HINTERM HAUS - Kai Focke - E-Book

HINTERM HAUS E-Book

Kai Focke

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Beschreibung

»Hinterm Haus« ist nicht hinterm Mond. Verborgen bleibt jedoch, was in unserer Abwesenheit zwischen Gemüsebeeten und Gewächshäusern geschieht – ganz zu schweigen von nächtlichen Begebenheiten in Lauben oder Remisen. Selbst Garagen und Anbauten, die sich scheinbar unschuldig ans Haupthaus schmiegen, können dunkle Geheimnisse hüten. Wer hat in ihnen Freud oder Leid erfahren? Welchen seltsamen Wesen dienen sie als Unterschlupf? Auch unsere Nachbarn nutzen Holzschuppen als Werkstätten, Lager- oder Hobbyräume für … ja, für was eigentlich? »Hinterm Haus« begegnen wir nicht nur Amateurfotografen, Forschern, Dämonenbeschwörern und Köchen. Ebenso tummeln sich hier Wichtel, Geister und Dryaden; sogar Aliens, Roboter sowie – neben klitzekleinen – auch wahrhaft riesige Schnecken. Geschichten von Liebe und Hass, Leben und Tod, Loyalität und Verrat, Aufbruch und Ankommen: die meisten lustig, manche traurig, einige geben Rätsel auf, andere stimmen nachdenklich. Darum öffne das Gartentor, steig über den Jägerzaun, schlüpf durch die Buchsbaumhecke: »Hinterm Haus« gibt es wahrhaft Fantastisches zu entdecken! »Hinterm Haus« umfasst einen bunten Genre-Mix – von Fantasy über Mystery und Märchen bis Science-Fiction – aus dreiunddreißig Kurz- und Kürzestgeschichten, darunter jeweils ein Gastbeitrag von Sabine Frambach und Friedhelm Schneidewind. Das Cover hat Jessica Marquardt entworfen und zudem die Illustrationen ins Buch gezaubert.

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Seitenzahl: 205

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kai Focke

Hinterm Haus. Dreiunddreißig fantastische Kurzgeschichten

AndroSF 225

Kai Focke

HINTERM HAUS

Dreiunddreißig fantastische Kurzgeschichten

AndroSF 225

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: August 2025

p.machinery Michael Haitel

Die Urheberrechtsinhaber behalten sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist ausgeschlossen.

Titelbild & Illustrationen: Jessica Marquardt

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat: Sabine Frambach

Korrektorat: Friedhelm Schneidewind, Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 462 5

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 686 5

Ein Blick hinters Haus

Der sense of wonder, das Gefühl des Staunens. In der Science-Fiction häufig ausgelöst durch Reisen in die Tiefen des Universums oder beim Erkunden ferner Galaxien sowie geheimnisvoller Planeten; sprich: bei Abenteuern in der großen, weiten Welt.

Doch fragte nicht bereits der Dichterfürst in seiner Erinnerung: »Willst du immer weiter schweifen?«

»Nein«, antwortet der Teilzeitphantast, denn zwischen diesen Buchdeckeln werden wir die kleine, nahe Welt betrachten. Die fantastische Welt hinterm Haus. Die Welt der Holzschuppen, Gewächshäuser und Remisen, der Parkanlagen und Schrebergärten sowie all ihrer im Verborgenen lebenden Wesen.

Angerichtet auf dem Gartentisch, direkt neben der quietschenden Hollywoodschaukel und dem knorrigen Apfelbaum, finden wir einen bunten Genre-Mix aus Science-Fiction, Fantasy, Mystery sowie Märchen – verfeinert mit einem Schuss Schmunzelphantastik.

Inspiriert wurde »Hinterm Haus« durch die von Thomas Le Blanc herausgegebene, aus Kurzgeschichten-Anthologien bestehende Schriftenreihe »Phantastische Miniaturen«. Innerhalb dieser Reihe errichtet der Herausgeber auch ein fantastisches Haus aus Kurzgeschichten-Bänden über Fenster, Dächer, Treppen und vieles mehr.

2022 hat eine dieser Publikationen, verfasst von Sabine Frambach, als Nukleus für den Sammelband »Türen, Tore & Portale« gedient. 2025 ist aus meinem Nukleus – ergänzt um bereits veröffentlichte sowie neue Texte – »Hinterm Haus« entstanden.

