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In Norwegen, um das Jahr 1800, träumt der junge Lars Olsen Hoem davon, Skipper auf seinem eigenen Schiff zu werden. Doch Krieg und gesellschaftliche Lage vereiteln es. Er muss als Matrose in die Seeschlacht um Kopenhagen und gerät später für Jahre in Kriegsgefangenschaft. Dort trifft er auf einen Geigenbauer, der sein Wissen an ihn weitergibt. Dieses und die Musik, die in seinem Innern klingt, helfen ihm, zu überleben. Nach seiner Rückkehr wird er Geigenbauer in Kristiansund und führt mit seiner Frau Gunhild und sieben Töchtern 25 Jahre lang ein glückliches Leben. Mit dieser berührenden Geschichte eines seiner Vorfahren erzählt Edvard Hoem eine Biografie, in der Musik der Lebensanker ist, und eine zarte Liebesgeschichte, die dieses Leben zum Leuchten bringt.
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Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2022
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EDVARD HOEM
DER GEIGENBAUER
Roman
Aus dem Norwegischen von Antje Subey-Cramer
Urachhaus
Cover
Titel
Über das Buch
Über den Autor
An die Leserin, an den Leser
Erstes Kapitel: Ausreise
Zweites Kapitel: Der Marsch
Drittes Kapitel: Die Schlacht
Viertes Kapitel: Das Getreide
Fünftes Kapitel: Das Gefangenenschiff
Sechstes Kapitel: Das Wiedersehen
Siebtes Kapitel: Nachkriegsjahre
Achtes Kapitel: Die erste Geige
Neuntes Kapitel: Das Haus in Smedvika
Zehntes Kapitel: Die Klippfischfelsen
Elftes Kapitel: Der Witwer
Zwölftes Kapitel: Die Meistervioline
Nachwort
Impressum
An der Westküste Norwegens, um das Jahr 1800, träumt der junge Lars Olsen Hoem davon, Skipper auf einer eigenen Schute zu werden. Doch Krieg und Seeblockaden machen den Traum zunichte. Er muss als Matrose in die Schlacht vor Kopenhagen ziehen und gerät später in englische Kriegsgefangenschaft. Dort kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung: Er trifft auf einen französischen Geigenbauer, der sein Wissen an ihn weitergibt. Diese Kunst und die Musik, die in seinem Innern klingt, helfen Lars, die Jahre der Gefangenschaft zu überleben. Als er zurückkehrt, wird er Geigenbauer in Christiansund und führt mit seiner Frau Gunhild und sieben Töchtern ein Leben, auf das er in Dankbarkeit blickt.
Edvard Hoem erzählt die dramatische und berührende Geschichte eines seiner Vorfahren und macht ein Jahrhunderte entferntes Leben in all seinen Schwingungen erlebbar.
Der Geigenbauer Lars Olsen Hoem wurde 1782 in Hoem im Romsdal geboren und starb 1852 in Christiansund. Von den mehreren hundert Geigen, die er ab 1820 baute, gibt es heute noch rund dreißig, einige im Ringve Museum in Trondheim, andere in Privatbesitz.
»Edvard Hoem hat sich mit Der Geigenbauer
fast selbst übertroffen. Ich zögere nicht,
dies ein Meisterwerk zu nennen.
Der schönste Roman des Herbsts!«
Jan O. Helgesen, Netavisen / Oslo
Edvard Hoem, geb. 1949 in der Nähe von Molde, ist einer der führenden norwegischen Schriftsteller. Seit fünf Jahrzehnten veröffentlicht er Romane, Dramen, Gedichte und Übersetzungen, für die er u.a. mit dem renommierten Ibsen-Preis ausgezeichnet wurde. 2020 wurde er für seine Verdienste um die norwegische Literatur zum Kommandeur des Sankt-Olav-Ordens ernannt und avancierte in den letzten Jahren mit seinen historischen Romanen zum Bestseller-Autor. Im Verlag Urachhaus ist mit Die Hebamme bereits einer seiner Romane erschienen.
WENN ICH NUN ein weiteres Mal darangehe, über etwas zu schreiben, was sich vor langer Zeit in einem westnorwegischen Küstenlandstrich ereignet hat, dann tue ich das, um einem Mann ein Gesicht zu geben, der dort vor zweihundert Jahren gelebt hat. Den Hintergrund bilden die spärlichen Geschichten, die mein Großvater in meiner Kindheit erzählte.
Lars Olsen Hoem (1782–1852) träumte in seiner Jugend davon, auf einer eigenen Schute über die Meere zu kreuzen, doch seine Jugend verflüchtigte sich während der Napoleonischen Kriege und des fünf Jahre andauernden Aufenthalts auf einem britischen Gefangenenschiff.
Als Lars im Jahre 1814 endlich freigelassen wurde und an die Tür seines Elternhauses klopfte, erkannte die Familie den bärtigen Mann, der ein Nachtlager begehrte, nicht wieder. Sie baten ihn, zum Nachbarhof zu gehen und dort Zuflucht zu suchen.
»Bekomme ich kein Obdach, dann nehme ich mir Obdach!«, sagte Lars. Damit stieg er zum Dachboden hinauf, wo er schon als Kind geschlafen hatte, und fiel in einen tiefen Schlaf.
Als er morgens erwachte, saß der Vater an seinem Bett, sah ihn an und sagte: »Bist du etwa mein Sohn Lars?«
»Wer sollte ich sonst sein?«, fragte Lars. »Frohe Weihnachten und Guten Morgen, Vater!«
Quelle est cette odeur agréable,
Bergers, qui ravit tous nos sens?
S’exhale t’il rien de semblable
Au milieu des fleurs du printemps?
Quelle est cette odeur agréable
Bergers, qui ravit tous nos sens?
Was ist das für ein Duft, ihr Hirten,
der unsere Sinne sanft betört?
Duften so nicht volle Gärten,
von Frühlingsblütenpracht geziert?
Was ist das für ein Duft, ihr Hirten,
der unsere Sinne sanft betört?
Französisches volkstümliches Weihnachtslied, Urheber unbekannt, gesungen auf eine Melodie aus John Gays: The Beggar’s Opera, 1728.
NOCH LANGE, nachdem Lars Olsen Hoem sein Elternhaus verlassen hatte, konnte er das Bild eines Bauernhofes auf einer Anhöhe im Ytre Romsdal heraufbeschwören samt derer, die dort lebten.
Von dem Hügel, auf dem der Hof lag, konnten sie den westlichen Himmel sehen, der ihnen darüber Auskunft gab, wie das Wetter am nächsten Tag werden würde. Der Wind konnte eiskalt sein, winters wie sommers, andererseits waren die Konturen der Landschaft so fein gezeichnet, dass bei trockenem Wetter und im Sonnendunst eine träumerische Stimmung auf ihr lag. An windstillen Herbsttagen konnte man erleben, dass sich kein einziger Halm rührte, doch in den Wochen nach Weihnachten stürmte es zuweilen so sehr, dass die Häuser knarrten und gewaltige Bäume sich bogen. Unter funkelnden Sternenhimmeln wirkten manche Winterabende wie verzaubert, und wenn der Frühling kam, zitterte die Landschaft von Grün. Dann kam der Sommer mit seinen taghellen Nächten, und keiner konnte mehr verstehen, wie es ihnen je hatte einfallen können, an einem anderen Ort leben zu wollen.
So innig verbunden wie Lars mit dieser Landschaft schien, wenn er darüber sprach, so verwunderlich wirkte es, dass er sich dort nicht niedergelassen hatte. Auf die Frage einer seiner Töchter, die ihn im Alter besuchte, antwortete er, es sei dort unfrei. Als die Tochter wissen wollte, was er mit diesem Ausdruck meine, sagte er, das ganze Land sei unfrei, und er fügte hinzu, dass nicht alle, die fortgingen, wieder den Weg nach Hause fänden. Letzteres hing mit einem Vorfall zusammen, der sich in seiner allernächsten Familie ereignet hatte.
SEIN LETZTES WEIHNACHTEN verbrachte Lars mit dreien seiner sieben Töchter, und er sprach über vieles, was er ihnen nie zuvor erzählt hatte – als ahnte er, dass er nicht ewig leben würde. Aus irgendeinem Grund kam er immer wieder auf ein Erlebnis zurück, das er als Vieroder Fünfjähriger hatte. Damals war ihm klargeworden, dass nicht alles in seiner kleinen Welt so war, wie es sein sollte. Es musste ein Julitag gewesen sein, denn die Knechte hatten auf dem Hofplatz Gras gemäht und es früh am Nachmittag zu Haufen aufgeschichtet, als erwarteten sie Regen. Lars war auf eine kleine Felskuppe mit Wachholderbüschen geklettert, um mit einem Kescher, den sein Bruder Pe ihm gemacht hatte, Schmetterlinge zu fangen. Doch die leichten, gaukelnden Wesen waren zu schnell für ihn. Schließlich war er es leid und wollte herunterklettern.
