Der Herr der Schwarzen Schatten - Cairiel Ari - E-Book

Der Herr der Schwarzen Schatten E-Book

Cairiel Ari

4,4

Beschreibung

„Eine Lüge … Ihre Auswirkungen waren fatal, ob im guten oder schlechten Sinne, vermag ich nicht zu sagen … Seht und beurteilt selbst.“ Als der Schreiber Okladre in einen dunklen Kerker steigt, um die Geschichte des Herrn der Schwarzen Schatten niederzuschreiben, ahnt er nicht, wie sehr sich Legende und Wahrheit unterscheiden. Tief in den Eingeweiden der Hauptstadt des Windreichs Ledapra verbirgt sich die Lebensgeschichte eines jungen Regenten, der sein eigenes Land beschützen wollte. Wird der Schreiber die Wahrheit ans Licht bringen oder bleiben von Chaylia und seinem Kaiser am Ende nur wohldurchdachte Lügen?

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Seitenzahl: 375

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Der Herr der Schwarzen Schatten

Die Deutsche Bibliothek und die Österreichische Nationalbibliothek verzeichnen diese Publikation in der jeweiligen Nationalbibliografie. Bibliografische Daten:

http://dnb.ddp.de

http://www.onb.ac.at

© 2014 Verlag ohneohren, Ingrid Pointecker, Wien

1. Auflage

Autor: Cairiel Ari

Covergestaltung: Ingrid Pointecker

Coverillustrationen und -grafiken:

Andrea Danti | shutterstock.com

Andrew C. | sxc.hu

Sonstige Grafiken: Catia Amadio | Dreamstime.com

Karte: Fantastische Kartographie von Schattenherz (Anne Mohr) | schattenherz.net

Lektorat, Korrektorat: Ingrid Pointecker

www.ohneohren.com

ISBN: 978-3-9503670-8-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und/oder des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Karte von Heratia

Prolog - Blutgetränkte Sommernacht

Kapitel 1 - Der Gefangene des Windreichs

Kapitel 2 - Das Ende einer Herrschaft

Kapitel 3 - Eine Frage des Vertrauens

Zwischenkapitel 1 - Vom Prinzen zum Kaiser

Kapitel 4 - Der General aus dem Windreich

Kapitel 5 - Ohnmacht eines Kaisers

Kapitel 6 - Im Nacken des Drachen

Kapitel 7 - Die Schwarzen Schatten

Kapitel 8 - Flucht vor den Rettern

Kapitel 9 - Die Hauptstadt des Windes

Kapitel 10 - Ein Ayre vor seinen Richtern

Zwischenkapitel 2 - Gezähmter Ayre

Kapitel 11 - General der schlechten Botschaften

Kapitel 12 - Im Schatten verborgen

Kapitel 13 - Ein Kaiser auf Knien

Kapitel 14 - Verlorener Thron

Kapitel 15 - Verhängnisvolle Lüge

Zwischenkapitel 3 - Die Tage nach der Wut

Kapitel 16 - Die Stadt des Wissens

Kapitel 17 - Der Waldgeist

Zwischenkapitel 4 - Macht des Denkens

Kapitel 18 - Das Herz der Natur

Kapitel 19 - Drachenherzen

Kapitel 20 - Zurück aus Jerasta

Kapitel 21 - Willkommensfest für die Sieger

Kapitel 22 - Verhängnisvolle Fälschung

Kapitel 23 - Zurück in die Schatten

Zwischenkapitel 5 - Die Jahre nach dem Fall

Kapitel 24 - Verschwimmende Vergangenheit

Kapitel 25 - Ende der Vorstellung

Kapitel 26 - Auftritt der Schatten

Epilog - Das Ende und ein neuer Anfang

Danksagung

Der Autor

Prolog

Blutgetränkte Sommernacht

Dicht gedrängt standen die Soldaten in einer Reihe. Niemand regte sich. Sie schienen nicht einmal mehr zu atmen. Die schweißnassen Hände Rukrans zitterten und er klammerte sie fest um das Heft seines Schwertes, in der Hoffnung, dass niemand es bemerkte. Jede Faser seines Körpers war angespannt. Er fühlte sich noch nicht dazu bereit, zu kämpfen.

Er fühlte sich noch nicht dazu bereit, zu sterben.

