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"Der Baum gehört zur Hälfte mir. Kommen Sie nicht damit, dass Sie die unteren 50 Prozent beanspruchen und dann herausreißen." Bestsellerautor Tom (70) hat sich in ein abgelegenes Dorf im Südschwarzwald zurückgezogen, um ungestört ein neues Buch zu schreiben. Als nebenan die Britin Fiona einzieht – ebenfalls 70, Witwe eines deutschen Diplomaten und nicht gewillt, klein beizugeben – schäumt er vor Wut. Beide Nachbarn sind einander spontan in herzlicher Feindschaft verbunden, angefeuert von ihren erwachsenen Kindern. Dennoch können sie Begegnungen nicht vermeiden und geraten allmählich ins Gespräch: über die Höhen und Tiefen der letzten Lebensphase, über Sterben, Tod und schließlich – Liebe. Fassungslos reagieren die Kinder auf die Annäherung. Als Tom und Fiona schließlich auch noch an Heirat denken, eskaliert der Konflikt. "Der geteilte Baum" – ein Schlagabtausch zwischen "ihm" und "ihr", alt und jung, Bevormundung und Selbstbestimmung.
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Seitenzahl: 246
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Liebe im Alter - gibt‘s die? Darf es sie geben?
Die erwachsenen Kinder von Tom und Fiona, seiner lange bekämpften Nachbarin, würden dies peinlich berührt verneinen. »Im Alter«, klärt Toms Sohn Philipp seinen Vater auf, »hat man doch nichts mehr zu tun als einigermaßen anständig zu verlöschen.« Das sehen die beiden 70-Jährigen natürlich anders. Und was, wenn sie sich erdreisten, nicht nur lieben, sondern auch noch heiraten zu wollen?
Mit spitzer Feder und Humor nimmt sich Ruth Gleissner-Bartholdi dieses Themas an. Ihr Roman ist ein Plädoyer für das Selbstbestimmungsrecht der Alten.
Ruth Gleissner-Bartholdi (*1937) studierte Sprachen und war lange Zeit als Ostexpertin bei der Deutschen Presse Agentur, danach als Außenpolitik-Redakteurin und Kolumnistin bei der Badischen Zeitung Freiburg tätig. Seit 1967 veröffentlicht sie Romane und Krimis, darunter die 2014 bei Der Kleine Buch Verlag erschienenen Wein-Krimis »Ein perfekter Abgang«.
In ihrem neuen Roman thematisiert Ruth Gleissner-Bartholdi das Tabuthema »Liebe im Alter« auf humorvolle und äußerst liebenswerte Weise und will damit Mut machen, Verständnis schaffen und nicht zuletzt gut unterhalten.
Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.
© 2016 Der Kleine Buch Verlag | Lauinger Verlag, Karlsruhe
Projektmanagement, Lektorat, Umschlaggestaltung, Satz & Layout: Beatrice Hildebrand
Korrektorat: Julia Barisic
Umschlagabbildung: Hand painted green tree. Designed by Freepik.com
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ISBN: 978-3-7650-2138-1
Dieser Titel ist auch als Printausgabe erschienen:
ISBN: 978-3-7650-9119-3
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Ruth
Gleissner-Bartholdi
Der geteilte Baum
Roman einer späten Liebe
Alles wirkliche Leben ist Begegnung
Martin Buber
Für Field
Ich wusste, es würde der Tag werden. Ich wusste es, als ich in das erste Märzmorgenlicht blinzelte. Und ich wusste, danach würde nichts mehr so sein wie vordem.
Der Gedanke schwebte ein paar Mal durch den Raum. Dann legte er sich plötzlich bleischwer auf meine Brust. So hatte ich mir das anvisierte Jahr hier nicht gedacht. So nicht, Herrschaften!
Ich hörte noch Phils Stimme am Telefon, fast aufgeregt: »Papa, ich hab die Klause für dich! Im Markgräflerland, in einem Dorf zwischen Wald und Reben, am Hang, ziemlich oben, ziemlich einsam, bloß noch ein ehemaliger kleiner Bauernhof und zwei Hütten in der Nähe, gebaut wird da noch lange nicht, du hast eine herrliche Sicht auf die Rheinebene und die Vogesen, 250 Meter sind es runter ins Ortszentrum, das schaffst du mühelos zu Fuß, und das Schönste: das Ganze ist in meiner Nähe, eine knappe Autostunde, Freiburg und Basel nicht weit weg, Frankreich in Sichtweite, im netten kleinen Müllheim kannst du Entschleunigung lernen, du sagst ja gar nichts, wie findest du das?«
»Gut, dass du mal Luft holen musst, sonst käme ich nie zu Wort. Also, ich finde, das hört sich recht gut an.«
Ich wünschte mir Abstand vom Rummel um mein Buch Die Zukunft liegt schon hinter uns, einer – wie mir die Rezensionen bestätigten – schonungslosen Analyse des Umgangs der Menschheit mit der Natur. Und ich hoffte auf Ruhe für die Fortsetzung, der ich den Titel Der große Irrtum geben wollte. Es würde um die irrige Auffassung gehen, die Erde sei uns untertan. Mich sollte in dieser neuen kreativen Phase niemand aufstöbern. Falls sich dies nicht vermeiden ließ, wollte ich es dem Störenfried wenigstens schwer machen. Warum also nicht in das von Phil entdeckte Nest ziehen?
