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Die 21-jährige Lillian ist unglücklich. In Sachen Liebe will es bei ihr einfach nicht klappen, da ihr Aussehen stark zu wünschen übrig lässt. Da taucht plötzlich dieser seltsame Kerl, der sich Astor nennt, in ihrem Garten auf. Es stellt sich heraus, dass Astor aus einer Parallelwelt kommt und Lillian der einzige Mensch ist, der ihn sehen kann. Aus Neugierde lässt sie sich von Astor durch das Portal führen, doch schon kurz darauf verlieren sie sich. In dieser Zeit trifft sie auf den geheimnisvollen, gutaussehenden Luno, der sie in eine wahre Schönheit verwandelt. Doch schon bald stellt Lillian fest, dass sie allein durch die Begegnung mit Luno bereits einen hohen Preis bezahlen musste, den sie nur mit dem Zauberamulett Pinienträne wieder begleichen kann. Dieses gilt jedoch schon seit über 150 Jahren als verschollen. *** Zauberhaft verträumte Romantik
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Seitenzahl: 559
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Christina Schwarzfischer
Pinienträne
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Der Herzensdieb
Die Prinzessin und der Dieb
Impressum neobooks
„Ein Glück bringender Talisman,
der jeden Wunsch erfüllen kann.
Pinienträne wird er genannt,
doch wenn man ihn sieht, so wird er nicht erkannt…“
*
Mit einem Stapel Papierkram in den Händen, der so hoch war, dass ich nichts sehen konnte, bog ich im Büro um eine Ecke und stieß plötzlich mit jemandem zusammen. Ich fiel hin und es regnete Blätter. Während des Gelächters meiner Arbeitskollegen stammelte ich ein „Entschuldigung“, obwohl ich mein Gegenüber durch die fliegenden Blätter noch nicht erkannt hatte, weil zusätzlich meine Brille verrutscht war. Darauf sprach eine freundliche Stimme mit französischem Akzent zu mir: „Aber Sie müssen sich doch nicht entschuldigen, Fräulein Rieder. Immerhin war es für Sie unmöglich, mich zu sehen. Ich bin derjenige, der Sie um Verzeihung bitten muss. Ich habe zur Seite gesehen, als ich um die Ecke bog. Es war meine Schuld, ich hätte besser aufpassen müssen. Ihnen ist doch nicht etwa was passiert?“
„...Nein...“, stockte ich, als ich erkannte, dass es mein junger, gutaussehender Chef, Pascal Lamour, war. - Der Mann, in den ich nun schon seit zwei Jahren verliebt war, der mich bis jetzt aber noch nie wahrgenommen hatte. ...Und er kannte sogar meinen Namen: Lillian Rieder!
Dann half er mir vom Boden auf. Ich rückte meine Brille wieder zurecht, überprüfte, ob mein Haarschopf noch saß und streifte meinen grau karierten halblangen Rock mit den Händen glatt. Dann wollte ich anfangen, meine fallen gelassenen Akten wieder einzusammeln, doch er war schon fast fertig damit. Gleichzeitig ergriffen wir das letzte Blatt und lächelten uns gegenseitig an, als sich dabei unsere Hände berührten.
„Wenn Sie erlauben werde ich das für Sie tragen. Das ist doch viel zu schwer für so eine zarte Dame, wie Sie es sind“, merkte er an. „Wieso sind sie mir nur nie zuvor aufgefallen? Ich muss blind gewesen sein, das Strahlen Ihrer blauen Augen übersehen zu haben.“ Nachdem er die Akten an ihrem Platz abgesetzt hatte, sah er mir nochmals in die Augen. „Sie haben da was“, sagte er ruhig, während er mir sanft eine Haarsträhne hinters Ohr streifte, die sich durch den Sturz aus meinen Haarschopf gelöst hatte. Dann näherten sich unsere Lippen und ich schloss meine Augen... - Plötzlich klingelte das Telefon. Ich schreckte aus meinem Tagtraum, hob ab und sagte meinen gewohnten Text auf: „Versandhaus Lamour, Ihre Bestellung bitte?“
Ich war Telefonistin in einem Großraumbüro eines riesigen Versandhauses für französische Mode. Aber eine schöne Stimme war auch schon alles, was ich hatte, denn mein Aussehen ließ stark zu wünschen übrig. Wahrscheinlich war ich meinem Chef deswegen nie aufgefallen, da Franzosen ja angeblich Geschmack haben und Bewunderer von Schönheit sind. Meine Mutter sah doch auch hübsch aus, warum ich nicht? Ich war zwar nicht dick, ganz im Gegenteil, ich stand sogar an der Grenze zum Untergewicht, da ich in meinem Zustand der unglücklichen Verliebtheit kaum etwas essen konnte. Aber ich war nicht groß, gerade mal knappe 1,60 Meter und meine dünnen, matt–braunen Haare reichten mir offen etwas über die Schultern und waren immer platt und kraftlos, ohne jeglichen Halt. Darum machte ich mir immer einen Zopf daraus. Außerdem hatte ich, im Alter von 21 Jahren noch immer Akne. Zusätzlich trug ich wegen meiner vererbten Weitsichtigkeit eine schmale Brille. Ich besaß keine modernen Klamotten, das würde mir nicht stehen, trug selten Schmuck, schminkte mich kaum und ging auch nicht aus. Ich war nie beliebt, hatte nicht einmal mehr jemanden, den ich wirklich als Freund bezeichnen konnte und Familie hatte ich auch nicht mehr. Meine Eltern, beides Einzelkinder, so wie ich, starben, als ich sechs Jahre alt war, an einem Autounfall. So wurde ich seitdem von meiner Großmutter, mütterlicherseits, aufgezogen. Meine anderen Großeltern waren alle schon verstorben, so war sie meine einzige, noch lebende, Verwandte. Doch vor nicht all zu langer Zeit segnete auch sie das Zeitliche und nun wohne ich, als einzige Erbin, ganz allein in ihrer großen, alten, düsteren, aber doch auch irgendwie schönen Villa.
