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Zum 70sten Geburtstag des Autors: Eine vollständige Sammlung seiner längeren Erzählungen.
Am 1. März 2013 wird Franz Hohler 70 Jahre alt. Zu seinem Geburtstag erscheint eine vollständige Sammlung seiner längeren Erzählungen – ein Muss für alle Bewunderer und Liebhaber Franz Hohlers und seiner einzigartigen Erzählkunst.
Franz Hohler ist keineswegs nur ein Meister der pointierten Kurzprosa, er ist auch der Meister der großen Form, ein herausragender Autor von längeren Erzählungen. Dies hat er von Anfang an mit legendären Erzählungssammlungen unter Beweis gestellt: mit Bänden wie »Der Rand von Ostermundigen « oder »Die Rückeroberung«, »Die Torte« und »Der Stein«. Jeder dieser Erzählbände hat stets von neuem die Herzen eines großen Lesepublikums erobert – und dies mit gutem Grund. Denn immer gelingt Franz Hohler etwas ganz Besonderes: Er lässt unsere Wirklichkeit entgleisen und verschafft so der Phantasie den Platz, den sie zweifellos verdient und den wir ihr viel zu selten einzuräumen bereit sind. In dem vorliegenden Band können erstmals sämtliche langen Erzählungen des Autors in der Reihenfolge ihrer ursprünglichen Veröffentlichung gelesen werden: Das ist ein einzigartiges Lesevergnügen, und es bringt uns den Erzähler Franz Hohler näher, als wir ihm je gekommen sind. Das macht diesen Band zu einem imposanten Zeugnis höchster Erzählkunst aus über vierzig Jahren Schweizer Literatur. Mit diesem Band beginnt eine Ausgabe der Werke Franz Hohlers in lockerer zeitlicher Folge.
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Seitenzahl: 645
Veröffentlichungsjahr: 2013
Franz Hohler
Der Geisterfahrer
Die Erzählungen
Mit einem Nachwort von Roger Willemsen
Luchterhand
Am Rand von Ostermundigen steht ein Telefon. Daneben sitzt ein Mann, der jedes Mal, wenn es läutet, abnimmt und sagt: »Das ist der Rand von Ostermundigen.« Wenn die Leute fragen, ist dort nicht Rieser oder Maibach, dann sagt er: »Nein, das ist der Rand von Ostermundigen!«, und hängt wieder auf.
Das ist der Anfang der Geschichte ›Der Rand von Ostermundigen‹.
Diesen Mann, das muss ich gleich zu Beginn sagen, diesen Mann kennt niemand. Es gab eine Zeit, da hätte ich ihn gerne kennengelernt, und zwar vor allem, damit ich bei Gelegenheit in ein Gespräch hätte einflechten können, ich kenne einen Mann, der jedes Mal, wenn das Telefon läute, abnehme und sage: »Das ist der Rand von Ostermundigen.« Bis vor kurzem hätte das auch die Wirkung gehabt, an der mir gelegen wäre, die Leute hätten gedacht, das ist aber interessant, der kennt einen Mann, der jedes Mal, wenn das Telefon läutet, abnimmt und sagt: »Das ist der Rand von Ostermundigen.« Inzwischen ist aber mit diesem Mann soviel geschehen, dass ich nicht mehr sagen könnte, ich kenne einen Mann, der, sondern ich müsste sagen, ich kenne den Mann, der, und die Leute würden sich auf mich stürzen und fragen, was, den kennen Sie?
Das ist die Fortsetzung der Geschichte ›Der Rand von Ostermundigen‹.
Nehmen wir an, Sie telefonieren einem Bekannten in Bern, der Hofmann heißt. Sie stellen seine Nummer ein, 22 10 46, dann kann es sein, dass ein Mann abnimmt und sagt: »Das ist der Rand von Ostermundigen.« Wenn Sie nun fragen, ist dort nicht Hofmann, dann sagt er: »Nein, das ist der Rand von Ostermundigen!«, und hängt wieder auf. Sie hängen auch auf und stellen die Nummer nochmals ein, und dann meldet sich Ihr Bekannter namens Hofmann, und wenn Sie ihn fragen, ob er einen Witz gemacht habe, dann sagt er nein und weiß von nichts.
Ostermundigen liegt bei Bern, es hat dieselbe Vorkennzahl, 031, es ist also möglich, dass Sie falsch gewählt haben und zufällig die Nummer des Mannes eingestellt haben, der jedes Mal, wenn das Telefon läutet, abnimmt und sagt: »Das ist der Rand von Ostermundigen.«
Jetzt kann es aber auch sein, dass Sie einen Bekannten in Chur anrufen wollen, der unter der Nummer 22 28 26 erreichbar ist, und dass dann, wenn Sie diese Nummer eingestellt haben, wieder der Mann abnimmt und sagt: »Das ist der Rand von Ostermundigen« und dass er, wenn Sie fragen, ob Sie mit Herrn Caprez sprechen können, sagt: »Nein, das ist der Rand von Ostermundigen!« und wieder aufhängt. Chur hat die Vorkennzahl 081, Sie müssten sich also von 081 nach 031 verwählt haben, was Sie sich kaum vorstellen können.
Sie haben sich auch nicht verwählt, denn das, was Ihnen passiert, passiert andern auch, und zwar jeden Tag. Irgendwo sitzt ein Mann, der sich in Telefongespräche einschalten kann und hat kein anderes Interesse, als auf den Rand von Ostermundigen hinzuweisen. Ich muss sagen irgendwo, weil man inzwischen in Ostermundigen selbst sämtliche Anschlüsse überprüft hat, von Abbühl bis Zysset, und keine Unregelmäßigkeit feststellte. Hätte man allerdings so etwas wie eine Fehlschaltung gefunden, wäre man damit nicht viel weiter gekommen.
Es ist noch nicht lange her, da war er zum ersten Mal am Radio zu hören; als der König in einer Kinderstunde zum Schweinehirt sagen wollte, ich gebe dir also meine Tochter zur Frau, sagte er statt dessen: »Das ist der Rand von Ostermundigen.« Der Schauspieler, der die Rolle des Königs sprach, hatte diesen Satz nicht selbst gesagt, sondern es war die Stimme des Mannes, der diesen Satz auch am Telefon sagt, es war der Mann am Rand von Ostermundigen.
Die Hoffnung, dies würde ein Einzelfall bleiben, erfüllte sich nicht. Am nächsten Tag wurde eine Aktualitätensendung mit den Worten angesagt: »Sie hören nun unsere aktuelle Sendung: Das ist der Rand von Ostermundigen.« Die Sprecherin erklärte nachher, sie habe gesagt: »Sie hören nun unsere aktuelle Sendung: Die laufende Woche«, aber für den Hörer hatte sich nach dem Wort »Sendung« ein leichter Pfeifton bemerkbar gemacht, auf dem dann die Stimme des Mannes am Rand von Ostermundigen ertönte.
Seither ist kein Tag vergangen, an dem sich der Mann nicht in irgendeine Sendung eingeschaltet hat, öfters gibt er seinen Hinweis während der Nachrichten ab, und der Satz hat dann auch die Eigenheit, dass er sich nicht mehr wegbringen lässt, also wenn sich der Sprecher am Schluss der Nachrichten korrigieren will, kann es sein, dass er sagt: »Wir bitten Sie um Entschuldigung für die kleine Störung, der Präsidentschaftskandidat hat in seiner heutigen Pressekonferenz nicht gesagt, das ist der Rand von Ostermundigen, sondern das ist der Rand von Ostermundigen.«
Natürlich tun die Behörden das möglichste, um diesem Mann auf die Spur zu kommen. So hat man die Bevölkerung gebeten, jedes Auftauchen des Satzes »Das ist der Rand von Ostermundigen« in einem Telefongespräch zu melden, und es hat sich herausgestellt, dass dieser Satz häufiger gesprochen wird, als es einem einzelnen möglich wäre. Gegenwärtig findet die größte Suche statt, an die man sich in diesem Land erinnern kann, Peilgeräte, mit denen man sonst Schwarzhörer ermittelt, werden zusammen mit Polizei und Militär zur Auffindung und Vernichtung dieses Satzes eingesetzt, der sich indessen immer mehr verbreitet.
Neuerdings hat er sich auch des Fernsehens bemächtigt. In einer Diskussion über Wohnbauprobleme wollte gerade ein Vertreter der Bauunternehmer auf die gestiegenen Produktionskosten hinweisen, als es auf dem Bildschirm dunkel wurde und man den Satz hörte: »Das ist der Rand von Ostermundigen.« Seither ist auch keine Fernsehsendung mehr gegen diesen Satz gesichert, nur sind die Aussagen darüber, was man während des Satzes sehe, sehr verschieden.
Einige Leute behaupten, sie sähen, wenn es dunkel werde, ganz schwach das Gesicht eines alten Mannes mit einem Bart, andere glauben während dieser Zeit einen Raubvogel wahrzunehmen, der seinen Kopf ruckartig auf sie zudreht, die Mehrzahl der Leute aber, die den Einbruch des Satzes erleben, machen die Aussage, sie sähen während des Satzes auf dem Bildschirm sich selber.
