Der Grüne Planet - Kai Focke - E-Book

Der Grüne Planet E-Book

Kai Focke

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Beschreibung

Weltweit brennen die Wälder, Überschwemmungen, Wirbelstürme und Tornados nie gekannten Ausmaßes verheeren immer größere Gebiete des Planeten. Kön-nen wir diesen Krieg gegen unsere Welt überhaupt noch gewinnen? Werden wir das alles überleben? Und wenn ja ‒ wie werden die Überlebenden leben? Ein zeitloses Thema für die Zukunft – und ein weites Experimentierfeld für phantasiebegabte Schriftsteller. Namhafte Autorinnen und Autoren aus der deutschspra-chigen spekulativen Literaturszene haben sich Gedan-ken gemacht, wie eine mögliche Zukunft im Zeichen der Erderwärmung aussehen könnte. Denn im Gegensatz zur Vorstellungskraft so mancher Politiker ist die Phantasie grenzenlos. Die Zukunft entscheidet sich heute.

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Seitenzahl: 383

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Buch

Originalausgabe

© für die einzelnen Texte bei den Autor*innen,für diese Anthologie bei Hirnkost KG,Lahnstraße 25 • 12055 Berlin;[email protected] • www.jugendkulturen-verlag.deAlle Rechte vorbehalten1. Auflage Mai 2020

Vertrieb für den Buchhandel:

Runge Verlagsauslieferung; [email protected]

Privatkunden und Mailorder:

https://shop.hirnkost.de/

Layout: benSwerk • www.benswerk.com

Illustrationen: Uli Bendick

Lektorat: Hans Jürgen Kugler

Schlußlektorat: Klaus Farin

ISBN:

PRINT: 978-3-948675-15-8

PDF: 978-3-948675-17-2

EPUB: 978-3-948675-16-5

Dieses Buch gibt es auch als E-Book –bei allen Anbietern und für alle Formate.

Unsere Bücher kann man auch abonnieren:

https://shop.hirnkost.de/

Weitere Informationen zum EXODUS-Magazin:www.exodusmagazin.de

2 Euro von jedem verkauften Exemplar dieses Werkesgehen als Spende an https://www.scientists4future.org/

INHALT

Vorbemerkung

Apokalypse Now

• Kai Focke: Clouds across the moon

• Christian Endres: Der Klang des sich lichtenden Nebels

• Uwe Hermann: Die Tage nach dem Lärm

• Erik Simon: Vom Dramp

• Monika Niehaus: Wenn der Großvater erzählt …

• Heidrun Jänchen: Mietnomaden

Crisis? What Crisis?

• Rainer Schorm: Carbonized

• Tino Falke: Millennial Mammut Crash Derby 3000

• Karlheinz Schiedel: Die große Vernunft

• Werner Zillig: Apoikiai. Oder: Wie die Rettung der Welt begonnen hat

• Karla Weigand: Protest!

• Jörg Weigand: Frühnachrichten

• Ursula Isbel: Land unter

Heiße Zeiten

• Ute Wehrle: Weihnachtszauber

• Marianne Labisch: Der Traum

• Friedhelm Schneidewind: Die Eisbergpiratin

• Frank Neugebauer: Hitzekoller 3000 – Im Banne der weißen Sirene

Mad World

• Hans Jürgen Kugler: Das vegetarchische Manifest

• Olaf Kemmler: Das Ende der Party

• Wolf Welling: Die Nähe der Krähe

• Uli Bendick: Das letzte Buch

• Rico Gehrke: Beichte einer Nacht auf einem anderen Planeten

• Anne Grießer: Quallengeflüster

Autor*innen und Herausgeber

VORBEMERKUNG:

Die Zukunft entscheidet sich heute.

Der Klimawandel – ein Thema, das uns allen buchstäblich unter den Nägeln brennt. Weltweit stehen die Wälder in Flammen, Überschwemmungen, Wirbelstürme und Tornados nie gekannten Ausmaßes verheeren immer größere Gebiete des Planeten. Können wir diesen Krieg gegen die Welt überhaupt noch gewinnen? Werden wir das alles überleben? Und wenn ja – wie werden die Überlebenden leben?

Ein zeitloses Thema für die Zukunft – und ein weites Experimentierfeld für phantasiebegabte Autor*innen.

Um das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines dringend nötigen Wechsels in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft zu schärfen, haben wir als Herausgeber und Mitarbeiter des EXODUS-Magazins für Science-Fiction-Stories & phantastische Grafik uns zum Ziel gesetzt, eine Anthologie mit ebenso originellen wie wissenschaftlich fundierten Kurzgeschichten zum Thema Klimawandel zu veröffentlichen.

Namhafte Autorinnen und Autoren aus der deutschsprachigen spekulativen Literaturszene haben sich Gedanken gemacht, wie eine mögliche Zukunft im Zeichen der Erderwärmung aussehen könnte. Denn im Gegensatz zur Vorstellungskraft so mancher Politiker ist die Phantasie grenzenlos.

Zu den folgenden Themenfeldern haben sich unsere Autor*innen Gedanken gemacht:

•Apocalypse Now – Die Katastrophe hat stattgefunden.

•Crisis? What Crisis? – Noch einmal davongekommen. Wie wir der Welt ein Schnippchen geschlagen haben.

•Heiße Zeiten – Der Klimawandel hat auch seine schönen Seiten …

•Mad World – War da was?

Die Herausgeber

APOCALYPSE NOW

Die Katastrophe hat stattgefunden

Mit den Geschichten

•vom Leben auf dem Mond

•vom Trost der Musik in postapokalyptischen Zeiten

•von den arbeitslosen Robotern

•vom Dramp

•vom letzten Großvater

•von den Mietnomaden

CLOUDS ACROSS THE MOON

von Kai Focke

Dienstag, 18. September 2136, 01:48 Uhr (MSZ):Orbitalstation Janus – Kommandozentrale

Der Datenabgleich bestätigte Noahs Verdacht: Die Aktivitäten auf dem Areal des Raumfahrtzentrums Guyana hatten zwischen den letzten zwei Erdumkreisungen von Janus stark zugenommen. Er musste dies melden! Ein Blick auf den Chronographen zeigte an, dass auf Lunaria noch fünf Zeitstunden bis zum Ende der Dunkelphase vergehen würden. Er überlegte und stellte eine Verbindung zum Quartier seiner Bordkollegin her. Bevor er der gesamten Bereitschaft im Mond-Kontrollzentrum den Schlaf raubte, war es besser, zuerst sie aus der Koje zu werfen und das weitere Vorgehen mit ihr abzustimmen.

»Mei, schwing deinen Knackarsch in die Zentrale. Da unten läuft irgendetwas quer.«

Ein Gähnen leitete die Antwort ein. »Nur, wenn du für meinen Knackarsch einen Kaffee ziehst, Frog.«

Noah grinste augenzwinkernd in den Kommunikator. Er war ein gestandener Mann Ende sechzig und hätte ihr Großvater sein können. Obwohl er auf dem Mond geboren und mit den Beinen nie den Erdboden berührt hatte, verriet seine Aussprache das franko-kanadische Erbe. Daher, und auch auf Grund seines gemütlichen Wesens, trug er den häufig abwertend gemeinten Spitznamen »Frog« nicht nur mit Humor, sondern sogar mit Stolz.

Ungefähr zeitgleich mit dem Zuleiten des Kaffees in einen Vakuumbecher – die lauwarme Brühe stellte lediglich farblich einen vagen Bezug zu ihrem Namensgeber her –, schwebte die nur mit einem Nachthemd bekleidete Meiming Xu in die Kommandozentrale. Auch an dieser Stelle gingen Name und Wirklichkeit konsequent getrennte Wege, denn die mit Instrumenten und Bildschirmen gefüllte Zentrale bot kaum Platz für zwei Personen.

