Der getauschte Mann - Christina Maria Schweiger - E-Book

Der getauschte Mann E-Book

Christina Maria Schweiger

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Beschreibung

1.Weltkrieg Irland 1916 Der junge Aiden Mc Gilles gerät in die Fänge von britischen Soldaten, die durch Irland streiften, um junge Männer für die Kämpfe an der Westfront in Flandern, Belgien, Frankreich anzuwerben. Erst als er an der Front dem unglaublichen Grauen des Krieges ausgesetzt ist, begreift er, dass er nie mehr zu seiner Familie nach Irland zurückkehren wird. Als er unter der großen Schlacht an der Sommé, verletzt in einen Bombenkrater stürzt, begegnet er dem deutschen Soldaten Franz v. Letten, der schwerverletzt in dem Bombenkrater liegt und mit dem Tode ringt. Schnell wird Aiden bewusst, dass Franz kein Feind ist, sondern ein Freund, der ihm in den letzten Stunden seines Lebens einen unglaublichen Vorschlag macht, um ihm, Aiden, eine Chance zu geben, der Grausamkeit des Krieges zu entkommen. Aiden sieht keinen anderen Ausweg und lässt sich darauf ein. Damit beginnt für ihn eine abenteuerliche und gefährliche Reise, auf der er auch seiner großen Liebe begegnet.

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Das Buch

1.Weltkrieg Irland 1917

Der junge Aiden McGilles gerät in die Fänge von britischen Soldaten, die durch Irland streiften, um junge Männer für die Kämpfe an der Westfront in Flandern, Frankreich anzuwerben.

Erst als er an der Front dem unglaublichen Grauen des Krieges ausgesetzt ist, begreift er, dass er nie mehr zu seiner Familie nach Irland zurückkehren wird.

Als er unter der großen Schlacht an der Sommé, verletzt in einen Bombenkrater stürzt, begegnet er dem deutschen Soldaten Franz v. Letten, der schwerverletzt in dem Bombenkrater liegt und mit dem Tode ringt.

Schnell wird Aiden bewusst, dass Franz kein Feind ist, sondern ein Freund, der ihm in den letzten Stunden seines Lebens einen unglaublichen Vorschlag macht, um ihm, Aiden, eine Chance zu geben, der Grausamkeit des Krieges zu entkommen.

Aiden sieht keinen anderen Ausweg und lässt sich darauf ein. Damit beginnt für ihn eine abenteuerliche und gefährliche Reise, auf der er auch seiner großen Liebe begegnet.

Autorin

Christina Maria Schweiger wurde 1965 geboren und arbeitet als Sekretärin und an der Rezeption eines familiengeführten Hotels. Ihre Leidenschaft sind soziale Projekte wie Hospiz und Trauerarbeit und seit 2007 arbeitet sie als Autorin. Sie veröffentlichte bereits eine Roman-Trilogie sowie eine Dorfchronik ihres Heimatortes.

ON HURTING GROUND

Poetic Silhouettes

On soldiers, history, love and tragedy

By

Michael J. Whelan

On Hurting Ground

That membrane

The dusty soil

Keeps departed souls

Loved ones

Disconnected

An echoing earth

Repository of broken bones

Separated

We long for them

Those gone before

To reconnect

Like those who live

Once more to walk

On hurting ground

In Erinnerung an alle gefallenen Soldaten und an

diejenigen, die die Grausamkeit eines Krieges überlebt

haben.

Die Mohnblume (englisch poppy) soll – in Anlehnung an das

Gedicht „In Flanders Fields“ des Kanadiers John McCrae – an

die vom Blut der Soldaten des Ersten Weltkrieges geröteten

Felder Flanderns erinnern. Zudem begann damals auf den frisch

aufgeschütteten Hügeln der Soldatengräber als erstes der

Klatschmohn zu blühen.

(Quelle: wikipedia: rembremce poppy)

The Leprechaun

In a shady nook one moonlit night,

A leprechaun I spied

In scarlet coat and cap of green,

A cruiskeen by his side.

Twas tick, tack, tick, his hammer went,

Upon a weeny shoe,

And I laughed to think of a purse of gold,

But the fairy was laughing too.

With tiptoe step and beating heart,

Quite softly I drew nigh.

There was mischief in his merry face,

A twinkle in his eye;

He hammered and sang with tiny voice,

And sipped the mountian dew;

Oh! I laughed to think he was caught at last,

But the fairy was laughing too.

As quick as thought I grasped the elf,

"You're fairy purse," I cried,

"My purse?" he said, "tis in her hand,

That lady by your side."

I turned to look, the elf was off,

And what was I to do?

Oh! I laughed to think what a fool I'd been,

And, the fairy was laughing too.

Robert Dwyer Joyce 1830-1883

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Irland 1905 Calbhach und die goldene Münze

Irland, Hills of Tara März 1916: Aiden Mc Gilles

Westfront/ Frankreich 1916

Westfront/Frankreich September 1916: Feldlazarett

Westfront/Frankreich 1916 Saint Quentin – Etappenlazarett 10. September

Heidelberg, Deutschland Kriegslazarett 30.September 1916

Der Traum

Ankunft Heidelberg, Deutschland 02. Oktober 1916

Ankunft München 28.Oktober 1916

München Dezember 1916

München September 1917

Anna München, November 1917

Prolog

Irland 1905

Calbhach und die goldene Münze

Es geschah vor vielen, vielen Jahren.

Das Jahr schrieb 1905 und neigte sich langsam dem Ende zu. Düster und grau begann der Tag. Kaum Licht drang durch die dicken Nebelschwaden, die seit dem frühen Morgen über das grüne, hügelige Gebiet der Hills of Tara zogen.

Inmitten dieser saftig, grünen Hügellandschaft der heutigen Provinz Leinster, County Meath in Irland, oben auf den Hills of Tara, stand auf der Anhöhe, einem sogenannten Feenhügel, eine alte, vom vielen Regen verwitterte Holzbank, gut versteckt unter einem tief herabwachsenden Baum.

Auf dieser Bank saß ein kleines Männchen. Ihm schien der Regen und das nasskalte Wetter nichts anzuhaben. Nein, im Gegenteil. Mit zufriedenem Gesichtsausdruck räkelte er sich auf der Bank. Er war gerade aus einem kurzen Mittagsschläfchen erwacht.

