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Im Herzen ein Traum … Auch Ende des 19. Jahrhunderts ist das Leben der Bauern am Romsdalsfjord noch karg und hart. Knut Hansen Nesje – Edvard Hoems Urgroßvater – schwingt die Sense, seit er ein kleiner Junge war. Über vier Jahrzehnte ist er der Erste unter den Heumachern, jener, der das Tempo der Arbeit bestimmt. Er träumt davon, ein kleines Stück Land zu erwerben und an einen seiner Söhne weiterzugeben, wie seine Mutter, die Hebamme, es getan hat. Seine junge Schwägerin Gjertine, die zweite Hauptfigur des Romans, will nach Amerika auswandern und verwirklicht diesen Traum voller Zuversicht und Abenteuerlust. Ob sie der Plackerei und ungewissen Zukunft im gelobten Land tatsächlich entfliehen kann? Edvard Hoem gelingt eine berührende Geschichte in der Balance zwischen zwei Hauptfiguren mit unterschiedlichen Lebensentwürfen. In ruhigem Erzählton schildert er das Universum seiner Charaktere und entwirft einen weiten, leuchtenden Himmel über den engen Bahnen ihres rauen Alltags.
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Seitenzahl: 487
Veröffentlichungsjahr: 2024
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EDVARD HOEM
Roman
Aus dem Norwegischenvon Antje Subey-Cramer
Urachhaus
DER WENDEPUNKT
EINE RUHELOSE FAMILIE
GJERTINE WIRD ERWACHSEN
UNRUHE UNTER DEM HIMMEL
DER SATTLER UND SEINE BRAUT
GJERTINES LIST
DAS GELOBTE LAND
ANGEKOMMEN
DIE REISE NACH MARSHALL COUNTY
AUFBRUCH UND NEUBEGINN
ANDERS ALS GEDACHT
EILERT GEHT SEINEN EIGENEN WEG
NACHWORT DES VERFASSERS
DER HEUMACHER hieß Knut Hansen Nesje, doch die Leute nannten ihn nur Nesje, und der Grund und Boden, den er am Hang oberhalb der Kleinstadt Molde gepachtet hatte, nannten sie das Nesje-Stück. Nesje war mein Urgroßvater. Viel wurde über ihn in meiner Kindheit erzählt – von meinem Großvater Edvard Hoem und von meinem Vater, Knut.
Doch obwohl ich die wichtigen Jahreszahlen seines Lebens kenne und ebenso einzelne Zeugnisse darüber, wie er lebte, war das nicht genug, als ich über ihn schreiben wollte. Ich musste ihn herbeidichten, aus Luft und aus dem Nichts, aus dem Licht über Molde und Rekneslia, aus dem Wind, der meine Haare zaust, und aus dem Regen, der auf Felder und Menschen fiel – zu seiner wie zu meiner Zeit.
Am 17. Juni 1874 wachte er früher als gewöhnlich auf – in dem Haus am Rand des Himmels, das er gebaut hatte. Die Taschenuhr, die auf einem Stuhl neben dem Bett lag, zeigte fünf Uhr. Sein Herz schlug unregelmäßig, wie immer, wenn er zu wenig geschlafen hatte, und wie immer bei diesen Gelegenheiten dachte er, dass mancherlei Bekümmernisse unsere Seele beschweren, die wir nicht verstehen.
Er lag eine Weile ruhig da, bevor ihm einfiel, dass er Geburtstag hatte und sechsunddreißig Jahre alt wurde. Zwei Jahre waren vergangen, seit seine Frau Guri gestorben war. Zum ersten Mal spürte er, dass die Zeit den Schmerz und das Gefühl des Verlusts gelindert hatte.
Er schwang die Beine über die Bettkante, stieg die steile Treppe vom Dachboden herunter und ging hinaus auf die Rückseite des Hauses, um Wasser zu lassen. Der Sommermorgen erwachte langsam – und mit ihm der Geruch von Blumen und dampfender Erde. Weiter oben am Hang hörte er Vogelgesang – zuerst eine Singdrossel, dann einen Chor aus Staren, Buchfinken und Fitissen.
Er ging wieder hinein und trank aus einer Schöpfkelle, die im Quellwasserbottich stand, bis sein Durst gelöscht war. Dann zog er eine Lodenhose an, die früher einmal fein gewesen war, ein Leinenhemd, eine Weste und ein Halstuch. Das Fenster stand offen. In einem Nest unter dem Dachvorsprung war ein Starenpaar damit beschäftigt, eine Kinderschar großzufüttern. Er schmierte sich einen Brotkanten und trank einen Becher Milch dazu. Alltags kochte er sich keinen Kaffee, doch sollte ihm später am Tag von Claus Gørvells Mägden eine Tasse Kaffee angeboten werden, würde er nicht ablehnen. In seiner Jugend hatte er sich zu seinen Geburtstagen einen Schnaps genehmigt, aber seit er mit dem Jungen alleine war, hatte er davon abgelassen. Ein Kleinbauer und Pächter hat keine Zeit für Zechgelage und Müßiggang. Der Sommertag auf dem Gørvell-Hof war lang und arbeitsreich, und wenn die Heuernte dort vorbei war, musste er sechs Pflichttage auf Gut Reknes mähen, denn von Reknes hatte er Land gepachtet. Abgesehen von der Arbeit auf dem Feld setzte Nesje an der Hobelbank oder in der Schmiede Gerätschaften instand und versorgte die dänischen Arbeitspferde, an denen Claus Gørvell so hing. In der Heuernte schritt er in der Gruppe der fünf Schnitter, die in einer Reihe hintereinander mähten, stets ganz vorne. Er war es, der die Geschwindigkeit vorgab. Die Arbeit auf dem Gørvell-Hof brachte es mit sich, dass er das Heu auf seinem eigenen Stück Land in den Nächten ernten musste – während der Heuernte im Sommer blieben ihm meist nicht mehr als drei, vier Stunden Schlaf. Im Winter war er für Gørvell im Wald. Er arbeitete für einen halben Taler am Tag – oder, wie man nun sagte, für sechzig Schillinge. Das war weniger als der Tageslohn eines Tagelöhners. Aber Nesje wurde das ganze Jahr über auf dem Gørvell-Hof beschäftigt. Im Frühling und im Sommer verging jede freie Stunde damit, die 160 Ar, die er in Rekneslia gepachtet hatte, zu roden, einzusäen und zu ernten. Hundert Ar hatte er innerhalb von zehn Jahren unter den Pflug genommen, sechzig Ar verblieben ihm noch, bis er fertig war. Er hatte das Land nur mit Spaten und Hacke urbar gemacht; lediglich für das Pflügen hatte er sich ein Pferd geliehen. An seinem vierzigsten Geburtstag sollte der Grund und Boden, über den er verfügte, als Wiese und Ackerland bereitliegen. So war sein Plan, und bisher war er diesem Plan bis zum letzten Punkt und Komma gefolgt.
BEVOR NESJE AUS DEM HAUS GING, rief er seinen vierzehnjährigen Sohn Hans, um ihn zu wecken. Hans war in diesem Sommer Laufjunge im Krämerladen der Gørvell-Familie. Vom Dachboden kam keine Antwort. Nesje griff nach der Axt und stieß mit deren Nacken gegen die Deckenbalken, bis der Junge die Treppe heruntergepoltert kam.
»Hör auf, ich bin wach!«, sagte Hans. Er schöpfte Wasser in eine Schüssel und sprang zur Tür hinaus, um den Schlaf aus den Augen zu waschen. Als er wieder hereinkam, begann er, die Kleider anzuziehen, die auf einem Stuhl lagen. Und da fiel es ihm ein.
»Ich gratuliere zum Geburtstag, Vater.«
»Danke.«
Nesje sah seinen Sohn an. Er war groß – in den letzten Jahren war er ziemlich in die Höhe geschossen. Er hatte Locken, die er jeden Morgen mit Wasser zu glätten versuchte. Seine Gesichtszüge waren sanft, beinahe weich, und seine Hände und Nägel pflegte er gut, wie so viele andere aus der Nesje-Familie. Im nächsten Frühjahr sollte Hans konfirmiert werden. Kinder werden uns nur geliehen, sagen manche, doch Nesje hatte die Hoffnung, dass der Junge in der Nähe bleiben würde, wenn er erwachsen war. Es gab ja nur sie beide. Aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Viele machten sich derzeit auf den Weg über den Atlantik nach Amerika, ohne sich darum zu kümmern, dass die Eltern in Kummer und Armut zurückblieben.
Nesjes Stimme klang etwas belegt, als er sagte, der Junge solle sich gut betragen – wie er es bisher stets getan hatte. Der Junge warf ihm einen Blick zu und sagte versöhnlich: »Das werde ich, Vater.«
Nesje nahm seinen Wetzstein an sich, der auf dem Tisch lag, und ein Messer mit Messerscheide, das er an seinem Gürtel befestigte. Dann ging er die Steintreppe hinunter und hielt vor dem Haus einen Augenblick inne. Die Berge auf der anderen Seite des Moldefjords boten im Morgendunst einen einzigartigen Anblick. Die Aussicht auf die Gebirgskette war ein wichtiger Grund dafür gewesen, sich so weit oben am Hang anzusiedeln. Einige dieser Berge ragten direkt aus dem Fjord empor, andere lagen etwas weiter landeinwärts, doch von hier aus gesehen schienen sie wie eine zusammenhängende Gipfelkette – mit mehr als siebzig Bergspitzen. Auf den meisten lag noch Schnee. Der Fjord lag blank und still da; in der Morgenstunde sah es aus, als trieben die Schären und Inseln da draußen auf dem Wasser.
