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Auch im zweiten Kurzgeschichtenband von Astrid Reimann geht es um allerlei Zwischen-Menschliches. Möchten Sie erfahren, was es mit dem Zettel auf sich hat, der zum begehrlichen Objekt für einen Schriftsteller wird, oder wie ein schwarzer Kasten, im Keller wiederentdeckt, zu Proben für ein vermeintliches Klavierkonzert verführt, und ob man im Baumarkt wirklich leichter Männer kennen lernen kann als in der Bibliothek? Von allem etwas und noch mehr finden Sie in diesem Buch. Viel Vergnügen beim Lesen!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2021
Für
meine beiden tollen Jungs
Vorwort
Der Zettel
Kathrin
Vier Elfen im Park
Die Träumerin
Der hört doch nichts
Die Klavierspielerin
In der Bibliothek
Der halbe Mann
Nur eine Geschichte
Liebe Leserin, lieber Leser,
ich freue mich unheimlich, dass Sie, du und auch ich jetzt dieses Buch in der Hand halten, denn meine Schritte bis dahin waren nicht ganz so leichtfüßig wie bei meinem letzten Buch „Der goldene Weg“.
Im März 2020 wollte ich in einer Lesung erste Geschichten aus diesem Buch vorstellen, dann kam Corona. Die folgenden Monate waren und sind geprägt von großer Dankbarkeit um Alltägliches, dass meine Familie und ich gesund sind, von Gedanken an und Unterstützung für Menschen, die viel härter betroffen sind.
Dennoch hatte mich eine gewisse Lethargie erwischt, und das Schreiben wurde mühsam.
Wie wichtig es ist, Freunde und wohlwollende Begleiter zu haben, die zuhören und anschubsen, habe ich dann um so mehr erfahren dürfen.
Und so bin ich auch total glücklich, dass Petra Wölfel-Schneider wieder mit ins Boot gestiegen ist und ihre Zeichnungen beigesteuert hat. Einige Male haben wir gegenseitig motiviert.
Insofern habe ich zwei Wünsche für Sie, liebe Leser:
Viel Freude an meinen Geschichten und möge es auch in Ihrem Leben diese Menschen geben!
Astrid Reimann
Aufgrund einer Signalstörung ist der Linienverkehr unregelmäßig.
Wir bitten um Ihr Verständnis.
Er schaut zur elektronischen Anzeige, denkt kurz nach und kommt zu dem Schluss: ‚Signalstörung klingt nicht dramatisch genug.‘
Aufgrund eines Polizeieinsatzes gibt es Unregelmäßigkeiten im Tram-Verkehr. Frank steht im Wartehäuschen der M18. Eiskalt bläst es ihm an die Hosenbeine, durch die bodennahen Öffnungen der Wände kriecht der Ostwind.
Ja, das könnte man als Einstieg nehmen. Frank, das bin ich, und seit ich an meinem ersten Roman schreibe, wandle ich alles, was ich tue und erlebe in Prosa-Sätze um.
Es ist Ende Januar und seit Neujahr schreibe ich an meinem Buch. Die Zeit ist einfach reif dafür, ich fühle es.
Mir selbst ist es gleich, wann die Bahn kommt. Ich sitze fest. Also gerade stehe ich, aber mit dem Schreiben stecke ich fest. Und wenn ich ehrlich bin, sammle ich seit Wochen nur erste Sätze. Erste Sätze sind ungemein wichtig, wenn man das Interesse seiner Leser wecken will. Sie sind quasi der Trüffel unter den Sätzen.
Darum bin ich rausgegangen, um Sätze zu finden. Sätze, frische Gedanken und Menschen.
Ich hole das Notizbuch aus meiner Jackentasche, nehme den Stift und schaue mich um. Mit mir wartet eine Frau, vielleicht 1,65 m groß, Ende Dreißig, Jeans, dunkelbrauner knielanger Mantel, unscheinbar.
Wenig unscheinbar hingegen ist ihr Haar. Kupferrot.
Ich schreibe:
Trotz der bereits einsetzenden Dämmerung scheint ihr kupferrotes Haar Funken zu sprühen. Einige widerspenstige Locken versuchen zu flüchten.
Flüchten unterstreiche ich, dafür muss ich ein anderes Wort finden. Flucht hat in diesen Zeiten so eine gewichtige Aufmerksamkeit, möglicherweise würde sich jemand dran stoßen, wenn ich es in diesem harmlosen Zusammenhang verwende. Wer flüchtet auch schon von einem Kopf?
Eine schwere Tasche hängt an einem langen Riemen über ihrer rechten Schulter. Sie starrt gedankenverloren auf die Straße.
Endlich sieht Frank die Lichter der Straßenbahn. Gelbe Augen, die immer näherkommen und ihn staunen lassen, wie dunkel es bereits geworden ist.
Ich schließe das Buch und stecke es ein.
Somit wären also schon zwei Personen eingeführt.
Frank und die Frau. Also Frank werde ich sicherlich noch umbenennen, aber erstmal schreibt es sich einfacher. Weil ich ja weiß, wie Frank tickt.
Ob es zwischen der Frau und meinem Protagonisten einen Zusammenhang gibt; wann, warum und ob sie sich überhaupt begegnen, das kann ich später entwickeln und aufdecken.
