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Ein Albtraum aus Lehm und Schatten Im Labyrinth des Prager Ghettos verschwimmen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn. Alle 33 Jahre, so heißt es in den dunklen Gassen, erwacht eine unheimliche Legende zum Leben: der Golem. Ein künstliches Wesen, belebt durch eine geheime, uralte Formel. Als ein rätselhaftes Buch in die Hände des Edelsteinschleifers Athanasius Pernath gelangt, gerät dessen gesamte Existenz aus den Fugen. Ein Sog aus verlorenen Erinnerungen, spirituellen Visionen und einem undurchsichtigen Kriminalfall reißt ihn unaufhaltsam mit sich. Ist der Golem ein Verfolger aus der Dunkelheit oder das verzerrte Spiegelbild seiner eigenen, zerbrochenen Seele? Gustav Meyrinks Klassiker der phantastischen Literatur ist weit mehr als ein Schauerroman. Es ist eine psychologische Reise in das Unterbewusstsein und ein tiefgründiges Werk über die Suche nach der eigenen Identität. Ein Meilenstein der schwarzen Romantik und ein Muss für jeden Liebhaber des literarischen Horrors.
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Seitenzahl: 317
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Gustav Meyrink
Schauerroman
»Der Golem« Autor: Gustav Meyrink Quellennachweis: Kurt Wolff Verlag, 1916. Der Text ist nach deutschem Urheberrecht gemeinfrei. Umschlaggestaltung: Perpicx Media Design, www.perpicx.de Bearbeitung und Veröffentlichung: © 2026 Suspense Verlag Inhaber: Jens Peter Conradi Höhenstraße 18, D-61267 Neu-Anspach E-Mail: [email protected]
chaptune
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chaptune.de/IGAVA6YNT
Das Mondlicht fällt auf das Fußende meines Bettes und liegt dort wie ein großer, heller, flacher Stein.
Wenn der Vollmond zu schrumpfen beginnt und seine rechte Seite verfällt – wie ein Gesicht, das dem Alter entgegengeht, zuerst an einer Wange Falten zeigt und abmagert –, dann bemächtigt sich meiner in dieser Nachtstunde eine trübe, qualvolle Unruhe. Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbschlaf vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen.
Ich hatte über das Leben des Buddha Gotama gelesen, ehe ich mich niederlegte, und in tausend Variationen zog der Satz immer wieder von vorn beginnend durch meinen Sinn: »Eine Krähe flog zu einem Stein hin, der wie ein Stück Fett aussah, und dachte: Vielleicht ist hier etwas Wohlschmeckendes. Da die Krähe dort jedoch nichts Wohlschmeckendes fand, flog sie fort. Wie die Krähe, die sich dem Stein genähert hat, so verlassen wir – wir, die Versucher – den Asketen Gotama, da wir das Gefallen an ihm verloren haben.«
Und das Bild von dem Stein, der aussah wie ein Stück Fett, wächst ins Ungeheuerliche in meinem Hirn: Ich schreite durch ein ausgetrocknetes Flussbett und hebe glatte Kiesel auf. Graublaue, mit glitzerndem Staub besprenkelt, über die ich nachgrübele und nachgrübele und doch nichts mit ihnen anzufangen weiß; dann schwarze mit schwefelgelben Flecken, wie die Stein gewordenen Versuche eines Kindes, plumpe, gesprenkelte Molche nachzubilden. Und ich will sie weit von mir werfen, diese Kiesel, doch immer wieder fallen sie mir aus der Hand, und ich kann sie nicht aus meinem Blickfeld bannen. Alle jene Steine, die jemals in meinem Leben eine Rolle gespielt haben, tauchen rings um mich her auf.
Manche quälen sich schwerfällig ab, sich aus dem Sand ans Licht emporzuarbeiten – wie große schieferfarbene Taschenkrebse, wenn die Flut zurückkehrt –, als wollten sie alles daransetzen, meine Blicke auf sich zu lenken, um mir Dinge von unendlicher Wichtigkeit zu sagen. Andere fallen erschöpft und kraftlos zurück in ihre Löcher und geben es auf, jemals zu Wort zu kommen.
Zuweilen fahre ich aus dem Dämmer dieser halben Träume empor und sehe für einen Augenblick wieder den Mondschein auf dem gebauschten Fußende meiner Decke liegen wie einen großen, hellen, flachen Stein; nur um blind von Neuem hinter meinem schwindenden Bewusstsein herzutappen, ruhelos nach jenem Stein suchend, der mich quält – der irgendwo verborgen im Schutt meiner Erinnerung liegen muss und aussieht wie ein Stück Fett.
Eine Regenrinne muss einst neben ihm auf der Erde gemündet haben, so male ich es mir aus – stumpfwinklig abgebogen, die Ränder vom Rost zerfressen –, und trotzig will ich im Geiste ein solches Bild erzwingen, um meine aufgescheuchten Gedanken zu belügen und in Schlaf zu lullen.
Es gelingt mir nicht.
Immer wieder und mit alberner Beharrlichkeit behauptet eine eigensinnige Stimme in meinem Innern – unermüdlich wie ein Fensterladen, den der Wind in regelmäßigen Abständen gegen die Mauer schlagen lässt: Es sei ganz anders, das sei gar nicht der Stein, der wie Fett aussehe. Und von dieser Stimme ist nicht loszukommen. Wenn ich hundertmal einwende, dass dies doch alles ganz nebensächlich sei, so schweigt sie wohl eine kleine Weile, wacht dann aber unvermerkt wieder auf und beginnt hartnäckig von Neuem: »Gut, gut, schon recht; es ist aber doch nicht der Stein, der wie ein Stück Fett aussieht.«
Langsam beginnt sich meiner ein unerträgliches Gefühl von Hilflosigkeit zu bemächtigen. Wie es weitergegangen ist, weiß ich nicht. Habe ich freiwillig jeden Widerstand aufgegeben, oder haben sie mich überwältigt und geknebelt, meine Gedanken?