Ein Buch ist nie das Werk einer Einzelperson. Daher möchte ich mich bei Michael Haitel bedanken, der »Hinterm Haus« ohne viel Federlesens in seinen Verlag aufgenommen hat sowie bei Jessica Marquardt, der Gnomenfrau, die den Sammelband außen und innen illustriert hat. Ferner danke ich Sabine Frambach und Friedhelm Schneidewind: nicht nur für Lektorat beziehungsweise Korrektorat, sondern auch – und nicht zuletzt – für deren gelungene Gastbeiträge.

Viel Spaß beim Schmökern wünscht

der Teilzeitphantast

Acht Zentimeter zu breit

»… und somit ganze acht Zentimeter zu breit!« Wilfried Baffke klappte demonstrativ den Meterstab zusammen, wobei er das Ehepaar Wichert mit strenger Miene taxierte.

Verwandtschaft und Nachbarn kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Letzteres galt auch für Parzellenpächter der Schrebergartenkolonie Grüne Harmonie 1924 e. V., wie den Wicherts nun zum wiederholten Mal schmerzlich bewusst wurde. Seitdem diese vor knapp drei Jahrzehnten ihre Parzelle übernommen hatten, verband sie – über die akkurat geschnittene Buchsbaumhecke hinweg – eine tiefgehende Feindschaft mit Wilfried Baffke, dem »Lauben-Blockwart«, wie er hinter vorgehaltenem Arbeitshandschuh flüsternd bezeichnet wurde. Der Zorn des streitsüchtigen Frührentners konnte jeden treffen, wahlweise wegen Höhe und Zuschnitt der die Parzellen umsäumenden Hecken, Art und Umfang der Gartenbepflanzung oder – wie im Falle der Wicherts – der Abmessungen des Geräteschuppens: Sobald etwas nicht den Buchstaben der Vereinssatzung entsprach, insistierte Baffke ebenso vehement wie kompromisslos.

Das Verhängnis hatte seinen Anfang in der jüngsten Überarbeitung eben jener Satzung genommen. Leider war dem hierfür verantwortlichen Komitee ein kleiner Fehler unterlaufen, der unerfreulicherweise im Zuge der folgenden Beschlussfassung niemandem aufgefallen war. Im achten Paragrafen, welcher die Parzellenbebauung regelte, hatte sich innerhalb des dritten Unterpunkts ein Zahlendreher eingeschlichen. Dieser veränderte die vorgegebene Höchstbreite der sogenannten »Remisen« von einem Meter siebenundachtzig auf einen Meter achtundsiebzig, wodurch der gestern noch satzungskonforme, weil einen Meter sechsundachtzig messende Geräteschuppen der Wicherts nun eine Regelwidrigkeit darstellte.

»Aber eigentlich hat sich doch nichts verändert und …«, startete Doktor Altmüller, erster Vereinsvorsitzender, händeringend und – auch physisch – zwischen beiden Parteien stehend, einen weiteren Deeskalationsversuch.

»Egal«, unterbrach Baffke, »es geht keineswegs darum, ob sich etwas verändert hat oder nicht. Es geht um die Einhaltung von Regeln. Der Schuppen verstößt gegen die Satzung, ergo muss der Schuppen weg.«

»Sägt doch einfach ein Stückchen raus«, warf Frau Drombusch von der gegenüberliegenden Parzelle aus in die Diskussion ein.

»Das ginge selbstverständlich«, stimmte Baffke zu, wobei er sich ein hämisches Grinsen entweder nicht verkneifen konnte oder wollte. »Falls der Schuppen danach noch stabil steht: zur Verkehrssicherheit der Parzellenbebauung siehe Paragraf acht, Unterpunkt vier.«

Nachdem die Akteure von der Schrebergartenbühne abgetreten waren – Baffke mit stolz geschwellter Brust, Doktor Altmüller, ob der gescheiterten Vermittlung, mit hängenden Schultern – und sich auch das dem Streit beiwohnende Publikum zerstreut hatte, standen Herr und Frau Wichert allein vor dem Objekt des Anstoßes.