Nesje lief rasch die Hügel hinunter und blieb erst stehen, als er auf der Anhöhe von Rekneshaugen angekommen war. Dort verweilte er einen Augenblick und sann über sein Alter nach. Erwachsen bin ich jetzt wohl, dachte er, aber noch nicht alt. Er ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen. Hier lebte er, und hier würde er immer leben. Er war ein hagerer Mann – mit einem Vollbart und Haaren, die sich kräuselten, wenn die Arbeit ihm den Schweiß auf die Stirn trieb. Beim Mähen trug er stets einen Hut, um sein Gesicht vor zu starkem Sonnenbrand zu schützen, die Unterarme und Hände wurden trotzdem dunkelbraun – daran konnte ein Arbeiter nichts ändern.
Unter ihm lag die kleine Stadt Molde, die dort um das Gut Reknes und das Landgut auf der anderen Seite des Flusses, Moldegaard, entstanden war. Häuserreihen säumten die beiden Seiten des alten Fahrweges zwischen Moldegaard und dem Reknes Hospital, und jedes Jahr kamen neue Gebäude hinzu.
Nesje ging den Pfad rechterhand des großen Gartens mit Namen Humlehaven hinab. Hier, nahe der Stadtgrenze, in einem Gebiet, das noch der Gemeinde Bolsøy zugehörte, gab es keine Häuser, sondern nur Wiesen und Felder. Der Abhang war eingezäunt, damit keine Weidetiere hineingelangen konnten, und es waren viele hundert Pflanzenarten angepflanzt, die im Frühjahr in ihrer schönsten Blüte standen. Der Garten wurde Humlehaven, Hopfengarten, genannt, weil Generalauditor Koren, der einst Eigentümer des großen Gutshofs Reknes gewesen war, hier Hopfen zum Bierbrauen angebaut hatte. Nun gehörte Humlehaven der Familie Dahl. Nicolay Dahls Kapitäne, die mit ihren Schuten viele Meere besegelten, hatten den Auftrag, Samen, Wurzeln und Stecklinge aller exotischen Blumen, Sträucher und Bäume nach Hause mitzubringen, die sie finden konnten, um festzustellen, ob diese in Molde gediehen. Mit seiner Blütenpracht war Humlehaven ein Wunderwerk 62 Grad nördlicher Breite. Weit oben am Hang stand das Lusthaus der Familie Dahl mit Erkern und Säulen. Der Hang unterhalb des Lusthauses war bedeckt mit exotischen Blumen. Entlang des Zaunes blühten Rosenbüsche, Klematis und Geißblatt und über allem rauschten die Baumkronen von Lärchen und Pinien.
Nesje sog den Blütenduft ein, als er vorbeiging. Der Lauf des Lebens ist der Lauf der Jahreszeiten, dachte er.
Er erreichte die Eschenallee, die Claus Gørvell ein paar Jahre zuvor gepflanzt hatte, nachdem er die Birkenallee abgeholzt hatte, die dort seit Generalauditor Korens Zeit gestanden hatte. Die Eschen waren gerade einmal mannshoch, trotzdem nannten die Leute die unfertige Allee die Gørvell-Allee.
ALS NESJE DEN HOFPLATZ von Gørvell erreichte, sah er auf dem Anlegesteg unten am Meer eine Frau stehen. Sie war nicht mehr blutjung, vielleicht Anfang dreißig, und trug ein schwarzes Kopftuch und einen Reisesack aus grauem Leinen. Über dem Rock hatte sie eine weiße Schürze umgebunden, als solle sie auf einer Hochzeit servieren.
Da kein anderer zu sehen war, fand er, er müsse hinuntergehen und mit ihr sprechen. Sie stand da und folgte mit den Augen einem Punkt draußen auf dem Meer, doch als er sich näherte, warf sie ihm einen Blick zu.
»Siehst du den Seelachs?«, rief sie ihm zu.
Ein Schwarm von Seelachsen schwamm direkt an den Anlegern vorbei fjordeinwärts. Die Oberfläche war unruhig, das Wasser brodelte, der Schwarm bewegte sich rasch. Einige Möwen folgten ihm, und das eine oder andere Mal tauchte eine ins Meer hinab, um zu sehen, ob sie nicht einen Seelachs erwischen konnte.
»Hättest du eine Angelschnur und ein Boot zur Hand, könnten wir hinausrudern und den Schwarm fangen!«, sagte sie.
Nesje fiel ein, dass im Bootshaus ein Fischernetz lag.
»Dann komm mit!«, rief er. Gørvells Vierriemer lag vertäut da – Nesje deutete darauf, es gab keine Zeit für viele Worte.
»Zieh das Boot an Land!«, sagte er. Er riss die Tür zum Bootshaus auf. Das Netz lag in einer Kiste. Er nahm sein Halstuch ab, zog seine feine Weste aus und griff nach dem Netz. Als er herauskam, lag das Boot bereits am Anleger. Sie nahm die Schürze ab, rollte sie zusammen, steckte sie in den Sack und warf ihn unter die Traufe des Bootshauses. Aus dem Augenwinkel sah er, dass sie ein wenig hinkte. Sie machte das Boot los. Er sprang als Erster hinein und hielt es am Kai fest, damit sie nachkommen konnte. Sie rissen die Riemen heraus und ruderten hastig drauflos. Die See glitzerte, und sie war ebenso eifrig wie er. Es dauerte nicht lang, dann befanden sie sich auf der Höhe des brodelnden Schwarms.
»Nun hast du sie!«, rief sie. Er erhob sich und warf das Netz, so weit er konnte. Es fiel mitten auf den Schwarm, und sie ruderte so schnell sie konnte Richtung Ufer. Der Fisch ging direkt ins Netz, der Zug war gewaltig. Er holte das Netz ein, es waren mindestens zwanzig Fische darin. Als Netz und Fische sicher im Boot waren, saß sie da, steuerte gegen und lachte.
Auch sein Mund verzog sich zu einem Lächeln.
Er pulte die Fische aus dem Netz, machte bei jedem einen Kiemenschnitt und brach ihnen das Genick. Sie ruderten zurück, und sie lachte immer noch.
»Im Grunde genommen ist das mein Fisch«, sagte sie.
»Woher kommst du?«, fragte er, »und wie bist du hierhergekommen?«
»Mein Bruder, Ola, hat mich hergefahren.«
Sie zeigte hinaus auf den Fjord. Weit draußen konnte er einen großen Vierriemer sehen. Das war ein gewöhnlicher Bootstyp in den äußeren, am Meer gelegenen Bezirken – größer als ein normaler Vierriemer, weil er sowohl zum Fischen als auch zum Transportieren verwendet wurde, dennoch sollte er für einen einzelnen Mann leicht zu rudern sein. In dem großen Vierriemer draußen auf dem Moldefjord erblickte er undeutlich einen Mann, der damit beschäftigt war, das Segel zu setzen. Das Segel öffnete sich, und nun kam dem Mann der Landwind zu Hilfe, sodass es rasch über den Fjord ging.
»Und warum hat er dich hierhergefahren?«, fragte Nesje.
»Er wollte mich wohl nicht mehr länger zu Hause haben! Ich heiße Serianna. Und du?«
Sie streckte ihm die Hand entgegen. Die war überraschend klein, aber eindeutig eine Hand, die gewohnt war anzupacken.
»Sie nennen mich Nesje«, erwiderte er.
»Dann werde ich dich auch Nesje nennen.« Sie holte den Sack, den sie beim Bootshaus versteckt hatte. Die Schürze band sie sich nicht wieder um. Offenbar war sie auf der Suche nach einer Anstellung, er glaubte jedoch nicht, dass sie Erfolg haben würde.
»Du hättest am Ding- und Wechseltag kommen sollen«, sagte er. »Ich glaube, Gørvell hat jetzt alle Bediensteten, die er braucht.«
»Ich habe gedacht, ich rauche mit Gørvell zusammen eine Pfeife«, sagte die Frau. »Dann versteht er wohl, dass er mich braucht! – Hast du vielleicht Tabak, du?«
Sie holte die Riemen ein, holte eine Pfeife aus ihrem Rock hervor und steckte sie sich in den Mund.
Nesje verstummte für einen Augenblick. Er hatte davon gehört, dass es Frauen gab, die rauchten, hatte es aber nie mit eigenen Augen gesehen. Dann riss er sich zusammen.
»Es ist viele Jahre her, seit ich Tabak geraucht habe«, erwiderte er. »Aber du kannst in Gørvells Krämerladen gehen, wenn sie aufmachen, dort haben sie Tabak.«
Er ruderte zur Anlegestelle, und sie sprang an Land. Er reichte ihr die Kiste mit dem Fisch und entwirrte das Netz, bevor er das Boot vertäute.
