Der halbe Apfel - Marie-Alice Schultz - E-Book

Der halbe Apfel E-Book

Marie-Alice Schultz

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Beschreibung

Es kommt vor, dass jemand geht – aber eine Rückkehr, noch dazu nach sieben Jahren? Eines Morgens steht Ben da, platzt unangekündigt in das Wiener Leben von Pia, Vinz und dem siebenjährigen Janis, dessen leiblicher Vater Ben ist. Janis hat nun auf einmal zwei Väter und Pia fragt sich mehr und mehr, warum eigentlich nur die anderen kommen und gehen können, wann sie wollen. Marie-Alice, die Erzählerin, erfährt in Hamburg von den Neuigkeiten. Mit Vinz war da für Momente mehr, aber drei waren Eine zu viel. Nun ist da ein neues Drei- eck, doch diesmal liegen die Dinge anders. Marie-Alice selbst ist Schriftstellerin und hängt in der Luft: zwischen Projekten und Lockdowns und in der Erinnerung an ihre französische Mutter, die vor Jahren noch einen halben Apfel aß, bevor sie sehr plötzlich verstarb. Sie beginnt, sich in das Leben von Pia, Vinz, Ben und Janis hineinzudenken, als wären sie ihre Romanfiguren. Und vor dem Hintergrund ihres eigenen Verlusts fragt sie sich zunehmend, was Familie ist, wie Verantwortung und Vererbung, Glück und Identität zueinander stehen. Bis eintritt, womit niemand gerechnet hat, und ein Teil des Dreiecks die Seiten wechselt.

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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Es kommt vor, dass jemand geht – aber eine Rückkehr, noch dazu nach sieben Jahren? Eines Morgens steht Ben da, platzt unangekündigt in das Wiener Leben von Pia, Vinz und dem siebenjährigen Janis, dessen leiblicher Vater Ben ist. Janis hat nun auf einmal zwei Väter und Pia fragt sich mehr und mehr, warum eigentlich nur die anderen kommen und gehen können, wann sie wollen. Marie-Alice, die Erzählerin, erfährt in Hamburg von den Neuigkeiten. Mit Vinz war da für Momente mehr, aber drei waren Eine zu viel. Nun ist da ein neues Dreieck, doch diesmal liegen die Dinge anders. Marie-Alice selbst ist Schriftstellerin und hängt in der Luft: zwischen Projekten und Lockdowns und in der Erinnerung an ihre französische Mutter, die vor Jahren noch einen halben Apfel aß, bevor sie sehr plötzlich verstarb. Sie beginnt, sich in das Leben von Pia, Vinz, Ben und Janis hineinzudenken, als wären sie ihre Romanfiguren. Und vor dem Hintergrund ihres eigenen Verlusts fragt sie sich zunehmend, was Familie ist, wie Verantwortung und Vererbung, Glück und Identität zueinander stehen. Bis eintritt, womit niemand gerechnet hat, und ein Teil des Dreiecks die Seiten wechselt.

Marie-Alice Schultz erzählt in Der halbe Apfel von ungewöhnlichen Familienkonstellationen und modernen Lebensentwürfen, verbunden mit einer spielerischen und schonungslosen Selbstbefragung. Wie sie die Rollen und Blickrichtungen ihrer Figuren zunehmend vertauscht und in eine spannende Romanhandlung einwebt, lässt die literarisch außergewöhnliche Versiertheit einer Autorin erkennen, die auf ganz eigene Weise davon erzählt, wie man manchmal nur auf Umwegen zu sich selbst finden kann.

 

 

Inhalt

1 – Von der Königsdisziplin, dem Zurückkehren

Anlauf rückwärts

Dieselbe Socke

Im Spiegel

Die Innenseite des Schmetterlings

Gummiband

Winkelzug

Papier

Im Halbschattenflur

Auf der Fingerkuppe

Kleblasche

Klickflügel

Aufgeklappte Muschel

Halber Apfel

Unter dem Moos

Kanüle

Glück im Pappbecher

Unter dem Metalltisch

Im Schatten des Kraftwerks

Kaffeesahne

Im Halbdunkel der Schwelle

Draußen

Zwischen den Stühlen

Die dunkle Seite des Kanals

Rüschengarten

Kopf auf Linol

Lied im Rückspiegel

Sockentunnel

Blau im Pinsel

Scheitel

Im Loop

Auf selber Höhe

Inmitten blonder Strähnen

Eprouvette

Baumdialoge

Auf dem Grund der Hosentasche

Im Hals ein Lachen

2 – Vom Aufbruch, der zweitschwersten Übung

Wechselrahmen

Fluchtpunkt

Probe

Hintertür

Unschärfe

Straßenzüge und Gleise

Millimeterwucht

Druck

Nachts unter Haufen

Chip

Schleuse

Radioland

Kurve

Brennweite

Parallelen

Unter Platanen

Heizrippen

Betonklotz

Zwei Tüten

Um die Ecke

Schwarzes Loch

Köder

Wattierte Wände

Fisch

Wiederkehr

Paket

Schallloch

Rampe

Zunge

Zuschrift

Ende

Zwanzig Minuten

Richtungswechsel

Aprikosen

Im Flugschatten

Über die Trennlinie

Talsohle

 

à Françoise et Bruno

 

ich bewohne eine Gegend

die gelüftet werden müsste

Kathrin Bach

C’est toujours dans les choses

que la tristesse se réfugie.[*]

Mohamed El Khatib

[*] Es sind stets die Gegenstände,

in die die Traurigkeit sich flüchtet.