Ich hätte mir denken sollen, dass mein begeisterungsfähiger Sohn das Bild einer Idylle entwarf, dem sich die Wirklichkeit verweigerte.
Gut, das kleine Haus am Hang über dem Dörfchen war maßgeschneidert für mich. Es bot Platz für die wenigen Möbel und vielen Bücher, vor allem aber für den ausladenden Schreibtisch. Und wundersamerweise – Dank an den Vormieter! – waren die nötigen Anschlüsse für zeitgemäße Technik vorhanden. Im Sommer würde ich die Kabel durch die Tür auf die Terrasse legen und dort arbeiten können, vor mir die schier unendliche Rheinebene, links und rechts Rebhänge, deren herbstliche Erträge ich mir mit Behagen vorstellte, und wo sie endeten, kletterte eine lichte Mischung aus Laub- und Nadelbäumen bis hinauf auf die Höhen des Südschwarzwalds.
Unten duckten sich die Dächer zum Teil sehr alter Häuser um ein Kirchlein mit hölzernem Turm, dessen Glocke mich zuerst wegen ihres – wie mir schien – herrschsüchtigen Tons um meine Ruhe fürchten ließ, dann nur noch leicht irritierte, bereits eine Woche später aber mit dem regelmäßigen Läuten am Morgen und Abend zum festen Rhythmus meines Lebens als Einsiedler geworden war. Einsiedler in meinen vier Wänden, um zu präzisieren. Denn bei der Schilderung meiner Nachbarschaft hatte sich Phil, der sonst alles übergenau anschaute, grob vertan – oder gemutmaßt, ich würde mich angesichts des durchaus reizvollen Häuschens mit der übrigen Realität schon anfreunden.
Gewiss, der alte Hof war ein Stück entfernt, genau wie ein unauffälliger Neubau daneben. Aber rechts von meinem Grundstück, etwas nach unten versetzt, lag unüber- und sehr einsehbar (auch in umgekehrter Richtung) ein Fachwerkhaus, nicht groß, aber für mich doch wegen der Nähe ein Ärgernis.
»Die alte Eigentümerin ist vor ein paar Jahren gestorben, die Erben haben es jetzt restaurieren lassen und wollen es, wie ich höre, als Ferienhaus vermieten; das kann dich nicht besonders stören, weil die Saison nicht das ganze Jahr dauert und die Leute wieder verschwinden; und viele können es auch nicht sein, weil so viel Platz gar nicht vorhanden ist, und mehr als ein Auto bringen die auch nicht unter; am Straßenrand dürfen sie eh nicht parken, weil dann der Müllwagen und die so genannte Stadtreinigung nicht mehr durchkommen; du hast also nichts zu befürchten.« Phil sprach noch schneller als gewöhnlich und wieder ohne Punkt. Den setzte ich, indem ich beschloss, mich mit den Gegebenheiten abzufinden.
Das hätte ich nicht tun sollen. Es stellte sich nämlich heraus, dass nebenan keinesfalls ein paar Leute Ferien machen würden. Nein, ich würde auf Dauer Nachbarschaft haben. Und ausgerechnet eine Frau. Eine F-R-A-U! Die Seniorin der Erbengemeinschaft höchstselbst. Ohne Mann. Und, als ob Frau allein nicht reichen würde: Engländerin! Auch das noch! Wahrscheinlich sprach sie kein Wort Deutsch – Engländer tun das selten – und ich, der Sprache mächtig, würde dolmetschen müssen – sonst war ja niemand greifbar. Goethes Gretchen fiel meinem aufgescheuchten Hirn ein: Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer; ich finde sie nimmer und nimmer mehr.
Frauen, dachte ich, machten immer alles schwierig. Umso mehr, wenn sie alt waren und allein. Und die Lady war alt, wie gestern Abend jemand im Dorfgasthof Pfauen wusste, wo ich meinen Frust in Gesellschaft ersaufen wollte. Wie alt? Keine Ahnung. Mindestens 70 sollte sie sein. Vermutlich also mein Jahrgang, plus / minus. Nur: Mit 70 war ein Mann gemeinhin noch in den besten Jahren, eine Frau hingegen wirklich alt. Was, fragte ich mich, wollte so eine, frisch aus London importiert, hier oben? Dass sie frisch aus London kam, stand für mich fest. Nur Großstädter konnten auf die abwegige Idee kommen, sich in einem Dorf zu vergraben.