»Diese verdammten Idioten vom Satzungskomitee«, fluchte Wichert. »Nicht einmal Zahlen können sie richtig abschreiben. Eine Steilvorlage für unseren Lauben-Blockwart!«

»Du bist doch bei der letzten Versammlung gewesen. Da hättest du besser beim Verlesen der neuen Satzung aufgepasst, anstatt der jungen Kappke ständig auf die nackten Beine zu starren!«, schimpfte seine Frau, die damals gern eine Regelung zur Mindestlänge von Miniröcken eingebracht hätte. Der Seitenhieb zeigte bei ihrem Mann, gestählt durch vier Ehejahrzehnte, keinerlei Wirkung. Daher ergänzte sie, die Angriffsrichtung wechselnd: »Aber sicher wirst du dir diese Frechheit von einem Baffke nicht bieten lassen.«

Der Angesprochene reagierte mit Kopfschütteln. »Juristisch haben wir keine Chance. Und wegen so einer Lappalie werde ich mich nicht vor Gericht blamieren. Von den Kosten ganz zu schweigen. Da ist ein neuer Schuppen billiger.«

»Dann aber einen moderneren aus Metall, so wie bei den Kappkes.« Das Eheleben hatte wiederum Frau Wichert gelehrt, sich mit ihren Forderungen dynamisch der aktuellen Gemengelage anzupassen.

Schließlich verließen auch sie die Bühne – womit nur der Schuppen zurückblieb.

Er stand, wo er schon immer stand, seitdem ihn damals die noch jungen Wicherts, zusammen mit einem befreundeten Schreiner, an einem sonnigen Frühlingswochenende errichtet hatten.

Gute und schlechte Zeiten waren an ihm vorbeigegangen, wobei er sich insgesamt nicht beklagen durfte. Regelmäßig wurde er gestrichen, seine Tür geölt, Bretter vom Moos und das Dach von den Hinterlassenschaften der Vogelwelt befreit. Im vorletzten Sommer bekam er sogar ein neues Seitenfenster. Zwar wusste er nicht genau warum, doch verstand er, dass man ihn nun hier nicht mehr haben wollte. Er begann nachzudenken, und da das Nachdenken nicht zu den Stärken eines Schuppens zählte, benötigte er hierfür den Rest des Tages sowie die halbe Nacht.

Als der Vollmond hoch am Himmel stand,hatte er endlich einen Entschluss gefasst.

Am nächsten Morgen betrat Wilfried Baffke als Erster die Schrebergartenkolonie und musste feststellen, dass beide Flügel des stählernen Eingangstors – regelwidrig bezüglich des Paragrafen zwei der Vereinssatzung – weit offen standen. Selbstredend würde er dies später Doktor Altmüller vortragen.

An seiner Parzelle angekommen bemerkte er, dass der Schuppen der Wicherts entfernt worden war, was ihm nicht nur innerliche Befriedigung verschaffte, sondern auch nach außen hin deutlich sichtbar freute. Weniger freute ihn hingegen, dass seine jüngsten Gartenarrangements einem Diebstahl zum Opfer gefallen waren: Zwei hüfthohe, bei einem Stellmacher erworbene Wagenräder, die Baffke höchstpersönlich in seinen Beeten platziert und mit Blumengehängen geschmückt hatte, waren spurlos verschwunden.

Ob der Diebstahl wohl mit dem offenen Eingangstor zusammenhing?

Der Bootsschuppen am Greggensee

Das Sommerfest markierte nicht nur den Höhepunkt der lokalen Partysaison, sondern bot auch ein ideales Jagdrevier. Die lange, von Buden und Fahrgeschäften gesäumte Gasse verlief vom Waldparkplatz direkt zum See und endete dort an der großen Tanzfläche. Eine angenehme Wärme, fetzige Musik, Bier, Wein und diverse Mixgetränke sorgten seit dem späten Nachmittag für ausgelassene Stimmung.

Wie jedes Jahr sah er sich nach einzelnen, abseitsstehenden Mädchen um. Jetzt, kurz vor Mitternacht, waren seine Chancen am größten. Wer bis dahin niemanden gefunden hatte, ließ sich leicht in ein Gespräch verwickeln; der Alkohol tat das Übrige.

Und da war sie auch schon: höchstens zwanzig, zierlich, hüftlanges Haar. Sie trug ein knappes Kleid und Sandaletten. Den leeren Becher mit beiden Händen umschlungen blickte sie gelangweilt in den Pulk der Tanzenden. Er nahm zwei Whiskey-Cola vom Stand, schlenderte zu ihr, drückte ihr einen in die Hand.

»Hi!«, grüßte er lächelnd.

Sie musterte ihn, nickte und stieß mit ihm an.

Er hatte seine Beute gefunden.

»Keine Lust zum Tanzen?« Um das Wummern der Bässe zu übertönen, sprach er ihr direkt ins Ohr. Dabei sog er unauffällig die Luft ein. Ihre Haut roch nach Jasmin, Mango und Weihrauch.