Das Männchen war sehr elegant gekleidet mit einem grünen Wams, über dem er eine braune Weste trug. Auf dem Kopf thronte ein riesiger grüner Hut, den er tief in seine faltige Stirn gezogen hatte. Hervorstach eine knubbelige Nase, sowie der rotbraune Bart, der die untere Partie seines Gesichtes einrahmte. Aus seinem dicklippigen Mund ragte eine lange graue Pfeife, aus der dichter Rauch quoll, sobald er daran zog.

Gerade streckte er seine stämmigen kurzen Beine von sich und begutachtete seine eleganten Schuhe, die aus feinem, braunem Leder gefertigt waren und auf deren Oberseite eine blankpolierte goldene Spange prangte.

Stolz betrachtete er seine neuen Schuhe. Hatte er sie doch erst gestern fertiggestellt. Denn wie viele anderen Lepreschauns auch, war Calbhach ein Schuhmacher.

Mit einem zufriedenen Seufzer nahm er die Flasche Whiskey, die neben ihm auf der Bank stand in die Hand, trank einen kräftigen Schluck, und rülpste zufrieden, nachdem der Whiskey warm und brennend durch seine Kehle gen Magen geronnen war.

‘Ja so lässt es sich leben.’, dachte Calbhach und ließ träge und zufrieden die Arme neben sich auf die Bank sinken. Doch hatte er nicht mehr daran gedacht, dass er kurz bevor er eingeschlafen war, seine beiden wertvollen Münzen neben sich auf die Bank gelegt hatte. Zuvor hatte er sie, wie so oft, poliert und stolz angesehen, was er mit Vorliebe tat.

Nun hatte er die Münzen in seiner Unachtsamkeit mit der Hand von der Bank gestupst und bevor er reagieren und nach ihnen greifen konnte, rollten Sie auch schon den Hügel hinab. Die große Silbermünze voran und die Goldene folgte in kurzem Abstand.

Calbhach sprang von der Bank hoch und stürzte aufgeregt hinter seinen Münzen her den Hügel hinab. Doch da das Leder seiner neuen Schuhe noch sehr steif war und die Sohle sehr glatt, war es gar nicht einfach für Calbhach einen sicheren Halt mit den Schuhen im feuchten Gras zu finden. Immer wieder rutschte er aus, warf dabei seine kurzen stämmigen Arme in die Höhe um das Gleichgewicht zu halten und nicht hinzufallen.

Fluchend und schimpfend rannte er stolpernd und rutschend den Hügel hinab und ließ dabei, trotz der Anstrengung, seine beiden Münzen nicht aus den Augen. Sie ließen sich nicht bremsen und auch nicht von dem langen Gras aufhalten, sondern sie rollten in aufrechter Haltung immer schneller den Hügel hinab. Auch als es bereits flacher wurde und der Hügel in eine grüne, flache Wiese überlief, rollten sie unaufhörlich weiter.

Calbhach erreichte gerade das Ende des Hügels und stolperte so unglücklich über einen Stein, dass er mit dem Kopf voraus zwei Purzelbäume schlug, bevor er sich auf die Seite legen und damit seinen rasanten Fall stoppen konnte.

Für einen kurzen Moment blieb er völlig benommen liegen. Doch schon nach wenigen Sekunden dachte er an seine Münzen und er sprang schnell auf und rannte weiter.

‘Damn é arís!.’, rief er immer wieder wütend auf Gälisch, was so viel hieß wie ‘Verdammt nochmal’, und fuchtelte dabei mit seinen kurzen Armen wild in der Luft, als ob er damit die Münzen zum Anhalten bringen könnte.

Immer wieder stolperte er mit seinen neuen, noch nicht eingelaufenen Schuhen. So schön er sie auch fand, gerade bereute er es, dass er nicht seine alten, eingetretenen Schuhe trug, mit denen er sicherlich viel schneller gewesen wäre.

Doch er hatte keine Wahl und es war ihm einerlei, wie oft er hinfiel. Immer wieder sprang er auf seine kurzen, stämmigen Beine und rannte weiter seinen Münzen hinterher. Sie waren sehr wertvoll für ihn, wie für jeden anderen Leprechaun auch. Jede der Münzen hatte eine spezielle, besondere Gabe. Die Silberne zum Beispiel, konnte sein Besitzer ausgeben so oft er wollte, sie wanderte immer wieder in seine Hände zurück und gewährte ihm dadurch ewigen Reichtum.

Die goldene Münze hatte die besondere Gabe, seinen Besitzer aus schwierigen Situationen zu befreien.

Mit dieser Münze findet man immer einen Weg, der richtigen Intuition zu folgen sodass wahre Wunder geschehen konnten.

Calbhach spürte regelrecht Panik in sich aufsteigen, bei dem Gedanken, dass er seine Münzen nicht mehr finden würde, oder sie gar ein Anderer findet und an sich nahm. Damit wäre er, Calbhach, verloren. Wie sollte er in dieser rauen, harten Welt hier überleben, ohne seinen Schatz, ohne den Schutz der Münzen.

All dies schoss ihm durch den Kopf, während er immer noch lief. Längst hatte er seine Münzen aus den Augen verloren, da er zu oft gefallen war. Er folgte der leichten Einkerbung im feuchten Gras, die die Münzen hinterließen, während sie unermüdlich weiter rollten.

Ein Stück den Hang hinunter, sah Calbhach plötzlich ein kleines, altes, sehr baufälliges Cottage, das direkt in der Flucht des Weges der Münzen stand. Calbhach hoffte so sehr, dass die Münzen dort endlich aufgehalten wurden.

Als er schweratmend am Cottage ankam, sah er, dass ein kleiner, blonder Junge vor der Tür auf dem Boden saß und mit einem kleinen Holzstück im feuchten, braunen Matsch spielte. Dieses Holzstück hatte für ihn die Funktion als eine Art Hammer, denn damit schlug er immer wieder auf etwas ein, dass glänzender Natur war und aus dem braunen Match hervorblitzte.

Calbhach blieb abrupt stehen und wollte schon laut aufschreien, als er sich eines Besseren besann. Er wollte den Jungen nicht erschrecken.

Wenn der Junge seine Eltern durch sein Geschrei aus dem Haus lockte und sie die beiden Münzen, bei dem Jungen entdeckten, wären seine Chancen noch geringer, sie jemals wieder zurückzubekommen.

Die Familien hier waren sehr arm, sie schreckten vor nichts zurück, um an etwas Geld oder Gold zu kommen. Und jeder in Irland wusste, falls er einem Leprechaun begegnet, dann ist auch Gold und Silber nicht weit, genauso wie Whiskey und Tabak.