Noch etwas muss gesagt werden, und zwar zu der angestrengten Suche nach dem Urheber des Satzes. Auch wenn diese Suche, woran ich übrigens zweifle, den Erfolg haben sollte, dass man eines Tages in einer Felshöhle oder einem Keller eine Sendeanlage entdeckt, dann wäre damit der Satz »Das ist der Rand von Ostermundigen« nicht mehr rückgängig zu machen.
Schlagen Sie eine beliebige Tageszeitung auf und lesen Sie sie von vorn bis hinten durch – irgendwo werden Sie den Satz lesen »Das ist der Rand von Ostermundigen«, kleingedruckt neben dem Kremationsdatum in einer Todesanzeige, oder als Legende zum Bild eines Rennfahrers, der eine Etappe gewonnen hat.
Jeder fürchtet sich heute davor, einen Brief zu schreiben, aus Angst, es könnte darin stehen »Das ist der Rand von Ostermundigen«, jeder fürchtet sich heute davor, eine Ansprache zu halten, aus Angst, er könnte sagen »Das ist der Rand von Ostermundigen«, anfangs haben viele diesen Satz zum Spaß gesagt, heute macht niemand mehr einen Witz damit, die Leute haben Angst bekommen zu sprechen, und zwar in jeder Situation, stellen Sie sich vor, ein Metzger zeigt einer Kundin ein Stück Rindfleisch und sagt dazu: »Das ist der Rand von Ostermundigen.«
Wohin das noch führen wird, ist schwer abzusehen. Im Moment scheint sich eine Möglichkeit zu zeigen, wie man diesen Satz zwar nicht ausrotten, aber unter Kontrolle bringen könnte.
Ein Mann aus der Politik, welcher eine Rede halten musste und befürchtete, er könnte vom Satz überrascht werden, versuchte ihn dadurch zu überlisten, dass er die Rede mit den Worten anfing: »Meine Damen und Herren, das ist der Rand von Ostermundigen!« Man hätte nun denken können, dass auch dies nichts nützte, ja dass er dadurch erst recht den Satz nochmals heraufbeschworen hätte, aber dies war nicht der Fall, er konnte ungestört weiterfahren.
Das ist bekannt geworden, und wer sich jetzt gegen den Satz schützen will, kann ihn einfach freiwillig aussprechen und wird dann nicht mehr von ihm betroffen. In diesen Tagen gehen viele zu dieser Methode über, das Radio beginnt seit gestern seine Sendungen mit der Ansage, guten Tag, liebe Hörerinnen und Hörer, das ist der Rand von Ostermundigen, die Zeitungen haben beschlossen, den Satz als Untertitel zu drucken, Lehrer fangen ihre Schulstunden so an, Bekannte, die sich antreffen, begrüßen sich mit diesen Worten, und ich, der ich Geschichten schreibe, habe mir jetzt dadurch geholfen, dass ich eine Geschichte über diesen Satz geschrieben habe.
Ich finde aber, das ist auf die Dauer keine Lösung. Es geht doch nicht, dass wir uns mit diesem Satz abfinden, es geht doch nicht, dass wir diesem Satz nicht Meister werden, dass wir uns diesem Satz einfach unterziehen, diesem Satz, der sinnlos ist, diesem Satz, der nur dann angebracht ist, wenn man den Rand von Ostermundigen vor sich sieht, in Wirklichkeit oder auf einem Bild, und selbst wenn man in einer Situation ist, wo dieser Satz hinpasst, dann geht von diesem Rand von Ostermundigen, den ich nicht kenne, nichts aus, es werden ein paar Wohnblöcke sein, eine Wiese, ein Waldrand vielleicht, aber es ist nicht einzusehen, warum ausgerechnet das von Bedeutung sein soll, und jetzt, gerade jetzt, vernehme ich, dass heute zum ersten Mal die Stimme des Mannes nicht mehr gehört wurde, er braucht sich nicht mehr zu melden, er hat erreicht, was er wollte, jeder kennt den Satz, jeder spricht ihn aus, keiner kann mehr etwas sagen, ohne zugleich an den Rand von Ostermundigen zu denken, und keiner weiß, was damit gemeint ist.
Dieser Satz muss zum Schweigen gebracht werden. Das ist das Ende der Geschichte ›Der Rand von Ostermundigen‹.
Es gibt einen Mann, und ich verbürge mich für seine Existenz, dessen größter Wunsch ist es, ein Kauz zu sein. Seine Erscheinung, seine Sprache, sein Benehmen sind einzig darauf ausgerichtet, den Eindruck von Kauzigkeit zu erwecken. Wenn Sie ihm begegnen, und das wäre, da es ihn wirklich gibt, nicht ausgeschlossen, könnte das auf die folgende Art verlaufen.
An einem Samstagnachmittag würden Sie, während Sie durch die Stadt gehen, plötzlich bemerken, wie einem Mann, der vor Ihnen geht, ein Frankenstück aus der Hand auf den Boden fällt, ohne dass er davon Notiz nimmt. Wenn Sie, was ich eigentlich voraussetze, nicht selbstsüchtig veranlagt sind, nehmen Sie das Geldstück auf, beschleunigen Ihren Gang, holen den Mann ein und halten es ihm hin, indem Sie ihm sagen, er hätte das vorhin verloren. Der Mann wird sich dann hocherfreut zeigen, und da Sie gerade an einem Café vorbeigehen, wird er sagen, wissen Sie was, mit diesem Franken lade ich Sie zu einem Umtrunk ein. Das Wort Umtrunk könnte Sie schon stutzig machen, aber da Sie gerade Zeit haben und nicht ungern einen Kaffee trinken würden, nehmen Sie die Einladung an.
Auf dem Weg zu seiner Wohnung – er führt Sie nämlich in seine Wohnung und nicht in das Café, weil er Cafés wegen ihres guten Kaffees hasse, wie er sagt, und Sie gehen mit, weil Sie den Moment verpasst haben, nein zu sagen – auf dem Weg zu seiner Wohnung fällt Ihnen auf, dass er das Frankenstück, mit dem er bisher gespielt hat, verschwinden lässt und aus der Busentasche seines Kittels einen schwarzen Handschuh zieht, den er sich über die rechte Hand streift. Vor seiner Tür angekommen – er wohnt im vierten Stock eines Altstadthauses – zertrümmert er mit einem Faustschlag ein Milchglasscheibenabteil, langt dann mit der Hand durchs Loch und öffnet die Tür von innen. Schon wieder den Schlüssel vergessen, sagt er, wissen Sie, ich bin sehr zerstreut, absolut zerstreut, hach. Er sagt nicht ach, sondern hach. Da ist er ja! ruft er und greift in seine andere Busentasche, je nun, quod scripsi scripsi. Sie sagen, das ist aber schade, dass Sie jetzt die Scheibe kaputtgemacht haben, und er sagt, halb so schlimm, und öffnet einen Kasten, in dessen Fuß sich zwei Reihen Ersatzscheiben befinden, er nimmt eine, hängt die zerstörte aus und setzt die neue ein, dazu sagt er, ich bin eben ein seltsamer Kauz.
Gerade jetzt würde Ihnen aber aufgehen, dass dieser Mann kein echter Kauz ist von der Art eines Gärtners oder Totengräbers oder Zeitungsverkäufers, sondern dass es sich um eine gewollte, gekünstelte Kauzhaftigkeit handelt, mit der er sich nur interessant machen will.
Seine Wohnung ist durch und durch originell eingerichtet, was für ihn zweifellos eine große Anstrengung bedeutete, aber wenn man ihn auf etwas hin anspricht, sagt er scheinbar zerstreut, das da? Ja, recht lustig, nicht. In der Küche zum Beispiel ist das große Ablaufrohr mit einem leichten Farbriss, von oben nach unten verlaufend, versehen, und er hat kleine Heftpflaster darübergeklebt, sodass der scherzhafte Eindruck entstehen soll, diese Pflaster halten die Röhre zusammen.
In der Toilette ist ein Bild von einer Toilettenschüssel aufgemacht, aus welcher zwei Hände greifen und sich an der Sitzbrille festhalten. Hinter der Schüssel ist eine Parkverbotstafel befestigt, und darunter ein Schild »Nur Ein- und Aussteigenlassen erlaubt«. Wenn Sie die Toilette verlassen, wird der Mann schon hinter dem Garderobenständer auf der Lauer stehen, um zu beobachten, ob Sie schmunzelnd herauskommen, und wenn Sie sagen, das finde ich aber sehr gut, wird er zuerst fragen, was denn, und wenn Sie sagen, dieses Schild auf der Toilette, dann wird er sagen, hach das?
