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Touristen, die nach Nürnberg kommen, besuchen in der Regel das Germanische Nationalmuseum, die Kaiserburg, die Sebalduskirche, die Lorenzkirche und den Schönen Brunnen. Sie fragen nach Albrecht Dürer, Veit Stoß, Adam Kraft und Hans Sachs. Kaum einer weiß etwas von den historisch und kunsthistorisch bedeutenden Friedhöfen Sankt Johannis und Sankt Rochus, obwohl sich dort kulturgeschichtlich außergewöhnliche Schätze befinden, die Epitaphien von bedeutenden Männern und Frauen aus der Geschichte der ehemals Freien Reichsstadt, Künstlern, Wissenschaftlern, Politikern und nicht zuletzt Handwerkern. Vor allem der Rochusfriedhof ist eine Fundgrube für alle, die sich für das Handwerk interessieren. Die Inschriftentexte, Wappen, Haus-, Handwerks- und Handelszeichen, Bildszenen zur Berufsausübung der Handwerker, aus dem Alten und dem Neuen Testament, figürlicher bzw. ornamentaler Reliefschmuck und Ornamentformen geben dem Friedhofsbesucher einen Einblick in Leben, Sterben und Religiosität der Menschen früherer Jahrhunderte. Die Epitaphien zeigen darüber hinaus ein Bild des materiellen und geistigen Lebens der ehemals Freien Reichsstadt, wie es sonst nicht zu finden ist. Adalbert Ruschel war 25 Jahre Professor für Personalwirtschaft und Berufs- und Arbeitspädagogik und zuletzt Dekan an der betriebswirtschaftlichen Fakultät der Georg Simon Ohm TH in Nürnberg. Über ihn und seine Veröffentlichungen informiert seine Website www.adalbert-ruschel.de ausführlich.
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Seitenzahl: 573
Veröffentlichungsjahr: 2017
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"Verachtet mir die Meister nicht und ehret ihre Kunst!"
Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg
Friedhöfe mit Grabsteinen und Epitaphien, die fast fünfhundert Jahre alt sind, haben wohl nur wenige Städte aufzuweisen. Nürnberg hat gleich zwei davon. Da ist Sankt Johannis mit den Gräbern berühmter Künstler, Wissenschaftler und Politiker, im Jahr 2013 zum schönsten Friedhof Deutschlands gewählt. Und da ist Sankt Rochus, der dem ersteren gleicht wie ein Bruder dem anderen, bis auf die Größe. In Johannis kann man den Überblick verlieren, in Rochus hat man von jedem Punkt aus alles im Blick. Small is beautyful, nicht nur in der Wirtschaft. Bei Sonne und bei Regen wirken die normierten liegenden Steine und der dezente Blumenschmuck anheimelnd Ruhe stiftend. Würdiger kann die Ruhestätte von Toten kaum gestaltet werden.
Auch wenn man weiß, dass der Name Friedhof nicht von Frieden abstammt, möchte man auf die Knie gehen, um all denen zu danken, die diesen wahrhaftigen Hof des Friedens über die vielen Jahre erhalten haben. Dahinter muss sich mehr verbergen als Gesetze und Verordnungen. Ehrfurcht vor den Toten und Sinn für traurige Schönheit haben sicher auch gewirkt. Achtung und Verehrung gegenüber diesem Museum aus Stein, Bronze und Messing lassen auch die jetzigen Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung erkennen, die dieses Gräberfeld heute für zukünftige Besucher bestens erhalten. Schon oft hat mir der Fuß gestockt, wenn ich beim Gang über den Friedhof die frisch geharkten Zwischenräume der Gräber betreten musste. Das erinnert an Zen-Gärten. Mögen noch viele Generationen sich aufgerufen fühlen, ihren Beitrag zur Erhaltung des Friedhofs zu leisten.
Mit dem Rochusfriedhof verbinden mich zwei Stränge. Zunächst habe ich während meiner Zeit als Professor im Abstand von zwei bis drei Jahren mit Studierenden die Gräber besucht, um dort vor Ort die Entwicklung von Berufen, Werkzeugen und Produkten, Sprache und Schrift zu studieren.
Der zweite Strang ist jüngeren Datums. Seit Mitte 2013 ruht die Asche meiner lieben Frau auf ihren ausdrücklichen Wunsch in einer Urne auf dem Rochusfriedhof und so führt mein Weg mich jetzt immer wieder dorthin. Gespräche mit Besuchern machten mir indes deutlich, wie wenig konkretes Wissen bei den meisten über den Friedhof vorhanden ist. So entstanden der Wunsch und die Absicht, dieses Buch zu schreiben. Das Buch ist kein wissenschaftlich ambitionierter Text, sondern richtet sich an allgemein historisch, kunsthistorisch und nicht zuletzt heimatkundlich interessierte Leserinnen und Leser. Deshalb habe ich auf das akademische Beiwerk von Fußnoten und Quellenhinweise weitgehend verzichtet, zumal viele Inhalte ohne Quellenangaben in meinem Gedächtnis geschrieben stehen, gespeichert ohne die Absicht, einmal dieses Buch schreiben zu wollen. Es ist dem Handwerk gewidmet, seinen Meistern, Gesellen und Lehrlingen. Der Rochusfriedhof ist in erster Linie ein Handwerkerfriedhof und als solchen will ich ihn auch darstellen. Die ebenfalls hier ruhenden Kaufleute, Künstler, Gelehrten und Geistlichen werden nicht vernachlässigt, aber ihre Anzahl ist im Vergleich zu den Handwerkern sehr gering. Ich hätte den Text gerne mit Bildern aus den Hausbüchern der Nürnberger Zwölfbrüderstiftungen oder der Ständebücher von Jost Amman bzw. Christoph Weigel bereichert, musste aber einsehen, dass ich damit sowohl den Umfang als auch die Kosten des Buches überzogen hätte.
Mit Erscheinen des Buches werde ich auf meiner website (www.adalbert-ruschel.de) eine Seite einrichten, auf der ich weitere Bilder und Texte zum Thema veröffentlichen werde.
Ich habe dieses Buch mit der üblichen Sorgfalt erstellt, aber es ist mein erster Versuch, ein umfangreiches Werk über book on demand zu veröffentlichen. Sollten Sie als Leserin oder Leser einen Fehler darin entdecken, bitte ich um Nachsicht und gegebenenfalls um einen sachdienlichen Hinweis.
Nürnberg, im Winter 2014/15
Adalbert Ruschel
In Erinnerung
an
Saddy
10.06.1935 - 18.03.2013
Vorwort
Entstehungsgeschichte des Friedhofs St. Rochus
Der Rochusfriedhof: Gräber und Epitaphien
Der Rochusfriedhof als "Arbeitgeber"
Das Handwerk in Nürnberg
Lehrlinge / Gesellen / Meister
Handwerksbräuche und Ritualien
Die Meistersinger
Frauen, Kinder und Familie
Von der Peunt zum städtischen Bauhof
Baumeister / Werkmeister
Maurer / Steinmetz / Steinhauer / Klaiber
Zimmermann / Zimmerer / Dachdecker
Türmer / Türhüter / Turmwächter / Turmbläser
Schornsteinfeger / Schlotfeger / Brunnenfeger / Kloakenreiniger
Maler / Anstreicher / Tüncher / Weißbinder
Schreiner / Tischler / Kistner
Flaschner / Spengler / Klempner
Ulman Stromer und die Papierherstellung
Buchdrucker / Briefmaler / Formschneider
Stempelschneider / Petschierer / Medailleur
Bote / Kurier / Postknecht
Dienstboten / Gesinde
Scharfrichter / Nachrichter / Henker / Eisenmeister / Profoss
Totengräber / Bestatter / Leichenbitter / Spruchsprecher
Berufe rund ums Pferd
Sattler
Radmacher / Wagner / Stellmacher
Schmied
Historische Spezialisierungen für "Schmied"
Goldschmied / Goldschlager / Goldarbeiter
Schlosser
Glötschlösser / Lötschlosser / Schlüsselmacher
Feuerschlosser / Büchsenmacher / Windenmacher
Tüftler / Erfinder / Ingenieure
Messingbrenner / Messingbearbeiter / Feilenhauer
Kompassmacher / Sonnenuhrmacher
Uhrmacher / Stadtuhrmacher
Brillenmacher, auch Perspektivmacher genannt
Schellenmacher / Glöckleinmacher / Sonnettier
Rechenpfennigmacher / Rechenmeister / Geldwechsler
Drahtschmied / Drahtzieher / Scheibenzieher / Drahtbinder
Ringmacher / Ringschmied / Ringdreher
Heftleinmacher / Heftler / Nadler / Nestler
Gürtler / Knopfmacher
Lederer / Gerber / Loher
Schuhmacher / Schuster / Flickschuster / Altmacher
Täschner / Beutler / Säckler / Feintäschner
Kürschner / Pelzer / Buntfutterer / Grauwerker
Schleifer / Schwertfeger / Scherenschleifer / Polierer
Fingerhüter / Fingerhutmacher
Paternostermacher / Bernsteindreher
Kammmacher / Strählmacher
Fassmacher / Fassbinder / Büttner / Küfer / Schäffler
Drechsler / Dockenmacher
Hafner / Töpfer
Seiler / Sailer / Reeper / Taumacher / Laufer
Bürstenbinder / Bürstenmacher
Glasmacher / Glaser / Glasschleifer / Glasmaler
Kannengießer / Zinngießer / Zinnputzer
Wachszieher / Seifensieder / Kerzenmacher
Weber / Tuchmacher / Tuchbereiter
Färber / Schwarzfärber / Schönfärber
Kardätschenmacher / Kardenmacher / Tuchrauher
Schneider / Flickschneider
Huter / Hutmacher / Hutausstatter / Barettmacher
Bortenmacher / Bandmacher / Posamentierer
Seidensticker / Seidenwirker / Seidenneger
Strumpfstricker / Strumpfwirker / Hasenneger
Wäscher / Plätter
Bader / Barbier / Wundarzt / Leibarzt
Mühlenbauer / -mechaniker / -Wächter / -Verwalter
Kornmesser
Handel mit und Beschau von Salz, Essig, Hefe und Safran
Bierbrauer / Braumeister
Gastwirt / Wirt / Beherberger
Löffelschneider / Löffler / Löffelmacher
Metzger / Schlachter / Fleischer / Knochenhauer
Grünfischer / Salzfischer / Fischbeschauer / Fischhändler
Bäcker / Zuckerbäcker
Lebküchler / Lebzelter / Pfefferküchner
Käser / Keser / Käsmacher / Käsehändler
Eine Familie voller Talente: die Gießer Vischer
Künstler: Maler / Zeichner / Stecher
Instrumentenmacher / Orgelbauer / Trompetenmacher
Stadtpfeifer / Ratsmusiker
Kirchenmusiker / Organist / Komponist: Johann Pachelbel
Gelehrte: Doktoren / Magister / Lizenziaten
Der Politiker: Caspar Nützel
Geistliche: Priester / Prediger / Kaplan / Diacon
Weit gereist, zugezogen und dageblieben
Stifter und Wohltäter
Kaufleute / Händler / Krämer / Pfranger / Bandelkrämer / Wannenkramer / Hausierer
Fuhrleute / Begleiter / Verlader / Aufdinger
Biblische Szenen
Schlussbemerkung
Literaturverzeichnis
Internetseiten
Übersichtskarten zum Rochusfriedhof unter http://www.st-johannisfriedhof-nuernberg.de/pdf/st-rochusfriedhof_info-fuer-besucher_friedhofsplan.pdf
Als der Rochusfriedhof gegründet wurde, geschah das zunächst aus ganz praktischen Gründen, weil der Platz um die beiden Nürnberger Großkirchen immer enger wurde. Noch wichtiger waren aber die hygienischen Ursachen. Nürnberg zählte zu den wenigen Städten, in denen das Hygieneproblem bereits vor Einführung der Reformation Wirkung gezeigt hatte. Als Vorbilder für eine vorausschauende und vorbeugende Gesundheitspolitik dienten oberitalienische Städte wie Venedig, mit denen die fränkische Reichsstadt in regelmäßigen Handelsbeziehungen stand. Der Friedhof entstand - wie auch gleichzeitig der Johannisfriedhof - aber auch nicht von ungefähr 1518, mitten in den Zeiten der Pestepidemien.
