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mittelalterlicher Abenteuerroman, Teil 2, bestehend aus 3 Teilen. Jeder der Teile ist übrigens in sich abgeschlossen, sodass man nach Teil 1 nicht unbedingt Teil 2 lesen muss, um zu einem Ende zu gelangen. Es wird jedoch nicht dazu geraten, Teil 2 oder 3 zu lesen, ohne den vorherigen Teil / die vorherigen Teile zu kennen. Ein Roman für Jung und Alt - Romantikern und "Fans" von Spannung und Aktion wird das Buch ganz bestimmt gefallen! Inhalt: Irgendjemand würde Leander gerne tot sehen, denn er wird von einem Kopfgeldjäger angegriffen. Zusätzlich geht es Raven nicht gut, doch keiner weiß was für eine Krankheit sie haben könnte. Auf der Suche nach einer Medizin, die Raven vielleicht heilen könnte, muss Leander jede Menge neuer Abenteuer bestehen und tierisch aufpassen, dass er dabei - im wahrsten Sinne des Wortes - nicht den Kopf verliert! So trifft er auf alte und neue Bekanntschaften und findet auf diesem Weg heraus, wer der Attentäter war, der seine Familie getötet hat und es damals auch auf ihn abgesehen hatte. Doch genau diesem Menschen hätte es Leander niemals zugetraut...
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Christina Schwarzfischer
Der Herzensdieb 2
die Legende geht weiter
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Der Herzensdieb 3
Pinienträne
Impressum
Kapitel 1
Es war wieder Markttag, darum waren alle Diebe ausgeflogen. Nur Raven und ich waren noch im Geheimversteck. Sie wühlte im Schlafsaal in ihrer Truhe nach etwas, während ich es mir gerade im Konferenzsaal auf einem Stuhl bequem gemacht hatte. Mit den Beinen auf dem Tisch verschränkt schaukelte ich mit dem Stuhl während ich genüsslich in den roten Apfel biss, den ich mir vorhin noch aus der Küche geholt hatte. Da geschah es plötzlich: Ich hörte, wie die Schlösser der Eingangstür sich quietschend beiseite schoben, sah gespannt in Richtung Tür und überlegte gerade, wer jetzt wohl kommen könnte, da wurde sie auch schon schwungvoll aufgestoßen und im Türrahmen stand – zu meinem Entsetzen – Hauptmann Darius!
Ich konnte meinen Augen nicht trauen und ließ vor Schreck meinen Apfel fallen, der ihm bis vor die Füße rollte. Als nächstes wollte ich von meinem Stuhl aufspringen, kippte aber statt dessen samt dem Stuhl rückwärts um, da ich vor lauter Panik vergessen hatte, meine Füße zuerst vom Tisch zu nehmen.
Darius lachte. Sein Lachen klang kalt und spöttisch. „Los Männer, ergreift ihn!“, befahl er den Wachen, die hinter ihm standen.
Ich rappelte mich, so schnell ich konnte, vom Boden auf, rannte zur offen stehenden Bücherregal-Tür und schloss diese von innen, in der Hoffnung, die eingebaute Falle würde sie eine Weile in Schach halten. Dann lief ich in den Schlafsaal, denn ich musste Raven warnen! Als ich dort ankam, hielt ich sofort die Tür hinter mir zu. Raven blickte überrascht von ihrer Kiste auf.
„Schnell, versteck dich! Dich haben sie noch nicht gesehen!“, versuchte ich sie zu warnen.
Sie sah mich irritiert an und wollte etwas sagen, doch dann wurde auch schon die Tür hinter mir aufgestoßen, da ich so vielen Wachen nicht gegenhalten konnte. Ich fiel zu Boden und die Feinde traten ein. Zwei davon packten mich sofort und zerrten mich vom Boden hoch. Auch Raven hielten sie fest. Der Hauptmann betrat als letzter den Raum.