»Nimm den Fisch mit«, sagte sie.
»Ich gebe ihn in der Küche ab«, entgegnete Nesje. »Es war Gørvells Boot und Gørvells Netz.«
»Aber wir haben den Fang gemacht«, sagte sie. »Wo finde ich ihn, Gørvell?«
»Gørvell ist bestimmt noch nicht aufgestanden, und ich weiß auch nicht, ob er Zeit hat, mit dir zu sprechen«, antwortete Nesje.
Sie schickte sich an, zum Haus hinaufzugehen. Er bat sie, bei der Gesindestube zu warten, denn nun musste er zuerst mit dem Fisch zum Kücheneingang.
Nesje hatte sich geirrt. Claus Gørvell schlief nicht mehr. Er stand auf der Vordertreppe und blinzelte zum Himmel hinauf.
»Was ist das für eine, die du da gefunden hast, Nesje?«, fragte er.
»Sie stand auf deinem Anleger«, antwortete Nesje. »Heute kannst du Seelachs zu Mittag essen, wenn du willst. Wir haben einen Schwarm Seelachse gesehen und eine ganze Menge gefangen.«
»Nimm den Fisch mit nach Hause, Nesje. Schaff ihn fort, bevor meine Mutter ihn sieht«, sagte Gørvell mit einem Lachen.
Doch das war kein Scherz. Die Mutter von Claus Gørvell, Frau Anne Margrete Gørvell, war siebzig Jahre alt, führte den Haushalt ihres unverheirateten Sohnes aber mit fester Hand. Nesje sah sie selten, denn sie trat nur auf den Hofplatz hinaus, wenn sie einen guten Grund dafür hatte, und er selbst war fast nie drinnen. Doch im Lauf des Jahres, während er seinen Tätigkeiten auf dem Gørvell-Hof nachging, erhaschte er von Zeit zu Zeit durch die Fenster einen Blick auf sie.
Er wollte noch etwas sagen, aber Gørvell bedeutete ihm mit einer Handbewegung, dass die Sache beschlossen war. Nun kam er die Treppe herunter.
»Du suchst wohl eine Anstellung«, sagte Claus Gørvell zu Serianna und streckte ihr seine Hand entgegen. »Du siehst aus, als seist du das Arbeiten gewohnt. Aber ich weiß noch nicht, ob Sina hierbleibt. Wenn Sina bleibt, Anna dagegen fortgeht, brauchen wir ein Hausmädchen – draußen haben wir genug Leute.«
Er redete, als sei sie bei allen und jedem auf dem Gørvell-Hof eingeführt und vorgestellt.
»Am liebsten würde ich draußen arbeiten«, sagte Serianna.
»Wir brauchen gerade ein Hausmädchen«, antwortete Gørvell. »Du könntest auf dem Moldegaard anfragen.«
Nesje kam ein Gedanke.
»Vielleicht bleibt Sina, wenn sie Hausmädchen werden kann. Dann kann die Neue hier Sinas Platz einnehmen!«
»Ja?«, fragte Gørvell verwundert.
»Das war nur ein Vorschlag«, sagte Nesje.
Gørvell musterte die fremde Frau nachdenklich.
»Du hast bestimmt ein oder zwei Kinder?«, fragte er.
»Ich hatte eine Tochter«, antwortete Serianna.
»Wo ist sie jetzt?«, fragte Gørvell.
»Im Himmel«, erwiderte Serianna.
»Ja«, sagte Gørvell. »Dahin geht ja all unser Sehnen!«
Na, allerdings hast du auch viel Freude am Irdischen, du, Gørvell, dachte Nesje bei sich.
Gørvell wandte sich an Nesje. »Du wirst Serianna einweisen. Ich glaube, Sina ist gerade dabei, im Küchenhaus anzufeuern. Vor der Heuernte muss eine Menge gebacken werden.«
»Die Kunst beherrsche ich«, sagte Serianna.
»Du wirst dich mit vierzehn Speziestalern im Jahr zufriedengeben – wie die anderen.«
»Samt Kost.«
»Ja, samt Kost«, sagte Gørvell.
»Hast du Tabak?«, fragte sie. »Bestimmt hast du Tabak, wenn du in deinem Krämerladen Pfeifen verkaufst?«
»Ja!«, sagte Gørvell verwundert. Er ging hinein, um seinen Tabaksbeutel zu holen, und reichte ihr mit den Fingern ein Bäuschchen. Sie hatte Streichhölzer dabei, und dann stand sie wahrhaftig da, zündete sich die Pfeife an und paffte drauflos! Gørvell sah sie an. Dann lachte er und ging hinein, um genauso schnell wieder herauszukommen.
»Wir sollten ein paar Fuhren Torf stechen, bevor die Heuernte beginnt«, sagte er, an Nesje gewandt. »Könntest du für den Rest der Woche hinauf ins Torfmoor gehen?«
»Aber was ist mit der Heuernte und den Arbeitsgeräten?«
»Wir fangen erst in vierzehn Tagen an.«
»Ich müsste einen Jungen dabeihaben, der den Torf mit der Schiebkarre zum Trockenplatz fahren kann.«
»Ich werde irgendjemanden hochschicken«, sagte Gørvell.
»Wie viel Torf soll ich stechen?«
»So viel, dass der Schober da oben gefüllt ist.«
»Ja, da werde ich die Woche brauchen. In dem Schober dort steht wohl ein Torfspaten, oder?«
»Bestimmt. Und nimm den Fisch mit«, sagte Gørvell, drehte sich auf dem Absatz um und ging davon.
Nesje stieg hinauf Richtung Rekneshaugen. Frau Louise Dahl stand mit Ole Gjelden im Humlehaven. Sie war sechzig Jahre alt und zweifellos von der alten Schule, wie man so sagt. Aber sie hielt sich nicht für zu gut, Nesje zu grüßen. Ole Gjelden fuhr fort umzugraben und schenkte dem Heumacher von Rekneslia keine Beachtung.
»Was tragen Sie denn da, Nesje?«, fragte Louise Dahl im wohlgesetzten Dänisch.
»Es kam ein Schwarm Seelachse vorbei!«, antwortete er. »Und da bin ich mit einem Netz rausgefahren.«
»Würden Sie an mich verkaufen, Nesje?«
Hier hatte es keinen Zweck, es kompliziert zu machen.
»Wie viel benötigen die Gnädige?«, fragte Nesje. Wenn es notwendig war, konnte er auch gebildet sprechen.
»Alles, was Sie haben!«, erwiderte Frau Dahl. »Mein Sohn Sebastian kommt heute aus Kristiania. Er ist nun examinierter philologischer Kandidat – mit vierundzwanzig Jahren.«
»Dass Bastian Dahl eine seltene Begabung ist, ist weithin bekannt«, bemerkte Nesje.
Einige Jahre zuvor hatte Bastian Dahl die Abiturprüfung auf der Lærd- og Realskole in Molde abgelegt – mit Bestnote. Es gab nur wenige, die nicht davon wussten.
Nesje hatte sich auf die Fischmahlzeit gefreut, doch nun verkaufte er den Fisch an Frau Dahl. Er ging zu seinem Haus in Rekneslia, trat ein, trank Wasser und holte sich ein derberes Hemd. Man brauchte nicht mit dem besten Hemd in die Berge zu gehen. Doch dass er das feine Hemd angezogen hatte, als er morgens in die Stadt gegangen war, das bereute er nicht.
Dreißig Schillinge sollte er sich bei Louise Dahl abholen, wenn er das nächste Mal am Humlehaven vorbeikam. Auf diese Weise hatte ihm die kurze Fahrt mit dem Boot genauso viel eingebracht wie ein halbes Tagewerk!
DER WEG ZUM TORFMOOR dauerte weniger als eine halbe Stunde. Es war ein heißer Sommertag, und Nesje war nassgeschwitzt, als er ankam. Er hängte das Hemd an einen Nagel an die Scheunenwand und ging mit nacktem Oberkörper und mit dem Torfspaten in der Hand zum Torfgraben. Dort riss er das Heidekraut aus und entfernte die oberste Lage mit Humus. Nun kam die fette und glänzende Torferde zum Vorschein – jahrtausendealte Reste von Laub und Bodensatz. Er arbeitete ein paar Stunden, ohne eine Pause einzulegen, und rechnete damit, gegen vier nach Hause gehen zu können, um seinem Jungen etwas zu essen zu machen.
Als er den Geruch von Tabak wahrnahm, sah er schließlich doch von seiner Arbeit auf. Serianna stand neben der Scheune und beobachtete ihn. Dann kam sie herüber – dorthin, wo er im Torfgraben stand; die Erdschicht reichte ihm bis zum Bauch.
