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Der Kasseler HERKULES schaut seit 300 Jahren von der Spitze seiner Pyramide auf dem Karlsberg aus 596 m Höhe auf Kassel. Anfangs galt er als bewundertes Objekt fürstlicher Repräsentation, zunächst von der Bevölkerung unverstanden und als großer Christoph umgedeutet; als weithin sichtbare Landmarke, mit dem ‚Riesenschloss‘ als seinem Unterbau als endlose Bau- und Restaurierungsaufgabe. Er wurde vielfältig politisch vereinnahmt, als Spottfigur, als Nothelfer, Schutzpatron und Wächter; als Inspiration zu stadtplanerischer, künstlerischer und literarischer Auseinandersetzung; als vielfältig verwendetes Marketing-Objekt; als Reiseziel. Letztlich ist er ein Heimat stiftendes Wahrzeichen, von den Bürgern geliebt, vielfältig unterstützt und gefeiert und 2013 als Teil des UNESCO-Weltkulturerbes Bergpark Wilhelmshöhe geadelt. Der Sammelband bietet eine Erinnerungsgeschichte des Wahrzeichens, an der 19 Autorinnen und Autoren mitgeschrieben haben: Hans D. Baumann, Helmut Bernert, Wolfram Boder, Gerd Fenner, Hardy Fischer, Jens Flemming, Siegfried Hoß, Harald Kimpel, Folckert Lüken-Isberner, Hartmut Müller, Sabine Naumer, Karl-Heinz Nickel, Christian Presche, Astrid Schlegel, Joachim Schröder, Dirk Schwarze, Martina Sitt, Andreas Skorka und Rüdiger Splitter. Wie und seit wann der Kasseler Herkules das Kasseler Wahrzeichen geworden ist, welche Wirkung er hatte, wie sich das Verständnis der Figur gewandelt hat, worin seine kulturgeschichtliche Bedeutung liegt, welche künstlerischen Impulse er gegeben hat – dies sind Themen dieses Buches. Anlässlich der Jubiläums-Ausstellung der Museumslandschaft Hessen Kassel „Herkules 300 – Wiedergeburt eines Helden“ im Museum Schloss Wilhelmshöhe bat der Direktor der MHK, Prof. Bernd Küster, namhafte Künstler, ‚Hommage-Werke‘ an den Herkules zum 300. Geburtstag zu gestalten. Eine Auswahl davon wird in diesem Buch gezeigt: Werke von Otmar Alt, F. W. Bernstein, Peter Gaymann, Hubertus Giebe, James Francis Gill, Gerhard Glück, Felix Kramer, Til Mette, Rainer G. Mordmüller, Pit Morell (Jean Pierre Morell), Ali Schindehütte, Hans Traxler und Otto Waalkes
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2017
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In der Nacht strahlt er im grün leuchtenden Scheinwerferlicht, am Tage wacht er, weit sichtbar, über die Stadt. Wer in Kassel und den umliegenden Gemeinden wohnt, kann ihn von vielen Stadt- und Ortsteilen aus sehen. Wer Kassel auf den großen Verkehrsachsen passiert, dem kommt der Herkules ganz automatisch in den Blick. Deshalb kennen das Wahrzeichen Kassels sehr wahrscheinlich mehr Menschen als ihnen bewusst ist.
Der Herkules ist eine stattliche Figur. Als Lieblingsheld der Antike ebenso wie als Kupferstatue, die monumental von dem Oktogonschloss herab auf Kassel blickt. Die Figur ist Teil oder besser: Spitze eines Ensembles aus Pyramide, Oktogonschloss und den beeindruckenden Wasserspielen, das gemeinsam mit dem Bergpark Wilhelmshöhe 2013 zum Weltkulturerbe geadelt wurde.
Über seine Bedeutung als Sehenswürdigkeit hinaus ist der Herkules identitätsstiftend für die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt. Als die Sanierung der Statue anstand, spendeten sie in der beispielhaften Aktion „Wir retten unseren Herkules“ eine halbe Million Euro.
Am 30. November 2017 feiert unser Wahrzeichen seinen Geburtstag: Seit 300 Jahren steht er in 596 Meter Höhe über Kassel. Ein Anlass und geradezu eine Selbstverständlichkeit für uns, das Wahrzeichen unserer Stadt zu würdigen. Daraus ist wieder ein bemerkenswerter Band entstanden, der 39. in unserer Reihe „Die Region trifft sich – die Region erinnert sich“.
Die Autorinnen und Autoren zeichnen in vielen Facetten die Wirkung nach, die der Herkules hatte und hat. Im Jahr der documenta 14 stellen sie auch den Bezug zu früheren Welt-Kunstausstellungen her. Damit entsteht eine Erinnerungsgeschichte unseres Wahrzeichens. Hinzu kommen „Geburtstagswerke“, die eine Reihe namhafter Künstler auf Anregung des Direktors der Museumslandschaft Hessen Kassel für den Herkules geschaffen haben und von denen eine Auswahl in diesem Buch zu sehen ist. Sie lassen unseren Helden würdig, witzig oder karikiert erscheinen. Der Leser darf gespannt sein auf diesen interessanten und schön bebilderten Band.
Das Buch ist ein echtes „Kasseler Gewächs“. Ich danke dem Herausgeber, Dr. Joachim Schröder, und den Autorinnen und Autoren, die in unterschiedlicher Weise aktiv im kulturellen Leben Kassels verankert sind. Den beteiligten Institutionen danke ich für ihre großzügige Unterstützung. Alle dokumentieren mit ihrem Beitrag die Verbundenheit mit unserem Wahrzeichen.
Unsere wunderbare Region hat außerordentliche Schätze zu bieten. Das beweisen wir mit diesem Band über „unseren“ Herkules ein weiteres Mal. Vielleicht regt es die Leserinnen und Leser an, den Herkules, die Wasserspiele, das Schloss Wilhelmshöhe, die Löwenburg und den Bergpark zu besuchen – endlich einmal oder nach langer Zeit wieder.
Ingo Buchholz
Vorstandsvorsitzender der Kasseler Sparkasse
1 Herkules auf der Pyramide
Herkules feiert am 30. November 2017 seinen 300. ‚Geburtstag‘. Seitdem schaut er von der Spitze seiner Pyramide auf dem Karlsberg aus 596 m Höhe auf Kassel, ausgezeichnet als Teil des UNESCO-Weltkulturerbes Bergpark Wilhelmshöhe. Er ist ‚unser Herkules‘ – das unbestrittene Wahrzeichen der Stadt, ja der Region! (Abb. 1)
Wie und seit wann er dazu geworden ist, welche Wirkung der Kasseler Herkules hatte, wie sich das Verständnis der Figur gewandelt hat, worin seine kulturgeschichtliche Bedeutung – ohne den Mythos des antiken Helden natürlich nicht denkbar – besteht: Dies sind die Themen dieses Buches.