Es kam nicht oft vor, dass man einen Leprechaun zu Gesicht bekam und falls man doch jemals einem begegnet, dann lässt man ihn auch nicht mehr aus den Augen und schon gar nicht entkommen. Denn nur dann, nur dann wird man es schaffen, dem Kobold das Geheimnis des Ortes zu entlocken, wo der verborgene Goldschatz versteckt lag. Wie es in der Legende heißt, befand sich dieser geheimnisvolle Ort am Ende eines Regenbogens.

Deshalb halten sich die Kobolde auch nur ungern in der Nähe von bewohnten Häusern oder Orten auf.

Aber Calbhach hatte nun keine andere Chance. Er musste sich ganz diplomatisch und ruhig an den Jungen heranmachen und ihm die beiden Münzen entlocken.

Sein Vorhaben stellte sich als sehr schwierig heraus. Der Junge bemerkte Calbhach erst, als er schon direkt vor ihm stand. Neugierig, aber nicht ängstlich, sah er das kleine Männchen an.

»Wer bist du denn?«, fragte der Junge neugierig und hämmerte weiterhin im Match auf die beiden Münzen ein, die dadurch immer weiter in der weichen Erde versanken.

»Ich heiße Calbhach.«, antwortete das Männchen nach außen hin freundlich, aber innerlich bebend vor Aufregung.

»Und wer bist du? Und wie alt bist du denn?«, fragte das Männchen scheinheilig.

»Ich heiße Aiden und bin sechs Jahre alt. Morgen habe ich aber Geburtstag und werde sieben Jahre alt.«, erzählt er aufgeregt.

»Aha.. aha.. aha.. aha! Schönes Kerlchen bist du.«

Galbhach überlegte fieberhaft wie er am besten auf die beiden Münzen zu sprechen kam.

Es war eine Eigenart von Calbhach, alles mit seinem ‘Aha..aha..aha..aha’ zu kommentieren.

»Aiden, aha.. aha.. aha.. also, ist dir nicht kalt hier draußen?«, begann er vorsichtig sein Gespräch.

Der Junge hatte nur eine halbzerfetzte, graue Jacke an, die mehr Löcher hatte, als Stoff zu sehen war.

Aiden sah kurz zu ihm hoch und schüttelte den Kopf.

»Sind deine Eltern nicht zuhause?«, fuhr Calbhach fort ihn auszufragen.

»Nein, sie sind in die Stadt gefahren, müssten aber bald wieder zuhause sein.«, berichtete ihm der kleine Aiden offenherzig.

»Und du bist ganz alleine zuhause?«

»Nein, meine Schwester ist noch hier, sie macht gerade das Abendessen.«

»Aha aha aha aha…Shit…So, so!« ärgerte er sich und überlegte immer noch krampfhaft wie er dem Jungen die Münzen abknöpfen konnte, ohne dass er einen Aufstand machen würde.

»Bist du ein Kobold?«, fragte der Junge und sah Calbhach neugierig an, grub dann die beiden Münzen aus dem Schlamm, nahm jede in eine Hand und stand auf.

Als Calbhach sah wie der Junge die beiden Münzen in den Händen hielt erschrak er und wollte schnell zugreifen, doch der Junge war flinker und steckte die beiden Münzen, ohne sie zu säubern, in seine Hosentasche.

»Was hast du denn da?«, fragte Calbhach heuchlerisch, als ob er nicht wüsste, dass dies seine Münzen waren.

Aiden sah ihn misstrauisch an. Er wollte auf keinen Fall seinen Schatz, der so einfach in sein Leben gerollt war, wieder hergeben. Und wie er von den Erzählungen seiner Eltern ahnte, stand da ein Kobold, ein Leprechaun, vor ihm. Aiden hatte keine Angst vor dem kleinen Männchen. Er sah eigentlich ganz freundlich aus, dachte er sich.

Calbhach beschloss, ganz ehrlich mit dem Jungen zu reden und ihm zu sagen, dass das, was er da gefunden hatte, ihm gehörte. Und würde dann darauf bestehen, dass er ihm die beiden Münzen wieder zurückgeben musste.

»Kleiner Junge. Das, was du da gefunden hast, das sind meine Münzen. Sie sind mir von dem Hügel dort oben heruntergerollt und ich konnte sie nicht mehr einfangen, bis sie schließlich bei dir gelandet sind. Aber jetzt habe ich sie ja gefunden und du gibst sie mir doch zurück, oder?« und zog dazu ein drolliges Gesicht.

Aiden sah Calbhach unentschlossen an. Er versenkte seine schmutzige Hand in seine Hosentasche und holte die beiden Münzen langsam heraus. Immer wieder sah er von den Münzen zu Calbhach und wieder zurück. Er wusste nicht was er machen sollte und Tränen traten in seine Augen.

Calbhach sah seinen traurigen und enttäuschten Blick und Mitleid machte sich in seinem sonst sehr eigennützig fühlenden Herz breit.

Er würde sich aus seiner Schatzkiste einfach eine neue goldene Münze holen.

»Weißt du was mein Junge. Du gibst mir die silberne Münze zurück und die goldene Münze darfst du behalten.

Was meinst du, ist das ein Handel?«, schlug er dem kleinen Aiden sichtlich berührt vor.

Dieser überlegte mit kindlicher Ernsthaftigkeit und sah immer wieder wehmütig auf die beiden Münzen. Schließlich hob er seinen Blick zu Calbhach.

»Na gut, dann gebe ich dir die silberne Münze zurück.«, antwortete Aiden zögerlich und er reichte Calbhach die silberne Münze, doch die Goldene steckte er sofort wieder in seine Hosentasche.

»Danke kleiner Junge. Bewahre diese Münze immer gut auf und trage sie immer bei dir. Und wenn du eines Tages einmal in Not sein solltest oder dich in einer schwierigen Situation befindest, dann nimm diese Münze in die Hand und sie wird dir helfen, was immer auch geschehen mag.«

»Danke lieber Leprechaun.«, rief er Calbhach daraufhin freudig zu.

In diesem Augenblick öffnete sich die rote gestrichene Eingangstür des kleines Cottage und seine Schwester rief laut nach Aiden.

Er drehte sich zu ihr um.

»Sieh mal, Eimear!«, Aufgeregt deutete er mit seiner Hand in Richtung Calbhach. Doch der war verschwunden. Aiden sah sich irritiert um.