»Gørvell hat gesagt, ich solle hierherkommen und dir helfen.«
»Solltest du nicht beim Backen dabei sein?«
»Im Küchenhaus waren sie genug. Wo ist die Schiebkarre?«
»In der Scheune.«
Sie holte die Schiebkarre und eine Mistgabel und begann, die Torfsoden, die er an den Rand gelegt hatte, auf die Karre zu laden. Dann schob sie die Fuhre an einen trockenen Platz ein Stück entfernt und stapelte die Torfsoden so, dass die Sonne sie trocknen konnte. Sie machte das nicht zum ersten Mal, das konnte er sehen. Es gab nur zwei Arten, es zu tun: Man konnte entweder vier Torfstücke aufrecht zu einer Pyramide zusammenstellen, oder man konnte sie zu einem Viereck legen – erst zwei in Richtung Nord-Süd, dann zwei in Richtung Ost-West, und so immer abwechselnd, damit Luft und Wind herankamen. Sie konnte beides und wandte bald die eine, bald die andere Art an, sicher der Abwechslung wegen.
Sie arbeiteten bis weit in den Vormittag hinein. Er stach Torf, und sie belud damit große Fuhren, bevor sie sich die Schiebkarre griff und zwischen den Torfhaufen hindurchfuhr. Er versuchte, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren und nicht zu ihr hinzusehen, doch das machte die Sache nur noch schlimmer, denn nun begann er, ihr rasche Blicke zuzuwerfen, wenn er glaubte, sie bemerke es nicht, und es wurde nicht leichter, als sie die Jacke ablegte und im Unterhemd und mit nackten Armen umherlief.
Etwas weiter entfernt befand sich ein Bach. Sie holte aus ihrem Sack einen kleinen Kessel hervor, sammelte ein paar Zweige und Reisig zusammen und bereitete am Bach alles für ein kleines Feuer vor. Dazu legte sie einige Steine kreisförmig aneinander, sodass sie eine Feuerstelle bildeten. Dann zündete sie das Holz an und füllte den Kessel mit Wasser.
Wollte sie Kaffee kochen? Er beugte sich über den Bach und wusch sich, bevor er sein Hemd überzog. Nun begann es, nach Kaffee zu duften. Es dauerte nur wenige Minuten, bevor das Wasser im Kessel kochte. Sie hatte zwei gedrechselte Holztassen dabei und schenkte ihnen Kaffee ein. Nesje trank seinen Kaffee in kleinen, behutsamen Schlucken. Dann aß er den Brotkanten, den er mitgebracht hatte. Der Bach gluckerte.
»Du willst vielleicht wissen, wie es hier aussieht«, sagte er und stand auf.
»Wie es hier aussieht?«, fragte sie.
»Hinter der Scheune ist ein schöner grasbewachsener Platz«, sagte er und zeigte ihn ihr.
»Ja, hier könnte man sich sofort hinlegen!«, erwiderte Serianna.
»Dann schläft man ein, und was getan werden muss, wird nicht getan«, sagte er und ging mit großen Schritten zurück zum Torfgraben. Sie griff nach der Schiebkarre und folgte ihm.
Sie arbeiteten wieder, aber die Stimmung zwischen ihnen hatte sich verändert. Das, was sich zwischen ihnen entwickelte, war zart und verletzlich. Ihre Augen hatten einen anderen Glanz bekommen. Sie erzählte von ihren Geschwistern. Sie waren zu sechst – drei Schwestern und drei Brüder. Er seinerseits erzählte von seiner Verwandtschaft und seinem Heimatort – dass er der Jüngste von zehn Geschwistern sei und dass sein Vater starb, als er erst ein Jahr alt war.
Schließlich erstarb das Gespräch, und beide sahen einander an.
Er musste sich abwenden und sich auf seine Arbeit konzentrieren. Nie zuvor hatte er innerhalb einer Stunde so viel Torf gestochen, und nie hatte sie sich wohl flinker bewegt. Sie sah ihn an, mit offenem Blick – als ob sie darauf wartete, dass er innehielt und mit ihr sprach, doch er machte weiter. Er wollte sich nicht in etwas hineinstürzen, für das er nicht geradestehen konnte, dachte er. Aber was dachte sie?
Serianna erzählte von ihrer jüngsten Schwester, Gjertine. Sie machte sich Sorgen um sie. Gjertine hatte sich den sogenannten Bibeltreuen im Ort angeschlossen, die in ihren eigenen Häusern Erbauungsstunden abhielten und nicht in die Kirche zu Vaagø gingen, um dort den Pastor zu hören. So hatten sie es seit der Zeit des Laienpredigers Hans Nielsen Hauge* getan, doch nun, fünfzig, sechzig Jahre später, wurde die Verkündigung von Leuten betrieben, deren Sicht auf das Leben dunkler war als die von Hauge. Sie waren der Meinung, die Pastoren nähmen es zu leicht mit der Abkehr von den weltlichen Gelüsten, die notwendig sei, damit der Mensch Gnade bei Gott finden könne.
»Ich bin zu den Bibeltreuen gegangen, als ich großen Kummer hatte«, sagte Serianna, »aber ich habe es nicht besonders lang durchgehalten.«
»Warum nicht?«
»Einer von ihnen deutete an, Gott habe mir die Tochter genommen, weil ich mein Herz nicht gebeugt hätte – da hatte ich genug.«
»Manchen geht es am besten, wenn sie der Last anderer noch Steine hinzufügen«, sagte er.
»Ich kann an solch einen hartherzigen Gott nicht glauben.«
»Wie alt warst du, als du deine Tochter bekommen hast?«
»Vierundzwanzig.«
»Und der Kindsvater?«
»Er wollte mich nicht heiraten.«
»Warum nicht?«
»Er war erst siebzehn.«
Nesje spürte, dass er ihr zu nahetrat, doch er wollte alles wissen.
»Wie alt ist deine Schwester?«
»Gjertine wird kurz nach Neujahr sechzehn. Sie wird im Herbst konfirmiert.«
»In diesem Alter geschieht viel mit den Jugendlichen«, sagte er und dachte an seinen eigenen Sohn.
NESJE UND SERIANNA arbeiteten die Woche über im Torfmoor. Sie waren allein dort oben in den Bergen, selten kamen Leute vorbei. Und niemand konnte etwas für das, was geschah. Eines Nachmittags, als sie fertig waren und sich im Bach gewaschen hatten, um nach Hause zu gehen, sagte er: »Wir können uns wohl eine Weile hinter die Scheune setzen.«
Und das taten sie.
»Ich glaube fast, ich ruhe mich fünf Minuten aus«, sagte er und legte sich hin.
»Ich merke, dass ich heute Morgen früh aufgestanden bin«, sagte sie und legte sich neben ihn. »Aber was, wenn ich einschlafe?«
Er schob sich näher an sie heran. »Da besteht wohl keine Gefahr.«
»Was tust du da?«, sagte sie. »Legst du deine Hand auf meine Schulter?«
»Und ich streichele dich«, fragte er. Er begann, einen Knopf an ihrem Mieder aufzuknöpfen.
»Du hast es aber eilig!«, sagte sie.
»Wir haben ja auch nicht den ganzen Tag Zeit«, erwiderte er.
Sie meinte, er solle nichts überstürzen, doch gleich darauf hörte er ihr wunderbares Lachen. Dann wurde sie still, atmete aber schwer. Sie roch nach Tabak und einem Hauch Schweiß. Er dachte an Ruderschläge und an Wellen, die ans Ufer schlagen. Er dachte an den Schwarm Seelachse und an das schaukelnde Boot.
Als er zu sich kam, lag sie da und sah ihn an.
»Du bist schon so einer, du«, sagte sie.
»Das konnte heute nicht anders sein.«
»Was ist da über uns gekommen?«
»Die Sehnsucht der Erwachsenen nach Liebe«, antwortete er.
»Ach, war es das!«, erwiderte sie.
ES WAR BEREITS SPÄT AM SAMSTAG, als Nesje sagte, nun sei es genug. Mit dem, was er gestochen und sie zum Trocknen aufgestellt hatte, würde die Torfscheune mehr als gut gefüllt sein. Wenn die Heuernte abgeschlossen war, wäre der Torf getrocknet. Vielleicht durften sie dann wieder zusammenarbeiten? Er dankte ihr, und sie lächelte. Dann gingen sie zusammen ins Tal hinab. Doch als sie an seinem Haus vorbeikamen, bat er sie nicht hinein. Sein Sohn war dort, vielleicht war es klüger zu warten.
»Du musst mit ihm darüber sprechen«, sagte sie.
Ja, er würde nicht drumherum kommen.
An diesem Abend sagte Nesje zu seinem Sohn, er habe eine Frau getroffen, die er lieber hätte als alle anderen.
Der Sohn sagte: »Du darfst Mutter nicht vergessen.«
»Ich werde Mutter nie vergessen«, antwortete Nesje mit belegter Stimme.
»Man kann wohl nicht an zwei Frauen gleichzeitig denken«, sagte Hans.
»Die eine ist auf der Erde, die andere im Himmel«, erwiderte Nesje leichthin. »Ich bin sechsunddreißig Jahre alt und kann nicht den Rest meines Lebens allein bleiben.«
»Nein, es ist vielleicht ganz gut, dass du jemanden bei dir hast, wenn ich fortgehe«, meinte der Junge.