Was also wollte sie ausgerechnet hier und dann noch neben mir? Zu Fuß würde sie den Weg ins und vom Dorf doch nicht mehr schaffen, überlegte ich. Also fuhr sie Auto. Mit 70! Und dann die schmale, kurvige Asphalttrasse hier herauf. Im Winter! Bei Eis und Schnee! Stecken bleiben würde sie nach den ersten drei Flocken und Hilfe brauchen. Oder der Motor sprang nicht an, weil sie (wie denn sonst!) das Licht an ihrem sicher ebenfalls bejahrten Fahrzeug nicht ausgeschaltet und die Batterie hatte leerlaufen lassen. Und wer besaß ein Überleitungskabel, um derselben neuen Saft zu geben? Ich Idiot, natürlich. Da spätestens würde sie kapitulieren.
Und wenn nicht? Wer würde für sie einkaufen? Zur Bank gehen? Online-Banking machte ja nicht mal ich und zwar nicht, weil ich dazu unfähig wäre, sondern einzig und allein, weil mir das System viel zu unsicher ist. Die alte Lady, das war anzunehmen, hätte von moderner Technik überhaupt keine Ahnung. Ich kannte etliche sogar jüngere Menschen, die Computer leidenschaftlich und prinzipiell ablehnten, weil sie angeblich das selbstständige Denken behinderten, und sich folglich weigerten, einen solchen anzuschaffen. Die meisten davon Frauen? Ich wollte mich da nicht festlegen, obwohl denen ohnehin der typisch männliche Forscherdrang abging.
Ich jedenfalls gehörte zu den Ersten, die die neue Kommunikationstechnik erlernt hatten und begeistert nutzten. Dass ich durch meinen Beruf als Wissenschaftsjournalist dazu gezwungen wurde, weil man mir andernfalls meine Korrespondentenverträge gekündigt hätte, und dass ich mehr als einen Computer bei Wutanfällen demoliert habe, war ein böses Gerücht. (Außerdem: Wer hätte das nicht schon mindestens einmal gern getan, ehrlich!) Was mich daran erinnerte, dass ich meine E-Mails checken musste. Man sieht nach, ob Post im Briefkasten ist, aber elektronische Briefeingänge werden gecheckt. Letzteres würde die greise Engländerin vermutlich verstehen, rein sprachlich natürlich.
Mit einem Ruck löste ich mich aus meinen Gedanken und sprang endlich aus dem Bett, gähnte die 7.53-Uhr-Sonne an, die sich strahlend über die Hügelkette erhoben hatte und uns einen südlich-warmen Lenztag bescheren wollte, und vollzog sodann das übliche Morgenritual: duschen (nicht rasieren, nein, das tat ich nur jeden vierten Tag – sollte ich meine Stoppeln für ein paar Dörfler abschaben?), die Kaffeemaschine anwerfen, Brötchen aufbacken, Zeitung aus dem Rohr holen und, sich hinter derselben verkriechend, das erste Mahl des Tages einnehmen.
Damit war ich fast fertig, als ich hörte, wie sich ein Dieselmotor stöhnend den Hang heraufquälte. Der Möbelwagen. Die Lady reiste an! Oder vielmehr, berichtigte ich mich, ihre Sachen. Ich lief die Treppe hinunter in mein Arbeitszimmer, dessen Seitenfenster einen (hoffte ich) unauffälligen Blick auf das Geschehen nebenan erlaubte, und sah hinaus.
In der Tat: Der Möbeltransporter hielt mit einem spürbaren Ruck vor dem Nachbarhaus. Zwei junge Männer sprangen aus der Fahrerkabine und sofort zur Seite, weil ein grünes Vehikelchen, das mich an einen Frosch erinnerte, ziemlich forsch auf dem frei gebliebenen schmalen Straßenstreifen vorbeifuhr, dann ebenso forsch abgebremst und vor den Möbelwaren bugsiert wurde.
Dem Frosch entklommen (ja: entklommen, schönes Wort, habe ich gerade erfunden) eilig zwei Frauen und ein jüngerer Mann. Also doch Feriengäste?, überlegte ich zwei Sekunden lang hoffnungsfroh, als mir einfiel, dass Touristen selten mit allen Möbeln anzureisen pflegten. Die drei verschwanden, noch ehe ich sie richtig begutachten konnte, ins Haus, während sich die Spediteure an den Türen ihres Fahrzeugs zu schaffen machten.