Bestimmt wird er Ihnen außer einem Kaffee eine Kleinigkeit zum Essen auftischen, denn dann kommen Sie nicht darum herum festzustellen, dass er alle seine Teller mit »Teller« angeschrieben hat. Passen Sie auf, wenn er Ihnen nachher eine Zigarette anbietet, er tut es nur, damit Sie nach einem Aschenbecher fragen müssen. Sicherlich, wird er sagen, nehmen Sie ihn doch selbst, er befindet sich direkt hinter Ihnen, wenn Sie den Kasten öffnen. Sie drehen sich um, öffnen den Kasten, und darin steht ein Skelett. Wenn Sie erschrecken und wieder zumachen wollen, sagt der Mann, nein, nein, das ist er, nehmen Sie ihn heraus, oder warten Sie, ich helfe ihnen, komm Kuno, er heißt nämlich Kuno, wird er sagen, und nimmt ihn heraus, stellt ihn neben Sie, legt ihm die rechte Hand auf den Tisch und setzt ihm seine eigene Schädeldecke hinein, in die Sie nun Ihre Asche abklopfen können.
Das Gespräch mit ihm wird sehr stockend sein, weil er auf nichts eigentlich eingeht, was Sie sagen, er wartet nur auf Gelegenheiten, sein Kauztum unter Beweis stellen zu können, und dafür opfert er jeden realen Inhalt. Sie werden nicht herausfinden können, wovon er lebt, denn wenn Sie ihn fragen, was er von Beruf sei, dann überlegt er einen Augenblick, natürlich sichtbar, indem er die Stirn runzelt, seine Hand ins Kinn stützt, die Lippen leicht öffnet und intensiv nach oben blickt, und dann sagt er, ich habs vergessen, tatsächlich, ich habs vergessen, ich bin ja absolut zerstreut.
Versuchen Sie ihm die Frage zu stellen, ob er Junggeselle sei, dann wird er so lange drumherum reden, in der Art von wie meinen Sie das, oder was heißt das, Junggeselle, bis Sie das Wort Frau brauchen, und dann wird er etwas zerfahren fragen, Frauen, warten Sie, Frauen, was ist jetzt das schon wieder … Hach! Das sind diese Wesen mit den langen Haaren, die beim Tanzen rückwärts gehen! Dann sagt er nichts mehr und lässt diesen Satz wirken, den er sich einmal in einer Anekdotensammlung gemerkt hat.
Wenn es Ihnen gelingt, den Besuch zu beenden, dann leuchtet, kurz bevor Sie die Wohnung verlassen, über dem Türrahmen eine rosa Schrift auf mit den Worten AUF WIEDERSEHN. Sie können ja, wie das alle tun, fragen, wieso das N am Schluss schräg über der Zeile stehe, und ihm damit noch Gelegenheit geben zu sagen, das ist scheinbar hinunter-, eh hinaufgefallen.
Verabschieden Sie sich, verabschieden Sie sich, mit solchen Menschen kann man nicht lang zusammenbleiben, und schauen Sie, wenn Sie unten zur Tür hinausgehen, nicht nach oben, nein, wieso schauen Sie jetzt nach oben, wo ich gerade gesagt habe, Sie sollen es nicht tun – muss es denn sein, dass Sie auch noch sehen, wie er Ihnen in der Maske eines Hühnerkopfes zum Fenster hinaus nachblickt?
Mir ist der Fall eines Kindes bekannt, das, knapp nachdem es ein Jahr alt geworden war, nichts mehr essen wollte. Wenn man ihm seine Nahrung, die meistens aus einem Brei bestand, eingeben wollte, verwarf es die Hände vor dem Gesicht, schüttelte den Kopf und wand sich, sodass es unmöglich war, ihm auch nur einen Löffel davon in den Mund zu bringen. War man doch einmal so weit vorgedrungen, spuckte es sofort alles wieder aus und begann zu schreien. Das einzige, was es zu sich nahm, war etwas Wasser, aber schon wenn man ihm statt dessen Milch hinhielt, wollte es nichts mehr davon wissen.
Die Eltern waren beunruhigt und konnten sich diese plötzliche Änderung nicht erklären. Sie versuchten das Kind zuerst mit Zureden, dann mit Drohungen und Schlägen zur Annahme des Breis zu bewegen, aber es war vergebens; sie legten ihm eine Banane hin, die es sonst unter allen Umständen gegessen hätte, doch das Kind nahm sie nicht. Erst ein Zufall führte zu einer Lösung. Das Zimmer des Kindes war mit einem Gatter, das man in den Türrahmen einklemmte, abgesperrt, sodass das Kind bei offener Türe im Zimmer gelassen werden konnte und man hörte, was drinnen vorging, ohne dass es die Möglichkeit hatte hinauszurennen. Am dritten Tag der Nahrungsverweigerung wollte der Vater der Mutter, die sich schon im Zimmer befand, um das Kind zu Bett zu bringen, den Brei hineinreichen, da kam das Kind an das Gatter gelaufen und schaute begierig zum Teller hinauf. Sogleich beugte sich der Vater hinunter und begann, ihm über das Gatter hinweg den Brei einzulöffeln, und das Kind, das sich mit den Händen an den Stäben hielt und mit dem Kopf gerade über den Gatterrand hinausreichte, schien sehr zufrieden und aß den ganzen Brei auf. Am nächsten Morgen fütterte der Vater, bevor er zur Arbeit ging, das Kind auf dieselbe Weise, und es zeigte nicht die geringsten Widerstände. Als aber die Mutter am Mittag dem Kind den Brei über das Gatter geben wollte, lief es weg und schlug den Deckel seiner Spieltruhe solange auf und zu, bis sich die Mutter aus dem Türrahmen entfernte. Vom Vater nahm es am Abend wieder ohne Umstände den Brei über das Gatter.
Nun aß das Kind zwar wieder, aber die Tatsache, dass es nur von seinem Vater gespeist werden wollte, machte den Eltern zu schaffen. Abgesehen davon, dass es so nur zwei Mahlzeiten am Tag bekam, war es für den Vater nicht einfach, jeden Abend pünktlich dazusein, um dem Kind sein Essen zu verabreichen, er musste sich von Berufs wegen öfters von seinem Wohnort wegbegeben. Einmal erschien er leicht verspätet und hörte das Kind schon schreien, warf den Mantel rasch über einen Stuhl, ging zum Kinderzimmer und gab dem Kind sein Essen. Erst nachher merkte er, dass er vergessen hatte, seinen Hut dazu abzunehmen. Als er am andern Morgen wieder zum Kind ging, wollte es nicht essen, zeigte ihm jedoch unablässig auf den Kopf. Da erinnerte sich der Vater an den vorigen Abend, holte seinen Hut und setzte ihn auf, und befriedigt ließ sich das Kind nun seinen Brei geben. Von nun an musste der Vater immer einen Hut anhaben, wenn er wollte, dass das Kind aß.
Bisher war die Mutter stets zugegen gewesen, wenn das Kind sein Essen erhielt, nun blieb sie einmal am Morgen, als sie schlecht geschlafen hatte, im Bett, da sich der Vater anerboten hatte, das Kind allein zu besorgen. Das Kind weigerte sich aber, den Brei ohne die Gegenwart der Mutter zu essen, und so blieb dem Vater nichts anderes übrig, als die Mutter herzuholen, welche sich im Nachthemd auf ein Kinderstühlchen setzte.
Am selben Abend wehrte sich das Kind schreiend gegen die Zumutung, seinen Brei zu essen, dabei war alles in Ordnung. Der Vater stand außerhalb des Gatters und hatte seinen Hut an, und die Mutter war auch dabei. Allerdings trug sie jetzt ihre Tageskleidung, und da das Kind immer wieder auf die Mutter zeigte, zog sie schließlich ihr Nachthemd an und kam wieder ins Zimmer. Das Kind war aber erst zufrieden, als sie sich wieder auf das Kinderstühlchen setzte und von dort aus zuschaute, wie es aß.
Von jetzt an musste sich die Mutter immer zur Essenszeit des Kindes das Nachthemd anziehen, sonst war an eine Nahrungsaufnahme gar nicht zu denken.
Bald ließ sich das Kind nicht mehr von zufällig eingetretenen Ereignissen leiten, die es wiederholt haben wollte, sondern begann, sich selbst neue Forderungen auszudenken. So deutete es als nächstes auf den Schrank, der im Zimmer stand, und schaute dazu seine Mutter an. Die Mutter ging auf den Schrank zu und wollte ihn öffnen, doch da heulte das Kind auf und zeigte auf die Decke des Schranks. Die Mutter sagte, nein, das mache sie nicht, da legte sich das Kind auf den Boden und strampelte mit Händen und Füßen in der Luft, indem es gellende Schreie von besonderer Widerlichkeit dazu ausstieß. Trotzdem beschlossen die Eltern, auf diesen Wunsch des Kindes nicht einzugehen, und so musste es ohne Essen ins Bett. Bis zum Morgen, so hofften sie, hätte es den Gedanken bestimmt wieder vergessen.