Was hatte ihn nur geritten, als er Hauptmann Kaiskle angefleht hatte, an dieser Mission teilnehmen zu dürfen? Er biss die Zähne zusammen. Jetzt war es zu spät, um umzukehren. Er war ein Teil des Sturmtrupps geworden und musste seinem Hauptmann und Lehrmeister beweisen, dass er dieser Position würdig war.

Licht drang aus Ritzen im Boden hervor. Es zauberte gespenstische Reflexionen auf die Rüstungen der Männer und ließ ihre Gesichter zu unheimlichen Fratzen werden. Gedämpfte Stimmen waren von unten zu hören, ein Klirren, Lachen. Die Menschen dort wussten noch nichts von dem Verrat.

Die Schwarzen Schatten. Seit jeher waren sie der Inhalt von allerlei Gruselgeschichten, die man sich in seiner Heimat weit im Westen erzählte. Mit ihnen wurde kleinen Kindern Angst eingejagt und selbst Erwachsenen waren sie nicht geheuer. Und nun war ihr Geheimnis gelüftet worden. Ein Überläufer hatte das Hauptversteck der Rebellen verraten. Heute Nacht würden sie, die wackeren Krieger des Windreichs Ledapra, Geschichte schreiben und die Schwarzen Schatten ein für allemal auslöschen.

Hauptmann Kaiskle, der durch die dünnen Holzdielen geschielt hatte, richtete sich auf und nickte seinen Männern zu. Rukran atmete tief durch. Leises Scheppern war zu hören, als sich die Soldaten bereit machten. Gleich ging es los. Die Anspannung in der Luft konnte man fast mit den Händen greifen.

Die Spannung entlud sich, als der Hauptmann und einige andere Krieger ein halbes Dutzend der Bodendielen mit Äxten einschlugen. Mit wildem Angriffsgeschrei sprangen sie in den Raum darunter. Die restlichen Soldaten beeilten sich, ihnen zu folgen. Auch Rukran wurde mit der Menge nach unten gezogen, wie von einem vernichtenden Strudel.

Entsetzte Schreie schlugen ihm entgegen, als er auf dem Boden aufkam. Er fiel gegen einen seiner Kameraden, was ihn davor bewahrte, zu stürzen. Kurz blieb sein Blick an den bunt bemalten Wänden hängen, ehe er sich hektisch umsah. Sie befanden sich in einem langen, von Magischem Feuer beleuchteten Gang. Die Männer seiner Truppe hatten sich auf Befehl Hauptmann Kaiskles bereits aufgeteilt; die einen folgten Kaiskle nach links, die anderen bewegten sich im Laufschritt in die entgegengesetzte Richtung. Nach kurzem Zögern schloss sich Rukran der Gruppe des Hauptmannes an, denn die nächsten Soldaten sprangen in den Gang und drängten ihn vorwärts.

Beim Vorrücken traten seine Kameraden sämtliche Türen ein, an denen sie vorüberkamen, und durchsuchten die dahinter liegenden Räume. Aus einigen drangen schrille Schreie, die jedoch bereits verstummt waren, als Rukran die Türen erreichte.

Mit wild schlagendem Herzen folgte er dem Gang, ohne in die Zimmer zu sehen, in denen seine Gefährten bereits blutige Ernte hielten. Niemand wurde verschont. Das Ungeziefer musste restlos ausgeräuchert werden, bevor es seine verdrehten Ideale weiter in die Welt hinaustragen konnte. Hauptmann Kaiskle war nicht müde geworden, diesen Umstand immer wieder zu betonen. Rukran atmete bebend durch und klammerte seine Hand stärker um den Griff seines Schwertes. Es musste sein. All diese Menschen waren böse, sie wollten dem Windreich aus purer Habgier und Machtsucht schaden. Sie mussten sterben, es war gut so.

Einige bewaffnete Männer sprangen ihrem Sturmtrupp in den Weg. Doch sie konnten nicht viel ausrichten. Die meisten trugen keine Rüstung, hatten sich lediglich irgendeine Waffe geschnappt, um sich den Eindringlingen entgegenzustellen. Sie waren den Soldaten des Windreichs hoffnungslos unterlegen.

Einer ging brüllend auf Rukran los, der reflexartig sein Schwert hochriss und den Hieb notdürftig abfing. Klirrend trafen sich die Schwerter und der Schlag ging ihm durch Mark und Bein. Kurz begegneten sich ihre Blicke. In den blauen Augen des Mannes funkelte verzweifelte Entschlossenheit, sein Gesicht war zu einer wütenden Fratze verzerrt.