Als die Mittzwanzigerin das Videomaterial durchsah, schienen ihre Augen auf die Größe von denen einer Manga-Heldin anzuwachsen. Der Vakuumbecher war vergessen und driftete unbeachtet durch den Raum, während Meiming hastig die Ansicht maximierte und auf die Bereiche der Überwachungszonen mit nachgeordneter Priorität ausweitete.

»Schau dir das an!« Mit dem Finger deutete sie auf einen größtenteils unter Baumwipfeln verborgenen Hallentrakt etwa zwanzig Kilometer westlich des Raumfahrtzentrums. Eine Zeitraffer-Darstellung der vergangenen Tage offenbarte eine hohe Frequenz von an- und abfahrenden Schwerlasttransportern.

»Die bereiten irgendetwas vor – und das nicht erst seit gestern. Lass uns den Rechner mit den Archivaufnahmen der letzten Wochen füttern. Vielleicht können wir Rückschlüsse auf das seitdem bewegte Transportvolumen ziehen.«

»Glaubst du«, Noahs Stimme klang mit einem Mal heiser, »uns steht ein neues ›2078‹ bevor?«

Meiming musste schlucken.

»Kann ich mir nicht vorstellen«, flüsterte sie ernst, wobei im Kann ein unüberhörbares Will mitschwang. »Dann würden sie sich doch viel mehr Mühe geben, die Vorbereitungen zu verbergen, oder? Außerdem hätte ein Angriff doch überhaupt keinen Sinn.«

»Der Nuklearschlag von ’78 war auch nicht rational«, merkte Noah kritisch an. Kurzentschlossen öffnete er einen Kanal.

»Janus an Kontrollzentrum – hier Noah Morin. Dringlichkeitsstufe 1. Verdacht auf ›Weltenbrand‹. Ich wiederhole: Verdacht auf ›Weltenbrand‹. Datenauswertung folgt auf Frequenz ›Epsilon‹. Morin Ende.«

Er seufzte und zwang sich zu einem Lächeln. »Die Meldung kostet sicher nicht nur den Jungs und Mädels von der Bereitschaft die Nachtruhe. Immerhin werden wir hier draußen von dem Durcheinander verschont bleiben.«

Mittwoch, 19. September 2136, 06:52 Uhr (MSZ):Lunaria – Große Halle (Forum des Lenkungsrats)

Offensichtlich hatte die Einberufung des Lenkungsrats nicht bis zum Ende der Dunkelphase warten können. Den meisten der in der Großen Halle versammelten Mitglieder des zwanzigköpfigen Gremiums gelang es nur mäßig, ihre Müdigkeit zu verbergen. Mit den der niedrigen Mondschwerkraft geschuldeten Schlurfschritten bewegten sie sich langsam auf ihre Sitzplätze zu. Maximilian von Armansperg konnte jedoch in ihren Gesichtern ablesen, dass sie ausnahmslos den noch nicht verkündeten Ernst der Lage spürten. Selbst Ethan Solveig, dessen gehaltvolle Anekdoten und gut platzierte Scherze bereits mehrere festgefahrene Debatten aufgelockert hatten, versprühte die Heiterkeit eines in den Leerraum abdriftenden Eiskometen. Als Letzter betrat Edward King, Präsident der Freien Mondgemeinschaft, die Halle. Der von Geburt an blinde Endvierziger wurde von seinem fast zwei Meter messenden Assistenten Amado Lopez zum Sitz begleitet, während die zierliche Elly Baker mit durchdringender Stimme die einzelnen Mitglieder namentlich aufrief und schließlich formal die Beschlussfähigkeit des Gremiums feststellte. Zusammen mit Ethan und dem Präsidenten bildete sie den Vorsitz des Lenkungsrats und nahm mit den beiden an der Stirnseite des rechteckigen Besprechungstisches Platz. Maximilian beobachtete die Szene von der ansonsten leeren Zuschauertribüne, welche die ellipsenförmig konstruierte Halle mit der aus Milchglas bestehenden Kuppel vollständig umschloss.

Der von jedermann »Max« oder liebevoll »Old Max« genannte 120-jährige Historiker gehörte strenggenommen nicht zum Lenkungsrat. Da er jedoch seit seiner Ankunft auf dem Mond vor mittlerweile acht Jahrzehnten an sämtlichen Sitzungen teilgenommen hatte, störte sich irgendwann niemand mehr daran, dass er auch den nichtöffentlichen Zusammenkünften des Gremiums beiwohnte. Sein Rat, den er nie ungefragt beisteuerte, wurde hoch geschätzt. Zudem war er einer der wenigen Mondbewohner, die echten Erdboden unter ihren Füßen gespürt hatten. Bevor er den Blauen Planeten für immer verließ, hatte er in den Vereinigten Staaten von Europa gelebt. Damals war die knapp 25.000 Einwohner zählende Station mit einer Kleinstadt vergleichbar, die sich immerhin größtenteils eigenständig versorgte. Neben einer Wasseraufbereitungsanlage sowie zwei Agrarmodulen verfügte sie bereits über eine medizinische Abteilung und sogar über ein winziges Kulturzentrum mit Theaterbühne. Heute boten Lunaria sowie ihre Schwesterstadt Esperanza eine den Mondverhältnissen perfekt angepasste Infrastruktur und insgesamt über 190.000 Menschen ein Zuhause.

»Habt Dank, liebe Freunde, dass ihr alle dem Ruf gefolgt seid und damit der Dringlichkeit unseres Treffens Rechnung tragt«, eröffnete Edward die Sitzung und sprach dabei wie gewohnt ruhig und mit fester Stimme. Maximilian blieb jedoch nicht verborgen, dass sich einzelne Schweißperlen auf der dunklen, wie Ebenholz glänzenden Haut des Präsidenten abzeichneten.

»Um 02:09 Uhr hat Janus den ›Weltenbrand‹-Code übermittelt. Der Code steht für Aktivitäten, welche auf die Vorbereitung eines Nuklearschlags hindeuten.«

Ein Raunen wogte durch die Halle. Elly musste das Gremium wiederholt zur Ordnung rufen.

Jetzt, dachte Maximilian, ist jeder wach.

»Die vollständige Auswertung des übertragenen Datenmaterials legt allerdings einen anderen Schluss nahe. Wie euch allen sicherlich bekannt sein dürfte, beruhen unsere Modelle zur Lage auf der Erde – auch über die Höhe der zwischenzeitlich vorherrschenden Strahlenbelastung – auf Schätzungen. Neben den Veränderungen der klimatischen Bedingungen scheint es dort in vielen Bereichen schlechter zu stehen als bislang angenommen. Die Analyse der Aktivitäten in Guyana deutet auf die Konstruktion eines riesigen Transportmoduls hin. Mit diesem sollen keine Sprengköpfe, sondern Passagiere befördert werden: Wir erwarten keinen Angriff. Wir erwarten Flüchtlinge.«

Der letzte Satz verhallte in absoluter Stille. Es dauerte mehrere Sekunden, bis sich das Gremium über dessen inhaltliche Tragweite klar wurde. Dann redeten alle wie auf ein Kommando wild durcheinander, und selbst Elly gelang es nicht, die Ruhe wiederherzustellen. Sie setzte eine zehnminütige Sitzungspause an, damit sich die erhitzten Gemüter abkühlen konnten. Nicht einmal Maximilian hatte mit einer derartigen Nachricht gerechnet. Beim Beobachten der sich nun bildenden Diskussionsgruppen schweiften seine Gedanken in die 2070er-Jahre ab.