Ich weiß nur: Mein Körper liegt schlafend im Bett, und meine Sinne sind losgelöst und nicht mehr an ihn gebunden.
Wer ist jetzt ich?, will ich plötzlich fragen. Da besinne ich mich, dass ich doch kein Organ mehr besitze, mit dem ich Fragen stellen könnte. Dann fürchte ich, die dumme Stimme werde wieder aufwachen und von neuem das endlose Verhör über den Stein und das Fett beginnen.
Und so wende ich mich ab.
Da stand ich plötzlich in einem düsteren Hof und sah durch einen rötlichen Torbogen gegenüber – jenseits der engen, schmutzigen Straße – einen jüdischen Trödler an einem Gewölbe lehnen. Der Eingang war an den Mauerrändern mit altem Eisengerümpel, zerbrochenen Werkzeugen, verrosteten Steigbügeln, Schlittschuhen und vielerlei anderen abgestorbenen Dingen behangen.
Dieses Bild trug jenes quälend Eintönige an sich, das all jene Eindrücke kennzeichnet, die tagtäglich wie Hausierer die Schwelle unserer Wahrnehmung überschreiten; es rief in mir weder Neugier noch Überraschung hervor. Mir wurde bewusst, dass ich schon seit langer Zeit in dieser Umgebung zu Hause war. Auch diese Empfindung hinterließ bei mir – trotz des Gegensatzes zu dem, was ich kurz zuvor noch wahrgenommen hatte und wie ich hierher gelangt war – keinerlei tieferen Eindruck
Ich muss wohl einmal von einem sonderbaren Vergleich zwischen einem Stein und einem Stück Fett gehört oder gelesen haben; dieser Einfall drängte sich mir plötzlich auf, als ich die ausgetretenen Stufen zu meiner Kammer emporstieg und mir über das speckige Aussehen der Steinschwellen flüchtige Gedanken machte.
Da hörte ich Schritte die Treppen über mir vorauslaufen. Als ich zu meiner Tür kam, sah ich, dass es die vierzehnjährige, rothaarige Rosina war, die zum Trödler Aaron Wassertrum gehörte. Ich musste dicht an ihr vorbei; sie stand mit dem Rücken gegen das Treppengeländer und bog sich lüstern zurück. Ihre schmutzigen Hände hatte sie fest um die Eisenstange gelegt, und ich sah, wie ihre nackten Unterarme bleich aus dem trüben Halbdunkel hervorleuchteten. Ich wich ihren Blicken aus. Mich ekelte vor ihrem zudringlichen Lächeln und diesem wächsernen Schaukelpferdgesicht.
Sie muss schwammiges, weißes Fleisch haben wie der Axolotl, den ich vorhin im Salamanderkäfig beim Vogelhändler gesehen habe, dachte ich. Die Wimpern Rothaariger sind mir widerwärtig wie die eines Kaninchens. Ich sperrte auf und schlug rasch die Tür hinter mir zu.
Von meinem Fenster aus konnte ich den Trödler Aaron Wassertrum vor seinem Gewölbe stehen sehen. Er lehnte am Eingang der dunklen Wölbung und knipste mit einer Beißzange an seinen Fingernägeln herum. War die rothaarige Rosina seine Tochter oder seine Nichte? Er hatte keinerlei Ähnlichkeit mit ihr.
Unter den Gesichtern, die ich Tag für Tag in der Hahnpassgasse auftauchen sehe, kann ich deutlich verschiedene Stämme unterscheiden. Diese lassen sich durch die nahe Verwandtschaft der einzelnen Individuen so wenig verwischen, wie sich Öl und Wasser vermengen. Da darf man nicht sagen: ›Die dort sind Brüder‹ oder ›Vater und Sohn‹. Der gehört zu jenem Stamm und dieser zu einem anderen – das ist alles, was sich aus den Gesichtszügen lesen lässt.
Was bewiese es auch, wenn selbst Rosina dem Trödler ähnlich sähe! Diese Stämme hegen einen heimlichen Ekel und Abscheu voreinander, der sogar die Schranken der engen Blutsverwandtschaft durchbricht – aber sie verstehen es, ihn vor der Außenwelt geheim zu halten, wie man ein gefährliches Geheimnis hütet. Kein Einziger lässt ihn durchblicken; in dieser Übereinstimmung gleichen sie hasserfüllten Blinden, die sich an ein schmutzgetränktes Seil klammern: der eine mit beiden Fäusten, ein anderer nur widerwillig mit einem Finger, alle aber von einer abergläubischen Furcht besessen, dass sie dem Untergang geweiht sind, sobald sie den gemeinsamen Halt aufgeben und sich voneinander trennen.
Rosina gehört zu jenem Stamm, dessen rothaariger Typus noch abstoßender ist als der der anderen; dessen Männer engbrüstig sind und lange Hühnerhälse mit vorstehendem Adamsapfel haben. Alles scheint an ihnen sommersprossig zu sein. Ihr ganzes Leben leiden diese Männer unter triebhaften Qualen und kämpfen heimlich einen ununterbrochenen, erfolglosen Kampf gegen ihre Gelüste, gefoltert von einer immerwährenden, widerlichen Angst um ihre Gesundheit.
Ich war mir nicht im Klaren darüber, wieso ich Rosina überhaupt mit dem Trödler Wassertrum in Verbindung brachte. Nie hatte ich sie in der Nähe des Alten gesehen oder bemerkt, dass sie einander jemals etwas zugerufen hätten. Auch hielt sie sich fast immer in unserem Hof auf oder drückte sich in den dunklen Winkeln und Gängen unseres Hauses herum. Sicherlich halten sie alle meine Mitbewohner für eine nahe Verwandte oder zumindest für eine Schutzbefohlene des Trödlers, und doch bin ich überzeugt, dass kein Einziger einen Grund für eine solche Vermutung angeben könnte.
