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Lajes do Pico in den 1980er-Jahren. Das Verbot des Walfangs stürzt die Bewohner des Azorenarchipels in die Krise. Wie sollen sie fortan ihre Familien ernähren? Während für die Walfänger die alte Welt untergeht, eröffnen sich für den jungen Mateus, der einer traditionellen Walfängerfamilie entstammt, neue Wege. Als er der französischen Seglerin Manon begegnet, verliebt er sich Hals über Kopf in sie und engagiert sich gemeinsam mit ihr für den Schutz der Wale. Die auf der Insel schier unmögliche Mission stellt ihre Liebe auf eine harte Probe …
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Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Carlos Ávila de Borba
Der Gesang der Azoren
Roman
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Christine Braun
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung der Bilder von: © ArchonCodex / istockphoto und Eduardo Manchon https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Old_whaling_boats_entering_the_port_of_Lajes_-_panoramio.jpg
ISBN 978-3-7349-3010-2
Den Menschen der Azoren, die die unermessliche Weite des Atlantiks in ihren Seelen tragen.
Meiner Frau Anna, die auf den Inseln ihre Heimat gefunden hat.
Ernesto da Silva Costa, auf der Insel Pico und dem gesamten Azoren-Archipel besser bekannt als »Adlerauge«, kam an dem kleinen Walbeobachtungsturm, der Vigia, an. Er öffnete die Tür mit dem alten Schlüssel, der bereits seinem Vater und Großvater gehört hatte, und stieg die wenigen Stufen zum Ausguck hinauf. An klaren Tagen konnte er das Meer von der Vigia am Hang über der Gemeinde Lajes do Pico aus in einer Entfernung von bis zu 50 Seemeilen von Ost nach West und 20 Seemeilen nach Süden beobachten, also einen Radius von fast 200 Grad überblicken. Er überwachte einen Abschnitt des Ozeans, der den gewaltigen mittelatlantischen Rücken bedeckte. Aus der tiefen Unterwasserwelt erhoben sich an einigen Stellen die Spitzen der Gebirgskette und bildeten den Azoren-Archipel, wo der Berg Pico der höchste Punkt Portugals war.
Ernesto legte seinen Rucksack ab, stellte die Kaffeemaschine an und setzte sich auf die alte, drehbare Bank. Er griff nach dem Fernglas, sah hindurch und suchte langsam und konzentriert die Oberfläche des Ozeans ab. Das weite Meer lag wie ein riesiger Spiegel vor ihm und war doch nie ganz still. Geduldig hielt er Ausschau. Sein geschärfter Blick wanderte über das dunkle Blau des Wassers, das sich in endloser Weite vor ihm erstreckte. Die Schönheit des Meeres brachte Ernesto zum Träumen. Er liebte es wegen seiner Unermesslichkeit und seiner Kraft. Für ihn war das Meer ein Mysterium, in dessen Tiefe zahlreiche Geheimnisse schlummerten. Die tägliche Beobachtung des offenen Meeres war für ihn eine einzigartige Reise, bei der sich das Ziel jeweils mit der Flut verschob.
Ernesto betrachtete die Bewegung der Wellen. An der Kimm entlang suchte er behutsam von West nach Ost Welle für Welle nach den vertrauten Dampfwolken ab, auf die er schon seit Tagen wartete.
Plötzlich glitt sein Blick zurück, denn ihm war, als hätte er einen weißen Strahl in dem blauen Wellental ausgemacht. Mit klopfendem Herzen suchte er weiter und entdeckte eine Dampfwolke. Und auf einmal tauchte vor seinen Augen der Gigant der Ozeane auf: ein Pottwal. Gebannt schaute er durchs Fernglas und beobachtete den Wal, der in etwa drei Meilen Entfernung direkt vor dem Walfängerdorf Lajes do Pico den Atlantik durchquerte.
Der feine Nebelstrahl war für sein geschultes Auge schon von Weitem zu erkennen. Der schräg ausströmende Blas des Pottwals stieg wie eine majestätische Wasserfontäne auf.
Ohne sich zu vergewissern, ob es sich um einen oder um mehrere Wale handelte, eilte er die Stufen hinunter und verließ die Walbeobachtungsstation. Draußen kehrte Ernesto der leichten Brise aus Südwest den Rücken zu, zündete an einer halb leeren Schachtel hektisch ein Streichholz und mit diesem eine Zigarette an. Geschickt hielt er die glühende Zigarette an den Docht der Signalrakete, bis dieser Feuer fing. Dann ließ er die Rakete sanft aus der Hand gleiten und senkrecht in das strahlende Blau des Himmels hochschießen.
Fsssstttt … Bum! Bum! Bum!
Mit dem Blick verfolgte er die Rakete und merkte sich, wohin der Stock fiel, damit er ihn später aufsammeln konnte. Wie anders doch jede Rakete aufstieg, dachte er, als hätte sie ein Eigenleben. Er wusste, dass der Knall in diesem Augenblick den Alltag der Einwohner von Lajes do Pico und seiner Umgebung unterbrach. Die Menschen des Walfängerdorfs liebten und hassten das Signal, das aus der Vigia kam.
Ernesto wartete, dass das Telefon an der Wand klingelte, und das geschah auch.
»Wie viele sind es, Ernesto?«, fragte Manuel Torres, der Besitzer der Walfabrik.
»Bisher ist es nur einer«, erwiderte Ernesto und zog kräftig an seiner Zigarette.
»Bist du dir sicher?«, entgegnete der junge Unternehmer und dachte an das Geschäft. »Schau genau hin, Adlerauge. Denn es macht einen großen Unterschied, ob man mit einem, zwei oder drei Booten rausfährt.«
Ernesto blies eine Rauchwolke aus dem Mundwinkel, blickte erneut durch das Fernglas und antwortete: »Ziemlich sicher. Ein einzelner Pottwal. Du scheinst immer noch nicht zu wissen, wie das hier läuft. Ich sehe einen, aber es können auch zwei oder mehr sein. Wenn sie in Apnoe sind, bemerke ich sie nicht, und sie können gut 50 Minuten unter Wasser bleiben. Du verstehst es nicht, oder? Du hast das Geschäft geerbt, aber offensichtlich nichts von deinem Vater gelernt, der ein respektabler Mann war und sein Wort immer gehalten hat.«
»Was willst du damit andeuten?«, antwortete Torres empört.
Ernesto war nicht nur einer der Ältesten in der Branche, sondern auch die rechte Hand von Torres’ Vater gewesen. Ohne sein Wissen wäre die Überwachung des Meeres und das Manövrieren der Boote zu den Tieren nicht möglich.
»Du denkst nur ans Geld, Manuel!« Ernesto ließ seinem Frust freien Lauf. »Fahr mit so vielen Booten raus, wie du willst, aber wenn ich sehe, dass ein Jungtier an Land gezogen wird wie beim letzten Mal, dann mach dich auf was gefasst!« Ohne weiteren Kommentar legte Ernesto auf.