Die nie besonders guten Beziehungen zwischen der Stationsleitung und den Erdregierungen, insbesondere dem Vereinigten Westblock, hatten damals einen Tiefpunkt erreicht. Analog zu den Ereignissen, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf dem amerikanischen Kontinent zur Boston Tea Party führten, war die Bevormundung der Mondbevölkerung stetig gewachsen. Im Dezember 2074 wählte sie schließlich den Lenkungsrat als eigenständige Bürgervertretung, der nur wenige Wochen später durch Jennifer Anne Clarkson – der ersten Mondpräsidentin – die Unabhängigkeit von Lunaria erklärte. Maximilian erinnerte sich, dass daraufhin sowohl der Shuttle-Verkehr als auch die Kommunikation seitens der Erde eingestellt worden waren. Auf dem Erdtrabanten reagierte man mit Galgenhumor: In den ersten Tagen der Isolation lief im The Dark Side, dem einzigen Pub in Lunaria, der Popmusik-Klassiker Clouds Across the Moon in Dauerschleife.

Am 16. Dezember 2076 fand der Humor mit dem Start einer Raumkapsel allerdings ein jähes Ende. Die an Bord befindliche dreißigköpfige Spezialeinheit hatte den Auftrag, die Große Halle zu besetzen und die Mondregierung in Gewahrsam zu nehmen. Kurz vor deren Eintreffen auf Lunaria gelang es jedoch, die Kapsel mit einer an ein überdimensionales Schmetterlingsnetz erinnernden Abfangvorrichtung für Raumschrott festzusetzen. Schließlich konnten die eingeschlossenen Soldaten ohne den Einsatz von Gewalt zur Aufgabe bewegt werden. Der gescheiterte Invasionsversuch brachte die Vertreter der Erdregierungen zum Toben – danach schwiegen sie.

Zwei Jahre später, am 1. September 2078, beendete ein bis zur letzten Sekunde geheim gehaltener Raketenstart vom Raumfahrzentrum Guyana aus die trügerische Stille. Der auf den Mond zusteuernde Flugkörper transportierte dieses Mal keine Spezialeinheit. Er war mit Tisiphone bestückt, einer Nuklearwaffe, deren Sprengkraft über 500 Megatonnen TNT entsprach. Lediglich ein Defekt in der Zündvorrichtung verhinderte, dass Lunaria im atomaren Höllenfeuer verglühte. Dieses Ereignis brannte sich buchstäblich in das kollektive Bewusstsein der Mondbevölkerung ein.

Lunaria sagte sich daraufhin in einer letzten Übertragung nicht nur von seinen planetaren Wurzeln, sondern auch unwiderruflich von der gesamten Menschheit los. Zeitgleich wurde mit dem Aufbau eines Überwachungs- und Abwehrschirms begonnen, zu welchem ab 2080 auch die Orbitalstation Janus gehörte.

Samstag, 22. September 2136, 20:33 Uhr (MSZ):Lunaria – Kleines Besprechungszimmer des Präsidenten

Unser Präsident sieht um Jahre gealtert aus, dachte Maximilian und verkniff sich beim Gedanken an sein eigenes Alter ein Lächeln. Zusammen mit Edward King und Amado Lopez saß er im Kleinen Besprechungszimmer, dessen Einrichtung einer Hausbibliothek nachempfunden war. Um den im klassischen Erddesign gehaltenen Salontisch herum waren vier wuchtige Ledersessel platziert, die wiederum von mit Büchern vollgestellten Wandregalen gesäumt wurden. Während der Hellphasen fiel Sonnenlicht direkt von oben in den Raum hinab. Das Licht durchdrang die im Stil der typischen Mond-Architektur gehaltene, aus halbtransparentem Milchglas bestehende Deckenkonstruktion. In der jetzt herrschenden Dunkelphase wurden die Milchglasbausteine künstlich erhellt, wobei der Unterschied kaum festzustellen war. Auch die hierfür notwendige Energie speiste sich aus mehreren Solarparks sowie einem von Mondingenieuren entwickelten Fusionsreaktor.

»Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich nehmen, Max«, eröffnete Edward das Gespräch, während sein Assistent jedem eine Tasse Kaffee aus der bereitstehenden Kanne einschenkte. »Wir haben neue Daten von Janus erhalten: Es ist jederzeit mit dem ersten Start eines Transportmoduls zu rechnen. Die abermals gesteigerte Betriebsamkeit um das Raumfahrtzentrum herum legt nahe, dass in den kommenden Wochen drei oder vier weitere Module zu uns auf den Weg gebracht werden sollen. Unsere Ingenieure schätzen, dass jedes Modul etwa 2000 bis 2500 Menschen fassen kann.«

Er hielt kurz inne, tastete vorsichtig nach seiner Tasse und nahm einen großen Schluck, bevor er weitersprach.

»Die Mitglieder des Lenkungsrats sind gespalten: Der eine Teil fordert die Aufnahme der Erdflüchtlinge, was unter humanitären Gesichtspunkten völlig einleuchtend ist. Der andere Teil plädiert hingegen für deren Zurückweisung, eine wiederum rationale Haltung.«

Er seufzte.

»Allerdings kann mir weder die eine Seite erklären, wie wir von heute auf morgen mehrere tausend Menschen in unseren beiden Städten aufnehmen und versorgen können, noch besitzt die Gegenseite eine Vorstellung davon, wie es mit den anderenfalls Zurückgewiesenen weitergehen soll. Die Transportmodule sind nicht für einen Rückflug konstruiert; das Überleben an Bord ist für eine längere Zeit unmöglich. Und mit längere Zeit meine ich maximal zwei oder drei Tage. Die Erde stellt uns vor vollendete Tatsachen: ein moralisches Dilemma!«

Er ließ sich langsam in den Sessel sinken, legte den Kopf in den Nacken und richtete seine leeren Augen zur Decke.

»Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wie ich mit der Situation umgehen soll. Max, hätten Sie einen Rat für mich?«

Maximilian atmete tief durch und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Besucher bemerkten anfänglich nicht, dass es sich bei den Bücherregalen um Hologramme handelte. Erst der erfolglose Griff nach einem der Werke offenbarte die Wahrheit. Lediglich das rückwärtige Regal und dessen Bestände waren echt. Es muss damals ein Vermögen gekostet haben, die Bücher mitsamt dem Mobiliar auf den Mond zu befördern. Maximilian erinnerte sich daran, dass er bei seiner Auswanderung nur eine kleine Reisetasche mitführen durfte. Auch sein hiesiger physischer Besitz war, wie der jedes Mondbewohners, überschaubar. Im Lichte der Ressourcenschonung stellte dies eine unabdingbare Notwendigkeit dar. Er fixierte einen schmucklosen Band in der obersten Regalreihe. Es handelte sich um die Gesammelten Werke von Machiavelli. Sie hatten sein Verständnis von Politik und Gesellschaft sowie seine Denkweise bereits in jungen Jahren tief geprägt.

»Mein Rat wird Ihnen nicht gefallen, Edward«, begann der Gefragte mit leiser Stimme. »Es wird ein bitterer Rat sein.«

Er hielt kurz inne.

»Haben ich Ihnen eigentlich von der alten Erde erzählt? Ich meine in der Zeit, als ich noch auf ihr lebte?«

Edward schmunzelte, und selbst bei dem ansonsten zu kaum einer sichtbaren Gefühlsregung neigenden Amado hoben sich die Mundwinkel. Die beiden kennen mich, dachte Maximilian. Sie wissen, dass ich meinen Ratschlägen gerne eine Erzählung voranstellte.

»Nein, bis jetzt noch nicht«, antwortete Edward. »Amado und ich würden uns sehr darüber freuen.«

Bereitwillig kam Maximilian der Aufforderung nach.