 

1

Von der Königsdisziplin,dem Zurückkehren

Anlauf rückwärts

Ben ist zurück. Mit der Sporttasche, der großen, aus grünem Stoff, deren Reißverschluss immer etwas klemmt. Später erst wird sie eine Rolle spielen. Anfangs ist da Ben, der zurückkehrt, an einem gewöhnlichen Tag im April, die Straße langläuft, als sei es seine. Einen Fuß vor den anderen setzt. Mit stoischer, fast beklemmender Ruhe.

Jeder weiß: Eine Rückkehr nach sieben Jahren ist nicht ohne. Die kann alles durcheinanderbringen. Längst sind andere eingesprungen, haben die Lücke geschlossen, die sich durch sein Fortgehen aufgetan hat.

Ben aber läuft. Läuft auf die Tür zu, die Pias Haus verschließt. Er drückt auf die Klingel, die dritte von links. Wie früher. Das kleine Plastikrechteck gibt nach, er hört das Läuten nicht. Das Küchenfenster steht offen, Ben sieht die Kräuter auf dem Fensterbrett und denkt, dass jemand sie gießen müsste. Er schaut, ob Pia ihren Kopf herausstreckt, zur Straßenseite hin, wie sie es früher tat, wenn sie nicht wusste, wer es sein könnte. Ben wünscht sich, dass da jetzt Pias Kopf wäre. Genau wie damals. In dem Rahmen aus Holz. Eigentlich hat er es schon gehofft, als er in ihre Straße bog: Sie möge da sein.

Ben guckt hoch und klingelt erneut. Vielleicht ist Pia im hinteren Zimmer, hört ihn nicht. Vielleicht spielt sie mit dem Kind oder verräumt etwas in der Kammer. Er wird noch ein wenig warten. All die Jahre, da kommt es auf ein paar Minuten mehr nicht an. Er stellt die Tasche ab, schaut auf die kleinen Buchstaben, die Pias Nachnamen ergeben. Das Kind trägt denselben.

Das Surren ist so leise, dass er es fast überhört. Er lehnt sich gegen die Tür, sie gibt nach. Er erinnert sich an den Geruch im Treppenhaus, der ihm jetzt entgegenschlägt. Ein wenig modrig, als stünde die Kellertür offen. Durch das Fensterglas der metallischen Hoftür fällt Licht. Es blendet ihn, er kneift die Augen zusammen. Oben, nur ein paar Stockwerke höher, steht Pia in der Tür. Er hört, wie sie zum Kind spricht. Er freut sich. Pia wirkt überrascht, sie zieht den Sohn eng an sich heran. Ben blickt auf die Kindersocken mit den blau-grünen Streifen, hört Pia sagen: Nach all der Zeit? Er weiß nichts hinzuzufügen, lächelt nur als Antwort.

Pias Augen sind noch, wie sie waren, als er sie vor sieben Jahren verließ. Helles Grün, mit einigen dunkleren Einsprengseln. Als sei etwas Farbe aus einem anderen Augenpaar auf sie übergesprungen. Als habe jemand unsauber gearbeitet, gespritzt. In einer Art Menschenfabrik, wie Ben sie sich manchmal vorstellt: Aus Kunststoff gegossen liegen Körper nebeneinander auf endlosen Förderbändern, durchqueren lange Hallen, bis sie schließlich zur Färberei gelangen. Die präzisesten Arbeiter dürfen die Pupillen gestalten, sie mit feinen Pinseln aus Dachshaar ausmalen.

Pia kneift ein Auge zu, wie um Ben zu fixieren.

Du siehst müde aus.

Es geht.

Sie verschweigt, dass er älter wirkt. Anders, als sie ihn in Erinnerung hatte. Vielleicht kommt das vom Bart. Früher trug er keinen. Einen Moment lang fragt sie sich, ob sie Ben vermisst hat, wirklich vermisst. Wäre es so, müsste sie sich jetzt freuen. Aber da ist nichts, weder in der Magengrube noch höher, dort, wo die Freude eben sitzt. Pia spürt nur, wie Janis ihr auf den Fuß steigt, spürt ein kurzes Ziehen in der linken Zehe.

Wer ist das?

Das ist Ben.

Weißt du nicht, wer ich bin?

Janis hebt die Schultern, wie um sich zu entschuldigen. Immer wieder kommen Menschen zu Besuch, die nur kurz bleiben, etwas abholen oder bringen. Werkzeug, Pflanzen, Dinge, die repariert werden müssen, und manchmal Essen.

Warst du gerade in der Gegend? Pias Stimme klingt kühl.

Nein, ich habe dich gesucht.