Sie schüttelte den Kopf, trank einen Schluck. »Lieber ein bisschen Spazierengehen.«

»Zum See?«, fragte er.

»Ja, zum See.«

Nur wenige Minuten, nachdem sie den Tanzplatz hinter sich gelassen hatten, wich die Musik dem Zirpen der Grillen und das dunkle Wasser des Sees glitzerte im Mondschein.

»Links geht’s zum Bootsschuppen.« Er deutete auf den schmalen Uferpfad. »Da können wir uns setzen.«

Sie nickte und nahm seine Hand.

Er hatte ins Schwarze getroffen.

»Interessiert dich denn nicht, wie ich heiße?«, fragte er nach einer Weile.

»Nein«, antwortete sie. »Du interessierst mich.«

Am Bootsschuppen angekommen setzten sie sich auf eine der beiden Holzbänke. Still ruhte das Wasser vor ihnen. Vom Fest war hier nichts mehr zu hören.

»Der Greggensee«, murmelte sie.

»Kennst du die Legende?«, fragte er, froh darüber, dass sie das Schweigen gebrochen hatte. »Warum man ihn so nennt?«

»Erzähl!« Sie lehnte sich zurück und schloss dabei die Augen.

»Tief unten im See wohnt ein Monster: der Gregg. Manchmal, vor allem in warmen Sommernächten – so wie dieser – kommt er nach oben und streift durch die Wälder. Dabei nimmt er die Gestalt eines jungen Mannes an. Wunderschön, groß – und sexy.«

»So wie du? Oder noch schöner?« Sie lachte, schmiegte sich an ihn.

»Nein, so wie ich.« Er spürte ihre Wärme. Durch den dünnen Stoff konnte er die Konturen ihres Körpers deutlich erkennen. Kein BH. Das erregte ihn noch mehr.

»Und was macht der Gregg, wenn er umherstreift?«

»Er sucht hübsche Mädchen, verführt sie, holt sie zu sich in die Tiefen des Sees.« Das Spiel gefiel ihm. Er hielt inne – und setzte nach. »Hast du keine Angst? Hier verschwinden immer wieder Menschen, zuletzt vor zwei oder drei Jahren.«

Sie schüttelte den Kopf. Plötzlich stand sie auf und setzte sich rittlings auf seinen Schoß, seine Beine zwischen ihren Schenkeln. Er umfasste ihre Schultern, zog sie an sich heran.

»Der Schlüssel zum Bootsschuppen liegt auf dem Türrahmen«, flüsterte er. »Drinnen gibt es eine Matratze und Decken. Oder willst du draußen bleiben?«

»Draußen ist es schöner.« Sie küsste seine Stirn.

»Und du hast wirklich keine Angst, dass ich der Gregg bin?«, neckte er sie. Seine Hand suchte und fand den Weg unter ihr Kleid.

»Nein, der bist du nicht.«

»Wie kannst du das wissen?«

Seine Lippen waren kurz davor, die ihren zu berühren.

»Ich kenne doch«, hauchte sie, »meinen Bruder.«

Während sie mit einer Hand sein Genick packte, drückte sie ihm mit der anderen die Nase zu, presste ihre Lippen auf die seinen, saugte sich an ihnen fest. Ihre Kraft war übermenschlich. Verzweifelt versuchte er,sich zu lösen, zu schreien – doch sie raubte ihm die Luft. Noch ein paarmal schlug er um sich, bevor Schwärze seinen Geist umfing.

Ja, dachte sie, ich kenne Gregg: Auch er liebt frisches Menschenfleisch.

Schneeballeffekt

Der Bungalow an den Ausläufern des Nationalparks Bayerischer Wald verwirklichte Mariannas Traum: Sie tauschte urbane Hektik und Enge gegen ländliche Harmonie und Weitläufigkeit. Nachdem das neue Heim saniert und der Umzug vollzogen war, widmete sich die Modedesignerin der hinter dem Bungalow befindlichen Grünanlage. Ihre Vorstellung zu deren Neugestaltung konkretisierte sie innerhalb weniger Tage und stimmte diese mit der örtlichen Gärtnerei ab.

Nur, was sollte sie mit der von Birken umsäumten Remise am Ende des Gartens machen?