*
Mit zwei Schlägen verkündeten die Glocken der Zwillingstürme der Heiligen Dreifaltigkeitskirche auf dem Largo da Igreja, dass es halb elf Uhr morgens war.
»Wal in Sicht! Wal in Sicht!«, schallte es durch die Straßen des Dorfes.
In der Gemeinde kam alles zum Stillstand, und für einen Augenblick breitete sich Angst unter den Bewohnern aus. Es war einer jener Momente, in denen das alltägliche Leben schlagartig zum Erliegen kam, weil eine schicksalhafte Stunde bevorstand. Das war nicht nur den Menschen bewusst, die bereits Leid oder Katastrophen erlebt hatten. Fürbitten wurden zum Himmel gesandt, und die Bewohner der Insel unterstellten sich wie bei Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Stürmen und anderen Naturkatastrophen dem Schutz des Herrn.
Eine Gruppe alter, durch die Schicksalsschläge des Lebens verbitterter Frauen rannte zur Kirche, kaum dass sie das Geräusch der Rakete gehört hatten. Sie beteten sogleich den Rosenkranz und flehten verzweifelt Unsere Liebe Frau von Lourdes an, die Schutzpatronin der Walfänger, damit sie die Männer beschütze, die sich nun auf das Meer hinauswagen würden, um sich den Giganten der Ozeane zu stellen.
O reine Jungfrau,
unsere Liebe Frau von Lourdes,
die du der Bernadette erschienen bist
an einem einsamen Ort in einer Höhle,
um uns daran zu erinnern, dass in der Stille
und Besinnung Gott zu uns spricht
und wir mit ihm sprechen.
Mit Demut wenden wir uns an dich.
Hilf uns, Ruhe zu finden
und Frieden in unserer Seele.
Hilf uns, stets mit Gott vereint zu bleiben.
Unsere Liebe Frau von Lourdes,
gib uns die Gnade, die wir von dir erbitten
und die wir so sehr brauchen.
Unsere Liebe Frau von Lourdes,
erbarme dich unser und
bete für uns.
Amen.
Einen Wimpernschlag später wandelte sich dieser ahnungsvolle Moment der Stille in hektische Betriebsamkeit und Vorfreude, die alle Dorfbewohner mobilisierte und in den Hafen trieb. Es war, als hätte das Raketensignal einen Festtag angekündigt. Überall in der Gemeinde herrschte Aufregung. Man hörte Freudenschreie, und einige Leute behaupteten, es sei ein riesiger Pottwal, wie man ihn noch nie gesehen hätte, und dass er direkt an der Küste schwimme, sodass man ihn fast vom Ufer aus harpunieren könne.
»Das wurde aber Zeit«, klagte eine der Frauen, die mit ihrer Tochter an der Hand zum Hafen lief, den anderen ihr Leid. »Mein Mann hat schon beinahe den Verstand verloren, und niemand konnte ihn mehr ertragen. Jeden Tag ging er in die Bar Americano und kam von dort besoffen nach Hause, ohne dass ein Wal in Sicht war und ohne dass er Geld für unser Essen verdienen konnte. Das ist doch kein Leben! Es war, als wäre Ernesto auf dem Ausguck eingeschlafen oder als hätten sich die Linsen seines Fernglases beschlagen.«
Die anderen Frauen nickten stumm. Sie wussten, dass die Männer, wenn sie aufs Meer hinausfuhren, um Wale zu jagen, bei ihrer Rückkehr zwei Gesichter hatten. Sie waren dann voller Freude und Jubel, gleichzeitig aber streitlustig und traurig.
Überall wurden Türen und Fenster geöffnet. Die Walfänger ließen alles stehen und liegen und eilten zum Hafen. Ihre Frauen hatten rasch Sandwiches mit Butter und einheimischem Käse sowie weitere mit Feigenmarmelade gemacht, um sie ihnen zu bringen, denn sie hatten keine Zeit, sich an Land auf die Seefahrt vorzubereiten. Es waren Männer, die als Handwerker arbeiteten – Maler, Maurer, Schuhmacher, Gärtner, Tischler und ein paar Fischer. Auch Männer, die ihre Familien nur durch die Waljagd ernährten und in Geschäften und Cafés anschreiben ließen, um später zu bezahlen, wenn es wieder einen Wal gab. Auch ein Barbier war darunter, der damit prahlte, dass er die Haare immer auf französische Art schnitt. Deshalb wurde er Cófu genannt, abgeleitet vom französischen coiffeur. Er ruderte an Position zwei auf einem Boot namens Liberdade und war, wenn das Signal ertönte, imstande, seine Kunden mit halb rasiertem Bart auf dem Stuhl sitzen zu lassen, um zum Hafen zu laufen.
Die Aufregung der Menge im Hafen legte sich etwas, als Manuel Torres eintraf. Er hatte nicht nur die Walfabrik geerbt, sondern war auch Eigentümer der Gasolina, des Motorboots, das die Ruderboote aufs Meer hinaus in die Nähe der Wale schleppte. Er parkte auf der Hafenrampe, stieg aus dem Wagen und lief zum Bootshaus, in dem die Boote und die Ausrüstung für den Walfang gelagert waren.
»Heute fährt nur ein Boot raus, die Diana«, rief er den Männern im Inneren des Bootshauses zu, nachdem er die Tür aufgestoßen hatte. »Die Leute von der Liberdade müssen sich gedulden und sind das nächste Mal dran.«
»Was soll das? Bei deinem Vater sind wir immer mit allen Booten rausgefahren. Jeder von uns braucht was zu essen und muss arbeiten, um seine Familie durchzubringen«, erwiderte der Harpunier der Liberdade.
»Das war bei meinem Vater. Adlerauge hat mir gerade bestätigt, dass es ein einzelner Pottwal ist. Für einen Wal muss man nicht das ganze Dorf mitnehmen, oder?«
»Weil man nur einen Wal sieht, heißt das noch lange nicht, dass es nicht mehr sind«, sagte der Harpunier, der nicht an Land bleiben wollte. »Falls du es noch nicht weißt: Wale tauchen!«
»Wir müssen uns beeilen. Für Small Talk haben wir jetzt keine Zeit«, antwortete Manuel Torres kurz angebunden. »Der Pottwal ist nur drei Meilen entfernt. Bei dem glatten Meer heute könnte man sogar hinrudern. Früher war eine Jagd, bei der der Wal so nah am Ufer war, ein Kinderspiel für die Jungs. Führt euch also nicht so auf!«
Die Walfänger blickten sich entrüstet an, während Manuel Torres eilig zur Anlegestelle des Motorboots hinüberlief und es startklar machte, um die Diana abzuholen und aufs Meer in Richtung Wal zu schleppen.