Ich wollte meine Gedanken von Rosina losreißen und sah aus dem offenen Fenster meiner Stube hinab auf die Hahnpassgasse. Als hätte Aaron Wassertrum meinen Blick gespürt, wandte er plötzlich sein Gesicht zu mir empor. Sein starres, grässliches Gesicht mit den runden Fischaugen und der klaffenden Oberlippe, die von einer Hasenscharte gespalten wird. Er kam mir wie eine menschliche Spinne vor, die die feinste Berührung ihres Netzes spürt, so teilnahmslos sie sich auch stellt.
Und wovon er wohl leben mag? Was denkt er, und was ist sein Vorhaben? Ich wusste es nicht.
An den Mauerrändern seines Gewölbes hängen unverändert Tag für Tag, jahraus, jahrein dieselben toten, wertlosen Dinge. Mit geschlossenen Augen hätte ich sie zeichnen können: hier die verbogene Blechtrompete ohne Ventile, dort das vergilbte, auf Papier gemalte Bild mit den so sonderbar zusammengestellten Soldaten. Dann eine Girlande verrosteter Sporen an einem schimmeligen Lederriemen und anderes, halb vermodertes Gerümpel. Und vorne auf dem Boden, dicht nebeneinander geschichtet, sodass niemand die Schwelle des Gewölbes überschreiten kann, eine Reihe runder eiserner Herdplatten.
Diese Dinge nahmen an Zahl nie zu und nie ab; und blieb wirklich hier und da einmal ein Vorübergehender stehen und fragte nach dem Preis des einen oder anderen, geriet der Trödler in heftige Erregung. In grauenerregender Weise zog er dann seine Lippe mit der Hasenscharte empor und sprudelte gereizt etwas Unverständliches in einem gurgelnden, stolpernden Bass hervor, dass dem Käufer die Lust zum Weiterfragen verging und er abgeschreckt seinen Weg fortsetzte.
Der Blick des Aaron Wassertrum war blitzschnell von meinen Augen abgeglitten und ruhte jetzt mit gespanntem Interesse auf den kahlen Mauern, die vom Nachbarhaus an mein Fenster stoßen. Was konnte er dort nur sehen? Das Haus steht doch mit dem Rücken zur Hahnpassgasse, und seine Fenster blicken in den Hof! Nur eines ist zur Straße gekehrt. Zufällig schienen die Räume nebenan auf derselben Stockhöhe wie die meinigen – ich glaube, sie gehören zu einem verwinkelten Atelier – in diesem Moment betreten worden zu sein; denn durch die Mauern hörte ich nun eine männliche und eine weibliche Stimme miteinander reden. Unmöglich konnte das jedoch der Trödler von unten aus wahrgenommen haben!
Vor meiner Tür bewegte sich jemand, und ich erriet: Es ist immer noch Rosina, die draußen im Dunkeln steht, in begehrlichem Warten, dass ich sie vielleicht doch zu mir hereinrufen wolle. Und unten, ein halbes Stockwerk tiefer, lauert der blatternarbige, halbwüchsige Loisa auf den Stufen mit angehaltenem Atem, ob ich die Tür öffnen werde; und ich spüre förmlich den Hauch seines Hasses und seine schäumende Eifersucht bis zu mir herauf. Er fürchtet sich, näher zu kommen und von Rosina bemerkt zu werden. Er weiß sich von ihr abhängig wie ein hungriger Wolf von seinem Wärter und möchte doch am liebsten aufspringen und seiner Wut besinnungslos die Zügel schießen lassen!
– – –
Ich setzte mich an meinen Arbeitstisch und suchte meine Pinzetten und Stichel hervor. Aber ich konnte nichts zustande bringen; meine Hand war nicht ruhig genug, um die feinen japanischen Gravuren auszubessern. Das trübe, düstere Leben, das an diesem Hause haftet, lässt mein Gemüt nicht zur Ruhe kommen, und immer wieder tauchen alte Bilder in mir auf.
Loisa und sein Zwillingsbruder Jaromir sind wohl kaum ein Jahr älter als Rosina. An ihren Vater, der Hostienbäcker gewesen war, konnte ich mich kaum mehr erinnern, und jetzt sorgt für sie, glaube ich, ein altes Weib. Ich wusste nur nicht, welche es unter den vielen war, die versteckt im Hause wohnen wie Kröten in ihrem Schlupfwinkel. Sie sorgt für die beiden Jungen – das heißt: Sie gewährt ihnen Unterkunft. Dafür müssen sie ihr abliefern, was sie gelegentlich stehlen oder erbetteln. Ob sie ihnen wohl auch zu essen gibt? Ich konnte es mir nicht vorstellen, denn erst spät abends kommt die Alte heim. Leichenwäscherin soll sie sein.
Loisa, Jaromir und Rosina sah ich, als sie noch Kinder waren, oft harmlos zu dritt im Hof spielen. Die Zeit aber ist längst vorbei. Den ganzen Tag ist Loisa jetzt hinter dem rothaarigen Judenmädel her. Zuweilen sucht er sie lange umsonst, und wenn er sie nirgends finden kann, dann schleicht er sich vor meine Tür und wartet mit verzerrtem Gesicht darauf, dass sie heimlich hierherkomme. Da sehe ich ihn im Geiste, während ich bei meiner Arbeit sitze, draußen in dem winkeligen Gang lauern, den Kopf mit dem ausgemergelten Genick horchend vorgebeugt.
Manchmal bricht durch die Stille plötzlich ein wilder Lärm. Jaromir, der taubstumm ist und dessen ganzes Denken eine ununterbrochene, wahnsinnige Gier nach Rosina erfüllt, irrt wie ein wildes Tier im Hause umher. Sein unartikuliertes, heulendes Gebell, das er vor Eifersucht und Argwohn halb von Sinnen ausstößt, klingt so schauerlich, dass einem das Blut in den Adern stockt. Er sucht die beiden, die er stets beieinander vermutet – irgendwo in einem der tausend schmutzigen Schlupfwinkel versteckt – in blinder Raserei. Immer wird er von dem Gedanken gepeitscht, seinem Bruder auf den Fersen sein zu müssen, damit nichts mit Rosina geschehe, von dem er nicht wisse.