Mich? Wozu?

Um zu sehen, wie es euch geht.

Uns geht es gut. Janis nickt, als stimme er seinen Worten selbst zu. Wir haben hier ja alles.

Ben muss lachen. Er weiß noch, dass der Abfluss in der Küche häufig verstopft ist, dass nachts Silberfischchen durch die Wohnung huschen, davonflitzen, im Freiraum zwischen den Leisten verschwinden, wenn man das Licht zu später Stunde anschaltet. Natürlich kennt Pia für alles eine Lösung, so war es immer. Und fällt ihr keine ein, ist da noch Vinz. Vinz, der alles reparieren kann. Außer sein Gefühl für Pia vielleicht. Aber da hält Ben sich lieber raus, fragt nicht weiter nach. Eigentlich hat er immer gedacht, Pia sei frei und Vinz nur ein alter Freund, der eben alles repariere, was kaputtgeht.

Willst du reinschauen bei uns? Janis macht einen Schritt zur Seite, im Flur ist es dunkel. Bücher türmen sich auf einem Regal. Ben fragt sich, wie viele von ihnen Pia wirklich gelesen hat. Meist tut sie nur so. Erzählt etwas, als stünde es geschrieben. Wenn man nachfragt, weiß sie nicht, wo genau, hat den Namen des Autors vergessen.

Zu Beginn hatte es ihm imponiert, dass man nicht wirklich wissen muss. Dass es reicht, so zu tun. Kann ja alles noch geschrieben werden, hatte Pia zu ihrer Verteidigung geantwortet, als er ihr auf die Schliche kam. Mit der Zeit aber befürchtete er, ihr Lügen könne weitere Kreise ziehen, beschränke sich nicht nur auf den Inhalt von Büchern. Ihre Leichtigkeit war ihm falsch vorgekommen, er hatte begonnen, alles zu hinterfragen. Jedes Wort im Satz.

Komm, ruft Janis, hier lang! Er zieht Ben am Arm, der doch eigentlich weiß, wo es langgeht. Der die Wohnung viel länger kennt als Janis. Als die Küche noch gelb war. Ben sieht bereits vom Flur aus, dass hier gestrichen worden ist. Der Esstisch wurde verrückt, er steht näher am Fenster. Über ihn beugt sich ein Mann. Ben ahnt, wer es ist. Meint, die dunklen Strähnen zu erkennen, die das Gesicht verbergen. Unsicher bleibt er im Türrahmen stehen, bis Vinz den Kopf zu ihm dreht, ihn geradewegs anschaut.

Dieselbe Socke

Er habe in der Küche gesessen, als Ben zurückkam, sagt Vinz. Bei Pia in der Küche im dritten Stock. Er habe Pia leise an der Wohnungstür reden hören und gewusst, dass etwas nicht stimmt. Janis sei durch den Flur auf ihn zugelaufen, habe gerufen: Ben ist da, Papa. Das sei schon seltsam gewesen, sagt Vinz. Er habe zu Boden geschaut, auf die blau-grünen Socken, die aufgeregt umhersprangen, und nichts zu sagen gewusst zur Szene, in der er selbst doch ebenso steckte:

Wie Ben sich durch die Wohnung bewegt, als wäre es seine. Wie er Janis über den Kopf streicht, als hätte er ihn gestern zuletzt gesehen, und wie Pia nichts sagt. Zu dem Ganzen nichts sagt, nur an der Kaffeemaschine herumschraubt, als wisse sie nicht, dass erst der Wassertank aufzufüllen ist. In der Küche ist es still, nur Janis spricht, reiht Wörter aneinander, die vielleicht einen Sinn ergäben, würde jemand zuhören. Pia rüttelt an der Maschine, bis Vinz aufsteht und sagt: Da fehlt Wasser. Das Wasser fehlt, wiederholt Janis und lacht. Keine Boote können fahren nicht. Und keiner weiß, woher er das jetzt hat. Ben steht in der Tür zur Küche, er kommt nicht los vom Türrahmen. Setz dich, sagt Vinz, weil jemand es sagen muss. Ben streicht sich das Haar aus der Stirn, tut es mit derselben Geste wie Janis, wirft leicht den Hinterkopf zurück. Vinz erkennt die Bewegung sofort, obwohl es keine Kinderhand ist. Etwas ist weitergegeben worden, muss in den Genen liegen. Er stellt eine leere Tasse vor Ben ab.

Danke, ich bin nicht durstig.

Jetzt habe ich die Maschine aber schon angeschmissen. Pias Stimme klingt ein wenig vorwurfsvoll.

Dann trinken wir ihn halt, lenkt Vinz ein.

Wer unangekündigt klingelt, muss mittrinken!

Vinz weiß, dass Pia es nicht ernst meint, dass sie so etwas nie ernst meint, den anderen nur reizen möchte, damit er reagiert. Ob Ben es auch weiß? Er spielt mit den Fingern seiner linken Hand, verknotet sie, legt sie wieder frei.