»Wohin willst du gehen?«
»Ich wollte tun, was du mir gesagt hast.«
»Was war das denn? Ich habe so viel gesagt!«
»Du hast gesagt, du wollest Hans Olsen von Trolla Brug schreiben.«
Ja, das hatte er gesagt. Seit Nesje einmal auf einem Missionstreffen in Molde Hans Olsen begegnet war, dem Direktor von Trolla Brug, hatte er eine Vertretung für das Werk inne. Hans Olsen, der TrollaBrug gegründet hatte, hatte Nesje auf dieser Versammlung herausgepickt und ihn gefragt, ob er für sie Öfen verkaufen wollte. Während Guri noch lebte, war er auch ziemlich viel umhergereist, um Leute dazu zu bewegen, Öfen und Herde zu bestellen. Doch als er mit dem Jungen allein blieb, musste er das Ganze auf Eis legen. Die Niederlassung war zwar nicht abgewickelt, ruhte aber derzeit. Nesje war sich auch nicht sicher, wie es zukünftig weitergehen würde. Trolla Brug hatte zwei Jahre zuvor mit Throndhjems mekaniske Verksted fusioniert. Hans Olsen war nun Direktor beider Werke. Alles, was Nesje wusste, war, dass die Ofenfabrik weiterbetrieben werden sollte wie vorher.
»Du sollst Trolla Brug in Trondheim schreiben und fragen, ob sie ab dem Sommer Arbeit für mich haben!«, sagte Hans.
»Du musst zuerst konfirmiert werden«, erwiderte Nesje. »Und bis das geschehen kann, ist es noch fast ein Jahr hin!«
»Ich werde in der Tischlerwerkstatt von Onkel Hans in Kringstadhagen arbeiten, bis ich konfirmiert bin. Und dann ist es am besten, wenn ich auch da wohne, hat Onkel Hans gesagt.«
»Warum wirst du nicht dort wohnen, wo du zu Hause bist?«
»Ich rechne damit, dass die Neue einziehen wird.«
»Davon war nicht die Rede«, sagte Nesje.
»Das wird schon noch auf den Tisch kommen!«, entgegnete der Sohn.
Nesje spürte, wie sich sein Sohn zurückzog. Warum hatte er nicht ein wenig damit gewartet, von Serianna zu erzählen? Vielleicht hätte es sich dann besser gefügt? Mit weicher Stimme sagte er: »Sollte ich dich auf diese Art verlieren?«
»Du verlierst mich nicht«, antwortete der Sohn. »Onkel Hans ist trotz allem mein Pate und mein Onkel. In einem knappen Jahr werde ich konfirmiert, und dann gehe ich fort.«
Nesje sagte nichts mehr. Als Hans zu Bett gegangen war, übermannte ihn die Verzweiflung. Er lag in der Dunkelheit da und grübelte mit offenen Augen.
Die Heuernte verging wie im Flug, und Nesje und Serianna konnten sich nicht jeden Abend treffen.
An dem Tag, an dem sie glaubten fertig zu werden, wartete sie morgens auf ihn, als er den Pfad herunterkam.
»Da gibt es etwas, was ich dir erzählen muss«, sagte sie.
»Ich weiß, was es ist«, antwortete er.
»Denk darüber nach. Aber wenn du willst, kann ich für dich kochen und dir dein Bett wärmen.«
»Ich muss darüber nachdenken.«
»Nimm dir die Zeit, die du brauchst.«
Auf dem Gørvell-Hof waren die meisten Mägde und Knechte in der Gesindestube versammelt, wo sie lefse, dünne Fladen aus Kartoffelmehl, mit Butter bestrichen und warme Milch tranken.
»Heute müssen wir fertig werden«, riefen sie einander zu.
Es war wie in all den Jahren zuvor. Gørvell würde im Laufe des Tages zu ihnen herauskommen und fragen: »Schaffen wir das?«
»Ja!«, würden sie antworten.
Denn sie mussten es schaffen.
Bald gingen die beiden ersten Heumacher zum Schleifstein hinter dem Vorratshaus. Der eine drehte die Kurbel, während der andere schliff. Der Schleifstein drehte sich schlingernd, und sie kippten Wasser darauf, sodass die Schneide scharf wurde.
Wie soll das alles werden?, fragte sich Nesje.
Als die beiden ersten Heumacher die Sense geschliffen hatten, waren die nächsten dran. Sie brauchten nicht lange und warteten, bis alle fertig waren. Dann griffen fünf Kerle nach den Sensen, und fünf Heumägde holten die Rechen. Gemeinsam gingen sie zu den Wiesen hinunter ans Ufer – die Mäher mit ihren Langsensen in der Hand. Dort angekommen, drehten sie die Sense um, sodass der Sensenstiel auf der Erde stand und das Sensenblatt von ihren Schultern nach vorne zeigte. Und dann strichen sie mit dem Wetzstein, den sie in einem kleinen Behälter aus ausgehöhltem Holz, der zwischen ihnen stand, angefeuchtet hatten, über die Schneide des Sensenblattes. Ein helles, scharfes Geräusch ertönte, bisweilen im Takt, dann wieder nicht – ein letztes Mal in diesem Sommer.
Mein eigenes Kind, dachte Nesje. Aber was wird mit Hans? Muss ich ihn verlieren, um sie zu bekommen? Das ist ein hoher Preis.
Die fünf Mäher stellten sich in einer Reihe auf, so wie sie es die letzten drei Wochen gemacht hatten – einer immer etwas versetzt hinter dem anderen.
Der erste Mäher, Nesje, ging zuvorderst in der Reihe. Er schwang die Sense in weitem Bogen, und so folgte einer nach dem anderen, das letzte Wiesenstück, das bis zum Ufer des Fjords reichte, hinab. Nesje sah, dass sie fertig werden würden, solange die Sonne noch hoch am Himmel stand. Sie würden es auch noch schaffen, die Wiesenränder zu mähen und zwischen den großen Bäumen Richtung Reknes Hospital – was sie immer bis zum Schluss übrigließen.
Das Gras legte sich in langen Schwaden auf den Boden. Zwei der Heumägde waren Hausmädchen, aber in der Heuernte mussten alle mithelfen. Die Mädchen rechten das Gras nicht zusammen, sondern rupften es auseinander und breiteten es aus. Das Heu sollte nicht in Klumpen und Büscheln auf dem Boden liegen, sondern eine dünne Schicht bilden, damit die Sonne es trocknen konnte. Herrschten Wärme und Wind, konnte das Heu noch am selben Abend eingefahren werden.
Während er die Sense schwang, ging Serianna direkt hinter ihm in der Reihe. Sie trug ein langes Hemdkleid aus einem karierten Stoff und ein weißes Tuch um den Kopf. Beim Ausbreiten des Heus schonte sie sich nicht, nein, das war sicher und gewiss. Es war kaum eine Stunde vergangen, da riss sie so heftig am Rechen, dass zwei Zinken abbrachen. Nesje rief einen Jungen, der am Zaun herumlungerte, und brachte ihn dazu, mit dem kaputten Rechen zum Tischler zu laufen und einen Rechen zu holen, der heil war. Serianna sagte, er wüsste sich immer zu helfen.
Ja, das tat er. Der Sommer, den sie gemeinsam verbracht hatten, zog vor seinem inneren Auge vorüber. Während der gemeinsamen Frühstücke in der Gesindestube hatte er ihr von seinem Leben erzählt. Und sie hatte ihm, mit leiser Stimme, von dem Kind erzählt, das sie verloren hatte, und er hatte ihr sein Mitgefühl gezeigt.
Ich muss um sie freien, bevor jemand anderes es tut, dachte er. Dann kam Claus Gørvell und sagte, was er immer zu sagen pflegte, wenn sich die Heuernte dem Ende zuneigte: »Schaffen wir das?«
»Ja«, antwortete er, Nesje, dann, »wir schaffen das.«
»Wann seid ihr mit dem Mähen fertig?«
»In ein paar Stunden.«
»Dann also Erntegrütze heute Abend?«, fragte Gørvell.
»Ja, um acht«, entgegnete Nesje. »Die Heuarbeiter brauchen Zeit, sich frischzumachen.«
»Sollen wir die Wagen gegen sechs hinunterfahren?«
Ja, so sollte es sein.
Als also alles gemäht war, bis an die Umzäunung heran, und die Männer dastanden, sich auf ihre Sensen stützten, durchatmeten und aussahen, als könnten sie nicht richtig glauben, dass sie fertig waren, und die Mädchen den letzten Schnitt ausbreiteten, sodass alles trocknen konnte, da sahen sie, wie sich auf der anderen Seite des Zaunes vier Elende vom Reknes Hospital für arme Leprakranke sich näherten, um auf Abstand ein paar Worte zu wechseln – zwei Männer und zwei Frauen. Die Männer hatten keine Finger, und die Gesichter der Frauen waren große offene Wunden. Sie kamen nicht nah heran, doch sie wussten, in diesem Jahr wie in jedem Jahr, dass nun das Letzte getan war. Die Heuernte auf dem Gørvell-Hof war zu Ende.