Und gerade diese unaufhörliche Qual des Krüppels ist, so ahnte ich, das Reizmittel, das Rosina antreibt, sich stets von Neuem mit dem anderen einzulassen. Wird ihre Neigung oder Bereitwilligkeit schwächer, so ersinnt Loisa immer wieder besondere Scheußlichkeiten, um Rosinas Gier von Neuem zu entfachen. Dann lassen sie sich scheinbar oder wirklich von dem Taubstummen ertappen und locken den Rasenden heimtückisch hinter sich her in dunkle Gänge, wo sie aus rostigen Fassreifen, die in die Höhe schnellen, wenn man auf sie tritt, und eisernen Rechen – mit den Spitzen nach oben gekehrt – bösartige Fallen errichtet haben, in die er stürzen muss.
Von Zeit zu Zeit denkt sich Rosina, um die Folter aufs Äußerste anzuspannen, auf eigene Faust etwas Höllisches aus. Dann ändert sie mit einem Schlag ihr Benehmen gegenüber Jaromir und tut so, als fände sie plötzlich Gefallen an ihm. Mit ihrer ewig lächelnden Miene teilt sie dem Krüppel hastig Dinge mit, die ihn in eine fast irrsinnige Erregung versetzen; und sie hat sich dazu eine geheimnisvoll scheinende, nur halb verständliche Zeichensprache ersonnen, die den Taubstummen rettungslos in ein unentwirrbares Netz von Ungewissheit und verzehrenden Hoffnungen verstricken muss.
Einmal sah ich ihn im Hof vor ihr stehen. Sie sprach mit so heftigen Lippenbewegungen und Gesten auf ihn ein, dass ich glaubte, er würde jeden Augenblick vor wilder Aufregung zusammenbrechen. Der Schweiß lief ihm übers Gesicht – eine Folge der übermenschlichen Anstrengung, den Sinn dieser absichtlich unklaren, hastigen Mitteilungen zu erfassen.
Den ganzen folgenden Tag lauerte er dann fiebernd vor Erwartung auf den finsteren Stiegen eines halb versunkenen Hauses, das in der Verlängerung der engen, schmutzigen Hahnpassgasse liegt – bis er die Zeit versäumt hatte, sich an den Straßenecken ein paar Kreuzer zu erbetteln. Und als er spät abends, halb tot vor Hunger und Aufregung, nach Hause wollte, hatte ihn die Pflegemutter längst ausgesperrt.
– – –
Ein fröhliches Frauenlachen drang aus dem angrenzenden Atelier durch die Mauern zu mir herüber. Ein Lachen! In diesen Häusern ein fröhliches Lachen? Im ganzen Ghetto wohnt niemand, der fröhlich lachen könnte.
Da fiel mir ein, dass mir vor einigen Tagen der alte Marionettenspieler Zwakh anvertraut hatte, ein junger, vornehmer Herr habe ihm das Atelier teuer abgemietet – offenbar, um mit der Erwählten seines Herzens unberwerkt zusammenkommen zu können. Nach und nach, jede Nacht, müssten nun die kostbaren Möbel des neuen Mieters heimlich Stück für Stück hinaufgeschafft werden, damit niemand im Hause etwas merke.
Der gutmütige Alte hatte sich vor Vergnügen die Hände gerieben, als er es mir erzählte. Er freute sich kindlich darüber, wie geschickt er alles eingefädelt habe: Keiner der Mitbewohner könne auch nur eine Ahnung von dem romantischen Liebespaar haben. Von drei Häusern aus sei es möglich, unauffällig in das Atelier zu gelangen – sogar durch eine Falltür gäbe es einen Zugang! Ja, wenn man die eiserne Tür des Bodenraums aufklinke – was von drüben aus sehr leicht sei –, könne man an meiner Kammer vorbei zu den Stiegen unseres Hauses gelangen und diese als Ausgang benutzen ...
Wieder klingt das fröhliche Lachen herüber und lässt in mir die undeutliche Erinnerung an eine luxuriöse Wohnung und an eine adlige Familie auftauchen, zu der ich oft gerufen wurde, um an kostbaren Altertümern kleine Ausbesserungen vorzunehmen.
Plötzlich höre ich nebenan einen gellenden Schrei. Ich horche erschreckt auf. Die eiserne Bodentür klirrt heftig, und im nächsten Augenblick stürzt eine Dame in mein Zimmer. Ihr Haar ist aufgelöst, sie ist weiß wie die Wand und hat sich einen goldenen Brokatstoff über die bloßen Schultern geworfen.
»Meister Pernath, verbergen Sie mich – um Jesu Christi willen! Fragen Sie nicht, verbergen Sie mich hier!«
Ehe ich noch antworten konnte, wurde meine Tür abermals aufgerissen und sofort wieder zugeschlagen. Eine Sekunde lang hatte das Gesicht des Trödlers Aaron Wassertrum wie eine scheußliche Maske hereingegrinst.
Ein runder, leuchtender Fleck taucht vor mir auf, und im Schein des Mondlichts erkenne ich wiederum das Fußende meines Bettes. Noch liegt der Schlaf auf mir wie ein schwerer, wolliger Mantel, und der Name Pernath steht in goldenen Buchstaben vor meiner Erinnerung.
Wo nur habe ich diesen Namen gelesen? Athanasius Pernath?
Ich glaube – ich glaube, vor langer, langer Zeit habe ich einmal irgendwo meinen Hut verwechselt. Ich wunderte mich damals, dass er mir so genau passte, obwohl ich doch eine höchst eigentümliche Kopfform habe. Und ich sah in den fremden Hut hinein – damals und ... ja, ja, dort war es gestanden, in goldenen Papierbuchstaben auf dem weißen Futter: ›Athanasius Pernath‹.
Ich hatte mich vor dem Hut gescheut und gefürchtet, ich wusste nicht, warum. Da fährt plötzlich die Stimme, die ich vergessen hatte und die immer von mir wissen wollte, wo der Stein sei, der wie Fett ausgesehen habe, auf mich los – gleich einem Pfeil.