»Was soll ich sehen?«, fragte seine Schwester ungeduldig. »Komm endlich herein und wasche dir deine Hände. Mummy und Daddy kommen gleich zurück.«

Aiden suchte mit seinem Blick immer noch vergeblich nach Calbhach unterdessen er in der linken Hand, die er in der Hosentasche vergraben hatte, seine Goldmünze festhielt, seinen Schatz.

»Ach nichts. Ich komme«, rief er seiner Schwester zu, mit einem geheimnisvollen Lächeln im Gesicht und dem Wissen,

dass er gerade einem Kobold begegnet war, der ihm eine Goldmünze geschenkt hatte. Und er würde sich immer an die Worte von Calbhach erinnern und die Münze in Ehren halten und immer bei sich tragen.

Irland, Hills of Tara März 1916

Aiden Mc Gilles

Aiden streifte sich schnell seine braune Wollweste über. Er wollte seinen Eltern auf dem Feld helfen, die Schafe zusammenzutreiben. Es waren ungewöhnlich milde Märztage und die Tiere verbrachten bereits viel Zeit auf den Weiden, rund um das Cottage.

Schnell trank er noch seinen Becher leer, obwohl der Tee schon kalt geworden war, da klopfte es wild an der Tür des Cottage.

Aiden lief erstaunt zur Tür ob des energischen und ungeduldigen Klopfens. Wer könnte das sein? Sie bekamen nur sehr selten Besuch hier draußen.

Eimear befand sich gerade in Dublin für einige Tage, um dort Schaffelle zu verkaufen. Sie konnte dort bei einer Tante übernachten und genoss diese Tage sehr und die Freiheit alleine Zeit in der Stadt zu verbringen und hoffte darauf, dort bald einen Mann kennenzulernen.

Als Aiden die Tür öffnete, standen dort einige Soldaten der britischen Armee, wie er an den Uniformen erkannte.

Darunter auch ein Nachbarsjunge Namens John.

Stolz und aufgeregt erklärte dieser, dass er sich entschlossen hatte, den britischen Soldaten und der britische Armee in den Krieg zu folgen. Und falls er mitkäme, könnte er auch in der irischen 16. Division unter Generalmajor W.B. Hickie gegründet, kämpfen.

Die 16. Division an freiwilligen irischen Rekruten ist im Dezember 1915 nach Frankreich einmarschiert, um die Britten dort zu unterstützen.

Sie benötigten jedoch laufend Nachschub an ‘menschlichen Waffen’, wie sie es nannten. Und so waren Sie wieder unterwegs übers Land um neue Soldaten zu mobilisieren und mitzunehmen nach Frankreich, um sich in Kürze der am 1.

Juli 1916 geplanten britisch-französischen Großoffensive gegen die deutschen Stellungen anzuschließen, die schließlich auch die geplante, großen Schlacht an der Sommé bestreiten würde, erklärte ihm einer der Soldaten.

Aiden hatte schon davon gehört, dass britische Soldaten unterwegs waren in irischen Gefilden. Möglichst viele Iren sollten sich den Briten anschließen, um gemeinsam in den Kampf zu ziehen.

Die 1913 gegründete Unabhängigkeitsbewegung ‘Irish Volunteers’ war nun in zwei Lager gespalten. Während die Gründer der Bewegung grundsätzlich eine Rekrutierung auf Irland abgelehnt hatte, um die britische Armee aufzufüllen, unterstützte die Mehrheit, fast 70% der Irish Volunteers nun den Krieg gegen Deutschland und ließen sich von den Briten befehligen.

So feilschten die Briten um jeden irischen Freiwilligen, den sie anwerben konnten.

Es spielte dabei keine Rolle, ob diese jungen Männer kampfunerfahren waren. Ab 17 Jahren galten sie als militärtauglich und wurden völlig ahnungslos und nicht ausreichend ausgebildet an der Waffe, an die Front geschickt.

Aiden hörte aufmerksam und interessiert zu, als ihm die britischen Soldaten in schönsten Tönen ausmalten, welchen Dienst und welche Ehre er für sein Land und auch für Großbritannien beisteuert, wenn er mit in den Krieg zieht.

Die Soldaten erklärten ihm, dass er zuerst an der Waffe ausgebildet und dann erst an der Front kämpfen wird.

Aiden ließ sich mehr und mehr hineinziehen in diesen Bann der blendenden Worte der Soldaten.

Seine Eltern befanden sich gerade auf dem Feld und er sagte den Soldaten, er wollte dies gerne erst mit seinen Eltern besprechen.

Einer der Soldaten packte ihn daraufhin grob am Arm.

»Wenn du dabei sein willst, dann musst du sofort mitkommen. Wir haben keine Zeit, um bis morgen auf dich zu warten.«, rief er Aiden eindringlich zu und setzte ihn damit unter Druck.

»Pack ein paar Sachen zusammen. Viel wirst du nicht brauchen. Die Uniform und Ausrüstung bekommst du von der britischen Armee. Wir werden deinen Eltern auf dem Feld Bescheid geben und du kannst dich dort verabschieden.«

Aiden wurde es nun doch etwas mulmig im Bauch. Was sollte er tun? Einerseits wäre er sehr gerne dabei und er würde sich beweisen können im Kampf des Krieges für sein Land. In seiner jugendlichen Unerfahrenheit alles was Gewalt und Krieg anbelangte, erfasste er das Ausmaß dieser Entscheidung in keinem Augenblick. Er sah nur den Ruhm und die Ehre, die er sich erkämpfen könnte, um dann stolz als Held zurückzukehren in seine Heimat, nach Irland.

Aber andererseits dachte er daran, dass er seine Eltern nicht alleine lassen konnte mit der ganzen Arbeit auf den Feldern.

Sein Vater war schon lange sehr kränklich und konnte oft den ganzen Tag nicht vom Bett aufstehen.

Dann musste Aiden hier sein und die Arbeit seines Vaters übernehmen.

Und außerdem, was würde seine Mutter dazu sagen?

Während er noch mit sich um eine Entscheidung rang, drängten die Soldaten ihn immer mehr, bis er schließlich einlenkte und sich so hatte blenden lassen, dass er in seine Kammer ging und in seinen alten Leinenbeutel eilig einige Kleidungsstücke stopfte.

Er sah an sich herunter. Er trug eine alte, geflickte Hose und ein graugestreiftes Hemd, das auch an den Ärmeln schon eingerissen war.

Doch außer seinem Sonntagsanzug hatte er nichts anzuziehen, was vorzeigbar wäre.