Bevor er so weit kam, erblickte er seine Eltern. Sie kamen jeder von einer anderen Seite auf den Hofplatz. Der Vater kam den Weg vom Meer herauf, der hinunter zum Bootshaus führte. Er trug ein graues Leinenhemd, Lodenhosen und Holzschuhe an den Füßen. Lars dachte, dass er einen gutaussehenden Vater hatte, auf den er stolz war; auch wenn er oft erlebt hatte, wie wütend sein Vater werden konnte, wenn etwas nicht so lief, wie er es wollte. Das Gesicht seines Vaters war nach den vielen Arbeitstagen draußen gebräunt, und der Schweiß tropfte ihm vom Kinn. Er ging zu einem Holzbottich mit Wasser, der vor der überdachten Außentür stand, tauchte seine Hände in den Bottich und wusch sich Kopf und Hals.
Die Mutter trat vor die Küchentür des Hauses, das sie später altes Haus nennen sollten, wie immer adrett gekleidet – in weißer Leinenbluse und Rock. Sie war dünn, und ihre Haare wurden langsam grau, aber man konnte immer noch sehen, dass sie einmal sehr schön gewesen war. Sie sang ein Bänkellied – wie sie ständig irgendeine Melodie vor sich hin summte. Als ihr Blick auf ihren Mann fiel, verstummte sie. Dann sagte sie: »Da bist du ja!«
»Wo sollte ich sonst sein?«, fragte der Vater. Er stand breitbeinig da und starrte über den Fjord.
»Ich habe mich gefragt, wo du abbleibst!«, erwiderte die Mutter. »Es ist schon lange Vesperzeit!«
»Ich lass doch die Arbeit nicht halb fertig liegen«, sagte der Vater. »Ob nun Vesperzeit ist oder nicht!«
»Aber was hast du so lange gemacht?«
»Ich habe das Boot geteert«, antwortete der Vater. »Dafür ist jetzt die Zeit.«
»Du hättest sagen können, was du vorhast«, sagte die Mutter.
»Hättest du nicht eines der Kinder schicken können, wenn du etwas von mir willst?«
»Ich dachte, du würdest Hunger bekommen und von selbst nach Hause kommen«, erwiderte die Mutter.
Der Vater machte sich nicht die Mühe, darauf zu antworten. Der Fünfjährige spürte eine innere Unruhe im Bauch, die er zuvor nicht bemerkt hatte. Er beschloss, keine Angst zu bekommen. Alles schien doch reine Idylle. Der Himmel war hellblau mit kleinen Wölkchen. Es war nichts anderes zu sehen als Wohlbekanntes und Vertrautes.
Da bemerkte Lars Pe, vierzehn Jahre älter als er selbst und zudem sein großer Held, denn Pe steckte voller Einfälle, die den kleinen Bruder erfreuten. Pe stand an der Hausecke und beobachtete seine Mutter und seinen Stiefvater. Sein Gesicht war wie versteinert, als habe er das Lachen verlernt. Die ganze Situation löste einen Misston aus, der Lars ins Herz schnitt. Er hielt sich die Ohren zu. Doch dann kam seine Mutter. Sie ahnte, dass etwas in ihm vorging. Sie trug ihn den Hügel hinunter, und als sie gegessen hatten, nahm sie ihn auf den Schoß und sang ihm etwas vor. Das hatte sie an fast jedem Tag getan, seit er auf die Welt gekommen war, und so dämpfte sie die angstvolle Unruhe, die bald darauf die Familie prägen sollte.
In den folgenden Wochen und Monaten versuchte Lars dahinterzukommen, was nicht in Ordnung war, aber es gelang ihm nicht. Im selben Herbst tauchte auf dem Bortegarden eine neue Magd auf. Daran war nichts Merkwürdiges. Die Mägde wechselten ihre Dienstherren häufig – sobald eine Magd nach einiger Zeit kündigte und ihres Weges ging, kam eine neue. Diese hier hieß Siri Jonsdatter, erzählten ihm die Erwachsenen, und kam von jenseits des Gebirges. Sie war groß gewachsen und hellhäutig, hatte ein rundes, offenes Gesicht, lachte gern und ging unbeirrt ihren Weg. Lars mochte sie sehr gern, denn sie gehörte zu denen, die ihn ruhig ansahen und ihm zuhörten, wenn er mit ihnen redete. Lars bemerkte, dass sein Halbbruder Pe gute Laune bekam, wenn er mit Siri zusammenarbeitete, und es schien, als mochte sie Pe. Kurz vor Weihnachten verschwand sie plötzlich, und Lars begriff nichts. Als er seine Mutter fragte, erwiderte sie: »Siri wollte nicht mehr bei uns bleiben.«
»Aber warum wollte sie das nicht?«
»Sie musste nach Hause und ihren Eltern helfen«, antwortete seine Mutter.
Lars war sich zum ersten Mal nicht sicher, ob seine Mutter die Wahrheit sagte.
Kurz darauf kam ein ernst aussehender Mann aus dem Nachbarort, um ein Wort mit Lars’ Vater zu sprechen. Als sein Vater fragte, in welcher Angelegenheit, erwiderte dieser: »Es handelt sich um deinen Stiefsohn, Pe.«
Der Vater ging hinaus, um mit dem Fremden unter vier Augen zu sprechen. Als er wieder hereinkam, war er ebenso ernst wie der Gast. Lars fragte, was los sei, doch der Vater antwortete nur, es gebe viele Dinge, die ein Fünfjähriger noch nicht verstehen könne.
Lars traute sich nicht, weiter zu fragen, aber er dachte bei sich, dass keiner etwas Böses über seinen großen Bruder sagen dürfe.
Und eines Abends, nachdem er zu Bett gegangen war, hörte Lars, wie sein Vater und Pe harte Worte wechselten.
Erst als Lars ungefähr sieben war und wissen wollte, was es mit all der Aufregung um Pe auf sich hatte, nahm die Mutter ihn zur Seite und erzählte ihm die ganze Geschichte. Sie war vorher schon einmal verheiratet gewesen, erzählte sie, mit einem Ole Olsen, der der Vater von Pe war, und mit diesem ersten Mann bekam sie insgesamt vier Söhne. Doch als Pe sechs Jahre alt war, stahl sich die Krankheit, die man Scharlachfieber nennt, in ihr Haus, und innerhalb weniger Wochen verlor Gjertrud sowohl den Ehemann als auch drei ihrer Söhne, die damals neunzehn, zwölf und vier Jahre alt waren. Sie blieb mit Pe allein zurück.
»Ich habe die ganze Arbeit, drinnen und draußen, nicht allein geschafft«, gestand die Mutter. »Bevor ein Jahr vergangen war, habe ich deinen Vater getroffen und ihn geheiratet.«
Nach und nach begriff Lars die Zusammenhänge. Pe erbte die Hälfte des Bortegarden, wie das Gesetz es vorschrieb, einen Teil des Hofes, der seither Nordgarden, Nordhof, genannt wurde, doch Lars’ Mutter und Vater hatten bestimmt, dass er nicht den Haupthof bekommen sollte – das Haus, in dem sein Geschlecht mehr als zweihundert Jahre lang gewohnt hatte. Es war der älteste Sohn des neuen Ehemanns, Ola, der den Hauptteil des Hofes übernehmen sollte, wenn Ole Pedersen und Gjertrud den Hof nicht mehr selber bewirtschaften konnten.
LARS OLSEN HOEM, wie er sich später schrieb, war der jüngste Sohn von Gjertrud Knudsdatter und Ole Pedersen. Als Lars zur Welt kam, war seine Mutter einundfünfzig Jahre alt. Schon als Kind war Lars von kräftigem Wuchs, und seine Eltern erinnerten sich häufig daran, dass er mit zehn Monaten laufen konnte. Als er größer wurde, stellten sie fest, wie geschickt er mit seinen Händen war. Wie andere Jungen auch bekam er früh sein eigenes Messer und konnte bald Tierfiguren schnitzen. Die Figuren stellte er in einer Reihe auf, die Köpfe alle in die gleiche Richtung gedreht, als lauschten sie einer Musik. Als Nächstes schnitzte Lars Buchstaben aus Holz, die er zu Wörtern zusammensetzte. Es gab viele, die bemerkten, wie geschickt der Kleine war. Das meiste Lob bekam er von Pe, der auf seinen kleinsten Bruder stolz war, weil dieser so viele Einfälle hatte und so rasch denken konnte. Pe selbst war nicht so klug, aber er war stark – er trug Lars gerne auf seinen Schultern, wenn er auf dem Hof umherlief, und fragte ihn währenddessen das Kleine und Große Einmaleins ab. Lars konnte beides auswendig, noch bevor er zehn Jahre alt war. Pe dachte sich Rätsel für seinen jüngsten Bruder aus und schüttelte ihn heftig, wenn er ein seltenes Mal falschlag. Im Gegenzug schlug Lars Pe auf den Kopf, bis dieser versprach aufzuhören. All das zeugte von einer Freundschaft, von der beide glaubten, sie werde ein Leben lang halten.