Wo warst du?, fragt Janis, der Ben nur aus Erzählungen kennt. Oft muss er seinen Namen gehört haben. Er steht ganz dicht neben ihm, wartet auf eine Antwort. Ben streckt die Finger auf der Tischplatte aus, rechts und links der Tasse, nimmt nun doch den Kaffee an, den Pia in seine Richtung gießt, wie man mit einem Gartenschlauch in Nachbars Garten zielt. Nur für Janis hat er keine Worte. Vinz schneidet den Hefezopf vom Vortag in Scheiben, weil es etwas zu essen geben muss, wenn schon ein Gast da ist.

Der Hagelzucker fällt in ihre Teller und Ben denkt an Schnee, denkt an den Hügel außerhalb der Stadt, vor so vielen Jahren. Denkt an die weiße Schneepiste, die sich vor ihnen auftat. Wie Pia eine Plastiktüte aus ihrem Rucksack kramte, sie unter ihren Hintern schob und bergab glitt. Ein kleiner Punkt Pia am Ende des Hangs. Er war ihr nachgelaufen. Schwere Schritte, Stiefel, die immer wieder stecken blieben. Im klebrigen Schnee versanken. Trotz der Kälte hatte er nicht gefroren. Es war ihm vorgekommen, als knistere sie zwischen seinen Zähnen. Wie die Brausebonbons seiner Kindheit. Pias Lachen war grell, es ließ ihn schneller rennen, stolpern. Ein Stolpern, das er zum ersten Mal mochte. Der Reiz lag darin, die Schneedecke aufzuwerfen. Schuhsohlen in sie einzustanzen. Ben legte eine Spur hinter sich. Die Spur führte direkt zu Pia.

Damals hatte er noch nichts von Vinz gewusst, Pia hatte ihn nicht erwähnt. Hatte ihn ausgelassen wie eine unliebsame Stelle am eigenen Körper, die man verborgen hält, unter Stoffschichten versteckt. Eine Weile kann dies gutgehen, eine Weile kann man so tun, als sei da nichts, niemand, der zu Hause wartet. Doch es kommt der Moment des Aufdeckens. Die unaufmerksame Sekunde, in der der Stoff zur Seite gleitet und die Narbe freigibt.

Der Hefezopf ist aufgegessen, Janis’ Frage unbeantwortet geblieben. Er hat sie längst vergessen, bindet eine Schnur um seinen Stuhl, fädelt sie durch die Lehne. Pia und Vinz sitzen sich gegenüber. Auf ihren angestammten Plätzen, sie am Fenster, er zum Flur hin. Wie sie es immer tun. Auch, wenn da ein Dritter ist. Ein Gast. Ein Eindringling. Wie sie es auch mit mir taten.

Ich habe schnell begriffen, dass man Vinz nie ohne Pia sprechen kann, dass sie immer dabei ist, und sei es nur in seinen Worten. Irgendwann fällt immer ihr Name. Eine fragwürdige Referenz, der er selbst nicht ganz zu trauen scheint. Manchmal gehe ich darauf ein, oft überhöre ich es ein erstes Mal. Trinke den Wein hastiger aus oder was sonst vor mir auf dem Tisch steht. Höre auch beim zweiten Mal nicht hin, antworte kurz und abgehackt. Da ist nicht viel zu sagen. Ich wünsche mir, dass Pia zu einer Zeit gehört, die vor meiner endet.

Ich würd’ mir wünschen, sagt Ben und macht eine Pause, denn er spürt das Erstaunen in den Blicken der anderen. Wünsche äußert in dieser Küche schon lange keiner mehr. Nun also Ben, ergreift das Wort. Als wäre es das Einfachste, sagt es über den Besteckkasten hinweg, den Vinz vor ihn auf den Tisch gestellt hatte, damit er sich ein Messer herausnimmt, für die Butter. Vinz isst seinen Hefezopf immer bestrichen mit einer dünnen Schicht. Ben ist dies gleich, er muss etwas loswerden, den Hefezopf gibt es ohnehin nicht mehr. Ben spricht leise, doch nicht minder deutlich: Ich würde gern hier wohnen, für kurze Zeit. Also, wenn es euch nicht stört. Und als sei er ihnen eine Erklärung schuldig, schiebt er nach: Meine Wohnung habe ich nämlich nicht mehr.

Vinz guckt zu Pia. Es ist ihre Entscheidung. Eigentlich ist alles immer Pias Entscheidung gewesen. Vinz hat gelernt, sich danach zu richten und nach einiger Zeit so zu tun, als wäre es seine eigene. Er räumt den Besteckkasten zurück in die Lade. Ein dumpfes Geräusch, wie ein Zeichen, um Pia den Einsatz zu geben. Jetzt sprich! Doch Pia schweigt, wie sie es so gut kann. Keine Falte auf ihrer Stirn, alles starr. Vinz kennt diesen Blick nur zu gut, er weiß, dass ihm lange nichts folgen wird. Er muss einspringen, bevor die Stille beginnt, unhöflich zu wirken. Wird schon gehen, irgendwie. Aus dem Augenwinkel meint er, ein leichtes Nicken zu erahnen.