Zur Vorbereitung der Walfängerboote gab es eine Checkliste, die abgearbeitet werden musste, denn nur ein kleines Versäumnis konnte fatale Auswirkungen haben. Die rote, blaue und weiße Signalflagge sowie der Eimer wurden hergerichtet. Die Männer zählten die Ruderriemen und überprüften, ob der Esparrel, der große Ruderriemen, der für schnelle Manöver diente, in Ordnung war. Anschließend kontrollierten sie, ob der Mast zum Hissen des Segels bereit war. Sie bestückten die Essenskiste mit Lebensmitteln, trockener Kleidung zum Wechseln, einer Taschenlampe sowie Kerzen und Verbandszeug. Die beiden Harpunen mit ihren großen Widerhaken und die beiden Speere zum Töten des Wals wurden auf ihre Schärfe untersucht, ebenso das Bug- und Heckmesser. Aber das Wichtigste waren die Leinen in den beiden Holzfässern, die kreisförmig in deren Innerem ausgelegt werden mussten, damit sie schnell und ohne sich zu verheddern liefen. Von diesen Sisalleinen hing ab, ob der Wal gefangen wurde oder nicht. Im Kampf mit dem Wal gab es oft den einen, entscheidenden Moment, in dem das Leben der Walfänger an einem seidenen Faden hing. Wenn der harpunierte Wal abtauchte und lange zog, war das Aufgeben und unverzügliche Kappen der Leinen die einzige Möglichkeit zu überleben. Man ließ den Wal frei, um sich selbst zu retten, bevor der Gigant des Ozeans das Boot auf den Meeresgrund zog.
In der Menge, die sich am Eingang des Bootshauses versammelt hatte, erschien der alte Simas, der von allen nur Americano, »der Amerikaner«, genannt wurde, weshalb auch seine Bar inzwischen so hieß. José Simas war in Lajes do Pico geboren und aufgewachsen – in Amerika war er nie gewesen. Den Spitznamen verdankte er seinem Vater, der, als José drei Jahre alt gewesen war, die Einladung einer amerikanischen Flotte aus Nantucket angenommen hatte und zum Walfang in die Vereinigten Staaten gegangen war. Von dort war er nie mehr zurückgekehrt. Schon von klein auf arbeitete José in der Bar, die seine Großeltern mütterlicherseits eröffnet hatten. José war früher auch Ruderer auf der Diana gewesen, bevor er seinen Platz in der Mannschaft an seinen Sohn weitergegeben hatte. Mit seinen 74 Jahren war er immer noch stark wie ein Ochse. Da sein Sohn seit zwei Tagen an einer schweren Grippe erkrankt war und keine Kraft zum Aufstehen hatte, wollte er für ihn einspringen, um die Familienehre und den Platz seines Sohnes im Boot als Ruderer zu bewahren.
»Großvater, lass mich für Papa rausfahren, bitte! Bleib du zu Hause«, rief sein Enkel Mateus, der ihm zum Kai der Walfänger gefolgt war.
»Lass gut sein, Mateus, ich fahre raus. Wenn dein Vater erfährt, dass ich dich auf die Jagd habe gehen lassen, nimmt das kein gutes Ende.«
»Bitte, Großvater«, flehte Mateus. »Lass mich meinen Vater vertreten!«
José Simas schaute sich um, denn Einzelne aus der Menge gaben nun ihre Meinungen zum Besten.
»Lass den Jungen doch mitfahren, José. Mit 17 war ich schon 20 Mal zur Pottwaljagd draußen. Lass ihn mit, Americano«, sagte einer der Ruderer, der einst zur Besatzung eines Bootes namens Maria Regina gehört hatte. Die Maria Regina hatte sich im vergangenen Jahr, keiner weiß wie, von der Boje gelöst und war an einem Tag mit rauer See gegen den Felsen geprallt.
»Nein, Americano, tu das nicht! Nicht jetzt, wo der Narr von Torres nicht mal mit zwei Booten rausfahren will. Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um den Jungen zum Walfang mitzunehmen«, mischte sich ein Mann ein, der auf dem Markt Obst verkaufte und noch nie zur See gefahren war.
Inmitten des Durcheinanders, das im Hafen herrschte, hielt José Simas inne und überlegte kurz. Er blickte auf das spiegelglatte Meer und kam zu dem Schluss, dass Mateus alt genug war und dass er ihn nicht an der Ausfahrt hindern sollte. Mateus würde sich sonst an Land nur über das Geschwätz der bösen Zungen ärgern, die nichts taten, aber alles besser wussten. Sein Enkel war ein guter Segler und Schwimmer, der seine Tage im Americano und in der Bootswerkstatt seines anderen Großvaters Garcia zubrachte. Und wenn Mateus es unbedingt wollte, war jetzt möglicherweise der richtige Zeitpunkt, um den Vater abzulösen und sich der Besatzung der Diana anzuschließen.
»Also gut, Mateus, wenn es wirklich dein Wunsch ist, dann soll es so sein. Aber hör mir gut zu. Mein Platz ist an deinen Vater gegangen, und egal, was die Leute sagen: Der Platz deines Vaters ist auch dein Platz. So wurde das hier in Lajes do Pico schon immer gehandhabt, und so wird es auch bleiben.«
Mateus war verblüfft über den Sinneswandel seines Großvaters, der ihm auf einmal die große Verantwortung zutraute. Das einzige Wort, das er herausbrachte, war »danke«.
»Hier, nimm meine Brotzeit mit.« José hielt ihm den Beutel hin, trat dicht an ihn heran und steckte ihm rasch ein mittelgroßes Gürtelmesser in einer Lederscheide zu. Dabei flüsterte er ihm ins Ohr: »Nimm auch mein Messer. Es ist jetzt deines. An Bord braucht man ein scharfes Messer. Und nun beeil dich. Sei mutig und wachsam! Möge Unsere Liebe Frau von Lourdes dich beschützen.«
Mateus wusste um den Wert und die Bedeutung dieses Messers für seinen Großvater. Dass er es ihm gegeben hatte, bedeutete ihm sehr viel. Er hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten, die aus seinen Augenwinkeln traten. Er bat den Großvater um seinen Segen und lief dann zum Bootshaus.
Der Maler Francisco, der Häuser, Türen, Fenster und alles, was dazugehörte, anstrich, solange es keinen Wal gab, hörte die Stimme seiner jungen Frau, die mit einer Tasche in der einen und einer Flasche Wein aus Pico in der anderen Hand hinter ihm herkam.
Sie rannte und rief: »Francisco! Francisco, so warte doch!«
Francisco ließ das Walfangboot los, das er mithilfe der anderen in Richtung Rampe brachte, und ging auf sie zu. »Was ist denn los, Margarida? Du tust ja so, als würde ich zum ersten Mal rausfahren.«
»Hier, mein Lieber«, sagte sie und reichte ihm die Tasche mit Essen und die Flasche Wein. »Geh mit Gott und bleib nicht so lange weg.«
»Es wird so lange dauern, wie es eben dauert«, antwortete Francisco, der bereits seine wartenden Kollegen im Blick hatte.