Pascal war also der einzige lebendige Mensch, der mir noch etwas bedeutete und darum war mir meine Arbeit auch das Wichtigste. Ich erledigte sie zuverlässig, fleißig und immer fehlerlos. Schon in der Schule war ich immer Klassenbeste. Man nannte mich eine Streberin, bezeichnete mich als Lehrerliebling, da ich nie Ärger machte und mobbte mich, nicht zuletzt wegen meines Aussehens. Mein Spitzname damals war das hässliche Entlein. Sie waren grausam zu mir, doch ich ließ das alles über mich ergehen. Und letzten Endes hatten mir meine guten Noten einen tollen Job eingebracht. Monsieur Lamour war schon ein toller Chef... Er war ja so nett, charmant und zuvorkommend... ein richtiger Gentleman. - Zumindest zu meinen hübschen Arbeitskolleginnen, mit denen ich nicht viel gemeinsam hatte... Erst vor ein paar Tagen konnte ich etwas derartiges beobachten:
Während ich nach einem Telefongespräch an meinem Computer die Bestellung abspeicherte, beobachtete ich, wie meine Arbeitskollegin Sandrina Derber, eine große, schlanke, hübsche Blondine mit perfekter Figur und viel Oberweite, einen fast leeren Ordner an meiner offenen Büroseite vorbei trug. Dabei kam ihr Monsieur Lamour entgegen und nahm ihr sofort den Ordner ab mit den Worten: „Aber Fräulein Derber, das ist doch viel zu schwer für Sie. Lassen Sie mich das tragen.“ Das machte bestimmt seine gute Abstammung aus. Er kam schließlich aus Paris, der Stadt der Liebe...
Doch bald darauf nahm mir mein ach so lieber Chef alles, was mir wichtig war. Er, höchstpersönlich, war es nämlich, der mir fristlos gekündigt hatte! Angeblich hätte ich immer in meinen Mittagspausen von meinem Arbeitsplatz aus teure Auslandsgespräche geführt, was der Firma eine riesige Menge an Geld kostete. Aber das war ich nicht! In meinen Mittagspausen verließ ich immer das Gebäude und mein Arbeitsplatz stand dann leer. Jeder in der Firma hätte darauf Zugriff gehabt. Doch leider glaubte man mir nicht, da ich immer allein zum Essen ging, weil ich keine Freunde hatte und es darum keine Zeugen dafür gab. Außerdem hätte niemals jemand für mich die Hand ins Feuer gelegt. An diesem Tag war Monsieur Lamour furchtbar wütend auf mich und schrie mich vor allen anderen Mitarbeitern an! So hatte ich ihn noch nie erlebt! Ich war so enttäuscht über sein Verhalten... Das zerbrach mir das Herz wie altes Porzellan. Ich hätte am liebsten sofort losgeheult, doch ich wusste, dass ich das jetzt noch nicht konnte.
Nach meiner Kündigung zu Hause angekommen, kaum die Haustür hinter mir geschlossen, kamen mir auch schon die Tränen. Zu lange hatte ich sie verstecken müssen. Ich stellte meine Tasche im Hausflur ab, obwohl mein Blickfeld bereits verschwommen war, lehnte mich anschließend kraftlos mit dem Rücken gegen die Tür, schloss die Augen und sank daran verzweifelt zu Boden, während ich spürte, wie mir Tränen die Wangen hinunter liefen. Dann begann ich zu weinen.
Als ich nach drei vollen Stunden endlich wieder mit zerzausten Haaren zwischen meiner Festung aus Polstern hervorkroch, schien die Abendsonne durch die langen, gleichfarbig, wie die Wohnzimmercouch, dunkelgrünen Vorhänge, die vor der großen gläsernen Terrassentür zugezogen waren. Nur durch einen kleinen Spalt zwischen den Vorhängen knallte das pralle Sonnenlicht hindurch, ansonsten war es dunkel im Zimmer. Dabei fiel der Lichtschein genau auf die alte staubige Spieluhr, die auf dem offenen Kaminsims im Wohnzimmer, neben dem Bild meiner Oma stand. Von mir gab es nicht viele Fotos, da ich mich nur ungern fotografieren ließ, weil ich mir selbst nicht gefiel. Und somit wäre ich auch nie auf die Idee gekommen, nach dem Tod meiner Oma noch irgendwo ein Bild von mir aufgehängt zu lassen. Ein Spiegel zerstörte mein Selbstbewusstsein schon genug.
Die Spieluhr bildete einen Baum ab, unter dem ein lesendes Mädchen saß. Ich erinnerte mich, meine Großmutter hatte mir etwas über sie erzählt. Immer wenn ich als kleines Kind traurig war, sang sie mir ein bestimmtes Lied vor. Und sie behauptete, diese besagte Melodie hätte die Spieluhr einst gespielt. Doch sie war kaputt, so weit ich mich zurückerinnern konnte. Großmutter hoffte, dass sie eines Tages wieder funktionieren würde.
Nun stand ich auf, ging auf die Spieluhr zu, nahm sie in die Hand, wischte den Staub von ihr und versuchte sie aufzuziehen, doch es ging nicht. Der kleine Hebel ließ sich einfach nicht bewegen. Ich war technisch begabt, das hatten mir schon viele Leute bestätigt, so entschloss ich mich dazu, die Spieluhr selbst zu reparieren, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Sie war sowieso kaputt, was könnte ich also noch großes daran anrichten? Mit einem kleinen Kreuzschlitzschraubenzieher öffnete ich nun in der Küche den Deckel am Boden der Antiquität und fand darin ein Stückchen Stoff.
„Kein Wunder, dass das Ding nicht mehr läuft!“, dachte ich, während ich versuchte, die Fasern des Stoffes von den Zahnrädern zu lösen.