Der vorherige Eigentümer hatte den Bretterbau als Werkstatt und Stellplatz für Oldtimer errichtet. Für Mariannas Sportwagen völlig überdimensioniert und unpraktisch – der Carport befand sich direkt vor dem Bungalow – dachte sie zunächst an einen Ausbau zum Atelier. Oder vielleicht doch zu einer Saunalandschaft mit Whirlpool?

Sie verschob das Projekt in den Winter. Zunächst forderten die Reisevorbereitungen zum Besuch der diesjährigen Mailänder Modemesse ihre volle Aufmerksamkeit. Sie begnügte sich daher mit einem Insektenhotel, das sie an der Rückwand der Remise aufstellte. Da das Hotelangebot gut angenommen wurde, montierte Marianna kurz darauf ein halbes Dutzend Vogelkästen rund um den Bretterbau. Auch die neuen Nistmöglichkeiten erfreuten sich rasch hoher Nachfrage, zumal das Insektenhotel die gefiederte Mieterschaft zu einem proteinreichen Imbiss einlud. So wie sich die Vogelkästen füllten, leerten sich die Hotelplätze.

Davon bemerkte Marianna nichts, jedoch fiel ihr ein umherstreifender, vermeintlich heimatloser Kater auf. Er veranlasste sie zum Einbau einer Katzenklappe an einem der beiden Torflügel. Keinesfalls sollte die arme Kreatur bei Wind und Wetter im Freien nächtigen müssen. Fortan schaute Caesar gern vorbei, zumal ihm die zu niedrig angebrachten Vogelkästen einen interessanten Zeitvertreib boten. Tag für Tag verringerte sich somit nicht nur dessen Langeweile, sondern auch die vor Kurzem hinzugezogene Vogelpopulation. Allerdings verspeiste Caesar seine Spielzeuge nicht. Er bevorzugte die daheim vom Dosenöffner servierten Leckereien: feinste Qualität, dazu frei von Knochen und Federn.

Bereits auf dem Flug nach Mailand blieb Marianna all dies verborgen. Während ein bedauernswertes Rotkehlchen neben der Remise sein Leben aushauchte, zappte sie durch die Kanäle des Bord-Entertainments und blieb bei einer Reportage über den »Schneeballeffekt« hängen. Dieser beschrieb anschaulich den Mechanismus sich stetig aufschaukelnder Kettenreaktionen, wie beispielsweise ein unbedacht böses Wort letztlich zu einer Massenschlägerei führen konnte. Interessant, dachte Marianna, wenn auch ohne Bezug zu meinem Leben. Unmittelbar nach ihrer Ankunft in der norditalienischen Modemetropole stürzte sie sich in die Tiefen des Messetrubels und vergaß die aus der Reportage gewonnenen Erkenntnisse.

Im fernen Deutschland stieß derweil ein neugieriger Waschbär auf die an der Remise angebrachte Katzenklappe. Dort pochte Caesar als selbst ernannter Revierkönig gegenüber dem Eindringling auf sein wohnwirtschaftliches Exklusivrecht. Wessen Ansprüche hier zukünftig gelten würden, klärte sich in dem, nach beiderseitigem Fauchen, Zischen und Knurren folgenden, ebenso kurzen wie heftig geführten Disput. So verzehrte Familie Waschbär beim Einzug den noch frischen Katzen-Kadaver und fühlte sich schnell heimisch.

Die Nähe zum Nationalpark rief allerdings nur wenige Tage später einen weiteren Bären auf den Plan: Ursus arctos entdeckte das attraktive Domizil hinter dem Bungalow. Der wenig kompromissbereite Braunbär beendete – quasi mit einem Tatzenstreich – das Familienidyll und scheuchte seine entfernten Verwandten vor das Remisentor. Zumindest diejenigen, die klug genug waren, widerstandslos das Feld zu räumen.

In der Zwischenzeit spielte sich, nicht allzu weit entfernt, in einer bislang vom Menschen unentdeckten Waldschlucht ein Drama ab. Ausgelöst durch weitere Zechenschließungen im Osten Europas erinnerte sich eine dorthin emigrierte und nun arbeitslose Zwergensippe an alte Bergbaurechte in ihrer bayerischen Heimat. Vor diesem Hintergrund sah sich der amtierende Zwergenkönig schweren Herzens genötigt, ein seit dem sechzehnten Jahrhundert bestehendes Höhlen-Mietverhältnis wegen Eigenbedarf zu kündigen. In der Folge vagabundierte ein nun heimatloser Lindwurm mit hängender Schnauze ziellos durch den Nationalpark – bis er schließlich am Waldrand einen großen Bretterbau erspähte …