„Wie ich sehe hast du eine Freundin...“ Raven sah ihn nicht an, darum ergriff er ihr Kinn und drehte ihren Kopf mit dem Gesicht zu sich. „...Und eine recht hübsche noch dazu... Zu schade, dass du sie nie wieder sehen wirst... Männer, führt sie ab!“, befahl er den Wachen. „Der Rest bleibt hier und nimmt jeden fest, der das Lagerhaus betritt!“
Darius ging stolz voraus, als sie uns durch den reichlich besuchten Marktplatz abführten. Das war vielleicht beschämend, wie das Volk uns beäugte. Dann, als wir im Schlossverlies ankamen, wurden wir in die beiden, am weitesten von einander entfernten Zellen gesperrt und dort mit dem Fuß angekettet.
Ich war am Verzweifeln, denn ich wusste nicht was ich jetzt tun sollte! Die anderen werden bestimmt nichtsahnend ins Geheimversteck zurückkehren und dort wird sie dann eine böse Überraschung erwarten. Und ich kann sie nicht einmal warnen! Ich war ja sogar noch der Köder, denn wenn uns welche von ihnen am Marktplatz gesehen haben - und jede Wette darauf, dass sie das haben - dann werden sie sich sofort in der Diebesgilde versammeln und tappen somit genau in ihre Falle! Und selbst wenn jemand entkommen würde und uns befreien könnte, wären wir nicht mehr sicher, weil wir keinen Unterschlupf mehr hätten, um uns zu verstecken und nun jeder unsere Gesichter kennt und uns für ne Hand voll Münzen sofort verpfeifen würde.
Nicht mal Skyla könnte mich aus der Klemme holen. Wer weiß, ob Feodor, alias Dietrich, nicht auch bald hier unten bei mir sitzt. Hätten sie etwas über sein früheres Leben als Dieb gewusst, würde er jetzt bestimmt nicht oben bei der Prinzessin sitzen, sondern er wäre hier unten längst vergammelt.
Ich wünschte, der Herr der Diebe könnte mir sagen, was ich jetzt tun sollte. Er hätte bestimmt eine Idee. Ich zerbrach mir den Kopf darüber. Was sollte ich nur machen? Doch ich wusste es nicht. Ich war unfähig. Unfähig, die Diebesgilde anzuführen. Unfähig, Raven zu beschützen... Ich hatte furchtbare Angst – nicht um mich, sondern um sie! Was würden sie ihr antun? Ich befürchtete das Schlimmste. Doch selbst wenn ich es wüsste könnte ich es nicht verhindern. Ich war hier eingesperrt und damit unfähig...
Diese Gedanken machten mich verrückt. Ich drehte vor Angst um Raven durch. Als reines Nervenbündel kauerte ich mich in die dunkelste Ecke meiner Zelle, schloss die Augen und schlief erschöpft und verzweifelt ein.
Ich wurde von Kopfschmerzen geweckt und als ich die Augen wieder öffnete war es stockdunkel und ich war von Schweiß durchnässt. Mir war schwindlig und der Boden schien zu schwanken, falls dies der Boden war, ich kannte mich nämlich überhaupt nicht mehr aus, wo oben und unten war, geschweige denn, rechts und links. Doch aus einem mir unbekannten Grund wollte ich unbedingt weg von dieser Stelle und versuchte, mich irgendwie fortzubewegen. Da schien auf einmal das, was ich für den Boden hielt, zu enden und ich fiel irgendwo hinunter und landete unsanft.
„Autsch!“ Na wenigstens habe ich nun endlich den Boden gefunden, dachte ich und versuchte vorsichtig aufzustehen.
„Was war das?“ und „Ist da jemand?“, hörte ich mir bekannte Stimmen durcheinander fragen. Dann wurde eine Kerze angezündet und damit leuchtete man in meine Richtung. Ich konnte Peters Gesicht erkennen.
„Hey, Leander, sei doch nicht so übereifrig. Rainer ist doch für Odos Aufgaben zuständig. Du brauchst also nicht aus dem Bett zu fallen“, scherzte dieser.
„Leander? Oh mein Gott! Ist alles in Ordnung?“, rief Raven ganz aufgeregt aus dem Bett direkt neben mir, stand auf und half mir hoch.
„Ich glaube schon...“, sagte ich langsam und überlegt.