Als ich daran zog entfaltete sich der Stoff und etwas fiel heraus. Es war ein zusammengefaltetes, beschriebenes Stück Papier. Darin eingewickelt befand sich eine Halskette aus braunem Lederband. Ein Amulett aus einem matt-silbernen Metall hing daran, welches oben oval und unten rechteckig endete, mit einem Umriss eines Baumes sorgfältig eingeritzt und einem weiß-braun gemusterten Stein darüber eingefädelt. Irgendwie gefiel es mir, weil es so schlicht und unauffällig war. Ob Großmutter wohl davon wusste? – Klar! Sie musste es dort versteckt haben und wollte, dass ich es eines Tages finde! Nun sah ich mir das Stück Papier genauer an und erkannte, dass ganz klein darauf mit der Handschrift meiner Großmutter eine Nachricht an mich geschrieben stand:
Lillian, mein Liebling,
schön, dass du meinen Wunsch erfüllen wolltest, die Spieluhr zu reparieren. Ich wusste, dass du es eines Tages versuchen würdest, darum habe ich darin mein kostbarstes Erbstück für dich aufbewahrt. Mit dir ist es nun schon seit sechs Generationen in unserer Familie.
Dieses Symbol nennt sich „Lebensbaum“. Es steht für Wachstum, Heilung, Wiedergeburt und göttliche Weisheit. Der darüber angebrachte Achat ist ein Schutz- und Abwehrstein. Er soll negative Einflüsse von dir fern halten.
Bewahre es gut auf, denn es ist etwas ganz Besonderes. Es scheint zwar wertlos zu sein, doch glaube mir, es ist unendlich kostbar und mit Geld nicht zu bezahlen.
Erst durch das Tragen dieses Amulettes wirst du seinen wahren Zweck entdecken. Lege es aber erst an, wenn du dich dazu bereit fühlst, dein Leben vollkommen zu verändern.
Diese geheimnisvolle und sogar mystische Seite kannte ich gar nicht an meiner Großmutter. Doch ich fühlte mich sehr wohl dazu bereit, mein Leben vollkommen zu verändern. Wenn nicht jetzt, wann dann? Außerdem passte diese angebliche Wirkung des Amuletts zur Zeit so gut auf mich, auch wenn ich nicht abergläubisch, sondern eine totale Realistin war. Wachstum... ich müsste über mich selbst hinaus wachsen. Heilung... meine Wunden, die mir mein Chef zugefügt hatte, müssten wieder heilen. Wiedergeburt... ich müsste ein vollkommen neues Leben beginnen. Und göttliche Weisheit... ich hätte wissen müssen, dass mein Chef nie und nimmer Interesse an mir haben könnte. Schutz und Abwehr vor negativen Einflüssen... das wäre immer gut. So legte ich mir die Kette um den Hals und trug sie seitdem Tag und Nacht. Nachdem ich die Spieluhr anschließend wieder zugeschraubt hatte, zog ich sie auf und lauschte der herrlichen Melodie, von der mir meine Großmutter erzählt hatte...
Natürlich hatte ich vor, mir wieder eine Arbeit zu suchen. Aber diese wollte ich dann wenigstens auch gut machen. Und in meinem momentanen Zustand des Liebeskummers konnte ich das vergessen. Immer nur musste ich an Pascal denken. Nur gut, dass ich immer sehr sparsam gelebt hatte und mir so inzwischen mehr als genug zusammengespart hatte, um nicht in Geldnot zu geraten. In den darauf folgenden Tagen ging ich oft spazieren und las sehr viel, um mich von meinen Gedanken abzulenken und mir die Zeit zu vertreiben, da ich das Fernsehen verabscheute. Ich weiß, was die meisten jetzt über mich denken würden: Langweilig, altmodisch, verklemmt und spießig...
Bei meinen Spaziergängen geschahen oft sehr merkwürdige Dinge. Außer, dass sich nun öfters eigenartig aussehende Leute hier herumtrieben, (Bestimmt waren das nur diese verrückten Hippies, die es bei uns in der Stadt gab.) hatte ich plötzlich eine unheimliche Glückssträne. Einmal rief jemand nach mir. Ich blieb stehen um mich umzusehen und stellte fest, dass nicht ich, sondern ein kleines Mädchen, welches wohl auch Lillian hieß, gemeint war. Kurz vor mir ließ eine Taube etwas vom Baum fallen. Wäre ich weiter gegangen, hätte sie mich wohl genau auf den Kopf getroffen.
Ein Andermal waren mir die Schnürsenkel aufgegangen, ohne dass ich es bemerkt hatte. Ich stolperte, fand das Gleichgewicht aber wieder. Nur gut, dass gerade niemand in der Nähe war, der mich beobachten konnte... Doch das eigentliche Glück war, dass ich sonst in Hundekacke gefallen wäre. Erst beim Schuhe zubinden wurde ich auf den Hundehaufen aufmerksam. Ansonsten wäre ich wohl zumindest hinein getreten. Zusätzlich fand ich ein 1-Cent-Stück auf der Straße. Soll ja angeblich Glück bringen...
Pascal Lamour lernte ich in dieser Zeit zu hassen und schließlich zu vergessen. Doch heute Nachmittag geschah dann plötzlich etwas sehr unerwartetes: Mein Chef rief bei mir zu Hause an und entschuldigte sich bei mir wegen seines Benehmens. Es hätte da nur ein Missverständnis gegeben und mich hätte keinerlei Schuld getroffen. Die teuren Telefonate fänden nämlich noch immer statt. Er bot mir meinen alten Job wieder an, doch ich lehnte ab. Immerhin hatte sogar ich noch ein kleines bisschen Stolz.
Nachdem ich jedoch den Hörer des altmodischen Telefons wieder auf die Gabel gelegt hatte, kam ich mir schrecklich dumm vor. Wieso hatte ich nicht angenommen? Die Arbeit war immerhin nicht schlecht und wurde auch noch gut bezahlt... außerdem hatte er sich doch bei mir entschuldigt... Um diesen absurden Gedanken aus meinem Kopf zu bekommen, setzte ich mich im Garten unter die große Trauerweide und las einen Krimi. Dabei kam ich mir ein bisschen wie das Mädchen auf der Spieluhr vor.