Figureneinführung ist ungemein wichtig.
Die Bahn hält, ich drücke den Öffner für die mittlere Tür und lasse den jungen Mann mit dem Kinderwagen vor.
Dieser nervig jaulende Ton beim Schließen der Türen, erinnert mich an die Autohupen eines Kinderkarussells.
Ich lasse mich auf den Sitz neben der Tür fallen, denn die Bahn legt einen Schnellstart hin, als wollte sie die Verspätung aufholen.
Also doch ein Karussell, wer nicht rechtzeitig sitzt, der fliegt.
Die Rothaarige entdecke ich in der linken Reihe. Die Einzelsitzer. Wenn ich aus meinem Fenster sehe, spiegelt sie sich in der Scheibe. Sie hat einen Zettel aus ihrer Tasche gezogen und legt ihn auf ihren Schoß. Die Tasche als Unterlage, beginnt sie mit einem knallroten Kugelschreiber etwas zu schreiben.
Immer, wenn sie sich nach vorn beugt, fällt ihr eine Haarsträhne über die Augen. Mit einer geübten Bewegung streicht sie sie hinters Ohr, insgesamt wiederholt sich das sieben Mal.
Sie schreibt, sieht aus dem Fenster, notiert weiter. Mein Herz klopft. Ist sie womöglich eine Gleichgesinnte? Vielleicht entsteht hier in der Bahn ihr Romanbeginn, und ich bin dabei. Sie streicht etwas durch. Der Stift verharrt kurz über der Stelle, dann arbeitet sie weiter.
Oh ja, das ist mir so vertraut, dieses Korrigieren und Feilen der Wörter, als würde man einen Stein bearbeiten, bis die Figur sichtbar wird.
Meine Finger berühren kurz mein Notizbuch, aber ich will sie nicht aus den Augen lassen. Also lege ich die Sätze in die Zwischenablage meines Kopfes.
Als ich mich zu ihr umdrehe, fange ich ihren Blick auf. Sie hat die Augen skeptisch zusammengekniffen. Schnell schaue ich weg. Diesen Blick kenne ich.
*
Marion, fast ebenso rothaarig wie sie, hatte mich so angesehen.
Sie kam in der elften Klasse zu uns, und ihre Arroganz, die ich damals noch für Schüchternheit hielt, hatte mein Helfersyndrom sofort aktiviert. Ich bot ihr meine Freundschaft an, und sie nahm sie mit vollen Händen.
Von da an war ich immer an ihrer Seite.
Marion war eine Erscheinung, die anderen Jungs fuhren alle auf sie ab.
Sie jedoch wollte mich. Zumindest bildete ich mir das ein, denn wir teilten alles, was aus meiner heutigen Sicht nicht wirklich viel war.
Sie war die Erste, der ich etwas von mir Geschriebenes vorlas. Mit schwitzenden Fingern hielt ich damals das Blatt mit meiner Geschichte.
Als ich fertig war, warf sie mir so einen Blick zu, mit skeptisch zusammengekniffenen Augen, und sagte:
Franky, da musst du aber noch ganz viel dran machen.
Das zweite Mal schaute sie mich so an, nachdem ich ihr gestand, dass ich mich in sie verliebt hatte. Das wusste bisher nur ein einziger Mensch, mein Kumpel Klaus.
Am Ende der Sommerferien sah ich sie dann Hand in Hand mit Klaus im Park.
Eines war klar, die Namen Marion und Klaus wollte ich damals für immer aus meinem Leben streichen.
*
Gott, was hatte nur diese verstaubte Erinnerung hervorgeholt?
Als ich wieder zu der Rothaarigen sehe, steht sie hinter einem dicken Mann an der Tür, die behandschuhte Hand auf die Lehne eines Sitzes gestützt.
Die Tür öffnet sich, sie tritt die zwei Stufen nach unten, und ohne nachzudenken, springe ich auf und will hinterher. Es wird eng in der Tür, von beiden Seiten drängen die Leute.
Mir segelt etwas vor die Füße. Es ist ihr Zettel. Ich bücke mich und werde dabei fast umgestoßen. Das gefaltete Blatt Papier stecke ich in meine Faust.
Das Menschengewühl löst sich auf. Die Bahn fährt weiter. Ich stehe mitten auf dem Gehweg und überfliege gierig die Zeilen.
Namen.
Es sind nur Namen.
Eine Gästeliste?
Für eine Feier? Eine Hochzeit womöglich?
Mein Fantasiemotor ist angesprungen.
Ich denke, das ist meiner.
Die Rothaarige steht plötzlich vor mir.
Sie greift nach dem Zettel, murmelt etwas von Spanner, dreht sich um und geht.
Ich sehe ihr hinterher.
Warum haben Sie Ihre Marion durchgestrichen?, rufe ich ihr nach, doch sie ist bereits im Feierabendstrom untergetaucht.
*
Aufgrund einer Signalstörung ist der Linienverkehr unregelmäßig.
Wir bitten um Ihr Verständnis.
Er sieht auf seine Armbanduhr und murmelt, wo die Zeit nur geblieben ist.
Marion wartet sicher schon mit dem Abendessen.‘