Dies, ahnte ich, würde der kaum erträgliche Auftakt einer kaum erträglichen Nachbarschaft werden. Mein Blutdruck, normalerweise an der oberen Untergrenze, setzte zum Steigflug an und mein Magen drohte, sich in falscher Richtung vom Frühstück zu trennen. Dagegen half nur eines: ein kräftiger Schluck aus der Arzneiflasche mit dem Aufdruck Williams Christ. Vorausschauend hatte ich mich damit gleich nach dem Einzug verproviantiert und jeweils eine Flasche dort bereitgestellt, wo akute Notfälle eintreten konnten – im (vom Makler sogenannten) Salon, im Studio (womit er das Arbeitszimmer meinte), im Schlafraum, in Bad und Küche. Ausgespart hatte ich den kleinen Raum neben dem Salon, wo ein bei mir hängengebliebener Gast (männl.) im äußersten Fall übernachten konnte. Auch ihm eine Birnendeponie einzurichten, hielt ich für übertrieben.
Ich griff also in das Notfallfach im Schreibtisch und goss mir eine Dosis meines probaten Beruhigungsmittels ein, von dessen blutdrucksenkender Wirkung ich mich zum wiederholten Mal überzeugen lassen wollte. So richtig aber schien das nicht zu gelingen. Ich spähte hinter der Gardine nach nebenan, sah aber lediglich die Packer ihres Amtes walten. Allzu gern hätte ich einen Blick auf die Lady geworfen. Sie musste eine der beiden Frauen aus dem Frosch sein. Aber welche? Leider hatte ich auch nicht sehen können, was sie aus ihrem Auto hineinschleppten, weil ich nicht um die Ecke schauen konnte. Mit Sicherheit war irgendein Haustier dabei. Mindestens eines. Alte Ladies pflegten Schoßhündchen zu haben oder Katzen oder Kanarienvögel oder Hamster oder weiße Ratten oder alles zusammen.
Ich begann, mich über Phil zu ärgern. Er hätte wissen müssen, dass das kleine Fachwerkhaus nebenan nicht an Touristen vermietet, sondern von der bejahrten Eigentümerin oder Erbin oder was auch immer, jedenfalls einer Greisin bewohnt werden würde. Aus London. Mit Hunden vermutlich, hier oben am Hang, in relativer Einsamkeit. Alte Frauen, wusste man schließlich, brauchten dauernd Gesellschaft, und zwar von Lebewesen, die sie dominieren konnten. Keine Frage, die Lady hatte todsicher einen Vierbeiner, der alsbald dauerkläffend aus der Tür stürzen, durch die Reste der einstigen Buchenhecke zwischen unseren Grundstücken hechten und einen meiner Bäume zu seinem Lieblings-Abort erwählen würde. Und dann die Hundehaufen überall! Mehr noch: Wen der Kläffer schnüffelnd ansprang – »Er will bloß spielen«, würde die Lady wie alle Hundehalter sagen, bis so ein Vieh sich als Zubeißwunder entpuppte –, wen er also schnüffelnd ansprang und nach diesem Test nicht zu goutieren glaubte, der musste um seine Waden oder die nächsthöhere Körperregion fürchten.
Aber womöglich, dachte ich nach ein paar weiteren Tropfen Arznei, hat sie doch keinen Köter, sondern eine Katze. Eine Katze? Nein, vermutlich mindestens zwei von der Sorte. Die respektierten mit Sicherheit ebenfalls keine Grundstücksgrenzen und würden in mein Reich ausschwärmen. Naheliegend – dafür hatten die ein Näschen. Sie würden mein Haus erkunden wollen, außen und innen, wenn ich nicht von jetzt an Fenster und Türen geschlossen hielt. Auf der Terrasse vor meinem Arbeitszimmer im Erdgeschoss würden sie es sich ohnehin gemütlich machen, denn hier stand mein Liege- und Nachdenksessel selbst im Winter, allerdings abgedeckt, was für Katzen aber noch nie ein Hinderungsgrund war: Sie würden halt darunter kriechen. Ich müsste folglich den Stuhl entfernen samt dem Tisch, auf dem sie ohne Zweifel in der Wintersonne, die hier recht warm sein konnte, schlummern würden. Wenn sie nicht gerade auf der Jagd wären. Moderne Katzen, habe ich gelesen, fangen Mäuse, Schlangen, Kröten – und was weiß ich nicht noch alles – nicht, um sich davon zu ernähren, sondern um sie ihren Menschen stolz vor die Füße zu legen – lebendig.
Ich stellte mir vor, wie die Tiere dann auch mir, den sie vermutlich sofort ins Herz schließen würden – Katzen liebten mich aus unerklärlichen Gründen von jeher –, ihre Beute präsentierten. Bei dem Gedanken an lebendfrische Mäuse in meiner Klause machte mein Magen einige riskante Bewegungen – man konnte schon von Konvulsionen sprechen –, sodass ich eiligst ein paar begütigende Birnentropfen hinunterschickte.