Als die Mutter am andern Morgen im Nachthemd auf dem Kinderstühlchen saß und der Vater im Hut vor dem Gatter stand und dem Kind das Essen eingeben wollte, lehnte es wieder ab und zeigte auf die Decke des Schranks. Die Eltern erfüllten ihm den Wunsch nicht, aber das Kind aß nichts.
Nach zwei Tagen, als es bereits Schwächeerscheinungen zeigte, weil es außer Wasser nichts zu sich genommen hatte, gaben die Eltern nach, die Mutter kletterte im Nachthemd auf den Schrank und legte sich flach hin, worauf das Kind sofort und mit großer Begeisterung seinen Brei aß, sich aber immer wieder mit Blicken versicherte, ob die Mutter ihm auch wirklich beim Essen zuschaue. Die Eltern waren nach dieser Niederlage sehr geschlagen und schauten geängstigt dem entgegen, was noch kommen würde. Man kann sich fragen, ob ihr Verhalten richtig war, aber sie sahen keinen andern Weg, um das Kind nicht verhungern zu lassen. Die Kinderärztin, die immer für die Kinder und gegen die Eltern entschied, empfahl dringend, den Wünschen des Kindes nachzugeben, da es wichtiger sei, dass das Kind esse, als dass die Eltern möglichst sorglos lebten, und ein Kinderpsychologe, mit dem der Vater bekannt war, konnte auch nicht helfen, sprach von einer etwas verfrühten Trotzphase und machte vage Hoffnungen, dass sie vorübergehend sei.
Dafür gab es aber noch keine Anzeichen, denn als das Kind das nächste Mal essen sollte, rannte es zum Fenster und war nicht mehr davon wegzubringen. Der Vater wies das Kind auf die Mutter hin, die ordnungsgemäß im Nachthemd auf dem Schrank lag, deutete auf seinen Hut und wollte ihm das Essen über das Gatter geben, aber das Kind schüttelte sich am ganzen Körper und griff mit beiden Händen nach dem Fenstersims. Der Vater wollte es zwar nicht wahrhaben, aber er wusste, was das bedeutete. Das Zimmer lag im ersten Stock, er holte also eine Leiter im Keller, stellte sie außen an das Haus, stieg darauf zum Kinderzimmer hoch und reichte dem Kind den Brei durch das offene Fenster. Das Kind strahlte und aß alles auf.
Am folgenden Tag regnete es, und der Vater erstieg die Leiter zum Kinderzimmer mit einem Regenschirm. Von nun an musste er immer mit dem Regenschirm ans Fenster kommen, unabhängig vom Wetter, sonst wurde der Brei nicht gegessen.
Inzwischen hatten die Eltern, um sich etwas zu entlasten, ein Dienstmädchen genommen. Das Kind jedoch lehnte dieses gänzlich ab und wollte sich nur von der Mutter betreuen lassen. Auch die Hoffnung, das Dienstmädchen könne sich im Nachthemd der Mutter auf den Schrank legen, erwies sich als falsch, das Kind verfiel fast in Tobsucht ob des plumpen Täuschungsversuches. Als aber das Dienstmädchen das Zimmer verlassen wollte, war es auch wieder nicht recht. Es musste am Gatter stehenbleiben und ebenfalls zusehen, wie das Kind aß, und auch das reichte noch nicht. Es aß erst, wenn das Dienstmädchen bei jedem Löffel, den es schluckte, einmal eine Rasselbüchse schüttelte.
Das, hätte man annehmen können, war nun fast das Äußerste, aber jetzt fing das Kind an, den Vater wegzustoßen, wenn er sich über den Sims lehnte, und auch den Teller mit dem Brei hinunterzuwerfen, den der Vater jeweils aufs Fensterbrett stellte. Dem Vater fiel nichts anderes mehr ein als sich eine sehr hohe Bockleiter zu kaufen. Die stellte er in einiger Entfernung von der Hausmauer auf, stieg dann hoch und verabreichte dem Kind den Brei mit einem Löffel, den er an einem Bambusrohr befestigt hatte. Um mit diesem Löffel in den Brei eintauchen zu können, musste er den linken Arm mit dem Teller ganz ausstrecken, konnte also den Brei nicht auf der Leiter abstellen. Da er aber nicht ohne Schirm auftreten durfte und ihn nicht wie bisher in der Hand halten konnte, hatte er sich ein Drahtgestell angefertigt, das er auf die Schultern nehmen konnte und in welches der Schirm eingesteckt wurde, sodass er ihn etwa in derselben Höhe über sich trug, wie wenn er ihn in der Hand gehabt hätte.
Ein Nachbar, der zu diesem Zeitpunkt seinen Feldstecher auf das Haus gerichtet hat, sieht also folgendes:
Der Vater reicht dem Kind den Brei in einem an einer Bambusstange befestigten Löffel von einer Bockleiter außerhalb des ersten Stockes durchs Fenster. Dazu trägt er einen Hut und einen Regenschirm, den er an einem Drahtgestell über den Schultern festgemacht hat. Die Mutter liegt im Nachthemd auf dem Schrank, und das Dienstmädchen steht vor dem Gatter, das im Türrahmen eingeklemmt ist. Beide schauen zu, wie das Kind isst, und das Dienstmädchen schüttelt zusätzlich bei jedem Löffel, den das Kind schluckt, eine Rasselbüchse.
Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, und nur dann, dann isst das Kind.
Schon seit längerer Zeit beschäftigt mich die Vorstellung eines Daches.
Dieses Dach würde eine Villa bedecken, die gegen Ende des letzten Jahrhunderts erbaut worden wäre, im Stil eines schottischen Schlosses, mit granitenen Mauersteinen und gotischen Fenstern. Da das Dach ebenso alt wäre wie die Villa selbst, müsste es gelegentlich ausgebessert werden, und man müsste zu diesem Zweck einen Dachdecker hinaufschicken.
Dieser Dachdecker aber, und hier nähme die Geschichte eine Wendung ins Unheimliche, dieser Dachdecker käme nicht mehr zurück. Man würde ihn suchen, noch am selben Abend wahrscheinlich, aber ohne Erfolg. Es wäre sogar so, dass der zweite Dachdecker, der das Dach bestiege, ebenfalls nicht mehr zurückkäme, und wenn am Schluss der Meister selber hinaufstiege, bliebe auch er verschollen. Es würde sich nun niemand mehr hinaufwagen, man würde das Dach überfliegen, aber von oben wäre alles normal. Niemand könnte sich das Wegbleiben der drei Dachdecker erklären, bis in den Estrich würden sich die Mutigsten vorwagen und auch dort nichts finden, kein Versteck, keinen Unterschlupf, und auch rund um die Villa fände sich kein einziger Hinweis, dass etwa jemand hinuntergefallen wäre. Ein Teil des Materials, das der erste Dachdecker mit sich genommen hätte, läge noch im Estrich unter der Luke, aus der er ausgestiegen wäre, aber schon das Seil, mit dem er sich angebunden hätte, wäre auf dem Dach nirgends mehr zu sehen.
Würde ich von einem solchen Vorkommnis hören, dann könnte ich es sofort erklären, ich sehe ganz genau, was da vor sich gegangen ist.
