht, wie wir diesen neuen Kriminellen begegnen sollten. Wir waren damals in einer verdammt schwierigen Situation, Sahib.« Constantine schüttelte langsam den Kopf, als ob bittere Erinnerungen ihn belasteten. »So eine schreckliche Zeit.«
»Wie? Ich meine, wie ist alles so schiefgelaufen?« Rommel war fasziniert von Constantines Bericht.
»Ach, Sahib, wir waren damals so rückständig. Wir hatten keine Ahnung von Waffen oder Taktik. Ich erinnere mich, dass die einzigen Gewehre, die wir auf der Polizeistation hatten, überschüssige Gewehre aus dem Zweiten Weltkrieg waren. Ich weiß noch, wie sie hießen – .303 Lee Enfield. Aber keiner von uns war auf die Gewaltwelle vorbereitet, die in den nächsten Jahren diese Stadt überrollte. Als die VF zum ersten Mal an die Macht kam, war es, als hätte die Mafia die Stadt übernommen. Ihre Herrschaft war uneingeschränkt. Sie stampften jeden nieder, der ihnen im Weg stand. Sie brachten gefälschte Anklagen gegen ihre Gegner vor und ließen sie einsperren. Aber das machen alle Politiker. Die Front ging weiter als alle anderen. Sie hatten Killerkommandos, um ihre Rivalen kaltzumachen. Gegen ihre eigenen Aktivisten konnte auf keinem Polizeirevier eine Anklage eingereicht werden. Wenn ein Reviervorsteher auch nur in einem falschen Tonfall mit einem ihrer Bezirkschefs redete, wurde er degradiert und in irgendein gottverlassenes Polizeirevier mitten in der Wüste versetzt. Ihre Ausschreitungen zu stoppen war vollkommen unmöglich. Die Bezirksbosse erpressten Geld, betrieben Spielhöllen, trugen öffentlich Waffen mit sich, entführten die Töchter anderer Leute … und wir saßen in unseren Polizeistationen und taten nichts.«
Seine Stimme verstummte allmählich, als wäre allein die Erinnerung schmerzvoll. »Ich erinnere mich daran, wie an einem Tag – ich war Diensthabender der Preedy Polizeistation – ein alter Mann hereinkam und weinend berichtete, dass seine Tochter vom örtlichen VF-Bezirksführer entführt worden war, weil dieser ein Auge auf sie geworfen hatte. Der alte Mann saß den ganzen Tag heulend vor mir auf dem Boden der Polizeistation und bettelte uns an, mit ihm mit zu kommen und zu versuchen, seine Tochter davor zu bewahren, vergewaltigt zu werden. Wir wussten sogar, in welchem Raum welchen Gebäudes sie sie vergewaltigten. Aber keiner von uns unternahm etwas, weil sie an der Macht waren. Außer Akbar. Er war der Einzige, der sich ihnen widersetzte.«
Der Major war mittlerweile komplett gefesselt von der Unterhaltung und wollte gerade fragen, was das alles mit Akbar zu tun hatte, als sein Handy klingelte. Der Reaktion des Majors nach zu urteilen war es offenbar Tarkeen, und als der Anruf beendet war, stand er auf.
»Das war Oberst Tarkeen. Ich muss sofort in mein Büro zurückkehren. Ich werde Sie anrufen und Bescheid geben, ob wir ein weiteres Mal mit Akbar reden müssen.« Er war bereits an der Tür, als er sich nochmals zu Constantine umdrehte. »Ich, äh, ich würde mich gerne noch weiter mit Ihnen unterhalten. Vielleicht später, aber ich würde gerne zuhören. Danke.« Er zögerte einen Moment und sah verlegen auf den Boden, als wolle er noch etwas sagen, dann lief er hinaus.
Constantine erweckte den Eindruck, als wäre er gedanklich noch in der Vergangenheit. Er erhob sich halb von seinem Stuhl und brummte einen Abschiedsgruß. Er setzte sich wieder hin und nahm seine Teetasse in die Hand. Er starrte angestrengt in die braune Flüssigkeit, als würde sie ihm ein Zeichen der Erleichterung geben. Aber sie tat es nicht.
Mai 1996
10 Jahre zuvor
Constantine war verdammt schlecht gelaunt. Das schien bei ihm zurzeit der Normalfall zu sein. Er lief aus seiner Dienstwohnung und ließ die schrille Stimme seiner Frau hinter sich zurück, in der Hoffnung, dass er sich draußen besser fühlen würde. Aber das war nicht der Fall. Er verspürte eine Abneigung gegen sich selbst. Er verstand nicht warum, aber das war jetzt schon seit Monaten so. Der Blick in den Spiegel beim Hinauseilen hatte seine Laune nur noch verschlechtert. Er konnte sehen, dass er zugenommen hatte, und auch wenn er auf keinen Fall fett war, hatte er doch nicht mehr den Waschbrettbauch aus Zeiten seiner Hockey-Karriere. Es war schon Jahre her, dass er das letzte Mal Sport getrieben hatte.