Bereits 1517 hatte Kaiser Maximilian gegenüber dem Rat der Stadt Bedenken über die Kirchhöfe rund um die beiden Nürnberger Kirchen St. Sebald und St. Lorenz geäußert, die er nach den großen Pestepidemien von 1505 und 1508 als Gefahr für die Stadtbewohner in der „zeyt der sterbenden läufft“ ansah, wie die kursierende Pest damals genannt wurde. Am 31. Oktober 1518, während noch die Verhandlungen zwischen Rat und Kirchen um die Anlage neuer Friedhöfe liefen, kam dann als Antwort auf den Beschluss des Rats, die neuen Kirchhöfe für Sebald und Lorenz errichten zu wollen, die Anordnung von Kaiser Maximilian, dass von nun an in den neuen Gottesäckern begraben werden solle.
Während der Kirchhof von St. Sebald auf den ehemaligen Friedhof des alten, westlich der Stadtmauern gelegenen Dörfchens Johannis verlegt wurde, der bereits im 10./11. als Siechenkobel angelegt worden war, musste für die Beisetzung der Toten der Lorenzer Seite 1518 in der Nähe des damaligen Dorfes Gostenhof ein Friedhof ganz neu angelegt werden. Schnell entschlossen wurde dem Kaiser jedoch mitgeteilt, "Ains raths wille sey den newen kirchhof in St. lorenzen pfarr zu legen". Es war also der Rat, nicht die Kirchen, der die Entscheidung treffen musste und auch traf. Kurz darauf wurden die Bestattungen der St. Lorenzer Pfarrei auf den neuen Friedhof zu St. Rochus außerhalb der Stadtmauer verlegt. Ab 1519/20 wurden Bestattungen innerhalb der Mauer gänzlich eingestellt. So genannte Justifizierte, also verurteilte Personen wurden neben der Kirche St. Peter und Paul bestattet. Die mit diesen Beschlüssen verbundene Schließung der Lorenzer und Sebalder Kirchhöfe stieß bei der Bevölkerung auf wenig Gegenliebe, da man sich damals so nahe wie möglich an oder sogar in der Kirche beerdigen lassen wollte, um am Tag der Auferstehung möglichst vorne mit dabei zu sein. Nürnberg war eine der ersten Städte, die aus seuchenhygienischen Gründen die Friedhöfe vor die Mauern der Stadt verlegten und von Anfang an mit einer Sandsteinmauer einfriedeten. Gegen die Pest genutzt hat die Verlegung kaum. Neue Wellen (1522, 1562, 1585 und 1634) mit jedes Mal Tausenden von Toten folgten. Pest-Fuhrleute, mit Umhang und Kapuze, fuhren sie aber danach auf Karren aus der Stadt. Die innerstädtischen Friedhöfe blieben geschlossen.
Der kaiserliche Ukas beflügelte auch das Abkommen zwischen dem Stifter Konrad Imhoff, dem Rat der Stadt und den Pröbsten beider Kirchen über einen Kapellenbau zu Ehren des Pestheiligen St. Rochus, den Paulus Beham auf einem von seinem Vater entworfenen Grundriss geplant hatte und nun errichten wollte. Der Sebalder Probst hatte Angst, dass dem Sebalder Friedhof zu St. Johannis Konkurrenz gemacht werden könnte. Der Probst von St. Lorenz, der sehr streitbare Jörg Beham, Bruder des Stadtbaumeisters, machte sich zum Sprecher jener Familien, die ihre ererbten Gräber an den alten Stadtkirchen und in den Klosterfriedhöfen nicht preisgeben wollten. Auch forderte er den rechten Anteil am Stock- und Opfergeld der neuen Kirche. Konrad Imhoff, der dem Rat den Kirchennamen und einen fertigen Plan des künftigen Bauwerks mit der Maßgabe "50 schuh langh, 25 weyt und alles gewölbt" präsentiert hatte, protestierte gegen Probst Behams Forderungen bis an den Rand des Abbruchs der Verhandlungen. Zudem fanden Konrads sechs Brüder den Plan mit drei Altären "zu großartig", also offenbar etwas zu teuer. Der Rat der Stadt jonglierte zwischen allen Fronten.
Der mühevoll zuwege gekommene Kompromiss sah fünf Artikel vor:
Vorlage des Plans mit dem Recht auf Änderungen durch den Rat, dann aber für den Stifter
"ringerung des costens";
Patronat und Verwaltung für Konrad Imhoff auf Lebenszeit gegen testamentarische Verfügung
"zu des Rats Gunsten";
Abgaben an den Probst von St. Lorenz, die der Rat festzusetzen hatte;
Sicherung päpstlicher Privilegien, der
"Vergelts costen";
und schließlich
400 Gulden für die Anlage des Kirchhofs aus Konrads Hinterlassenschaft.
Bild 1: Johann Alexander Böner: Der Rochusfriedhof in Nürnberg. Federzeichnung um 1717, Stadtgeschichtliche Museen Nürnberg.1
Das Bild zeigt hinten das alte Steinschreiber-Haus und vorne eine Erweiterung des Friedhofes mit Gräbern ohne Steinplatte, aber mit Kreuzen.
Am 21. März 1519, an einem Ostertag, wurde der Rochusfriedhof vom Bamberger Weihbischof eingeweiht. Schon einen Monat später, am 21. April 1519, starb der Stifter der Rochuskapelle am "heißen Fieber". Seine sechs Brüder wurden Erben seines Bauauftrages. Hans Imhoff, Bankier Albrecht Dürers, erfüllte ihn für sie alle. Am 13. Juli 1521 wurde das Gotteshaus als Aussegnungsstätte "in Sanct Rochii ere geweyht". Der Wunsch des Stifters, dem "ganzen Gottesacker ein new fromm denkmol errichten" zu wollen, ging vier Jahre nach der ersten Idee dazu in Erfüllung.
1 Bürgerverein St. Johannis - Schniegling - Wetzendorf: St. Rochuskirchhof zu Nürnberg - Epitaphien, S.5
Im Mittelalter hatte die Bestattung der Toten eine sehr kirchliche Prägung. Sie erfolgte meist noch am Tag des Todes und unter gewissen Formalitäten, die allerdings dem Stand des Verstorbenen entsprechend, sehr unterschiedlich waren. Der Tote wurde in der Regel von seinen Angehörigen zu Grabe getragen. An der Beerdigung beteiligt war aber oft noch eine der zahlreichen Bruderschaften, die für diesen Zweck, z.B. von Gesellen eines Handwerks gegründet worden waren. Das waren einfache Zweckgemeinschaften von Männern, die gegenseitig die Beerdigungen der jeweils anderen "Brüder" besuchten und oft auch bezahlten. Als weibliches Gegenstück zu den Bruderschaften gab es eine Reihe von Klageschwestern. Sehr arme Menschen wurden mit der Hilfe von Stiftungen beerdigt. Eine Stiftung war in diesem Fall eine von einem reichen "Stifter" gegründete Einrichtung, die nur diesem einen Zweck diente. Der reiche Herr bzw. die reiche Frau hoffte mit solch einer Stiftung zur Verbesserung des eigenen Seelenheils beizutragen. Deshalb kamen sie auch in erster Linie den Kirchen und ihrer Ausstattung zugute.
Bild 2: Bestattung im Leichentuch2
Die Tradition, Verstorbene in besonderer Kleidung zu bestatten, gab es bereits seit vielen tausend Jahren. Diese Totenbekleidung war Ausdruck des Wohlstandes und der Stellung der Verstorbenen innerhalb der Gesellschaft. Die Gewänder wurden jedoch immer mehr zu einer finanziellen Belastung der Hinterbliebenen. Kleidung war sehr kostbar, weshalb letztendlich die schlichte weiße Leinwand als Leichentuch üblich wurde.