Der Dachdecker, der durch die Luke aufs Dach gestiegen ist, sichert sich zuerst, indem er an der Innenseite der Luke ein Seil befestigt, welches er sich selbst um den Bauch bindet, da es ein sehr steiler Teil des Daches ist, den er ausbessern soll. Dann begibt er sich zu der schadhaften Stelle, die schräg unter ihm liegt, um sie genau anzuschauen, ehe er mit der Arbeit beginnt. Bevor er aber dort angelangt ist, spürt er einen Ruck und merkt, dass das Seil schon ganz angespannt ist. Das wundert ihn, weil er geglaubt hat, es sei lang genug, und er schaut sich um. Da bemerkt er, dass sich das Seil bloß eingehakt hat, und zwar an einem kleinen Türmchen, das aus dem Dach ragt. Er geht zwei Schritte zurück und macht das Seil vom Türmchen los. Dabei fällt ihm auf, dass er das Türmchen vorhin übersehen hat, es sieht aus wie ein Kamin, ist aber zu klein dafür, wahrscheinlich ist es also ein Zierkamin, wie er manchmal auf Dächern dieser Art anzutreffen ist. Seltsamerweise ist aber ein ovales, leicht nach außen gewölbtes Bild an der Dachseite des Türmchens angebracht, es zeigt auf bräunlichem Hintergrund einen bräunlichen Mann mit einem Schnauz und einem Stehkragen, und darunter in zusammenhängenden Buchstaben die Inschrift »Il Dottore«. Das hat der Dachdecker noch nie gesehen, und es ist nicht verwunderlich, dass er eine Weile stehenbleibt und dieses Bild betrachtet. Dann ist zu sehen, wie er den Kopf schüttelt, und man hört deutlich, wie er sich räuspert, bevor er wieder zur schadhaften Stelle absteigt. Jetzt ist er dort angelangt und überblickt sie, insgesamt fehlen acht Ziegel, wahrscheinlich sind sie herausgerutscht und über das Dach hinunter in den Garten gefallen, das kann es geben bei stürmischem Wetter. Aber da sieht er, dass von der oberen Reihe – es sind zwei Reihen zu vier Ziegeln – noch Stücke unter den nächstoberen Ziegeln stecken, dass also die oberen Ziegel abgebrochen sind, dass also offenbar ein Gegenstand auf diese Stelle des Daches gefallen sein muss. Er schaut nun in das Loch hinein, in der Erwartung, auf dem Estrich einen großen Stein oder sonst ein Geschoss zu sehen, das diesen Bruch verursacht hätte. Es geht eine Weile, bis sich seine Augen an das Dunkel im Estrich gewöhnt haben, dann sieht er einen Apfel am Boden liegen und darum herum einige Teile von Ziegeln. Er späht in alle Ecken des Dachbodens, aber er sieht nichts außer diesem Apfel. Dass ein Apfel eine derartige Wirkung haben sollte, kann er sich nicht vorstellen, auch dass jemand diesen Apfel so hoch werfen konnte, dünkt ihn unwahrscheinlich, zudem scheint der Apfel überhaupt nicht beschädigt zu sein. Wie er den Kopf wieder aus der Luke zieht, hört er über sich ein Rauschen, blickt hinauf und sieht, was ihm vorher nicht aufgefallen ist, auf dem Dachfirst einen Apfelbaum. Nun wird er stutzig. Dass er das übersehen haben soll? Er beschließt, zum Dachfirst hinaufzusteigen, sieht aber, dass das Seil nicht reichen wird, und bindet sich deshalb los. Dies ist allerdings schwieriger, als er erwartet hat, weil sich das Seil inzwischen mit einer schlüpfrigen schwarzen Schicht überzogen hat, von der ihm nicht klar ist, woher sie kommt und woraus sie besteht. Der Geruch zwar erinnert ihn an gekochte Schnecken. Nun hat er sich losgebunden und steigt vorsichtig zum Dachfirst hinauf, wo er, kaum angekommen, sogleich den Stamm des Apfelbaums betastet und feststellt, dass es ein richtiger Baum ist, er sieht auch, dass seine Wurzeln in den Ziegeln verschwinden, wie wenn es Erde wäre, und kein Ziegel ist zersplittert oder zeigt auch nur einen Spalt, wie man das etwa von Mauern kennt, in die sich ein Baum eingewurzelt hat. Der Dachdecker sieht auch, dass der Baum noch mehr Äpfel trägt, er greift nach einem, der etwas tiefer hängt, verfehlt ihn und rutscht aus, kann sich gerade noch am Stamm festhalten, der dadurch erschüttert wird, sodass von allen Zweigen die Äpfel fallen, und jeder Apfel, der auf das Dach schlägt, bricht ein Loch in die Ziegel und verschwindet im Estrich. Der Dachdecker ist erschrocken, er hat mit einem Arm den Baumstamm umschlungen, kauert auf dem Dachfirst und schaut um sich – das ganze Dach ist nun durchlöchert, und er ist schuld daran. Er überlegt sich, was zu tun sei, und kommt zur Ansicht, dass er den Vorfall dem Besitzer des Hauses melden müsse, dass er sich aber zuerst einen der Äpfel beschaffen wolle, um zu sehen, weshalb sie die Kraft hatten, Ziegel zu durchschlagen. Wie er aber zur Luke hinuntersteigen will, kommt ihm das Dach so steil vor, wie ihm noch nie ein Dach vorgekommen ist, er sieht sein Seil von der Luke an abwärts hängen und merkt, wie er am ganzen Leibe zittert. Er schlingt beide Arme um den Baum, schläft in dieser Stellung ein und träumt, er sei Dachdecker.
Am Abend streckt der zweite Dachdecker seinen Kopf durch dieselbe Luke, aus der der erste am Morgen ausgestiegen ist. Er findet das Seil des ersten Dachdeckers an der Innenseite der Luke befestigt, schaut dem Seil nach und sieht, dass das Ende davon lose in der Nähe der Dachrinne liegt. Er vergewissert sich, dass das Seil gut festgemacht ist, steigt dann aufs Dach und geht, sich am Seil haltend, bis zur Dachrinne hinunter, lehnt sich etwas darüber hinaus und schaut nach unten, aber er sieht nirgends einen zerschlagenen Körper am Boden liegen. Er entdeckt die schadhafte Stelle, zieht sich vorsichtig am Seil bis zu ihr hoch und schaut durch das Loch in den Estrich. Was er jetzt sieht, hat er noch nie gesehen. Sein Herz beginnt schneller zu schlagen, er verspürt einen Druck im Kopf, seine Wangen röten sich, und er merkt, wie sein Glied anschwillt. Er kann nicht wegschauen, ja er will sich selbst auch hinunterbegeben, aber wie er durch das Loch steigen will, merkt er, dass es gar kein Loch ist, sondern dass es genauso mit Ziegeln bedeckt ist wie das übrige Dach, mit dem Unterschied, dass in der Mitte eines Ziegels jeweils ein kleines Stück aus Glas ist, und in diesem Glas ist ein Auge eingelassen, das zu ihm hinaufschaut. Jetzt merkt er auch, dass er seine Hose verloren hat und nur im Hemd dasteht, nicht einmal Unterkleider hat er an. Er will sein Hemd zwischen den Beinen durchziehen, aber es ist zu kurz dazu, er bedeckt sein Glied, das sofort wieder schlaff wird, mit der linken Hand. So rasch wie möglich will er nun wieder zur Luke zurück, erst jetzt fällt ihm auf, dass fast in jedem Ziegel ein Auge eingelassen ist, er schaut sich dauernd um, ob er seine Hose irgendwo sieht, kann sie jedoch nicht ausfindig machen. Als er zurück zur Luke kommt, sieht er, dass das Seil, an dem er sich hielt, an einer Kerze befestigt war, die sehr schnell hinuntergebrannt ist und jetzt, wo er sich am Lukenrand hält, den Punkt erreicht hat, wo das Seil um sie geschlungen war, das Wachs schmilzt, und das Seil fällt in die Tiefe. Hinter der Kerze sind die fragenden Gesichter des Hausbesitzers und seiner Frau zu sehen, die bei seinem Erscheinen die Hände vors Gesicht schlagen. Ächzend vor Wut springt der Dachdecker in langen und gefährlichen Sätzen zum Hauptkamin hinüber, um sich den Blicken der beiden zu entziehen. Er ist nicht sonderlich überrascht, auf der Hinterseite des Kamins einen kleinen Teich zu finden, auf dem Mandarinenten lautlos herumschwimmen, und einen Fischer, der am andern Ufer steht und seine Angel nach koffergroßen Goldfischen ausgeworfen hat, die man in der Tiefe schimmern sieht. Er zieht sich sein Hemd aus und wickelt es sich als Lendenschurz um die Hüften, während ihm der Fischer freundlich zunickt und herüberruft: »Heute abend!« Dann schläft er ein, am Fuße einer Weide, und träumt, er sei ein Dachdecker, der einen andern Dachdecker suche.
Der Meister, dessen Kopf erst nach Einfall der Dämmerung aus der Luke auftaucht, ist überrascht von der Helligkeit, die hier oben noch herrscht, und löscht seine Taschenlampe wieder aus. Er sieht vor sich einen kleinen, ausgetretenen Weg, der zu einem Kiosk führt. Er zögert zunächst und denkt dann, warum soll sich hier kein Kiosk befinden, steigt auf das Dach und geht auf dem Weg, welcher mit feinen Glassplittern bedeckt ist, zum Kiosk. Im Kiosk sitzt eine Frau, deren Alter sehr schwer zu bestimmen ist, ihre Körperhaltung wirkt greisenhaft, ihr Gesicht jedoch hat keine Runzeln. Als sie der Meister anspricht, schaut sie nicht auf, sondern wirft ununterbrochen kleine Handschuhe aus einer Schachtel, die sie vor sich hat, in einen großen Topf, den sie neben sich hat. Als sie der Meister zum zweiten Mal anspricht, diesmal lauter und entschiedener, blickt sie auf und schaut ihn an.