Ruhig, mein Junge, mahnte ich mich. Du eilst den Fakten voraus. Was, wenn sie – oh Wunder – gar keine Vierbeiner gleich welcher lästigen Sorte hätte? Sondern, sagen wir mal, einen Kanarienvogel? Ein für Greisinnen gezüchtetes, albernes, gelbes Mini-Federvieh? Das wäre, verglichen mit Hundehaufen allüberall oder Lebendgetier im Haus, zwar nicht direkt ekelhaft, aber in anderer Weise unangenehm: Vögel in Käfigen zu halten, war für mich unerträglich. Als leidenschaftlicher Tierschützer müsste ich einschreiten: »Lady, Sie haben, wie ich zu hören gezwungen bin, einen Vogel im Käfig. Geben Sie ihn frei!«
Sie würde mich durch ihre sicher dicke Brille erstaunt und pikiert ansehen: »Sonst haben Sie keine Sorgen?«
»Oh doch!« Und dann würde ich zu einem längeren Vortrag anheben, der in die nüchterne Feststellung mündete: »Sie sind eine Tierquälerin. Ich werde Sie anzeigen.« Das gäbe Ärger. Aber es wäre völlig egal, schließlich musste man irgendwo einmal mit dem Klarstellen beginnen. Und vieles würde noch dazukommen, wie zum Beispiel der Garten. Ihrer grenzte an meinen gepflegten Rasen – der Stundenlohn des Mähers war beträchtlich –, der bei ihrer Leidenschaft für selbstgesätes Blühendes (alle Greisinnen lieben selbstgesätes Blühendes) rasch in Mitleidenschaft gezogen würde. Schließlich kennen auch Samen keine Grenzen. Womöglich ließ sie auch noch Büsche und Bäume pflanzen – Platz genug hatte sie auf ihrem weitläufigen Areal –, und die würden einem im Handumdrehen Licht und Sicht nehmen. Im Herbst wehte einem dann tonnenweise das nachbarliche Laub entgegen. Wieder wäre ein ernstes Wort fällig – und eine heftige Auseinandersetzung nicht zu vermeiden! Ach, man brauchte nicht einmal so weit nach vorn zu schauen. Kein Tag würde verstreichen, da wäre sie am Telefon – einfach um auszuprobieren, ob es auch im Ortsnetz funktionierte. Frauen und Technik! Kannte man doch, siehe Online-Banking.
Ich spähte neuerlich nach drüben und dankte mir, dass ich die Gardine hatte anbringen lassen, die mir jetzt Sichtschutz bot. Alles war wie vorher: Die Möbelmenschen schleppten den Inhalt ihres Transporters hinein. Ein Klavier schien nicht dabei zu sein. Wenigstens eine gute Nachricht. Nicht auszudenken, wenn die Lady auch noch herumklimpern und mein an Klassik gewöhntes Ohr beleidigen würde. Was aber, dachte ich weiter, wenn sie ihre Stereoanlage – oder gar mehrere davon – auf mich ansetzte? Bei geöffnetem Fenster Tralala-Volksmusik aufdrehte? Oder jenen Sender, der die unsäglichsten Herzschmerzplatten den Methusalems des Landes in die Gehörgänge blies?
Noch drei Tröpfchen um meiner bedrohten Ohren willen. Ich setzte mich an den Schreibtisch, starrte die leeren weißen Bögen an, die ich heute beschreiben wollte. Daraus würde nichts werden, fürchtete ich. Denn das Nächstliegende dämmerte mir erst jetzt: Wer umzieht, findet das, was er sofort braucht, selten zuerst. Da fehlen Kleinigkeiten wie Salz oder Zucker, Brot und Eier, Butter, vielleicht sogar Wein (könnte mir nie passieren!), und entdeckt wird dieser Mangel selbstredend erst nach Ladenschluss. Die Lady bildete hierin bestimmt keine Ausnahme. Offen war lediglich, wann sie läuten und verlegen um dieses oder jenes bitten würde. Und ich? Ich würde ihr in gesetzten, aber deutlichen Worten klar machen, dass sie auch unten im Pfauen danach fragen könnte und nicht bei einem (wieder mal) Junggesellen, der mitten in der Arbeit für sein neues, gewichtiges Buch steckte. Daraufhin würde sie …
In diesem Moment läutete es an der Tür. Ha! Es ging schon los! Womit würde sie die Reihe ihrer Belästigungen eröffnen? Ich stieg die Treppe zum Hauseingang an der Straßenseite betont langsam hinauf, damit sie bemerken konnte, wie sehr sie mich störte. Ich riss die Tür auf, bereits ein: »Nein! Habe ich nicht!« auf den Lippen.
»Ich dachte schon, Sie wären nicht da«, sagte der Postbote und händigte mir die bestellte Sendung Inkjetpapier vom Office-Versand aus. Er deutete mit einer Kopfbewegung nach drüben. »Neue Nachbarin, eh? Schön für Sie. Endlich Leben nebenan.«
»Ja«, erwiderte ich kurz. Und dachte: Wie man’s nimmt. Eines war mir sonnenklar. Schon vor dem ersten Kontakt waren die Lady und ich einander in inniger Feindschaft verbunden.