Ein schneller Hieb aus unerwarteter Richtung durchtrennte die Kehle des Rebellen. Ein Schwall Blut spritzte hervor und traf Rukrans Rüstung. Hauptmann Kaiskle trat neben ihn und warf ihm einen abschätzigen Blick zu, ehe er seine Klinge am Hemd des Toten abwischte.

„Wolltest du den Bastard um Erlaubnis bitten, bevor du ihn tötest? Schlag ihnen die Köpfe ab und denk nicht so viel, sonst sind sie schneller als du! Dieses Pack hat nur den Tod verdient.“ Er spuckte auf die Leiche des Mannes. „Lass mich die Entscheidung nicht bereuen, dich mitgenommen zu haben!“

Rukrans Magen rebellierte bei dem Anblick und er zwang sich zu einem Nicken. Was war er doch für ein Dummkopf!

Er ließ sein Schwert sinken und versuchte, seine hektische Atmung zu beruhigen. Sein Blick traf die leblosen Augen des Rebellen, dessen Mitstreiter ebenfalls tot oder sterbend in ihrem Blut lagen. Keiner von Rukrans Gefährten in seiner Umgebung schien ernsthafte Verletzungen davongetragen zu haben. Kaiskle sah sich prüfend unter ihnen um, nickte zufrieden und eilte weiter. Rukran stieß sich von der Wand ab, an der er unbewusst Halt gesucht hatte. Übelkeit stieg in ihm auf, als er über die Leichen steigen musste, um seinen Kameraden zu folgen.

Noch einige Male trafen sie auf Rebellen, die sich ihnen in den Weg stellten. Auf dem Weg gelang es den Schwarzen Schatten nur einmal, einen Ledaprer zu töten.

In Rukran hatte sich mittlerweile eine Leere breitgemacht, die es ihm ermöglichte, den gelegentlichen Angriffen ruhiger zu begegnen. All das Blut, all die Toten – es war, als hätte sich ein Schleier darüber gelegt, durch den ihm alles unwirklich erschien. Es ging nur darum, den Auftrag zu erledigen. Viel zu lange schon waren die Schwarzen Schatten ein Dorn im Auge des Windreichs gewesen. An ihrer Auslöschung teilzuhaben, war eine große Ehre.

Nach mehreren Abzweigungen, an denen sich der Sturmtrupp weiter aufgeteilt hatte, waren sie nur noch zu viert. Zu Rukrans Erleichterung hatte Kaiskle ihn immer bei sich behalten, statt ihn mit einem anderen Trupp mitzuschicken. Der Hauptmann war ein ausgezeichneter Schwertkämpfer, in dessen Gegenwart er sich sicher fühlte.

Der Gang, den Kaiskle für sie ausgewählt hatte, war düsterer als die anderen. Der Steinboden fiel leicht ab, noch tiefer ins Erdreich hinein. Das Magische Feuer an den Wänden erschien Rukran schwächer als zuvor. Die einzige Tür in diesem Gang befand sich an dessen Ende.

„Vielleicht ist er dort“, mutmaßte einer der Soldaten mit belegter Stimme.

„Draye?“ Kaiskle zuckte mit den Schultern. „Schon möglich. Wir sollten auf alles gefasst sein.“

Rukran schluckte. Er wusste, wer Draye war. Er hatte schon viel von dem Herrn der Schwarzen Schatten gehört. Man erzählte sich, dass er von Dämonen abstammte. Dass er den Tiefen des Feuerlandes entsprungen war, in dem sie hausten. Angeblich genügte sein bloßer Blick, um einem Menschen die Seele zu rauben.

Vor der schweren Holztür blieben sie stehen. Die vier Männer sahen einander an. Rukran spürte, wie sein Körper vor Anspannung verkrampfte, und auch die anderen warfen einander ängstliche Blicke zu. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als von diesem schrecklichen Ort verschwinden zu können. Selbst die Wandmalereien wirkten dunkler und melancholischer als noch Momente zuvor. Hinter dieser Tür hauste vielleicht ein Dämon, eine grausame Ausgeburt der Finsternis.