Schnell male ich mir das scharfe, süßlich grinsende Profil der roten Rosina aus; so gelingt es mir, dem Pfeil auszuweichen, der sich sogleich in der Finsternis verliert. Ja, das Gesicht der Rosina! Das ist doch noch stärker als die stumpfsinnige, plappernde Stimme. Und da ich mich jetzt gleich wieder in meinem Zimmer in der Hahnpassgasse geborgen fühlen werde, kann ich ganz ruhig sein.
Wenn ich mich nicht in dem Gefühl getäuscht habe, dass jemand in einem gewissen, gleichbleibenden Abstand hinter mir die Treppe heraufkommt, um mich zu besuchen, so muss er jetzt ungefähr auf dem letzten Treppenabsatz stehen. Jetzt biegt er um die Ecke, wo der Archivar Schemajah Hillel seine Wohnung hat, und tritt von den ausgetretenen Steinfliesen auf den Flur des oberen Stockwerks, der mit roten Ziegeln ausgelegt ist. Nun tastet er sich an der Wand entlang, und jetzt, gerade jetzt, muss er – mühsam im Finstern buchstabierend – meinen Namen auf dem Türschild lesen.
Ich stellte mich aufrecht in die Mitte des Zimmers und blickte zum Eingang. Da öffnete sich die Tür, und er trat ein. Er machte nur wenige Schritte auf mich zu; er nahm weder den Hut ab, noch sagte er ein Wort zur Begrüßung. So benimmt er sich, wenn er zu Hause ist, fühlte ich, und ich fand es ganz selbstverständlich, dass er so und nicht anders handelte.
Er griff in die Tasche und nahm ein Buch heraus. Dann blätterte er lange darin herum. Der Umschlag des Buches war aus Metall, und die Vertiefungen in Form von Rosetten und Siegeln waren mit Farbe und kleinen Steinen ausgefüllt. Endlich hatte er die Stelle gefunden, die er suchte, und deutete darauf. Das Kapitel hieß ›Ibbur – die Seelenschwängerung‹, entzifferte ich. Das große, in Gold und Rot ausgeführte Initial ›I‹ nahm fast die Hälfte der ganzen Seite ein, die ich unwillkürlich überflog; am Rande war es beschädigt. Ich sollte es ausbessern.
Das Initial war nicht auf das Pergament geklebt, wie ich es bisher in alten Büchern gesehen hatte. Es schien vielmehr aus zwei Platten dünnen Goldes zu bestehen, die in der Mitte zusammengelötet waren und mit den Enden um die Ränder des Pergaments griffen. Musste also dort, wo der Buchstabe stand, ein Loch in das Blatt geschnitten sein? Wenn das der Fall war, musste auf der nächsten Seite das ›I‹ spiegelverkehrt stehen. Ich blätterte um und fand meine Annahme bestätigt.
Unwillkürlich las ich auch diese Seite durch und die gegenüberliegende. Und ich las weiter und weiter. Das Buch sprach zu mir, wie der Traum spricht – nur klarer und viel deutlicher. Und es rührte mein Herz an wie eine Frage. Worte strömten aus einem unsichtbaren Mund, wurden lebendig und kamen auf mich zu. Sie drehten und wandten sich vor mir wie bunt gekleidete Sklavinnen, sanken dann in den Boden oder verschwanden wie schillernder Dunst in der Luft, um der Nächsten Platz zu machen. Jede hoffte eine kleine Weile, dass ich sie erwählen und auf den Anblick der Kommenden verzichten würde.
Manche unter ihnen schritten prunkvoll einher wie Pfauen, in schimmernden Gewändern, und ihre Schritte waren langsam und gemessen. Manche wie Königinnen, doch gealtert und verlebt, die Augenlider gefärbt – mit einem dirnenhaften Zug um den Mund und Runzeln, die mit hässlicher Schminke verdeckt waren. Ich sah an ihnen vorbei und nach den Folgenden aus, und mein Blick glitt über lange Züge grauer Gestalten mit Gesichtern, die so gewöhnlich und ausdrucksarm waren, dass es unmöglich schien, sie dem Gedächtnis einzuprägen.
Dann schleppten sie ein Weib herbei; sie war splitternackt und riesenhaft wie ein Erzkoloss. Eine Sekunde lang blieb das Weib vor mir stehen und beugte sich zu mir nieder. Ihre Wimpern waren so lang wie mein ganzer Körper, und sie deutete stumm auf den Puls ihrer linken Hand. Er schlug wie ein Erdbeben, und ich fühlte: Es war das Leben einer ganzen Welt in ihr.
Aus der Ferne raste ein Korybantenzug heran. Ein Mann und ein Weib umschlangen sich. Ich sah sie von Weitem kommen, und immer näher brauste der Zug. Jetzt hörte ich den hallenden Gesang der Verzückten dicht vor mir, und meine Augen suchten das verschlungene Paar. Das aber hatte sich verwandelt in eine einzige Gestalt und saß – halb männlich, halb weiblich, ein Hermaphrodit – auf einem Thron aus Perlmutt. Und die Krone des Hermaphroditen endete in einem Brett aus rotem Holz; darin hatte der Wurm der Zerstörung geheimnisvolle Runen genagt.
In einer Staubwolke kam eilig hinterdrein eine Herde kleiner, blinder Schafe getrappelt: die Futtertiere, die der gigantische Zwitter in seinem Gefolge führte, um seine Korybantenschar am Leben zu erhalten. Zuweilen waren unter den Gestalten, die aus dem unsichtbaren Mund strömten, etliche, die aus Gräbern kamen – Tücher vor dem Gesicht. Und blieben sie vor mir stehen, ließen sie plötzlich ihre Hüllen fallen und starrten mit Raubtieraugen hungrig auf mein Herz, sodass ein eisiger Schreck mir ins Hirn fuhr und mein Blut sich zurückstaute wie ein Strom, in dessen Bett plötzlich Felsblöcke vom Himmel gefallen sind.