Margarida zog ihn an sich, küsste ihn auf die Wange und raunte ihm zu: »Du wirst Vater, Francisco. Komm bald wieder. Möge Unsere Liebe Frau von Lourdes dich auf dem Meer beschützen.«
Die Walfangboote wurden in der Regel von einem Motorboot, das von einem erfahrenen Schiffsführer gesteuert wurde, aufs Meer geschleppt. Das Ruderboot war über ein 15 Meter langes, leicht zu lösendes Seil am Heck des Schleppers festgemacht. An Tagen mit rauer, unruhiger See und starkem Wind gab es keine andere Möglichkeit, das offene Meer und die Wale zu erreichen.
Die wenigen Male, die Manuel Torres seit dem Tod seines Vaters das Motorboot selbst gelenkt hatte, um das Geld einzusparen, das sonst an den Steuermann gegangen wäre, waren nicht gut gelaufen. Sein Unvermögen war für alle ersichtlich gewesen. Die Schleppleinen hatten sich verheddert, Torres hatte sich in Entscheidungen der Harpuniere eingemischt, für Verwirrung gesorgt und ihnen Druck gemacht, eines der von der Walmutter beschützten Kälber zu harpunieren und schließlich zu töten. Daraufhin hatten die Walfänger beschlossen, nicht mehr auf Manuel Torres zu hören, der einzig und allein daran interessiert war, schnell Geld zu verdienen. Die Menschen und ihr Auskommen waren ihm egal.
So machten die beiden Besatzungen nun ihre Boote klar, die Diana und die Liberdade, schoben sie mit dem Bug ins Wasser und stellten sich zur Abfahrt bereit.
Torres reagierte ungehalten. »Was denkt ihr euch? Nur ein Boot fährt, habe ich gesagt! Ich gebe hier den Ton an. Nur die Diana fährt!«, rief er wütend.
»Es ist nicht erlaubt, mit nur einem Walfangboot rauszufahren. So heißt es in der Verordnung III, Artikel 54. Es ist ausdrücklich verboten, Wale mit weniger als zwei Booten zu jagen«, sagte Pedro, der beste Ruderer der Liberdade, mit fester Stimme, ohne Manuel Torres anzusehen.
Pedro trug den Spitznamen »Memo«, weil er alles auswendig lernte. Er hatte die Schule nur bis zur vierten Klasse besucht, doch er las und merkte sich alles, was er in die Finger bekam. Gedichte von Fernando Pessoa und Florbela Espanca konnte er bis aufs letzte Wort genau rezitieren, er deklamierte Luis de Camões und wusste sogar ganze Kurzgeschichten von Hemingway und Steinbeck auswendig. Aber er verschwendete keine Zeit auf ein unnötiges Wort.
Die Besatzungen der beiden Boote tauschten Blicke.
Sidónio, der Steuermann der Diana, der seit über 40 Jahren auf Walfang ging und von allen geachtet wurde, sagte laut und deutlich in Richtung Manuel Torres: »Bei allem Respekt, aber entweder fahren beide Boote aufs Meer hinaus oder gar keins. Wo einer hingeht, gehen wir alle hin. Das hat uns dein Vater immer gesagt. Möge Gott ihm im Himmel einen guten Platz zugewiesen haben, denn den hat er verdient.«
»Ich bin derjenige, der euch bezahlt, und es gibt kein Geld für all diese Leute. Wollt ihr etwa streiken?«
»Nenn es Streik oder nenn es, wie du willst. Entweder gehen wir alle oder keiner«, antwortete Sidónio.
»Ich weiß nicht, was ihr vorhabt, aber ich habe bereits gesagt, dass ich nur ein Boot hinausschleppe. Ob die Diana oder die Liberdade, das macht für mich keinen Unterschied. Das ist mir gleich. Entscheidet unter euch und macht schnell, denn der Pottwal wird nicht auf uns warten«, rief Manuel Torres aus der Kajüte der Gasolina. Mit dem Heck voraus manövrierte er das Motorboot ungeschickt von der Anlegestelle zur Wasserrampe, wo sich die beiden Besatzungen mit ihren Booten befanden, um die Schleppleine zu übergeben.
Im Hafen war die Empörung groß. Überall auf den Inseln hatte man bereits gehört, dass die Waljagd demnächst eingeschränkt werden würde. Es gab sogar Stimmen, die behaupteten, die Jagd auf Wale würde nicht nur auf den Azoren, sondern auf der ganzen Welt verboten werden. Aber weder auf Pico noch auf den anderen Inseln des Archipels hatte es bisher jemanden gegeben, der einem zur Jagd bereiten Mann vorschlug, an Land zu bleiben. Es war einfach undenkbar, einer kompletten Besatzung eines Bootes zu verbieten, auf Waljagd zu gehen. Das war noch nie vorgekommen. Und schon gar nicht auf Anweisung eines Großmauls wie Torres, eines Schwätzers, der seine Zeit bisher hauptsächlich damit zugebracht hatte, sein Geld in Lissabon und Coimbra zu verprassen. Er hatte auf dem Festland auf Kosten seiner Familie gelebt und vorgegeben, Medizin zu studieren.
Vor Kurzem war er zurückgekehrt, um ohne jegliche Erfahrung das zu verwalten, was ihm sein Vater als Erbe hinterlassen hatte. Der alte Torres war ein edler Mann gewesen, und er hatte immer alle geachtet, die arbeiten wollten. Er wusste, das Meer gehörte allen, und er rechnete es den Walfängern hoch an, dass sie sich dieser Jagd stellten, die an Land begann und auf dem Meeresgrund enden konnte. Sie waren ihrer Besatzung treu. Auf die Jagd zu gehen, um Geld für den Lebensunterhalt der Familie zu verdienen, war für alle eine Notwendigkeit, und sie hatten keine Wahl.
Der Tag war schön, und die leichte Brise, die konstant aus Südwest blies, war perfekt, um den Mast zu hissen und das Großsegel zu setzen. Laut der Informationen, die den Walfängern aus der Vigia vorlagen, befand sich der Pottwal nicht weit von der Küste entfernt.
Die Walfänger der beiden Boote Diana und Liberdade nickten sich zu.