Im Spiegel

So jedenfalls sagt es Vinz, sagt es, während er sich über den linken Ärmel fährt, hektisch, als gelte es, etwas zu glätten. Ich sehe, wie er nach einer Tasse greift, die nicht im Bild ist. Nur ein Ausschnitt des Tisches ist zu erkennen, nach und nach verstehe ich, dass er noch am Frühstücken ist. Er hält einen Löffel ins Bild, zieht an seiner Zigarette. Vielleicht ist er gerade erst aus dem Bett herübergerutscht, ins Bild hinein. Die Laptopkamera ist unzuverlässig, sie stellt auf den Hintergrund scharf, der heller ist. Vinz sitzt im Gegenlicht und ich denke, dass es passt, dass er dunkel bleibt. Ein Umriss.

Das Bild wirkt wie tiefgekühlt, wenig bewegt sich darin. Es ist eine ganz andere Stadt als meine, in der er sitzt, trotzdem können wir reden wie an ein und demselben Tisch.

Ich schaue, ob noch Kaffee da ist, sagt Vinz und lehnt sich aus dem Bild, dann guckt er in seine Tasse, aber eigentlich habe ich ja noch.

Wie kann es sein, dass Ben plötzlich wieder da ist, unterbreche ich das Rühren, einfach so, nach all den Jahren?

Vinz blickt auf, als hätte er kurz vergessen, dass auf der anderen Seite jemand ist. Jemand, der jederzeit lossprechen kann. Jemand in einem anderen Raum. Hinter mir türmen sich Koffer, ich sitze in der Abstellkammer. Hier schreibe ich auch. Hier verbringe ich meine Tage. Weil es passt, denke ich. Wie die Koffer warte ich darauf, dass einer mich hier herauszieht. Mich ins Licht stellt, füllt oder auf ein Bahngleis rollt, damit die Reise beginnt.

Das weiß ich nicht. Vinz rührt wieder, als würde er damit die Gedanken in seinem Kopf antreiben, eine Art Dynamo.

Hat er denn nichts gesagt?

Nicht groß, nein.

Man kann doch nicht einfach so zurückkehren!

Ich verkeile meine Füße in den Streben des Tisches. Er besteht aus einer Glasplatte und zwei blauen Metallböcken vom Baumarkt. Ich habe sie durch die halbe Stadt nach Hause getragen. Erst nach einiger Zeit stellte ich fest, wie schwer sie waren. Häufig musste ich die Schulter wechseln.

Ich lege den rechten Arm auf das Waschbecken, das es hier in der Kammer gibt. Einst war es ein Dienstmädchenzimmer. Vinz bemerkt es sofort, fragt, wieso ich ein Waschbecken im Zimmer hätte. In was für einer Wohnung ich da bitte wohne? Das ist praktisch, sage ich, mehr nicht.

Ich versuche zu verstehen. Wie jemand zurückkehren kann. Wie die Vorstellung in ihm dämmert, diffus erst, eine Ahnung, der man selbst noch nicht viel Glauben schenkt. Wie die Ahnung sich verfestigt, täglich wiederkehrt. Nachts erscheint. Wie sie zum Wunsch wird, zu etwas, das nicht weiter aufgeschoben werden darf. Ich stelle mir Ben vor, wie er eines Tages aufsteht und es weiß. Dass er zurückkehren muss. Dass es heute sein wird.

Es kam völlig überraschend, sagt Vinz, und ich versuche, in seinem Gesicht zu ergründen, welche Art von überraschend er meint, die gute oder die schlechte. Doch es liegen zu viele Schatten darauf, die Nase verschwimmt fast mit den Augen, besonders, wenn er den Kopf bewegt.

Überraschend verstorben. Ich muss an die Formulierung denken, die ich schon oft gelesen habe und die mir immer etwas seltsam vorkam, klang nicht auch das Wort erfreulich darin mit?

Hätte Vinz überhaupt einen Anlass, sich zu freuen? Ich frage ihn nicht danach, obwohl ich sonst sehr direkt fragen kann, wähle ich heute einen Umweg: Was sagt Janis dazu?

Janis, das Kind. Bens Sohn. So eindeutig zu sehen, dass kein Test nötig war. Vinz hat trotzdem einen machen lassen, um sicherzugehen. Ob nicht doch er?

Als Janis noch ein Baby war, hat er vorsichtig mit einem Wattestäbchen in seinem Mund gerührt und dann die Speichelprobe eingeschickt. Das Ergebnis bestätigte, was mit bloßem Auge zu sehen war: Janis ist nicht Vinz’ Sohn.

Dabei hätte es sein können, das beteuert Vinz immer wieder. Weil Pia sich in jener Zeit eben nicht entscheiden konnte zwischen ihm und Ben. Ein Kampf sei das gewesen, das habe er ihr angesehen. Deshalb seien sie eben beide als Väter in Frage gekommen. So einfach sei das. Und gleichzeitig so schwierig. Weil auch klar war, dass es nur einen geben und der andere es also folglich nicht sein konnte. Dieser andere sei jetzt er.

Janis war erst verwirrt, aber dann hat es ihm eh getaugt, jetzt hat er zwei Väter, das ist doch was!