Ich stand total neben mir und faselte wirres Zeug. „Leander... ach ja, das war ja mein Name... Wo bin ich hier und warum seid ihr auch alle da? Sind wir tot? - Oder etwa noch gefangen?“
Raven sah mich besorgt an. „Nein! Wie kommst du denn darauf? Wir sind immer noch im Schlafsaal. Bück dich mal, ich sehe besser nach, ob du eine Kopfverletzung hast.“
Ich tat, was sie wollte und während Raven gründlich meine Haare durchgewuschelt und immer noch nichts gefunden hatte, kam ich langsam wieder zu mir und erkannte endlich, dass ich nur einen schlimmen und täuschend echt wirkenden Alptraum hatte.
„Ich brauche dringend frische Luft. Ich gehe spazieren“, teilte ich mit, nachdem Raven fertig war.
„Zu dieser späten Stunde bei Nacht?“ Peter sah mich fragend an.
Raven wollte mich davon abhalten. „Aber ich kann dich doch in dem Zustand nicht allein nach draußen lassen!“
„Keine Sorge, alles in Ordnung, mir geht es gut. Ich war nur noch nicht ganz wach und dachte, mein Alptraum wäre Wirklichkeit, das ist alles“, versuchte ich es zu erklären.
„Warte, ich komme mit!“, rief Raven.
Kapitel 2
Es war eine schwüle Sommernacht und während wir am Fluss entlang die Stadt hinaus wanderten, schilderte ich Raven meinen Alptraum. „Wie romantisch!“, fing sie an, als ich fertig war. Inzwischen waren wir so weit gegangen, dass die Stadt fast außer Sichtweite war.
„Romantisch?! Was ist daran denn bitteschön romantisch?“, wollte ich mit einem sehr fraglichen Blick von ihr wissen.
„Naja,“, begann sie, „dass du es ohne mich nicht aushalten würdest und verrückt wirst.“
„Ich muss dich enttäuschen. Ich bin bereits verrückt – verrückt nach dir!“, gestand ich ihr, zog sie näher an mich heran und wir küssten uns lange im Mondschein.
Danach zog Raven ihren Schuh aus und tauchte ihre große Zehe ins Wasser des Flusses. „Das Wasser ist herrlich! Lass uns doch im Fluss baden!“, schlug sie begeistert vor.
Noch bevor ich etwas darauf sagen konnte, begann sie auch schon, sich auszuziehen. Ich machte darum dasselbe. Es war ein eigenartiges Gefühl, sich zum ersten Mal nackt gegenüber zu stehen, auch für sie, das kannte ich ihr an. Dann nahmen wir uns an der Hand und wateten langsam in das angenehm kühle Wasser hinein. Als uns das Wasser bis zum Bauch ging, ließen wir unsere die Hände wieder los und Raven startete darauf sofort eine Wasserschlacht. Wir tobten im Fluss herum, spritzen mit Wasser und lachten sehr viel, denn es machte richtig Spaß! Und als wir keine Lust mehr hatten, schwammen wir zusammen etwas herum. Dann tauchten wir zufällig genau voreinander auf. Wir umarmten uns, küssten uns, eines führte zum anderen... und wir erfuhren zum ersten Mal eine ganz neue Art, sich zu lieben...
Danach setzten wir uns bis zu den Schultern ins seichte Wasser, betrachteten den Sternenhimmel und redeten über Gott und die Welt, über unsere Träume, Wünsche und Hoffnungen und über Erkenntnisse, die wir in unserem Leben bereits hatten. Ravens Gesicht war in Mondlicht getaucht. Wassertropfen glitzerten in ihrem rabenschwarzen Haar wie tausend funkelnde Diamanten und das Flusswasser schlang sich geschmeidig um ihren zierlichen Körper, wie ein schwarzblaues wellenschlagendes Laken aus feinster Seide. Kurz gesagt, sie war so schön wie nie zuvor.
„Ich wünschte, diese Nacht würde niemals enden“, sprach ich leise aus.
„Sieh mal! Eine Sternschnuppe! Wir dürfen uns was wünschen!“, unterbrach mich Raven und ich wünschte mir, dass es zwischen Raven und mir immer so sein sollte, wie heute Nacht.