Der feste Brauch, die Toten in Truhen (Särgen) begraben zu lassen, ist wahrscheinlich erst im Jahr 1623 aufgekommen. Vorher wurden die Toten wohl in Säcken oder in Tuch eingeschlagen begraben. Bestattungen im Sarg bildeten im Mittelalter noch die Ausnahme und blieben auch später zunächst meistens den Wohlhabenden vorbehalten. Der Körper der Toten wurde gewaschen, auf das mit Asche bestreute Büßertuch gebettet, welches wiederum auf Stroh gelegt war. Gewöhnlich wurde unter die Verstorbenen ein Kissen auf die Totenbahre gelegt, welches jedoch nicht mit begraben wurde, sondern nach der Beerdigung in der Findel, dem Nürnberger Waisenhaus, abgegeben werden musste. So ist das Kißleinsgeld entstanden, das im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges in Nürnberg eingeführt und noch lange danach an die Findel bezahlt werden musste. Statt eines Sarges nähte man die toten Körper in schwarze leinene Kittel, die Gerber hießen, und begrub sie damit. Nur Kindbetterinnen, Wassersüchtige, Ruhrpatienten oder die an einer "fließenden" Krankheit oder an "großen Leibesschaden" Gestorbenen, oder nach ihrem Tod Sezierten und wem sonst der Rat es erlaubte, wurden in Särgen begraben.3
Wie die Nürnberger Chroniken bemerken, wurde Im Dreißigjährigen Krieg (1632) auf diese Erlaubnis eine Abgabe gelegt, die an das Kirchenamt bezahlt werden musste und zwar für einen großen Sarg 10 Gulden, für einen mittelmäßigen 5 und für einen Kindersarg 2½. Wie lange diese Abgabepflicht dauerte, ist nicht bekannt. Nur wer in der Lage war, darüber hinaus für die Einschreibung einer Grabstätte 8 bis 10 Gulden, 10 bis 15 Gulden für ein Epitaph und mindestens einen Gulden für das Totengeläut auszugeben, konnte in eine eigene Ruhestätte gebettet werden, mit oder ohne Sarg.
Im Laufe der Zeit hat der Rat der Stadt Nürnberg zahlreiche Verordnungen erlassen, die gegen luxuriöse Grabbeigaben vorgingen. Daher fällt bei mittelalterlichen Gräbern auf, dass in der Regel keinerlei Schmuck mit ins Grab bzw. auf das Grab gegeben wurde. Die kirchliche Seelenmesse als eigentliche Totenfeier wurde teils aus christlichem Eifer und teils aus modischen Überlegungen abgehalten. Auch gegen sie musste man mit einschränkenden Verboten vorgehen, da sie sonst übertrieben aufwändig gestaltet wurden. Die Kirche scheint es mit der Egalisierung nach dem Tod nicht so ernst genommen zu haben, denn ihre Geistlichen begleiteten die Toten, je nach "Wertschätzung", einzeln, zu zweit, zu dritt, bis zu acht - oder gar nicht. Ein Armenbegräbnis ohne geistlichen Beistand hieß schlicht "unbesungenes Begräbnis" und führte in der Regel in ein Massengrab, "gemein Gruben" genannt.
Die Bürger der Stadt sollten auch keine eigenen Leichentücher mehr benutzen. Diese wurden in der jeweiligen Pfarrei für den benötigten Zeitraum gegen ein Entgelt ausgeliehen. Für die Grabpflege sorgte auf dem Land die dörfliche Gemeinschaft, während in der Stadt die Kirche einen größeren Einfluss darauf nahm. Aber auch Zünfte oder Bruderschaften sorgten für ihre ehmaligen Mitglieder und deren Familie. Das beinhaltete beispielsweise eine Sterbekasse aus der dann die Bestattung sowie die Gemeinschaftsgrabstätte bezahlt wurden. Längerfristige Bepflanzung mit Blumen war nicht üblich.
Es gab in Nürnberg eine ganze Reihe weiterer Bestimmungen, die aufwande- und konkurrenzeinschränkend wirken sollten. Im 14. Jahrhundert wurde unter anderem verboten, mehr als 12 Kerzen zu je zwei Gewichtspfund Wachs bei einem Begräbnis zu verwenden. Totenschilder durften im 15. Jahrhundert nicht mehr als drei Gulden kosten und nur das Wappen des Verstorbenen bzw. seines Handwerks zeigen. Wenn auch eine Regensburger Verordnung von 1436 davon spricht, dass für die Beerdigung eines alten Menschen in einer „Truhe“ 22 Pfennige, für die eines Kindes 12 Pfennige an Pfarrer, Mesner und Totengräber zu entrichten seien, dann stellt diese Form der Bestattung, mit Blick auf das Armenbegräbnis und für die ländlichen Schichten dennoch nicht die Regel dar, sondern eher die Ausnahme. Erst im 16. Jahrhundert begann ein Wandel. Es wurden hier und da auch untere Bevölkerungsschichten in "Truhen" bestattet, was dazu führte, dass die Friedhöfe bald zu klein wurden und die Ruhezeit der Toten immer kürzer. In Nürnberg wurde das Begraben in Särgen erst ab dem 18. Jahrhundert praktiziert, war aber auch da noch nicht die Regel.
Auch die Farbe Schwarz als Zeichen der Trauer hatte sich im Spätmittelalter noch nicht allgemein durchgesetzt, auf Bildern aus der Zeit sieht man häufig bunte Kleidung unter der Trauergemeinde, die den Leichenzug begleitet.
Grabsteine waren ursprünglich ein Vorrecht der oberen Nürnberger Bürgerschaft, dann aber erlaubte der Rat 1520 zunächst dem Ratsherrn Sigmund Fürer, sein Grab mit einem liegenden sargähnlichen Stein zu schließen. Danach erreichte die gesamte Bürgerschaft noch im gleichen Jahr zumindest im Tod die Gleichstellung mit der patrizischen Oberschicht. Vom Rat der Stadt Nürnberg wurde verordnet, dass die Einheitlichkeit der Bürgerschaft über den Tod hinaus durch größengenormte und in gleicher Ost-West-Ausrichtung angebrachte Grabsteine gesichert werden sollte.
Wegen des instabilen Sandbodens wurde es auf dem Rochusfriedhof zur Pflicht gemacht, nur liegende Grabsteine aus Sandstein zu verwenden. Bereits seit Ende des 16. Jahrhundert trugen die Steine eingemeißelte Nummern.
Bild 3: Gräberfeld mit verschiedenen Grabformen auf dem Rochusfriedhof
Die beabsichtigte Gleichbehandlung aller Stände wurde zusätzlich noch durch eine präzise Größenvorgabe für die Steine von maximal drei zu sechs Nürnberger Werkschuhen (83,52 cm breit und 167,04 cm lang) erreicht. Eine Vorgabe der Höhe wurde allerdings versäumt. Diese Freiheit sollte später mannigfach genutzt werden. Die Einhaltung der Maße kontrollierten die Steinschreiber. Die zu diesem Zweck benutzten Normmaßstäbe sind bis heute an der südwestlichen Außenwand der Holzschuherkapelle auf dem Johannisfriedhof erhalten.
Im Laufe der e wurde auf die Gleichheit aller Menschen im Tode und die korrekte Einhaltung der Vorgaben immer weniger Wert gelegt. Differenzierung ermöglichten die Höhe der Steine und deren Verzierung - und diese Möglichkeit wurde massiv genutzt.
Bild 4: Grabstein aus der Barockzeit, an der Stirnseite floral verziert und mit Voluten versehen, RN284.
Die ersten Generationen der Gräber wurden einheitlich mit schlichten, rechteckigen Steinen bedeckt, die weder profiliert noch deutlich abgerundet waren. Erst mit Beginn des 17. Jahrhunderts wurden die Oberseiten oft etwas gewölbt und an den Längsseiten deutlich abgerundet. Gelegentlich wurden die Seitenwände beschriftet. Auch diese Steinform blieb lange erhalten. Parallel dazu erschienen gegen Ende des 17. Jahrhunderts Grabsteine in Form von Barocksarkophagen. Die Längsseiten wurden eingeschweift und sogar Voluten tauchten auf und auf den Schmalseiten Kartuschen. Seit etwa 1700 wurden die Kartuschen sogar mit Pflanzenwerk, Girlanden und Blumen verziert. Kurz danach kamen Grabsteine auf, mit denen man Särge nachbildete. Rokokosteine, bei denen die Wände in lebhafte Bewegungen gerieten, blieben jedoch eher die Ausnahme. Der Jugendstil machte sich dagegen nur an einigen Epitaphien bemerkbar.
Weil die Größenverordnung des Rates die Nürnberger an der individuellen Gestaltung der Grabsteine hinderte, suchte man diesen Wunsch durch verschiedenartige Bronzeguss- bzw. Messingplatten zu kompensieren. Sehr schnell wich die anfängliche Einförmigkeit und Schlichtheit der Platten einer immer aufwändigeren Individualisierung. Das Ergebnis ist eine auf den ersten Blick erschlagende Fülle an Varianten. Die Vielfalt der Inschriftentexte, Wappen, Haus-, Handwerks- und Handelszeichen, Bildszenen aus dem Alten und dem Neuen Testament, figürlicher bzw. ornamentaler Reliefschmuck und Ornamentformen wertet seit der Renaissance jeden der ansonsten schmucklosen Grabsteine zu einer individuellen Ruhestätte auf und gibt dem Friedhofsbesucher einen Einblick in Leben, Sterben und Religiosität der Menschen früherer Jahrhunderte. Die Epitaphien zeigen darüber hinaus ein Bild des materiellen und geistigen Lebens der ehemals freien Reichsstadt.
Die aus der Entstehungszeit der Stadt übernommene verwaltungstechnische Teilung der Stadt Nürnberg zwischen Lorenzer und Sebalder Seite erklärt, warum sich auf den Epitaphien des Rochusfriedhofs überwiegend Handwerkerzeichen befinden, auf dem Johannisfriedhof dagegen auch viele Patrizierwappen anzutreffen sind. Die Sebalder Stadthälfte war traditionell die „vornehmere“ Wohngegend. Auf dem Rochusfriedhof liegen Handwerker, Krämer und einige Großkaufleute, Geistliche, Juristen, Ärzte, Amtsleute, Patrizier, und nicht zuletzt Glaubensflüchtlinge, die ihre internationalen Handelsbeziehungen und handwerklichen Fähigkeiten mitgebracht hatten.
heinrich huber, ferber, 1520 Gotische Minuskel, R172
Caspar Köpel, Statschlossers und Barbara seiner Ehewirtin, und Irer bayder Erben Bearebnus 1520. R169
Hans Puler, 1520, R198
Bild 5: Drei frühe Epitaphien, noch vor der Einweihung der Rochuskapelle datiert
Die regelmäßige Bestattung von Stadtbürgern auf dem Rochusfriedhof beginnt ab 1520. Soweit einzelne Epitaphien mit älteren Daten versehen sind, muss davon ausgegangen werden, dass diese von inzwischen geschlossenen älteren Friedhöfen entfernt und nach hier gebracht wurden.