Sidónio gab an Manuel Torres weiter, was sie ohne Worte beschlossen hatten: »Geh uns aus dem Weg! Wir brauchen keinen Abschleppdienst. Wir sind Männer des Meeres. Der Walfang ist unser Auskommen und unser Leben. Wir sind stolz auf unsere Arbeit! Ob der Wal fern oder nah ist, rudern und segeln ist das, was wir am besten können. Es wird vielleicht etwas länger dauern, aber wir werden unsere Arbeit trotzdem erledigen. Vielen Dank, doch wir brauchen deine Hilfe nicht.«
»Was soll das? Für wen hältst du dich? Ich gebe euch Arbeit. Ich zahle besser als die auf Faial oder São Jorge, und das ist euer Dank?«, antwortete Manuel Torres, der spürte, dass seine Autorität bröckelte. »Die Fabrik gehört mir und niemandem sonst! Das Motorboot hier und das andere, das dort drüben aufgebockt ist, gehören mir. Wenn ihr aufs Meer hinauswollt, um Pottwale zu jagen und etwas zu verdienen, solltet ihr besser meinen Anweisungen folgen. Und wenn ich sage, nur ein Boot fährt raus, dann fährt auch nur ein Boot raus. Habt ihr mich verstanden?«
»Niemand hier arbeitet für dich«, hielt Sidónio, der Steuermann der Diana, sofort dagegen. »Wir waren sehr stolz darauf, für deinen Vater, Gott hab ihn selig, zu arbeiten. Aber diese Walfängerboote gehören dem Pfarrgemeinderat, nicht dir, und wir brauchen deine Hilfe nicht. Nicht heute und nie wieder!«
»Was?«, erwiderte Manuel Torres. »Niemand verlässt den Hafen ohne meine Erlaubnis! Das ist mein Geschäft, und es wird mir nicht an Leuten fehlen, die auf Walfang gehen wollen. Die Walfänger von São Roque warten sehnsüchtig darauf, dass ich sie anrufe.«
»Dann tu es«, antwortete Sidónio mit einem schiefen Grinsen und fügte hinzu: »Aber geh jetzt lieber aus dem Weg, damit wir aufs Meer hinausfahren können. Sonst riskierst du noch, dass um der Gerechtigkeit willen ein Ruder in deinem Gesicht landet.«
»Was denkst du dir eigentlich, Mann? Glaubst du, nur weil du der Rädelsführer bist, kannst du dich so aufführen?«, fuhr Manuel Torres ihn an.
»Ich rate dir, geh besser aus dem Weg«, verlangte Sidónio. »Sonst musst du mit deinem Schlepper noch nach São Roque oder Vila da Madalena zur Ersten Hilfe fahren.«
Auf den Mauern, die die Straße vom Hafen trennten, saßen unzählige Menschen, die johlend Beifall klatschten.
Mit Mateus an Bord der Diana ließen die Walfänger die beiden Boote ins Wasser gleiten. Und dann sprang auch der Letzte, der Steuermann der Liberdade, ins Boot. Sie fuhren an Manuel Torres vorbei, als gäbe es ihn nicht, als wäre er eine Signalboje.
Mateus war ein versierter Segler und der ganze Stolz seines Großvaters mütterlicherseits, Garcia, aus dessen Werkstatt das Boot Diana stammte. Garcia hatte beim Bau der azorischen Walfangboote Pionierarbeit geleistet. Er hatte die Boote basierend auf der Konstruktionslinie eines aus Amerika importierten Walfangkanus entwickelt. Es hatte einem Portugiesen gehört, der Offizier auf einem Walfangschiff in New Bedford gewesen war. Mit einer ungewöhnlichen Sensibilität für die Bearbeitung von Holz und ausgehend von den Eigenschaften des Meeres auf den Azoren hatte Großvater Garcia daraus ein anderes, schnelleres Boot entworfen. Die Effizienz und die ästhetische Verarbeitung hatten die Schiffbauexperten verblüfft, und sie hatten das azorische Walfangboot sofort als eines der schönsten der Welt deklariert. Großvater Garcia war mit diesem Meisterwerk also in die Geschichte des Schiffbaus eingegangen.
Mateus bewunderte die Bescheidenheit seines Großvaters. Er liebte es, ihm zur Hand zu gehen und dabei zu lernen. Großvater Garcia schätzte die Komplimente, die ihm für das Walfangboot gemacht wurden, aber er wollte seine Konstruktionspläne nie genau erklären. Außer wenn er an der Bar des Americano während eines Kartenspiels oder einer Partie Domino ein Gespräch begann und eine Runde nach der anderen ausgegeben wurde. Dann ärgerten ihn seine Freunde. »Hey, Garcia«, sagten sie dann, »wann zeigst du uns den Bauplan von deinem Boot? Du machst ein so großes Geheimnis darum. Bestimmt hast du diese ganzen Papiere bei der Polizei oder im Tresor des Pfarrgemeinderats aufbewahrt.«
»Ich würde ihn dir zeigen, wenn du vernünftig lesen könntest, du Schwachkopf«, antwortete Garcia dann gut gelaunt.
Es gab Nachmittage in der Bar Americano, an denen beim Domino- und Kartenspiel viel gelacht wurde. Wenn Garcia sich durch den Alkohol zu entspannen begann, was in der Regel nach der fünften Runde der Fall war, erklärte er die unterschiedlichsten Theorien zur Konstruktion der Boote, ohne jemals das Geheimnis seines genialen Machwerks zu lüften.
Mateus half gelegentlich im Americano aus, und er liebte die Geschichten, die an den Spieltischen erzählt wurden. Seine Mutter führte den Lebensmittelladen nebenan, und sein Vater verbrachte seine Zeit entweder an der Theke oder auf der Waljagd, wenn es denn eine gab. Mateus mochte seinen Großvater José, den Amerikaner, doch es waren die Geschichten seines Großvaters Garcia, die ihn begeisterten. Seine Kindheit hatte Mateus damit zugebracht, Garcia in der Werkstatt zu helfen und sich die verschiedensten Erklärungen über den Bau der Boote anzuhören. Es gab ein Gespräch, das ihm seit seinem siebten Lebensjahr, als er gerade in die Grundschule gekommen war, im Gedächtnis haftete.
»Um ein Boot zu bauen, Mateus«, hatte sein Großvater damals gesagt, »braucht man keine großen Pläne. Was du brauchst, sind Geduld und Mut.«
»Mut?«
»Ja, Mut zum Bauen und zum Fahren. Und Wind. Wind, der stark und beständig weht, damit das schmale Boot beim Hissen der Segel den Bug hebt, um das Meer zu teilen. Das Geheimnis, Mateus, liegt in den feinen Linien. Ein Walfangboot muss feine Linien haben wie ein scharfer Pfeil. Linien, die das Tosen der Wellen und das Blau des Meeres liebevoll durchkreuzen. Das Wasser scheint sich sogar zu teilen. Der Ozean gibt dem Lauf des Bootes sanft nach und verbindet sich mit dem Wind wie eine schmeichelnde, es antreibende Liebkosung. Ich behaupte, dass ein gut abgestimmtes Walfangboot nicht von einer Möwe eingeholt wird.«
Mateus hatte jedes Wort dieser Erklärung genossen, aber nicht ganz verstanden, worauf sein Großvater hinauswollte.
»Natürlich hilft es auch, wenn man etwas Geschick und Geduld hat. Man arbeitet viele Stunden lang an Details, an Kleinigkeiten, die man nicht ohne Weiteres sieht.«
»Und warum noch mal Mut?«, hatte Mateus gefragt, denn ihm war nicht klar, warum es Mut erforderte, um ein Walfangboot zu bauen.