In einer Ausstellung im Herkules-Jubiläumsjahr 2017 wurden der Herkules auf dem Karlsberg mit seinen antiken ‚Wurzeln‘, seine Entstehung Anfang des 18. Jahrhunderts, seine Beziehung zu Kassel sowie Aspekte seiner künstlerischen Rezeption präsentiert. Der Herkules wird auch im Jahr 2018 Teil der großen Landesausstellung für den Landgrafen Carl von Hessen-Cassel, den Erbauer des Herkules-Monuments, sein. Die Beiträge in diesem Buch beschränken sich deswegen im Wesentlichen auf das ausgehende 18. Jahrhundert und reichen bis ins 21. Jahrhundert.
Was unter ‚dem Herkules‘ zu verstehen ist – ausschließlich die Figur des Herkules oder das Ensemble aus Figur, Pyramide, Oktogon und Wasserspielen – ist durchaus diskussionswürdig. Nach unserem Verständnis darf das Ensemble nicht ausgespart werden, da es als Gesamtkunstwerk zu verstehen ist und als Bestandteil des UNESCO-Welterbes gilt. (Abb. 2) Der Fokus liegt auf der Figur.
Der Herkules-Mythos wurde in etlichen antiken Quellen überliefert, vielfach ausgestaltet und variiert: Herakles, den die Römer Herkules nannten, war der Lieblingsheld der Antike; seine positiven Züge waren überragend, aber seine negativen Züge wurden nicht verschwiegen.
Schon seine Zeugung – seine Eltern waren der oberste olympische Gott Zeus und die mykenische Königin Alkmene –, seine Geburt als Halbgott und seine Kindheit waren spektakulär. Als junger Mann entschied er sich am Scheidewege für den steilen, steinigen Weg der Tugend. Die zwölf Arbeiten im Auftrag seines Vetters Eurystheus, die er geduldig und erfolgreich bewältigte, verschafften ihm den Ruf eines starken und klugen Tugendhelden und Kulturstifters, da er Ungeheuer und unzivilisierte Wesen mit übermenschlicher Kraft, mit List und Einfallsreichtum besiegte. Bei seiner ersten Tat, dem Sieg über den Löwen von Nemea, erwarb er sich das Löwenfell, das neben der Keule, die er schon als jugendlicher Hirte brauchte, zu seinen dauernden Attributen wurde. Bei seiner letzten Tat kehrte er sogar mit dem Höllenhund aus der Unterwelt zurück. Dies u. a. erlaubte später sogar eine christliche Deutung des Herkules.
Nur mit seiner Hilfe besiegten die olympischen Götter die aufständischen Giganten. Wegen einer Untat – Herkules tötete arglistig den Iphitos – musste er erniedrigende Dienste bei Königin Omphale leisten. Andere Abenteuer führten ihn durch Asien, Europa, Nordafrika bis an den westlichen Rand der damals bekannten Welt, wo er die nach ihm benannten Säulen aufstellte. Er bewährte sich siegreich in vielen Schlachten. Nach seinem Tode wurde er in die Reihen der olympischen Götter aufgenommen.
Dieser Mythos war Grundlage für unzählige Werke der bildenden Kunst, der Literatur, der Musik im ‚alten Europa‘ von der Antike bis heute: Herkules ist ein europäischer Held. Sein vielseitiger und widersprüchlicher Charakter erleichterte die Identifikation und vielfältige Deutung je nach Interessenlage. Wegen der Deutung des Halbgotts Herkules als Tugendheld, als starker, siegreicher Heros sowie als Kulturstifter eignete er sich besonders als fürstliche Identifikationsfigur, schon in der Antike, aber auch im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit.
Dies gilt auch für den Kasseler Herkules, der einer berühmten und beliebten antiken Figur nachgebildet wurde.1 Der ausruhende Herkules, mit dem linken Arm auf seine Keule gestützt, über der das Löwenfell hängt, in der rechten Hand hinter dem Rücken drei Äpfel der Hesperiden haltend, die er bei seiner vorletzten – oder letzten – Tat erwarb, schaut mit leicht nach links geneigtem Kopf nachdenklich vor sich hin; er wirkt nicht wie ein triumphierender Held, sondern wie ein sein Leben und die Zukunft bedenkender, reifer Mann (vgl. Abb. 1). Diese 8,30 m hohe Figur wurde am 30. November 1717 eingeweiht.
2 Johann Werner Kobold, Ansicht des Oktogons mit den Kaskaden und Herkules um 1780
3 Geburtstags-Logo der Museumslandschaft Hessen Kassel
Seitdem schaut der Heros auf Kassel. Anfangs galt er als bewundertes Objekt fürstlicher Repräsentation, zunächst von der Bevölkerung unverstanden und als ‚großer Christoph‘ umgedeutet; als weithin sichtbare Landmarke, mit dem ‚Riesenschloss‘ als seinem Unterbau als endlose Bau- und Restaurierungsaufgabe. Er wurde vielfältig politisch ‚vereinnahmt‘, als Spottfigur, als Nothelfer, Schutzpatron und Wächter; als Inspiration zu stadtplanerischer, künstlerischer und literarischer Auseinandersetzung; als vielfältig verwendetes Marketing-Objekt; als Reiseziel, touristisch inzwischen gut verankert. Letztlich ist er ein Heimat stiftendes Wahrzeichen, von den Bürgern geliebt, vielfältig unterstützt und gefeiert und 2013 als Teil des UNESCO-Weltkulturerbes Bergpark Wilhelmshöhe ‚geadelt‘.
Zu diesen und anderen Aspekten, die sich auf den Kasseler Herkules beziehen, äußern sich die Autoren dieses Buches. Sie schreiben damit einen Teil einer noch ausstehenden ‚Erinnerungsgeschichte‘. Schließlich: Dieses Buch ist gleichzeitig ein „Geburtstagsgeschenk“ für unseren Helden. (Abb. 3)
Bernd Küster, Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel, bat namhafte Künstler, aus diesem Anlass ‚Hommage-Blätter‘ zu gestalten. Sie waren in der oben genannten Jubiläums-Ausstellung der MHK „Herkules 300 – Wiedergeburt eines Helden“ im Museum Schloss Wilhelmshöhe zu sehen. Eine Auswahl davon wird in diesem Buch gezeigt. Hierfür gilt Bernd Küster und den Künstlern ein besonderer Dank.
Den Autorinnen und Autoren sowie der Kasseler Sparkasse, die das Projekt großzügig unterstützt hat, dem euregioverlag, dem HNA-Archiv, besonders Renate Klein, der Museumslandschaft Hessen Kassel, besonders Franziska Franke und Ingrid Knauf, dem Stadtarchiv Kassel, besonders Karen Siepelt, dem Stadtmuseum Kassel und dem documenta-Archiv sowie vielen anderen Personen und Institutionen, die helfend beigetragen haben, sei hier herzlich gedankt.
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1 Vgl. hierzu den Beitrag von Rüdiger Splitter in diesem Buch.