»Glück und Segen für die Heuernte!«, riefen die Unglücklichen im Chor. »Glück und Segen!«
»Ja, habt Dank, nun ist die Heuernte für dieses Jahr zu Ende!«
Es war erst fünf Uhr – in einer Stunde sollten die Heuwagen kommen. Die fünf Männer hängten die Sensen in einen Baum, während die Heumägde das letzte Gras ausbreiteten. Und dann, als das getan war, standen sie da, und Nesje holte seine Uhr hervor. Es gab nicht viele, die eine Uhr hatten.
»Nun ist es gleich sechs«, verkündete er. Kurz darauf hörten sie oben von den Hofgebäuden Wagengerassel. Es waren zwei Pferdefuhrwerke – der Fuhrknecht kam mit dem einen und – wahrhaftig, es war Gørvell selbst, der das andere lenkte! Gørvell trug ein weißes Hemd, doch Jacke und Halstuch hatte er abgelegt – er wusste, dass es schweißtreibend werden würde. Vor dem Zaun fuhren sie einen Bogen, und dann begannen die Männer, mit den Heugabeln aufzuladen.
»Nein, nun will ich Heu treten«, erklärte Claus Gørvell. Sie mussten ihm auf den Heuwagen hinaufhelfen – er war trotz allem kein junger Spund mehr, stand er nicht kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag? Doch er trat so fest zu, dass es taugte.
Es fiel leichter, mit ihm zu scherzen, wenn er sich verhielt, als sei er einer von ihnen. So eifrig trat Gørvell das Heu an den Rändern herunter, dass man glauben konnte, es würde nie gut genug sein. Einer der Mäher war sich nicht zu schade, eine Heuladung hoch in die Luft zu werfen, die Gørvell direkt auf den Kopf fiel. Doch dieser lachte nur, und alle lachten mit, als er seinen Kopf aus dem Heu herausstreckte.
ES WAR IMMER NOCH EINE STUNDE HIN, bis die Grütze fertig war. Einer der Männer sagte: »Nun wollen wir uns waschen!«
Er machte eine Bewegung mit dem Kopf, und dann gingen sie hinunter zum Reknesstrand – zum Wäldchen direkt am Fjord, wo sie nicht so leicht von den Leuten gesehen werden konnten, die auf dem Weg vorüberfuhren. Sie streiften sich rasch die Kleider ab und standen splitternackt da. Die Frauen waren nicht mitgekommen, und niemand hatte eine Badehose. Dann sprangen sie ins Wasser, mit Geschrei und Gejohle, alles in allem fünf Kerle. Kurze Zeit später kam der Fuhrknecht, er trug eine Art Hose, und sie feixten.
Der Sommer war so schön gewesen, dass der Schnee auf den Gipfeln auf der anderen Seite des Fjords beinahe verschwunden war. Doch wirklich warm war das Wasser nicht – ob wohl das Gletscherwasser den Fjord abkühlte?
Neben Nesje konnte nur noch ein weiterer Mann schwimmen. Sie schwammen ein Stück hinaus, während die anderen in der Nähe des Ufers herumplantschten. Und nun, man glaubte es kaum, kam Claus Gørvell angefahren – er hatte das Karriol angespannt. Er zog die Zügel an und ließ das Pferd grasen, während er zum Ufer hinunterlief und sich die Kleider abstreifte! Dieser dünne Mann – seine Haut war so weiß, dass man kaum glauben konnte, er habe jemals die Sonne gesehen. Sie konnten nicht umhin, einen Blick auf seine Ausrüstung zu werfen – Junge! – und unterhielten sich darüber: Er, Gørvell, war bestückt wie ein Häuptling; es sei wohl doch etwas Wahres dran, dass er von einem finnischen Häuptlingsgeschlecht abstammte. Warum war er Junggeselle, warum hatte er nie eine Frau gefunden? Und schwimmen konnte er, wie ein Seehund. Sie standen da und sahen ihm zu. Er schwamm unglaublich weit hinaus – wollte er ganz bis nach Reknesholmen? Alle wussten, dass Gørvell neulich einen Rechtsstreit verloren hatte. Er hatte alle Molde-Inseln an Moldegaarden, den Moldehof, verloren, geblieben war ihm nur noch Reknesholmen. Bestimmt wollte er zeigen, dass diese Insel auf jeden Fall ihm gehörte!
Doch es war weit bis dorthin. Hatte er den Verstand verloren, warum kehrte er nicht um?
»Du solltest das Boot rausholen, Lars!«, rief einer der Männer dem Fuhrknecht zu. »Nun schwimmt Gørvell wirklich zu weit raus!«
Da drehte Gørvell um und näherte sich mit kräftigen Schwimmzügen. Als er aus dem Wasser stieg und sich mit einem großen Handtuch abtrocknete, sahen sie, dass sein Gemächt zu einem Nichts geschrumpft war.
DA LÄUTETE DIE GLOCKE auf dem Vorratshaus des Gørvell-Hofes, und die Männer riefen einander zu: »Hör doch, Junge, die Glocke! Nun steht die Grütze bald auf dem Tisch!«
»Beeilt euch, Männer«, sagte Gørvell im reinsten Dialekt. Wenn er in guter Stimmung war, redete er wie die gewöhnlichen Leute, als sei es nichts.
O ja, es war an der Zeit, sich wieder seine Siebensachen anzuziehen, die Sonne stand weit im Westen. Als sie auf dem Hofplatz ankamen, warteten die Frauen schon auf sie, viele von ihnen im Sonntagsrock. Serianna hatte sich die weiße Schürze umgebunden. Sie warf Nesje einen Blick zu, kam aber nicht zu ihm. Gørvell dagegen ging zu Nesje und sagte etwas auf Finnisch. Das verstand der erste Mäher zwar nicht, um ein Wort Gottes handelte es sich dabei aber kaum.
»Perkelää! Du musst dich bald entscheiden, Mann!«, sagte Gørvell. Dann ging er zu Serianna und sagte etwas zu ihr, und sie folgte Gørvell zur Treppe und hinein ins Haus. Die anderen blieben stehen und stießen einander an, denn niemand wollte als Erster gehen. Doch dann ging der Fuhrknecht Lars hinein und danach Nesje.
Nesje war gespannt, ob die alte Frau hereinkommen und sie wenigstens begrüßen, wenn auch nicht gemeinsam mit ihnen essen würde. Doch sie zeigte sich überhaupt nicht. Drinnen in der Stube stand die Köchin bereit, ebenso zwei Dienstmädchen. Fuhrknecht Lars rief, nun solle ein Tischgebet gesungen werden, und begann mit Der Tisch ist schon bereitet. Nicht alle sangen mit, auch Gørvell nicht, aber er akzeptierte, dass es so sein sollte. Dann kam die Grütze auf den Tisch. Als sie die Teller ein erstes Mal leer gegessen hatten und darauf warteten, dass mehr hereingetragen wurde, erhob sich Gørvell und hielt eine Rede. Er dankte den Heuarbeitern, dass das Heu eingefahren war. Genau genommen lägen noch ein paar Fuder draußen, aber so sei es eben mit der Arbeit des Bauern, ganz fertig sei man nie. Ganz besonders wolle er dem ersten Mäher, Nesje, danken – für seinen Einsatz, denn Nesje sei nun seit dreizehn Jahren erster Mäher. Es führte kein Weg drumherum, als Gørvell fragte, ob Nesje ein paar Worte an die Heuarbeiter richten wolle. Alle wussten, was es galt – nun sollte er sagen, wie es weitergehen würde.
Nesje stand auf. Er sagte, er habe in letzter Zeit viel an seinen Vater gedacht. Nicht, dass er sich an seinen Vater erinnern könne – er starb, als er selbst ein Jahr alt war. Doch der Vater habe ihm ein Wort hinterlassen, das ihn seine Mutter gelehrt habe, als er groß genug war, um es zu verstehen: nämlich, was ein Mann zu einer Frau sagen sollte, wenn er auf Freiersfüßen ging.
Nun verstummte das Gespräch in Gørvells Stube.
Nesje verwendete feinste Schriftsprache, als er sagte: »So frage ich dich, Serianna Eriksdatter: Willst du die Freude meiner Jugend und der Trost meines Alters werden?«
Es wurde so still in Gørvells Haus, wie es noch nie zuvor gewesen war. Seriannas Gesicht wechselte die Farbe. Dann strich sie mit ihrer Hand die weiße Schürze glatt und sagte Ja.
Da brach ein Spektakel los, dass schier das Dach abhob. Sie schrien und lachten und riefen durcheinander. Gørvell rief lauter als alle anderen. Er war es auch, der die Frage stellte, und jäh wurde es wieder still: »Wann kommt das Kind, Serianna?«
»Nach Weihnachten«, antwortete Serianna. »Aber noch vor Ostern«, setzte sie hinzu. Und dann begann das Spektakel von Neuem.
* Hans Nielsen Hauge (1771–1824) war die zentrale Figur einer norwegischen Erweckungsbewegung, die zwischen 1796 und 1804 entstand.