Geschafft! Geschafft! Geschafft! Geschafft!
Erstens der Umzug, zweitens das Zusammenbauen der Schränke und das natürlich nur provisorische Möbelrücken (ich werde mich diesem Problem noch ausführlicher widmen), drittens Klärle und viertens ich. Nur Mick schien unbeeinträchtigt, aber das war ich in seinem Alter auch. Er gab den beiden Aus- und Umpackern Geld für ein anständiges Abendessen (ich hätte gern mal ein unanständiges probiert), klemmte sich hinter das Steuer meines neuen grünen Mini und fuhr Klärle und mich hinunter in den Pfauen, der einladend aussah und uns mit warmem Licht willkommen hieß.
»Mum«, erklärte Mick, keinen Widerspruch erwartend und, nebenbei gesagt, auch nicht gelten lassend, »wir haben eine Stärkung verdient.«
Er hatte Klärle durch eine Anzeige (»Hilfe f. Umzug ges.«) aufgegabelt – ist das korrektes Deutsch? –, weil er meinte, dass eine Mutter jenseits der 70 dringend des Beistands bedürftig sei.
Klärle, die eigentlich Klara getauft war, aber seit Kindheitstagen von den Dörflern Klärle genannt wurde und diesen Namen mit jetzt stattlichen 50 Jahren noch frohgemut (er-)trug, hatte sich gemeldet.
Sie war bekannt dafür, in allen Notfällen einzuspringen, vor allem wenn gerechterweise auch entsprechendes Bares für sie dabei heraussprang. Sie wohnte im ersten Haus gleich nach dem Ortsschild, neben dem vermutlich uralten Baum, der die Hauptstraße unter seine gewaltigen Äste nahm und mit seinen zweifellos ebenso gewaltigen Wurzeln den Asphalt immer wieder in Bedrängnis brachte.
Wie zu erwarten, war Klärle ein voller Erfolg. Sie sah, packte zu und sprach nur, wenn es sich nicht umgehen ließ: »Des hierhin? Dahin? Wohin?« Diese Kargheit gefiel mir – genau wie ihre für mich überraschende Weitsicht: Sie hatte eine Thermoskanne Kaffee dabei, deren Inhalt sie uns in drei ebenfalls mitgebrachten Tassen servierte. Sie war, wie sie bekannte, eine erfahrene Umzieherin.
Mick kam gerade von einem Rundgang um das Haus zurück. »Der Alte da drüben steht hinter der Gardine und glotzt«, verkündete er. »Ich weiß nicht, warum Leute, denen es normalerweise immer pressiert, zugleich immer Zeit zum Glotzen haben.« Er schüttelte den Kopf.
»Du solltest dich« – ich erinnerte mich an meine vorzügliche Deutschlehrerin – »einer gepflegteren Sprache bedienen, lieber Sohn.«
Er steckte den Tadel klaglos weg.
Mick hieß eigentlich Michael, aber schon am Tag nach seiner Geburt nannte Joss ihn Mick. Joss, mein wunderbarer Mann. Joss, mit dem ich nach den strapaziösen Londoner Jahren in seine deutsche Heimat reisen wollte, um mit ihm all das nachzuholen, was wir versäumt hatten oder versäumen mussten, weil ihn seine Arbeit als Presseattaché der deutschen Botschaft doch sehr in Anspruch nahm. Nein, das Häuschen seiner alten Tante Ellen, die von ihren Nichten und Neffen aus unerfindlichem Grund Helen genannt wurde, hatten wir dabei nicht im Sinn. Wir dachten daran, uns als Pensionäre irgendwo am Rhein in der Nähe von Bonn niederzulassen, wo Joss studiert und viele Freunde hatte, auch aus der Zeit, da Bonn noch als Hauptstadt herhalten musste. Wir hatten schon nach einem passenden Domizil Ausschau gehalten, als Joss plötzlich starb. Das war vor sechs Jahren. Ich blieb in London, bis meine Kinder Mick und Sara mich drängten, den Sprung über den Kanal zu wagen und in Deutschland meinen künstlerischen Interessen nachzugehen. Dies hätte, meinten sie, auch den Vorteil, dass sie besser für mich erreichbar wären, denn beide hatten in der Heimat ihres Vaters ihre Studien abgeschlossen und Partner gefunden. Tante Helens Haus stand leer – und jetzt, so hatte es die Erbengemeinschaft entschieden, war es meins, solange ich bleiben wollte.