Er griff nach seinen festen Schuhen und seiner Wolljacke.

Als er schon an der Tür stand, blieb er plötzlich stehen, drehte sich nochmal um und sah auf sein Bett.

Er ging darauf zu, kniete sich nieder und zog unter dem Bett eine alte Dose hervor. Aiden öffnete die Dose und nahm die goldene Münze heraus, die sich darin befand. Er sah sie einen Moment lang an und erinnerte sich wieder, als sie vor vielen Jahren, beim Spielen vor dem Cottage, vor seine Füße gerollt war.

Immer noch erinnerte er sich an das Männchen mit dem grünen Wamst, das vor ihm stand und die Münzen zurückhaben wollte.

Aiden wusste, er hatte nicht geträumt, obwohl der Kobold nicht mehr zu sehen war, als er ihn seiner Schwester Eimear vorstellen wollte.

Aber der Kobold sagte ihm sogar seinen Namen und hatte ihm diese goldene Münze geschenkt und ihm gesagt, dass er diese Münze immer bei sich tragen sollte, da sie ihm Glück bringen wird und ihn immer aus jeder noch so ausweglosen Situation befreien würde.

Daran dachte Aiden jetzt in diesem Augenblick und lächelnd steckte er sie in seine Hosentasche. Er würde die Münze immer bei sich tragen und er vertraute darauf, dass sie ihm Glück bringt und ihn beschützen würde.

Dann ging er zurück zu den Soldaten, die schon vor der Türe auf ihn warteten und sie machten sich auf den Weg zu den Feldern.

*

Seine Mutter schrie verzweifelt auf, als Aiden auf dem Feld mit den Soldaten auf sie zukam. Er musste nichts sagen, sie wusste auch so, was geschehen war. Tränenüberströmt fiel sie ihm um den Hals und flehte ihn an, nicht freiwillig den Soldaten zu folgen.

Sein Vater stand nur stumm daneben und blickte seinem Sohn in die Augen.

»Du musst tun, was du tun musst, Sohn. Mach deinem Land keine Schande.«, sagte er nur. Er wusste, dass er ihn nicht aufhalten durfte, so schwer es ihm auch fiel.

Aiden blickte über die Schulter seiner Mutter, die immer noch an seinem Hals hing, zu seinem Vater. Er konnte nicht einschätzen was er wirklich dachte. Sein Gesicht wirkte ausdruckslos.

Aiden hätte sich in diesem kurzen Moment, der getränkt war von Emotionen, gewünscht, dass ihn sein Vater aufgehalten hätte. Doch der Moment verging und es fiel kein weiteres Wort mehr. Außer dem verzweifelten Weinen seiner Mutter war es totenstill auf dem Feld.

Die Soldaten riefen nun ungeduldig zur Eile und zogen die Mutter grob von ihrem Sohn weg.

Aiden traten Tränen in die Augen, doch er wollte sich vor den Soldaten keine Blöße geben und schluckte tapfer die plötzlich aufkommende Panik hinunter, richtete sich auf und lief hinter den schon davoneilenden Soldaten her. Er drehte sich nicht mehr um. Er hörte seine Mutter laut weinen und klagen und sein Herz drohte zu zerspringen.

*

Westfront/ Frankreich 1916

Mit einem großen Frachtschiff wurden die irischen Rekruten zuerst von Irland nach England gebracht, wo sie zwei Wochen in einem Lager verharrten und ihnen das Schießen und die Handhabung der verschiedenen Waffen notdürftig beigebracht wurde.

Ende April wurde Aiden mit vielen tausenden Soldaten an die Westfront nach Frankreich abgesandt, um die Franzosen gegen das Deutsche Heer zu unterstützen, indem sie beim Bau von Frontgräben und Munitionslagern eingesetzt wurden.

Vor der Reise nach Frankreich wurden sie alle kahlrasiert und Aidens rotblonder Schopf fiel auf den schlammigen Boden unter ihm. Als er in den Spiegel blickte, erkannte er sich kaum wieder.

Seine großen, blauen Augen wirkten viel größer als sonst und seine helle Haut, mit den blassrosa Sommersprossen, die sich auf seiner Nase bis zu seinen Wangen hin ausbreiteten, kam ohne Haare noch viel stärker zur Geltung. Sein ganzes Gesicht schien eingefallen zu sein, da er schon einiges an Gewicht verloren hatte.

Die schwere Arbeit und die mageren Essensrationen trugen ihren Teil dazu bei.

Mehr und mehr ist ihm in diesen Wochen, in denen er nahe der Frontlinie in den neu ausgehobenen Gräben arbeitete und viele Verletzte und grausam verstümmelte Soldaten sah, bewusst geworden, auf was er sich eingelassen hatte.

Die meisten Soldaten um ihn herum waren auch Neulinge und nicht viel älter als er.

Doch diese Kampflust, die viele kampfbereit und mit motivierten Kampfschreien unterstrichen, konnte er nicht teilen. An manchen Tagen wusste er überhaupt nicht mehr, was er hier eigentlich tat. Von Heldentum und Ruhm spürte er nichts in sich.

Allein harte Arbeit, Grauen und Entsetzen prägte seinen Tag und immer mehr verschloss er sich vor Gefühlen und Emotionen, um es aushalten und durchhalten zu können.

Die Wochen vergingen nur langsam und der Monat Juni begann mit sehr warmen Temperaturen.

*

Aiden sollte nun, Mitte Juni, mit einem Trupp zum Fort Vaux im französischen Verdun, nahe dem Dorf Vaux-Devant-Damloup, geschickt werden, um dort mit den Franzosen, die massiven Angriffe der Deutschen auf das Fort abzuwehren.

Doch es kam anders, denn am 7. Juni 1916 kapitulierten die Truppen unter Kommandant Sylvain Eugéne Raynal vor den Deutschen und die Gegenangriffe zur Verteidigung des Forts an den darauffolgenden Tagen blieben erfolglos.

Und so geschah es, dass die Deutschen das Fort Vaux bis Ende Oktober besetzen sollten.

Deshalb gaben die Franzosen Mitte Juni die Order, den Trupp mit den noch sehr jungen, kräftigen und frischen Soldaten, der für Fort Vaux bestimmt war, nun direkt an die Front an die Sommé zu schicken.

Ihre Aufgabe war die 7tägige Artillerievorbereitungen ab 24.

Juni 1916 zum Beginn der Somméschlacht zwischen Gommécourt nordwestlich von Bapaume und Vermandovillers südwestlich von Péronne zu unterstützen.