Eine Frau schwebte an mir vorbei. Ich sah ihr Antlitz nicht; sie wandte es ab und trug einen Mantel aus fließenden Tränen. Maskenzüge tanzten vorüber, lachten und kümmerten sich nicht um mich. Nur ein Pierrot sieht sich nachdenklich nach mir um und kehrt zurück. Er pflanzt sich vor mir auf und blickt in mein Gesicht, als sei es ein Spiegel. Er schneidet so seltsame Grimassen, hebt und bewegt seine Arme – bald zögernd, bald blitzschnell –, dass sich meiner ein gespenstischer Drang bemächtigt, ihn nachzuahmen: mit den Augen zu zwinkern, mit den Achseln zu zucken und die Mundwinkel zu verziehen. Da stoßen ihn ungeduldig nachdrängende Gestalten zur Seite, die alle vor meine Augen wollen.
Doch keines dieser Wesen hat Bestand. Gleitende Perlen sind sie, auf eine Seidenschnur gereiht; die einzelnen Töne einer Melodie, die dem unsichtbaren Mund entströmen. Das war kein Buch mehr, das zu mir sprach. Das war eine Stimme. Eine Stimme, die etwas von mir wollte, das ich nicht begriff, wie sehr ich mich auch abmühte. Sie quälte mich mit brennenden, unverständlichen Fragen. Die Stimme aber, die diese sichtbaren Worte sprach, war abgestorben und ohne Widerhall. Jeder Laut, der in der Welt der Gegenwart erklingt, hat viele Echos – so wie jedes Ding einen großen Schatten und viele kleine Schatten hat. Doch diese Stimme hatte kein Echo mehr; lange, lange schon war es wohl verweht und verklungen.
– – –
Ich hatte das Buch bis zu Ende gelesen und hielt es noch in den Händen; da war mir, als hätte ich suchend in meinem eigenen Gehirn geblättert und nicht in einem Buch! Alles, was mir die Stimme gesagt hatte, hatte ich seit Beginn meines Lebens in mir getragen. Es war nur verdeckt und vergessen gewesen und hatte sich vor meinem Denken versteckt gehalten – bis zum heutigen Tag.
Ich blickte auf. Wo war der Mann, der mir das Buch gebracht hatte? Fortgegangen!? Wird er es holen, wenn es fertig ist? Oder sollte ich es ihm bringen? Aber ich konnte mich nicht erinnern, dass er gesagt hätte, wo er wohne. Ich wollte mir seine Erscheinung ins Gedächtnis zurückrufen, doch es misslang. Wie war er nur gekleidet gewesen? War er alt oder jung? Welche Farbe hatten sein Haar und sein Bart? Nichts, gar nichts mehr konnte ich mir vorstellen. Alle Bilder, die ich mir von ihm schuf, zerrannen haltlos, noch ehe ich sie im Geiste zusammenzusetzen vermochte. Ich schloss die Augen und presste die Hand auf die Lider, um auch nur einen winzigen Teil seines Bildnisses zu erhaschen. Nichts, nichts.
Ich stellte mich mitten ins Zimmer und blickte auf die Tür, wie ich es vorhin getan hatte, als er gekommen war. Ich malte mir aus: Jetzt biegt er um die Ecke, jetzt schreitet er über den Ziegelsteinboden, liest jetzt draußen mein Türschild ›Athanasius Pernath‹ und jetzt tritt er herein. Vergebens. Nicht die leiseste Spur einer Erinnerung, wie seine Gestalt ausgesehen hatte, wollte in mir erwachen. Ich sah das Buch auf dem Tisch liegen und wünschte mir im Geiste die Hand dazu, die es aus der Tasche gezogen und mir gereicht hatte. Nicht einmal, ob sie einen Handschuh getragen hatte, ob sie entblößt, jung oder runzlig, mit Ringen geschmückt war oder nicht, konnte ich mich entsinnen.
Da kam mir ein seltsamer Einfall. Es war wie eine Eingebung, der man nicht widerstehen darf. Ich zog meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf, ging hinaus auf den Gang und die Treppen hinab. Dann kehrte ich langsam wieder in mein Zimmer zurück. Langsam, ganz langsam, so wie er, als er gekommen war.
Als ich die Tür öffnete, sah ich, dass meine Kammer bereits in der Dämmerung lag. War es denn nicht noch heller Tag gewesen, als ich soeben hinausging? Wie lange musste ich gegrübelt haben, dass ich nicht bemerkte, wie spät es geworden war! Und ich versuchte, den Unbekannten in Gang und Mienen nachzuahmen, obwohl ich mich doch gar nicht an sie erinnern konnte. Wie sollte es mir auch glücken, ihn zu kopieren, wenn ich keinen Anhaltspunkt mehr hatte, wie er ausgesehen haben mochte?
Aber es kam anders. Ganz anders, als ich dachte. Meine Haut, meine Muskeln, mein Körper erinnerten sich plötzlich, ohne es dem Gehirn zu verraten. Sie vollführten Bewegungen, die ich nicht wünschte und nicht beabsichtigte. Als ob meine Glieder nicht mehr mir gehörten! Mit einem Mal war mein Gang tappend und fremdartig geworden, während ich ein paar Schritte im Zimmer machte. »Das ist der Gang eines Menschen, der beständig im Begriff ist, vornüberzufallen«, sagte ich mir. Ja, ja, ja – so war sein Gang! Ganz deutlich wusste ich: So ist er.
Ich trug ein fremdes, bartloses Gesicht mit hervorstehenden Backenknochen und schaute aus schräg stehenden Augen. Ich fühlte es und konnte mich doch nicht sehen. »Das ist nicht mein Gesicht!«, wollte ich entsetzt aufschreien, wollte es betasten, doch meine Hand folgte meinem Willen nicht. Sie senkte sich in die Tasche und holte ein Buch hervor. Ganz so, wie er es vorhin getan hatte.