Er hatte schon wieder mit seiner Frau gestritten. Worüber, konnte er beim besten Willen nicht sagen. Ohne richtigen Grund schien er Streit mit ihr anzufangen. Dann fühlte er sich den restlichen Tag schlecht, aber er konnte einfach nichts dagegen machen. Sein Vater hatte ihn vor einem Jahr gezwungen, ein nettes christliches Mädchen zu heiraten. Mary war eine tadellos anständige Frau, hübsch genug und nur allzu pflichtbewusst. Sie bemühte sich sehr, mit seiner Familie gut auszukommen. Eine richtige Hausfrau. Aber er hatte sich nie so ganz an das Eheleben gewöhnt.
Sich in seine Arbeit zu verkriechen, sah er nun als Vorwand. Lange Arbeitszeiten und spätabendliche Schichten auf der Wache wurden zu einer Ausrede, um sich von zu Hause fernzuhalten. Constantine war der dienstälteste Beamte auf dem Preedy Polizeirevier. Das an sich war schon eine beachtliche Leistung, denn Preedy war als das lukrativste Revier der ganzen Stadt bekannt, und andere hätten alles dafür gegeben, auch nur für ein paar Monate dorthin versetzt zu werden. Ein kluger Reviervorsteher konnte es leicht zum Millionär bringen, wenn er es schaffte, einigermaßen lange in Preedy im Amt zu bleiben. Constantine wusste, dass er niemals Reviervorsteher werden könnte, weil er keine einflussreichen politischen Kontakte hatte. Aber auf seine ganz eigene Weise war er, wegen seiner Erfahrung und seinen lokalen Verbindungen, unentbehrlich für diejenigen, die die erforderlichen Beziehungen hatten. Schließlich musste ja jemand die Wache leiten, während die Chefs ihren Geschäften nachgingen.
Er hatte in den letzten Jahren gutes Geld gemacht – nichts, was eine verfrühte Pensionierung gerechtfertigt hätte, aber genug, um die Ausgaben einer jungen Familie zu decken. Seine Tochter war jetzt zwei Monate alt, und er musste langsam über ihre Zukunft nachdenken. Allerdings stellte zunehmend nicht einmal mehr Geld einen großen Reiz für ihn dar. Ein Gefühl von Ziellosigkeit nagte an ihm, die drohende Angst davor, seine Jugend verschwendet und jetzt das eintönige Leben danach begonnen zu haben. Sein Job hielt keine Herausforderungen mehr für Constantine bereit. Und nach dem, was vor zwei Tagen passiert war, auch keine Ehre mehr.
Er entschied sich, die kurze Strecke von seiner Wohnung in der Polizeisiedlung zur Station zu Fuß zu gehen. Es war heiß und stickig. Ein Menschenmeer überflutete die Straßen in Karachis Stadtzentrum. Er lief am Elektronikbasar vorbei, wo wohlhabende Geschäftsinhaber gerade erst ihre Läden mit neuen Klimaanlagen und glänzenden Fliesen modernisiert hatten. Sie versuchten, Passanten zu verscheuchen, die Betelsaft auf die frischgestrichenen Wände spuckten. Fliegende Händler, gebeugt unter ihren Tragekörben, boten vorbeigehenden Kunden alles denkbare Handy-Zubehör an. Hinter den Elektrogeschäften überquerte er die Kreuzung, an der der alte Bücherbasar auf den Reifenmarkt trifft. Bridgestone-Radialreifen aus Metall wurden neben abgenutzten Ausgaben von Jane Austens kompletten Werken verkauft. Die Lebendigkeit der Stadt zu dieser Stunde faszinierte Constantine immer wieder, und er stand normalerweise einfach nur eine Minute lang da und atmete den Ozondunst ein. Es war der Geruch des Fortschritts, hatte der Reviervorsteher, der ihn gefördert hatte, zu sagen gepflegt. Heute blieb er nicht stehen, und als er das Thana betrat, um seine Schicht anzutreten, grüßte ihn der Beamte, den er gleich ablösen würde.