Die Stimmung zwischen Pe und dem anderen Bruder, Ola, war nicht annähernd so gut. Pe lobte alles, was Lars sagte und tat, doch über Ola hatte er nicht viel Gutes zu sagen. Sie hatten eine Schwester, Mari, die zwei Jahre älter war als Ola und sechs Jahre älter als Lars. Sie ging dazwischen, wenn die Brüder sich in die Haare gerieten, und erinnerte sie daran, dass sie trotz allem Brüder waren. Es half nicht viel. Pe übersah Ola, nahm Lars aber gerne mit, wenn er zum Fischen hinaus auf den Fjord fuhr oder auf einen Schwatz bei den Nachbarn vorbeisah, denn Lars hatte eine lebhafte Fantasie und gab so schlaue Antworten, dass es in seiner Gesellschaft immer lustig war.
»Bald ist Lars genauso groß wie du«, sagte Pe zu Ola, »und wenn er erwachsen ist, ist er einen Kopf größer! Lars hätte den Hof bekommen sollen, dann hätte alles seine Ordnung gehabt, denn Lars hat sowohl Geschick als auch Verstand – mit beidem bist du nicht besonders reichlich gesegnet!«
VIELLEICHT war es nicht immer von Vorteil, der Jüngste zu sein und Talent zu haben, denn Lars wurde eigensinnig und begann denen zu widersprechen, auf die er hätte hören sollen. Seine Geschwister fragten sich, was aus einem Jungen werden sollte, der solche Schwierigkeiten damit hatte, sich einzufügen.
Im Frühling des Jahres, in dem Lars im Herbst neun Jahre alt werden sollte, kam eine neue Magd ins Haus. Sie hieß Guri Sachariasdatter. Die Eltern und Geschwister lachten über ihn, weil er so vernarrt in sie war, dass er alles tat, worum sie ihn bat, und nicht von ihrer Seite wich, wo auch immer sie ging und stand. Guri war sechsundzwanzig Jahre alt, hatte aber keine eigenen Kinder, deshalb liebte sie Lars über alles in der Welt. Sie hatte blaue Augen, die munter funkelten, wenn sie sich über etwas amüsierte, und über die sich ein Schleier legte, wenn sie sich fortträumte. Lars saß auf ihrem Schoß, bis er zu schwer wurde. Er schnupperte an ihr und empfand dabei ein süßes Beben, das er nicht verstand. Guris Haut hatte von der vielen Arbeit draußen eine frische Farbe; sie hatte goldbraune Haare und einen vollen Busen, weshalb junge Männer ihre Nähe suchten. Doch wenn sie ihr zu nahe kamen, wies sie sie mit einem Lachen ab, als sei sie schon längst versprochen. Sie brachte Lars bei, Vogellaute nachzuahmen, was er bald ebenso gut beherrschte wie sie. Sie erzählte von den Unterirdischen, und er ließ sich in die wildesten Fantasien hineinlocken.
Wenn er und Pe mit Guri allein waren, fand Lars, das Leben könne nicht schöner sein. Es war ein langer und herrlicher Sommer. Wenn Guri die Kühe vom Weiden nach Hause trieb, war Lars dabei. Die Kühe kamen mit bimmelnden Glocken in Reih und Glied, und dann wurden sie von Guri im Melkstand gemolken. Eines Abends kam Pe, um die Milch nach Hause zu tragen, und sagte: »Können wir uns nicht eine Weile hinsetzen und den Sonnenuntergang ansehen?«
Er hatte recht, das Sonnenlicht färbte den ganzen Himmel rot. Neben dem Melkstand stand eine grob gezimmerte Bank; dort stellten sie immer die Milchbottiche ab. Nun hob Pe diese herunter, und sie setzten sich. Und so saßen sie da – Lars und Pe, Guri zwischen sich – und betrachteten die Abendsonne über dem Fjord und den Inseln. Lars konnte gut verstehen, dass Pe Guri mochte, und er war froh, dass auch Guri Pe mochte. Nicht ganz so froh war er, als Pe einen Arm um Guris Taille legte und sie ein wenig zu sich herzog. Lars überlegte kurz und tat dann das Gleiche. Da lachte Pe, aber sein Lachen verstummte, als Guri ihren Arm um Lars legte. Dann lachte sie ein bisschen und legte den anderen Arm um Pe. So saßen sie eine ganze Weile da, und kein Wort wurde gesagt. Schließlich löste sich Pe aus der Umarmung und sagte: »Nein, jetzt muss die Milch nach Hause!«, und dann ging er, in jeder Hand einen Milchbottich. Guri und Lars kamen hinterher. Guri hielt Lars an der Hand, und da wurde ihm der Heimweg nie zu lang.
ALS DER HERBST KAM, war Pe dreiundzwanzig Jahre alt und damit ein erwachsener Mann. Er hatte den Hofteil noch nicht übernommen, den er von seinem Vater geerbt hatte und den er nach dem Gesetz übernehmen sollte, sobald er mündig war – bis dahin waren es immer noch zwei Jahre. Der Stiefvater bewirtschaftete auch diesen Hofteil mit, und Pe arbeitete als Knecht für ihn, doch bisher hatte er für seine Tätigkeit nichts anderes erhalten als Kost und Kleidung. Nun wollte er woanders einen Dienst antreten, und das sagte er seinem Stiefvater geradeheraus.
»Vielleicht fahre ich im Winter zum Fischen zu den Inseln hinaus!«
»Das kannst du nicht. Du musst mir dabei helfen, Steine herbeizuschaffen, damit wir die Mauer für unser neues Haus fertigbekommen«, sagte der Stiefvater.
»Es ist an der Zeit, dass ich selbst ein paar Taler verdiene!«, erwiderte Pe. »Bald muss ich mich um ein eigenes Haus und eine eigene Scheune kümmern!«
»Das kann bis zum nächsten Winter warten«, antwortete der Stiefvater. »Es ist zwei Jahre her, dass wir das Holz geschlagen haben, wir müssen zum Sommer also erst das neue Haus errichten.«
Dieser Plan war schon vor langer Zeit beschlossen worden – bevor Pe groß genug war zu widersprechen. Im Gegenzug sollte Pe die Grundmauer der alten Scheune bekommen, wenn Ola eine neue Scheune bauen konnte. – So wurde es gemacht. Bevor der Schnee kam, kennzeichneten sie Steine, die sie für die Grundmauer verwenden wollten. Dann feierten sie Weihnachten und sprachen davon, dass es das letzte Weihnachtsfest im alten Haus war. Es wurden Extrarunden Bier und Schnaps ausgegeben, auch an die Bediensteten, und Pe tanzte der Reihe nach mit den Mägden, obwohl sie keine andere Musik hatten als Ole Pedersen, der lachend dasaß und den Takt klatschte.
SOBALD es die Schneedecke im Januar zuließ, transportierten sie mit dem Schlitten Steine an die Stelle, wo das neue Haus gebaut werden sollte. Obwohl es zwischen dem Stiefvater und Pe knirschte, arbeiteten sie gut zusammen. Sie wetteiferten bei allem, was sie gerade taten, und Ole Pedersen vertrug es gut, dass ihm der Stiefsohn voraus war. Alles musste innerhalb kurzer Zeit geschehen. Der Sommer mit der Feldarbeit stand vor der Tür. Als die Tage wärmer wurden, errichteten sie die neue Grundmauer. Das war eine Arbeit, die sehr genau gemacht werden musste, und Lars’ Vater sagte zu Pe, nun könne er viel lernen, was ihm später zugutekäme, wenn er einmal sein eigenes Haus bauen werde.
Den eigentlichen Bau des neuen Hauses auf dem Bortegarden sollten Ole Pedersen und Pe nicht selbst übernehmen. Als die Mauer fertig war, kamen Zimmerleute aus dem Gudbrandsdal, dem Oppland, die man opplendingar nannte. Die begannen damit, in Blockbauweise Lage für Lage das Haus zu errichten. Wenn Guri vorbeiging, riefen die jungen Kerle ihr Scherzworte hinterher. Lars kam der Gedanke, dass Guri vielleicht mit einem von ihnen zusammenkommen werde, denn obwohl sie hübsch anzusehen war, hatte sie keinen Liebsten. Das machte Lars eifersüchtig. Er maß sich mit den Oppländern im Armdrücken und gewann gegen beide. Daraufhin meinten sie: »Er ist unglaublich stark! Was aus ihm wohl mal werden wird, wenn er groß ist?«
Keiner der Oppländer kam mit Guri zusammen, obwohl sie jedes Mal, wenn sie sie sahen, Tanzschritte vollführten. Einer von ihnen wollte Guri mit zu seinem Hof nehmen, damit sie sich all die Lämmer dort ansehen konnte, aber Guri lachte nur. Stattdessen bemerkte Lars, dass zwischen Guri und Pe etwas im Gange war. Er versteckte sich, als Guri und Pe unter sich waren, um sie zu belauschen. Pe fluchte, weil er die Arbeit eines erwachsenen Mannes tun musste, dafür aber nur die Kost als Lohn erhielt. Schließlich sagte er zu Guri: »Ist irgendetwas mit dir los, oder ist alles in Ordnung?«
Guri wandte sich ab, als sei sie in Gedanken woanders. Als sie sich wieder zu Pe umdrehte, sah Lars, dass sie traurig war.