Großvater Garcia hatte an seiner Zigarettenspitze gezogen, den Rauch in Richtung der Holzdecke geblasen und geantwortet: »So ist das nun mal, Mateus. Wer sich traut, etwas Neues zu entwickeln, muss meiner Meinung nach immer einen gewissen Mut mitbringen. Die eigene Intuition der Welt draußen auszusetzen, ist nicht jedermanns Sache. Denn es wird immer Leute geben, die dich kritisieren und sich über deine Arbeit lustig machen.«
»Aber dann ist Ignorieren doch das beste Mittel, oder? Das sagt Mama, wenn ich mich zu Hause beschwere, dass mich in der Schule jemand geärgert hat.«
»Ja, ich weiß. Und du tust gut daran, wenn du diesen Rat befolgst. Das Problem ist, dass die Menschen, die kritisieren und die Arbeit der anderen schlecht machen, fast immer diejenigen sind, die gar nicht wissen, wie man ein Boot baut. Dann braucht man viel Selbstbeherrschung, um ihnen nicht einen kräftigen Tritt in den Hintern zu verpassen.«
Die Gespräche mit Großvater Garcia waren Mateus wichtig. Am meisten faszinierte ihn jedoch die Holzverarbeitung. Schon früh hatte er den Wunsch gehegt, das Handwerk zu erlernen und Schritt für Schritt hinter das Geheimnis der Schiffszimmerer zu kommen. Bereits als kleiner Junge hatte er mit einem Taschenmesser Miniaturboote gebastelt, dann bei dem einen oder anderen größeren Teil zur Ausstattung der Boote mitgeholfen, bis der Großvater im Laufe der Jahre vor seinem Talent kapituliert und allen erzählt hatte, die besten Riemen, Ruder und Ausleger, die man je auf einem Walfangboot gesehen hätte, seien die, die sein Enkel Mateus gemacht habe.
Die beiden Walfangboote Diana und Liberdade ruderten aus dem Hafen, zum Erstaunen von Torres, der sie passieren sah. Die schwache Brise nahm am Rande der Hafenmole um ein paar Knoten zu, und das Meer bildete kleine weiße Wellenkämme. Mateus befand sich nun zum ersten Mal in der Walfangmannschaft. Wäre sein Vater nicht krank gewesen und hätte er nicht verhindern wollen, dass sein Großvater aufs Meer hinausfuhr, wäre ihm eine solche Idee nie in den Sinn gekommen.
Der Steuermann der Liberdade rief seiner Mannschaft zu: »An die Arbeit, Leute! Bringt die Ruder in Schwung! Die Diana wird von uns nur das Heck sehen!«
Der Wind blies kräftiger, und Mateus beobachtete die leicht bewegte See mit den kleinen, länger werdenden Wellen und den regelmäßigen Schaumkronen. Er schlug dem Steuermann vor: »Sidónio, ich würde die Segel setzen.«
»Das ist eine gute Idee. Du übernimmst die Pinne, und wir schauen, ob wir den Wal entdecken können«, stimmte Sidónio zu. Er wusste, dass Mateus nicht nur das neue Ruder des Bootes gebaut hatte, sondern auch ein ungewöhnliches Gespür für das Segeln besaß.
So geschah es.
Als sie die Hafenmole hinter sich gelassen hatten und das Meer den Bug des Bootes mit seiner weißen Gischt umspülte, hissten sie das große Segel. Der Wind blies es auf, Mateus holte die Schot dicht, und das Boot neigte sich. Mit einem Ruck nahm die Diana Fahrt auf und rauschte mühelos an der Backbordseite der Liberdade vorbei, auf der die sechs Ruderer auf Geheiß des Kapitäns mit allen Kräften ruderten.
Angesichts dieses Überholmanövers gab die Besatzung der Liberdade das Rudern auf und hisste ebenfalls das Segel.
Vom Land aus bot sich ein spektakulärer Anblick. Die beiden Boote segelten lautlos und leicht über das Wasser, als würden sie schweben.
Das Walfangboot Diana war an Bug und Heck in leuchtenden Farben gestrichen, um aus der Ferne gut erkennbar zu sein. Es war elegant, aber nicht einfach zu segeln. Die Spanten, die den Rumpf stabilisierten, und die zugespitzten Steven, die an beiden Enden für eine gute Wasserlage sorgten, waren aus starkem Zedernholz, und darüber lagen leichte Planken aus Sicheltannenholz. Das Walfangboot war robust und trotzdem sehr wendig. Es war dazu geschaffen, die Wale schnell zu verfolgen, wenn diese versuchten, über das Ziehen an der Harpunenleine zu entkommen. Es hatte jedoch keinen Ballastkiel, der dem Stampfen und Abdriften entgegenwirkte und eine Voraussetzung für das Kreuzen gegen den Wind war.
Mateus, der seit seiner Kindheit mit einer Crew aus Freunden, die teils aus der Musikkapelle der Gemeinde, teils aus der Pfadfindergruppe stammten, an Regatten teilgenommen hatte, war ein erfahrener und geschickter Steuermann, der die Reaktionen des Walfangboots gut kannte. Mit der Pinne in der Hand registrierte er jede Veränderung des Windes und beobachtete aufmerksam die Dynamik der Strömung. Er befahl der Mannschaft, auf die Backbordseite zu wechseln, um die Krängung des Walfangbootes auszugleichen, das immer schneller wurde und sich durch die Kraft des Windes stark auf die Seite des Großsegels neigte.
Francisco, der an das Sisalseil geklammert auf dem Rand des Bootes saß und es ausbalancierte, dachte nicht an das Meer und den Walfang. Er konnte noch die Silhouette seiner Frau erkennen, die neben dem Leuchtturm am Ende der steinernen Hafenmole stand und ihm zum Abschied zuwinkte. Sein Herz zog sich in seiner Brust zusammen, und das Atmen fiel ihm schwer, als sich das Walfangboot immer weiter vom Ufer entfernte und auf das offene Meer hinausfuhr.
Ganz anders war es bei Sidónio. Er war aufmerksam bei der Sache und holte, als sie zwei Meilen von der Küste entfernt und immer noch in strengem Wettbewerb mit dem Walfangboot Liberdade waren, sein Fernglas aus der kleinen Erste-Hilfe-Schublade unter dem Sitz, von dem aus Mateus das Boot steuerte, und zündete sich eine Zigarette an. Er beobachtete einige Sekunden lang die Meeresoberfläche, sah dann den Blas, den der Pottwal ausstieß, und brüllte laut, damit beide Walfangboote ihn hören konnten: »Wal in Sicht!«
»Wo?«, fragte Mateus, der sich bisher auf den Wettstreit mit der Liberdade konzentriert und beinahe vergessen hatte, zu welchem Zweck sie hinaussegelten.
»Auf der Backbordseite! Eine Viertelmeile entfernt, in Richtung Castelo Branco«, rief Sidónio zwischen ein paar kräftigen Zügen an der Zigarette. Er begutachtete die beiden Harpunen und die drei Speere, mit denen der Wal getötet werden sollte, und vergewisserte sich, dass die Sisalseile frei waren und problemlos aus den beiden Holzfässern abgerollt werden konnten. »Mateus, lass uns die Segel einholen, und jeder an sein Ruder!«
»Okay«, antwortete Mateus sofort, lenkte den Bug in den Wind und gab der Mannschaft den Befehl, das Segel zu senken.