»Sie möchten wohl Orschankeln?« fragt sie ihn. »Nein«, sagt der Meister und will weiterfahren, doch die Frau sagt: »Ich habe aber nur Orschankeln.« – »Was sind das, Orschankeln?« , fragt der Meister, neugierig geworden. »Das werden Sie schon noch merken«, sagt die Frau und beugt sich wieder zu ihren Handschuhen. Der Meister spricht sie wieder an, stellt die Frage nach seinen zwei Dachdeckern, aber die Frau blickt nicht mehr auf, auch als sie der Meister bei den Schultern packt. Der Meister sieht sich um und merkt, dass er hier in einer gebirgigen Landschaft ist, Felszacken ragen empor, die aber alle mit Ziegeln bedeckt sind, weiter hinten bemerkt er sogar einen Wasserfall. Aber der Weg hört hier beim Kiosk auf, die Zacken scheinen nicht begehbar, haben auch keine Widerhaken oder Schneehalter, und so versucht er, die Frau nochmals anzusprechen. Es gelingt ihm nicht, da greift er zu einer Illustrierten, die auf der Lade liegt, und blättert sie abwartend durch. Sie ist sehr alt, auf einer Seite ist Kaiser Wilhelm zu sehen, wie er Palästina besucht, und andere Bilder zeigen Goldsucherstädte in Amerika und einzelne Gestalten in großen Hüten, mit Werkzeug beladen. Auf einer der letzten Seiten sind zwei Männer abgebildet, die ein Verbrechen begangen haben und jetzt zum Tode verurteilt sind. Bevor der Meister weiterliest, welcher Art dieses Verbrechen war, erkennt er in den zwei Männern seine Dachdecker und blättert sofort die Seite um. Auf der nächsten Seite aber ist der Henker abgebildet, der die beiden hinrichten wird, und im Henker erkennt der Meister sich selber. Hastig schlägt er die Illustrierte zu und will sie zurückgeben, da sieht er, dass der Kiosk inzwischen geschlossen ist, die Bergzacken haben sich mit einer Eisschicht überzogen, und der Rückweg ist ihm von einem Wolfshund verstellt, der einen Eisenstab zwischen seinen Zähnen trägt.
Heute erzählte mir eine Bekannte in Bern beim Mittagessen von einem Bekannten in Deutschland welcher
durch Zufall
mit einem Unbekannten ins Gespräch gekommen sei der ihm nachdem sie vorerst über Dinge ohne Wichtigkeit geredet hätten zu erzählen angefangen habe wie er einmal zwischen neun und zehn Uhr abends
er sei Vertreter von Beruf und sei um diese Zeit noch öfters mit dem Wagen auf der Heimfahrt
wie er also als er unterwegs gewesen sei gesehen habe dass am Straßenrand
auf freiem Feld
ein Mädchen mit erhobner Hand gestanden sei woraufhin er den Wagen angehalten habe und es ihm auf seine Frage wohin es wolle entgegnet habe es müsse in die Bäckerei des nächsten Dorfes und er dann das Mädchen in den Wagen eingelassen habe
es sei hinten eingestiegen und habe auf der Fahrt nicht mehr gesprochen
dass dann aber als er im nächsten Dorf die Bäckerei gefunden und davor gehalten habe das Mädchen plötzlich nicht mehr dagewesen sei was ihn bewogen habe auszusteigen und zu läuten um zu fragen ob sie etwa schon im Haus sei
was ihm allerdings auch seltsam vorgekommen wäre habe er doch nichts bemerkt das darauf hätte schließen lassen
dass nach einer Weile eine Frau die Tür geöffnet habe ihn nach seiner Frage gebeten habe einzutreten und ihm alsdann
ihre schwarzen Kleider habe er erst jetzt bemerkt
eröffnet habe das Mädchen das er mitgenommen habe müsse ihre Tochter sein die vier Monate vorher in einem Wagen den sie angehalten habe umgekommen sei und er er sei jetzt schon der dritte der nach ihrem Tode komme und erzähle dass er ein Mädchen mitge das hieher
frage
ob sie schon zu Hause
(Er sei dann ratlos weggefahren und seit diesem Vorfall fühle er sich sehr allein und wisse nicht was machen weil )
Ich habe – ich schreibe ich, nicht weil ich mich meine, sondern weil ich nicht schreiben will, es war einmal jemand, der war so und so alt und so und so groß und hatte die und die Eigenschaften – ich habe ein Haustier.
Ich verspürte eines Tages das Bedürfnis, da ich sehr allein bin, etwas um mich zu haben, das lebt, ein Wesen, das mir am Morgen nachschauen würde, wenn ich wegging, und auf und ab hüpfen würde, wenn ich am Abend nach Hause käme. Als dieses Bedürfnis mehrere Tage anhielt, beschloss ich, ihm nachzugeben, und suchte eine Tierhandlung auf.
Von Anfang an richtete ich mein Augenmerk auf etwas Pelziges, doch fand ich nicht leicht ein Tier, das meinen unbestimmten, aber doch genauen Vorstellungen entsprach. Die Schwierigkeit war, dass ich nicht sagen konnte, was ich eigentlich wollte, ich sah nur, dass ich die Tiere, die ausgestellt waren, nicht wollte. Ein Hamster zum Beispiel wäre zwar interessant gewesen, doch befürchtete ich, er würde kaum persönliche Notiz von mir nehmen, auch Meerschweinchen und weiße Mäuse waren mir aus diesem Grunde wenig sympathisch, bei den letzteren stieß mich auch die Geschäftigkeit ab, in der ich keinen Sinn sah. Ein Hund hingegen hätte mir zuviel abverlangt, und einer Katze hätte ich wieder jede Abwesenheit übelgenommen. Das Zwergkaninchen, das in der Handlung angeboten wurde, wäre vielleicht so etwas gewesen, wie ich mir vorstellte, aber dann störte mich plötzlich das durch Zucht Herabgeminderte, hinter dem ich auch eine Verzwergung seiner Emotionen vermutete. Ein Äffchen schien mir so voller Bewegungsdrang, dass ich es nicht hätte einsperren mögen, und damit war die Auswahl an pelzigen Tieren erschöpft.
Ich fragte den Händler nochmals, und da holte er aus dem Hintergemach des Ladens einen Käfig, in dem ein kleiner Pelzklumpen neben einem Futternapf in einer Ecke lag. Sogleich wusste ich, dass ich dieses Tier haben wollte. Der Händler sagte, es sei eben erst aus Malaya eingetroffen, und da die Lieferpapiere unterwegs verlorengegangen seien, wisse er nicht einmal, wie es heiße, vermutlich etwas wie ein Faultier oder eine Beutelratte, es habe sich bisher nicht aufgerollt, auch möchte er es noch eine Weile bei sich behalten.
Der Preis, den ich ihm bot, war aber so hoch, dass er augenblicklich in den Verkauf einwilligte. Er gab mir einige Ratschläge bezüglich des Futters, es war etwa das, was man einem Affen geben würde, Früchte, spanische Nüsschen, jeden Tag frisches Wasser und eine Mischung aus vitaminisierten Körnern, von der ich einen Sack mitnahm. Ich kaufte noch eine Veilchenwurzel für die Zähne dazu, dann verließ ich den Laden und trug den Käfig, der ziemlich groß war, zu mir nach Hause, wo ich ihn auf eine Kommode stellte.
Ich setzte mich vor den Käfig und wartete eine Stunde oder zwei, aber der Pelzklumpen bewegte sich nicht, ich konnte nicht einmal sehen, ob er atmete. Als ich aber die Finger durch das Gitter streckte und sein Fell berührte, war es warm.
Ich legte ihm nun die Hälfte einer geschälten Banane hinein, dazu einen zerkleinerten Apfel und einige Vitaminkörner, füllte seinen Napf mit frischem Wasser und entfernte mich aus der Wohnung. Als ich am späten Abend zurückkam und Licht machte, sah ich, dass das Essen noch genauso dalag, wie ich es hingetan hatte, aber das Wasser war ausgetrunken.
Am andern Morgen lag das Tier immer noch in der Ecke des Käfigs und hatte nichts vom Futter genommen. Da die Banane und der Apfel braun geworden waren, nahm ich sie heraus, ersetzte sie durch neue und füllte den Wassertopf wieder auf.
Am Abend, als ich zurückkam, war die Nahrung unberührt, der Napf jedoch leer, und unter dem Pelz schaute jetzt eine Pfote hervor. Diese Pfote war zwar eher eine Hand, sie bestand aus fünf schwarzen, runzligen, leicht behaarten Fingern, die, soviel ich sah, außerordentlich scharfe Nägel hatten. Also doch ein Affe, dachte ich. Dann berührte ich die Hand mit der Fingerspitze, da zog sie sich sogleich unter den Pelz zurück.
Das Tier schien überhaupt kein Essen zu brauchen, es trank nur immer seinen Napf leer, zweimal am Tag, und es ging sehr lange, bis ich mehr als einzelne Teile von ihm zu sehen bekam. Das nächste nach der kleinen Hand war ein Schwanz, der plötzlich zum Käfig heraushing und über dessen Länge ich mich wunderte. Als ich ihn berührte, schien er mir schlaff und unmuskulös, jedenfalls war es kaum denkbar, dass sich das Tier damit an einem Ast festwickeln konnte. Auch erstaunte mich die Quaste des Schwanzes. Sobald ich jedoch ein bisschen daran zupfte, verschwand der Schwanz wieder unter dem Pelz.