Sicher, ich hatte es schon einmal gesehen, zu Helens Lebzeiten, als ich mit Joss im nahen Heilbad Badenweiler Urlaub machte, aber das war lange her. Jetzt leuchtete das frisch gestrichene Weiß zwischen den braunen Holzbalken, das anthrazitgraue Walmdach war vom Moos befreit, die Dachrinne gerichtet und gereinigt, sowie die behäbige Eichentür – ohne Wurmspuren – mit neuen Messingbeschlägen versehen. Der Balkon mit geschnitztem Geländer (»Das hält wohl ewig«, meinte Mick) umarmte zwei Drittel des Hauses und beschützte eine mit recht rohen Steinen gepflasterte Terrasse, wo ich – das stand sofort fest – schon bald meine Zeichenutensilien ausbreiten würde. Inklusive diverser Farbtöpfchen für die Porzellanmalerei. Das heißt, falls ich überhaupt zum Arbeiten käme angesichts des faszinierenden Blicks auf Rebhänge, Wald und den Rhein.
An den Fenstern fehlten noch die Gardinen – das würde ich in den nächsten Tagen erledigen; ach ja, der Elektriker musste kommen wegen zusätzlicher Anschlüsse und natürlich der Computer-Service im Geleitzug mit einem Techniker für den Zugang zu schnellem Internet, wobei Letzteres, so beschloss ich, Vorrang hatte. Vorrang sogar vor der Bestellung des großen verwilderten Gartens, der ziemlich steil an der Südseite abfiel bis zu einer Wiese, die zum Gelände gehörte und sich etwas sanfter den Hang hinabschwang. Ich sah ein paar alte Obstbäume, die Ansätze von Blüten zeigten, Ginster, Flieder, Kirschlorbeer, Reste einer Buchenhecke an der Grenze zum Nachbarhaus, aus der sich zwei wild gewachsene kleine Ahornbäume erhoben, und – das schmerzte mich – entlang der Hecke, ebenso wie vor der Terrasse, eine Reihe total verkommener Rosensträucher. Ich würde einen Gärtner holen müssen, um zu retten, was zu retten sich lohnte, auch für das lange Beet an der Straßenfront unterhalb des Holzschopfs, den Helen zu einer Garage hatte ausbauen lassen.
Es gab viel zu tun. Ich hatte bei dem Gedanken wahrscheinlich geseufzt, denn Klärle meinte mitfühlend: »Sie haben sich eine Menge vorgenommen. Und ganz allein. Helfen Ihre Kinder nicht?«
»Doch, Sie sehen ja Mick am Werk. Aber er muss morgen weg, und dann kommt meine Tochter Sara. Sie will mir rasch ein bisschen auspacken helfen, vor allem aber meine Katzen abliefern, die sie für die Zeit des Umzugs aufgenommen hat.«
»Katzen!« Klärles Augen leuchteten. »Wie schön! Ich hab auch eine. Wie viele sind es denn?«
»Zwei.«
»Kätzinnen?«
»Ein Pärchen. Bini und Peterle.«
»Wie alt?« Klärle machte nie viele Worte.
»Bini ist zwölf, Peterle erst anderthalb und ungeheuer katerfrech.«
Sie lachte und fuhr fort, einen Bücherkarton über die Diele zu zerren. »Schön werden Sie’s hier haben, Frau Conradt. Ich mein, die Kätzle auch. Kann Ihre Tochter nicht länger bleiben?«
»Leider nein, wegen der beiden Kinder«, sagte ich und, als sie mich fragend ansah: »Sie ist alleinerziehend und halbtags berufstätig. Sie fährt noch am Abend heim.«
Klärle nickte. Was das Nicken bedeuten sollte, blieb mir verborgen. Ich nahm es als Anteilnahme und half ihr beim Schieben der Kisten von der Diele ins Wohnzimmer, dem größten Raum des Hauses, vor dessen Panoramafenster sich die südbadische Landschaft in ihrer ganzen Vielfalt präsentierte: halb links die bewaldeten Berge, deren Ausläufer behutsam das Grün an die Rebhänge weitergaben, die wiederum nahtlos in der Weite der Rheinebene aufzugehen schienen. Ganz rechts sah ich die Schatten der Vogesen. Über allem spannte sich ein heute azurblauer Spätmärzhimmel, von dessen riesigem Schirm der Südwestwind gnadenlos jede Wolke vertrieben hatte. »Toller Blick«, meinte einer der Packer anerkennend, bevor er die nächste Schraube eindrehte.
Mick hatte die Umgebung vor Monaten erkundet, ehe ich mich zum Abschied von London entschloss. »Ideal«, befand er, knapp wie gewohnt. »Nettes Dorf, feine Aussicht, mehrere Thermalbäder in der Nähe, die Schweiz vor der Haustür, das Elsass gegenüber – Kultur und gutes Essen satt.«
In der Tat. Letzteres hatte auch der Pfauen zu bieten, außerdem eine Wirtin, die ihren Gästen zugetan und nebenbei die beste Informationsquelle im Ort war. Uns hatte sie natürlich sofort eingeordnet: »Sie sind heute da oben eingezogen«, verkündete sie uns und dem Schankraum, wobei sie uns der Reihe nach ihres Lächelns teilhaftig werden ließ. Klärle begrüßte sie mit: »’n Obe«, was so viel wie Guten Abend bedeuten sollte. Wir lächelten zurück, nun doch müde, aber auch in Erwartung der Dinge, die da kommen würden. Und sie kamen, nicht nur kulinarisch.