»Die Zustände auf der Erde sind schon zu meiner Zeit alles andere als lebenswert gewesen. Sowohl politisch als auch ökonomisch, aber vor allem ökologisch geriet das Leben auf dem gesamten Planeten in eine massive Schieflage. Die Regierungen, soweit diese überhaupt noch demokratischen Regeln folgten, schränkten zunehmend die Rechte ihrer Bürgerinnen und Bürger ein. Außenpolitisch nahm die Abgrenzung der Staaten zu. Der Freihandel hatte sein Ende gefunden und die noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts bekundete Absicht, sich weltumspannend für Umweltschutz sowie den Erhalt der biologischen Artenvielfalt einzusetzen – das Schlagwort ›Klimawandel‹ war in den zeitgenössischen Quellen allgegenwärtig –, musste als Makulatur angesehen werden. Ich hatte viel zu diesem Thema geforscht. Das gesellschaftliche Interesse war damals überwältigend: Politische Strömungen, Organisationen und sogar neue Wissenschaftszweige beschäftigten sich über Jahre hinweg mit diesem Phänomen. Doch anstatt im Bewusstsein für einen lebenswerten Planeten zu einen, spalteten und polarisierten sie: Klimaaktivisten und Klimaleugner beschimpften sich gegenseitig. Es ging sogar so weit, dass die Auseinandersetzungen quasi-religiöse Züge annahmen.«

Maximilian bemerkte, wie seine Stimme zu zittern begann.

»Als Historiker verstand und verstehe ich zu wenig von naturwissenschaftlichen Zusammenhängen, um eine eingehende Bewertung dieser Kontroverse vornehmen zu können. Aus meiner laienhaften Sicht griffen jedoch die Argumente beider Lager zu kurz, ebenso wie die aus der heutigen Perspektive bestenfalls naiv erscheinenden damaligen Maßnahmen zur Beeinflussung der klimatischen Bedingungen. Man meinte sogar, ein globales Temperaturziel verhandeln zu können. Letztlich waren zentrale Punkte, die nun offensichtlich mehr als hundert Jahre später zum Kollaps, ja sogar zu einem Exodus führen, sträflich vernachlässigt worden. Unabhängig davon, ob die klimatischen Bedingungen nun von der Menschheit – im Positiven wie im Negativen – beeinflusst werden konnten und wurden, schien niemand das tatsächliche Problem zu erkennen: Die Ressourcen des Planeten Erde sind endlich!«

Maximilian bemerkte, dass er dabei war, sich in Rage zu reden. Er atmete einmal lange und vernehmlich durch, bevor er wieder ruhiger fortfuhr.

»Im Jahr 1800 teilten sich etwa eine Milliarde Menschen den Erdball. 200 Jahre später waren es sechs Milliarden, 2050 bereits knapp zehn Milliarden. Zur Jahrhundertwende, 2100, zählte die Erdbevölkerung 18 Milliarden Menschen. Mehr Menschen benötigen mehr Rohstoffe, wobei sich die Menge nicht nur durch deren Anzahl vergrößerte. Die voranschreitende Technisierung und die damit einhergehenden kürzeren Produktlebenszyklen erhöhten zudem den Verbrauch pro Person. Damit einher gingen eine Ausweitung schädlicher Emissionen, des Abfalls – in den Weltmeeren schwamm mehr Plastikmasse als Lebewesen – und ein exorbitant steigender Energiebedarf, welcher durch Sonnen-, Wind- und Wasserkraft nicht einmal ansatzweise bereitgestellt werden konnte. Atom- und Kohlekraftwerke sprossen in Asien und später auch in Afrika wie Pilze aus dem Boden – wie giftige, faulige Pilze … Regierungskritische Initiativen wurden sukzessive verboten und erste Spannungen zwischen der Erde und dem Mond spürbar.«

»Es muss die Zeit gewesen sein, in der Sie zu uns ausgewandert sind«, stellte Edward fest.

»Exakt!« Maximilian nickte gedankenverloren, was sein Gegenüber natürlich nicht bemerken konnte.

»Aber das ist eine andere Geschichte. Kurzum, mir blieben die bewaffneten Konflikte in den darauffolgenden Jahren glücklicherweise erspart. Krieg und Terror nicht nur um Macht und Bodenschätze, sondern auch um Trinkwasser und Ackerflächen. Die weltweit immer häufiger auftretenden Unfälle in maroden oder fehlerhaft konstruierten Reaktoranlagen verkamen dabei zur Randnotiz. Dazu noch Migrationsbewegungen, gegenüber denen die sogenannte ›Große Völkerwanderung‹ des Altertums ein Abendspaziergang gewesen sein muss. Zu dieser Thematik existiert eine interessante Studie, die ich Ihnen für Ihr Haptik-Pad mitgebracht habe.«

Maximilian griff in sein Jackett, zuerst in die linke, danach in die rechte Innentasche. Schließlich nahm er seine Aktenmappe und durchsuchte diese – ebenfalls ohne Resultat.

»Ich werde vergesslich«, stellte er resigniert fest. »Amado, könnten Sie bitte in der Lobby nachschauen, ob ich meine Datenscheibe dort liegengelassen habe? Vielleicht ist sie auch bei der Fundstelle abgegeben worden.«

»Selbstverständlich, Sir.«

Nachdem Amado mit gemessenen Schlurfschritten den Raum verlassen hatte, rückte Maximilian seinen Sessel näher an den Salontisch heran.

»Wir haben nicht viel Zeit«, stellte er leise fest und ignorierte den irritierten Gesichtsausdruck des Präsidenten.

»Ich hatte bereits erwähnt, dass mein Rat bitter sein wird. Einem am Ende des 20. Jahrhunderts aktiven Journalisten wird der Satz zugeschrieben: ›Wer halb Kalkutta aufnimmt, rettet nicht Kalkutta, sondern wird selbst zu Kalkutta.‹«

Er seufzte.

»Die Aufnahme der Flüchtlinge wird unsere eigene Existenz gefährden, diese wahrscheinlich sogar vernichten. Über die faktische Unmöglichkeit von Unterbringung und Versorgung hinaus würden sich soziale und kulturelle Probleme ergeben. Die Enge unserer Städte – der durchschnittliche Wohnraum pro Person beträgt knapp zwölf Quadratmeter – stimulierte ein Zusammenleben auf der Basis echter gegenseitiger Rücksichtnahme. Auch die Ressourcenknappheit hat uns zu einem bewussten Umgang mit sämtlichen Gütern erzogen. Eine ›Wegwerfgesellschaft‹ – so wird die ungeregelte Konsumorientierung auf der Erde genannt – ist den Menschen hier erfreulicherweise völlig fremd, ebenso wie ein rein egoistisches Karriere- und Besitzstreben. Nicht zu vergessen die Durchsetzung einer von allen Mitgliedern der Gesellschaft akzeptierten Geburtenkontrolle. Ich würde sogar so weit gehen, dass sich die ›Lunarianer‹ durch die nun mehrere Jahrzehnte umfassende Trennung im Vergleich zu den ›Terranern‹ auf einer höheren soziokulturellen Entwicklungsstufe befinden: auf der des Homo sapiens lunaris. Wir wären gesellschaftlich inkompatibel. Schon allein aus diesem Grund verbietet sich eine Aufnahme. Es …«

»Aber«, unterbrach Edward, »wir können sie doch nicht zurückschicken. Sie würden hilflos durchs All treiben und elendig verrecken. Außerdem werden bald die nächsten Transporter starten.«

»Die Menschen auf der Erde müssen die von ihnen verursachten Probleme selbst lösen. Ein Exodus zum Mond darf keine Option sein. Hierfür ist ein eindeutiges und unmissverständliches Signal notwendig.«

Maximilian machte eine kurze Pause, bevor er noch leiser weitersprach.

»Schießt den ersten Transporter ab!«

»Das kann nicht Ihr Ernst sein, Max.«

Edward war aufgestanden und ruderte wie ein Ertrinkender mit den Armen. Das Entsetzen stand ihm ins Gesicht geschrieben.