Ich nahm nun an, dass es sich entweder um ein Faultier oder eine Meerkatzenart handelte, bis ich eines Morgens einen Fuß sah. Dieser Fuß, der da unter dem Pelz hervorschaute, da war gar kein Zweifel möglich, dieser Fuß war ein Huf, und der Huf war in der Mitte gespalten. Ich schaute im Lexikon nach und fand, dass das bei den sogenannten Paarhufern der Fall ist – mein Haustier musste demnach zur Familie der Kamele, Hirsche oder Giraffen gehören. Das einzige, was ich mir denken konnte, war, dass es vielleicht eine ganz kleine Zwergziege sein könnte, aber dann war mir die Hand nicht verständlich, die ich doch genau gesehen hatte. Im Lexikon stand weiter: mehrere ausgestorbene Gruppen. Vielleicht, dachte ich, vielleicht habe ich da zufällig ein Tier, das eigentlich ausgestorben ist. Der Gedanke freute mich, und ich hatte jetzt auch eine Erklärung für die Tatsache, dass das Tier ohne Essen leben konnte, das Lexikon gab nämlich an, dass Paarhufer Wiederkäuer sind. Offenbar handelte es sich also um eine ausgestorbene Art eines Paarhufers mit einer unheimlich langen Wiederkäuerzeit.
Diese Vermutungen waren alle falsch. Welcher Art mein Haustier war, erfuhr ich, als ich an einem Sonntagmorgen meinen Radio laufen ließ. Eine festtäglich wirkende Musik für Streicher war soeben zu Ende gegangen, und der Sprecher kündigte die Übertragung eines katholischen Festgottesdienstes an. Bei dieser Ansage kam ein krächzender Schrei aus dem Käfig, ich drehte mich um, da sah ich, dass das Haustier aufgesprungen war und sich mit beiden Händen an das Gitter klammerte, und jetzt erkannte ich, dass es ein Teufel war.
Sofort stellte ich den Apparat ab und sprach dem Tier beruhigend zu. Ich bemerkte, dass jedes einzelne Haar steif aufgerichtet war und dass es am ganzen Körper zitterte. Seine Augen starrten verängstigt in die Richtung, aus der die Töne gekommen waren, und es schien mir sogar, als enthielte sein Blick nicht nur Furcht, sondern auch Hass. Gleichzeitig stellte ich fest, dass das Tier auf der Stirne zwei kleine Hörner hatte, dass es also ein richtiger Teufel war.
Im Verlaufe des Tages, während sich das Tier langsam wieder beruhigte und, den Kopf an die Veilchenwurzel geneigt, zum Käfig hinausschaute, überlegte ich mir, was ich tun sollte. Es kam mir nichts in den Sinn, keine Maßnahmen, und ich wollte auch nichts tun, ich hatte nichts dagegen, einen Teufel als Haustier zu haben, und ich nahm mir vor, genau so weiter zu leben wie bisher.
Die Veränderungen stellten sich erst allmählich ein. Als erstes fiel mir auf, dass der Teufel, wenn er nicht zusammengerollt dalag, keine Stellung finden konnte, in der es ihm behaglich war, seine Figur schien eher zum Aufrechtgehen gemacht, und es wirkte unnatürlich, wenn er sich wie ein Hund hinlegte, andererseits gelang es ihm auch nicht, richtig zu sitzen und die Hände um die Knie zu schlingen. Ich baute ihm einen kleinen Stuhl, auf den er sich nun häufig in einer Art Damenhaltung setzte, beide Beine auf derselben Seite.
Trotzdem schien er noch nicht ganz zufrieden, und so kam ich auf die Idee, ihm eine Hängematte zu machen, die ich zwischen den Stäben befestigte. Davon war er begeistert, oft lag er den ganzen Tag darin und schaukelte sich hin und her, bald kam er auch darauf, dass er mit dem Schwanz bis in den Futternapf reichte, so tauchte er, wenn er Durst hatte, die Quaste ins Wasser, schwang sie dann zu sich hinauf und schleckte sie ab.
Bisher hatte er außer dem Wasser nichts zu sich genommen, aber nun fing er an, mir auf eine Art beim Essen zuzuschauen, die mir unangenehm war. Er sprang von seiner Hängematte, stellte sich aufrecht ans Gitter und hielt sich mit seinen Händen daran – so schaute er unablässig auf meinen Teller. Ich spürte seine Blicke in meinem Rücken und versuchte zuerst, da ich mich belästigt fühlte, so zu essen, dass ich ihm zugewandt war, aber nun war mir sein Blick noch unerträglicher. Dann iss halt auch, sagte ich zu ihm und hielt ihm eine Nudel hin. Er drehte nur kurz den Kopf weg und schaute dann wieder zu mir. Da schnitt ich ihm ein Stück meines Koteletts ab und bot es ihm an. Sofort packte er es und schob es in seinen Mund. Er kaute es sehr schnell und schluckte es dann hinunter. Ich gab ihm noch ein Stück, mit dem er auf dieselbe Weise verfuhr. Zuletzt legte ich ihm durch das Türchen den übrig gebliebenen Knochen hinein, den er zu meiner Überraschung nicht abnagte, sondern in kurzer Zeit ganz auffraß. Als er sah, dass auch ich fertig gegessen hatte, legte er sich wieder in seine Hängematte und schaukelte sich hin und her.
Jetzt, da ich wusste, dass der Teufel auch aß, versuchte ich, ihm alle möglichen Speisen zu offerieren, aber er wollte nur Fleisch. Nicht einmal Fisch nahm er an, und wenn ich versuchte, ihm etwas Billiges zu füttern, Kutteln etwa oder ein Hühnerherz, dann drehte er bloß den Kopf auf die Seite, manchmal fauchte er auch dazu. Es musste gutes Fleisch sein, dasselbe, das auch ich aß, und er wollte es nicht roh, sondern gebraten. Bald wurde er so aufdringlich, dass ich ihm immer ein ganzes Stück geben musste, ich fing also an, für zwei einzukaufen, und der Metzger lächelte, wenn er mir die Stücke schnitt.
Nun muss ich etwas erwähnen, das nicht sehr appetitlich ist, aber es spielte für mich eine große Rolle. Solange der Teufel mit Wasser zufrieden gewesen war, hatte ich nie irgendwelche Exkremente gesehen, nicht einmal Urin, sein Körper hatte offenbar alles bis zum letzten Tropfen verarbeitet. Seit er aber aß, begann er kleine Haufen zu scheißen, die fast flüssig waren, wie von jemandem, der Durchfall hat. Wenn er seinen Kot herauspresste, rann ihm immer ein Teil davon den Beinen entlang hinunter und verkrustete. Dieser Kot verbreitete einen widerlichen Geruch, sodass ich jeden Abend den ganzen Käfig putzen musste und auch die Beine des Teufels mit einem Lappen reinigte, den ich zuvor in Spiritus tauchte. Besonders ekelte mich, dass er seinen Kot immer in den Wassernapf abgab, sodass ich jedes Mal auch den Napf von Grund auf reinigen musste. Öfters pisste er mit offensichtlichem Genuss zwischen den Stäben des Käfigs hinaus, wodurch ich gezwungen war, die ganze Kommode, auf der er stand, mit Plastik zu bedecken.
Dies alles gab sehr viel Arbeit, zudem begann sich der Gestank allmählich einzunisten und verflüchtigte sich auch nach der täglichen Reinigung nicht mehr ganz. Ich erwog, ob ich den Teufel etwa vor das Fenster hängen sollte, aber mir war aufgefallen, dass er schon mit den Zähnen zu klappern begann, wenn ich nur eine Viertelstunde lüftete, er schien also ausgesprochen wärmeliebend zu sein.
Wenn ich ihm jeweils seine Beine säuberte, eine Handlung, die er sehr gerne geschehen ließ, durfte er nachher noch etwas in der Wohnung herumlaufen. Er bewegte sich nicht sehr geschickt, ging aufrecht auf seinen zwei Beinen, und wenn er etwas betrachten wollte, das in der Höhe lag, musste ich ihn hinaufheben, er pflegte dann mit seinem Kopf nach oben zu deuten und dazu kurz zu husten. Das erstemal hob ich ihn vor meinem Büchergestell hoch, wo er das oberste Regal sehen wollte. Dort zerrte er sofort ein Buch heraus, warf es auf den Boden, sprang von oben hinunter und trampelte mit zornigem Geheul darauf herum, bis es zerfetzt war. Dieses Buch war die Bibel.
Seine Abneigung gegen alles, was mit Religion zusammenhing, wurde nun von Tag zu Tag deutlicher. So wollte er einmal ein Landschaftsbild ansehen, das bei mir im Korridor hing, und nachdem ich ihn hinaufgehoben hatte, zertrümmerte er mit einem scharfen Huftritt das Glas des Wechselrahmens und schränzte mit seinen Klauen einen Kirchturm heraus, der so weit hinten am Horizont gemalt war, dass er mir vorher noch gar nie aufgefallen war.