»Ich bin genauso wie vor Weihnachten«, antwortete Guri. Dann lachte sie, aber es war kein frohes Lachen.
»Bist du sicher?«, fragte Pe.
ESWAR DER DRITTE SONNTAG nach Ostern, der dieses Jahr auf den 29. April fiel. Lars war noch keine zehn Jahre alt, aber er hatte im Almanach gelesen und herausgefunden, welcher Sonntag es war. An diesem Sonntag war in der Kirche in Vaagø kein Gottesdienst, deshalb versammelte sich um elf Uhr die Hausgemeinschaft, damit Ole Pedersen ihnen aus der Hauspostille vorlesen konnte. Irgendetwas war geschehen, denn der Vater war ungewöhnlich ernst, als er hereinkam, doch das bekam Lars anfangs gar nicht mit. Er saß mit seinem Messer in der Stube und schnitzte an einem Holzklotz. Als der Vater sah, womit Lars beschäftigt war, blieb er jäh stehen. Sein Gesicht wechselte die Farbe. »Was sehe ich da?«
»Dass ich einen Bärenkopf schnitze«, antwortete Lars.
»Willst du wohl augenblicklich das Messer beiseitelegen – es ist Sonntag!«
Am Tonfall des Vaters erkannte Lars, dass er besser gehorchen sollte, und steckte das Messer rasch weg. Gleich darauf trat Guri ein, hochrot im Gesicht. Es sah aus, als hätte sie geweint. Dann kamen Ola, Mari, Lars und das Hausmädchen Marit, um ebenfalls zuzuhören. Lars’ Blick fiel auf seine Schwester Mari, die achtzehn Jahre alt war und jetzt im Frühling eine Stellung antreten sollte. Sie war immer zu Hause gewesen. Aber nun würde sie fortgehen, wenn auch nur ins Nachbardorf. Saß sie deshalb so unruhig auf ihrem Platz, wickelte Haarsträhnen um den Finger und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen? Oder war noch etwas anderes vorgefallen? Lars war es nicht gewohnt, mit irgendetwas hinter dem Berg zu halten, und fragte, was mit ihr los sei. Es war höchst unpassend, Leuten derart nahezutreten, jedenfalls wenn andere zuhörten. Die Mutter warf Lars einen tadelnden Blick zu – sie meinte wohl, alles müsse eine Grenze haben, sogar für Lars, wenn er sah, dass es jemandem nicht gut ging.
Der Knecht Ole Andersen war ebenfalls gekommen. Der Vater wartete noch eine Weile mit dem Lesen, doch Pe kam nicht. Der Vater fragte: »Weiß irgendjemand, wo Pe ist?«
»Er sitzt im Schlafhaus und starrt Löcher in die Luft«, sagte Ole Andersen. Das Schlafhaus, sengebua, war ein Gebäude, in dem die Bediensteten schliefen – in einem breiten Bett die jungen Frauen, in einem anderen die Männer.
»Geh und hol ihn!«
Ole Andersen verschwand und kam schließlich unverrichteter Dinge wieder zurück.
»Pe wollte nicht mitkommen«, sagte er.
Guri murmelte etwas, und Ole Pedersen fragte: »Was ist hier los?«
Es wurde still wie in einem Grab. Dann räusperte sich der Vater und begann vorzulesen. Es dauerte fast eine Stunde. Erst als das Hausmädchen Marit begann, das Abendessen herzurichten und Ole Pedersen den Lohn an seine Bediensteten austeilte, tauchte wie aus dem Nichts Pe auf. Er kam in die Stube hereingeschlendert und sagte: »Ach, hier sitzt ihr herum und faulenzt?«
»Es ist Sonntag«, sagte sein Stiefvater. »Darf ich fragen, wo sich der Herr herumgetrieben hat?!«
»Überall und nirgendwo!«, erwiderte Pe.
Alle sahen, wie wütend der Vater war. Er schwankte vor und zurück und atmete schwer, bis er sich wieder unter Kontrolle hatte. Statt Pe anzuherrschen, sagte er mit seiner freundlichsten Stimme: »Sobald wir das Grasdach auf dem Haus haben, solltest du dir einen anderen Ort suchen, wo du wohnen kannst – da es dir doch so sehr widerstrebt, mit uns anderen zusammen zu sein.«
»Wenn man mich rauswirft, bekomme ich vielleicht ausbezahlt, was mir noch zusteht!«, sagte Pe.
»Es erfordert viel, ein neues Haus zu bauen«, antwortete der Vater mit freundlicher Stimme. »Nun habe ich den Bediensteten gerade ihren Lohn ausgezahlt, und ich scheiße kein Geld, aber wenn es so weit ist, sollst du bekommen, was dir zusteht.«
Er zog seine Geldbörse hervor, zeigte, dass sie leer war, und knallte sie auf den Tisch.
»Ich habe Kopfschmerzen«, sagte die Mutter und ging hinaus.
»Meine Geldbörse ist so schmal, dass ich nichts erreichen werde, wenn ich nicht bald einen Knechtslohn bekomme«, sagte Pe. Er zog seine Geldbörse heraus und knallte sie ebenfalls auf den Tisch. »Nun gehe ich ins Bett, dann kannst du bis morgen darüber nachdenken«, sagte er zu seinem Stiefvater.
»Ich gehöre nicht zu denen, die sich umentscheiden«, entgegnete Ole Pedersen.
Pe stampfte hinaus. Guri sprang auf und rannte hinter ihm her. Kurz darauf sah Lars, dass sie den Weg zum Meer hinuntergingen. Der Knecht saß eine Weile da und fragte dann, ob irgendetwas nicht in Ordnung sei. Das Hausmädchen Marit meinte, sie sollten Pe und Guri allein lassen. Es wurde später Abend, aber weder Guri noch Pe tauchten auf. Ole Andersen wollte in dem neuen Haus übernachten, dem immer noch Dach und Fenster fehlten. Er liebe es, im Geruch von frischem Holz zu schlafen, sagte er.
Ola war vierzehn Jahre alt und ging im Schlafhaus zu Bett, wo er normalerweise das Lager mit Pe und Ole Andersen teilte. Lars und Mari legten sich auf dem Dachboden des alten Hauses schlafen.
Am nächsten Morgen kamen Lars und Mari gemeinsam in die Küche des alten Hauses, aber dort war niemand. Draußen standen die Eltern, zeigten, gestikulierten und schüttelten die Köpfe. Schließlich kam die Mutter herein, und Lars fragte: »Was ist los?«
Zuerst antwortete die Mutter nicht. Sie klapperte mit ein paar Töpfen, bis Lars fast schon schrie: »Was ist los?«
»Guri – sie ist verschwunden, wir wissen nicht, wo sie ist!«
»Sie ist bestimmt im Schlafhaus!«, sagte Mari.
»Nein, Guri ist die ganze Nacht nicht im Bett gewesen, und Marit hat keine Ahnung, wo sie abgeblieben ist.«
Marit und Guri teilten sich das Bett – es gab also keinen Grund, daran zu zweifeln.
»Sie sollte schon längst im Melkstand sein!«, sagte die Mutter. Ole Pedersen kam herein. Er beachtete weder Mari noch Lars, lief aufgeregt hin und her und murmelte: »Herrjemine! Irgendwo muss das Mädchen doch sein! Vielleicht hat sie eine Freundin besucht. Vielleicht sind die beiden bis weit in die Nacht aufgeblieben und haben dann verschlafen!«
»Nicht Guri«, sagte die Mutter.
»Aber wo in Gottes Namen ist sie dann?«
Marit rannte zum Melkstand, aber dort war keine Guri zu finden.
Die Brüder liefen umher und riefen in alle Richtungen. Die Mutter musste zum Melkstand gehen und selbst melken. Die Vormittagsstunden schleppten sich langsam vorwärts, Guri indes tauchte nicht auf. Pe lief zwischen Haus und Scheune hin und her, er rief und fluchte und wiederholte ein ums andere Mal, dass etwas Entsetzliches geschehen sein musste.
Aber sei er nicht mit ihr zusammen den Weg zum Meer hinuntergegangen – da sei er doch wohl derjenige, der sie zuletzt gesehen habe, sagte die Mutter.