„Merkst du etwas?“, zischte Kaiskle einem der beiden anderen Soldaten zu. Dieser nickte, ohne zu zögern.

„Kein gefährlicher Zauber, aber ein starker. Ich vermute, gegen Lauscher. Falls sich dahinter Männer befinden, werden sie uns wahrscheinlich noch nicht gehört haben.“

Rukran erbleichte. Hexenwerk, auch das noch! Wenn die Rebellen über einen wilden Magier verfügten, würde ihr Sturmtrupp kaum eine Chance haben.

„Dann können wir sie überraschen.“ Kaiskle lächelte grimmig und streckte die freie Hand nach dem Türgriff aus.

„Nicht!“, stieß Rukran hervor.

Der Hauptmann wandte sich verärgert zu ihm um. Seine Züge wurden milder, als ihre Blicke sich trafen. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Was auch immer hinter dieser Tür auf uns warten mag, wir werden es vernichten. Nichts und niemand kann den Klingen des Windreichs etwas entgegensetzen.“ Er drehte sich wieder zur Tür um und stieß sie auf. Mit erhobenen Schwertern stürmten die drei anderen hinter ihm her in den dahinter liegenden Raum. Um ein Haar hätten sie Kaiskle überrannt, denn dieser blieb abrupt stehen.

„General Endran!“, entfuhr es ihm mit einer Mischung aus Verwunderung und Entsetzen. „Was macht Ihr hier?“

Rukran spähte an Kaiskle vorbei, damit er einen Blick auf den Rest des Raumes erhaschen konnte. Ein breiter Tisch in der Mitte nahm den größten Teil des Zimmers ein. Dokumente und Karten lagen kreuz und quer darauf verstreut. Zwei Männer standen zu beiden Seiten des Tisches und starrten den Eindringlingen überrascht entgegen. Auf der Schulter des einen saß ein feuerroter Adler, der kreischend mit den Flügeln schlug. Er flog auf den Boden und begann, sich in eine menschliche Form zu verwandeln. Menschliche Gliedmaßen und Züge mischten sich mit scharfen Krallen und einem prächtigen Federkleid. Ein Ayerip.

Nein, nicht ein Ayerip. Rukrans Augen weiteten sich vor Entsetzen. Der Ayerip. Er blickte zwischen dem Mann und dem Adlermenschen hin und her. General Endran und sein Ayeripengefährte Unklad. Was tat einer der fünf Windgeneräle, Angehöriger der obersten Militärinstanz Ledapras, in diesem Rattenloch?

General Endran fing sich wieder und nahm eine entspannte Haltung ein. „Dasselbe könnte ich dich fragen, Kaiskle. Was um alles in der Welt tust du hier?“

Der Hauptmann starrte ihn mit offenem Mund an. „Unser Befehl lautet, alles und jeden, der sich hier im Hauptquartier der Rebellen aufhält, zu töten. Und dann stoße ich auf Euch und Euren Ayeripen?“

Endran zog blitzschnell sein Schwert. Rukran riss seine eigene Waffe hoch, bereit, sich zu verteidigen. Zu seiner Überraschung ging der General jedoch nicht auf sie los, sondern wandte sich seinem Nebenmann zu.

„Ich bin im Auftrag der Regierung als Spion hier eingesetzt“, erklärte er nüchtern. „Es tut mir leid, Draye. Ich muss unsere Zusammenarbeit nun für beendet erklären.“

Der Blick des Jungen wanderte zu dem anderen Mann. Sein Herz setzte einen Schlag lang aus. Das also war Draye? Auf den ersten Blick sah er wie ein ganz normaler Mensch aus. Schmächtig gebaut, schmale Gesichtszüge. Sein schwarzes Haar war ungeschnitten, aber gepflegt. Das einzig Unnatürliche an ihm waren seine frostig blauen Augen und die Tatsache, dass er im Angesicht eines Ayeripen und fünf bewaffneter Männer, die ihm nach dem Leben trachteten, lächelte.

„Das Lachen wird dir schon noch vergehen!“, brüllte einer der Soldaten und machte einen Schritt auf ihn zu. „Du kannst gegen uns nicht bestehen!“

Rukran atmete auf. Mit einem Mal fiel alle Anspannung von ihm ab. Sechs fähige Krieger gegen diesen schmächtigen Mann – ob Dämonenbrut oder nicht, sie würden nicht verlieren.