Felix Kramer: 2017 ist sein Jahr
Siebdruck, Tusche, Wasserfarben, 46 × 31 cm, Motiv 35 × 26 cm, 2016
Felix Kramer, geb. 1987 in Kassel. Schauspielausbildung, Studium der Visuellen Kommunikation in Kassel. Animationsfilm Herkules erklärt das Weltkulturerbe (Die Wasserspiele – Bergpark Wilhelmshöhe).
1870 erschien eine Zusammenstellung der „Baudenkmäler im Regierungsbezirk Cassel“. Veranlasst wurde diese erste ihrer Art durch das preußische Kultusministerium, herausgegeben vom Verein für hessische Geschichte und Landeskunde und gedacht als „Grundlage für ein Denkmäler-Inventarium“, für das bereits 1866 Oberpräsident von Möller die Anregung gegeben hatte. Betraut wurden damit der Baurat und Professor an der Königlichen Akademie der bildenden Künste zu Kassel, Heinrich von Dehn-Rotfelser, und der Marburger Architekt Wilhelm Lotz, die mit ihrem Buch die Hoffnung verbanden, es möge dazu beitragen, das Wissen um die „einheimischen Kunstdenkmäler zu verbreiten und die Liebe zu denselben zu fördern und anzuregen.“1 Fast ein halbes Jahrhundert später formulierte der hessische Volkskundler Carl Heßler das Programm, das hier angeklungen war, nun freilich intensiver noch erfüllt von volkspädagogischem Impetus, so: „Je mehr der Mensch mit seiner Heimat vertraut wird, desto mehr wurzelt, wächst und gedeiht in dem Herzen ein gar edles Pflänzchen, nämlich die Liebe zur Heimat. […] Damit leistet aber zugleich die Kenntnis der Heimat dem Vaterlande unschätzbare Dienste, denn in der Liebe zur engeren Heimat wurzelt die Liebe zum größeren Vaterlande.“2
In Überzeugungen wie diesen spiegelte sich die wachsende Bedeutung, die der engeren Lebenswelt und den dort zu entdeckenden Überresten der Vergangenheit für die Herausbildung und Festigung regionaler wie nationaler Identität beigemessen wurde. Denkmalpflege und Heimatschutz wurden zwei Seiten ein und derselben Medaille, mündeten ein in kulturpolitische, von entsprechenden Vereinen getragene Bewegungen und verharrten nicht länger in den Sphären monarchischer Repräsentationsbedürfnisse, sondern wurden zu bürgerschaftlichen, heute würden wir sagen: zivilgesellschaftlichen Kernaufgaben erkoren. Monumente wie der Herkules auf der Wilhelmshöhe wurden zu Kulturdenkmälern, deren Kulturwert, wie im späten 19. Jahrhundert das Zauberwort lautete, außer Frage zu stehen schien. Die Aufwendungen für Pflege und Erhaltung oblagen nicht länger der fürstlichen Hofkasse, sondern staatlichen Instanzen, deren Finanzgebaren zunehmend parlamentarischer Kontrolle unterworfen war. Je mehr der Herkules zum Erkennungs- und Wahrzeichen der Stadt wurde, umso schwieriger war es, sich der Pflicht für seinen Fortbestand zu entziehen. Ein kupferner Riese, der dermaßen starke Impulse auf städtische und landsmannschaftliche Identitätsbedürfnisse ausstrahlte, konnte und durfte nicht einfach seinem Schicksal überlassen werden, es mochte kosten, was es wolle. Dass es teuer werden könnte, hatte bereits in der Entstehungszeit die Cousine des Landgrafen Carl, Lieselotte von der Pfalz, geahnt, als sie 1707 die Befürchtung äußerte, die Ambitionen, die sich um den Herkules rankten, könnten den Vetter in den Ruin treiben.3 Damals war die Rede von – im Lichte späterer Erfahrungen – bescheidenen 20.000 Reichstalern pro Jahr, bis auf den heutigen Tag sind daraus Millionen, nicht Taler, wohl aber Mark und Euro geworden.
Sehr früh, noch in der Bauphase, war klar, dass das Oktogon, auf dem die Pyramide und der Herkules ruhten, mit gravierenden Mängeln behaftet war. Die Geschichte des Ensembles ist tatsächlich „die Geschichte seiner Instandsetzung.“4 Ebenfalls sehr früh ist das von Zeitgenossen beobachtet und bemängelt worden. Von Anbeginn an handelte es sich um einen Sanierungsfall, und ein solcher blieb er bis auf den heutigen Tag, steter Fürsorge, Nachbesserung und Stützung bedürftig. Bereits 1728 hatte der Frankfurter Patrizier Johann Friedrich Armand von Uffenbach konstatiert, dass seit seinem ersten Besuch vor 18 Jahren nicht nur nicht weiter gebaut worden sei, sondern dass im Gegenteil das „weltberühmte Lusthaus“, wie er das Oktogon nannte, ziemlich „verwüstet“ anmute: „viele eingesunkene Treppen, zerstümmelte Statuen und heruntergefallene Einfaßungssteine“. Für den Autor ein Anlass zu Betrachtungen, in denen sich, typisch für die Epoche, in der dies niedergeschrieben wurde, Resignation mit der Einsicht in die Vergeblichkeit menschlichen Tuns paarte: Nichts sei von Dauer, alles im Fluss, der „Wechsel der Zeiten“ treibe den „Zerfall aller Dinge“ hervor.5
Damit war ein Kammerton angeschlagen, der fortan nicht mehr verstummen sollte. Eine ebenso detaillierte wie prinzipielle Kritik der Versäumnisse und Fehlkalkulationen des Baus lieferte zum Beispiel 1845 der Kasseler Oberbaumeister Engelhard, der sich zuvor schon geäußert hatte6, mit einer zweiten, nun ausschließlich dem Oktogon gewidmeten Abhandlung im renommierten „Journal für die Baukunst“. Der Architekt der Anlage, der Italiener Guerniero, habe sich von Techniken seiner Heimat leiten lassen, aber nicht bedacht, dass sie für das nördliche Hessen ungeeignet waren. Da er kein „angemessenes Material“ hatte, betonte Engelhard, konnte er damit zwangsläufig nicht reüssieren: Es sei ein Wunder, „daß das Gebäude nach 130 Jahren noch“ stehe und nicht eingestürzt sei. Der Grund für die nicht zu übersehenden Kalamitäten sei, dass die Gesteine, die auf dem Karlsberg vorhanden waren, zwar dem ähnelten, was der Baumeister von Italien her kannte, aber für eine Konstruktion von der Dimension des Oktogons untauglich waren. Überdies habe „guter Bausand“ gefehlt, weshalb Guerniero auf den „unglücklichen Gedanken“ verfallen sei, eine Alternative zu wählen, die nicht haltbar und ohne „Bindekraft“ war. Das Mauerwerk falle daher „auseinander wie Erde“, und die „eindringende Feuchtigkeit“ wirke namentlich im Winter verheerend, wenn das „feuchtgewordene Material“ dem Frost ausgeliefert sei. Auch die Kaskaden seien stark in Mitleidenschaft gezogen. Insofern hielt es Engelhard für zweckmäßig, dass man sich zunächst auf deren Instandsetzung konzentriert hatte. 