»Ja, sicher, aber ich habe sie allein gelassen, weil sie mich nur gescholten hat!«
»Warum hat sie dich gescholten, Pe?«
Darauf antwortete Pe nicht. Stattdessen sagte er: »Sie wollte einfach allein sein, und am Ende bin ich dann gegangen. Es war nirgendwo eine Gefahr zu sehen, und da habe ich ihr ihren Willen gelassen!«
So verteidigte sich Pe und wollte kurze Zeit später das Ufer der ganzen Bucht abgehen, um zu sehen, ob er sie dort finden konnte. Es wurde Nachmittag, bevor er zurückkehrte, immer noch mit leeren Händen. Pe fand keine Ruhe – er lief ins Haus und wieder heraus und sprach gereizt mit dem einen und anderen, ohne zu hören, was sie antworteten.
»Sie muss zu ihren Eltern nach Hause gegangen sein«, sagte der Vater. »Irgendetwas ist hier mächtig faul. Nun müssen alle ins Bett, wir brauchen Schlaf!«
Am nächsten Tag sagte der Vater, während er seine Schuhe zuband: »So kann das nicht weitergehen!«
»Wohin willst du?«, fragte die Mutter.
»Zu ihren Eltern nach Malmedal!«
Das kleine Tal lag eine Meile entfernt.
»Ich werde sie wieder zurückholen. So wie Guri darf sich niemand aufführen. Wenn man eine Stelle antritt, muss man sich auch darum kümmern. So einfach ist das!«
Ole Pedersen sattelte sein bestes Pferd und ritt davon.
Spät am Tag kehrte er zurück. Die Zügel hingen schlaff am Pferderücken. Alle standen draußen auf dem Hofplatz versammelt, als er kam. Er sprang vom Pferd herunter und ging seitlich über den Hof, wo er das Pferd an einem Ring an der Scheunenwand festband. Dann ging er an ihnen vorbei, als sähe er sie nicht, betrat die Küche, griff nach der Schöpfkelle, die im Trinkwasserbottich hing, und leerte sie in einem Zug. Darauf drehte er sich zu seiner Frau um und sagte: »Nun ist das Unglück auf diesem Hof eingezogen.«
»War sie nicht bei ihren Eltern?«, fragte Gjertrud und wusste bereits die Antwort.
»Wäre sie dort gewesen, hätte ich sie mitgebracht. Die Eltern waren außer sich, als ich ihnen erzählt habe, dass sie verschwunden ist.«
»Was sollen wir nur tun?«, jammerte die Mutter und rang die Hände.
Lars begann zu schreien, als ihm aufging, dass Guri tot sein könne.
»Hör auf mit dem Gewimmer!«, rief sein Vater.
Lars lief fort und versteckte sich hinter dem Vorratshaus. Als er zurückkam, hatte der Vater Pe zum Lensmann geschickt, der im selben Ort wohnte. Der Lensmann war in Molde, um etwas zu erledigen, würde aber am Abend zurück sein und am nächsten Tag zu ihnen kommen, versprach seine Frau.
Als Lars an diesem Abend zu Bett ging, war es ihm unmöglich zu schlafen. Sobald er das Gefühl hatte, seine Eltern schliefen, stand er wieder auf. Er schlich sich die Treppe hinunter und fand heraus, dass auch andere kein Auge zubekamen. Im Erdgeschoss lagen Mutter und Vater und murmelten. Er ging zum Schlafhaus hinüber, wo Pe und die Bediensteten schliefen. Man konnte nicht überhören, dass auch Pe nicht schlief. Er saß hinter dem Haus und sprach mit Marit, dem Hausmädchen. Lars hörte ihn sagen, dass sein Leben zerstört sei.
»So schlimm ist es doch wohl nicht«, meinte Marit.
»Es kommt darauf an, was du sagst, wenn es ernst wird!«, erwiderte Pe.
Was meinte er damit? Pe konnte doch wohl nicht daran schuld sein, dass Guri verschwunden war! Lars verwarf den Gedanken. So einer war Pe doch nicht! Aber was war es dann, was passiert war?
Lars musste raus. Er setzte sich auf den Hügel, wo Guri und er so viele Male gesessen hatten. Das Gras war klatschnass vom Tau, und seine Füße wurden eiskalt. Die Berge am Horizont und die Hügel um ihn her hatten eine fremde und unkenntliche Farbe angenommen. Bäume und Felsen schwiegen und behielten ihr Wissen für sich.
Plötzlich kam ihm der Gedanke: Wenn Guri nicht mehr lebt – was soll dann aus mir werden?
Nie zuvor war ihm etwas Ähnliches widerfahren. Zwar war auch bisher nicht alles so gekommen, wie er es wollte, aber das meiste hatte sich gut für ihn gefügt.
Dann fiel ihm ein, dass er zu Gott beten konnte. Er hatte immer schon ein Abendgebet gesprochen, doch nun schloss er die Augen und betete: »Guter Gott, sag mir, dass Guri lebt, und erzähl mir, wo sie ist!«
Nach einer langen Zeit öffnete er die Augen, doch nichts war passiert. Da bekam er es wirklich mit der Angst zu tun: Warum hatte Gott seine Hand nicht über Guri gehalten, damit sie nicht verschwinden konnte, und warum antwortete er nicht?
Er konnte nicht anders – er ging ins Haus und weckte seine Eltern. Sie schliefen nicht, aber der Vater wurde böse und wollte ihn hinausjagen.
»Geh ins Bett, Junge!«
Die Mutter begleitete Lars jedoch zu dem Zimmer, in dem er schlief. Der Vater rief, seine Frau solle zurück ins Ehebett kommen, und zwar ein bisschen plötzlich! Die Mutter sah ängstlich aus. Schließlich weckte sie Mari, die fest schlief, sich dann aber zu Lars setzte und ihm über das Haar strich, immer und immer wieder. Mari war nicht so hübsch wie die Mutter und Guri – sie hatte ein rundes Gesicht und dralle Hände, gleichwohl war sie es, die ihm nun Geborgenheit schenkte, denn, wie die Mutter immer sagte: Sie hatte ihren Frieden mit Gott und den Menschen. Daran zu denken tat Lars jetzt gut.
»Es ist der Leibhaftige, der Unglücke bewirkt«, sagte Mari, »aber der Herrgott ist stärker als der Satan!«
BALD WAR DER GANZE ORT an der Suche nach Guri beteiligt. Nur zwei Greise, die nicht mehr in der Lage waren, von da nach dort zu laufen, standen auf dem Hofplatz, beschatteten ihre Augen und redeten mit zahnlosen Mündern.
»Irgendetwas stimmt hier nicht«, sagte der eine zum anderen.
Mari sollte in den Nachbarort gehen, um ihren Dienst anzutreten. Nun bat sie ihren Vater darum, zu Hause bleiben zu dürfen, bis Guri gefunden war, doch der Vater sagte, sie solle aufbrechen. Mit Tränen in den Augen packte Mari ihre Sachen. Kurz bevor sie gehen wollte, drehte sie sich noch einmal zu ihrem Vater um. Lars hörte, wie sie sagte: »Sie war schwanger, und Pe war der Vater, aber er wollte sie nicht haben!«
»Glaubst du, ich bin dumm?!«, rief der Vater. »Glaubst du, ich kann nicht eins und eins zusammenzählen?«
Tränenüberströmt machte sich Mari auf den Weg. Aber bevor sie das Haus verließ, sagte sie zu Lars: »Glaube nie so sehr an dich selbst, dass du Gott vergisst!«
Lars zahlte mit der gleichen Münze heim: »Glaubst du, Gott hat dafür gesorgt, dass Guri hier nicht mehr bleiben konnte?«
Es brach einfach so aus ihm heraus. Er war noch nicht einmal zehn Jahre alt und wusste nicht, was er glauben oder nicht glauben sollte.
Mari hielt inne und sah Lars an.
»Begleitest du mich noch ein Stück?«, fragte sie.
»Nein, ich muss hierbleiben und mit den anderen sprechen«, erwiderte er.
Sie drang nicht weiter in ihn. Als sie sich von ihrer Mutter verabschiedete und sich schließlich auf den Weg machte, ohne dass irgendjemand Zeit hatte, davon Notiz zu nehmen, sah sie derart bemitleidenswert aus, dass Lars seine Antwort bereute. Mari war so bescheiden, dass fast niemand bemerkte, dass sie fortging, dachte Lars.
Später am Tag, als alle, die sich an der Suche beteiligt hatten, wieder zurückgekehrt waren, hörte Lars seine Mutter zum Vater sagen: »Ich glaube nicht, dass sie noch lebt!«
Ole Pedersen erwiderte: »Nie in meinem Leben bin ich so ratlos gewesen.«
Die Leute aus dem Ort suchten sieben Tage lang. Sie durchsuchten den Wald, bildeten Menschenketten und gingen rufend am Ufer entlang. Überall in den Dörfern wurde geredet. Schließlich begriff Lars, dass sich der Verdacht gegen Pe richtete. Lars wusste nicht mehr, was er glauben und nicht glauben sollte. Was, wenn wirklich etwas dran war an dem, was die Leute sagten? Grauenvolle Bilder tauchten vor seinem Auge auf. Was konnte Pe getan haben? Hatte er Guri erdrosselt? Hatte er sie mit einem Messer erstochen? Hatte er sie von einem Felsen aus ins Meer gestoßen? Er war so erschüttert, dass er kaum Luft bekam. In den Nächten fand er keinen Schlaf. Die sichere Welt, die ihn umgeben hatte, war jäh zu einem gefährlichen Ort geworden. Von einem Augenblick zum anderen fiel das Bild vom fantastischen großen Bruder in sich zusammen. Er war zu Tode erschrocken, weil er eine so gute Meinung von Pe gehabt hatte und es jetzt so aussah, als habe Pe ein Verbrechen begangen.