Vinz’ Stimme klingt ruhig, fast fröhlich. Als sei Aufregung für ihn von vornherein nicht vorgesehen. Als gelte es, die Dinge abwägend zu betrachten, aus der nötigen Distanz heraus. Ich frage mich, wie es ihm gelingt, diese Distanz auf engstem Raum herzustellen. Er und Pia sehen sich fast täglich. Ich weiß das.

Von Pia hatte ich lange Zeit kein konkretes Bild, sie blieb oft in der Wohnung, kam nicht herunter in das anliegende Atelierhaus, in dem ich ein paar Monate arbeitete. Das Erste, was ich von ihr mitbekam, war ein Schrei, sie schrie aus einem Fenster heraus. Vielmehr stand das Fenster offen zum Hof, so dass ich sie hörte. Sie muss dahinter gesessen haben, sehen konnte ich sie nicht. Doch ich hörte Vinz’ beschwichtigende Worte, die nichts bewirken konnten. Pia wollte streiten. Es ging um eine Bankkarte und die Rauheit des Ton überraschte mich. Irgendwann schrie auch Vinz. Und ich hätte mitschreien wollen, zwischen den Pflanzen im Hof, denn der Spannung, die aus dem dritten Stock ins Lichtrechteck auf den Pflastersteinen schwappte, konnte man sich nur schwerlich entziehen.

Es war unangenehm, einer solchen Szene beizuwohnen, sie verriet zu viel über ihre Mitwirkenden. Doch an jenem Sommertag konnte ich mich nicht aus dem Hof wegbewegen. Ich stand und blickte nach oben, lange noch, nachdem aus dem Fenster nichts mehr zu hören war.

Und Pia?

Vinz blickt von seiner Müslischale auf. Ich glaube, er hat mich längst verstanden, aber ich schiebe nach: Wie findet sie das mit der Rückkehr?

Sie ist genervt von ihm.

Das sagt sie dir?

Wem soll sie es denn sonst sagen?

Wird dir das nicht zu viel?

Manchmal mehr, manchmal weniger.

Kann sie das nicht mit einer Freundin besprechen?

Mit ihren Freundinnen redet sie über anderes. Wir kennen uns ja so gut. Wie ein altes Ehepaar.

Vinz grinst verlegen und ich erinnere mich, wie oft Pia dabei war, wenn wir uns trafen, und dass es mir nicht gefiel. Trotzdem mochte ich Pia und würde sie, sähe ich sie heute, wohl immer noch mögen. Ihre widerspenstige Art, das Neckische in ihren Sätzen. So häufig war sie anderer Meinung, so häufig schleuderte sie es Vinz entgegen. Er fing es mit einem Lächeln ab oder mit einer Kette von Argumenten, in die sie einstieg, um jedes einzelne zu zerlegen. Ich konnte mir vorstellen, wie sie stundenlang so dasaßen, die Diskussion ins Absurde führten, nicht von der Stelle kamen.

Wieso hat sie überhaupt zugelassen, dass Ben zu ihr zurückkehrt? Auch hier muss ich Vinz fragen.

Na, eine richtige Beziehung wird das eh nicht, das kann sie nicht mehr.

Ich müsste Vinz gegenübersitzen, um mit Gewissheit sagen zu können, ob er erleichtert ist. Sein Gesicht verrät es nicht. Zwischen uns liegen zu viele Kilometer.

Die Innenseite des Schmetterlings

Ich frage mich, wen ich mir zurückwünschen würde, wenn das ginge. Einen Menschen, der nach vielen Jahren zurückkehrt, plötzlich wieder da steht, wo er war. Mitten unter uns. Als Erstes meine Mutter, sie sicherlich zuerst. Oft habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, wenn sie wieder in die Wohnung käme, in der wir so lange zu dritt lebten. Wenn sie eines Tages einfach vor der Tür stünde, als sei nichts gewesen. Wenn sie das renovierte Bad sähe und alle ihre Pflanzen, von denen sie fest behauptet hatte, sie würden ihren Tod nie überleben. Den Hibiskus, den ich fast täglich gießen muss. Hängen seine Blätter, bekomme ich ein schlechtes Gewissen und eile zur Kanne. Es fühlt sich an wie Verrat. Mein Vater zählt oft die Blüten zwischen den Zweigen. Fünf, sagt er manchmal oder: Heute sogar sieben. Dann lächelt er. Wir haben es geschafft. Etwas ist von ihr geblieben.

Schon bei ihrem Begräbnis dachte ich, sie könne zurückkehren, einfach so. Ich hielt es nicht für ausgeschlossen, der Sargdeckel könne sich heben wie in einem Almodóvar-Film. Sie würde sich aufrichten, erstaunt in unsere Gesichter blicken und mit ihrem leichten Akzent, der nie ganz verschwunden war und zunahm, wenn sie sich aufregte, sagen: Was macht ihr denn hier?