Das Buch war wirklich sehr spannend und fesselnd. Da tauchte plötzlich, wie aus dem Nichts, ein junger Mann direkt neben mir auf.
Ich zuckte lautlos zusammen, doch er ging an mir vorbei, als hätte er mich nicht bemerkt. Er sah wirklich sehr seltsam aus, mit seinen grasgrünen gestiftelten Haaren, seinen spitz endenden Ohren und dem äußerst altmodischen, „Robin Hood“ ähnlichen Aufzug. Am Gürtel trug er einen sechseckigen matt-silberfarbenen Anhänger mit grober Oberfläche, in dem der Umriss eines Hirsches eingeritzt war. Gegen den war ja sogar ich noch modern gekleidet! Ich vermutete, er wäre einer dieser verrückten Hippies, von denen es hier in der Stadt nur so wimmelte. Vor denen brauchte man sich aber nicht zu fürchten.
Über den oberen Rand meines Buches beobachtete ich ihn sehr genau. Er sah sich um, ging ein Stückchen, kniete sich auf den Boden nieder, holte ein kleines Pflänzchen aus dem Beutel, den er bei sich hatte und begann mit den Händen im Gras zu graben. Bestimmt war er ein Hippie - einer dieser fanatischen Naturschützer!
„Hey!“, rief ich, legte mein Buch beiseite und stand auf, doch er reagierte nicht. „Mit dir da drüben rede ich!“, rief ich erneut. „Was machst du hier in meinem Garten?“ Wieder reagierte er nicht, sondern grub weiter im Boden. Also ging ich auf ihn zu. „Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir spreche und antworte auf meine Fragen!“, forderte ich ihn auf.
Endlich sah er mit seinen leuchtend gelben Augen zu mir hoch. „...Du kannst mich sehen...?“, fragte er unsicher. Wahrscheinlich stand er unter Drogen, oder so.
„Sag mal, bist du betrunken? Natürlich kann ich dich sehen!“, kam es daraufhin von mir.
„Aber... das kann doch nicht sein. Wie machst du das?“, wollte er wissen. „Ich meine, ich habe schon viele Menschen gesehen, aber du bist der erste, der auch mich sieht!“
„Hör endlich auf, mit dem Unsinn! Es stellt sich wohl eher die Frage, was du hier in meinem Garten machst und was diese komische Verkleidung soll!“, fand ich.
„Verkleidung? – Ich laufe immer so rum. Aber deine Gewandung ist ja auch etwas... gewöhnungsbedürftig...“, entgegnete er. Ich sah an mir herunter und stellte mit Entsetzen fest, dass ich meinen alten, bequemen, schweinchenrosa-farbenen Jogginganzug trug, da ich nicht damit gerechnet hatte, heute jemandem zu begegnen. „Und was ich hier mache? – Ich pflanze Bäume. Das hier wird eine Eiche, wenn sie groß ist“, fuhr er fort. „Mein Name ist übrigens Astor.“
„Lillian“, stellte auch ich mich vor.
„Darf ich etwas mit dir ausprobieren, Lillian?“, fragte er vorsichtig.
Nun war ich ein wenig irritiert. „Was denn?“
„Komm mit!“, forderte er mich auf und ging auf den Weidenbaum zu, unter dem ich gesessen hatte. Ich folgte ihm.
„Und jetzt leg deine Hand an den Baumstamm und versuche, in ihn hinein zu gegen“, erklärte er mir ruhig.
„Was soll der Blödsinn?“, fragte ich, und verschränkte die Arme.
„Pass auf, ich mache es dir vor“, sagte er, legte seine Hand auf die Rinde und ein seltsames Licht umrandete seine Finger. Dann ging er langsam in den Baum hinein und verschwand schließlich vollkommen darin. Ich konnte meinen Augen nicht trauen und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mit weit aufgerissenen Augen und offen stehendem Mund näherte ich mich langsam dem Baum und berührte die Rinde, durch die der junge Mann einfach so hindurchspaziert war, doch nichts geschah.
War das alles vielleicht nur ein Traum? Ich konnte es nur hoffen. Denn ansonsten wäre diese Erscheinung nur damit zu erklären, dass ich verrückt geworden war. Ich erinnerte mich daran, wie mir meine Großmutter erzählt hatte, dass ihre Urgroßmutter, der diese Villa gehört hatte, damals von deren Nachbarn für verrückt gehalten wurde, weil sie angeblich Leute sah, die es gar nicht gab. Nur Großmutter selbst sagte immer, sie würde meine Urururgroßmutter nicht als verrückt bezeichnen, eher als sonderbar. Hoffentlich hatte ich das nicht durch die Gene geerbt! Derartige Gedanken schossen mir in diesem kurzen Moment durch den Kopf, bis Astors Gesicht wieder aus dem Baum zu mir heraus schaute.
„Na, los! Worauf wartest du noch? Komm mit!“, ermutigte er mich.
„Ich... kann nicht...“, stammelte ich, „Ich weiß nicht, wie das geht...“
„Es ist ganz einfach. Du musst nur Vertrauen haben! Nimm meine Hand.“ Inzwischen hatte er auch seinen Arm durch die Rinde gesteckt. Ich war neugierig geworden, also legte ich meine Hand in seine, schloss die Augen und tastete mich vorsichtig voran.
Astor lachte. „Du kannst die Augen jetzt wieder öffnen.“ Nun standen wir in einem richtigen Wald. Die Pflanzenvielfalt hier war erstaunlich, da wohl auch einige tropische oder gar längst ausgestorbene Arten dabei waren.
„Wo sind wir hier?“, wollte ich wissen.