Erschöpft kehrte Marianna nach dem zweiwöchigen Italien-Aufenthalt zu ihrem Bungalow zurück. Doch statt der ersehnten Ruhe vernahm sie zwar leise, doch äußerst befremdliche Geräusche. Woher kamen sie? Schnell machte sie die Remise als Unruheherd aus. Was war geschehen? Hatte sich dort ein Iltis oder Dachs eingenistet, womöglich sogar den armen Kater erschreckt? Fixiert auf das Rumoren und Grollen fielen ihr das leere Insektenhotel und die verwaisten Vogelhäuschen ebenso wenig auf wie die in den umliegenden Büschen verteilten Vogelkadaver, Katzen- und Bärenknochen.

Die lösungsorientierte Selfmadefrau widerstand dem Impuls, einen Kammerjäger zu rufen. Bewaffnet mit einem Besen machte sie sich auf, den Eindringling höchstpersönlich zu verjagen.

Der Anbau in die Anderswelt

Häuser hüten Geheimnisse, besonders alte Häuser. Meins, ein kleiner Backsteinbau am Waldrand, zählt weit über hundert Jahre. Wilder Efeu bedeckt die Fassade, eine mannshohe Buchenhecke umschließt den dahinter liegenden Obst- und Gemüsegarten.

Welche Geheimnisse verbirgt dieses Haus? Neben freundlichen Wichteln, die zum Preis eines wöchentlichen Kuchens sämtliche Haus- und Gartenarbeiten erledigen, verfügt es über einen geräumigen Anbau, der nicht in dieser, sondern in einer anderen Welt existiert.

Ein fulminantes Knarzen, so laut, dass ich mir die Ohren zuhalten musste, erschütterte vor einem halben Jahr mein Heim. Danach befand sich in der Stubenwand eine Tür, die in eben jenen Anbau führt: drei Butzenscheiben, durch die spärliches Licht fällt, Wände, umsäumt von Regalen, vollgestellt mit Tiegeln, Mörsern und Krügen unterschiedlichster Größen, Materialien und Farben, zudem mehrere Bücher mit Ledereinbänden, verfasst in Schriftzeichen, die ich bis heute größtenteils nicht entziffern kann. Seitdem sich der Zugang manifestiert hat – und die Wichtel den Anbau vom Staub befreit haben –, tauche ich dort immer wieder in das Vermächtnis meiner verstorbenen Großtante Walburga ein. Der Name »Hexen-Walli«, den ihr die Menschen im Dorf gegeben haben, erscheint mir inzwischen nicht ganz unberechtigt, ist sie doch offensichtlich eine begnadete Kräuterkundige und Alchemistin gewesen. Obwohl mich die Wichtel ebenfalls in diesen Künsten unterrichten, werde ich wohl noch Jahrzehnte brauchen, um mit Walburgas Können gleichzuziehen.

Lange, nachdem die Sonne untergegangen war, legte ich den Laptop zur Seite und ließ die Arbeit Arbeit sein. Gegen die Müdigkeit hatte ich vorhin ein Kännchen Mokka getrunken, doch ließ nun meine Konzentration massiv nach. Aufgedreht vom Koffein machte ich einen Abstecher in den Anbau. Beim Betreten zog ich eine Streichholzschachtel aus der Seitentasche meiner Cargohose und entzündete die Öllampen. Flosi, Ältester der Wichtel, hatte mir erklärt, dass dieser Ort ein Teil der Anderswelt sei, weshalb hier keine elektrischen Geräte – noch nicht einmal akkubetriebene LED-Lampen – funktionierten.

Langsam schritt ich an den Regalen entlang, inhalierte den Duft getrockneter Kräuter, strich mit den Fingern über die Bücher und malte mir aus, welches Wissen sie enthalten mochten. Doch halt! Obwohl es keinen Luftzug gab, flackerten die Lichter der Öllampen auf. Was war das? Ich blickte mich um und bemerkte einen Schattenwurf an der Decke, der mir bislang nicht aufgefallen war. Rasch holte ich die Trittleiter aus dem Badezimmer, nahm eine der Lampen und kletterte hinauf.