In jener Zeit schien alles unglaubwürdig und irre zugleich. Das Schlimmste war geschehen. Sie war einfach so vom Stuhl geglitten und gestorben. Niemals hätte ich damit gerechnet. Die Kranken und Toten waren die anderen. Nicht wir. Plötzlich aber schien alles Unwahrscheinliche ebenso möglich.

Ich habe nie viel darüber geredet. Aber es gibt in meinem ersten Buch Spuren dieses Verlustes. Manches gelingt besser, wenn man die Dinge nicht direkt anspricht. Wenn man nicht sagt: ich.

Von diesen beiden Bewegungen möchte ich sprechen. Von jener, die ein Kommen ist, eine Ankunft oder eine Rückkehr. Und der anderen, die ein Gehen ist, ein Sichentziehen, ein Tod. Beides mag nicht auf dieselbe Art gewollt sein, dem Tod unterziehen sich die wenigsten gern. Dennoch geht von beiden Momenten eine Kraft aus, ein Impuls, dem es gilt, auf die Schliche zu kommen. Wann hält jemand an etwas fest, wann lässt er los?

Ich bin immer beeindruckt gewesen von der Beweglichkeit der Welt. Ehrlicherweise müsste ich sagen, dass es mir lieber ist, wenn die Dinge stillstehen, die Veränderungen gering ausfallen. Bin ich eine Traditionalistin? Ich fürchte. Was sich bewegt, beunruhigt mich, ständig möchte ich danach greifen, es einfangen wie einen Schmetterling. Natürlich weiß ich um die Schönheit der Farben und dass sie erst zur Geltung kommen, wenn das Tier sich wieder in Bewegung setzt, wenn ich es freigebe, damit es aufflattern kann. Ein zusammengeklappter Schmetterling zeigt nur die Hälfte seiner Flügel, die Innenseite bleibt verborgen. Es bleibt ein Pulsieren, ein Vibrieren des Insektenkörpers, das die baldige Bewegung ankündigt. Aber solange ich ihn halte, fürchte ich genau das. Er könne losfliegen und für immer verschwinden.

Ob ich ein Eis esse, ein Buch lese oder einen Menschen treffe, immer sind da in meinem Kopf diese beiden Worte: zu kurz. Was so viel heißt wie: zu schnell vorbei. Ich möchte die Zeit dehnen, Zwischenkammern in sie einbauen. Schwarze Winkel, in denen ich mich vor ihr verstecken kann.

Gummiband

Ben bleibt. Das sei jetzt klar, sagt Vinz, kein kurzer Besuch nur, sondern dauerhaft. Auch wenn er nicht jede Nacht bei Pia schlafe, so sei er doch häufig dort anzutreffen, habe sich eingerichtet auf der linken Bettseite. Meist verschwinde er gleich wieder, sobald er ihn in der Tür sehe. So ist das, sagt Vinz, ich komme, er geht.

Zwischen Pia und Vinz besteht eine langjährige Verbindung, die jede Regung im Gesicht des anderen zu deuten weiß und alles Neue ausschließt. Zu lang würde es dauern, ihre Codes zu durchschauen. Es ist wie ein Spiel, dessen Regeln nur sie beide kennen. Verworrene Regeln, die einzuhalten ihnen viel abgefordert hat. In ihren Augen ist dieselbe Müdigkeit zu sehen. Etwas Herbes in den Gesichtszügen, gegerbt wie nach einem Sommer mit zu vielen Sonnenbränden. Der Kampf um etwas. Der Versuch, eine Nähe zu schaffen, die man am Ende selbst nicht mehr aushält. Das Wissen um den anderen, seine Schwächen und Ängste, wirkt jetzt wie eine Bedrohung für die eigene Person, der man sich doch nicht entziehen kann.

Wir saßen in einem der Cafés am Platz, Vinz und ich, unweit von Pias Wohnung. Einige Jahre mag dies zurückliegen. Es war kühl, um die frühe Abendzeit herum, und wir beschlossen hineinzugehen. Vielleicht waren auch nur alle Plätze auf der Terrasse belegt, jedenfalls zog es uns ins Innere. Ich sehe noch den quadratischen Tisch vor mir, wie gerade Teller mit Essen vor uns abgestellt wurden, als plötzlich Vinz’ Handy vibrierte. Es lag seitlich neben seinem Glas, er blickte darauf, nahm die Gabel in die Hand. Ich wartete, dass er zu essen begann, um ebenfalls zu beginnen. Ein Überbleibsel meiner französischen Erziehung sicherlich. Nie vor dem anderen beginnen, am besten gleichzeitig zum Besteck greifen. Vinz klickte sich durch das Handymenü. Ich hörte die kleinen schwarzen Tasten, jede Auswahl markierten sie mit einem Klacken. Dann Stille, Vinz las. In seinem Gesicht versuchte ich zu erkennen, worum es sich handelte. Pia, sagte er, ich soll ihr was zu trinken bringen.

Aber sie weiß doch, dass wir hier sitzen.

Wir waren Pia begegnet, als ich Vinz abholte, um ins Café zu gehen. Sie hob gerade Janis vom Rad. Im Gegenlicht erkannte sie mich nicht gleich. Doch sie schien zu wissen, dass sie mich kennen musste, als ich sagte: Hallo, Pia!