„Das hier ist Emmerald, eine mystisch-magische Welt. - Und die Bäume sind die Portale dorthin. Hier lebe ich. Was diese Welt mit der deinen gemeinsam hat? - Es gibt dort exakt genau so viele Bäume und wenn ein Baum in deiner Welt gefällt wird oder stirbt, verschwindet er auch in Emmerald. Jeder Baum hier hat nämlich eine Verbindung mit einem bestimmten Baum in deiner Welt, so führt das Portal eines Baumes auch immer zum selben Ort hinaus und wenn es den Baum nicht mehr gibt, ist auch das Portal für immer ausgelöscht... Aber man muss gut aufpassen, da die Bäume in deiner Welt nicht so angeordnet sind, wie die in Emmerald und du darum durch den nebenstehenden Baum ganz woanders landen könntest“, erklärte er mir.
Ich wunderte mich. „Portale? - Ich dachte immer, die gibt’s nur im Märchen. Und das hier ist also eine andere Welt? Gibt es denn noch mehr Welten?“, stammelte ich.
„Kann sein. Ich weiß es auch nicht. Sonst sind die Hortenser für Menschen nicht sichtbar. Warum sollten es dann Bewohner einer anderen Welt für uns sein?“, überlegte er laut.
„Hortenser?“, fragte ich nach.
„Ja, Hortenser, so nennen wir uns hier in Emmerald, so wie ihr euch als Menschen bezeichnet. Wir lassen uns aber in zwölf verschiedene Rassen aufteilen: Zwerge, Gnome, Trolle, Kobolde, Feen, Waldelfen, Waldgeister, Wassergeister, Felswandler, Irrnächtler, Dämonen und Lichtgestalten. Ich bin übrigens ein Waldelf“, erklärte mir Astor.
„12 Rassen... Und was, wenn zwei verschiedene Rassen miteinander Kinder haben? Vermischen sie sich dann nicht? Oder ist das hier verboten? Gibt es denn keinen Streit unter verschiedenen Rassen, welches die beste ist? Ich meine, unter den Menschen war das einst so“, überlegte ich laut.
„Bei Menschen gibt es verschiedene Rassen? – Also für mich sehen die alle gleich aus... bis auf die Dunkelhäutigen vielleicht... Ja, auch bei uns gibt es Streit. Aber das hält sich in Grenzen. Bestimmte Rassen vertragen sich und andere auch wieder nicht so gut. Aber Hortenser können ihre Rassen nicht vermischen. Kinder werden als Junge zur Rasse des Vaters und als Mädchen zur Rasse der Mutter“, erklärte er mir.
„Aber wenn ihr eure eigene Welt habt, was macht ihr dann in unserer?“, wollte ich wissen.
„Du musst wissen, nicht jeder Hortenser bleibt freiwillig länger als bis zum nächsten Portal in eurer Welt, da sie für sehr schlecht gehalten wird. Jedoch sterben durch die Menschen so viele Bäume. Wir Hortenser benötigen nämlich weitaus mehr frische Atemluft als ihr, die uns von den Bäumen gespendet wird. Wenn also niemand etwas unternähme, würden wir sterben. So hat sich eine kleine Gruppe zusammengeschlossen um Emmerald zu helfen, indem sie in eurer Welt wieder Bäume pflanzt, da man in Emmerald Portale weder schaffen, noch zerstören kann. Wir können in eurer Welt aber auch nur Bäume pflanzen, was anderes geht nicht. Dein Buch, zum Beispiel, könnte ich nicht hochheben, denn es wäre für mich, als würde es mit dem Erdboden verankert sein. Etwa so, als müsste ich einen Stein mit den bloßen Händen in zwei Hälften teilen“, erzählte er mir.
„Interessant...“, fand ich. Nun verstand ich endlich, warum er aus dem Nichts in meinem Garten aufgetaucht war, auch wenn mir die ganze Geschichte noch immer unglaublich vorkam. Nur eines war mir noch unklar: Warum konnte gerade ich ihn sehen?
„Tja... jetzt bist du hier... Und was jetzt?“, fragte er sich nach einem kurzen Moment des Schweigens. „Versuch doch mal selbst durch einen Baum zu gehen!“, schlug er mir vor.
Also legte ich meine Hand auf die Rinde eines Baumes, schloss die Augen, vertraute darauf, durch sie hindurchgehen zu können und konzentrierte mich, doch nichts geschah. Der Baum blieb stur.
„Du bist ein Mensch, eindeutig, denn sonst könntest du problemlos das Portal öffnen“, stellte er fest. „Doch warum kannst du mich dann sehen? Ich hab’s! Probieren wir doch mal aus, ob du auch meine Freunde sehen kannst... Komm mit!“
Er ging voran, ich hinter ihm. Plötzlich musterte er kritisch einen Baum, ging auf ihn zu und zwickte ihn mit den Fingern an einem dünnen Zweig. „Aua!“, schrie der Baum plötzlich auf.
Astor lachte. „Auf deine Versteckspielchen falle ich schon lange nicht mehr herein, Waldo! Darf ich vorstellen? – Das ist Lillian. Lillian, das ist Waldo, ein Waldgeist.“
Vor meinen Augen verwandelte sich der Baum nun in eine menschenähnliche Gestalt mit türkis schimmernder Haut und kräftig blauen Haaren. Dieser Hortenser war leicht durchsichtig und schwebte ein Stückchen über dem Boden. Außerdem trug er ein ledernes Armband mit einem kleinen, ovalen, matt-silberfarbenen Anhänger mit grober Oberfläche daran, in dem ein Eichenblatt eingeritzt war. Er war aus dem gleichen Material wie Astors.