Der Beginn des Infanterieangriffs war am 1. Juli 1916 geplant.

Sie wurden also aufgeteilt und teils mit Zügen, teils in langen Fußmärschen, gelangte Aiden mit dem Trupp in die französische Region Hauts-de-France an den Fluss Sommé in Flandern, im Westen Frankreichs.

*

Bei der Ankunft am 23. Juni 1916 wurde Aiden in der irischen 36th Division eingesetzt. Was er noch nicht wissen konnte, war, dass diese Ulster Division, mit der er am 1. Juli 1916 kämpfen sollte, allein in dieser einen Schlacht über die Hälfte ihrer Soldaten verlieren wird. Dies wurde der verlustreichste Tag in der britischen Militärgeschichte.

Alleine an diesem Tag verlieren die englischen Truppen ca.

60.000 Mann, darunter rund 20.000 Gefallene.

Insgesamt gab es 104 Divisionen mit 2,5 Millionen Soldaten in der Schlacht an der Sommé von Juli 1916 bis November 1916.

Dieser erste große Kampfeinsatz wurde für Aiden zu einem traumatischen Geschehnis. Später wurde ihm bewusst, dass er diesen Tag wohl nur deshalb überlebt hatte, weil er durch seine Unerfahrenheit dazu beordert wurde, mit vielen anderen Neuankömmlingen den Frontgraben nicht zu verlassen, sondern dort Stellung zu halten, um etwaige einfallende Gegner zu eliminieren.

Aiden wusste nach Stunden nicht mehr, wie viele Schüsse er abgefeuert und wie viele Soldaten er erschossen hatte. Der Schützengraben war voll von Leichen und Verletzten.

Deutsche, Franzosen und Briten vereint im Tod. Denn obwohl die Schlachtfelder sehr weitläufig waren, stießen doch immer wieder Soldaten aus dem feindlichen deutschen Lager weit vor.

In den Kampfpausen wurden weitere Gräben ausgehoben und befestigt, bis in die Nacht hinein. Täglich stieg die Verwahrlosung und die Kräfte der Soldaten wurden weniger.

Alle zwei Wochen wurden sie für einige Tage, durch andere Soldaten ausgetauscht und in das Frontlager gebracht, das sich ein Stück hinter der Frontlinie befand, damit sie Kräfte sammeln konnten.

Die Wochen im Juli und August waren geprägt von Grausamkeit und Leid. Aiden spürte sich selber kaum noch und funktionierte, wie die meisten anderen Soldaten nur noch auf Befehl.

*

Der September hatte nun bereits Einzug gehalten. Seit zwei Tagen, saß Aiden mit den anderen Soldaten im Schützengraben oder sie lagen in ihren engen und schmutzigen Unterständen und warteten auf den nächsten großen Angriff.

Die Frontlinien lagen weit voneinander entfernt. Die Männer hielten sich in den Schützengräben zurück. Ein Erreichen der deutschen Gräben wäre gefährlich geworden, da diese mit Maschinengewehren unterwegs waren und aus festen Positionen feuerten und alle vorrückenden Truppen nieder mähten.

Die Soldaten warteten auf einen Befehl und dachten, dass es wohlmöglich einen Gegenangriff der Deutschen geben könnte, was jedoch nicht geschah. So hatten sie auch nicht das Verlangen sich weiter als nötig aus ihrem Frontgraben wegzubewegen. Sie lagen müde in ihren Schlafbuchten oder saßen in den breiteren Gängen der Schützengräben im Schlamm, da es die Tage vorher geregnet hatte, wartend auf die nächste Mahlzeit und den erlösenden Schlaf.

Doch am kommenden Morgen sollte die geplante große Schlacht beginnen. Auf Befehl des Generals werde das Feuer eröffnet.

Am Morgen des 6. Septembers um 6 Uhr gab der französische General Joseph Joffre den Tagesbefehl aus:

“an die Armen…. In einem Moment, in dem sich eine Schlacht abspielt, von der das Schicksal des Landes abhängt, ist es wichtig, alle daran zu erinnern, dass dies nicht der Moment ist, nach hinten zu schauen; alle Anstrengungen müssen unternommen werden, um den Feind zu attackieren und zurückzuschlagen. Eine Truppe, die nicht weiter vorankommt, muss – koste es, was es wolle – das eroberte Gelände halten und sich an ihrem Platz töten lassen, anstatt zurückzuweichen.

Unter den aktuellen Umständen kann ein weiteres Zögern nicht geduldet werden.” (Quelle Wikipedia "Schlacht an der Sommé)

*

Aiden schlief kaum in dieser letzten Nacht der bevorstehenden Schlacht. Er lag mit den Kameraden im Unterstand des Schützengrabens und starrte in den schwarzen Himmel.

Immer wieder huschte eine Maus oder eine Ratte, die so groß waren wie Kaninchen, zwischen ihren Füßen umher und er hatte Angst davor, von einer dieser riesen Ratten angefallen zu werden.

Er schloss seine Augen, um diese huschenden Schatten nicht mehr zu sehen. Doch manchmal blinzelte er, die Augen einen spaltbreit geöffnet, zum Himmel. Dort konnte er einzelne Sterne erkennen am schwarzen Nachthimmel, die jedoch immer wieder von grauen Wolken verdeckt wurden.

Seinen Freund John, mit dem er Irland verlassen hatte, hatte er seit Wochen nicht mehr gesehen. Er war in eine andere Einheit eingeteilt worden.

Um Aiden herum viele Engländer unter seinen irischen Landsleuten. Viele Soldaten in seiner Einheiten kämpften schon seit längerem und waren abgestumpft und teilnahmslos. Die meisten wirkten kalt und abgebrüht. Aber vielen, wie Aiden auch, stand die blanke Angst vor dem bevorstehenden Kampf ins Gesicht geschrieben.

Es war ungewöhnlich still in dieser Nacht. Jedem der Soldaten war bewusst, in ein paar Stunden mussten sie bereit sein und das Feuer eröffnen.

Einige holten ihre Briefe, die sie von ihren Frauen oder Familien bekommen hatten, hervor und lasen sie noch einmal. Sahen lange Zeit die Bilder ihrer Frauen und Kinder an oder zeigten sie ihren Kameraden. Niemand wurde laut, einige schliefen sogar. Die Nerven lagen in solchen Maße blank, dass dies schon bei vielen zur Starrheit oder gar zum Irrsinn geführt hat.