Wie die Grabsteine machten auch die Epitaphien im Laufe der e inhaltlich und formal eine deutliche Entwicklung durch. Während die älteren fast ausschließlich Flachreliefs aus Bronze oder Messing sind, führte die Entwicklung zum Barock zu immer größeren und aufwändiger gestalteten Hochreliefs mit freiplastisch durchbrochenen Teilen, von denen manche sogar aus mehreren Einzelstücken zusammengesetzt sind.
Neben den historisch geprägten Schriften der Kapitalis und der humanistischen Minuskel mit ihren kursiven Spielarten beherrscht die Gotische Minuskel das Bild bis in die 70er Jahre des 16. Jahrhunderts. Zunächst werden nur Kleinbuchstaben (Minuskel) verwendet. Nachdem im 15. Jahrhundert das Alphabet der Versalien oder Majuskel (Großbuchstaben) mit dem Alphabet der Kleinbuchstaben (humanistische Minuskel) zur Antiqua vereinigt wurde, kam es schon bald häufiger zum Einsatz von Großbuchstaben, aber noch lange nicht mit dem Gedanken an Rechtschreibung.
Frühes (Bronze)Epitaph: einfaches Rechteck punziert mit Namen in Gotischer Minuskel und mit angegossener Tartsche mit Jahr und Zeichen für Feirers Amt als Verordneter der Stadt "zu besichtigung der wasser gepew (Gebäude) und geprechen (Schäden) an der pegnitz".
Das Epitaph trägt das Werkdatum, Kunz Feirer starb bereits Anfang November 1520 an der Pest.
Bild 6: Kunz Feirer, 1521, angegossene Tartsche mit Zahnradkranz, R248
Die auf dem Rochusfriedhof am meisten zu findende Schrift ist eine Nürnberger Spezialität, die Fraktur, die im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts unter Beteiligung des Nürnberger Schreibmeisters Johann Neudörffer d. Ä. (1497-1563) entstand. Ihre Erfindung fällt zusammen mit dem Beginn der Friedhofsanlagen und taucht dort mit ihren Versalien schon ziemlich früh auf. Von den 60er Jahren des 16. Jahrhunderts an ist sie die dominierende Schrift auf dem Friedhof. Sie zeichnet sich durch einen ausgeprägten Wechsel von Haar- und Schattenstrich aus.
Großbuchstaben wurden gerne als Initiale, als schmückende Anfangsbuchstaben benutzt. So auf dem Epitaph des Hans Marck, eines der reichsten und am besten vernetzten Kaufleute der Stadt. Dieser Reichtum zeigt sich nicht nur in der Größe des zweiteiligen Epitaphs, sondern vor allem in der ungewöhnlich sorgfältigen Ausarbeitung der aufwändigen Teile.
Bild 7: Hans Marck, Ehefrau, 2. Hälfte 16., verzierte Initiale (D) zur Frakturschrift im Schriftteil des zweiteiligen Epitaphs, R727
Erst die Barockzeit bringt eine Fülle von Zierschriften. Das Barockzeitalter war überhaupt ein absoluter Höhepunkt in der Gestaltung von Epitaphien. Hier wurden Familiengeschichten und Berufsbilder ausführlich dargestellt. Berühmte Künstler lieferten gelegentlich die Vorlagen und die Gießer hinterließen auf den Epitaphien voller Stolz ihre Signatur. Sind auf heutigen Grabsteinen neben den Namen überwiegend die Lebensdaten der Verstorbenen verzeichnet, so erfahren wir auf dem Rochusfriedhof sehr bildhaft etwas über die hier ruhenden Menschen. Fast immer sind die Produkte, die sie herstellten, bzw. die Werkzeuge, die sie benutzten, wie in einem Warenkatalog abgebildet. Hinzu kommen die Hauszeichen oder die Meisterzeichen, die auch nach dessen Tod noch vom Ruhm des Meisters Zeugnis ablegen. In einigen wenigen Ausnahmen lassen sich Abbildungen von Meistern bei typischen beruflichen Tätigkeiten finden. Nach und nach tauchen auch "Wappenschilder" in den Epitaphien auf, zunächst getrennt vom Textteil, schon bald aber auch an diese angegossen. Schon im 13. Jahrhundert lassen sich bürgerliche Wappen nachweisen. Sie waren für das aufstrebende Bürgertum ein Statussymbol und von den Wappen des Adels nicht immer unterscheidbar. Erst nach dem Verlust der Reichsfreiheit und mit dem Anschluss an Bayern lenkte ein Adelsmatrikel den Wappengebrauch in einen rechtlichen Rahmen.
Es gibt kaum Lebensdaten auf den Epitaphien, aber der Wunsch auf ein besseres Leben nach dem Tode wurde oft schriftlich ausgedrückt. Das irdische Leben wurde als Übergang in die ewige Seligkeit angesehen, wichtiger war jedoch das erhoffte Leben in der Ewigkeit. Die zunächst spärlichen Texte werden bald ausführlicher. Dieses Anwachsen der Texte lässt sich am deutlichsten an den so genannten Voten erkennen. Das sind auf die Toten bezogene Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen, aber auch Ermahnungen an die Überlebenden und moralische Belehrungen.
Beispiele:
Auferstehungshoffnungen, die ab Mitte des 16. Jahrhunderts nahezu fester Bestandteil der Voten werden.
Bild 8: Sophia Ochsenbach geborene Rothan, 1531, genaue Angabe des Todestages bereits in der neuen, nachreformatorischen Form. Zwei sprechende Wappen, R354-1, "Sell Got gnad."
Bibelstellen, die etwa gleichzeitig auftreten:
Bild 9: Jörg Johann Pesinger, Detail, 1583, R571
"Christus ist gestorben für unsere Sünd und begraben und auferstanden am dritten Tag."
Korintherbrief 15,3+4
Gesangbuchverse:
Bild 10: Wolf Egkh, Detail, 1582, R637
"In meinem Elend war diß mein trost / ich sprach Er lebt, der mich erlost/"
Martin Luther, Leipzig 1545
Reimschriften:
Bild 11: Lorenz Schimmel, Hans Kobersdorffer, Nicolaus Dumen, 1528, R354-2
Dumen wahrscheinlich für Dumesnil, eingewanderter Hugenott
"Die Todten werden wider leben Gott wirt seinem volck Ir Sünd vergeben."
Auch lateinische Zitate lassen sich in großer Zahl finden:
Epitaphien wurden in der Regel nicht aus Anlass eines Todes in Auftrag gegeben und nicht unbedingt, wenn auch häufig beim Kauf des Grabes. Meistens geschah das noch zu Lebzeiten des Bestellers und nach seinen Wünschen. Die auf den Epitaphien aufgeführten Jahreszahlen geben in der Regel das Jahr des Graberwerbs bzw. der Anschaffung des Epitaphes an. Wenn Sterbedaten auftreten, sind sie meistens erst später hinzugefügt worden. Geburtsdaten lassen sich auf den alten Gräbern überhaupt nicht finden, in wenigen Fällen wird das Alter beim Tod angegeben. Das gilt vornehmlich für die Erstbestatteten, Daten von Erben oder später bestatteten Toten werden meistens nicht erwähnt, dafür aber fast immer eine Floskel, die alle Erben oder Nachkommen einbezieht. Bei präzisen Tagesangaben erscheint bis in die Reformationszeit hinein (etwa 1530) anstelle des Kalenderdatums die oder der Tagesheilige. Der Nürnberger Rat datierte seine Dokumente ab dem 21. Oktober 1528 nur noch mit dem Tagesdatum. Im privaten Bereich wirkte der katholische Brauch zunächst noch nach, auch in der Bezeichnung "Caplan" für die niedere Geistlichkeit bleibt die Tradition vorerst erhalten.
Begräbnisliturgie und Totenkult waren aufwändig, sowohl im alten wie auch im neuen Glauben. Das Renommierbedürfnis mancher Familien führte dazu, dass sie sich für diesen Anlass hoch verschuldeten - was die Obrigkeit ihrerseits einzuschränken suchte. Auf den ersten Blick schienen mit der Verlegung der Friedhöfe vor allem die Toten der reichen und bedeutenden Familien, die zuvor ihren Platz inmitten der Kirchen oder doch ganz nahe dabei gefunden hatten, zu Ausgegrenzten und Außenseitern geworden zu sein. Mit der Zeit jedoch wurden die außerstädtischen Friedhöfe akzeptiert und entsprechend ausgestaltet. Die einst diskriminierende Bestattung "auf dem Felde" erhielt ihre gesellschaftlichen Weihen.
Andere Familien mussten jedoch die Bestattungskosten niedrig halten und sparen, wo immer das möglich war, auch an den Epitaphien. Möglich war das z.B., indem man ganze oder Teile von Gussformen wieder verwenden ließ, die von den Gießereien in Reserve gehalten wurden. So entstanden gelegentlich familientypische Epitaphien, etwa die der Mülegk (R128, R147 und R 143) oder die der Kraus (R756 und R980). Eine andere Möglichkeit, an den Epitaphien zu sparen, verfolgten die Gießer, indem sie auf alten Exemplaren die Schriften abschabten und neue eingravierten
M Sebastian Jacobi Kraußen, Diacon bei St. Lorenzen, und Catharina seiner Hausfrauen, einer gebornen Weickhmännin ... 1656, R756
Sebastian Jakob Kraus, Kaplan bei St. Lorenz, Ehefrau, 1658, R980
Bild 12: Zwei aufwändige Epitaphien, wie sie ganz oder Teile davon nur geringfügig verändert wieder verwendet wurden. Darüber hinaus haben wir hier den "Familientypus" Krauss vor uns.
Baltas Weiß, Metzger, Ehefrau, 1600, R1185
"...und Ihrer Beider Erben Begräbnus"
Das ist schon eine Standardformel.
Heinrich Wissner, Bäcker beim Weißen Turm, 1572, Grab geschenkt, R508
".. hatt diesen stein Von sein Eltern überkommen soll im bleiben und all seinen Nachkommen".
Bild 13: Epitaphien vererbt und geschenkt bei Lebzeiten
Wie obige Beispiele zeigen, können die meistens teuren Gräber und Epitaphien vererbt, aber auch verschenkt werden, selbst zu Lebzeiten des Begünstigten, z.B. zur Hochzeit oder einem sonstigen Gedenktag, ein Brauch, der bis in das 20. Jahrhundert in manchen Regionen Deutschlands noch üblich war.