Ich entdeckte eine kreisrunde Metallscheibe, kaum breiter als meine Schultern und gewölbt wie ein Topfdeckel. An deren Rand konnte ich mit meiner freien Hand einen schmalen Spalt sowie winzige Einkerbungen ertasten. Wie war es möglich, dass ich dies erst jetzt bemerkte? Mit dem Gedanken an die nach zwei Jahren plötzlich in meinem Wohnzimmer erschienene Tür schob ich die Frage zunächst beiseite. Die Scheibe ließ sich drehen, und als ich dagegen drückte, klappte sie quietschend nach oben auf. Aus der Öffnung fiel schwaches Licht, und ein frischer Wind blies mir entgegen. Wie war das möglich? Draußen rührte sich kein Lüftchen, und jetzt, im Hochsommer, konnte selbst nachts nicht die Rede von Kühle sein. Neugierig kroch ich durch die Luke und gelangte auf den Mittelpunkt einer spitz zulaufenden Felskuppel, wohl zehn Meter im Durchmesser. Wohlgemerkt: Mein Häuschen steht am Rand eines mehrere Quadratkilometer umfassenden Waldgebiets, doch vor meinen Augen präsentierte sich eine Hochgebirgslandschaft mit zahllosen Klüften und Tälern, an deren Horizont die Gesteinsformationen bis in die Wolken hineinreichten.

Mit einem Stein blockierte ich den Mechanismus der Luke, danach wagte ich mich vorsichtig auf allen vieren durch das Geröll näher an den Kuppelrand heran. Der Blick hinunter nahm mir den Atem: Ich befand mich auf einer Felsnadel, die mehrere Hundert Meter aus einem nebelverhangenen Massiv herausragte. An den Seiten meinte ich, wie bei einer Wendeltreppe, umlaufende Stufen zu erkennen. Aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse war ich mir jedoch nicht ganz sicher.

Nach Minuten des puren Staunens riss ich mich von dem bizarren Panorama los und krabbelte zurück zur Luke. Doch anstatt mich auf den Weg zu konzentrieren, war ich gedanklich bei meinen Wichtelfreunden, denen ich sofort nach meiner Rückkehr von diesem unglaublichen Ausflug berichten wollte. So kam es, wie es kommen musste: Ich glitt aus und schlitterte hinab. Reflexartig griff ich um mich, fasste nach links und rechts, fand keinen Halt, nur lose Steine. Dann, der Kuppelrand unter meinen Beinen: Ich schrie, rutschte weiter, spürte die Leere – und fiel.

Der Aufprall erfolgte schneller und weicher als erwartet. Ein dichtes Gebüsch, das sich mit seinen Zweigen mannshoch auf einem Vorsprung ausgebreitet hatte, dämpfte den Fall wie eine riesige Matratze. Langsam wand ich mich aus dem rettenden Dickicht heraus. Meine Kleidung: zerrissen; mein Körper: ein einziger großer Schmerz; jedoch, einem Wunder gleich, keine gebrochenen Knochen oder gerissene Sehnen. Unsicher darüber, ob ich lachen oder weinen sollte, entschied ich mich für beides.

Nachdem der Tränenfluss versiegt war, analysierte ich die Lage. Ich befand mich auf einem Vorsprung, hinter mir der Abgrund, vor mir der Eingang zu einer Höhle, rechts und links die in den Felsen gehauene Treppe. Sollte ich den Aufstieg wagen? Bei näherer Betrachtung erwiesen sich die Treppenstufen als verdammt schmal, gerade so breit wie eine Elle, ohne Geländer oder Handlauf. Mit meinen Sneakers wäre der Weg auch bei klarer Sicht ein Wagnis – und das Licht schwand zunehmend. Mir graute bei dem Gedanken, doch würde ich hier wohl übernachten müssen. Mit einem Griff in die Seitentasche versicherte ich mich, dass ich die Streichholzschachtel beim Sturz nicht verloren hatte. Vielleicht gelang es mir, mit trockenen Zweigen unter dem Höhlenvorsprung ein Feuer zu entzünden und aus dem Strauchwerk ein Lager zu improvisieren. Zunächst sollte ich mich jedoch vergewissern, dass meine Unterkunft nicht bereits anderen Kreaturen als Heimstatt diente. Es wäre irgendwie frustrierend, den Sturz zu überleben, um danach als Bärensnack zu enden.