Die Mutter sprach unter vier Augen mit Pe und bat ihn, ihr die Wahrheit zu sagen. Pe fragte, ob seine Mutter tatsächlich glaube, er habe eine Frau töten können, die sein Kind unter dem Herzen trug? Das erzählte die Mutter Lars – als könne das helfen, ihn, Pe, freizusprechen. Doch Lars glaubte nicht mehr an Pes Unschuld. Es war, als fiele all das, was er bisher für gewiss gehalten hatte, in sich zusammen. Wenn der große Bruder, der immer sein Held gewesen war, so etwas getan hatte, konnte man keinem Menschen mehr trauen.
An dem Samstag derselben Woche suchte Pe in Begleitung seines Stiefvaters und des Knechts Ole Andersen den Hauptpastor Andreas Wessel auf, der ganz in der Nähe auf der großen Insel Agerø wohnte. Was dort gesagt wurde, erfuhr Lars nicht. Doch als der Lensmann eine Woche später vor der Tür stand, bekam auch Lars mit, was er auf dem Herzen hatte. Der Pastor hatte dem Amtmann gemeldet, dass Guri Sachariasdatter verschwunden sei, dass Peder Olsen, also Pe, gestanden habe, dass um die Weihnachtszeit herum ein außerehelicher Beischlaf stattgefunden habe und dass sie ihrem Hausherrn erzählt habe, sie sei schwanger.
Es vergingen erneut zwei Wochen, dann kam der Lensmann zurück. Er bat das Gesinde und die Bewohner des Bortegarden, sich in der neuen feinen Stube zu versammeln, die noch nicht fertig war. Der Lensmann las einen Brief des Amtsrichters für das Amt Romsdal vor. Alle erwachsenen Bewohner des Hofes wurden zum Sommerthing des Bezirks Vaagø vorgeladen, das am Wochenende rund um den Johannistag im Fischerdorf Bud abgehalten werden sollte. Guris Eltern hatten den Fall angezeigt – sie beschuldigten Pe, das Verbrechen begangen zu haben. Das war schlimm, doch der Stiefvater meinte, Pe bekäme nun eine Gelegenheit, sich reinzuwaschen.
»Es hätte nichts Besseres passieren können, als dass der Fall vor Gericht kommt«, sagte er.
An dem Tag, an dem sie aufbrechen wollten, wirkte Pe gehetzt und aufgewühlt. Ole Pedersen hatte sich mit Hemd, Jacke und Halstuch in Schale geworfen. Er sagte: »Nun wird es eine gerichtliche Anhörung geben, und im Laufe des Sommers wird der Richter seinen Teil dazu sagen!«
Als es losging, fragte Pe Lars: »Verdächtigst du mich auch?«
Lars stand in der Türöffnung, als wollte er Pe den Weg abschneiden.
»Ich verstehe nichts von dem, was passiert ist. Aber du kannst mir wohl darauf antworten, ob du Guri getötet hast oder nicht!«
Er erschrak vor seinen eigenen Worten, doch nun hatte er es gesagt. Er konnte es nicht wieder zurücknehmen.
»Du glaubst, ich habe Guri getötet!«, rief Pe. »Nach allem, was ich für dich getan habe!« Er drehte sich um, ging den Weg zum Meer hinunter und sah nicht mehr zurück. Lars wollte hinter ihm herlaufen, doch seine Füße wollten nicht.
Als die Eltern, Pe und die Bediensteten vom Thing zurückkehrten, hatte sich die Stimmung aufgehellt. Pe hatte alles gut darlegen können.
In der Zwischenzeit war etwas mit Lars geschehen. Es war, als habe er seine Sprache verloren. Pe sprach mit ihm, bekam jedoch keine Antwort. Pe wurde immer wütender.
»Was ist los mit dir? Warum antwortest du nicht, Kerl?«
Lars sagte kein einziges Wort.
»Ich werde dir nie verzeihen, dass du mich für einen Mörder gehalten hast!«
Lars ging seiner Wege. So blieb es zwischen ihnen für lange Zeit.
Einmal, als sie sich unerwartet auf freier Flur begegneten, packte Pe Lars und wollte ihm eine Ohrfeige geben, doch Lars landete einen Haken mitten in Pes Gesicht, sodass diesem das Blut aus der Nase lief. Pe erzählte seiner Mutter und seinem Stiefvater, dass Lars ihn geschlagen hatte, aber Lars stritt alles ab.
»Pe hat von anderen Prügel bezogen und will es nicht zugeben!«
Pe fluchte.
»Was ist los mit dir? Bist du nicht ganz richtig im Kopf?«
FÜR PE gab es nunmehr auf dem Hof weder Rast noch Ruh. Aber es war nicht leicht für ihn, woanders Arbeit zu finden. Das Gerede darüber, wer Guri Sachariasdatter umgebracht hatte, nahm kein Ende. Die Verdächtigungen brachten Pe um seinen Schlaf. Schließlich konnte eine Witwe Hilfe beim Einbringen der Ernte gebrauchen, und Pes Stiefvater stimmte zu.
Später im Sommer wurde Pe vom Amtsrichter in Molde in allen Punkten freigesprochen – auf der Grundlage dessen, was aus den schriftlichen Verhörprotokollen herauszulesen war. Alles war entschieden, und doch setzte sich ein makaberer Gedanke in Lars fest: Ihm kam plötzlich in den Sinn, dass auch ein Richter sich irren konnte und dass Pe nicht nur ein Totschläger, sondern vielleicht sogar ein Mörder war, der davonkam! Wie konnte es nach all dem irgendjemanden geben, der von einem gerechten Gott sprach, wenn das Unrecht unter den Menschen so groß sein konnte?
Für Lars wurde das Ganze zu einem ernstlichen Problem, aber er konnte mit niemandem darüber reden.
Die Eltern waren verzweifelt, dass die zwei Brüder nicht mehr miteinander sprachen. Gjertrud meinte, das Gerichtsurteil habe den Fall entschieden – was auch immer geschehen war. Es empörte Lars, dass auch seine Mutter Guris Verschwinden so leichtnahm. Jedenfalls konnte seine Familie nicht anders als für Pe Partei zu ergreifen – nun, nachdem er freigesprochen worden war. Sowohl die Eltern als auch sein Bruder Ola drängten Lars dazu zu sagen, er glaube Pe. Doch Lars lief einfach davon. Das auszusprechen konnte er nicht über sich bringen. Das hätte für ihn einen großen Verrat an Guri bedeutet, den er sich nie hätte verzeihen können.
Danach kam das Gespräch zwischen den Brüdern vollständig zum Erliegen. Ob sie draußen arbeiteten oder gemeinsam am Tisch saßen – beide taten so, als sei der andere nicht zugegen. Es gab weder Frieden während der Mahlzeiten noch am Abend. Das Gespräch verstummte, und alle standen vom Tisch auf, bevor sie zu Ende gegessen hatten. Manche gingen hinaus und betraten die Küche erst wieder, wenn der nächste Tag dämmerte. Nun konnte Lars auch nicht mehr mit den anderen in der Familie sprechen. Er zog sich zurück und schwieg, wenn sie das Wort an ihn richteten. Sein Vater fragte, ob ihn böse Geister heimgesucht hätten. Seine Mutter meinte, es sei bloß jugendlicher Trotz, der sich wieder verwachsen werde. Der Vater war sich da nicht so sicher.
»Lars vergällt nicht nur uns das Leben, sondern steuert geradewegs selbst ins Verderben!«, sagte er. »Was habe ich getan, dass ich so einen Sohn bekommen habe?«
Im September zog die Familie in das neue Haus ein. Alle versuchten, ihren Frieden darin zu finden, dass die Welt bald wieder in Ordnung käme – nun, da das Urteil verkündet worden war – und Lars doch schließlich Vernunft annehmen und sich mit seinem Bruder versöhnen werde. Es ging auf den Winter zu. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Wahrheit über das, was mit Guri Sachariasdatter geschehen war, ans Tageslicht kommen würde, nahm immer weiter ab. Es würde Schnee fallen, und wenn kein Schnee fiele, kämen Tiere und würden Guris sterblichen Überresten den Garaus machen. Diese Gedanken raubten Lars den Schlaf – er fand nirgendwo Frieden. Im Herbst begann die Schule. Er, der zuvor der Beste unter den Schulkindern gewesen war, die für ein paar Wochen auf einem der Höfe zusammengerufen wurden, saß nur da und starrte die Wand an.