1844 vollendet, konnten sie am „Geburtstage S.K.H. des Kurfürsten und Mitregenten, nemlich am 20ten August, zum erstenmal wieder angelassen werden“.7 Die Konsequenzen, die aus gravierenden Fehlplanungen resultierten, mündeten in ein dauerhaftes Arbeitsbeschaffungsprogramm für die Handwerker der Stadt und des Umlandes, was vor allem in Perioden wirtschaftlicher Krisen, etwa in den Hungerjahren vor der Revolution von 1848 segensreich und den Beteiligten durchaus bewusst war. In diesem Sinne äußerte etwa die kurfürstliche Hofbau-Direktion im Mai 1843, die Bewilligung für Instandsetzungsarbeiten am Oktogon, seien nicht allein „ein Ausdruck loyalster Gesinnung zur Erhaltung“ eines „vaterländischen Monuments“, sondern helfe auch, den „Notstand“ mangelnder Arbeit für Maurer, Zimmergesellen und verwandte Berufe zu „beseitigen“, zumindest aber zu mildern.8
Berichte der Hofbauverwaltung, später der Preußischen Schlösser- und Gartenverwaltung über die „Gebrechen“ am Oktogon waren Legion.9 Die zu bewältigenden Aufgaben stuften die Verantwortlichen stets und beinahe schon gewohnheitsmäßig als dringlich ein, aber nicht immer gingen die notwendigen Sanierungsmaßnahmen mit gebotener Zügigkeit voran, sei es aus Mangel an Geld, sei es aus Mangel an Interesse von Seiten des jeweils regierenden Monarchen. Grundsätzlich besser wurde die Situation selbst dann nicht, als nach der ‚Verfassungsrevolution‘ von 1830/31 die Stände in Budgetfragen ein Mitsprache- und Bewilligungsrecht hatten und mehrfach ihre Bereitschaft bekundeten, sich – obwohl nicht dazu verpflichtet – an der Finanzierung zu beteiligen, was freilich haushaltspolitische Finten und Volten des Monarchen oder der Deputierten in der Kammer keineswegs ausschloss, insofern das tiefe Misstrauen, das die Verfassungsorgane gerade im Feld der ohnehin begrenzten parlamentarischen Mitwirkungs- und Kontrollrechte gegeneinander hegten, sich auch hier zu Gehör brachte.10
Im Januar 1847 beklagte die Hofbau-Direktion, dass eine „Fortsetzung der Herstellungsarbeiten am Oktogon“ abermals in „ungewisse Ferne“ gerückt sei.11 Ähnlich klang, was Hofbaumeister Dehn-Rotfelser 1863 notierte. Zwar sei 1851 eine Berechnung der Kosten für notwendige „Restitutionsarbeiten“ vorgelegt und bewilligt worden. In den verflossenen zwölf Jahren aber habe sich nichts bewegt, „so daß die schadhaften“ Bereiche am Oktogon „schutzlos den zerstörenden Einflüssen des Wetters preisgegeben waren“, was den Zerfallsprozess erheblich beschleunigt habe.12 Teils wurden kleinere, teils größere Summen veranschlagt und verausgabt, Kostenpläne, Gutachten, Vorschläge und dringliche Mahnungen lösten einander ab, dauernd wurden Löcher gestopft, hangelte man sich von Provisorium zu Provisorium, die Aussicht jedoch, den vorhandenen und immer aufs Neue ans Tageslicht drängenden Probleme und Misshelligkeiten endgültig abhelfen zu können, war und blieb gering. Auch wurde durch die fortwährenden Erhaltungs- und Erneuerungsarbeiten die „ursprüngliche Gestalt und Wirkung des Denkmals“ erheblich beeinträchtigt.13 Dass die Öffentlichkeit daran lebhaften Anteil nahm, zeigen die Debatten in der Ständeversammlung, illustriert aber auch ein Eintrag im Piererschen Universal-Lexikon, das 1836 vermerkte, es sei schade, „daß die großen Kaskaden nicht mehr im Gange“ seien: „Das ganze Werk ist in das Stocken geraten, so wie auch das Oktogon sehr baufällig geworden ist, Reparaturkosten aber sind so bedeutend (man versichert über 150.000 Thaler), daß wohl zu befürchten ist, daß jenes Werk bald nur noch eine Ruine sein wird, welche die Größe des einstigen Ganzen andeutet.“14
Knapp 100 Jahre später, im August 1930, als sich bereits die negativen Wirkungen der Weltwirtschaftskrise abzeichneten, die in Deutschland eine tiefe Krise des politischen und sozialen Systems auslöste, meldete das „Kasseler Tageblatt“, der „große Christoph“ sei „in Nöten“. An ihm nage „gemächlich“ der „Zahn der Zeit“: Zweihundert „Winter und Sommer mit ihrer Kälte und Wärmeerscheinungen [so!] haben dem Mauerwerk hier und da Wunden geschlagen, die nicht übersehen werden dürfen.“ Gefordert sei der preußische Staat, den man an seine Pflichten erinnern müsse. Um dem Nachdruck zu verleihen, lud der Wehlheidener Bürger-Verein zu einer Begehung ein, an der sich circa 30 Interessierte beteiligten, neben Repräsentanten der verschiedenen Kulturvereine, darunter des Vereins für Natur- und Heimatschutz, einige Angehörige der Schlösser- und der staatlichen Bauverwaltung. Im Ergebnis wurde eine Kommission gewählt, die „Mittel und Wege finden“ sollte, „um die Fortführung der Instandsetzungsarbeiten zu gewährleisten.“15 Tatsächlich bereitete der Zustand des Oktogons auch dem Direktor der staatlichen Schlösser und Gärten „schwere Sorgen“, die „Schäden“ seien „wesentlich ernster“ als bisher angenommen. „Ich glaube nicht betonen zu müssen“, fügte er hinzu, „daß der Herkules nicht einfach als Ruine seinem weiteren Schicksal überlassen werden kann, denn ein solches Verhalten würde im ganzen Hessenland den denkbar ungünstigsten politischen Eindruck hervorrufen.“ Schließlich hänge die Bevölkerung sehr an „ihrem Wahrzeichen“.16