Sebald Wurm der elter, 1569, mit Lindwurm, R251 Sebald d.Ä. Wurm war Pfragner in der Pfannenschmiedsgasse. Er starb am 12.08.1569
Jörg Wurm, 1544, mit Lindwurm, R81 und zwei Melusinen als Wappenhalter. Die Melusine ist eine mythische Gestalt aus dem Mittelalter, eine Wasserfee mit Schlangenleib.
Bild 14: Zwei sprechende Wappen, je mit einem "Lindwurm" für Wurm und demselben Wappen auf der Schwertseite machen Verwandtschaftsverhältnisse deutlich.
Spareffekte bei der Anschaffung von Grabstätten und Epitaphien traten auch bei Gemeinschaftsgräbern ein. Zeugnisse dafür sind die Gesellengräber, das Vier-Schuster-Grab und eine ganze Reihe weiterer Gemeinschaftsgräber mit unterschiedlichen Zusammensetzungen der Erwerbergruppen.
Ein typisches Barockepitaph, zwei Teile, oben Bild, unten Schrift, zeigt uns R1099. Zwei Halbsäulen symbolisch für die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Kreisförmige Schilde oben deuten auf den Beruf des Verstorbenen hin, die beiden unteren mit Pilgerstäben und Jerusalemkreuz zusätzlich auf eine Pilgerfahrt. Der Löwe im Wappenschild trägt das Namenszeichen, einen Kasten, durchbohrt von einem Knochen (Bein). Kastenbain ist damit ein sprechendes Wappen. Der Stechhelm hat als Symbol des Bürgerwappens heraldische Bedeutung. Der nach (heraldisch) rechts zeigende Stechhelm lässt ein altes Bürgerwappen vermuten, bei den neueren zeigt der Helm aus dem Bild geradeaus. Der untere Teil des Epitaphs enthält den Text in einer barocken Schmuckschrift. In das reiche Zierwerk sind Köpfe eingearbeitet, eine Frau als Sinnbild für das Schöne in der Welt, als Gegenstück ein dämonisierter Männerkopf an der oberen Seite des Textfeldes.
Für den heutigen Betrachter ist auch die eigenwillige Rechtschreibung der Texte auf den Epitaphien ungewohnt. Allein die Vielfalt der Schreibweisen für "Begräbnis" oder "Ehefrau" kann die Nachfahren Konrad Dudens beim Lesen schon irritieren.
Zwei weitere Entwicklungen wirken sich auf die Gestaltung der Epitaphien aus: Die Einführung von Familiennamen als Ergänzung zum Vornamen und der Gebrauch von Straßennamen. Die ersten Familiennamen traten in Deutschland in den Städten auf, wo Patrizierfamilien den Brauch des Adels kopierten, um - wie dieser - damit Erbansprüche zu sichern. Anfang des 15. Jahrhunderts. waren Familiennamen überall im deutschen Sprachraum anzutreffen, aber nicht durchgehend und keinesfalls zwingend.
Auch konnte der Familienname noch wechseln, zum Beispiel bei Berufswechsel oder der Einheirat in Geschäft oder Bauernhof. Erst 1875 wurden im Deutschen Reich Standesämter eingeführt und die Namen festgeschrieben. In Deutschland existiert nahezu eine Million verschiedener Familiennamen. Unter den häufigsten davon stammen die ersten 14 bis heute aus Berufsbezeichnungen. Das ist keineswegs überall so. In Italien z.B. dominieren die Herkunftsorte als Namen. Am Beispiel der Epitaphien früher Gräber auf dem Rochusfriedhof lässt sich heute noch zeigen, wie Familiennamen aus der beruflichen Tätigkeit hervorgingen. So heißt der Färber in der ungenormten Rechtschreibung der Zeit eben "Ferwer", der Bäcker "Beck" oder "Peck". Aber es ist auch schon möglich, dass der Bäcker "Vischer" heißt, weil seine Vorfahren noch Fischer waren.
Die zweite Neuerung betrifft die Namensgebung für die Straßen und die Nummerierung der Häuser. Bevor die Straßen mit Namen und die Häuser nach französischem Vorbild mit Nummern versehen wurden, gab es zur Unterscheidung individuelle Hauszeichen und Häusernamen. Hauszeichen basierten häufig auf altertümlichen Runen. Hausnamen gingen an die Erwerber über, blieben also beim Haus, wurden lokalisiert durch Pfarrei, Stadtviertel, Aussehen. Häuser in den Städten waren meistens an bemalten Schildern zu erkennen.
Bild 17: Hans Mülich, Pfrachgner (Kleinhändler)
Anno 1542 den 29 dag July Starb der Erbar hans Mülich Pfrachgner Pei Sant Lorenczen dem got genedig sey Anno 1551 den 21 Apprilis starb die Erbar Frau Klara Hans Mülichs seliche hauß Frau der got wel genedig sey Amen
R609-2, Die Rechtschreibung ist willkürlich, die Ortsangabe "Pey Sant Lorenczen" ungenau. Das große A ist in drei verschiedenen Schreibweisen vorhanden.
Die heutige Positionierung der Epitaphien auf einem Grabstein muss nicht die ursprüngliche sein. So wird beispielsweise das sehr attraktive Epitaph für den Neberschmieds Eucharius Voytt bei Christoph Friedrich Gugel 1682 noch unter der Nummer 106 geführt, heute befindet es sich auf Stein Nummer 49. Auffallend ist auch, dass an manchen Stellen des Friedhofes bestimmte Berufe gehäuft auftreten. Ob da wohl irgend wann eine "ordnende Hand" eingegriffen hat?
Die Herstellung der Epitaphien kam nach Material (Bronze oder Messing) und Technik grundsätzlich den Rotgießern zu. Jedoch waren diese bei aufwändigen Epitaphien auf die Mithilfe von Künstlern angewiesen. Die auf den Epitaphien mit eingegossenen Kreuze über den Personen zeigen, dass diese bei der Errichtung der Tafel bereits verstorben waren. Für später Verstorbene wurden neue Kreuze eingeschlagen. Obwohl die Bronzegüsse lange nicht signiert wurden, lassen sich manche dennoch recht eindeutig den führenden Rotgießern jener Zeit zuordnen. Nach der im 17. Jahrhundert allmählich aufkommenden Gewohnheit, die Epitaphien doch zu signieren, lassen sich sogar einzelne Meister nachweisen, unter denen der mit „J W“ signierende Jakob Weinmann wegen seiner enormen Produktivität bis heute in den Vordergrund tritt.
Dass wir heute so erstaunlich viel über die auf dem Rochusfriedhof ruhenden Verstorbenen wissen, verdanken wir nicht nur den erhaltenen Epitaphien, sondern auch den in großem Umfang und nahezu lückenlos erhaltenen Friedhofsakten im Nürnberger Landeskirchlichen Archiv. Dazu gehören
Grabbriefe. Die sind in einem über Jahrhunderte fortgeschriebenes Verzeichnis der Kaufurkunden erhalten, bei historischen Grabstätten sogar mit Vorbesitzer und dessen Grabinschrift.
Leichentagebücher. Das sind Verzeichnisse der Bestattungen, die bis weit in die Neuzeit noch "Leich" hießen. Für jede Beerdigung sind darin angegeben: die Grabnummer, Name, Alter, Todesursache und Wohnort der Verstorbenen, die Zahl der Wagen, die den Leichenzug begleiteten, der Name der zuständigen "Seelfrau", die Kosten für den Leichenzug, die begleitenden Schüler bzw. Findelkinder.
Grabstättenbücher. Darin sind die Namen der Grabkäufer und aller nachfolgenden Bestattungen enthalten, nach den Nummern der Gräber geordnet.
Für die umfangreiche Dokumentation war der Steinschreiber zuständig.
2www.rowane.de/html/sterben_im_mittelalter.htm
3http://de.wikisource.org/wiki/Seit_wann_werden_die_TodenJn_S%C3%A4rgen_begraben%3F
Der Rochusfriedhof wurde zunächst von der Stadtverwaltung überwacht und gepflegt. Die Kirche stellte nur die geistlichen Mitarbeiter für die Rochuskapelle. Diese diente während der Pestzeit zuerst als Aussegnungsraum. Danach wurde die Kapelle als Familieneigentum der Imhoffs von diesen verwaltet. Die patrizische Familie hatte eine vom Rat genehmigte und mit dem Patronatsrecht verbundene Stiftung als so genannte Movendelpfründe eingerichtet. Diese sind nicht fest an eine Kirche oder einen Altar gebunden. Auf Wunsch des Patronatsherrn oder des Rates können sie auch an eine andere Kirche verlegt werden. Die Imhoffsche Pfründe wurde bis zur Übernahme der Reformation durch die Stadt Nürnberg 1525 von einem Diacon des Benediktinerklosters St. Egidien versehen.
Zur Überwachung und Pflege des Rochusfriedhofs hat der Rat der Stadt drei Personalstellen geschaffen:
einen Steinschreiber,
einen Hofmeister und Messner in einer Person und
einen Totengräber.
Als Steinschreiber galt in Nürnberg jeweils das Amt eines Schreibers auf den Friedhöfen St. Johannis und St. Rochus, denen die Pflicht oblag, die Steine für die Gräber zu vergeben und ein Verzeichnis über Gräber und Grabsteine auf dem jeweiligen Gottesacker zu führen, damit man wusste, wann man wieder eine Leiche in ein altes Grab senken konnte. Die Steinschrift, ist eine Aufschrift auf einem Grab- oder Denkmalstein.
Bild 18: Conrad Wagner, Lötschlosser, Mesner und Grabrichter (Hofmeister) auf dem Rochusfriedhof, 1607, R1352.
Hodie Michi Gras Tibi
Jesus Christus Gottes und Maria Sohn omd unser / Sünden und Ungerechtigkeit willen gestorben unnd / umb unser gerechtigkeit willen widerumb aufferstan= / den ist der verheisung nach bei uns biß an der Weltende / zum Zeugnis Denn das Blut Jesu Christi Gottes und Ma= / ria Sohn reiniget uns von allen unseren Sünden Amen. Conrad Wagners Bürgers und Lötschlossers Jetzt Meß= / ners und Grabrichters auff S: Rochuskirchhoff Barbara sein / Jetzige Ehwirtin und Ursula der gestorben derer Ehleiblichen erzeugten Kindern und Nachkommen Begrebnus A° 1607
Auf der Tartsche sind oben links die für Nürnberger Schlosser typischen kleinen Vorhängeschlösser zu sehen.