Besonders betroffen waren die Soldaten, die schon seit Anfang des Krieges 1914 im Einsatz waren. Immer wieder abwechselnd zwei Wochen im Graben, dann wurden sie für einige Tage in die Etappe verlegt. Doch diese Tage vergingen zu schnell und sie mussten wieder zurück in den Graben und unter unwürdigem Dasein und mit ständiger Lebensgefahr konfrontiert.

Viele der Soldaten waren nur noch eine funktionierende Hülle ihrer selbst.

Gewöhnlich wurden Soldaten, die direkt an der Front dienten, nach zwei Jahren nach Hause geschickt, da sie so ausgebrannt waren, dass sie keine Kampfleistung mehr bringen konnten. Doch die Truppen konnten nicht mehr mit genug frischen Soldaten aufgestockt werden und deshalb war jeder Mann nötig, auch wenn viele kaum noch wussten, was sie taten.

Aiden zog sich in diesen Stunden vor dem Kampf in seinen Gedanken in seine eigene Welt zurück, nach Irland, in ein Leben, das zwar arm war, aber er in Frieden und in wunderschöner Umgebung nahe den Hills of Tara aufgewachsen war.

Die Nacht verging und er beobachtete und hörte immer mehr die leisen Befehle, die durch den Graben zogen.

Immer wieder wurden neue Beobachter losgeschickt, um den Gegner auszukundschaften.

Dies war eine sehr gefährliche Aufgabe, die nur von erfahrenen Soldaten übernommen wurde, da Scharfschützen und Artilleriebeobachter der Gegner jede Bewegung wahrnahmen und sofort einen Angriff gestartet hätten.

Als der Morgen langsam zu dämmern begann, wurden viele der Soldaten sehr unruhig.

Kaum jemand sprach ein Wort, als sie ihr dürftiges Frühstück, eine Schüssel Haferbrei, mit dem Löffel in den Mund schaufelten und die dünne Brühe tranken, die mit Kaffeeersatzpulver aufgegossen war.

Aiden lehnte bereits an der Grabenwand und lud sein Gewehr, wieder und wieder.

Seine Hände zitterten vor Aufregung und er hatte Angst, dass er es nicht schaffen würde, die Patronen nachzuladen.

Ein schon etwas älterer Soldat, der aus London stammte, sein Name war James, wie er ihm mitteilte, beobachtete Aiden, wie er mit seinem Gewehr hantierte.

James schüttelte seinen Kopf als er das Gewehr begutachtete.

Es gab verschiedene Versionen der Einsatzwaffe. Das Enfieldgewehr, zu dessen Standardausrüstung ein Bajonett gehörte, konnte maximal 20 Schuss in Folge abgeben.

Das Gewehr das Aiden in der Hand hielt war eine Version davon, die eigentlich nur zu Ausbildungszwecken benutzt wurde und jeder einzelne Schuss neu geladen werden musste.

Dieses Gewehr hatte er gestern als Ersatz bekommen, da ein Mangel an Kriegswaffen herrschte.

James nahm Aiden das Gewehr aus der Hand.

»Ich werde dir ein anderes besorgen. Das ist Wahnsinn mit diesem Gewehr, das du nach jedem Schuss nachladen musst.«

James ging davon und kam kurz darauf mit einem neuen Gewehr zurück, das zwanzig Schuss in Folge abfeuern konnte.

Aiden bedankte sich und sah sich die Waffe genauer an.

»Du wirst dieses Mal nicht verschont bleiben und musst auch auf das Feld raus. Der Befehl sagt aus, dass alle Mann über die Schützengräben hinaus auf dem Schlachtfeld kämpfen müssen.«, informierte ihn der Soldat.

Aiden brach der Schweiß aus bei dem Gedanken. Aber er wusste, dass er keine Wahl hatte.

James gab ihm noch ein paar Tipps und riet ihm, so lange wie möglich nur vom Graben aus zu schießen. Er fasste ihm väterlich an die Schulter und wünschte ihm viel Glück.

Der Augenblick war gekommen.

Eilig lief der Befehlshaber durch den Graben und gab das erste Zeichen für den Angriff. An der gegenüberliegenden deutschen Front war noch alles ruhig, wie die Artilleriebeobachter mitgeteilt hatten.

Einige Soldaten krochen vorsichtig über den Grabenrand.

Die Dämmerung hatte schon eingesetzt, doch es war noch nicht hell. Keine Wolke zeigte sich am Himmel, so dass es ein sonniger Tag werden würde.

In der Morgendämmerung ließen sich in der Ferne die Umrisse der Gegenfront erkennen.

Immer noch war alles ruhig. Die üppig grüne Landschaft zwischen den Fronten schien im Moment noch scheinbar märchenhaft und ruhig.

Aiden blieb im Graben stehen und niemand nahm Notiz von ihm. Jeder Einzelne war mit sich selbst beschäftigt und wartete auf den Angriffsbefehl.

Dann war es soweit.

Er zuckte zusammen, als die ersten Schusssalven losbrachen.

Alle fingen an zu laufen und ein Höllenlärm setzte ein.

Aiden wusste in den ersten Minuten gar nicht was mit ihm geschah. Kugelhagel überall.

Einige besonders kampfbereite Soldaten stürmten die provisorischen Holzleitern hinauf, um dann in die weite Vegetation, in Richtung der Gegenseite zu laufen und zu sterben.

Er hielt sich weiterhin zurück und dachte an die Worte von James, so lange es geht, sich im Graben oder nahe dem eigenen Graben aufzuhalten, um diesen zu verteidigen von vorrückenden Feinden.

Große Angst erfasste Aiden und erschüttert nahm er die vielen Toten wahr, die bereits um ihn herumlagen.

Doch dann wurden alle aufgerufen, in den offenen Kampf auf das Feld vor ihnen zu stürmen und den Gegner zu attackieren und zurückzudrängen.

Aiden versuchte seine Angst auszublenden. Plötzlich wurde ihm übel und er musste sich übergeben, doch es half alles nichts, er musste den anderen Soldaten folgen.

Mit zitternden Knien stieg er die Holzleiter hoch, sah das weite Schlachtfeld vor sich. Wie eine Ameiseninvasion kletterten neben ihm ebenfalls Kameraden an den Leitern hoch und liefen schreiend los.

Aidens Knie schienen nachzugeben, nur mit Mühe hielt er sich an der Leiter fest. Dann packte er sein Gewehr, griff an sein Bajonett, das vorne an seinem Gürtel befestigt war und stürmte los, wild um sich schießend, ohne genaues Ziel.