Wie zwei Tiere liefen wir aufeinander zu, zwei Tiere, die etwas witterten, deren Augen sich aber erst ans Licht gewöhnen mussten, um mit Gewissheit sagen zu können, ob eine Gefahr von dem Schatten ausging, der sich näherte. Ein kurzes Gespräch wird gefolgt sein. Janis lief auf und ab, erkannte mich nicht mehr. Zu lange lebte ich schon wieder in Hamburg. Bis wann ich bliebe, wollte Pia wissen. Bis morgen, sagte ich.

Meine Besuche in Wien, das ich nach dem Studium verlassen hatte, dauerten meist eine Woche, dann war es wieder Zeit zu gehen. Ich war immer auf dem Sprung. Dicht gedrängt waren die Tage mit Besuchen bei Freunden. Alle wollte ich wiedersehen. Vinz schickte ich eine SMS, etwa eine Woche, bevor ich anreiste. Ich schickte sie von Hamburg aus in dem Wissen, dass er immer etwas Zeit brauchte, um zu antworten, das Datum meiner Ankunft aber nie vergaß, auch wenn er die Nachrichten löschte, weil auf seinem Handy der Speicherplatz so gering war.

Ich griff nach der Gabel, als sei sie ein Speer. Pia klinkte sich ein, obwohl sie wusste, dass ich am folgenden Tag wieder abreisen würde. Dass es nur diesen Abend gab für Gespräche. Natürlich konnte sie die Wohnung nicht verlassen, weil Janis bei ihr war. Sie wollte etwas Hochprozentiges, Vinz sollte loslaufen und es ihr besorgen. Ich fragte mich, wie sie sich das vorstellte. Sollte er augenblicklich aufstehen oder dachte sie, er würde es später mitbringen? Gab sie unserem Treffen nicht länger als die Ladenöffnungszeiten?

Janis will mich noch sehen, bevor er schläft. Vinz schüttelte den Kopf, ließ das Handy in seine Hosentasche gleiten, heute geht das nicht.

Ich versuchte, mir Janis in der Wohnung vorzustellen, wie er ungeduldig umherlief. Auf Vinz wartete. Vielleicht sollten wir doch bald gehen? Es gelang mir nicht mehr, den Blick auf den Ausschnitt vor mir zu begrenzen, ich sah Pias Küche, in der sie allein saß.

Als sei da ein Gummizug zwischen ihr und Vinz befestigt, lasch zwar, doch jederzeit bereit, sich zu spannen, anzuzeigen, wer mit wem verbunden war. Ich war ein Gast und würde es bleiben.

Wie uns die Dinge erst im Nachhinein angehen. Wie wir gelassen tun und es doch nicht sind. Erst Jahre später kann ich sagen, wie anstrengend ich diese Szene empfand. Wie sehr mich nervte, dass Pia derart hereingrätschte.

Durch Ben, der geht, sobald sich Pias Gegenpart nähert, verstehe ich, dass ich andersherum dasselbe hätte tun sollen. Das Duo duldet keinen Dritten. Ich aber blieb sitzen und aß auf.

Es braucht Ben, um meine Geschichte zu erzählen, auch wenn ich ihn nicht kenne. Etwas rückt näher, ohne sich von der Stelle zu rühren. Seine Bewegung zieht andere Bewegungen nach sich. Was ich nicht wissen kann, werde ich erfinden.

Winkelzug

Wie manchmal die Sonne schräg über einem See steht und einen Sog ausübt, dass man hinüberschwimmen möchte, mitten ins Orange hinein. Bis zum anderen Ufer. Gegen den Schlick und das Grünzeug, das sich um die Arme windet. Gegen jeden Widerstand. Nur fort. So ein Gefühl, ein Drängen, dass es einem den Kopf ausbläst. Keine Gedanken, nur Schwimmzüge. Ben erinnert sich an jenen Morgen seines Aufbruchs vor sieben Jahren. Herbst war es da und eigentlich kein Wetter zum Schwimmen:

Er saß mit Pia in ihrer Küche, unzählige Stunden hatte er das zuvor gemacht, Tage, Wochen. Sie war aufgestanden, wie sie es immer tat. Ein wenig zu schnell. Den Kopf schon beim Nächsten, das erledigt werden musste. Da hat er sie gefragt. Unvermittelt in den grauen Morgen hinein. Was der Vinz ihr eigentlich noch bedeute. Sie hat ihr Gesicht weggedreht, als weiche sie einem fliegenden Ball aus. Sagte nichts, lange nichts, dann: Was die Frage jetzt solle.

Nur so eine Ahnung, sagte er. Fast schon unsicher, was er ihr mit der Frage antat.

Sie hatte ihre Arme um ihn gelegt, stand eine Weile so da, blickte über seinen Hinterkopf hinweg aus dem Fenster. Dann, fast flüsternd:

Der Vinz ist immer noch aktuell.

Was soll das heißen?

Ich treff ihn noch.

Aber wie?

So wie dich.

Und das Kind? Könnt das auch von ihm sein?

Theoretisch.