„Freut mich, Lillian“, sprach er zu mir. „Aber ich kann gar nicht erkennen, was du für eine Rasse bist.“
„Halt dich fest, Waldo!“, wurde Astor plötzlich ungeduldig. „Sie ist ein Mensch!“
„Ein Mensch?!“, rief Waldo. „Hier, in Emmerald?! Aber das ist unmöglich! Menschen können uns doch nicht sehen und außerdem können sie nicht durch die Portale.“
„Aber sie kann es!“, unterbrach ihn Astor aufgeregt. „Die Portale kann sie jedoch nur mit meiner Hilfe betreten.“
„Das müssen wir sofort dem Mondmann melden!“, fand Waldo. „Vielleicht können das ab jetzt alle Menschen und wir sind in Gefahr!“
Noch bevor Astor etwas darauf sagen konnte, kam jemand aus dem Baum neben uns. Die Gestalt war groß und unheimlich, darum trat ich erschrocken einen Schritt zurück. Sie hatte rote Augen mit tiefen Augenringen, langes, dünnes, kohlschwarzes Haar und ihre Haut war aschefarben.
„Drako, du warst doch gerade in der Menschenwelt. Kann man dich dort etwa auch sehen?!“, plapperte Waldo aufgeregt los.
„So ein Quatsch! Jeder weiß doch, dass Menschen Hortenser nicht sehen können“, meinte der Hortenser, den er Drako genannt hatte.
„Aber sie kann es!“, wies ihn Waldo darauf hin.
„Ein Mensch... hier in Emmerald... du willst mich wohl auf den Arm nehmen, Waldo! Sie muss ein Hortenser sein. Es gibt bestimmt eine Erklärung für ihr menschenähnliches Aussehen...“, grübelte Drako mit rauer, dunkler Stimme.
„Nein, Drako, du verstehst nicht, sie ist ein Mensch!“, versuchte ihn Waldo zu überzeugen. „Und aus irgendeinem Grund kann sie uns sehen. Das Portal konnte sie jedoch nur durch Astors Hilfe betreten.“
„Wie?! Du hast sie hierher gebracht, Astor?! Du Narr! Man sollte dich verfluchen!“, brüllte ihn Drako an, doch Astor schreckte nicht vor ihm zurück.
„Immerhin musste ich testen, was sie sonst noch Außergewöhnliches kann“, verteidigte sich dieser.
„Sie muss auf der Stelle zum Mondmann gebracht werden!“, entschied Drako.
„Nein, Drako, bring sie nicht zum Mondmann! So wie ich ihn kenne, würde er sie nie wieder in ihre Welt zurückkehren lassen!“, erinnerte ihn Astor, worauf ich erschrak.
Doch Drako blieb stur. „Es wird gemacht, was ich sage!“
„Nicht solange ich es aufhalten kann!“, wandte Astor ein und stellte sich vor mich.
Drako lachte nur. „Willst du dich etwa gegen mich, deinen Anführer, stellen, Astor?“
Plötzlich kamen aus jedem seiner Finger lange, metallene Krallen heraus. Ich schreckte zurück. Schnell drehte sich Astor zu mir um, packte mich, hob mich vom Boden hoch und lief mit mir davon, durch den nächsten Baum. Nun waren wir in einer chinesischen Gartenanlage gelandet, was mich ins Staunen brachte und Astor lief mit mir an den vielen Menschen dort vorbei, die uns wohl nicht sehen konnten, anscheinend noch nicht einmal mich. Ob das wohl daran lag, dass Astor mich berührte? Immerhin konnte ich auch nur mit ihm durch die Baumportale reisen. Gleich darauf kam uns Drako wutentbrannt hinterher. Auch er wurde von den Leuten nicht gesehen. Dann stürzte sich Astor in den nächstbesten Baum, durch den wir wieder nach Emmerald kamen. Von dort aus wieder durch einen Baum in die Menschenwelt. Wir durchquerten ein paar Wälder, durch die wir Drako wohl abgehängt hatten, doch Astor hörte nicht auf zu laufen. Allem Anschein nach wollte er auf Nummer sicher gehen. Plötzlich kamen wir auf einer winzigen, einsamen Insel, mitten im Meer heraus, auf der nur eine einzige Palme stand, also musste Astor wieder kehrt machen und sich einen besseren Baum aussuchen. Als wir noch durch ein paar weitere Wälder gereist waren, wusste ich schließlich nicht mehr, ob wir nun in der Menschenwelt oder in Emmerald waren und auch Astor schien sich nicht sicher zu sein. Er setzte mich wieder am Boden ab.
„Warte hier“, befahl er mir. „Ich werde sehen, ob die Luft rein ist und dann bringe ich dich zurück. Ich muss dazu nur den Baum wiederfinden, aus dem du gekommen bist und dazu muss ich wiederum einen Ort finden, den ich kenne. Rühr dich ja nicht vom Fleck!“
„Bitte geh nicht!“, rief ich ihm ängstlich hinterher, doch er war schon im nächsten Baum verschwunden. Also setzte ich mich auf den Boden und lehnte mich mit dem Rücken an den nächsten Baumstamm.
Eine Weile passierte gar nichts, außer, dass ich mich beobachtet fühlte. Dann tauchte plötzlich ein großer, schöner, bunt schillernder Nachtfalter, am hellichten Tage, direkt vor mir auf. Eine Weile flatterte er um mich herum, bis er sich plötzlich in einen gutaussehenden Mann, schätzungsweise 27 Jahre alt, verwandelte. Seine Augen waren goldbraun, so wie Bernstein, er trug einen feinen, goldenen Anzug, mit dem er aussah wie ein Märchenprinz und strahlte hell wie die Sonne, nur dass mich sein Licht nicht blendete.
„Ich grüße dich. Dich habe ich ja noch nie hier gesehen... Für einen Hortenser siehst du ziemlich merkwürdig aus, muss ich sagen. - Aber fass das jetzt bitte nicht als Beleidigung auf. Merkwürdig auszusehen, schließt Schönheit nämlich nicht aus. Darf ich mich vorstellen? – Mein Name ist Luno. Und dürfte ich auch den Namen der seltenen Schönheit erfahren?“, fragte er mich höflich.