Zu seiner Verwunderung schüttelte Kaiskle den Kopf und wich langsam zurück. „Ihr lügt, General Endran. Die Regierung wusste bis vor Kurzem nichts von diesem Versteck.“

Langsam wandte sich Endran zu ihm um. „Woher willst du das wissen?“

Kaiskle bebte. Er hob sein Schwert und richtete es auf die Brust des Generals. „Weil ein weiser Mann mir einmal gesagt hat, dass man seinem Gegner niemals den Rücken zudrehen darf.“

Endrans Augen weiteten sich leicht und er warf einen Blick über seine Schulter, wo Draye immer noch unbewegt stand.

„Aus Eurer Haltung schließe ich, dass Ihr trotz Eures Spionagegeständnisses nicht viel von dem Herrn der Schwarzen Schatten zu befürchten habt.“ Kaiskles Stimme gewann an Sicherheit. „Fragt sich nur: Weshalb?“ Wütend funkelte er den General an. „Soldaten, nehmt ihn fest! Ich klage ihn an wegen Hochverrats am Reich der Winde.“

Schneller, als irgendjemand handeln konnte, war Draye über den Tisch gesprungen und hatte Kaiskle seinen gekrümmten Chay-Säbel in den Leib gerammt.

„Nein!“, schrien Rukran und Endran gleichzeitig auf, doch es war zu spät. Der Hauptmann blickte überrascht auf die Klinge, die in seinem Körper steckte, dann zu Draye. Seine Lippen bewegten sich, als wolle er noch etwas sagen, aber kein Laut kam aus seinem Mund. Kaiskles Knie gaben nach und er wäre zu Boden gestürzt, hätte Endran ihn nicht vorher aufgefangen.

Draye zog seinen Chay-Säbel aus dem Leib des Gefallenen. Die Klinge der juwelenbesetzten Waffe war von einer Blutschicht überzogen. Einige Augenblicke lang schien die Zeit stillzustehen. Voller Grauen betrachteten die anderen beiden Soldaten und Rukran das Bild, das sich ihnen bot. Draye hatte Kaiskle einfach so umgebracht, schneller, als einer von ihnen auch nur hatte zucken können. Ungläubig starrte Rukran auf den leblosen Körper, der schlaff in den Armen des Generals hing. Seine Angst wandelte sich bei dem Anblick in blanken Hass. Kaiskle war nicht nur ein fantastischer Schwertkämpfer gewesen, sondern auch ein guter Mensch, den Rukran sehr verehrt hatte. Und Draye hatte ihn feige ermordet, ohne sich ihm in einem gerechten Kampf zu stellen. Dafür würde der Rebell sterben, genau wie der Verräter.

Wie auf ein Zeichen hin stürzten sich die drei Soldaten mit einem wütenden Aufschrei auf die zwei Männer. Während sich die beiden anderen Soldaten um Draye kümmerten, warf sich Rukran auf den Verräter, der keine Anstalten machte, von Kaiskle abzulassen und sich zu verteidigen. Doch Rukran hatte nicht mit dem Ayeripen gerechnet, der sich mit ausgefahrenen Krallen auf ihn stürzte. Aus jedem Arm wuchsen fünf von ihnen und sie waren messerscharf. Der Ayerip interessierte Rukran jedoch nicht, er dachte nur daran, den Verräter zu töten! Mit dem Glück der Verzweifelten entging er den Hieben des Adlermenschen, versetzte diesem aber einen Schwertstreich über die Brust. Mit einem schmerzerfüllten Kreischen taumelte der Ayerip zurück, weigerte sich aber immer noch, den Weg freizugeben.

„Geh zur Seite, ich will keinen Ayeripen töten“, fuhr Rukran ihn an.

„Wenn Ihr meinen Menschen mordet, mordet Ihr auch mich“, zischte das Adlerwesen zurück, eine Hand auf die blutende Wunde gepresst. „Zieht Euch zurück, Menschenküken, oder Ihr werdet das Licht des neuen Morgens nicht erblicken.“

Da der Ayerip von sich aus keine Anstalten machte anzugreifen, erlaubte sich Rukran einen raschen Blick auf seine beiden Gefährten. Sie hatten alle Hände voll damit zu tun, Draye in Schach zu halten. Er parierte jeden ihrer Angriffe mit tänzerischer Leichtigkeit, ohne in der Schnelligkeit seiner Bewegungen nachzulassen.