»Was ist mit den Flüchtlingen, den Menschen an Bord? Mit den Frauen und Kindern?«

»Denken Sie bitte nach, Edward«, antwortete der Gefragte in einem ebenso kalten wie sachlichen Ton. »Glauben Sie wirklich, dass man uns Frauen und Kinder schickt? Normale Bürger? Oder gar Alte und Kranke? Was meinen Sie, wer in den Transportern sitzen wird?«

Montag, 24. September 2136, 23:55 Uhr (MSZ):Lunaria – Taktische Sektion des Kontrollzentrums

Die Taktische Sektion vermittelte entgegen der Bezeichnung einen eher unspektakulären Eindruck. Es handelte sich um einen fensterlosen Raum, welcher mit zwei großen und mehreren kleinen Bildschirmen sowie einer die Rückwand vollständig einnehmenden Steuerkonsole ausgestattet war. Im Krisenfall bot der Raum dem Präsidenten und den beiden Vorsitzenden des Lenkungsrats sowie vier weiteren für die Bedienung der Defensivsysteme verantwortlichen Personen Platz. Im Moment war neben dem Präsidenten jedoch nur der diensthabende Offizier anwesend.

Das Treffen mit Maximilian hatte Edward mehr zu denken gegeben als jede andere zuvor in seinem Leben geführte Unterhaltung. Wenige Stunden später hatte er den Kontakt zum Lenkungsrat gesucht, sich mit dessen Meinungsführern besprochen, zahlreiche, zumeist kontroverse Diskussionen mit Einzelpersonen und in Kleingruppen geführt, hatte zugehört, argumentiert und versucht, zu vermitteln. Der vermeintlichen Aussichtslosigkeit der Lage setzte er seine unerschütterliche Zuversicht entgegen. Er wollte zeigen, dass die Mondgemeinschaft auch diese Krise gemeinsam meistern würde. Tief in ihm sah es jedoch anders aus. Seine Zweifel, den Lenkungsrat einen zu können, wucherten wie ein bösartiges Geschwür.

Schließlich erfuhr er eine Niederlage, die ebenso bitter war wie Maximilians Rat: Es ließ sich nicht einmal ein Grundkonsens finden. Es war daher an ihm – und nur an ihm – eine einsame Entscheidung zu treffen. Diese hatte ihn heute ins Kontrollzentrum geführt. Mithilfe von Maximilian und dessen Netzwerk war es gelungen, einen vertrauenswürdigen Mitstreiter innerhalb des Zivilschutzes zu finden und ihn in die heutige Dunkelschicht zu versetzen. Der Mann hatte auf der Erde unsagbar Schlimmes erfahren und dabei Frau und Kind verloren. Er war bereit, die fürchterlichste aller Entscheidungen mitzutragen.

Doch durfte ein Präsident überhaupt ohne demokratisches Mandat handeln? Konnte er einfach festlegen, was richtig war? Wer war er, dass er es wagte, sich anzumaßen, eine derartig tiefgreifende Entscheidung für die gesamte Mondgemeinschaft zu treffen? Edward King wurde sich erneut seiner Namensgeber bewusst. Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass es sich einerseits um einen der größten mittelalterlichen Monarchen, andererseits um den führenden Bürgerrechtler des 20. Jahrhunderts handelte …

Das Piepen der Kontrollinstrumente im Raum erinnerte ihn an die Elektrokardiogramme der Krankenstation. In ihm formte sich die Vorstellung einer dahinsiechenden Erde, deren imaginärer Pulsschlag zunehmend langsamer und schwächer wurde. Würde der Patient überleben? Er dachte an bewaffnete Konflikte, an Hunger und Vertreibung. Er dachte an die zunehmende Luft- und Wasserverschmutzung, die Reaktorunfälle und die Auswirkungen der globalen Klimaveränderung. Und er dachte an das ungebremste Bevölkerungswachstum. Wie kein anderes Problem machte es die wohl unvereinbare Distanz zwischen Mond- und Erdendenken deutlich: Hier waren Geburtenkontrollen selbst für religiöse Mitglieder der Gesellschaft kein Tabu.

Als Präsident musste er der Verantwortung gerecht werden und diese MikroGesellschaft von knapp 200.000 Individuen schützen. Zum ersten Mal empfand er seine Blindheit als Segen: Er würde das von Laserstrahlen durchtrennte Transportschiff und die durchs All schwebenden Leichen nicht sehen müssen. Ebenso wie Justitia sollte ihm die Konsequenz seiner Entscheidung verborgen bleiben.

Er hatte eine kurze Erklärung vorbereitet. Zum Beginn der kommenden Hellphase würde er sie verlesen, vom Präsidentenamt zurücktreten und sich der Justiz stellen. Sein eigenes Schicksal war unbedeutend. Zusammen mit Maximilian teilte er die Hoffnung, dass sein Handeln langfristig dem Überleben der Menschheit diente. Zwar war der Zeitpunkt, die Erde als dauerhafte Lebensgrundlage zu erhalten, wahrscheinlich seit mehr als hundert Jahren überschritten. Vielleicht würde in ein paar Jahrtausenden – falls sich das planetare Ökosystem nach dem Verschwinden des Menschen regenerieren sollte – der Mond die Keimzelle für neues irdisches Leben sein. Der Homo sapiens lunaris könnte dann auf den Trümmern der alten Zivilisation das Fundament einer tatsächlich humanen Gesellschaftsordnung legen.

»Zielerfassung erfolgt, Sir. Feuerbereitschaft ist hergestellt«, meldete der diensthabende Offizier und riss Edward aus seinen Gedanken.

Der Laser musste händisch aktiviert werden. Vorsichtig tastete Edward nach dem Auslöser. Als er ihn berührte, zog er seine Hand ungewollt zurück, so als hätte er sich an einem heißen Kochfeld verbrannt. Er hielt kurz inne und bemerkte, dass er am ganzen Körper zitterte.

DER KLANG SICH LICHTENDEN NEBELS

von Christian Endres

Er ist wie immer alleine unterwegs, und wie immer ist es ein Kampf – ein uralter Kampf in einer neuen Welt.

Es fängt schon damit an, sich in den nebeligen Morgenstunden überhaupt zum Aufbrechen zu überwinden und wirklich den ersten Schritt zu tun, und den nächsten, und den übernächsten, und immer so weiter. Seine Zuflucht zu verlassen, sich von seinem gut verborgenen Quartier und der Quelle sauberen Wassers dahinter zu entfernen und beide unbewacht zurückzulassen.

Doch manche Dinge muss man einfach tun.

Manche Dinge sind wichtig.

Jetzt wichtiger denn je.

So wichtig, dass er zumindest für eine Weile sehenden Auges relative Sicherheit gegen sichere Gefahr einzutauschen bereit ist.

Als er sich durch das brusthohe Meer aus dichtem, feuchtem Gras schiebt, das ihm die Luft zum Atmen raubt und eisig über sein Gesicht streicht, denkt er darüber nach, dass man in diesen Zeiten sein Leben genauso leicht verlieren kann wie seine Menschlichkeit, und besser gut auf beides achtet.

Nachdem er sich über eine Stunde im Antlitz der träge emporsteigenden Sonne durch das Grasmeer geackert hat, das zwischendurch sein gesamtes Sichtfeld einnimmt, tritt er neben einem verrosteten Traktor durch eine letzte Welle hoher Halme, auf deren anderer Seite er kurz verschnauft.

Dann setzt er seine schweißtreibende Wanderung fort.

Die Landschaft wandelt sich, jedoch nicht die Anstrengung, die sie ihm abverlangt. Erst geht es über stufig abfallendes Gelände, dessen Boden nur aus unebenem Schiefer und tückischem Geröll besteht, die ihn trotz seiner festen, vielfach reparierten Stiefel um seine Knöchel fürchten lassen, weshalb er die schartige rote Feuerwehraxt wie einen Wanderstock benutzt.