Als Sitz der Verwaltung wurde an der Nordseite des Friedhofs etwa gleichzeitig mit der Rochuskapelle von der Stifterfamilie Imhoff ein Hofmeisterhaus erbaut. Zuerst sollte dieses Haus wohl im Rahmen der Movendelpfründe als Haus für den Frühmessner dienen. Weil aber die Pfründe in dieser Form nicht besetzt wurde, konnte das Haus anderweitig genutzt werden. Der Name Hofmeisterhaus kommt von dem Hofmeister (Hausmeister), der Haus und Friedhof verwaltete. Vom 17. Jahrhundert bis 1821 war das Hofmeisterhaus gleichzeitig der Sitz des Steinschreibers bzw. der Friedhofsverwaltung. Danach wurden die Steinschreiberstellen beider Friedhöfe mit Sitz in St. Johannis zusammengelegt. Im zweiten Weltkrieg wurden das ehemalige Hofmeisterhaus, das Totengräberhaus und mehrere Grabstellen zerstört. Bei der Instandsetzung wurden die östliche Außenmauer und ihre Portale verlegt.
Zur Aufgabe des Totengräbers gehörte es, sich um die Leichen bis zur Beerdigung zu kümmern. Er musste sie waschen und herrichten, die Gräber ausheben und wieder zuschaufeln. In einigen Städten war er sogar für die Reinhaltung der Abwasserkanäle zuständig. Im Gegensatz zu anderen Handwerkern erhielt der Totengräber sein Werkzeug von der Kirche. In den Zeiten der Verbreitung der Pest war dieser Beruf trotz allem eine lukrative Tätigkeit. Im Mittelalter galt er aber dennoch als ein verachteter "unehrlicher" Beruf, den in kleinen Kirchdörfern der Freiknecht oder der Abdecker mit zu übernehmen hatte. Die Attribute ehrlich und unehrlich hatten im Mittelalter und noch weit in die Neuzeit hinein eine andere Bedeutung als heute. "Ehrlich" bedeutete so viel wie geachtet, angesehen, respektiert, integriert, geduldet. Ob ein Beruf ehrlich oder unehrlich war, entschied weder Richter noch Gesetzgeber, sondern die jeweilige Gesellschaft. Auch unterschiedliche Zeiten und Orte und somit lokale Kultur bestimmten über die Zuordnung. Das Bild von unehrlichen Berufen wandelte sich mit der Zeit immer wieder. Mal waren mehr, mal weniger Berufe verachtet. Zeitweise galten alle Berufe, in denen man mit Kranken, Verurteilten, Verletzen oder Toten in Berührung kam, als unehrlich, vom Gefängniswärter bis zum Arzt. Selbst Türmer, deren Aufgabe darin bestand, auf den höchsten Gebäuden der Stadt nach Gefahren Ausschau zu halten und die Menschen der Stadt bei Gefahr zu warnen, waren - wohl eher wegen ihrer Einsamkeit - verstoßen, unehrlich.
Die Tartsche zeigt zwei gekreuzte Pfannen für den Pfannenschmied und eine Hacke mit einem Spaten gekreuzt für den Totengräber. Das Bild am Kruzifix lässt den Vater mit zwei verstorbenen Frauen und elf Kindern erkennen, von denen 1602 nur noch eine Tochter lebte.
Nicht selten wurde den Totengräbern unterstellt, sie hätten hexerische Fähigkeiten und würden den Umgang mit Dämonen pflegen; auch dass sie sich am Eigentum der Verstorbenen bereicherten. Die Entlohnung der städtischen Ämter scheint für den Unterhalt einer Familie nicht ausreichend gewesen zu sein, denn die Beschäftigung erfolgte - betrachtet man die Epitaphien genau - meistens als Zweitberuf oder sogar ehrenamtlich. Damit stoßen wir hier bereits auf ein Merkmal, das für die gesamte Ära wie auch für unsere heutige Zeit typisch ist, die Tendenz zum Zweitberuf. Unter den Handwerkern scheint nur eine Elite von Meistern aus ihrer hauptberuflichen Tätigkeit ein Einkommen bezogen zu haben, das zur Erfüllung ihrer Lebensansprüche ausreichte. Ob mit oder ohne Segen des Rugamtes werden bei den meisten Handwerkern die Familienmitglieder mehr oder weniger mitgearbeitet haben, begünstigt durch die Tatsache, dass wohnen und arbeiten örtlich zusammen fielen.
Die Bediensteten auf dem Rochusfriedhof scheinen von der Tendenz zum Zweitjob besonders betroffen gewesen zu sein. Als Beleg für deren prekäre Beschäftigung mögen die folgenden Auszüge aus den Ratserlässen der Stadt Nürnberg gelten.
Der "unterthänige" Stil des Briefes mag uns heute belustigen, damals war er üblich. Einer der Antragsteller wurde auf dem Rochusfriedhof begraben:
Bild 20: Jochim Heffner, Hofmeister und Steinschreiber bei St. Rochus, 1633, R1580
Inschrift:
HDIE, MIHI, CRAS, DIBI
Jochim Heffner, dieser Zeitt hoffmeister Bey St. Rochus Anna Sophia seiner Eh: wirtin und Jrer Leibs Erb en Nachkommen Begräbtniß AD 1633 /
Für die organisatorischen und kaufmännischen Arbeiten, auch für die Friedhöfe, waren bei den Kirchen so genannte Schaffer zuständig. Das Wort "schaffen" bedeutet sprachgeschichtlich so viel wie die Mahlzeit geben oder Essen reichen, aber auch arbeiten, ausrichten und erledigen. Der Schaffer war demnach der Beschaffer, der für das Hauswesen, aber auch für die Verwaltung zu sorgen hatte. Gelegentlich findet sich die Bezeichnung Schaffer auch für den ersten Prediger einer großen Kirchengemeinde. In Nürnberg hießen die ältesten Diakone der beiden Hauptkirchen, die für alle gottesdienstlichen Verrichtungen zuständig waren Schaffer.
Die Berufsbezeichnung Schaffer hat im Laufe der Geschichte eine Bedeutungsverbesserung erfahren. Der Wandel scheint im Übergang zum 16. Jahrhundert stattgefunden zu haben. Bis dahin sind die Schaffer Diener, Knechte, Kellner. Ihr Berufszeichen war der Schlüsselbund. Im Zunftwesen hieß manchmal der Zunftvorsteher Schaffer. Auch in wirtschaftlichen Einrichtungen des Adels gab es den Schaffer. Dort gehörte er bereits zur Führungsmannschaft, musste heranschaffen, was Mensch und Tier brauchten. In der christlichen Seefahrt war der Schaffer auf den (Übersee)-Schiffen der Proviantmeister. Daran erinnert bis heute die "Schaffermahlzeit" in Bremen, die ursprünglich ein Abschiedsessen war.
Bild 21: Her Michael Rupp, Schaffer / Der Pfarkirchen Laurency, 1540, R209
Her Michael Rupp Schaffer
Der Pfarkirchen Laurency
Michael Rupp war von 1519 bis 1524 Diaconus an der Lorenzkirche, danach dort Schaffer.
Er starb 1548. Das Epitaph (und das Grab?) wurde bereits vor seinem Tod angelegt.
An einem weiteren Epitaph (R145) fällt auf, dass ein Schaffer der Pfarrei St. Sebald auf dem Rochusfriedhof beerdigt wurde, auf dem sonst nur die Toten der Pfarrgemeinde von St. Lorenz liegen.
Schließlich steht der Beruf Schaffer auch für den Beschaffer, Vorknecht, Verwalter von Stiftungen, Spitälern, insbesondere kirchlicher Anstalten. Bild und Text aus der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung lassen die Aufgaben erkennen. Dort heißt es z.B. für Hans Seidenfaden, Schaffer der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, der früher "Stuhlschreiber", also Gerichtsschreiber war:
"Anno domini 1504 jar am eritag vor vnser frawen tag ir himelfart do starb hanß seydenfaden der ein schaffer ist gewesen Xiii jar pey den zwelfprudern vnd ist ein kostlicher stullschreiber gewesen mit tex vnd mit notteln zu schreyben" (Mendel I, Folio 120 verso)
Mit "tex" ist die Textura, die doppelt gebrochene gotische Buchschrift, mit "notteln" keineswegs Noten einer Musikschrift, sondern die in Italien entstandene Notula, eine flüssige, kursive Konzeptschrift, gemeint.
Hans Seidenfaden ist ein Beispiel für eine ganze Reihe von Schaffern aus der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung. Diese hatten offensichtlich zunächst nur dafür zu sorgen, dass für ihre Mitbrüder etwas zu Essen und zu Trinken vorhanden war, waren also "Beschaffer".
Als Schaffer des Almosens hatte Seidenfaden aber auch die Aufsicht über die Lebensmittel und Getränke. Zum Zeichen seiner verantwortungsvollen Aufgabe hat er einen großen Schlüsselbund am Gürtel. Schreibpult und Schemel mit Sitzkissen sowie Bücher deuten auf seine vorherige Tätigkeit als Stuhlschreiber hin, der als öffentlicher Schreiber Gerichtsprotokolle verfasste. Allerdings musste der Schaffer der Stiftung sicher auch über den Einkauf und den Verbrauch der Lebensmittel buchführen, was an dem abgebildeten Pult stattgefunden haben dürfte. Im Laufe der Zeit erweiterte sich jedoch der Aufgabenbereich der Schaffer deutlich in Richtung Verwaltung mit Schriftführung und Buchhaltung. Deshalb kamen dafür nur noch schriftkundige Mitbrüder in Frage.
Nürnberg verdankt seinen wirtschaftlichen Aufstieg im Spätmittelalter zwei Eckpfeilern, dem wagemutigen Handel und dem erfindungsreichen Handwerk. Während des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit waren Leistungskraft und Erfindungsreichtum der Nürnberger Handwerker der Nährboden für die wirtschaftliche Blüte der Stadt. Die Handwerker versorgten sowohl die einheimische Bevölkerung als auch das Umland mit den notwendigen Gütern und fertigten darüber hinaus die Exportprodukte, mit denen die Nürnberger Kaufleute die Märkte Europas belieferten und reich wurden. Die Kaufleute andererseits importierten die von den Handwerkern benötigten Rohstoffe wie Erze, Stahl, Wolle, Tuche oder Farben. Dass die Kaufleute von dieser Symbiose mehr profitierten als die Handwerker, gehört zu den wirtschaftlichen Besonderheiten, nicht nur der freien Reichsstadt Nürnberg.