»Was ist los mit dir?«, fragte der Schulmeister. »Ich dachte, du würdest später mein Nachfolger!«
Ja, darüber hatten der Schulmeister und andere wichtige Männer im Ort gesprochen. Sie hatten darüber gesprochen, Lars nach Molde zu schicken, damit er dort bei einem alten Schulmeister in die Lehre gehen konnte. Lars wollte nicht mehr Schulmeister werden, doch er sagte nichts – er spürte, dass die Zeit dafür noch nicht reif war.
Seine Mutter machte sich immer mehr Sorgen um Lars. Ihr Vater, der Großvater von Lars, hatte seinen Verstand verloren, als er vierzig war, und sie hatte Angst, dieselbe Krankheit könne auch Lars den Verstand rauben. Sie wollte Lars zu seiner Familie väterlicherseits fjordeinwärts schicken, damit er über die Trauer um Guri hinwegkäme, aber dorthin wollte er nicht.
Nachdem im Herbst das Grasdach fertig gedeckt war, verließ Pe den Ort. Gjertrud hatte Angst, die Gerüchte würden Pe vorauseilen und er bekäme keine Arbeit. Doch vor Weihnachten kam ein Hausierer mit Namen Julius aus Molde. Er erzählte, Pe habe auf einem Schiff angeheuert, das mit Salzheringen nach Frankreich führe. Die Schute werde nicht vor dem Frühjahr zurückkehren.
Im folgenden Frühling kam Pe nach Hause und erzählte, in Frankreich herrsche Aufruhr und Blutvergießen. Diejenigen, die dem Kaiser und der Königin die Köpfe abgeschlagen hatten, schlugen nun einander die Köpfe ab. Und in Frankreich gab es Leute, die behaupteten, dass es Gott nicht gäbe! Gott sei nur eine Einbildung der Menschen!
»Vielleicht ist es so!«, entgegnete Lars. Zum ersten Mal nach langer Zeit kommentierte er etwas, was Pe sagte. Pe warf Lars einen bösen Blick zu.
»Wenn die Menschen aufhören, an Gott zu glauben, dann fangen sie an, sich die Köpfe abzuschlagen!«, sagte er.
Ole Pedersen wurde wütend und rief, nun müssten sowohl die Franzosen als auch Lars endlich aufhören, bevor sie in der Hölle landeten!
Doch bei Lars kam nun ein Gedanke zum anderen – das, was er früher nicht zu denken, geschweige denn laut auszusprechen gewagt hätte. Ihm war beigebracht worden, jeden Abend das Vaterunser zu beten, doch nun spürte er immer häufiger, dass niemand da war, der sein Gebet hörte. Es waren Worte in die leere Luft hinein, gerichtet an einen Gott, der keinen Ton von sich gab. Er hörte auf, das Gebet des Herrn zu beten, und er hörte auf, das Tischgebet zu sprechen. Er sang zwar mit, wenn die anderen sangen, doch er tat es nicht mit Überzeugung. Natürlich konnte er vorerst nicht mit anderen darüber sprechen, was in ihm vorging. Er trug ein dunkles Geheimnis in sich, das er mit den gottlosen Franzosen teilte. Keiner in Norwegen hätte so etwas zu dieser Zeit laut gesagt oder auch nur Zweifel geäußert. Nicht mehr an Gott zu glauben war der sichere Weg zur Verdammnis. Aber es war noch schlimmer: Wenn Lars aus dem Ort fortwollte, musste er konfirmiert werden, wenn er aber konfirmiert würde, musste er sagen, dass er an Gott glaube! Wie sollte er das durchstehen? Nun wurde es ganz und gar verkehrt: Wenn er sagte, er glaube an Gott, obgleich er es nicht tat, wurde es verkehrt, und noch schlimmer wurde es, wenn er sagte, dass er nicht an Gott glaubte! Um ein erwachsener Mensch zu werden, musste er vor dem Angesicht des Herrn lügen! Alles in ihm sträubte sich dagegen – ob es Gott nun gab oder nicht.
ALS ES IM JAHR darauf auf den Winter zuging, war Guris Verschwinden etwas in den Hintergrund gerückt, und die Familie brauchte eine neue Magd. Gjertrud, die Mutter, war zweiundsechzig Jahre alt, hatte Gicht in den Händen und konnte sich nicht mehr selbst um das Melken kümmern. Ganz unvermittelt meinte Pe eines Tages, er glaube, Siri Jonsdatter würde gerne wieder bei ihnen in Stellung gehen, wenn sie gefragt werde. Pes Eltern waren über diesen Vorschlag sehr verwundert, aber er sagte, er habe mit Siri gesprochen und sie hätten sich vertragen.
Von einem Streit zwischen Pe und Siri hatte Lars nichts mitbekommen. Restlos verwundert war er jedoch, als seine Mutter sagte: »Hast du dir vorgestellt, dass sie auch das Mädchen mitbringt?«
Auf diese Weise erfuhr Lars, dass Siri eine Tochter von fünf Jahren hatte, die Megtil hieß – eine lokale Variante von Mathilde –, und dass der Vater dieser Megtil kein anderer war als sein Halbbruder Pe.
Jetzt verstand er, was damals, als Siri fortging, ein Mysterium für ihn war. Von nun an war er überzeugt, dass Pe für alles und jeden eine Gefahr sein konnte und dass er offenkundig mit Guris Verschwinden etwas zu tun hatte.
In diesem Herbst fuhr Pe mit dem Karriol in den Nachbarort, um Siri Jonsdatter zu holen. Siri war in strahlender Laune, als Pe mit ihr ankam.
»Dass Pe mich schließlich doch noch holen würde!«, sagte Siri, als sie die Küche im Bortegarden betrat. »Hier gehöre ich her«, setzte sie hinzu.
Was auch immer gewesen war, Siri konnte es hinter sich lassen. Wenn Pe mit ihr herumalberte, war sie munter, und die Eltern warfen einander Blicke zu. Lars sah, was er sah, und rechnete damit, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis Pe um ihre Hand anhalten würde. Wenn Pe nachts zu Siri ging, drückten Ole Pedersen und Gjertrud ein Auge zu.
»Sie haben trotz allem schon ein gemeinsames Kind!«, sagte Ole Pedersen. »Es muss einen Grund gehabt haben, dass Pe sie wieder hier haben wollte!«
Doch dann heuerte Pe auf einem Frachtschiff an, das nach Frankreich ging, und kurze Zeit später zeigte sich, dass Siri wieder schwanger war. Nun gab es niemanden, der daran zweifelte, dass Pe der Kindsvater war. Siri ging nach Hause zu ihren Eltern, um dort das Kind zu gebären, und einen knappen Monat später kehrte sie zurück. Von ihrer guten Laune war nichts übrig geblieben. Es stellte sich heraus, dass das Kind gleich nach der Geburt gestorben war.
Nun war es für die Autoritäten offenkundig, dass man Pes Treiben Einhalt gebieten müsse. Nach dem Gesetz sollte das, was man dreimaligen außerehelichen Beischlaf nannte, hart bestraft werden – in früherer Zeit mit dem Tod, nun eher mit Geldbußen. Auf dem Herbstthing wurde sowohl gegen Pe als auch gegen Siri Anklage erhoben – wegen des dreimaligen außerehelichen Beischlafs beziehungsweise wegen ihres anstößigen Lebenswandels und unschicklichen Verhältnisses. Es war Hauptpastor Andreas Wessel, der sich entschlossen hatte, ein Exempel zu statuieren. Der Amtsrichter in Molde erhob auch Anklage gegen Pes Eltern, weil sie hinsichtlich des empörenden Treibens, das unter ihrem Dach vor sich ging, ein Auge zugedrückt hatten. Lars war gerade zwölf geworden, als die Anklage erhoben wurde; als das Urteil gesprochen wurde, war er vierzehn. Man übertreibt nicht, wenn man sagt, dass dieser Prozess einen Schatten auf seine Jugend warf. Der Fall wurde am 14. Oktober 1794 auf dem Herbstthing des Bezirks Vaagø verhandelt. Da keiner der Angeklagten erschienen war, wurde der Prozess bis zum ersten Sommerthing ausgesetzt. Pe, Siri Jonsdatter samt Ole Pedersen und Gjertrud Knudsdatter erhielten Anordnung, dort zu erscheinen, um sich zu verteidigen – andernfalls würden sie verurteilt.
Auf diesem Sommerthing erschien dann Ole Pedersen und erklärte, Pe sei von Molde aus mit einem Schiff unterwegs, er glaube aber, sein Stiefsohn wäre zum Herbstthing zu Hause. Auf dem Herbstthing erschien Ole erneut. Dieses Mal erklärte er, Pe sei zum Kriegsdienst in Kopenhagen abkommandiert; nach allem, was sie, die Eltern, wüssten, werde er noch in diesem Herbst nach Hause zurückkehren. Ole Pedersen bat inständig darum, den Prozess aufzuschieben, bis Pe nach Hause kommen und sich selbst für seine Taten rechtfertigen könne.