ALS DIE HERBSTABENDE dunkel wurden, brachte Hans seine Sachen zu seinem Onkel nach Kringstadhagen, und Serianna zog in Rekneslia ein. Doch als aus Frænen die Nachricht kam, dass ihr jüngster Bruder, Botolv, der erst achtzehn Jahre alt war, an einer Lungenentzündung erkrankt war, kehrte sie zu ihren Eltern nach Hause zurück.
Da wurde es einsam um Nesje. An dem einen oder anderen Abend schaute Hans herein, wollte aber nicht übernachten.
»Ich will nicht in zwei Betten schlafen«, sagte er.
»Was machst du den halben Tag lang?«, fragte Nesje seinen Sohn. »Sind dir die Nachmittage nicht lang?«
»Ich bin in der Tischlerei. Und wir fischen. Er hat ja ein Boot, der Onkel Hans.«
»Ich hätte es gerne gehabt, dass du mich nicht so plötzlich verlässt.«
»Ich habe dich nicht verlassen – ich wohne bei meinem Onkel«, erwiderte Hans. »Darüber brauchen wir also nicht mehr zu reden. Aber ich war heute früh auf dem Postamt, und sie haben mich gebeten, dir zu sagen, dass ein Brief für dich angekommen ist.«
»Ich habe ihn heute Nachmittag abgeholt«, sagte Nesje. »Aber ich habe ihn noch nicht geöffnet. Ich fürchte, es gibt schlechte Neuigkeiten über ihren Bruder.«
»Ich kann hierbleiben, bis du ihn gelesen hast.«
Nesje riss den Brief auf. Aus irgendeinem Grund zitterte seine Hand ein wenig.
Der Brief war von Serianna. Sie erzählte, dass Botolv gestorben war, und Nesje dachte, wie schnell alles ging. Sie wollte, dass er zur Beerdigung kam. Als er das Hans erzählte, sagte der: »Du musst hinfahren, Vater.«
»Aber wer soll die Kühe füttern? Und wer soll sie melken?«
»Das werde ich übernehmen! Onkel Hans hilft mir.«
»Aber dann musst du hier schlafen!«
»Ich schlafe hier! Sieh zu, dass du fortkommst!«
Gørvell lieh Nesje ein Boot, mit dem er zu Serianna ruderte, denn nun hatte es geschneit und über das Gebirge war kein Fortkommen. Er ruderte vier Stunden lang in Wind und Regen und wurde bis auf die Haut nass. Fröstelnd ging er den Weg vom Ufer hinauf zu dem Hof, wo Serianna sich aufhielt – wie sie es ihm erklärt hatte. Es war dunkel, aber gegen den Unwetterhimmel zeichneten sich die Hofgebäude ab. Es gab zwei Vorratshäuser, ein Küchenhaus und eine Scheune. Bortegarden wurde der Hof genannt.
Er ging zur Tür und klopfte an. Niemand antwortete. Er hob die Klinke an und trat ins Haus. Sie saßen um einen Tisch – eine vormals achtköpfige Familie, die nun zu siebt war. Die Eltern waren leicht zu erkennen. Er begrüßte sie als Erste, Ingeborg und Erik, nannte seinen Namen und nickte ihnen zu, wie es Brauch war. Sie waren alt, das sah er nun. Aber sie führten den Hof, obwohl der älteste Sohn Ola die ganze Arbeit machte.
Serianna schien sich über sein Kommen zu freuen. Sie erhob sich und sagte: »Da bist du ja!«
Er umarmte sie nicht – zuerst musste er die anderen begrüßen.
»Bist du Ola?«, fragte er den dunkelhaarigen Mann am Tischende.
»Sie sagen so«, erwiderte Ola und ergriff seine Hand.
Ola war dreißig, das wusste Nesje, hatte aber noch keine Frau. Ola hatte den Ruf, ein Großmaul zu sein, doch sein Gesicht verriet, dass in dem kräftigen Körper eine empfindsame Seele wohnte. Der Bruder Erik, den sie den »Möbelschreiner« nannten, weil er in einem Winter nahe Molde eine Schreinerlehre absolviert hatte, war ebenfalls nicht verheiratet. Das musste der sein, der am anderen Ende des Tisches saß, sodass Nesje einmal um den Tisch herumgehen musste. Und wer war wer bei den Schwestern? Ane-Martha und Gjertine waren neunzehn und fünfzehn Jahre alt. Die mit dem stechenden Blick – das war zweifellos Gjertine. Deshalb begrüßte er zuerst die andere.
»Du bist bestimmt Ane-Martha!«
Woher wusste er das alles? Er merkte sich Dinge gut, das war es. Serianna hatten ihm von allen erzählt, doch nun war sie einfach nur schweigsam und froh.
Er wurde gebeten, sich an den Tisch zu setzen, aber er war nass wie ein Hund. Er wolle sich ans Feuer setzen, bis er trocken sei, sagte er. Sie machten Milch für ihn warm und boten ihm Grütze an. Er war nach der langen Fahrt hungrig.
Ane-Martha war freundlich, aber was war Gjertine für ein Mensch? Sie verließ den Tisch, baute sich vor ihm auf und sah ihn an, während er versuchte, warm zu werden. Sie war groß und dünn, aber – wie man so sagte – gut gebaut. Und sie war geradeheraus, dachte er. Die obersten Knöpfe an ihrem Kleid waren geöffnet, sodass man die weißen Brüste sehen konnte, wenn sie sich vornüberbeugte.
Plötzlich lachte sie. Er fragte, ob sie über ihn lache? Nein, das tue sie nicht. Doch dann lachte sie noch mehr und sagte, sie habe nicht erwartet, dass er so alt sei! Schließlich fiel ihr ein, dass die Leiche ihres Bruders in der Stube lag, und sie brach in Tränen aus, weil sie gelacht hatte, obwohl der Tod zu Gast war. Kurze Zeit später war sie verschwunden – als könne sie sich unsichtbar machen. Dann kam sie genauso plötzlich wieder herein, mit einem Buch in der Hand, in das sie sich vertiefte: Über die Verhältnisse in Amerika. So heiße das Buch, erzählte sie Nesje, als er danach fragte. Bald darauf erhob sie sich wieder und starrte ihn an, doch als Serianna sie bat, damit aufzuhören, fragte sie: »Wie sieht es mit deinem christlichen Glauben aus, Nesje?«
»Kannst du die Leute nicht in Ruhe lassen, Gjertine?«, fragte Serianna.
»Glaubst du an den gekreuzigten und wiederauferstandenen Jesus Christus? Ja oder nein?«, fragte Gjertine Nesje.
»Nein, jetzt ist aber Schluss! Irgendetwas muss wohl auch Nesje für sich behalten dürfen!«, rief Serianna.
»Ich habe meinen Kinderglauben, und der reicht mir!«, erwiderte Nesje.
Gjertine lief wieder aus dem Zimmer. Etwas später saß sie da und las, konnte sich aber nicht konzentrieren. Sie hatte Botolv vorgelesen, bis er in den letzten Dämmerzustand hineinglitt. Wie solle es nun mit ihnen weitergehen, frage sie sich? Könne man sicher sein, dass nicht noch mehr sterben würden?
»Hör auf, Gjertine!«, sagten die anderen.
Dieser Menschenschlag hier war ganz anders als er selbst, dachte Nesje. Sie trugen eine Unruhe in sich, die er nun auch an Serianna wahrnahm. Sollten sie ihre Unruhe nicht lieber bei der Arbeit aufbrauchen, um Frieden zu haben, wenn sie sich ausruhten? Alle standen sofort wieder auf, sobald sie sich hingesetzt hatten. Sie gingen durch die eine Tür hinaus und kamen zur anderen wieder herein. Sie fragten ihn erneut nach Dingen, die er ihnen schon erzählt hatte, als hätten sie nicht zugehört. In ihrer großen Trauer fühlten sie sich beengt und bekamen fast keine Luft. Der alte Erik konnte nicht mehr gut sehen, und ganz klar im Kopf war er bestimmt auch nicht mehr.
»Wer ist da zu uns gekommen?«, fragte er. »Ist das der Häusler aus Rekneslia, der dich besuchen kommt, Serianna?«
»Er heißt Knut Hansen Nesje und kommt von Nesjestranda!«, erwiderte Serianna.
»Ein großer, schöner Mann!«, sagte die alte Ingeborg.
»Er muss Serianna heiraten, mir ist aufgefallen, dass sie schwanger ist«, sagte Erik Olsen. Dann verschwand er jedoch wieder in seiner eigenen Gedankenwelt. Er trauerte wohl über seinen jüngsten Sohn, der nicht mehr da war.
Nesje verstand nicht, wo hier noch ein Platz für ihn sein sollte, sowohl am Tisch als auch im Bett. Ola wohnte mit Möbelschreiner Erik im Altenteilerhaus, und die Schwestern schliefen auf dem Dachboden. Warum waren sie noch alle zu Hause? War es nicht an der Zeit, dass Erik und Ane-Martha sich aufmachten und fortkamen – hinaus in die Welt? Und dann Gjertine, die dem Pastor Widerworte gegeben hatte, sodass sie den ersten Platz vor dem Altar verlor!