Seit Bestehen der Stadt lassen sich in Nürnberg Handwerker nachweisen. Das war geradezu ein Merkmal aller Stadtentwicklung. Während die Menschen auf dem Land autark sein mussten, jeder alles können musste, wurde die Spezialisierung in den Städten schnell zur Regel. Obwohl bereits in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts etwa die Hälfte der Erwerbstätigen in Nürnberg als Handwerker beschäftigt waren, gelang es diesen nur mit Ausnahme eines kurzen Zeitraums, des so genannten Handwerkeraufstandes von 1348/49, doch später niemals wieder, politische Bedeutung zu erlangen. Die Waffenschmiede, die gleichzeitig noch Waffenhändler waren, hatten den Aufstand begonnen. Der wichtigste Anlass war, dass der Rat ihnen die Zahl der Gesellen einschränkte und damit die Produktionsmenge. Zwar gelang der Umsturz zunächst, einige Vertreter der ratsfähigen Familien mussten sogar unter Mistfuhren versteckt oder als Mönche bzw. Bettler verkleidet fliehen, doch die Aufständischen hielten nur 15 Monate durch, bevor die patrizischen Ratsherren mit Hilfe des Kaisers ihr strenges Regiment wieder aufnahmen. Während in vielen europäischen Städten der Aufstand schier kein Ende fand, blieben die Handwerker-Nürnbergs bis zum Ende der reichsstädtischen Zeit (1806) dauerhaft ohne jeden direkten Einfluss, weder auf die politische Entwicklung noch auf die Verwaltung bzw. Gerichtsbarkeit. Zünfte, die in den meisten Städten über e hinweg mitregierten, waren in Nürnberg bis in die Zeit der bayerischen Innungen des 19. Jahrhunderts streng untersagt. Nach der Zunftrevolution baute der Nürnberger Rat eine autoritär durchorganisierte Art Planwirtschaft auf, die nur von ihm gesteuert wurde. Was die Patrizier nach 1350 wieder erlangt hatten, befestigten und verteidigten sie fortan konsequent und mit polizeistaatlichen Methoden, die im Laufe der Zeit immer massiver wurden. Damit gehörte Nürnberg zu den Städten, in denen sich ein Regiment patrizischer Geschlechter entwickelte und die Zünfte keine oder zumindest keine beherrschende politische Funktion hatten (Patrizische Orte). Die Autonomie des Nürnberger Handwerks bewegte sich schließlich in den Grenzen eines Stammtisches. Dass die Handwerker die ungewöhnliche Bevormundung weitgehend in Kauf nahmen, lag wohl vor allem daran, dass der allgemeine Wohlstand elang wuchs. Der Kleine Rat, die Regierung der Reichsstadt, blieb fest in der Hand der Patrizier, und das, obwohl seit 1370 acht Ratsmitglieder aus dem Handwerk stammten (Rindsmetzger, Kürschner, Tuchmacher, Rotbier- bzw. seit 1724 Weißbierbrauer, Bäcker, Blechschmiede bzw. seit 1543 die Silberarbeiter des Goldschmiedehandwerks, Schneider, Rotgerber) und obwohl die im 16. mit Hilfe der Tanzordnung endgültig festgefügte Nürnberger Ständeordnung einige Handwerksmeister wegen ihrer Zugehörigkeit zu Ratsgremien in ihrem sozialen Prestige aus der Masse hervorhob.4 Diese Handwerksverfassung war in ihrer Radikalität für die Handwerksorganisation in Reichsstädten einzigartig, beeinflusste aber gerade deshalb die süddeutschen Zunftverfassungen und diente Kaiser Karl V. auf dem Reichstag zu Augsburg 1547/48 als Vorbild zur Aufhebung der Zunftverfassungen anderer Reichsstädte, allerdings erfolglos.
Der Kleine (Innere) Rat der Reichsstadt kontrollierte seit der Ausbildung einer Stadtverfassung im frühen 14. Jahrhundert die Nürnberger Handwerke. Älteste Vorschriften für einzelne Handwerke stammen bereits aus dem 13. Sie betreffen in erster Linie die Handwerke der Nahrungsmittel-, Bekleidungs- und Metallherstellung. Das erste amtliche Satzungsbuch wurde von 1302 bis 1315 geführt und enthielt die ersten drei Handwerksordnungen Nürnbergs, die der Bäcker, der Tuchmacher und der Messerer. Eine erste Sammlung von Handwerksordnungen entstand 1357/58 als direkte Antwort auf die Erfahrungen mit dem Handwerkeraufstand. In der ersten Meisterliste von 1363, die oft als erste Gewerbestatistik Deutschlands bezeichnet wird, sind rund 50 Handwerksgruppen mit etwa 1200 Meistern aufgeführt. Das "Ämterbüchlein" wurde jährlich um Ostern neu angelegt. Abgehende Meister wurden gestrichen, hinzu gekommene am Schluss nachgetragen. Als Reaktion auf den missglückten Handwerkeraufstand übte der Rat eine rigide Kontrolle über alle wichtigen Vorgänge im Leben der Handwerker aus. Dazu schuf er 1470 mit dem Rugamt eine eigene Art Gewerbepolizei. Das Rugamt entsprach in etwa dem heutigen Gewerbeaufsichtsamt. Es ging aus dem so genannten Kollegium der Fünf hervor, einer allgemeinen Polizeibehörde. Zusammengesetzt war es aus drei bis sechs patrizischen Ratsherren, einem Rugschreiber, Unterbeamten und Rugknechten. An seiner Spitze stand bis ins 16. der so genannte Pfänder, ein Genannter (Mitglied) des Großen Rates, der durch den Kleinen Rat gewählt wurde. Eine Reorganisation des Rugamts 1533/34 führte 1535 zur großen Gewerbereform und zur Anlage eines Handwerksrechtsbuches als erstmaliger umfassender Kodifizierung des Nürnberger Handwerkerrechts. Der gleichzeitige Betrieb von mehr als einem Handwerk wurde darin ebenso untersagt wie der Übergriff in den Arbeitsbereich eines anderen Handwerks. Zur Schlichtung von Streitigkeiten unter Handwerkern wurde das so genannte Fünfergericht installiert. Es war für die niedere Gerichtsbarkeit zuständig und bestand aus fünf Ratsherren, war am Fünferplatz ansässig und tagte in der "Fünferstube" im Rathaus. Das Rugamt war zuständig für die Niederlassungsreglung, die Verpflichtung und Lossprechung von Lehrlingen, die Freisprechung von Meistern und deren Zulassung, die zahlenmäßigen Reglementierung der Betriebe und Arbeitskräfte, die Gerichtsbarkeit in beruflichen Angelegenheiten und nicht zuletzt die Qualitätskontrolle. Sogar die Briefsiegel der einzelnen Handwerksgruppen, Gewerke genannt, wurden vom Rugamt verwahrt und durften nur unter Aufsicht einer Amtsperson verwandt werden. Briefe auswärtiger Zünfte mussten dem Amt ungeöffnet vorgelegt werden. Wenigstens auf dem Papier war das Rugamt demnach für alle Aufgaben zuständig, die andernorts von den Zünften unmittelbar wahrgenommen wurden. Mit der Zeit verwischten die Gegensätze zwischen der Nürnberger Gewerbeverfassung und der Zunftverfassung anderer Städte eher als dass sie sich verschärft hätten.
Vor allem in seiner Glanzzeit zeigt sich der Nürnberger Rat als Obrigkeit sowohl ökonomisch weitblickend als auch gegenüber seinen Bürgern sozial gesinnt und verpflichtet. Sein Augenmerk galt vor allem dem kleinen Handwerk und dem Kleinhandel. Als Bäckermeister z.B. das ihnen angeblich zu teure Getreide des Klaraamtes, einer alten sozialen Stiftung, rundum ablehnten, wurden sie vom Rat mit dem seither oft zitierten Satz getadelt: "Die Wohlfahrt des Staates geht vor derjenigen des einzelnen." Um für die Ernährung der Nürnberger Einwohner zumindest die wichtigsten Nahrungsmittel sicherzustellen, wurden besondere Kontrollorgane gegründet: Waagherren (1396), oberste Zöllner (1397), Deputierte für Gewichte und Eichung (1463), Bäckerherren (vor 1476), Rugherren (1476), Bierkieser (1489), Amtmann zum Ochsenkauf (1532), Fleischherren (1536), Deputierte für Mühlen, Deputierte zum Markt (1560), Deputierte für Ungeld (1580) und für Ladungsgeld (vor 1589), Unschlittherren (1617), Deputierte für den Salzhandel (1620), Deputierte zum Getreideaufschlag (1632) und für Weizenbier (1643) - und das ist noch nicht alles.
In der ständischen Ordnung hielten sich die Handwerker für nicht weniger wert als andere Bürger, insbesondere die Kaufleute, und rechneten sich zu den "freien Ständen". Nach Gesetzen aus dem 15. und 16. Jahrhundert soll der Handwerker seinen Stand auch äußerlich zu erkennen geben, indem er bestimmte Werkzeuge immer mit sich trägt. Auch die typische Berufskleidung diente diesem Zweck. Bis dahin durften Meister und Gesellen sogar noch Schwert oder Degen tragen, danach war das verboten, was aber nichts daran änderte, dass die Handwerker in die Verteidigung der Stadt strategisch und taktisch einbezogen waren.
Der durch die Kaufleuteinteressen weitgehend beeinflusste Rat musste aber erleben, dass die Existenz des Handels zu einem großen Teil von dem Gedeihen des Handwerks abhing, so dass er ausreichend Gründe dafür hatte, der Entwicklung des Handwerks größte Sorgfalt entgegen zu bringen. Wie viel Spielraum den Handwerkern selbst in der gern als "Stadt ohne Zünfte" bezeichneten Reichsstadt blieb, ist in der Literatur strittig. Dass zuletzt das Bild über die Ausübung der Handwerksgerichtsbarkeit in Nürnberg unscharf bleibt, ist sicher zum großen Teil darauf zurück zu führen, dass Rugamtsakten nur unbefriedigend überliefert sind. Auf jeden Fall war das Rugamt auf die Mitwirkung der "Gewerke" angewiesen. Die Aufsicht über die Gewerke übten die Geschworenen Meister der geschworenen Handwerke aus, die, von den Meistern ihres Handwerks gewählt und auf eine vom Rat erlassene schriftliche Handwerksordnung vereidigt wurden. Nachlässigkeit, und sogar Bestechlichkeit waren nicht die Regel, aber auch nicht die Ausnahme. Anzeigen und Strafen wurden unter Gleichen eher wohlwollend behandelt.