„Was hast du dir gewünscht?“, fragte ich sie. „Also ich habe mir gewünscht, dass...“
Sie hielt mich davon ab, weiter zu sprechen: „Nicht! Das darfst du doch nicht verraten, sonst gehts nicht in Erfüllung!“
„Oh, achso, das wusste ich nicht. Glaubst du wirklich, dass eine Sternschnuppe Wünsche erfüllen kann?“, fragte ich sie.
Sie lächelte. „Einen Versuch ist’s auf jeden Fall wert!“
„Da fällt mir gerade ein“, begann ich zu erzählen, „Wibke hat mal gesagt, die Sterne sind die Seelen der Verstorbenen, die nachts über die Menschen wachen, die sie gern haben, weil die ja nicht selbst auf sich aufpassen können, wenn sie schlafen.“
„Heißt das, Alessandro kann uns jetzt gerade im Moment sehen? ...Und Odo auch?!“, fragte Raven etwas entsetzt.
Ich überlegte kurz. „...Ja, laut dieser Theorie schon.“
„Dann hätten sie uns vorhin ja auch gesehen! ...Gut, dass das nur ne Theorie ist!“, atmete Raven auf.
Ich stimmte ihr zu. „Auch wenn ich weiß, dass der Herr der Diebe sich darüber gefreut hätte, wie gut wir uns verstehen, ein bisschen Privatsphäre muss einfach sein!“
Unser Gespräch setzte sich noch eine ganze Weile so fort. Doch als es dann erste Anzeichen gab, dass es langsam hell wurde, stiegen wir wieder aus dem Wasser, zogen uns an und eilten schnurstracks nach Hause. Dort angekommen, trockneten wir uns erst mal richtig ab und schlichen uns anschließend in den finsteren Schlafsaal, um niemanden zu wecken, was mir aber kläglich misslang, weil ich wegen der Dunkelheit über eine Kiste stolperte, was ziemlich laut polterte.
„Leander, bist du das?“, hörte ich Heiko verschlafen fragen. Ich bejahte leise.
„Wart ihr bis jetzt weg?!“, wunderte er sich. Darauf gaben wir keine Antwort, sondern krochen einfach wortlos zurück unter unsere Bettdecken. Besser gesagt versuchte ich es nur, doch in vollkommener Dunkelheit misslang es mir sogar, in mein Hochbett zu gelangen, darum gab ich es gerne auf und legte mich zu Raven ins Bett neben sie, wo wir uns aneinander kuschelten.
Am nächsten Morgen waren wir seltsamerweise trotz unseres nächtlichen Ausfluges hellwach. Es war Markttag, so wie in meinem Traum. Doch schon bald stellte ich zu meiner Erleichterung fest, dass es nicht so ablief, wie ich es geträumt hatte. Wie immer war ich mit Raven unterwegs. Vor einem Schild an einem kleinen Zelt am Markt blieb sie stehen. Darauf Stand: Wahrsagerin Olga -Gegen ein kleines Entgelt sage ich Euch Eure Zukunft voraus
„Komm, gehen wir mal rein!“, rief sie aufgeregt.
„Ach Raven... Das ist doch alles nur Betrügerei. Du wirst doch wohl nicht ernsthaft glauben, dass ein wildfremder Mensch etwas über uns wissen könnte. Die erzählt uns wahrscheinlich nur irgendeinen Quatsch, der auf jeden zutreffen könnte“, versuchte ich es ihr auszureden, doch Raven gab nicht nach und weil ich sie nicht verärgern wollte, standen wir bald schon im Zelt. Auf einem Stuhl saß eine nicht sehr große, dicke, alte, hässliche Frau mit Warzen im Gesicht.
„Ich habe euch bereits erwartet“, begrüßte sie uns.
„Das kann jeder sagen“, murmelte ich, worauf mir Raven einen bösen Blick zuwarf.
„Entschuldigt ihn bitte“, bat Raven. „Wir sind...“
„Sag nichts, Schatz“, unterbrach sie die Wahrsagerin liebevoll mit ihrer verrauchten Stimme, „ihr seid ein Liebespaar.“
„Gut geraten“, lobte ich sie, worauf ich erneut einen allessagenden Blick von Raven erntete.
„Und ihr seid beide eine Art von Verbrechern“, ergänzte die Wahrsagerin.