Dies war die Maxime auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Vom „Patienten Herkules“ war die Rede17, er sei ein „wackliger Riese“18, habe gar „nasse Füße“19, so oder so ähnlich lauteten die Meldungen in der lokalen Presse. Die Komplexität der Aufgaben, die auf die mit der Sanierung beauftragten Ingenieure, Statiker und Handwerker warteten, wurde in handliche Bilder übersetzt, dabei nicht selten das Können der Bauleute mit dem aufzubringenden finanziellen Aufwand verknüpft. „Seit 50 Jahren erhält“ der Herkules, schrieb im April 1983 die „Hessische Allgemeine“, „ungezählte Spritzen aus Spezialmitteln, allein von 1951 bis 1971 wurden elf Millionen Mark investiert.“20 An die Bausünden aus den Anfängen erinnernd, titelte die Zeitung 1985: „Landgraf sorgte für ein Dauer-Bauprogramm am Herkules.“21 Zwei Jahre später sah man „keine Gefahren mehr in der Unterwelt“, will sagen: Der kranke Herkules sei als „geheilt entlassen“, freilich nur im Blick auf den ihn tragenden „Untergrund“, und das wiederum hieß, er „sollte weiter unter Beobachtung bleiben.“ Schuld daran seien die „Schlampereien“ des Erbauers Guerniero.22 Immerhin brachten die Arbeiten einem der Beteiligten akademische Würden ein, was die Kasseler Presse mit Stolz vermeldete. Der Ingenieur Helmut Sander nämlich, der zwischen 1951 und 1971 die Arbeiten am Monument geleitet hatte, wurde an der Technischen Universität Berlin mit einer Studie über das „Herkules-Bauwerk“ promoviert, die sich als Beitrag zur „Geschichte der Denkmalspflege“ und der sich in diesem Feld wandelnden „Methoden und Ziele“ verstand.23
2006 begann ein neuer Zyklus von Restaurierungsbemühungen, der bis heute nicht abgeschlossen ist und erhebliche Finanzmittel erfordert – wie sich abermals bestätigt: der Erhalt des Herkules entpuppt sich neuerlich als „Daueraufgabe“.24 (Abb. 1) Bereits zwei Jahre zuvor hatte man, organisiert von den lokalen Medien, unter den Bürgern Geld für weitere Sanierungsmaßnahmen eingesammelt: „Diese Spenden-Aktionen sind die größte Bürgerbewegung in der Geschichte der Stadt Kassel“, resümierte voller Überschwang der damalige Oberbürgermeister Lewandowski.25 Zu pathetischen Formulierungen 1 Oktogon eingerüstet von Osten neigte bisweilen auch die Berichterstattung der „Hessischen Allgemeinen“, die im Januar 1990 titelte: „Unser Wahrzeichen – ein schwerer Junge“. Der „scheidende Kasselaner sieht ihn als letztes Zeichen seiner Vaterstadt am Horizont, den heimkehrenden grüßt er schon von weitem. Vereine tragen ihn im Wappen, Firmen verwenden ihn als Symbol, Fremde bestaunen die acht Meter hohe Kuppelfigur. In den Stürmen der Zeit vernarbt, aber ungebrochen wacht der Recke über Kassel, und die Leute lieben ihn.“26
1 Oktogon eingerüstet von Osten
Und doch: Trotz der vielen Besucher, gab 1981 Helmut Sander zu bedenken, sei eine „ziemlich allgemein verbreitete gefühlsmäßige Distanz zu dem düsteren Bauwerk mit seiner nackten Symbolfigur dem Verstehenwollen hinderlich.“ Das „Bauwerk allein“ könne man „nicht lieben“, man lasse es allenfalls gelten „in Verbindung mit den reizvollen Wasserkünsten, dem herrlichen Bergpark der Wilhelmshöhe und dem großartigen Erlebnis der berühmten Gemäldegalerie, dem Schloßmuseum und der Löwenburg.“ Ob die Erhebung der Wilhelmshöher Anlage zum Weltkulturerbe daran grundsätzlich etwas ändern wird, bleibt abzuwarten. Schon Sander hatte gemeint, “das Herkules-Bauwerk“ wolle „verstandesmäßig erobert“ werden.27 In diesem Sinne die Öffentlichkeit aufzuklären, ihr das „historische Erbe“ und dessen „Bedeutung für die Identität einer Stadt und ihrer Bewohner“ nahezubringen, bleibt in jedem Fall ein „anspruchsvolles Ziel für die Zukunft.“28
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1 Heinrich von DEHN-ROTFELSER und Wilhelm LOTZ, Die Baudenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, Cassel 1870, S. X. Der Eintrag über die Wilhelmshöhe und das Oktogon auf S. 312f.
2 Carl HEßLER, Hessische Landes- und Volkskunde, Das ehemalige Kurhessen und das Hinterland am Ausgang des 19. Jahrhunderts, Bd. 1: Hessische Landeskunde. Erste Hälfte, Marburg 1906, S. IV.
3 Vgl. Gerd FENNER, Der „Grottenbau“ auf dem Karlsberg. Zur Baugeschichte des Oktogons und der Wasserkünste, in: Christiane LUKATIS und Hans OTTOMEYER (Hg.), Herkules. Tugendheld und Herrscherideal. Das Herkules-Monument in Kassel-Wilhelmshöhe, Eurasburg 1997, S. 99–119, hier S. 110f.
4 So Astrid Schlegel, Zur Bau- und Restaurierungsgeschichte des Herkulesbauwerks, in: Das Herkulesbauwerk im Bergpark Wilhelmhöhe. Berichte zur Restaurierung, Wiesbaden 2011, S. 31–46, hier S. 31.
5 Johann Friedrich Armand VON UFFENBACH’s Tagbuch einer Spazierfarth durch die Hessische in die Braunschweig-Lüneburgischen Lande (1728), hg. von Max ARNIM, Göttingen 1928, S. 48f.
6 Johann Daniel ENGELHARD, Versuch einer artistischen Beschreibung des kurfürstlich-hessischen Lustschlosses Wilhelmshöhe bei Cassel, in: Journal für die Baukunst 16 (1842), S. 49–68 und S. 149–172.
7 Johann Daniel ENGELHARD, Die Herstellung des Oktogons und der Cascaden zu Wilhelmshöhe bei Cassel, in: Journal für die Baukunst 21 (1845), S. 174–186, hier S. 174f., S. 178 und S. 183.
8 Hofbau-Direktor Ruhl an verschiedene Maurermeister, 18.5.1843, in: HStA Marburg, Bestand 7 b 1, Nr. 470. Zu den vielfältigen Sanierungsbemühungen vgl. Helmut SANDER, Das Herkules-Bauwerk in Kassel-Wilhelmshöhe. Ein Beitrag zur Geschichte der Denkmalpflege und zum Wandel ihrer Methoden und Ziele, Kassel 1981.
9 So die Formulierung HStA Marburg, Bestand 7b1, Nr. 470, Nr. 472: Kurprinzliche Hofbaudirektion, Bericht von J. Engelhard, 1.7.47.
10 Siehe auch den Beitrag von Gerd FENNER in diesem Buch.
11 HStA Marburg, Bestand 7a Gef. 122, Nr. 17b: Hofbau-Direktion an Oberhof Marschallamt, 12.1.1847.
12 Ebd., Bestand 7b1 Nr. 474: Dehn-Rotfelser an kurfürstliche Hofbau-Direktion, 22.12.1863.
13 Alois HOLTMEYER, Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel, Bd. IV: Kreis Cassel-Land, Marburg 1910, S. 255.