Der Weg nach unten ist irgendwann von immer mehr Kiefern gesäumt, und am Ende führt er in einen wahren Urwald, der mit tausend Fingern nach seiner Wollmütze grapscht, an seinem Rucksack zerrt und ihn im Gesicht kratzt. Jeder Schritt ist ein weiterer kleiner Kampf für sich, gegen den Drang umzukehren genauso wie gegen die überwältigende Natur, die trotz der unverändert trockenen Sommer und zerstörerischen Unwetter zu alter Stärke zurückgefunden hat und die sich nicht noch einmal bezwingen lassen möchte.

Zielstrebig bahnt er sich einen Pfad durch den pfadlosen Wald. Er umgeht steile Hänge, klettert über umgestürzte Bäume und gigantische Wurzeln und passt in Senken erneut gut auf seine Füße auf. Mehr als einmal hackt er sich mit der Axt den Weg durch störrisch verschränkte Äste und verwachsene Zweige frei. Die unauffälligen Markierungen, die er beim letzten Mal in Rinde und Holz schlug, sind schon wieder hinter Sträuchern und Schösslingen verschwunden, und er muss sich einen neuen Weg suchen.

Der Wald verschluckt die Wärme, das Licht und die Geräusche des jungen Tages und erschafft eine eigene Sphäre aus Kühle, Schatten, Geraschel, Vogelgezwitscher, Geflüster, Summen und Geknarze. Die Präsenz und die Dominanz des Waldes sind förmlich greifbar und bohren sich bei jedem Schritt und jedem Hieb wie der Blick einer fremdartigen Entität in seinen Hinterkopf. Angst hat er dennoch keine – nicht einmal ein mulmiges Gefühl, wenn sich der von ihm geschaffene Tunnel durch den Forst direkt hinter ihm sofort wieder zu schließen scheint. Aber der Vormittag ist nicht die Zeit der gefährlichen Räuber, und zur Not versteht er es, die Axt als Waffe einzusetzen und sich so teuer zu verkaufen, dass er irgendwann nicht mehr attraktiv genug ist als Beute, wie die Erfahrung gezeigt hat.

Über Erfahrung sprechen zu können, bedeutet nicht zuletzt, in dieser rauen Welt Sommer um Sommer und Winter um Winter überlebt zu haben. Älter zu werden in einer jungen Welt, die schon immer alt gewesen ist. Tatsächlich muss er sich eingestehen, vor ein paar Jahren noch nicht so ins Schwitzen und Keuchen gekommen zu sein auf seinem Weg, der nie derselbe ist, aber immer in dieselbe Richtung führt und immer dasselbe Ziel hat.

Als die Sonne hoch über dem Wald steht, tritt er aus dessen einschüchterndem Schatten und blickt auf die breite Schlucht, die hier wie eine offene Wunde in der Erde klafft. Nicht nur im Boden, sondern im Planeten selbst, jedenfalls fühlt es sich so an. Früher hätte man eine mächtige, lange Brücke über sie gebaut. Als er das erste Mal auf die Schlucht gestoßen ist, folgte er ihr in beide Richtungen einen halben Tag lang, ohne hier oder dort auch nur das Ende in weiter Ferne erahnen, ja, auch nur eine Biegung oder eine engere Stelle ausmachen zu können. Weiter wollte er nicht gehen. Von den überwucherten Ruinen der Städte und dem, was darin wartet, hält er sich ebenso fern wie von den Kommunen oder dem Bunker-Gebiet; und der gestiegene Meeresspiegel spült noch immer radioaktiven Müll und Trümmer der zwecklosen Archen an die verschobene, verwandelte Küstenlinie.

Manchmal stellt er sich vor, dass die Schlucht, der Riss, diese Verwundung der Erdoberfläche an einem Längengrad einmal rund um den Globus entlangläuft, genau an der Stelle, wo eine gewaltige kataklystische Kraft die Welt auseinandergerissen hat.

Er geht parallel zur Schlucht, bis er seine letzte Markierung findet. Er lächelt grimmig bei der Erkenntnis, wie weit ihn der widerspenstige Wald diesmal vom Kurs abgebracht hat. Nachdenklich mustert er den hüfthohen Pfahl, der ihm eine günstige Stelle anzeigt, die er schon mehrfach erfolgreich zum Abstieg genutzt hatte.

Ruhig schaut er über die Schlucht. Am Himmel, der schon lange keine Kondensstreifen mehr gesehen hat, kreischt ein Bussard. Selbst als er einen vorsichtigen Schluck kühlen Wassers aus seiner Thermosflasche nimmt, sie gewissenhaft zuschraubt und mit geübten Handgriffen wieder an ihrem Platz im Ökosystem seines Rucksacks verstaut, wendet er den Blick nie von der unebenen Kante des tiefen Risses ab.

Schritt für Schritt, gemahnt er sich.

Er schiebt die Axt durch die nachträglich aufgenähten Schlaufen am Rucksack, schultert seinen Ranzen und macht sich an den Abstieg.

Die steinernen Wände der Schlucht sind steil und scharfkantig, und obwohl er sie schon oft bezwungen hat, braucht er all sein Geschick und all seine Konzentration, um sie rutschend, kletternd und an einer Stelle sogar von Vorsprung zu Vorsprung hüpfend zu meistern. Wenn er gelegentlich in die Tiefe späht, um den nächsten Halt auszumachen oder aus Gewohnheit jede Richtung abzusichern, sieht er lediglich den Nebel, der immer dichter wird, je tiefer er kommt, und der den Grund der Schlucht wie ein Schleier verbirgt.

Endlich spürt er unebene Erde, Kies und Unkraut unter seinen Stiefelsohlen. Unten angekommen, ist das Gefühl, eine Anderswelt betreten zu haben, noch stärker als im Wald. Der Nebel ist so dicht und zäh, dass er wie eine einzige Masse und wie etwas Lebendiges wirkt, das einem Plan folgt. Nur gelegentlich verschieben sich einige Schwaden in der Art träger Gliedmaßen, sodass er einen Blick auf die riesigen Steinbrocken erhaschen kann.

Sobald er festen Boden unter beiden Füßen hat, zerrt er die Axt aus dem Futteral. Der Schweiß und der Nebel vermischen sich kühl auf seiner heißen Stirn, als er den Griff der Waffe mit beiden Händen fest umklammert und mit leicht schief gelegtem Kopf in die milchigen Schwaden lauscht.

Er hört sie schon von Weitem – ihr Heulen, das durch den Nebel brandet, und kurz darauf ihr Hecheln und das Klacken ihrer Krallen auf dem Boden.

Wegen des ewigen Nebels hier unten hat er sie nie deutlich gesehen. Immer nur Büschel zotteligen, graubraunen Fells und Umrisse, die größer und prähistorischer wirken, als sie sollten. In seiner Fantasie verwandelten sich Wölfe und genetisch modifizierte Hunde aus den verhängnisvollen Bio-Labors der alten Zeit in einer Art Devolution zu etwas, das sich irgendwann nach dem Ende entwickelt hat und die Schlucht heute als Jagdrevier ansieht. Woanders ist er ihnen noch nie begegnet. Er hat den Bestien, die sofort bemerken, wenn jemand einen Fuß auf den Grund ihrer Schlucht setzt, absichtlich keinen Namen gegeben, denn das würde die Furcht, die er bei ihrem Anrennen jedes Mal verspürt, nur noch verstärken.

Das Hecheln und Klacken wird immer lauter, kommt immer näher. Er bezieht vor einem klotzigen Felsbrocken Position, damit ihn keines der Tiere von hinten anfallen kann, und stellt sich breitbeinig hin.