„Ist das heutzutage nicht irgendwie jeder?“, meinte ich und ignorierte Ravens giftigen Blick.
„Aber ich weiß, dass ich vor euch nichts zu befürchten habe, obwohl ich blind bin“, fuhr sie, von mir ungestört, fort. „Ich sehe alles durch mein geistiges Auge und benötige darum mein Augenlicht nicht.“
Wollte sie jetzt geheimnisvoll tun, oder was? „Und wie reist Ihr dann von Ort zu Ort, wenn Ihr blind seid? – Lasst mich raten: Durch Euer geistiges Auge?“, interessierte es mich.
„Aber nicht doch. Meine Nichte Gwendolyn sucht sich die Orte aus, führt mich dort hin und baut das Zelt für mich auf. Ich weiß am Ende aber immer, wo wir sind, noch bevor sie es mir sagen kann. Aber wenn du nicht an Wahrsagerei glaubst, dann kann ich euch auch etwas sagen, was man nicht so leicht erraten kann, nämlich eure Namen und euren Stand in der Gesellschaft.“
Da war ich ja mal neugierig, immerhin hatten wir je zwei Namen und zwei Stände.
„Ihr scheint normales Volk zu sein, jedoch stammt ihr aus hohem Adel, besonders du, Leander, oder sollte ich dich besser Prinz Amandus nennen?“ Mir stockte der Atem. „Ja, ich wusste es die ganze Zeit über, dass du überlebt hast, nachdem ich die Nachricht von deinem tragischen Tod gehört hatte. Aber das ist nichts Besonderes. Ich weiß von vielen Totgeglaubten, die noch leben. Kommen wir zu Raven, oder... komisch... ich bin mir nicht sicher... nun, einer dieser beiden Namen müsste dir ebenfalls gehören: Reinhilde oder Felizitas... Jemand scheint dir noch einen Namen gegeben zu haben... Nun, Leander, ich muss sagen es war weise von dir, zu mir zu kommen, auch wenn du erst nicht an Wahrsagerei geglaubt hast. Ich möchte euch beide nämlich warnen. Euch werden einige Prüfungen des Lebens in Sachen Durchhaltevermögen und Treue bevorstehen und dabei ist es äußerst wichtig, dass ihr zueinander ehrlich seid und einander vertraut. Nur dann wird eure Liebe diese schwierige Zeit überstehen. Eine Prüfung ist bereits angebrochen. Mehr darf ich euch darüber nicht sagen. Ach und Leander, du wirst einige Überraschungen erleben... Ich sehe, ihr habt ansonsten keine Fragen mehr“, erkannte Olga richtig.
„Stimmt“, bekam ich heraus. „Wie viel macht das?“
„So viel du willst, nicht mehr“, sagte sie. Also machte ich ihr einen guten Preis.
„Ein gütiger Verbrecher...“, redete sie vor sich hin. Doch bevor wir gingen sprach sie Raven nochmal an: „Raven, achte gut auf dich. Du solltest dich nicht überanstrengen.“
Kapitel 3
Nachdem wir das Zelt verlassen hatten, sprachen wir über die seltsame Begegnung. Doch das Gespräch endete, als sich Raven äußerst ausgiebig an einem Stand umsah, der mich weniger interessierte. Dabei fiel mir eine Frau mit Kopftuch auf. Sie trug ein Bündel bei sich, auf das sie ständig zu achten schien. Es musste sich wohl um ein Baby handeln, weil sie es in ihren Armen wiegte. Das nahm sie anscheinend so in Anspruch, dass sie auf nichts anderes mehr achten konnte, denn sie rempelte ständig Leute an und entschuldigte sich darum abermals.
Als sie näher kam und ihr dieses Missgeschick schon wieder bei einem Mann passierte, konnte ich erkennen, wie sie geschickt seinen Geldbeutel an sich nahm und ihn unauffällig in das angebliche Baby gleiten ließ. Eine Taschendiebin! Und eine kreative noch dazu, ich meine, auf solche Ideen kommt nicht jeder. Wahrlich schlau. Das war meine Chance, ein neues Mitglied für die Diebesgilde zu gewinnen, denn seit Dietrichs austritt und dem Tod von Volker, Odo und dem Herrn der Diebe sah es von unserer Anzahl her ziemlich rar aus.