Handwerke ohne schriftliche Ordnung nannte man Freie Künste. Die "freie Kunst" war nichts anderes als ein unorganisiertes Handwerk ohne formale Ordnung und Gesetz, das jedem zu betreiben frei stand. Diese Handwerke waren weder durch Gesetz noch berufliche Ordnung gebunden, ohne rechtlichen Schutz und den Übergriffen von Stümpern und Störern ausgeliefert, hatten aber andererseits uneingeschränkte Gewerbefreiheit, waren völlig autonom. Die geschworenen Handwerke waren zwar über ihre jeweilige Ordnung organisiert, aber keineswegs autonom. Ihre Statuten durften sie sich nicht selbst geben, sondern mussten diese vom Rat in Empfang nehmen. Über die Konstruktion der freien Künste konnte der Rat möglichst viele Handwerkskräfte anlocken, was vor allem dem Interesse des Groß-und Fernhandels entsprach. Die begehrte Umwandlung von der freien Kunst zum geschworenen Handwerk wurde vom Nürnberger Rat besonders restriktiv gewährt. So gelang diese Umwandlung den Waffenschmieden erst 1503, den Schreinern 1530, den Kupferschmieden 1570. Die Maler z.B. brachten es in Nürnberg nie zu einem geschworenen Handwerk. Die geschworenen (vereidigten) Handwerke gliederten sich nach den Bestimmungen ihrer Ordnungen in drei Untergruppen:
Ungeschenkte Handwerke
Geschenkte Handwerke
Gesperrte Handwerke
In geschenkten Handwerken gab es den Wanderzwang. Wandernde Gesellen hatten daher einen Rechtsanspruch auf eine Wanderunterstützung (Geschenk) seitens ihres Handwerks.
Bei ungeschenkten Handwerken bestand kein Wanderzwang, wandernde Gesellen hatten demnach auch keinen Rechtsanspruch auf ein Geschenk. Sie waren nach Anzahl der Handwerksberufe wie der Handwerksbetriebe in der Überzahl und hatten -weil fast alle ratsfähigen Handwerke zu ihnen gehörten - auch ein Übergewicht im sozialen Prestige der Handwerke in der Stadt. Zu ihnen zählten in der ersten Hälfte des 17. s von insgesamt 114 Handwerken in der Stadt Nürnberg 50 (44 %), zu den geschenkten dagegen 43 (38 %).
Bei den geschenkten Handwerken kamen 15 aus dem metallverarbeitenden Gewerbe (u. a. Ahlen-, Messer-, Neber-, Zirkelschmiede), sechs aus der Textilbranche (u. a. Bortenmacher, Englische Tuchbereiter, Schwarzfärber), und fünf aus der Lederverarbeitung (u. a. Beutler, Sattler, Weißgerber). Bei den ungeschenkten Handwerken dominierte der Textilbereich mit zwölf Handwerken (u. a. Barchent-, Decken-, Leinenweber, Tuchmacher, Zeugwirker, Barettmacher) gefolgt von der Eisenverarbeitung mit zehn (hier insbesondere Waffenhandwerke wie Plattner, Feuerschlossmacher, Waffenschmiede) und der Holzverarbeitung mit sechs Handwerken (u. a. die Büchsenschifter).
Gesperrte Handwerke waren meistens hochspezialisierte, exportorientierte Handwerke, in denen die Nürnberger meinten, über den höchsten Stand der Technik zu verfügen. Deshalb trachtete der Rat danach, die Weiterverbreitung der einschlägigen Kenntnisse zu verhindern. Diese Handwerke durften grundsätzlich nur von Nürnberger Bürgern ausgeübt werden, ausnahmsweise dennoch angenommene auswärtige Lehrlinge mussten noch während oder unmittelbar nach ihrer Lehrzeit das Nürnberger Bürgerrecht erwerben. Für Gesellen bestand Wanderverbot, die Meister durften nicht aus Nürnberg wegziehen, ihre Reisemöglichkeiten waren häufig eingeschränkt; ebenso war der Verkauf von Werkzeugen über die Grenzen der Stadt hinaus streng verboten. Zu den gesperrten Handwerken gehörten noch im 18. Jahrhundert die Kompassmacher, Drahtzieher, Geschmeidemacher, Goldspinner, Heftleinmacher, Lohngoldschmiede, Paternostermacher, Schellenmacher, Spengler, Messingbrenner und -schlager, Messingschaber, Beckschlager, Brillenmacher, Schermesserer, Sanduhrmacher, Seidenweber und Trompetenmacher. Es waren vor allem die exportorientierten Handwerke, die gesperrt wurden, worüber sich am meisten die Kaufleute freuen durften.
Ein großer Teil der Handwerker war mit der Herstellung von Lebensmitteln (Bäcker, Metzger, Brauer) beschäftigt oder mit der Produktion von Kleidung (Schneider, Schuster, Heftleinmacher). Abhängig von der allgemeinen Wirtschaftslage und den daraus resultierenden Absatzmöglichkeiten, dem vermehrten Reichtum, den häufig wechselnden Modeerscheinungen und den daraus resultierenden gestiegenen Bedürfnissen der Menschen wuchsen die Städte und spezialisierten sich die Handwerker immer mehr. So gab es Bäckereien, in denen ausschließlich Weißmehlprodukte hergestellt wurden, neben solchen, in denen nur Roggenbrot gebacken wurde. Bei den Schuhmachern unterschieden sich diejenigen, die nur neue Schuhe fertigten, von anderen, die sich lediglich mit Reparaturen befassten, so genannte Altflicker. Besonders hoch war die Spezialisierung bei den Schmieden. Aus solchen Spezialisierungen resultierten größere Fertigkeiten, eine qualitative Verbesserung der Waren und eine Steigerung der Produktivität.
Das Anliegen der Zünfte, in Nürnberg des Rugamtes und damit des Rates, war nicht Gewinnmaximierung, sondern die Sicherung des Lebensunterhalts. Nach diesem Grundsatz legten sie Löhne und Preise, Produktionsmengen und die Höchstzahl der Gesellen für eine Werkstatt fest und kontrollierten den Zugang zu den Rohstoffen durch Einkaufsverbote über den eigenen Bedarf hinaus (Fürkauf), damit jeder Meister sich auf dem Markt eindecken konnte. Hinter diesem Maßnahmenbündel stand die Vorstellung, dass jeder Meister in seinem Handwerk nur sein Auskommen finden sollte, das aber sicher.
Aber gerade wegen der in den gesperrten Handwerken sich manifestierenden wettbewerbsbehindernden Maßnahmen, die der Stadt zunächst das Monopol auf eine fortschrittliche Technik sicherten, wurde Nürnberg im 17. und 18. Jahrhundert zunehmend von der technischen Weiterentwicklung an anderen Orten abgeschnitten und fiel langfristig gegenüber anderen Städten zurück. Ganze Handwerksberufe fielen den veränderten Ansprüchen bzw. den vereinfachten Herstellungsmethoden zum Opfer, wie etwa die Heftlesmacher, die dem Siegeszug der Sicherheitsnadel weichen mussten. Erst die Umstellung auf industrielle Produktionsweisen im Laufe des 19. Jahrhunderts, gegen welche die Nürnberger Handwerker vom Magistrat vergeblich den Protektionismus der untergegangenen reichsstädtischen Ära einforderten, verhalf – wenn auch unter völlig veränderten Bedingungen – vielen alten Handwerken wieder zu neuem Ruhm: Bleistiftmachern, Drehern, Lebküchnern, Schlossern, Wagnern.
Bild 22: Handwerksleute in den Saecken
Virgil Solis zugeschrieben: Handwerker als Repräsentanten der sündigen Welt, 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts, Sammlung der Fürsten von Waldburg-Wolfegg
Schriftband: "Al säck seind vol untrü und list. Darzu hab ich Das gift vermischt. Das hertz ich prinn mach im vill miehe. Ermann die wellt Die stundt ist hie."5
1797/1800 waren in der Reichsstadt noch 2.401 Handwerksbetriebe aktiv. Davon produzierten 1.581 Werkstätten nach wie vor für den Export der typischen Nürnberger Waren (Musikinstrumente, Glasspiegel, Zeichengeräte, Messinstrumente, leonische Drahterzeugnisse, Spielzeug, Bleistifte, Papier, Messer, Nadeln, Nägel und Stifte etc.). Der durchschnittliche Nürnberger Handwerksbetrieb beschäftigte um 1800 unter dem Meister nur 1,12 Personen, Betriebe mit mehr als zehn Beschäftigten galten bereits als "Fabriken".
4 Das aufwändige Epitaph zu Grab R781 erwähnt Hans Laib als Genannten des Kleinen Rates.
5http://www.zeno.org/KunstwerkeBSolis+d.+%C3%84.,+Virgilius%3A+Handwerksleute+in+den+S%C3%A4cken
Zeitlich fällt der Aufschwung des Handwerks zusammen mit dem Niedergang des Rittertums. Deshalb wird es verständlich, dass die Handwerker einiges von den Rittern übernahmen, den Bildungsaufbau und den Minnesang, zeitweise sogar das Tournierwesen. So wurden aus Page, Knappe, Ritter bei den Handwerkern Lehrling, Geselle, Meister, aus dem Minnesang die Meistersinger und aus dem Rittertournier das Gesellenstechen.
Lehrlinge
Am Beginn der handwerklichen Laufbahn stand der Lehrling. Wahrscheinlich gab es Lehrlinge schon bei den unfreien Handwerkern an den Herrenhöfen. Der Lehrzwang wurde allerdings erst 1304 für Müller, Huter und Gerber in Zürich eingeführt. In Nürnberg taucht der Lehrzwang erst Mitte des 14. Jahrhunderts in einem Handwerksstatut auf. Begründet wird er einerseits mit dem Schutz der Konsumenten, andererseits mit dem Interesse der Meister, Konkurrenz und Stümper abzuwehren. Mit der rechtlichen Regelung des Lehrzwangs wurden zunächst die Aufnahmebedingungen für die Lehrlinge festgehalten. Dazu gehörten das männliche Geschlecht, die freie und eheliche Geburt und die "deutsche Zunge". Nach den Bestimmungen des westfälischen Friedens sollte der Lehrling auch einem der beiden anerkannten Glaubensbekenntnisse angehören. Juden waren grundsätzlich nicht zugelassen.