Da es keinen vertretbaren Grund gab, einen Aufschub abzulehnen, wurde die Anklage bis zum Sommerthing 1796 ruhen gelassen. In diesem Frühjahr trafen Lars’ Eltern eine dramatische Entscheidung. Lars wurde Zeuge dieser Entscheidung, begriff jedoch zunächst nicht deren Tragweite.
»Wenn wir für das, was Siri und Pe getan haben, verurteilt werden, kann die Geldbuße so hoch sein, dass wir sie nicht bezahlen können«, sagte der Vater.
»Was sollen wir tun?«, klagte Gjertrud.
»Es gibt einen Ausweg. Wenn wir den Hof Ola überschreiben, werden wir Altenteiler, und dann wird die Geldbuße viel geringer ausfallen«, erwiderte Ole Pedersen.
Auf dem Sommerthing im Juni 1796 erschien keines der Familienmitglieder. Die Anklage gegen die Eltern wurde fallen gelassen, weil sie nicht für etwas verantwortlich gemacht werden konnten, was die Bediensteten anstellten – diese mussten für sich selbst Verantwortung übernehmen. Das Urteil gegen Pe und Siri wurde schließlich am 22. Juli gesprochen. Pe wurde dazu verurteilt, 24 Lot Silber oder zwölf Reichstaler zu bezahlen und zusätzlich die Kosten des Prozesses von fünf Reichstalern zu tragen. Siri Jonsdatter wurde zu einer Geldbuße von 12 Lot Silber oder sechs Reichstalern verurteilt. Das war eine ungeheure Summe für eine Magd, annähernd ein Jahreslohn. Das Schlimmste war jedoch, dass Pe sie nicht heiraten wollte. Siri zog weinend ihres Weges und wurde auf dem Bortegarden nicht mehr gesehen.
Aber Ola bekam auf dem Thing im Oktober 1796 den Vertrag über den Bortegarden. Er war erst achtzehn Jahre alt.
DIE AUFREGUNG rund um Pe war allseits Gesprächsthema, sodass sich Lars schließlich kaum mehr aus dem Haus traute. Er wurde zu einem Eigenbrötler, entdeckte in diesen Jahren aber, dass es etwas gab, was ihn den Kummer und die Scham vergessen ließ, und das war die Musik. Die Eltern sahen, wie er auflebte, wenn irgendjemand ein Instrument spielte, und nahmen ihn zu Hochzeiten und Beerdigungen mit, damit er sich wenigstens an der Musik erfreuen konnte. Dann verschwand er gleichsam in einer anderen Welt. Erst als das Urteil gesprochen war und Pe die Geldbuße für dreimaligen außerehelichen Beischlaf bezahlt hatte, konnte Lars den anderen Leuten wieder in die Augen sehen, fand er. Er wollte hinaus und das Versäumte nachholen. Er fragte seinen Vater: »Willst du mir einen Gefallen tun, Vater?«
»Solange es in meiner Macht steht, mein Sohn!«
»Kaufst du mir eine Geige?«
»Bitte mich um etwas anderes«, antwortete der Vater, »denn diesen Wunsch kann ich dir nicht erfüllen!«
»Warum nicht?«
»Geigenmusik ermuntert zu Landstreicherei und Müßiggang, und den Rausch, der damit einhergeht, will ich in meinem Haus nicht sehen!«
»Aber ich will doch gar nicht trinken!«
»Diese Gesellschaft ist nichts für dich, mein Sohn, und die Antwort lautet Nein. Außerdem hast du viel zu grobe Finger, um ein guter Spielmann zu werden. Deine Finger kommen sich auf dem Griffbrett in die Quere!«
»Woher weißt du das, Vater?«
»Diese viel zu groben Finger hast du von mir«, erwiderte der Vater. »Du willst doch wohl kein mäßiger Spielmann werden – du, der du in allem der Beste sein willst!«
Lars war nicht glücklich darüber, dass sein Vater ihm seine groben Finger vererbt hatte. Er sehnte sich danach, Musik zu hören. Er war froh, dass er einen Kopf größer war als die Gleichaltrigen, denn das gab ihm eine gewisse Freiheit. Die Eltern freuten sich, wenn er am Wochenende umherstreifte – sie glaubten, auf diese Weise könne er mit dem Kummer über Guri und der Scham über seinen Halbbruder fertigwerden. Er suchte Orte auf, von denen er wusste, dass Spielleute dorthin kamen – Versteigerungen oder andere Anlässe, die man »die großen Stunden des Lebens« nennt. Auf einer Hochzeit, die er besuchte, kam ein Tambour und spielte auf der Tambourtrommel einen Brautmarsch. Der Tambour beherrschte sein Fach, und nun kam wirklich Leben in Lars. Es gab also ein Instrument, wo ihm die großen Finger nicht in die Quere kamen!
Er konnte nicht mehr still stehen, so aufgeregt war er. Als die Hochzeitsgesellschaft Platz genommen hatte und der Tambour ein Weilchen Pause machte, fragte Lars, ob er die Trommel ausleihen könne, und obgleich Trommeln keine Melodien spielen können, spielte Lars die Volksweisen, die er konnte, während sich die Hochzeitsgäste über die rømmegrøt, eine Grütze aus Sauerrahm, hermachten und das Stimmengewirr von den ersten Schnäpsen immer lauter wurde. Dann rief auf einmal jemand: »Pssst!«
Denn nun hörten alle Lars’ Trommelmärsche durch das offene Fenster.
»Wer trommelt denn da? Der Tambour sitzt doch hier bei uns!«
»Er nennt sich Lars Olsen«, sagte der Tambour, dem sehr daran gelegen war, sich zu stärken, bevor er weitertrommeln musste. »Ich muss sagen, er hat ein Händchen dafür!«
»Ja, Lars Olsen, der hat ein Händchen dafür!«, sagten alle, und dann tranken sie auf ihn. Als die Mahlzeit beendet war, zogen sie hinaus und sagten zu Lars: »Willst du nicht mehr trommeln?«
Nein, Lars musste zuerst mehr üben. Er gab die Tambourtrommel und die Trommelstöcke dem Tambour zurück, der ihm ein paar Signale zeigte, die Soldaten und Matrosen lernen müssen, bevor sie in den Krieg ziehen.
Das meiste war nun auf einem guten Weg, fand Lars, doch wenn es um Pe ging, ließ er nicht mit sich reden. Er hätte eine große Hilfe sein können, denn Pe kaufte im Sommer 1797 ein altes Haus und baute es auf dem Platz wieder auf, der den Namen Nordhof bekam – er sollte nun seinen Teil des Hofes übernehmen. Pe hatte eine neue Liebste. Sie hieß Mari Nilsdatter. Mari kam von einem nahe gelegenen Hof, wo sein schlechter Ruf die Leute nicht kümmerte. Sie und Pe bekamen am 1. Februar einen Sohn. Er wurde zu Hause getauft, starb und wurde drei Tage später beerdigt. Pe verlobte sich mit Mari am 17. Februar 1798 und heiratete sie am selben Tag. Lars kam nicht zur Hochzeit, obwohl auch Spielleute dort waren. Er saß auf einem flachen Stein mit Ausblick auf den Fjord und lauschte der Musik vom Hochzeitshof.
LARS WANDERTE zwischen den Höfen der Nachbarorte umher und übernahm alle anfallenden Arbeiten. Dabei lauschte er den alten Frauen, die Psalmen der Bibel auf überlieferte Melodien sangen. Nachdem er die Melodien einmal gehört hatte, trug er sie in sich. Wenn er eine Pause machte, konnten sie hören, wie er vor sich hin summte, während er auf einem leeren Fass oder auf einem Brett herumtrommelte. Er war erst sechzehn, aber er war erwachsen – und er war ausgewachsen. Er hatte dickes rabenschwarzes Haar und maß ohne Schuhe fünf Fuß und neun Zoll. Solche Kerle wie er nahmen es sich selten zu Herzen, wenn ihnen etwas in die Quere kam, denn stellte ihnen jemand ein Bein, konnten sie sich wehren. Doch Lars, der einen Tisch umschmeißen, ihn an die Wand werfen und zur Not auch einen Wagen einen steilen Berg hinaufziehen konnte, war gleichzeitig ein leicht zu kränkender Heranwachsender, der in Tränen ausbrach, wenn ihm jemand etwas Nachteiliges sagte. Es war nicht leicht, mit seinem merkwürdigen Gemüt zurechtzukommen, und wer am allerwenigsten verstand, wer er war, war er selbst.
Ole Pedersen sah ein, dass sein jüngster Sohn Luft unter den Flügeln brauchte. Er ruderte zum Pfarrhaus nach Agerø*