„Raven, warte doch mal bitte hier, ich müsste nur schnell was erledigen. Ich komme gleich wieder.“ Sie nickte, ohne vom Stand aufzusehen. Dann nahm ich die Verfolgung auf.
Während ich neben ihr her ging sprach ich sie an: „Ich habe Euch gesehen.“
Augenblicklich blieb sie stehen. „Was habt Ihr gesehen und wer seid Ihr überhaupt?!“, fragte sie schroff.
„Das kann ich Euch hier nicht sagen. Zu viele Leute. Aber wenn Ihr mir folgen würdet...“
„Was wollt Ihr von mir?“, unterbrach sie mich.
„Ich möchte Euch ein Angebot machen, dass Ihr nicht ablehnen könnt... Ich habe gesehen, wie Ihr dem Mann vorhin den Geldbeutel geklaut habt und...“ Weiter kam ich nicht. Sie trat mir gegens Schienbein und flüchtete in die nächste Gasse. Glücklicherweise hatte sie nicht gut getroffen und ich war ihr bald wieder dicht auf den Fersen. So gelang es mir dann auch, sie in eine Sackgasse zu drängen.
„Bitte tut mir nichts, ich habe Kinder! Ihr könnt auch meine Beute nehmen, aber verschont mich!“, flehte sie um Gnade.
„Keine Angst, ich werde Euch kein Leid zufügen und Euer Geld – das eigentlich nicht Eures ist - will ich auch nicht“, versuchte ich sie zu beruhigen.
Sie sah mich irritiert an. „Was wollt Ihr dann von mir?“
„Ich möchte nur, dass Ihr ehrlich auf meine Fragen antwortet, sonst nichts“, erklärte ich. „Wie lautet Euer Name?“
„Maya“, kam es von ihr.
„Ihr habt also Kinder, Maya?“, wiederholte ich.
„Ja, zwei Söhne, beide neun Jahre alt, Zwillinge“, antwortete sie.
Ich nickte. „Stehlen die auch?“
„Sie sind gute Jungs!“, verteidigte sie sie.
„Ich fragte auch nicht, ob sie gute Jungs sind, sondern ob sie stehlen“, stellte ich klar. „Für mich sind das zwei verschiedene Dinge. Naja, auch egal. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Ihr seid wohl noch nicht lange hier, Maya?“
„Stimmt, wir sind erst heute morgen hier angekommen. Darf ich fragen, wie Ihr darauf kommt?“, wollte sie wissen.
„Ihr kennt die Stadt nicht gut, sonst wärt Ihr nicht in eine Sackgasse gelaufen. Überhaupt habe ich Euch hier noch nie zuvor gesehen und Ihr wärt mir bestimmt aufgefallen“, definierte ich.
„Aber ich war schon mal hier, vor fast zehn Jahren. Ich habe meine Kindheit und Jugend hier verbracht“, erzählte sie.
„Interessant“, fand ich. „Habt Ihr vor, länger hier zu bleiben, oder seid Ihr nur auf der Durchreise?“
„Ich wollte für eine unbestimmte Zeit bleiben. Ich habe hier nämlich Freunde aus meiner Jugendzeit, die letzten Freunde, die mir geblieben sind... Ich bin auf der Flucht und muss mich verstecken, da dachte ich wieder an die schöne Zeit, die ich hier mit meinen Freunden verbracht hatte und dass sie mir vielleicht helfen würden...“
„Vielleicht kann ich Euch ja helfen, Eure Freunde zu finden. Könnte ja sein, dass ich sie kenne“, bedachte ich.
Sie zuckte mit den Schultern. „Ihr kennt nicht zufällig einen gewissen Alessandro?“, wollte sie wissen.
„Den Herrn der Diebe?“, platzte ich heraus.
„Ja, genau den meine ich! Woher kennt Ihr seine wahre Identität?“, interessierte es sie.
„Ihr steht gerade zufällig vor dem neuen Herrn der Diebe!“, klärte ich sie auf.