Da plötzlich sitze ich wieder ohne Hut und ohne Mantel am Tisch und bin ich. Ich, ich. Athanasius Pernath. Grauen und Entsetzen schüttelten mich, mein Herz raste bis zum Zerspringen, und ich fühlte: Gespenstische Finger, die soeben noch in meinem Gehirn herumgetastet hatten, haben von mir abgelassen. Noch spürte ich im Hinterkopf die kalte Spur ihrer Berührung. Nun wusste ich, wie der Fremde war, und ich hätte ihn jeden Augenblick wieder in mir fühlen können, wenn ich nur gewollt hätte. Aber mir sein Bild so vorzustellen, dass ich es Auge in Auge vor mir sehen würde – das vermochte ich noch immer nicht und werde es auch nie können.
Es ist wie ein Negativ, eine unsichtbare Hohlform, erkannte ich, deren Linien ich nicht erfassen kann – in die ich selber hineinschlüpfen muss, wenn ich mir ihrer Gestalt und ihres Ausdrucks im eigenen Ich bewusst werden will.
In der Schublade meines Tisches stand eine eiserne Kassette; in diese wollte ich das Buch sperren. Erst wenn dieser Zustand der geistigen Trübung von mir gewichen sein würde, wollte ich es wieder hervorholen und mich an die Ausbesserung des beschädigten Initials »I« machen. Und ich nahm das Buch vom Tisch. Dabei war mir, als hätte ich es gar nicht berührt; ich fasste die Kassette an: dasselbe Gefühl. Es war, als müsste das Tastempfinden eine lange, lange Strecke voll tiefer Dunkelheit durchlaufen, ehe es in meinem Bewusstsein ankam. Als seien die Dinge durch eine jahreweite Zeitschicht von mir entfernt und gehörten einer Vergangenheit an, die längst an mir vorübergezogen war!
Die Stimme, die mich in der Finsternis suchend umkreist, um mich mit dem fettigen Stein zu quälen, ist an mir vorbeigekommen und hat mich nicht gesehen. Und ich weiß, dass sie aus dem Reich des Schlafes stammt. Aber was ich soeben erlebt habe, das war wirkliches Leben – darum konnte sie mich nicht sehen und sucht vergeblich nach mir, so fühle ich es.
Neben mir stand der Student Charousek, den Kragen seines dünnen, fadenscheinigen Überziehers aufgeschlagen. Ich hörte, wie ihm vor Kälte die Zähne aufeinanderschlugen.
Er kann sich den Tod holen in diesem zugigen, eisigen Torbogen, sagte ich mir und forderte ihn auf, mit hinüber in meine Wohnung zu kommen.
Er aber lehnte ab. »Ich danke Ihnen, Meister Pernath«, murmelte er fröstelnd. »Leider habe ich nicht mehr viel Zeit; ich muss eilig in die Stadt. Auch würden wir bis auf die Haut nass, wenn wir jetzt auf die Gasse träten – schon nach wenigen Schritten! Der Platzregen will nicht schwächer werden!«
Die Wasserschauer fegten über die Dächer und liefen an den Fassaden der Häuser herunter wie ein Tränenstrom. Wenn ich den Kopf ein wenig vorbog, konnte ich da drüben im vierten Stock mein Fenster sehen, das, vom Regen überrieselt, aussah, als seien seine Scheiben aufgeweicht – undurchsichtig und höckerig wie Fischblase. Ein gelber Schmutzbach floss die Gasse hinab, und der Torbogen füllte sich mit Vorübergehenden, die alle das Nachlassen des Unwetters abwarten wollten.
»Dort schwimmt ein Brautbukett«, sagte plötzlich Charousek und deutete auf einen Strauß aus welken Myrten, der im Schmutzwasser vorbeigetrieben kam.
Darüber lachte jemand hinter uns laut auf. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass es ein alter, vornehm gekleideter Herr mit weißem Haar und einem aufgedunsenen, krötenartigen Gesicht war.
Charousek blickte ebenfalls einen Augenblick zurück und brummte etwas vor sich hin. Etwas Unangenehmes ging von dem Alten aus; ich wandte meine Aufmerksamkeit von ihm ab und musterte die verfärbten Häuser, die vor meinen Augen wie verdrossene alte Tiere im Regen nebeneinander hockten. Wie unheimlich und verkommen sie alle aussahen! Ohne Plan hingebaut standen sie da wie Unkraut, das aus dem Boden bricht.
An eine niedrige, gelbe Steinmauer – den einzigen Überrest eines früheren, langgestreckten Gebäudes – hatte man sie vor zwei, drei Jahrhunderten angelehnt, wie es eben kam, ohne Rücksicht auf die anderen zu nehmen. Dort ein halbes, schiefwinkliges Haus mit zurückspringender Stirn; daneben ein anderes, vorstehend wie ein Eckzahn. Unter dem trüben Himmel sahen sie aus, als lägen sie im Schlaf. Man spürte nichts von dem tückischen, feindseligen Leben, das zuweilen von ihnen ausstrahlt, wenn der Herbstnebel in den Gassen liegt und hilft, ihr leises, kaum merkliches Mienenspiel zu verbergen.
In dem Menschenalter, das ich nun hier wohne, hat sich ein Eindruck in mir festgesetzt, den ich nicht loswerden kann: Es scheint, als gäbe es für sie gewisse Stunden in der Nacht und im frühesten Morgengrauen, in denen sie erregt eine lautlose, geheimnisvolle Beratung pflegen. Manchmal fährt dann ein unerklärliches Beben durch ihre Mauern, Geräusche laufen über ihre Dächer und fallen in den Regenrinnen nieder – und wir nehmen sie mit unseren stumpfen Sinnen achtlos hin, ohne nach ihrer Ursache zu forschen.
Oft träumte mir, ich hätte diese Häuser bei ihrem spukhaften Treiben belauscht und mit angstvollem Staunen erfahren, dass sie die heimlichen, eigentlichen Herren der Gasse sind. Sie können ihr Leben und Fühlen abgeben und wieder an sich ziehen; tagsüber borgen sie es den Bewohnern, die hier hausen, um es in der kommenden Nacht mit Wucherzinsen wieder zurückzufordern.