Serianna hatte davon erzählt, und nun waren alle in der Familie stolz auf das, was Gjertine getan hatte. Und was genau hatte sie getan? Ja, das sollte er nun hören! Sie hatte den Bibeltreuen gesagt, sie werde den Pastor zur Vernunft bringen, und diese waren der Ansicht, das sei eine große Tat. Gjertine war fjordeinwärts zur Konfirmandenstunde im Pastorenhaus gerudert, und dort sagte sie, während die anderen Konfirmanden zuhörten, die Lehre des Pastors sei nicht recht.
Es gab einen Aufstand. Der Pastor schickte die anderen Konfirmanden nach Hause, um Gjertine zurechtzuweisen. Als sie nicht nachgab, sagte der Pastor, sie könne nicht zuvorderst am Altar stehen, so wie er es beabsichtigt hatte, wenn sie ihre Worte nicht zurücknehme.
Gjertine wollte nichts zurücknehmen. Der Pastor kam, um mit ihren Eltern zu sprechen. Diese baten sie, vernünftig zu sein, doch Gjertine lenkte nicht ein. Und nun sollte Nesje hören, was dann geschah: Mitten im Verhandeln hörten sie einen Aufschrei von Ola, der hinter der Scheune stand und eine Sense wetzte. Er hatte sich geschnitten, und aus dem Handgelenk quoll das Blut. Die Magd, Ane, kam mit einem Tuch angelaufen und wickelte es um das Handgelenk, doch das Blut kam nicht zum Stillstand. Gjertine bat alle zu gehen; sie werde die Blutung stillen. Sie kenne eine Formel, die sie von den Bibeltreuen gelernt habe – als Dank dafür, dass sie den Pastor zurechtgewiesen habe.
Verwirrt zogen sich alle zurück, auch der Pastor. Gjertine murmelte die besagten Worte, und das Blut hörte auf zu fließen.
»Dem Pastor verschlug es die Sprache«, sagte ihre Mutter stolz.
»Ja, du sagst es«, pflichtete der alte Vater bei. »Dem Pastor verschlug es die Sprache, und dann ging er!«
Gjertine musste zwar als Nummer neun vor dem Altar stehen, aber wenigstens wurde sie konfirmiert.
»Welche Worte waren das?«, fragte Nesje. »Was für einen Spruch hast du aufgesagt, um das Blut zu stillen?«
»Einen Spruch? Das sind Worte, die Wunder wirken.«
»Aber was waren das für Worte?«
»Das kann ich nicht sagen, denn dann verlieren sie ihre Kraft«, erwiderte Gjertine.
»Ist das Schwarze Kunst oder christlicher Glaube?«, fragte Nesje. Er hatte nicht vor, sich von diesem Mädchen um den Finger wickeln zu lassen.
»Der Name dessen, der am Kreuze hing, kommt darin vor!«, entgegnete Gjertine. »Ich glaube also, der Teufel hat sich ferngehalten. Aber es sind machtvolle Worte – das hat auch der Pastor begriffen. Er hat es nicht gewagt, mich nicht zu konfirmieren!«
Wofür sollte das alles gut sein?, fragte sich Nesje. Es kümmerte niemanden, dass Gjertine ihren ersten Platz verloren hatte.
»Die Gjertine, die wird auf jeden Fall heiraten«, meinte ihr Bruder Ola.
»Du hast deine Sache als Nummer neun gut gemacht!«, sagte die Mutter. »Du hast von allen am besten geantwortet! Darüber wird noch lange geredet werden, wie du dem Pastor Bescheid gegeben hast!«
Nesje wollte dem Gespräch eine andere Richtung geben. Kurz nach Neujahr sollte derselbe Pastor Serianna und ihn trauen! Das hatte die Familie hier beschlossen, und nun sollten sie aufgeboten werden. Nesje sagte, es sei an der Zeit, nach vorne zu schauen und dafür zu arbeiten, dass im Lande Norwegen alles seinen richtigen Weg gehe. Und dafür müssten sie wohl zusammenarbeiten, die Pastoren und die Bauern? Er glaube, für das Vaterland brächen jetzt bessere Zeiten an – mit mehr Arbeit für die jungen Leute, mit Straßenbau und Eisenbahnen, sagte er. Nach allem, was man wusste, könne nun eine Zeit des Aufschwungs anbrechen, sagte er.
»In Norwegen wird es nur immer schlimmer werden«, meinte Gjertine. »Wer auf der Suche nach einer besseren Zukunft ist, muss so schnell wie möglich fort von hier! – Hast du von Lars gehört, Lars Stavig?«, fragte sie Nesje.
Und nun begannen sie alle durcheinander von einem Mann zu erzählen, der Lars Stavig hieß und auf der anderen Seite des Fjords wohnte. Er war ein Verwandter der alten Ingeborg und wusste, wo es langging. Lars Stavig hatte herausgefunden, dass das Vaterland keine bleibende Statt war. Er hatte miterlebt, wie seine Mutter einen jüngeren Mann geheiratet hatte, und als die Mutter starb, heiratete dieser Mann eine jüngere Frau, sodass Lars die Verantwortung für Altenteiler bekam, die beinahe sein Alter hatten und mit denen er nicht verwandt war – lediglich durch mehrere jüngere Geschwister.
Das wollte er nicht! Es war nicht richtig, dass er alte Leute durchfüttern sollte, die ihn nichts angingen! Er, Lars Stavig, wollte mit seiner Familie nach Amerika. Er musste nur noch das Geld für die Fahrkarten verdienen, dann wollte er fort.
»Wenn manche fortgehen, wird es für uns, die wir hierbleiben, besser«, sagte Ola.
Wie er das sagen könne? Brauchte das Land nicht jede arbeitende Hand?, fragte Nesje.
»Mutter Norwegen schafft es nicht, alle ihre Kinder zu ernähren«, entgegnete Ola. »Also müssen einige von ihnen hinaus in die Welt. Dass sich jeder und jede hier auf dem Hof nun Arbeit suchen muss, ist jedenfalls sicher und gewiss. Der Bortehof kann uns nicht alle ernähren!«
Es zeigte sich, dass Ane-Martha im Herbst zu Hause gewesen war, kurz nach Weihnachten aber einen Dienst antreten sollte. Auch Gjertine musste sich eine Stellung suchen. Und dann war da noch der Bruder, Erik. Für ihn gab es im Ort nun viel Arbeit. Es sollte eine Schule gebaut werden, und für den einen oder anderen fertigte er Möbel. Sobald der Schnee geschmolzen war, sollten die Eltern ins Altenteilerhaus umziehen. Ola wollte von der Hypothekenbank fünfhundert Kronen leihen, um eine neue Stube ans Haus anzubauen. Die Küche, in der sie saßen, würde mit einer Holzwand in der Mitte geteilt werden, und über der neuen Stube sollte es einen Dachboden geben, mit einem Schlafzimmer. Dort sollte Erik wohnen – mit einer halben Küche, mit einer Stube und einem Schlafzimmer für sich allein.
»Das muss wohl alles einmal zurückbezahlt werden«, sagte Nesje.
Die anderen hörten auf zu essen – aus Angst, Ola könnte wütend werden. Die Kartoffeln wurden kalt, und der Hering lag unberührt da. Ola griff nach seiner Gabel und sagte, es sei in Ordnung, wenn Leute ihre eigenen Ansichten hätten, er werde sich aber so einrichten, wie er es sich vorgestellt habe. Er habe auch daran gedacht, sich einen neuen Holzherd anzuschaffen. Man sollte nicht an dem sparen, was es brauchte, um sich gemütlich einzurichten. Wie sollte man es draußen in jeglichem Wetter aushalten, wenn man es sich nicht warm machen konnte, sobald man nach Hause kam? Wie sollte er eine Frau finden, wenn er nur einen alten Feuerhaken über einer offenen Feuerstelle hatte? Konnte Nesje ihm sagen, wie viel ein Herd kostete?
Serianna hatte ihnen also erzählt, dass er als Vertreter für Trolla Brug arbeitete. Er begriff, dass er Ola auf eine andere Art nehmen musste.
»Du solltest dir das Modell TMV Nr. 217 anschaffen«, sagte Nesje. »Oder Nr. 208. Letzteres ist etwas geräumiger – für große Holzscheite.«
»Dann wird es die 208«, sagte Ola. »Wie viel kostet der?«
»Für zehn Speziestaler steht der Herd bei dir«, erwiderte Nesje. »Oder vierzig Kronen, wie es jetzt heißt. Und da berechne ich keine Provision.«
Serianna verriet mit einem Zucken der Mundwinkel, dass sie anderer Meinung war, doch sie sagte nichts. Ola ergriff Nesjes Hand und sagte, das sei ein Handel. Für diese Antwort wolle er eine Kuh zur Hochzeit schlachten – daran solle es nicht mangeln. Denn nun müssten sie heiraten, bevor das Kind käme, sagte Ola, Serianna platze ja beinahe.
Dann gingen sie zu Bett, löschten das Licht, und Nesje durfte seine Arme um Serianna legen.
AM NÄCHSTEN TAG