Die Besatzung des Walfangbootes reagierte synchron. Sie waren alle angespannt, still und ängstlich. Es gab keine unnötigen Bewegungen, als wären das Boot und sie eine Einheit. Angesichts dieser Stimmung verspürte Mateus zum ersten Mal seit dem Verlassen des Hafens ein flaues Gefühl im Magen, der Mut drohte ihm abhandenzukommen. Alle schwiegen. Der Wal war ganz in der Nähe und damit auch die Gefahr.
Mateus wusste, dass der Pottwal eine sehr weit verbreitete Spezies war, die in allen Ozeanen vorkam. Seine unverwechselbare Form machte ihn zum Archetypen des Wals. Für ihn ging eine große Faszination von diesem sanften Riesen des Ozeans aus, der bis zu 20 Meter lang werden konnte und das größte und schwerste Gehirn von allen Tieren hatte. Pottwale waren in der Lage, in 90 Minuten bis zu 3.000 Meter tief zu tauchen, doch ein normaler Tauchgang hatte eine Tiefe um die 400 Meter und dauerte 30 bis 40 Minuten. Der Wal atmete durch das s-förmige Blasloch, das sich auf der linken Seite des Vorderkopfes befand, und blies einen lauten Luftstrom, der bis zu 15 Meter hoch sein konnte, in die Luft. Mateus kannte auch den Wert eines Wals. Am meisten brachte das Spermaceti oder Walrat ein, das sich im Kopf des Tieres befand. Der Kopf machte ein Drittel seiner Länge aus, und das Spermaceti diente dem Wal als Tauch- oder Schwimmorgan. Das Walrat konnte vielfältig verarbeitet werden und fand kommerzielle Anwendung als Uhrenöl, Getriebeflüssigkeit, Schmiermittel für fotografische Linsen und empfindliche Instrumente, für Kosmetika, Segel, Motoröle, Glycerine, Rostschutzmittel, Reinigungsmittel, Chemiefasern, Vitamine und außerdem für mehr als 70 pharmazeutische Verbindungen.
Es war ein großer Pottwal. Ein Erwachsener. Nach Sidónios Berechnungen handelte es sich um einen Wal, der mehr als 100 Barrel Öl ergeben würde. Einen Wal dieser Größe sah man nicht jeden Tag. Ein kleines Vermögen schwamm vor ihnen im Wasser.
Die Besatzungen der beiden Boote ruderten bis auf drei Meter an den Pottwal heran. Sie näherten sich ihm von vorne, denn er konnte nur zur Seite sehen. Dadurch verhinderten sie, sofort entdeckt zu werden oder einen unerwarteten Schlag mit der Schwanzflosse, der Fluke, abzubekommen. Der Pottwal stieß einen Lufthauch durch das Blasloch aus, der wie eine Fontäne in den Himmel stieg, und tauchte ab, um kurz danach wieder aufzusteigen, als wollte er die Fremden, die ihn besuchen kamen, begrüßen.
Wie ein großer, schwerer Schatten lag der Gigant des Meeres im Wasser. Er bewegte sich langsam um die beiden schwankenden Walfangboote herum, und das Blau des Meeres verdunkelte sich. Der Pottwal war ein scheues Tier, und seine Reaktionen kamen unerwartet. Deshalb manövrierten die Männer mit Vorsicht. Ein einziger Schlag mit der dreieckigen Fluke reichte aus, um ein Walfangboot vollständig zu zerstören. Es gab männliche Wale, die, wenn sie verängstigt und verletzt waren, ein großes Schiff mit ihrer Stirnseite rammen konnten.
Das Walfangboot Liberdade war in einer besseren Position für das Abfeuern der Harpune. Der Harpunier vergewisserte sich, dass die Harpune sicher an der Sisalschnur befestigt war, und ging nach vorne zur Alvaçuz, einem Brett mit einer konkaven, gepolsterten Einkerbung, in der er seinen Oberschenkel abstützen und beim Wurf das Gleichgewicht halten konnte. Er beugte sich vor und richtete seinen Blick auf den Rücken des Pottwals, die Harpune abwurfbereit in der Hand. Er wartete den richtigen Moment ab und schleuderte die Harpune in einem Bogen durch die Luft. Die schwere Eisenspitze an dem hölzernen Griff nahm Fahrt auf, und das 75 Zentimeter lange Harpuneneisen drang senkrecht in den Rücken des Wals ein.
Die Mannschaft brachte sich in Position, um das Seil abzuwickeln, an dem die Harpune befestigt war. Doch der Wal reagierte nicht. Für ein paar Sekunden sank er ein paar Zentimeter in die Tiefe. Alle wurden nervös.
Die Diana war nun ebenfalls nahe genug am Wal, damit die Harpune geworfen werden konnte. Die Walfänger erkannten ihre gute Position und handelten schnell und entschlossen. Die zweite Harpune flog, und es war ein Volltreffer genau in der Mitte des dunklen Rückens. Der Ozeanriese bäumte sich auf, erhob sich gewaltig aus dem Meer und fiel in voller Länge wieder ins Wasser, was einen gewaltigen Wellenschlag verursachte.
Die Männer ruderten zurück. Es ging alles sehr schnell. Als der Wal seine riesige Fluke in die Luft hob, um sich zu verteidigen und abzutauchen, hatten sich die beiden Walfangboote schon weit genug entfernt, um nicht erwischt zu werden und in den Strudel zu geraten, der sie in die Tiefe ziehen würde.
Der Wal tauchte unter. Die Besatzungen verstummten für einige Sekunden, die wie eine Ewigkeit waren, während die beiden Boote wie zwei Nussschalen in einem immer unruhiger werdenden Meer der Ungewissheit schwammen.
Auf einmal tauchte der Wal wieder auf. Doch als er die nächste Harpune spürte, die vom Harpunier der Liberdade geworfen wurde und sich im Walrücken verhakte, stieß er einen Luftstrahl aus, der sich wie eine wunderschöne Fontäne in die Luft erhob.
Mateus erschauderte. Er sah die Verzweiflung und Angst in den traurigen Tieraugen. Der Pottwal bewegte sich langsam von den beiden Walfangbooten weg und senkte seinen schweren Kopf in die Stille des Atlantiks hinein. Seine majestätische Fluke erhob sich für Sekunden aus dem wogenden Meer, bis sie schließlich in den Tiefen des Ozeans verschwand.
Es herrschte angespanntes Schweigen. Die Besatzungen der beiden Walfangboote verharrten reglos und zögerlich angesichts der ungewissen Reaktion des Wals. Mateus hielt den Atem an. Jetzt bestand die Gefahr, dass der Wal sie auf den Grund des Meeres ziehen würde. In diesem Moment der Stille schoss ihm das Adrenalin durch den Körper, das Blut pulsierte heftiger, und die Angst, die der gewaltige Sprung des Wals in ihm ausgelöst hatte, lähmte ihn. Eine Angst, die, ganz gleich, wie oft die Walfänger sie schon erlebt hatten, stets intensiv war.