„Dem neuen Herrn der Diebe? Das soll wohl ein schlechter Scherz sein! Alessandro ist der eine und einzige Herr der Diebe!“, protestierte sie.
„Es tut mir wirklich leid Euch das mitteilen zu müssen, aber Alessandro, der Herr der Diebe, ist leider vor über einem halben Jahr verstorben...“
„Was?! Alessandro ist tot?! Nein! Das darf nicht sein! Er war doch der einzige Mensch, der je an mich geglaubt hat!“ Sie begann zu weinen. „Ich hätte damals hier bleiben sollen! Ich war ja so dumm und habe all mein Glück aufgegeben, nur um einem unbekannten Ziel hinterher zu jagen!“, ärgerte sie sich. „Aber nein, ich dachte ja, ich wäre zu etwas besserem bestimmt als zum Stehlen und habe die Diebesgilde verlassen. Ich war ja so undankbar und das obwohl er mich doch aufgenommen hatte, nachdem ich meine Eltern verloren hatte. Und was habe ich erreicht? – Gar nichts! Doch noch nicht mal zugeben konnte ich das, aus Angst vor einem Hab ich’s dir nicht gesagt? von irgend jemand anderen. – Alessandro hätte mir niemals Vorwürfe gemacht! Wenigstens ihm zuliebe hätte ich wieder kommen sollen. Aber was mache ich? - Ich bin natürlich zu stolz, jemanden auf mir rumhacken zu lassen. Und jetzt, wo ich endlich einen guten Grund hatte, hierher zurück zu kommen, ist es zu spät - sogar um sich zu verabschieden... Wodurch ist er denn umgekommen?“
„Er wurde krank...“, sagte ich nur.
„Oh nein! Wäre ich doch nur hier gewesen! Ich bin Heilerin – eine ziemlich gute sogar! Ich hätte bestimmt ein Gegenmittel brauen können, um ihm zu helfen!“, machte sie sich Vorwürfe.
„Ich weiß nicht, ob das jetzt der richtige Moment ist, aber ich wollte Euch eigentlich von Anfang an fragen, ob Ihr vielleicht der Diebesgilde beitreten wollt“, sagte ich etwas zögernd.
Maya blickte auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Nichts würde ich mir mehr wünschen! Ich muss nur noch zuerst meine Jungs wieder einfangen.“
„Ich habe auch noch schnell was zu erledigen“, fiel mir Raven wieder ein.
„Aber wie werde ich Euch dann finden?“, wollte sie wissen.
„Das braucht Ihr gar nicht. Ich werde Euch finden.“ Dann verschwand ich. Meiner Meinung nach war das ein gelungener Abgang.
Kapitel 4
Auf dem schnellsten Weg lief ich zu dem Stand, an dem ich Raven zurückgelassen hatte. Schon von weitem sah ich sie mit verschränkten Armen, sich nach mir umsehend, am Marktplatz stehen. Sie sah nicht gerade zufrieden aus, schien sogar etwas sauer zu sein. Aber ich wusste natürlich sofort, was in solchen Fällen zu tun war: Ich schlich mich von hinten an sie ran und hielt ihr die Augen zu. „Leander!“, rief sie, nahm meine Hände aus ihrem Gesicht und drehte sich zu mir um. „Wo warst du so lange? Du kannst mich doch nicht einfach so hier...“ Weiter war sie nicht gekommen, denn ich küsste sie.
„Du schaffst es echt immer wieder!“, meinte sie verzweifelt. „Irgendwas hast du an dir, dass ich dir einfach nicht böse sein kann!“
„Es tut mir leid, Raven. Kommt nie wieder vor, versprochen“, versicherte ich ihr.
„Was hast du so lange gemacht?“, wollte sie wissen.
„Ich habe erfolgreich drei neue Mitglieder für die Gilde gefunden!“, erklärte ich stolz.
Raven staunte. „Ist nicht wahr.“
„Doch, komm, ich stelle sie dir vor!“ Ich nahm sie an der Hand und führte sie hinter mir her.
Bald erblickte ich Maya und wir gingen auf sie zu. Sie sah besorgt aus. „Könnt Ihr Eure Kinder nicht finden?“, sprach ich sie erneut an.