Am schwierigsten war er an Sonntagen zu haben. Jedes Mal, wenn die Glocken zum Kirchgang läuteten, begann der Teufel zu wimmern, hockte sich in eine Ecke des Käfigs und schaute mich so traurig und verzweifelt an, dass ich mich mit seinem Schmerz beschäftigen musste. Anfangs wusste ich nicht, was tun. Ich schloss die Fensterläden und die Fenster, zog die Vorhänge, sodass man das Geläute nur noch gedämpft hörte, aber der Teufel schaute genau so erbärmlich drein. Ich zeigte ihm das Kalbfleisch, das ich ihm für den Mittag zugedacht hatte, aber er blickte mich fast beleidigt an. Ich begann so laut zu singen, dass man die Glocken nicht mehr hörte, aber es nützte nichts. Meistens gab ich dann meine Versuche wieder auf, nur war es mir nicht mehr möglich, mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Einmal wurde ich so wütend, dass ich die Läden mit einem Fluch wieder aufriss und die Fenster offenstehen ließ. Da war der Teufel sofort ruhig und schaute mich mit einem dankbaren Blick an. Daraufhin verbrachte ich einen ungestörten Sonntag, und als ihn gegen Abend wieder die Glocken zu quälen begannen, fluchte ich noch einmal hörbar, und er beruhigte sich.
Nun wurde er aber immer anspruchsvoller, und bald konnte ich ihn nur noch trösten, indem ich ihm während des Läutens die Hand hielt, die er zum Käfig hinausstreckte, und leise, aber eindringlich vor mich her fluchte. Setzte ich einmal aus, wurde er sogleich wieder weinerlich, und ging ich gar vom Käfig weg, brach er in eine Art Schluchzen aus, das seinen ganzen Körper schüttelte. Obwohl ich nicht religiös bin, setzte mir das ständige Fluchen an den Sonntagen mit der Zeit zu. Dennoch habe ich es bis heute nicht fertiggebracht, den Teufel an einem Sonntag alleinzulassen, weil ich mir beim Gedanken, dass er dann den ganzen Tag heulend und elend in seinem Käfig verbringen müsste, als Unmensch vorkomme.
Aber das ist nicht mein größtes Problem. Am meisten beschäftigt mich gegenwärtig die Frage, wie ich den Geruch aus der Wohnung wegbringe. Nachdem es mir mit den gängigen Sprühmitteln nicht gelungen ist, bin ich Kunde von Homöopathen und Reformhäusern geworden, jetzt zum Beispiel hängen überall Säcklein mit ungedüngten getrockneten Jasminblüten, die ich jeden Tag mit einem anthroposophischen Lavendelöl überträufle. Mit Erschrecken habe ich aber bemerkt, dass der Geruch des Teufels seit kurzem an mir selbst haftet, wenn ich es auch erst bei besonderen Gelegenheiten feststelle, wie wenn mir Schweiß aus den Achselhöhlen tritt. Ich sehe jedoch voraus, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis auch ich so riechen werde wie mein Teufel. Dieser Geruch ist nicht etwa ländlich, stallähnlich, sonst könnte ich, damit man ihn meinem Wohnort zuschriebe, in ein Bauernhaus umziehen, sondern er ist eine fast nicht zu beschreibende Mischung aus etwas Ätzendem wie von brennendem Kehricht, etwas Fauligem wie von abgestandenem Blumenwasser und etwas Atemverschlagendem wie von verwesenden Kadavern – wer so riecht, kann nicht mehr unter die Leute, er darf sich in keinen Laden wagen, keine Wirtschaft und kein Postbüro, von seinem Arbeitsplatz ganz zu schweigen.
Wer mir so weit gefolgt ist, wird mir nun den Rat geben, und das wäre auch nach allen Regeln der Vernunft das richtige, mich dieses Haustiers so rasch als möglich zu entledigen. Gerade das aber kann ich nicht. Mir ist der Teufel ans Herz gewachsen, sein Blick, wenn er etwas gerne hätte, rührt mich, ich habe das Gefühl, er brauche mich und würde kläglich eingehen, wenn ich nicht mit meiner ganzen Kraft für ihn sorgen würde. Außerdem, wie müsste ich das machen? In die Tierhandlung getraue ich mich nicht mehr zurück, ihn in einem Sack ins Wasser zu werfen wäre mir unmöglich, und um ihm von einem Tierarzt eine Spritze geben zu lassen, dazu ist er mir zu wenig Tier, ich weiß auch nicht, was ein Tierarzt sagen würde, wenn ich mit einem Teufel in die Sprechstunde käme. Überhaupt wage ich es kaum, mich jemandem anzuvertrauen. Ich habe eine Zeitlang daran gedacht, einen Pfarrer zu fragen, aber dann habe ich mich zuerst in der theologischen Literatur umgesehen und festgestellt, dass man heute sogar in konservativen Kreisen darüber hinaus ist, an die Existenz eines leibhaftigen Teufels zu glauben, sondern sich das Böse auch irgendwie als geistig vorstellt, und diese Erkenntnis, die ich begrüßenswert finde, wollte ich nicht mit meinem Fall trüben.
Es kommt noch etwas dazu. Ich habe das Gefühl, dass die Vernichtung des Teufels für mich sehr schwere Folgen hätte. Dieses Gefühl kann ich weder erklären noch präzisieren, ich glaube einfach, dass mir Unheimliches zustoßen würde, und ich habe Angst davor. Lieber behalte ich den Teufel und lebe auf dieselbe Art mit ihm zusammen wie bisher.
Oder was soll ich sonst tun?
Ein Asienreisender, der kurz vor seinem Rückflug aus Bombay von einem ihm unbekannten Insekt in den rechten Unterarm gestochen worden war, bemerkte am Morgen nach seiner Heimkehr, dass der Stich, der zuerst nur die Form einer kleinen roten Pustel gehabt hatte, über Nacht größer geworden war. Er sah jetzt aus wie ein Mitesser, ein Eindruck, der noch dadurch verstärkt wurde, dass der Einstichpunkt leicht vereitert war. Der Reisende, dessen Geschlechtsname mit B. begann, drückte, indem er den Gipfel des Mitessers mit dem Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand zusammenpresste, den Eiter aus, desinfizierte die ganze Stelle mit Jod und klebte sie mit einem Heftpflaster zu. Am Nachmittag stellte er fest, dass sich die eine Seite des Pflasters gelöst hatte, und merkte beim Versuch, sie wieder zu befestigen, dass der Stich schon so stark gewachsen war, dass er sich nicht mehr mit einem Heftpflaster überdecken ließ. Jetzt suchte er einen Arzt auf.
Der nahm eine Blutprobe und empfahl ihm, bis zum Bekanntwerden des Ergebnisses den Stich mit essigsaurer Tonerde zu behandeln. Als Herr B. am nächsten Morgen den Arzt anrief, sagte dieser, er habe im Blut weder eine Vergiftung noch einen Virus entdeckt, man könne also damit rechnen, dass die Reizung in zwei, drei Tagen abgeklungen sei. Herrn B. war dieser Bescheid sehr recht, denn sein Stich hatte sich während der Nacht noch mehr vergrößert und sah jetzt bereits aus wie ein Furunkel, hatte sich auch am oberen Rand bläulich verfärbt. Herr B. war jedoch um so mehr bereit, der Prognose des Arztes zu glauben, als ihn der Stich, abgesehen von einem gelegentlichen Juckreiz, überhaupt nicht schmerzte. Er trug nun einen richtigen Verband, der sich aber schon nach einigen Stunden so verschob, dass die Wölbung des Stiches zwischen den Bandagen herausragte. Am Abend hatte der Furunkel die Größe einer Geschwulst erreicht, und Herr B. sprach nochmals beim Arzt vor. Dabei ergab sich aber nichts Neues, spätestens in drei Tagen sei die Sache in Ordnung, sagte der Arzt. Zur Beruhigung von Herrn B. wolle er aber noch im Tropeninstitut nachfragen, ob Fälle von derartigen Insektenstichen bekannt seien. Erschwerend war der Umstand, dass Herr B. nicht mehr genau wusste, was für ein Tier ihn gestochen hatte. Eine Mücke, sagte er, eine Mücke müsse es gewesen sein, etwas größer als die hiesigen, aber eine Mücke.
Der Stich war zu dieser Zeit etwa faustgroß und lief oben nicht kegelförmig aus, sondern bildete um den Einstich herum einen Krater, dessen Rand schwarzviolett war. Die bläuliche Verfärbung vom Morgen lief jetzt wie eine Höhenkurve um diesen vulkanartigen Hügel, in dessen Trichter ein Eiterpfropf wucherte. Herr B. konnte in dieser Nacht nur schlecht schlafen. Zwar hatte er immer noch keine Schmerzen, musste aber aufpassen, dass er sich nicht auf die Geschwulst legte, und glaubte auch die ganze Nacht einen weit entfernten Lärm zu hören, der gerade laut genug war, um ihn am wirklichen Einschlafen zu hindern.