Wie aus dem Nichts verdunkelte sich das Meer um die beiden Boote erneut. Der Wal tauchte schlagartig wieder auf und sprang mit seiner ganzen Masse und atemberaubenden Schönheit aus dem Meer. Als er auf dem Wasser aufschlug, wurde es erschüttert von ungeheuren, riesigen Wogen. Jetzt begann das Tier mit erstaunlicher Agilität, wild und heftig an den Seilen zu ziehen. Mit den drei Harpunen auf dem Rücken versuchte der verwundete Pottwal zu entkommen und schwamm schnell von den Booten weg. Die Seile, die an den Harpunen befestigt waren, liefen in rasender Geschwindigkeit aus den Holzfässern heraus über den Choque, eine in einer Metallkerbe im Schnabel des Bugs befestigte Messingscheibe. Die beiden Boote schossen über das Wasser, dem Wal hinterher.
Das in 150 Armlängen aufgerollte Sisalseil des ersten Fasses auf der Diana schien nicht lang genug zu sein, und Sidónio gab den Befehl: »Francisco! Er zerrt zu stark. Knüpf das Seil vom zweiten Korb an, aber schnell!«
Doch bevor Francisco sich an die Aufgabe machen konnte, wurde der Wal, müde von der Anstrengung, die beiden Walfangboote zu ziehen, für einige Augenblicke langsamer, als wollte er sich ergeben und anhalten. In schneller Abfolge und mit zunehmender Lautstärke stieß er die Luft aus. Die Besatzung der Diana rollte die Meter Seil ein, die ihre Spannung verloren hatten, und wickelte sie um die Logaête, einen senkrecht am Heck befestigten Holzblock. So konnten sie die Spannung und Geschwindigkeit des Harpunenseils kontrollieren.
Francisco nutzte die Gelegenheit, um das Seil aus dem zweiten Holzfass an das erste anzuknüpfen, und rief in Richtung Sidónio: »Zweites Seil montiert!«
Wie aus dem Nichts versuchte der Wal erneut zu fliehen und schwamm rasend schnell durch die Wellen des Meeres. Durch die beiden Boote ging ein Ruck, und sie setzten die Verfolgung fort, gehalten von den Harpunen, die mit ihrem scharfen, beweglichen und mit Widerhaken versehenen Ende noch immer im Rücken des Wals steckten.
Francisco war zu langsam gewesen, um das lose Seil aufzurollen, weshalb auf dem Walfangboot Diana nun mehrere Armlängen ungespanntes Seil auf dem Boden lagen und durch den ziehenden Pottwal in Bewegung gerieten.
Auf einmal hatte Francisco eine Seilschlaufe um einen Fuß gewickelt. Wegen des heftigen Wellengangs verlor er das Gleichgewicht und fiel über Bord. Der Schrei, den er ausstieß, war so laut, dass er bestimmt an Land zu hören war. Francisco wurde, den Fuß in der Schlinge verfangen, hinter der Diana hergezogen, die, ebenso wie die Liberdade, an dem fliehenden Wal hing. Alles, was man von ihm sehen konnte, waren seine Hose und hin und wieder ein Teil seines Oberkörpers. Die Geschwindigkeit nahm zu, und nach wenigen Sekunden hatte er sein Hemd verloren und konnte den Oberkörper nicht mehr zum Atmen aus dem Wasser heben.
Instinktiv nahm Mateus das Messer, das ihm sein Großvater geschenkt hatte, aus der Tasche, schnitt das Seil durch, das Franciscos Fuß an das Walfangboot fesselte, und stürzte sich ins Wasser. Innerhalb kürzester Zeit waren Mateus und Francisco etwa eine Viertelmeile von der Diana entfernt.
Die Besatzung war in heller Aufregung, doch es gelang ihr, das Walfangboot zu stoppen und umzukehren. Das Meer strömte mit dem Wind von Südwest nach Ost.
Nun war das Walfangboot Liberdade allein mit dem Pottwal verbunden.
Mateus konzentrierte sich darauf, Francisco nicht aus den Augen zu verlieren. Als er sich ins Wasser stürzte, nahm er keine Notiz von der Kälte. Die Wassertemperatur lag bei etwa 17 Grad, was weniger war als im Juni üblich. Er kraulte mit voller Kraft, aber nur ab und zu konnte er Franciscos Hand sehen, die in dem gewaltigen Wassertrubel auf dem Wellenkamm auftauchte und wieder verschwand.
Der Wind kam aus Westen, und das Meer glich einem großen, grauen Strudel. Mateus spürte, wie ihn die Strömung mitriss. Um dem Wellenschlag zu entgehen und Francisco besser sehen zu können, holte er tief Luft und tauchte ab, doch die aufgewühlten Wogen des Atlantiks hüllten alles in ein trübes Dunkel.
Als er wieder auftauchte und nach Luft schnappte, sah er Franciscos verzweifeltes Gestikulieren in einigen Metern Entfernung. Mateus tauchte noch einmal und stemmte sich mit aller Kraft gegen den Sog der Wellen, bis er Francisco erreichte. Er begegnete seinem panischen Blick, der ihm signalisierte, dass er Wasser schluckte und um sein Leben kämpfte. Er konnte die Luft nicht mehr anhalten, wenn er unter Wasser gedrückt wurde.
Sobald Mateus an seiner Seite war, klammerte sich Francisco an ihn.
»Halt, Francisco! Nicht!«, schrie er, bevor er selbst nach unten gezogen wurde. Mateus befreite sich aus Franciscos Zangengriff und stieß sich mit kräftigen Zügen zurück an die Oberfläche.
Doch Francisco hielt ihn erneut fest, jetzt an der Taille und an den Beinen, um nach oben zu kommen und zu atmen und nicht noch mehr Wasser zu schlucken. Mateus wehrte sich mit aller Kraft dagegen und sah aus den Augenwinkeln, dass sich in der Ferne die Diana näherte. Mit zwei kraftvollen Ruckbewegungen gelang es ihm, sich von Francisco zu lösen. Er atmete hastig ein und tauchte wieder ab. Dieses Mal tauchte er tiefer, bekam Francisco, der wild mit den Armen ruderte, zu fassen und schob ihn hoch. Er packte ihn von hinten an seinen Schultern, legte einen Arm unter seine linke Achselhöhle, hob sein Kinn über das Wasser und begann mit der verbleibenden Kraft, die er in seinem rechten Arm hatte, zu schwimmen, wobei er mit seinen Beinen kräftige Scherenschläge machte, um sich über Wasser zu halten.
»Mateus, pass auf! Francisco kann nicht schwimmen! Lass ihn nicht an dich heran!«, rief einer der Ruderer der Diana.