14 Universal-Lexikon oder vollständiges encyclopädisches Wörterbuch hg. von H.A. PIERER, 26. Band, Altenburg 1836, S. 175. Zum Herkules in internationalen Enzyklopädien siehe den Beitrag von Sabine NAUMER in diesem Buch.
15 Kasseler Tageblatt, 15.8.1930 (Der große Christoph in Nöten).
16 Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. HA Rep. 151 Nr. 1072: Dr. Gall, Direktor der staatlichen Schlösser und Gärten an Dr. Schnitzler, Preußisches Finanzministerium, 22.8.1930. Bewilligung von 60.000 Reichsmark durch das Finanzministerium: an Regierungspräsident Kassel, 9.9.1930, ebd.
17 Hessische Allgemeine (HA), 23.5.1987 (Keine Gefahren für die Unterwelt).
18 HA., 21.12.1970 (Neue Spritzen für den Herkules).
19 Ebd., 12.10.1968 (Tunnelbauer dringen in den Karlsberg ein).
20 Ebd., 19.4.1983 (Über 250 Jahre alter Herkules steht auf ‚wackeligen Füßen‘).
21 Ebd., 26.10.1985.
22 Ebd., 23.5.1987.
23 Ebd., 19.12.1981 (Arbeit am Herkules bringt Kasseler Diplomingenieur den Doktortitel). Das nahm Bezug auf Helmut SANDER (wie Anm. 8).
24 So die Diagnose der Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen (HNA), 13.10.2016 (Vor zehn Jahren geköpft). Zu den verschiedenen Etappen der Sanierung vgl. SCHLEGEL, Bau- und Restaurierungsgeschichte, passim.
25 Frankfurter Rundschau, 2.9.2004 (Herkules profitiert vom Fischbrötchen). Vgl. auch den Beitrag von Dirk SCHWARZE in diesem Buch.
26 HNA, 13.1.1990.
27 Helmut SANDER, S. 55. Wie man sich das vorzustellen hat, führt der Autor auf den folgenden Seiten aus.
28 Horst BECKER und Michael KARKOSCH, Park Wilhelmshöhe Kassel. Historische Analyse, Dokumentation, denkmalpflegerische Zielsetzung, Regensburg 2007, S. 36.
Hans Traxler: Herkules als Rentner
Aquarellierte Zeichnung, 38,1 × 28,7 cm, 2016
Hans Johann Georg Traxler, geb. 1929 in Herrlich/Tschechoslowakei. Maler, Cartoonist, Kinderbuchautor, Illustrator. Er zählt zur Neuen Frankfurter Schule. Studium der Malerei und Lithografie an der Städelschule in Frankfurt. Karikaturist für Pardon, Mitbegründer der Satirezeitschrift Titanic. Vielfach ausgezeichnet, darunter 2007 Deutscher Karikaturenpreis für sein Lebenswerk. 2014 Goetheplakette der Stadt Frankfurt.
„[…] ganz oben in der Höhe eine Althan kommen wird, auf welcher, wie leichtlich zu erachten, die unvergleichlichste Aussicht rings herum, und weit und breit seyn muß, über die höchste im Hessenland häuffig befindlichen Berge und Thäler:“1 So beschreibt der Frankfurter Schöffe und Ratsherr Zacharias Conrad von Uffenbach 1710 die Eindrücke seines Besuches am Oktogon.
Landgraf Carl hatte auf der Spitze des Berges, heute Karlsberg genannt, im Westen Kassels eine Gartenarchitektur – kein Schloss (!) –, einen Berg auf dem Berg2 aus der Umgebung herauswachsen lassen. Diese Wirkung entstand durch die grottenhafte Gestaltung und den verwendeten Stein, den Kasseler Tuffstein oder Habichtswald-Lapilli-Tuff. Für sein Bauwerk ließ er mitten im Bergrücken einen strategisch günstig gelegenen Platz einebnen, der etwas unterhalb zweier Hochpunkte gelegen war. Die daneben liegenden Hügel wirken so als Teil der Skulptur und steigern nochmals die Mächtigkeit des Bauwerkes.
Das Oktogon muss zunächst für sich betrachtet werden, da Landgraf Carl ursprünglich nicht vorhatte, dem Gebäude die überwältigende Herkulesstatue aufzusetzen. Als Abschluss sollten auf der Balustrade der Plattform die Götter des Olymps platziert werden. Aber schon das Oktogon selbst war eine bedeutende Architektur in der damaligen Zeit, in der es keine Hochhäuser gab, sondern höchstens bis zu fünf Stockwerke hohe, aber klein wirkende Gebäude aus dem Mittelalter.
Die großen herrschaftlichen Bauten stachen im Barock deutlich aus der übrigen Bebauung hervor und waren daher im wahrsten Sinn des Wortes wegweisend. Sie waren zudem eine Machtdemonstration der barocken Fürsten, dies traf insbesondere beim Oktogon zu. Dort oben, mitten auf dem Berg, war es die Landmarke schlechthin. Hier war der Herrscher von überall symbolisch sichtbar. Dies beschreibt z. B. der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel in einem Brief an seine Frau: „Der Weg ist sehr anmuthig, Kassel liegt ganz vortrefflich in einem weiten Thale; – den Herkules auf Wilhelmshöhe erblickt man schon in der Entfernung von einigen Stunden als eine Spitze in der Mitte eines Gebirgszugs“.3
1 Blick vom Oktogon: Es wird deutlich, dass die Wirkung auf die Stadt und die benachbarten Dörfer beeindruckend war
Zudem war es für Landgraf Carl wichtig, mit dieser neuartigen Architektur auch international Beachtung zu finden. Unter diesem Aspekt sind die Idee der Inszenierung eines ganzen Bergrückens sowie die Beherrschung einer ganzen Landschaft und die realisierte Anlage vom Oktogon bis zum Neptunbassin von Bedeutung.
Erst 1713 entstand offensichtlich die Idee, diese Landmarke nochmals zu überhöhen. Die über 25 m hohe Pyramide sowie die mit Unterkonstruktion über 11 m hohe Statue4 ließen das Bauwerk am Ende doppelt so hoch werden wie das ursprüngliche Oktogon; Masse und Sichtbarkeit des Gebäudes nahmen weiter zu. Mit einer Gesamthöhe von ca. 70 m über Grund befindet sich der Herkules-Kopf nun 596 m über dem Meeresspiegel.5
2 Die farbige Nachbearbeitung vermittelt einen Eindruck, wie die Statue vermutlich zu Beginn aussah
Zur Welterbe-Anmeldung des Bergparks Wilhelmshöhe wurde mit Hilfe des Computerprogramms GIS6 die Sichtbarkeit des Oktogons aus der Umgebung zu seiner Entstehungszeit geprüft. Mit seinen 31 Metern Höhe war es von großen Teilen der Stadt aus zu sehen. Aber wie sah es in der übrigen Landgrafschaft Hessen-Kassel aus? Bei der Untersuchung wurden historische Pläne, die die Bebauung und Bewaldung um 1700 darstellen, verwendet. Die geschlossene Bebauung wurde mit 10 m, der Waldbestand mit 25 m Höhe angenommen, so dass man einen recht guten Eindruck erhält, von wo aus das Oktogon zu sehen war.7 Die Analyse ergab, dass es hauptsächlich aus Richtung Osten zu sehen war.