»Da wird sich der Herr Wendt aber freuen«, fuhr die Frau Wirtin fort. »Endlich jemand auf Dauer in dem leeren Haus neben ihm.«
»Herr Wendt? Das muss der sein, der uns hinter der Gardine beäugt hat«, meldete sich Mick zu Wort. »Was ist das denn für einer?«
Die Wirtin war sichtlich froh, gefragt zu werden. Sie nickte ein paar Mal, wobei der Zopf, zu dem sie ihr schon etwas schütteres, rostbraunes Haar am Hinterkopf zusammengebunden hatte, ins Schwanken geriet, und zog die Schleife ihrer Halbschürze fester. »Der ist ein ganz netter alter Herr, kluger Kopf, er schreibt hier sein neues Buch und kommt jeden Mittag zu uns zum Essen.«
Aha. Eine ebenso erschöpfende wie interessante Auskunft.
»Und was schreibt der alte Knabe so?«, bohrte Mick, wie immer schonungslos direkt, weiter.
»Ach, so wissenschaftliche Sachen«, wusste die Wirtin mit dem Zopf. »Das Letzte oder Erste, weiß ich nicht genau, war ein – wie sagt man – Bestseller. Über die Vergangenheit der Menschheit, die in der Zukunft liegt, oder umgekehrt. Irgendwie. Und ganz wichtig. Ich versteh nix davon, aber im Gymnasium in Staufen haben sie drüber geredet, sagt meine Tochter, die da Lehrerin ist und eine Menge weiß. Manchmal kommt er auch am Abend, um ein Viertele zu trinken, meistens Rotwein, und meistens nicht nur eins. Ach ja. Wollen Sie was essen? Dumme Frage«, sie tippte sich an die Stirn. »Sie müssen doch Hunger haben nach diesem Arbeitstag.«
Klärle und ich blinzelten einander an. Wir waren in der Tat so müde, dass wir nur mit Mühe essen konnten und froh waren, als Mick zum Aufbruch drängte. Wir brachten erst Klärle heim und dann erkletterte unser Mini den künftig heimischen Hang. Wie ich in mein provisorisches Bett kam und wo Mick sich niederlegte, weiß ich nicht mehr.
Der Morgen danach entschädigte mich für die gestrigen Mühseligkeiten. Die frühe Sonne hatte ihre ersten Strahlen ausgeschickt und tastete die Kuppen der nicht sehr hohen Berge ab, berührte Tannenspitzen und das schon zu erahnende erste frische Grün an den Laubbäumen, die wie helle Inseln in dem noch dunklen Nadelwald zu schwimmen schienen; sie ließ die kleinen Wolkenhaufen, die neugierig über die erwachende Natur segelten, zart erröten und erhob sich dann in glänzender Schönheit über unser Hügeldorf. Zu hören war nichts außer dem vielstimmigen Vogelgezwitscher. Sah so Frieden aus? Dann wollte ich hier ewig bleiben.
»Mum«, rief Mick aus der Küche, »wach auf, ich hab uns ein Notfrühstück gemacht. Du musst dringend einkaufen. Und ich muss dringend weg. Der Zug geht in knapp einer Stunde.« Was hieß: Bring mich rechtzeitig zum Bahnhof. Danach kannst du Besorgungen machen.
Die Bahnstation in Müllheim, auf die wir Dörfler – ich sagte schon: wir – angewiesen waren, wenn wir die Fernzüge in Freiburg oder Basel erreichen wollten, lag ein paar Kilometer entfernt. Ich war gestern schon einmal dort gewesen, um Mick abzuholen, der selten das Auto nahm und Bahn fahren schon aus einem praktischen Grund liebte: Er konnte im Großraumwagen seinen Laptop anschließen, arbeiten und telefonieren.
»Keep a stiff upper lip, Mumsy dear«, sagte Mick und drückte mir einen Kuss auf die Wange, ehe er in den roten Nahverkehrszug stieg. In Momenten der Rührung, die allerdings nicht gerade häufig waren, wechselte er gern in seine Muttersprache. »Give Sara a big hug«, rief er, schon in der Tür stehend, und dann: »Lass dich nicht von DVD kleinkriegen!« Mein Gesichtsausdruck musste ein einziges großes Fragezeichen gewesen sein, denn er schob gleich hinterher: »Dem von drüben!«
Er lachte, als sich die Türen schlossen.
Sara überraschte mich. Sie kam einen halben Tag zu früh. Ihr Auto, zu Deutsch Van, bremste am Straßenrand, als ich im Begriff war, vor Einbruch der Dämmerung eine Generalinspektion meines – wie sich das anhörte! – Grundbesitzes vorzunehmen.