Immer wieder fiel er hin, stolperte über Verletzte und bereits tote Soldaten.

Er wusste nicht wie lange er schon lief, waren es Minuten oder Stunden, als er stolperte und einfach liegenblieb. Sein Gesicht lag im Schlamm und er bekam nur wenig Luft.

Er rührte sich nicht. Er schaute nicht nach links oder rechts, blieb einfach bewegungslos liegen. Erstarrt in Angst und Schrecken dachte er sich, die Augen einfach zu schließen und nicht mehr aufzustehen.

Auf einmal wurde er unter der Schulter gepackt und hochgezerrt.

Aiden ließ es geschehen und rechnete damit, sogleich erschossen zu werden. Doch er wurde von den starken Armen mitgeschleift. Er wusste nicht wohin, bis er am Rand des Schützengrabens niedergelegt wurde.

»Bist du verletzt? Spring zurück in den Schützengraben Junge, schnell.«, rief ihm der Soldat zu, der ihn hierher geschleift hatte. Es war James, der ihn immer wieder anbrüllte.

Aiden rührte sich nicht, blieb einfach liegen und starrte den Mann an, der ihm daraufhin ein Schubs mit dem Fuß gab und er mit voller Wucht ungebremst in den Schützengraben fiel.

Als er unten aufschlug, schrie er auf und erwachte wie aus einer Trance.

Er erwachte aus seiner Starrheit und sah und dachte langsam wieder klar. Mühsam rappelte er sich hoch. Völlig erschöpft lehnte er sich an die Schützengrabenwand. Kraftlos sank er in die Knie und ließ sein Gewehr fallen. Er hasste Waffen und noch mehr hasste er diesen Krieg.

Für einen kurzen Moment schloss er die Augen.

Er war so müde und wusste nicht, wie lange er noch durchhalten musste, wie lange der Kampf noch andauern würde. Um ihn herum herrschte völliges Chaos.

Seine Kameraden liefen entweder unkontrolliert umher oder lagen verletzt, laut stöhnend am Fuße des Schützengrabens und warteten auf Hilfe. Dazwischen lagen die Toten.

Er blendete das grausame Geschehen, das um ihn herum herrschte aus. Nur einen kurzen Moment wollte er sich ausruhen. Kraftlos hob er seine zitternden Hände hoch.

Er konnte sich jetzt schon nicht mehr daran erinnern, wie es war, nicht zu zittern.

Er dachte daran, dass gestern am Morgen der Himmel noch blau gewesen war. Und er sah diesen Himmel vor sich, verflogen waren in seiner Vorstellung die schwarzen Rauchschwaden der Geschütze, Panzer und Kanonen, keine Geräusche waren zu hören, keine Gewehrschüsse, keine Schreie von Verletzten oder Sterbenden.

Er blickte zum Himmel, schloss seine Augen und für einen kurzen Moment atmete er die kühle, frische Luft der Erinnerung ein und versetzte sich für Momente zurück in sein Heimatland nach Irland. Er sah die grünen, saftigen Wiesen, die alte Eiche, hoch oben auf dem Hügel, nahe seinem Elternhaus. Er dachte an das alte, riesige, grünbewachsene Hügelgrab New Grange, das er von dort aus in der Ferne sehen konnte. Er liebte seine Heimat Irland über alles.

Er dachte an seine Eltern, an seine Schwester Eimear und daran, dass er sie wahrscheinlich nie mehr sehen würde.

Dieser Krieg war so grausam und doch gab kein Entkommen.

*

Immer noch lehnte Aiden mit dem Rücken an der Wand des Schützengrabens, mit zitternden Händen und Tränen in den Augen und dachte an seine Eltern und an den Tag, an dem er sie verlassen hatte.

Wenn er doch nur eine Ahnung davon gehabt hätte, dass dies eine Reise ohne Wiederkehr ist, dann hätte er eine andere Entscheidung getroffen.

Doch heute, knapp sechs Monate später, befand er sich hier im Schützengraben in Frankreich, inmitten einer grausamen Schlacht, umringt von Verletzten und Toten. Heute, am 6.

September, war sein Geburtstag. Er ist 19 Jahre alt geworden.

Seinen Geburtstag verbrachte er in dieser grausamen Schlacht und er befürchtete, sein Geburtstag könnte auch sein Todestag sein.

Automatisch fasste Aiden an die Tasche seiner grauen, schmutzigen Uniformhose. Gott sei Dank, sie war noch da.

Durch den Stoff der Hose, konnte er die Umrisse der Münze fühlen.

»Bitte hilf mir.«, flüsterte Aiden verzweifelt, »Ich will nicht sterben.«

Tränen rannen ihm übers Gesicht, während neben ihm ein Soldat den Graben herabstürzte und blutend neben ihm liegenblieb. Aiden beugte sich zu ihm.

Der Mann fasste nach seiner Hand und hielt sich bei ihm fest. Aiden sah verzweifelt um sich und begann laut nach den Sanitätern zu schreien. Doch niemand hörte ihn.

Zu durchdrungen war die Luft, von Gewehrschüssen, Kanonenschlägen und Geschrei der Soldaten auf dem Schlachtfeld und im Schützengraben.

Er beugte sich wieder zu dem Mann, doch er hatte die Augen geschlossen und seine Hand erschlaffte.

Aidens Hand zitterte immer noch. Sein Blick irrte wild umher. Er wusste, er musste wieder aufs Feld. Er konnte nicht hier unten bleiben und warten, bis alles vorbei war.

Er wusste, auch wenn er diesen Kampf überleben sollte, was unwahrscheinlich war, bei diesem Ausmaß, dann würde der nächste Kampf kommen und alles begann von vorne.

Nein, Aiden hatte keine Wahl.

Ein letztes Mal schloss er kurz seine Augen, dachte an seine Eltern und seine Schwester und sprach schnell ein Gebet.

»Christus sei mir zur Rechten,

Christus mir zur Linken.

Er die Kraft.

Er der Friede.

Christus sei, wo ich liege.

Christus sei, wo ich sitze.

Christus sei, wo ich stehe.

Christus in der Tiefe,

Christus in der Höhe,

Christus in der Weite.

Christus sei im Herzen eines jeden,

der meiner gedenkt.

Christus sei im Munde eines jeden,

der von mir spricht.

Christus sei in jedem Auge,

das mich sieht,