Aus Richtung Westen verhinderten die höheren Berge des Habichtswaldes die Sicht aus der Ferne; aus Richtung Süden und Norden sind dies die neben dem Oktogon gelegenen Bergrücken. Insgesamt war das Oktogon aus ca. 7 % der Fläche der Landgrafschaft zu sehen. Die später aufgesetzte Pyramide verdoppelte diese Fläche, die Herkulesstatue erhöhte diese nur noch gering. Für die Sichtbarkeit von einzelnen Standpunkten konnte diese zusätzliche Höhe jedoch entscheidend sein.
Bei der Untersuchung interessierte auch die Frage, von welchen der anderen nahegelegenen Herrschaftssitze – außer dem Stadtschloss – das Oktogon und der Herkules sichtbar waren. Von der Sababurg aus bestand keine Sichtbeziehung. Bei dem Jagdschloss in Wabern, dem von Landgraf Carl zu Beginn des 18. Jahrhunderts gebauten Karlshof, war der Herkules gemäß der Analyse aus den oberen Stockwerken oder dem Dachgeschoss zu sehen. Beim Blick aus den unteren Stockwerken verhinderte dies jedoch die Bewaldung einer Bergkuppe.8
Da die Statue aus weiter Entfernung nur bei gutem Wetter und manchmal nur unter Zuhilfenahme eines Fernrohres zu sehen war, entfaltete sie ihre Wirkung insbesondere in der näheren Umgebung.
Nicht zu beantworten bleibt jedoch die Frage, ob sie in den ersten Jahren, als die Figur vermutlich kupferfarben glänzte9, ohne Hilfsmittel noch deutlich besser zu sehen war. (Abb. 2)
Die von Landgraf Carl vor 300 Jahren positionierte Landmarke hat ihre Wirkung bis heute nicht verloren, auch wenn sie inzwischen weniger ein Herrschaftssymbol als einen Orientierungs- und Identifikationspunkt darstellt. Wahrgenommen werden die Herkulesstatue und das gesamte Bauwerk Landgraf Carls auf unterschiedliche Art und Weise, z. B. bei Wanderungen in der Umgebung, bei der Fahrt auf der Autobahn in das Kasseler Becken oder auch von erhobenen Punkten der umliegenden Mittelgebirge aus.
3 In Richtung Westen bilden die näher gelegenen Berge, wie der Essigberg, den Horizont
Am besten begibt man sich auf eine Wanderung auf dem „Kassel-Steig“. Dieser Rundwanderweg, der der Stadt Kassel zu ihrem 1.100-jährigen Jubiläum vom Hessisch-Waldeckischen Gebirgsverein Kassel „geschenkt“ wurde, hat seinen Ausgangs- und Endpunkt am Herkules und verbindet in zwölf Etappen Gemeinden rund um Kassel.10 Bei der Mehrzahl der Etappen gibt es immer wieder überraschende Ausblicke auf das Herkulesbauwerk, und zwar aus südöstlicher über östliche bis nördliche Richtung. Der Herkules wird damit zur verbindenden Landmarke dieses Wanderweges, ist er doch oft auch dann noch zu sehen, wenn die Stadt Kassel auf Grund des Bodenreliefs verdeckt ist.
Für einen anderen Wanderweg ist der Herkules sogar Namensgeber, und zwar für den mit der Markierung X 7 bezeichneten „Herkulesweg“. Dieser Weitwanderweg verbindet die Ausgangspunkte Battenberg an der Eder und das Heilbad Heiligenstadt an der Leine in Thüringen mit dem Herkules, der allerdings nur von den näher gelegenen östlichen Streckenteilen aus gesehen werden kann. Auch von höher liegenden Punkten der Mittelgebirge im Osten von Kassel aus kann die Landmarke Herkules entdeckt werden, beispielsweise aus der Söhre, vom Turm des Bilstein im Kaufunger Wald (641 m NN) und von Teilen des Hohen Meißner (753 m NN). Beim Blick von den westlich des Habichtswaldes liegenden Mittelgebirgen aus wird der Herkules von den Erhebungen Hohes Gras (615 m NN) und Essigberg (597 m NN) verdeckt. Allerdings gibt es eine Ausnahme, den Blick vom Turm des Berges „Bierbaums Nagel“ im Eggegebirge bei Warburg. Im Treppenaufgang des Turms wird auf einer Tafel die Erbauungsgeschichte beschrieben und auch in Beziehung zum Blick auf den Herkules gesetzt.
Über den Bau des Turmes ist zu berichten:
Das Jahr 1846 brachte eine sehr schlechte Ernte. Not kehrte in vielen Häusern ein. Da wandten sich die Bauern und Tagelöhner aus Borlinghausen an den damaligen Gutsherrn namens Bierbaum um Hilfe. Dieser versprach ihnen, u. a. auch durch Zuweisung einer lohnenden Arbeit, zu helfen. Er beschloss, auf der „Egge“ einen Wart- und Aussichtsturm erbauen zu lassen, von wo der „Herkules“, das Wahrzeichen Kassels, der Geburtsstadt seiner Gattin, zu sehen war. Dadurch erfüllte er zugleich den Wunsch seiner jungen Frau, die unter großem Heimweh litt. Oft ist die Gutsherrin auf einem Esel den Pfad hinaufgeritten, hat den Turm bestiegen, die Heimat gesehen und ist getröstet wieder heimgekehrt. Darum heißt der Weg zum Aussichtsturm aus Richtung Borlinghausen „Eselspatt“. Der Turm wird auch „Bierbaums Nagel“ genannt, weil er wie ein gewaltiger Nagel auf der „Egge“ auf einer Höhe von 430 m NN emporragt.
Mitglieder des Eggegebirgsvereins Borlinghausen bestätigten dem Verfasser,11 dass der Herkules vom Turm aus zu sehen sei, und zwar direkt rechts neben dem Hohen Dörnberg, der ohne Probleme auszumachen sei. Es komme aber natürlich auf die Wetterverhältnisse an, und außerdem müsse man auch wissen, wo und wonach man zu suchen habe. Immerhin beträgt die Entfernung zwischen beiden Bauwerken 39,7 Kilometer. Bei Anwendung eines geeigneten Computerprogramms lässt sich eine Luftlinie von „Bierbaums Nagel“ zum Herkules ziehen, die auf kein Hindernis stößt, insbesondere auch, weil sich die Turmplattform von Bierbaums Nagel auf einer Höhe von 445 m NN und die Füße des Herkules auf einer Höhe von 588 m NN befinden.
Von Standpunkten jenseits einer Entfernung von 50 km wird es schwierig, das Herkulesbauwerk auszumachen, da es zu klein ist und es sich auch nicht vom Landschaftshintergrund abhebt.