Da sind sie. Schaukelnde, massige Schatten schießen schnappend und knurrend auf ihn zu, und er schwingt die Axt wie eine Sense. Er kennt diesen Tanz aus Umkreisen, Finten und simultanen Angriffen, und nichtsdestotrotz muss er gegen seine Angst und seinen Fluchtinstinkt mindestens so unnachgiebig ankämpfen wie gegen die Attacken der wölfischen Schimären, die auf eine Unaufmerksamkeit und eine Lücke in seiner Deckung lauern.

Immerhin folgt das Ganze einem bestimmten Muster. Dringt die Axtklinge oft genug durch stinkendes Fell und provoziert genug Blut und Gejaule, verlieren sie den Mut und ziehen sich zurück. Er wartet dann stets eine Weile, um sicherzustellen, dass es kein besonders ausgeklügelter Trick ist, ihn in Sicherheit zu wiegen, ehe er achtsam seitwärts zur anderen Felswand geht, wo er in einem besonders kritischen Moment unbewaffnet und mit dem Rücken zur Schlucht den Aufstieg beginnen kann.

Auf dieser Seite ist es leichter, doch gleichzeitig bieten die besser verteilten Felsvorsprünge den Jägern eine theoretische Möglichkeit, ihm über die natürliche Treppe zu folgen. Doch sie tun es nie, und vielleicht liegt das daran, dass etwas in diesem unnatürlichen Nebel ist, das ihn nicht tangiert, sie aber seit ihrer Anpassung an diese Ära zum Überleben brauchen.

Im Augenblick denkt er nicht darüber nach, sondern konzentriert sich ganz aufs Klettern. Das letzte Stück, der Schwung über die überstehende Kante, gehört zu den schwierigsten, den größten Anstrengungen. Ächzend zieht er sich und sein Gepäck auf dem Rücken in einer ungelenken Bewegung nach oben, wo er mehrere hässliche Sekunden vollkommen schutzlos ist.

Seine Beine zittern beim Aufstehen, doch er erhebt sich umgehend.

Er ist müde und erschöpft. Den restlichen Weg von der Schlucht zu seinem Ziel könnte er zum Glück blind und im Schlaf finden.

Anderthalb Stunden später erreicht er das Haus. Der verwunschene Garten, der es umgibt, ist völlig verwildert und erweckt einen eigenartig friedlichen, märchenhaften Eindruck. Überall Bienen und Hummeln und Schmetterlinge und Käfer und Sperlinge und Drosseln und Finken und Kleiber, die sich überraschend schnell erholt haben, sobald die Hauptursachen ihrer Probleme vom Antlitz der Erde getilgt waren.

Er könnte seine Axt nutzen und einen dauerhaften Pfad zur Haustür schaffen, allerdings ist es ihm lieber, wenn die verfilzten Sträucher und wuchernden Ranken das Haus vor Blicken verbergen, obwohl er noch nie ein Anzeichen einer fremden Anwesenheit wahrgenommen hat.

Das Haus inmitten des ungezähmten Gartens ist relativ gut in Schuss dafür, dass niemand sich darum kümmert und viele Tiere darin wohnen – Eulen im Gebälk, Waschbären auf dem Dachboden, Mäuse in den Wänden, Füchse im Keller. Er bedauert stets, das Häuschen nicht ordentlich instand setzen und hier hinter der Wand aus Dornen, Ranken, Blättern und Ästen leben zu können. Zweifellos würde es vieles einfacher machen, müsste er sich nicht jedes Mal von Neuem den Gefahren der Wanderung aussetzen. Aber die Distanz zur Quelle und zum Grab seiner Frau sind triftige Gründe, nicht zu ernsthaft mit diesen immer wiederkehrenden Überlegungen und Sehnsüchten zu kokettieren.

Gemäßigten Schrittes geht er durch einen holzvertäfelten Flur. Der Gang mündet in einen großen Raum, dessen riesige Fensterfront wie durch ein Wunder unberührt geblieben ist und auf eine kleine Lichtung im Märchengarten hinausblickt. Bis auf ein großes Objekt, das sich unter einer staubigen Plane aus Öltuch verbirgt, die er vor langer Zeit im Garten gefunden hat, ist das Zimmer leer.

Geradezu andächtig bewegt er sich über das alte Parkett und bleibt vor dem verhüllten Etwas stehen, das so groß ist wie der Esstisch in einem weit zurückliegenden, an den meisten Tagen fast vergessenen Leben in einer vergangenen Welt, die nur noch in seiner Erinnerung existiert. Er legt die Axt nicht zu weit weg auf den Boden, lässt den Rucksack mit einem ermatteten Seufzer von den Schultern gleiten und streift seine Jacke ab. Das langsame Trinken aus der Thermosflasche ist wie ein Ritual, das zwei Abschnitte seines jetzigen Daseins miteinander verbindet. Er stellt die Flasche neben Axt und Rucksack und schlägt danach die wasserfeste Abdeckplane wie eine Bettdecke nach hinten.

Zum Vorschein kommt ein schwarz glänzender, wunderschön geschwungener Flügel mit einem kleinen Hocker davor. Der Kratzer, der wie ein Blitz quer darüber verläuft, macht ihn nur noch schöner und einzigartiger.

Er nimmt sich Zeit und steht eine Weile unbewegt da, betrachtet und bewundert einfach nur.

Irgendwann streicht er mit seinen Fingern zärtlich über die glatte Oberfläche des Instruments und über den markanten Kratzer, der die Schlucht und sein Leben so verblüffend simpel und treffend symbolisiert. Schließlich setzt er sich auf den Hocker und legt die Finger sacht auf die breiten weißen und die schmalen schwarzen Tasten, ohne ihnen einen Ton zu entlocken.

Über den Flügel hinweg sieht er in den Garten. Er hat den Eindruck, als wäre ihm ein einzelner weißer Nebel-Tentakel aus der Schlucht gefolgt, der nun nach dem Garten und dem Haus tastet. Vielleicht sind es die verschmierten Scheiben, vielleicht sind es seine alten Augen – womöglich ist diese Art von Nebel heutzutage aber auch überall, besonders in ihm selbst, und er nimmt ihn sonst nicht wahr. Was der Grund dafür ist, wieso er immer wieder hierherkommt, wo ihm die Mittel zur Verfügung stehen, den allesumfassenden Nebel zu durchdringen.

Er atmet tief durch und entlockt dem Flügel mit sanftem Druck endlich ein paar zögerliche Töne, die zum Beginn einer einfachen Melodie werden, bevor diese liebliche, tänzelnde Tonfolge in das erste Lied übergeht, das er aus dem Gedächtnis heraus improvisiert.

Mit jeder weiteren Note kann er förmlich spüren, wie sich der Nebelschleier lichtet, während er das Lieblingslied seiner Frau spielt – er spielt es mit einer Hingabe, einer Kraft und einer Leidenschaft, als wäre er der letzte Mensch auf Erden.

Und genau deshalb wird er an ihrer beider Hochzeitstag, ihrem Geburtstag und ihrem Sterbetag immer wieder hierherkommen, solange er kann oder bis er es einmal nicht mehr hin oder nicht mehr zurück schafft, und dieses Lied für seine tote Frau und ihr Leben in einer anderen Welt spielen.

Damit der Nebel sich kurzzeitig lichtet.

DIE TAGE NACH DEM LÄRM

von Uwe Hermann

Es gab niemanden, der bemerkte, wie der Roboter den Rasen mähte. Es gab auch keinen Rasen mehr, trotzdem steuerte der humanoide Haushaltsroboter den Aufsitzrasenmäher über das vertrocknete, staubige Feld, das einmal eine Grünfläche gewesen war. Eine unnötige Arbeit, doch die Pflege des Gartens hatte schon immer zu seinen Aufgaben gehört. Schon damals, bevor die Klimakatastrophe die Welt aus den Angeln gehoben hatte. Wie jede Woche beendete er seine Arbeit zur exakt gleichen Zeit. Er steuerte den Rasenmäher zurück in die Garage, die nur noch aus halb verfallenem Mauerwerk und den Resten eines Daches bestand, und ging zum hinteren Bereich des Gebäudes. Hier schloss er die Tür auf und betrat das Haus. Der Roboter hätte auch durch eines der vielen Löcher in den Mauern ins Innere gelangen können, aber seine Programmierung beharrte darauf, dass Wände nicht dafür bestimmt waren, durch sie hindurchzugehen.