Über diesen Auftritt war ich sehr überrascht. „Ich heiße Lillian“, gab ich ihm zur Antwort. „Aber mach dich bitte nicht über mich lustig, denn von einer Schönheit ist bei mir nun wirklich nicht die Rede.“
Luno begann zu lachen. „Natürlich bist du hübsch, Lillian. Du weißt es nur noch nicht. Aber wenn du erlaubst würde ich es dir liebend gern beweisen... Darf ich?“
Ich erklärte mich mit einem Schulterzucken einverstanden, worauf er mich bat, meine Brille abzunehmen. Ich tat also, was er wollte und konnte gerade noch erkennen, wie er sich wieder in den Nachtfalter verwandelte. Dann setzte er sich auf meine Nase und flatterte heftig mit seinen Flügeln, wodurch mir etwas Staubartiges in die offenen Augen geweht wurde. Gleich darauf setzte mein Lidreflex ein, ich schloss die Augen und rieb sie mir mit den Fäusten aus, sobald ich spürte, dass der Nachtfalter von meiner Nase verschwunden war. Als ich sie danach wieder öffnete, sah ich so klar wie noch nie. Selbst meine Brille auf meinem Schoß konnte ich auf einmal deutlich erkennen, obwohl ich doch weitsichtig war. Als ich diese nun wieder aufsetzte, wurde alles verschwommen. Ich konnte es nicht glauben! Luno hatte doch tatsächlich meine Augen geheilt! Dieser schwirrte inzwischen über meinem Kopf herum, landete ab und zu darauf und legte sonderbaren Staub auf meinen Haaren ab. Danach verwandelte er sich wieder zurück.
„Du... du... du hast...“, stotterte ich ungläubig und begann schließlich einen neuen Satz: „Durch dich brauche ich keine Brille mehr! Oh danke, Luno, vielen herzlichen Dank!“
„Keine Ursache, Lillian“, sprach Luno, so als ob seine Tat selbstverständlich gewesen wäre. „Und diese hier“, dabei nahm er mir meine Brille aus der Hand, “wirst du auch nie mehr brauchen!“ Mit diesen Worten brach er sie in der Mitte entzwei. „So erstrahlen deine wunderschönen hellblauen Augen viel besser.“
„Aber ich habe noch eine Überraschung für dich“, fuhr er fort, reichte mir seine Hand, half mir vom Boden auf und trat ganz nah an mich heran. Dann legte er seine rechte Hand auf mein linkes Schulterblatt, so als ob er mich umarmen wollte. Mit der anderen fasste er an meinen Hinterkopf und zog mir langsam meinen Haargummi ab, wobei ich seinen Atem auf meiner Haut im Nacken spüren konnte. Mein Herz schlug wild, da mir ein so gutaussehender Mann noch nie so nah gekommen war ...bis auf Astor, vorhin, vielleicht... Doch den hatte ich für diesem Moment komplett vergessen. Erst als Luno mich wieder los ließ und mir meinen Haargummi überreichte, kam ich wieder zu mir.
„Warum bist du denn so nervös, Lillian? Komm mit mir zum Teich und sieh dir dein neues Spiegelbild an!“, forderte er mich freundlich auf.
Am liebsten wäre ich sofort, ohne zu zögern mit ihm mitgegangen, da er mich, im wahrsten Sinne der Wortes, verzaubert hatte und ich unbedingt sehen wollte, welches Wunder er diesmal an mir vollbracht hatte, doch da fielen mir Astors Worte wieder ein, dass ich hier auf ihn warten solle, also blieb ich stehen.
„Was ist?“, wollte Luno wissen, der mich inzwischen an der Hand genommen hatte und zum Losgehen ansetzte.
„Astor hat gesagt, ich soll hier auf ihn warten“, erklärte ich ihm. „...Vielleicht kennst du ihn ja...?“
„Ach, Astor, natürlich! Ein netter Bursche“, kam es darauf von ihm. „Aber es dauert doch nicht lange, ich werde dich gleich wieder hierher zurückbringen.“
„Und was, wenn Astor mich verpasst?“, fragte ich unsicher.
Nun legte er beide Hände auf meine Schultern und sah mir mit seinen Bernsteinaugen ins Gesicht. „Warum ist es denn so wichtig für dich, Astor nicht zu verpassen?“, interessierte es ihn. „Würde er denn nicht auf dich warten?“
„Naja...“, begann ich zu stocken. „Unter anderen Umständen vielleicht...“
„Lillian“, unterbrach er mich, „Ich würde immer auf dich warten. - Allein deswegen weil ich weiß, dass du es wert bist zu warten.“ Ich konnte es nicht glauben. Luno gab mir doch tatsächlich das Gefühl, etwas Besonderes zu sein! Das hatte bis jetzt noch keiner geschafft... bis auf meine Großmutter vielleicht... Doch bei der Familie ist das was anderes... „Warum wartest du denn auf Astor?“, unterbrach Luno meinen Gedanken.
Nun musste ich mir schnell etwas einfallen lassen. „Ähm... ich... ähm... Ich soll mit ihm Bäume pflanzen. Heute ist mein erster Tag in ihrer Gruppe“, log ich.
„Und du gehst freiwillig in diese furchtbare Welt?!“, fragte mich Luno ungläubig. „Also ich bleibe dort nicht länger als bis zum nächsten Portal.“
„...Es ist doch für einen guten Zweck...“, wandte ich vorsichtig ein.
„Aber leider wird das nicht viel helfen... Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen Emmerald vollständig zerstört haben. Sie haben Maschinen, um die Bäume zu fällen und wir nur unsere Hände, um sie zu pflanzen... Außerdem dauert es viel zu lange, bis aus dem Samen ein Baum wird und es pflanzen viel zu wenig Hortenser Bäume. Es ist sinnlos. Wir würden es nie schaffen, so viele Bäume zu sähen, wie die Menschen vernichten. Und wenn es so weit ist, dass es nicht mehr genug Bäume gibt und die Atemluft nicht mehr für alle Hortenser ausreicht, dann wird man sich um Sauerstoff streiten und ein Krieg um Leben und Tod wird unter uns ausbrechen“, schilderte mir Luno.