In diesem Moment erhob sich Endran. Kaiskles Leichnam lag am Boden zu seinen Füßen. Er hob sein Schwert und wollte Draye offensichtlich zu Hilfe kommen.

Sie schaffen es nicht, schoss es Rukran durch den Kopf. Sie brauchen meine Hilfe. Er biss die Zähne zusammen. Manchmal musste man für das Wohlergehen seiner Kameraden Opfer bringen. Einen Ayeripen zu töten war ein schweres Vergehen, aber wenn er es nun nicht tat, würden sie hier unten sterben.

In der Sekunde, in der sich der General auf die beiden Soldaten aus Ledapra stürzte, stieß Rukran dem kurz abgelenkten Ayeripen sein Schwert ins Herz.

Der schmerzerfüllte Aufschrei, der den Raum durchdrang, ging allen durch Mark und Bein. Endran hatte sich umgewandt und sah zu seinem Gefährten, der leblos zusammenbrach. Noch ehe der Ayerip auf dem Boden aufschlug, war er wieder zu einem Adler geworden.

Der General ließ sein Schwert fallen und sank auf die Knie. In seinen Augen spiegelte sich so viel Schmerz, wie Rukran ihn bei noch keinem Lebewesen zuvor gesehen hatte.

Kurz hatte Rukran Mitleid mit ihm und ließ die Waffe sinken, da kam ihm einer seiner Kameraden zuvor. Mit einem kraftvollen Hieb trennte er Endran den Kopf ab.

„Das war für den Verrat an unserem Heimatland!“

Drayes Gesichtszüge verspannten sich, als er seine Gefährten tot am Boden sah. Er hob seinen Säbel und drosch in blinder Wut auf die beiden Soldaten ein. Er kämpfte wie jemand, der nichts mehr zu verlieren hatte, und tatsächlich schien sich das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden. Aber als Rukran sich aufraffte und sich am Kampf beteiligte, wurde der Herr der Schwarzen Schatten immer weiter zurückgedrängt, bis er schließlich mit dem Rücken an die Wand prallte. Unvermittelt stieß er nach vorne, packte blitzschnell Rukrans Schwertarm und drehte ihn herum. Ehe Rukran etwas tun oder auch nur aufschreien konnte, befand er sich mit verdrehtem Arm in der Gewalt Drayes. Er spürte eine feuchte Klinge an seinem Hals. Panik ergriff ihn. Rukran wagte es nicht, auch nur einen Mucks zu machen. Seine Gefährten erstarrten. An seinem Ohr spürte er den keuchenden Atem Drayes.

„Lass ihn los“, zischte einer der Soldaten. „Und lass deine Waffe fallen. Ob du ihn tötest oder nicht, du kommst hier nur als unser Gefangener heraus.“

Zitternd vor Angst wartete Rukran ab. Draye sagte nichts. Falls der Rebell eine Mimik oder Gestik machte, konnte er es nicht erkennen. Dann, plötzlich, wurde Rukran nach vorne gestoßen. Er stolperte gegen seine Gefährten und wirbelte herum, bereit sich zu verteidigen. Doch zu seiner Überraschung hatte Draye seine Waffe sinken lassen. Klirrend fiel der Säbel zu Boden.

„Ich habe versagt. Die Schwarzen Schatten gibt es nicht mehr.“

1

Der Gefangene des Windreichs

Seine Schritte hallten ungedämpft von den steinernen Wänden wider. Wieder einmal wurde Okladre bewusst, wie hässlich der Palast der Zwölf Winde war. Ein einfacher, roher Steinklotz, nichts weiter. An den Wänden waren keine Verzierungen, höchstens ein Wächter stand hier und da herum.

„Halt!“, hielt ihn einer von ihnen auf, ehe er durch das hölzerne Tor am Ende des Flures treten konnte. „Wer seid Ihr und was ist Euer Begehr?“

„Mein Name ist Okladre“, stellte er sich vor und kramte in den Taschen seiner reich verzierten Robe nach dem Dokument, das ihm den Einlass ermöglichen würde. Ein Stich der Furcht durchzuckte ihn, als er es nicht sogleich fand. Es hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, bis sie seinen Antrag genehmigt hatten. Ohne diesen Fetzen Papier wären all die Mühen umsonst gewesen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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