Millionen von Menschen werden das Herkulesbauwerk vom Auto aus wahrgenommen haben, wenn sie auf der Autobahn A 7 von Süden oder Norden kommend die kleine Spitze am westlichen Horizont entdeckt haben. Erfreulicherweise werden sie durch den beschilderten Parkplatz „Herkulesblick“ wenigstens über den Namen des Bauwerks informiert. Seit der Aufnahme des Bergparks mit Herkules und Wasserkünsten in die Liste des Welterbes wird durch ein weiteres Schild an der Autobahn ebenfalls darauf hingewiesen.
Für die Bewohner der Stadt Kassel ist der Blick zum Herkules eine Selbstverständlichkeit, und die Wilhelmshöher Allee als Achse vom Herkules zur Stadt bleibt eine wesentliche Orientierung, die durch das bei Dunkelheit angestrahlte Bauwerk und den an Wochenenden vom Fridericianum zum Herkules laufenden Laserstrahl noch verstärkt wird. In vielen Immobilienanzeigen gilt der Herkulesblick bei der Beschreibung von Wohnlagen nach wie vor als Qualitätskriterium. Wendet man die Blickrichtung um, so wird die Landmarke Herkules zum faszinierenden Aussichtspunkt auf die Stadt Kassel, einen großen Teil der umliegenden Gemeinden sowie näher und weiter liegende Mittelgebirge. Diese Aussicht wird auch schon in den Berichten früherer Reisender erwähnt. So schreibt David August von Apell im Jahr 1805 über den vermeintlichen Ausblick aus einer in der Keule des Herkules vorhandenen Klappe:
„Über alles irdische gleichsam erhaben steht man hier in den höheren Luftregionen und schauet in das mehrere 1000 Fuß12 tiefer liegende Thal aus dieser schwindelerregenden Höhe hinab. […] Weiterhin erblickt man am Abhange des Berges die Löwenburg mit ihren Thürmen, tief unter sich am Fuße des Berges das kurfürstliche Schloß mit allen dazu gehörigen Gebäuden. In weiterer Entfernung erscheint die Residenzstadt Cassel durch die Allee mit Wilhelmshöhe verbunden, nebst unzähligen anderen umherliegenden Flecken, Landgütern und Dörfern. Ein großer Theil des Hessenlandes, ein Theil des Kurfürstenthums Hannover, selbst die hinter Hügeln hervorragenden Thurmspitzen von Göttingen und mehrere andere kleinere angrenzende Länder und Herrschaften können hier mit einem Blicke übersehen werden. Mehrere weit entfernte hohe Berge, zum Beyspiel, der Meißner, der Hirschberg bey Grosallmerode, der Knöll bey Schwarzenborn, unendlich viele beträchtliche Gebürge, als der hohe Inselberg bey Gotha, sind bey heiterem Wetter deutlich sichtbar. In blauer Ferne erscheinen die majestätischen Harzgebürge, unter denen der deutsche Bergkönig, der Brocken, sein ehrwürdiges Haupt erhebt, nebst vielen anderen Gebürgen, Bergschlössern und Ruinen.“13
Hält die Realität dieser Reisebeschreibung stand? Wir können davon ausgehen, dass Apell diese Berge nicht alle selbst gesehen hat, sondern andere Quellen wiedergegeben hat.14 In der Tat sind die Berge im Nahbereich bis zu 50 Kilometern Entfernung wie der Meißner, der Hirschberg und das Knüllköpfchen, aber auch die von Apell nicht erwähnten Berge Bilstein im Kaufunger Wald, der Alheimer im Süden, der Wüstegarten im Kellerwald und der Hohe Dörnberg nördlich des Herkules sowie Bierbaums Nagel ohne Probleme bei klarer Sicht auszumachen. Schwieriger wird es, den Großen Inselberg im Thüringer Wald und den Brocken im Harz zu identifizieren. Die Luftlinienverbindung am Computer sieht kein Hindernis beim Blick vom Herkules zu diesen beiden Bergen. Die ausgewiesene Luftlinienentfernung zum Inselberg (91 km) und Brocken (100 km) führt allerdings dazu, dass sie beide nur bei einer ausgeprägten Inversionswetterlage zu entdecken sind. Das gleiche gilt für die Wasserkuppe (99 km Luftlinie) in der Rhön, den höchsten Berg Hessens, und den Taufstein (90 km Luftlinie), den höchsten Berg im Vogelsberg. (Abb. 4)
Aber egal, wie das Wetter ist. Ein Blick vom Herkules lohnt immer. Und je höher man steigt, desto größer wird das Sichtfeld und desto beeindruckender das Panorama.
4 Wanderfreunden steht eine weitere Möglichkeit zur Überprüfung der Sichtbarkeit von bestimmten Aussichtspunkten zur Verfügung
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1 Zacharias Conrad VON UFFENBACH, Merkwürdige Reisen durch Niedersachsen, Holland und Engelland, Frankfurt am Main 1753/54 (verfasst 1710), S. 9.
2 HEIDELBACH zitiert den Freiherrn von Printzen bei seinem Besuch der Baustelle ganzt oben aufm Berg, alwo Se. Durchl. noch einen Berg von Lonither Steinen […] wollen ausführen. In: Paul HEIDELBACH, Die Geschichte der Wilhelmshöhe, Leipzig 1909, S. 41.
3 14. Auszüge aus HEGEL’s Briefen an seine Gattin A. Reise nach den Niederlanden in dem Jahre 1822; in: Georg Wilhelm Friedrich HEGEL’s Werke, Siebenzehnter Band, Vollständige Ausgabe durch einen Verein von Freunden des Verewigten D. F. FÖRSTER, D. Ed. GANS, D. LP. HENNING, D. H. HOTHO, D. Phillip MARHEINECKE, D. K. MICHELET, D. Johann SCHULZ et al, Berlin 1835, S. 547.
4 Vgl. den Beitrag von Astrid SCHLEGEL in diesem Buch.
5 Helmut SANDER, Das Herkules-Bauwerk in Kassel-Wilhelmshöhe, Kassel 1981, S. 185 u. 186.
7 Analyse der Sichtbarkeit des Herkules in einem 50 km Radius auf Basis aktueller und historischer Landnutzungsdaten und eines digitalen Höhenmodells, Cindy BAIERL, unveröffentlicht Kassel 2010, S. 5.
8 Cindy BAIERL, wie Anm. 6, S. 12.
9 Paul HEIDELBACH (wie Anm. 2) zitiert auf S. 128 die Rechnung des Malers Werners: „Auf des Herrn Brigadier von Hattenbach befehl habe Ich auf dem winderkasten gearbeitet […] wie auch das postament wo Herculus aufsteht, auch grau und weiße steinfarbe aufwendig angestrichen, und inwendig das gantze Eißenwerk, aller wegen mit starcker öhlfarbe angestrichen, das eß nicht rosten kan, wie auch den Herculis…“