Nachdem ich den Höhleneingang, groß wie ein Scheunentor, passiert hatte, tastete ich mich tiefer in das Innere vor. Schon nach wenigen Metern blieb ich verdutzt stehen: Faustdicke Eisenstangen, vom Boden bis zur Decke, zogen sich in schnurgerader Linie von einer Höhlenseite zur anderen. Am Ende konnte ich ein leichtes Flackern erkennen, so als würde hinter einer Biegung ein Feuer züngeln. Wer hauste dort – und vor welchen Monstrositäten schützten diese Stangen? Der Abstand zwischen ihnen war gerade breit genug für einen Menschen. Ich wog ab zwischen der möglichen Konfrontation mit den Höhlenbewohnern und den Geschöpfen, die diese Barriere den Zutritt zu ihnen verwehren sollte. Besser ich setzte mich mit meinesgleichen auseinander, als unter dem Vorsprung von blutdürstigen Ungeheuern angefallen zu werden. Vorsichtig zwängte ich mich zwischen den Stangen hindurch, schlich zur Biegung und lugte – meinen Körper an den kühlen Felsen gepresst – mit angehaltenem Atem um die Ecke.

Ich erstarrte.

In den letzten drei Jahren meines Lebens waren seltsame Dinge geschehen: Ich hatte ein uraltes Waldhäuschen geerbt, mich mit Wichteln angefreundet, eine Reporterin genarrt, Baumgeister verärgert, Runen studiert und alchemistische Tränke gebraut. Doch nun war ich mir wirklich sicher, in einem Märchen zu sein. Vor mir befand sich eine Kaverne, groß und weitläufig wie ein Dom, sodass deren Ende in der Dunkelheit verschwand. Mehr als hundert Pechfackeln, an den Wänden aufgereiht, erleuchteten den vorderen Teil des Innenraums. Der Boden war mit riesigen Teppichen in Blau und Purpur ausgelegt, darauf verteilt mindestens zwei Dutzend Statuen in der Gestalt gerüsteter Zwerge, Elfen und anderer fantastischer Wesen: die Körper aus weißem Marmor, Rüstungen und Waffen aus Gold. Sollte ich weitergehen oder mich zurückziehen? Abenteuerlust und Vorsicht stritten in mir.

Ein Räuspern riss mich aus meinen Gedanken. Ich zuckte zusammen, fuhr herum und blickte in die smaragdgrünen Augen einer jungen Frau. Ihre Größe und Statur entsprachen der meinen, jedoch trug sie ein tiefblaues Kleid, mittelalterlich geschnitten und vom Saum bis zum Kragen mit silbernen Stickereien verziert. Auf ihrem ebenmäßigen Gesicht formte sich ein Lächeln. Dann begann ihr Mund Worte zu bilden, die eher einer Melodie als einer Sprache glichen. Kein einziges von ihnen ergab für mich irgendeinen Sinn. Ich versuchte es meinerseits, zuerst auf Deutsch, dann auf Englisch, schließlich – wenn auch stockend – auf Französisch. Sie schaute mich bloß fragend an.

Mit der flachen Hand schlug ich mir auf die Stirn, so stark, dass die Frau erschrocken zurückwich.

Wie. Unendlich. Dumm.

Das hier war die Anderswelt!

Langsam, Wort für Wort, grüßte ich sie erneut und stellte mich als Besucherin aus dem Menschenreich vor, dieses Mal auf »Snokre«, der Sprache der Wichtel. Ich hoffte, dass sie auch von anderen Bewohnern der Anderswelt verstanden wurde.

»Ich grüße dich, Besucherin«, antwortete die Frau zu meiner Erleichterung. »Man nennt mich Syn’draja. Sei Gast an meinem Tisch, habe Schutz und Obdach in diesem Heim, denn draußen lauern vielerlei Gefahren.« Sie beherrschte Snokre so elaboriert und fließend wie meine Wichtelfreunde. Mit einer weit ausladenden Geste deutete sie hinter mich. Plötzlich stand dort eine riesige Tafel, darauf zahlreiche Schalen, gefüllt mit Bratenstücken, Rüben, Kohl und Linsen, Äpfeln, Birnen und Pflaumen, zudem Brote und verschiedene Kuchen sowie Karaffen und Krüge, die wohl Säfte, Liköre und Weine enthielten. Düfte, von herzhaft über fruchtig bis süß drängten sich in meine Nase, einer köstlicher als der andere.

»Greif zu«, forderte sie mich auf. »Ich freue mich, dass du den Weg zu mir gefunden hast. Es ist so einsam hier.«

Völlig perplex starrte ich auf die Speisen, hatte mich aber sogleich wieder unter Kontrolle. Ich bedankte mich überschwänglich für die Gastfreundschaft, machte aber mehrfach deutlich, dass ich weder hungrig noch durstig, aber furchtbar müde wäre.