»Ach, Consendine Sahib, 30 Minuten zu früh? Ich habe damit gerechnet, dass du heute spät kommst. Hat die Naika kein heißes Date für dich arrangiert?«
»Ich bin nicht hingegangen. Ich war nicht in der Stimmung dazu, Ali Hasan.«
Sub-Kommissar Ali Hasan verzog das Gesicht. »Also, Sahib, genau das ist es, wenn die Engländer sagen, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Erst arrangiert die Naika, die Madame und mächtigste Person unseres Viertels, ein kostenloses Mädchen für dich. Und dann machst du dir nicht einmal die Mühe, hinzugehen, weil du sagst, du wärst nicht in Stimmung gewesen? Sahib, ich bin hier jetzt schon sechs Monate, und ich warte immer noch auf den Tag, an dem die Naika mir ein kostenloses Mädchen anbietet. Ich kann mich nicht mal offen beschweren, sonst wird sie wütend und stoppt ihre monatlichen Zahlungen. Immerhin ist sie der Garant dafür, dass es uns wirtschaftlich gut geht. Wenn sie zu unserer Wache kommt, um über die Monatsrate für die Bordelle zu verhandeln, müssen wir Normalsterblichen unsere Blicke senken und ›Respekt‹ zu ihr sagen wie Moghul-Höflinge. Aber du? Du bist ihr Lieblings-Sub-Kommissar. Du bist von der ganzen Arschkriecherei ausgeschlossen. Ich wette, sie hat dir schon mehr Weiber angeboten als dem Revierchef.«
»Aber nur, weil ich hier schon so lange bin und sie schon kannte, bevor sie überhaupt die Naika wurde. Ich bin sicher, sie macht es nur aus Mitleid wegen meiner armseligen Karriereaussichten.«
»Ach Sahib, lass es gut sein. Weißt du, wie viele Male ich draußen vor dem Bezirksbüro sitzen musste, um hierher versetzt zu werden? Während der Rest von uns dem einen oder anderen Empfehlungsschreiben nachläuft, hast du in diesem Thana jahrelang deinen Spaß gehabt, weil jeder weiß, dass der Revierleiter nicht in der Lage wäre, das Viertel ohne dich in den Griff zu kriegen. Sahib, du bist bei den leitenden Beamten hoch angesehen, sogar die Partei hat einen guten Eindruck von dir. Letzte Nacht bin ich beim Bezirksbüro vorbeigegangen, um meine Aufwartung zu machen, und der Bezirksleiter erzählte einem der VF-Minister, dass du ein sehr anständiger Mann seist. Wenn du nur meinen Ratschlag beherzigen und mal mit mir mitkommen würdest, um ihn zu treffen, würde er dich noch in derselben Woche zum Stationschef befördern.«
»Ich habe dir schon mal gesagt, dass das nichts für mich ist. Ich will nichts mit der Vereinigten Front oder deren Bezirksbossen zu tun haben. Ich bin zufrieden damit, wo ich stehe, Ali Hasan. Jetzt sag mal, wo ist der Reviervorsteher?«
»Wie du willst, Sahib. Aber ich sage dir eins. Der Chef ist so gut wie raus. Ein kluger Mann würde das ausnutzen. Er wurde ins Bezirksbüro gerufen. Offensichtlich mochte die Partei die Unruhe nicht, die verursacht wurde, als vor ein paar Tagen der alte Mann kam, um nach seiner Tochter zu suchen. Gestern beging die Kleine Selbstmord, und das hat einen gelinden Skandal verursacht. Der Vater schrie und beschimpfte den Don auf der Beerdigung. Ich glaube, eine der Zeitungen hat auch was von der Geschichte mitbekommen und darüber geschrieben. Deswegen waren ihre Jungs heute früh auf den Straßen unterwegs, um alle Kopien der Zeitung zu konfiszieren. Auf jeden Fall sind sie nicht glücklich darüber, wie der Chef mit der Situation umgegangen ist.«
Constantine starrte Ali Hasan ausdruckslos an und lächelte dann zynisch. »Was zur Hölle haben sie denn von uns erwartet? Sie haben das Mädchen nach Lust und Laune vergewaltigt, wir haben sie nicht aufgehalten. Wir saßen hier wie ein Haufen Weicheier! Was soll der Reviervorsteher denn noch machen, damit diese Leute zufrieden sind? Wollten sie, dass wir mitmachen?«
»Consendine Sahib, wie hätten wir eingreifen sollen? Sie hatten sie mit in ihr Bezirksbüro geholt. Sie wissen, dass ihre Jungs für uns tabu sind. Jedenfalls sagen die Bezirkstypen, dass der Chef dem Vater nicht hätte erlauben sollen, den ganzen Tag auf der Wache rumzuhängen. Das hat nur Aufmerksamkeit auf die Situation gelenkt. Er hätte den Alten schon lange, bevor es Abend wurde, rausschmeißen sollen. Sie sagen, dass sie den Reviervorsteher genau aus diesem Grund hierher versetzen ließen – damit er Situationen wie diese in den Griff bekommt.«
»Oh, verstehe. Es war unangenehm, dass der alte Mann um das Leben seiner Tochter bettelte, nicht wahr? Was ist mit unserem Job als Polizeibeamte?«
»Consendine Sahib, jetzt benimmst du dich wie ein Kind. Sie sind an der Macht, und wir müssen uns nach denen richten, die an der Macht sind. Denkst du, mir hat der alte Mann an diesem Tag nicht leid getan? Natürlich hat er das. Wir alle haben Töchter, Schwestern und Ehefrauen. Aber wir bleiben still, weil wir nicht wollen, dass das, was seiner Tochter passiert ist, unseren Lieben passiert. Unsere Pflicht ist es, der herrschenden Partei zu gehorchen, nicht dem Gesetz. Und der Don und seine Bezirksleiter regieren diese Stadt. Wer sind wir, sie zurechtzuweisen?«
»Ja, der große Don kontrolliert diese Stadt von Amerika aus, aber er getraut sich nicht, einen Fuß hinein zu setzen.«