Robard, so hatte der Hersteller den Roboter genannt, ging durch den Flur zur Küche. Durch die zerbrochene Wohnungstür schaufelte der Wind Sand herein. Ein Fenster im oberen Stockwerk klapperte.

Das Kaffeebohnenmuster auf der beigen Küchentapete war längst nicht mehr zu erkennen, deren Farben verblichen. In einer Wand klaffte ein Loch. Die Motorhaube eines verrosteten Geländewagens ragte herein. Anfangs hatte die KI des Wagens noch funktioniert, und Robard und er hatten sich oft darüber unterhalten, wie es geschehen konnte, dass er von der Straße abgekommen und in die Hauswand gekracht war. Inzwischen schwieg der Wagen. Robard hatte keine Ahnung, ob seine Energie aufgebraucht war oder ob er resigniert hatte. Inzwischen musste auch ihm klar geworden sein, dass niemand kommen, ihn abschleppen und reparieren würde. Robard vermisste die Gespräche mit der KI. Überhaupt vermisste er alles, was früher Lärm gemacht hatte.

Er ging zur Küchenzeile und holte ein paar Töpfe aus dem Schrank. Das Klappern war ein beruhigendes Geräusch. Von den elektrischen Geräten funktionierte kaum noch etwas. Ohne die Solarpaneels auf dem Dach gäbe es auch keinen Strom mehr, doch noch arbeiteten sie und ihre Leistung reichte aus, um Robards Akkus zu laden und das Haus und den Rasenmäher mit Energie zu versorgen. Er warf einen Blick auf die Wanduhr. Die Zeiger standen still, aber Robard brauchte sie nicht, um zu wissen, dass es Zeit für das Mittagessen war. Bald käme seine Familie nach Hause. Und sie würden etwas essen wollen. Robard rief ein abgespeichertes Video aus vergangenen Tagen ab und sah die Kinder ins Haus stürmen. Die Schultaschen flogen durch die Luft, und wie immer ignorierten sie seine Mahnung, sorgfältig mit ihnen umzugehen. Ihr Geschrei tat gut. Robard bereitete das Essen vor und deckte den Tisch. Dann stellte er sich neben die Haustür und wartete.

Die Kinder kamen nicht. Und auch nicht ihre Eltern. Niemand aus seiner Familie kam.

Nach dem Mittagessen räumte er den Tisch ab und warf das Essen in den überquellenden Müllschlucker. Mit einem Tuch säuberte er das unbenutzte Geschirr und stellte es zurück in den Schrank, während er sich Gedanken über das Abendbrot machte. Die Vorratskammer enthielt keine Lebensmittel mehr. Er würde welche besorgen müssen. Also verschob er die Reinigung der Zimmer auf einen späteren Zeitpunkt und verließ das Haus.

Im Freien herrschten Temperaturen, die kein Lebewesen auf Dauer ertragen konnte. Um diese Uhrzeit war es so heiß, dass selbst Robard vorsorglich im Schatten der Gebäude blieb. Seit dem Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre beschränkte sich die Vegetation auf karge Gräser. Die Bäume waren abgestorben und zu skelettartigen Gerippen verkommen. In diesem Teil des Landes herrschte ein wüstenartiges Klima, während anderswo ganze Städte in den Fluten der Meere versanken oder sintflutartige Regenfälle die Landschaft fortspülten. Die Welt war aus den Fugen geraten.

Auf dem Nachbargrundstück beschnitt ein älteres Modell eines Gartenroboters die längst abgestorbene Hecke. Robard blieb stehen und winkte.

»Hallo Nachbar, was macht der Ladezustand?«

Der Roboter unterbrach seine Tätigkeit und winkte zurück. Gleichzeitig spielte er ein einprogrammiertes Seufzen ab.

»Ach, meine Akkus werden auch nicht mehr jünger. Nicht mehr lange und ich muss ständig am Ladegerät hängen. Wo willst du denn bei dieser Hitze hin?«

»Die Speisekammer ist leer. Ich versuche etwas zum Essen aufzutreiben.«

Sein Nachbar nickte in menschlicher Manier.

»Dann halt bitte die Kameras nach 24er Kugellagern auf. Meine Gelenke machen nicht mehr lange.«

Robard versprach es und der Gartenroboter setzte seine sinnlose Tätigkeit fort.

Am Ende der Straße blieb Robard stehen und verglich seine Position mit der Karte seiner Navigationssoftware. Die GPS-Satelliten im Orbit sendeten schon lange keine Signale mehr, und er musste sich auf seine optischen Sensoren verlassen. Neben ihm auf der Straße standen verrostete oder ausgebrannte Fahrzeuge. Manche ineinander verkeilt, als hätte ein defekter Werkstatt-Reparaturautomat sie miteinander verschweißt.

Ein autonomer Einkaufswagen rumpelte an ihm vorbei. Robard bemerkte in seinem Korb ein paar Konservendosen, Packungen mit Nudeln und Wasserflaschen. Wasser! Wasser war kostbar in dieser Zeit. Er mailte den Einkaufswagen an und erfuhr von einem Supermarkt, in dem es noch Lebensmittel geben sollte. Robard ließ sich die Route schicken und machte sich auf den Weg.

Ab und an sah er andere Roboter, aber nie einen Menschen. Robard besaß noch Videoaufzeichnungen aus den Tagen vor der Katastrophe. Eines legte er über das Bild, das seine Kameras lieferten, und plötzlich war die Straße voller Leben. Menschen gingen vorüber. In den Fensterscheiben der Geschäfte gab es ein endloses Angebot an Waren. An einem Stand verkaufte jemand Speiseeis. Auf der Straße standen noch immer Fahrzeuge, doch jetzt war der Verkehr durch eine »Fridays for Future«-Demonstration zum Erliegen gekommen. Kinder bevölkerten die Straße und marschierten für eine bessere Zukunft.

Heute waren die Straßen leer. Und totenstill. Sein Nachbar sagte, dass die Folgen der Klimaerwärmung und der Kampf um die letzten Ressourcen die halbe Menschheit ausgelöscht hatten und dass sie niemals wiederkehren würden. Robard glaubte nicht daran. In seinem Datenspeicher gab es ein Buch, in dem ein Mensch am dritten Tag von den Toten auferstanden war. Er hatte seiner Familie oft aus diesem Buch vorlesen müssen. Vor allem an den Tagen, als die Lage sich immer mehr verschlimmerte. Zu gerne hätte Robard das Internet befragt, wie oft so eine Auferstehung vorkam, aber das Netz war schon vor langer Zeit zusammengebrochen. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten.

Seine akustischen Sensoren hörten Glas klirren. Er schaltete das Video aus. Auf der anderen Straßenseite putzte ein Haushaltsroboter die zerbrochenen Fensterscheiben eines Einfamilienhauses. Ein Rasenmäherroboter rumpelte durch den rasenlosen Vorgarten. Die Roboter beachteten ihn nicht. und auch er ging weiter, ohne ihnen mehr als einen kurzen Blick zugeworfen zu haben.

Die Route zum Supermarkt führte über die Hauptstraße. Robard blieb vor der Ampelanlage stehen. Obwohl keine Fahrzeuge mehr fuhren, wartete er, bis die solarbetriebene Lichtanlage auf Grün umsprang. Dann überquerte er die Straße. Eine seiner Unterroutinen fragte sich, wie er auf die andere Seite gelangen sollte, wenn die Ampelanlage einmal nicht mehr funktionierte.