Und wenn ich die seltsamen Menschen im Geiste an mir vorüberziehen lasse, die in ihnen wohnen wie Schemen – Wesen, die nicht von Müttern geboren und in ihrem Denken und Tun wahllos aus Stücken zusammengefügt scheinen –, so bin ich mehr denn je geneigt zu glauben: Solche Träume bergen dunkle Wahrheiten, die in meinem Wachzustand nur noch wie Eindrücke farbiger Märchen in der Seele fortglimmen.
Dann wacht in mir heimlich die Sage vom gespenstischen Golem wieder auf, jenem künstlichen Menschen, den einst hier im Ghetto ein kabbalakundiger Rabbiner aus den Elementen formte. Er berief ihn zu einem gedankenlosen, automatischen Dasein, indem er ihm ein magisches Zahlenwort hinter die Zähne schob. Und wie jener Golem in derselben Sekunde zu einem Lehmbild erstarrte, in der die geheime Silbe des Lebens aus seinem Mund genommen wurde, so müssten auch, mir scheint, all diese Menschen im selben Augenblick entseelt zusammenbrechen, löschte man in ihrem Hirn nur einen winzigen Begriff aus – ein nebensächliches Streben, eine zwecklose Gewohnheit oder gar nur ein dumpfes Warten auf etwas gänzlich Unbestimmtes.
Was für ein immerwährendes, schreckhaftes Lauern liegt in diesen Geschöpfen! Niemals sieht man diese Menschen arbeiten, und dennoch sind sie früh beim ersten Leuchten des Morgens wach und warten mit angehaltenem Atem – wie auf ein Opfer, das doch niemals kommt.
Und hat es wirklich einmal den Anschein, als träte jemand in ihren Bereich – irgendein Wehrloser, an dem sie sich bereichern könnten –, dann fällt plötzlich eine lähmende Angst über sie her, scheucht sie in ihre Winkel zurück und lässt sie zitternd von jeglichem Vorhaben abstehen. Niemand scheint schwach genug zu sein, dass ihnen noch so viel Mut bliebe, sich seiner zu bemächtigen.
»Entartete, zahnlose Raubtiere, denen man die Kraft und die Waffen genommen hat«, sagte Charousek zögernd und sah mich an.
Wie konnte er wissen, woran ich dachte? Man facht seine Gedanken zuweilen so stark an, dass sie imstande sind, auf das Gehirn des Nebenstehenden überzuspringen wie sprühende Funken, so fühlte ich es.
»Wovon sie wohl leben mögen?«, sagte ich nach einer Weile.
»Leben? Wovon? Mancher unter ihnen ist ein Millionär!«
Ich blickte Charousek an. Was konnte er damit meinen? Der Student aber schwieg und sah zu den Wolken empor. Für einen Augenblick war das Stimmengemurmel im Torbogen verstummt, und man hörte bloß das Zischen des Regens. Was er nur damit sagen wollte: »Mancher unter ihnen ist ein Millionär!«?
Wieder war es, als hätte Charousek meine Gedanken erraten. Er wies auf den Trödlerladen neben uns, an dem das Wasser den Rost des Eisengerümpels in fließenden, braunroten Pfützen vorbei spülte.
»Aaron Wassertrum! Er zum Beispiel ist Millionär – fast ein Drittel der Judenstadt ist sein Besitz. Wissen Sie das denn nicht, Herr Pernath?«
Mir blieb förmlich der Atem weg. »Aaron Wassertrum! Der Trödler Aaron Wassertrum ein Millionär?«
»Oh, ich kenne ihn genau«, fuhr Charousek verbissen fort, als hätte er nur darauf gewartet, dass ich ihn fragte. »Ich kannte auch seinen Sohn, den Dr. Wassory. Haben Sie nie von ihm gehört? Von Dr. Wassory, dem berühmten Augenarzt? Vor einem Jahr noch hat die ganze Stadt begeistert von ihm gesprochen – von dem großen Gelehrten. Niemand wusste damals, dass er seinen Namen abgelegt hatte und früher Wassertrum hieß. Er spielte sich gerne als der weltfremde Mann der Wissenschaft auf, und wenn einmal die Rede auf seine Herkunft kam, warf er bescheiden und tief bewegt mit halben Worten hin, dass sein Vater noch aus dem Ghetto stamme – sich aus den niedrigsten Anfängen unter Kummer aller Art und unsäglichen Sorgen empor ans Licht habe arbeiten müssen. Ja! Unter Kummer und Sorgen! Aber unter wessen Kummer und unsäglichen Sorgen und mit welchen Mitteln er das tat, das hat er nicht dazu gesagt! Ich aber weiß, was es mit dem Ghetto für eine Bewandtnis hat!«
Charousek fasste meinen Arm und schüttelte ihn heftig. »Meister Pernath, ich bin so arm, dass ich es selbst kaum mehr begreife; ich muss halbnackt gehen wie ein Vagabund, sehen Sie her – und ich bin doch Student der Medizin, bin doch ein gebildeter Mensch!«
Er riss seinen Überzieher auf, und ich sah zu meinem Entsetzen, dass er weder Hemd noch Rock anhatte und den Mantel über der nackten Haut trug.
»Und so arm war ich bereits, als ich diese Bestie, diesen allmächtigen, angesehenen Dr. Wassory zu Fall brachte – und noch heute ahnt keiner, dass ich, ich der eigentliche Urheber war. Man meint in der Stadt, ein gewisser Dr. Savioli sei es gewesen, der seine Praktiken ans Tageslicht gezogen und ihn dann zum Selbstmord getrieben hat. Dr. Savioli war nichts als mein Werkzeug, sage ich Ihnen. Ich allein habe den Plan erdacht und das Material zusammengetragen, habe die Beweise geliefert und leise und unmerklich Stein um Stein im Gebäude Dr. Wassorys gelockert, bis der Zustand erreicht war, in dem kein Geld der Erde und keine List des Ghettos mehr vermocht hätten, den Zusammenbruch abzuwenden. Es bedurfte nur noch eines unmerklichen Anstoßes. Wissen Sie, so – so wie man Schach spielt. Genauso, wie man Schach spielt. Und niemand weiß, dass ich es war!