„Aber gerade deswegen muss jemand etwas unternehmen!“, fand ich.
„Ja“, stimmte er mir zu, „doch Emmerald ist nun mal dem Untergang geweiht... Es hat also keinen Zweck. Komm mit mir, Lillian und erfreue dich stattdessen an deiner bisher unerkannten Schönheit.“
Nun hatte ich wirklich keine Ausrede mehr parat und ich wollte ja unbedingt sehen, was Luno mit mir gemacht hatte. Es würde doch nur eine Minute dauern, also erklärte ich mich einverstanden. Luno nahm mich, wohl zufällig, an der Hand und führte mich durch den nächsten Baum in die Menschenwelt und sofort wieder nach Emmerald.
Dort war ein Teich, gleich in der Nähe. Langsam trat ich näher und betrachtete mein Spiegelbild darin. Ohne Brille hatte ich mich noch nie so deutlich gesehen. Ich konnte es nicht fassen! Meine Haare, die sonst immer platt und lose an meinem Kopf nach unten hingen, hatten plötzlich Kraft, Halt, Form, Fülle, Glanz und Volumen! Ich war richtig glücklich! – Und das zeigte ich Luno auch.
„Moment, da fehlt doch noch etwas...“, fand Luno. „Sieh mich mal an.“
Mein Blick wanderte von meinem Spiegelbild im Fluss hinüber zu Luno, der neben mir am Ufer kniete. Dann streifte er mir die Haare aus dem Gesicht, fuhr mir mit dem Handrücken an der Wange entlang, schloss die Augen und schien sich zu konzentrieren.
„Fertig“, meinte er schließlich, öffnete die Augen wieder und nahm seine Hand aus meinem Gesicht.
Erwartungsvoll blickte ich ins Wasser. All meine Hautunreinheiten waren vollkommen verschwunden und zum ersten Mal in meinem Leben erkannte ich, dass ich tatsächlich hübsch war! Luno hatte es die ganze Zeit über gewusst! Vor Freude umarmte ich ihn. Das war zu schön um wahr zu sein. Es kam mir alles wie in einem Traum vor – und genau das musste es auch sein. Ja, jeden Moment würde ich aufwachen und feststellen, dass ich noch immer die langweilige graue Maus bin, die ich immer war, ganz klein und unauffällig... Zauberei gibt es doch nur im Märchen! Langsam ließ ich Luno wieder los, der mich plötzlich ungläubig ansah.
„Was ist?“, fragte ich vorsichtig und sah mich um. „Hab ich was Falsches getan?“
„Nein, ich kann nur nicht glauben, was gerade geschehen ist“, sagte er so ruhig wie immer. „Du hast mich soeben umarmt!“
„Ja, als Zeichen meiner Dankbarkeit...“, sagte ich.
„Das hat bisher noch niemand gemacht, der nicht mit mir verwandt ist. Keiner ist mir dankbar, da mir alle misstrauen“, erklärte er.
„Wieso denn das?“, interessierte es mich. „Hat man denn einen Grund dafür?“
„Man glaubt zumindest einen zu haben... aber das tut jetzt nichts zur Sache, denn schon morgen wirst auch du mich hassen lernen, Lilly. – Doch im Gegensatz zu den anderen wirst du einen Grund haben...“, sprach er etwas traurig und mit gesenktem Blick. Es gefiel mir, wie er mich nannte.
Ich verstand nicht. „Warum sollte ich dich denn hassen? Du hast mir Schönheit verliehen!“
„Nicht ich, Lilly, das warst du selbst. Ich war nur der, der deine Kräfte steuerte. Du hast genügend Kraft um dir alle Wünsche zu erfüllen, du weißt nur nicht, wie du sie lenken kannst“, behauptete er.
„Aber wieso glaubst du, ich würde dich hassen?“, interessierte es mich noch immer.
„Das kann ich dir noch nicht sagen. Du wirst es feststellen, wenn es so weit ist“, antwortete er mir darauf nur, also hörte ich auf, dieser Frage nachzugehen. Nur eines stand für mich fest: Ich würde Luno niemals hassen!
„Wie lange hält der Zauber denn an?“, wollte ich schließlich wissen.
„Auf ewig, dem Alter entsprechend“, erklärte er mir. „Das ist übrigens eine schöne Halskette, die du da trägst“, fiel ihm auf.
„Danke, sie nennt sich Lebensbaum. Ich habe sie von meiner Großmutter...“, begann ich gerade zu erklären, bis mir plötzlich Astor wieder einfiel. „Oh je! Astor! Wie lange sind wir schon hier?“
„Ist ja gut, Lilly, es ist gleich der Baum da drüben“, versuchte mich Luno zu beruhigen.
Als wir jedoch wieder an den Ort ankamen, wo ich vorhin gesessen hatte, war dort niemand. „Hoffentlich war Astor noch nicht hier!“ Ich war sehr besorgt darüber, wie ich nun wieder nach Hause kommen sollte.
„Ich werde bei dir bleiben, bis er kommt“, bot mir Luno zuvorkommend an.
So setzten wir uns nebeneinander ins Gras. Keiner von uns wusste, über was wir nun reden sollten, schließlich kannte ich mich hier in Emmerald nicht aus und das sollte Luno natürlich nicht erfahren. Ich war aber auch irgendwie froh, dass er kein Gespräch begann, da ich wohl kaum hätte mitreden können.
Ich bemerkte, wie er mich die ganze Zeit über von der Seite ansah. „Was ist?“, wollte ich wissen.
Er lachte kurz. „Nichts, du bist nur so unglaublich schön.“ Ich wurde verlegen und sah zu Boden. „Nein, wirklich“, ergänzte er, „du bist überwältigend.“
„Ohne dich wäre ich es aber nicht“, merkte ich an.
„Was bist du nur für eine Rasse?“, überlegte er laut vor sich hin.
„Rate doch mal. Für was hältst du mich denn?“, ging ich geschickt vor, der Frage auszuweichen.
„Für eine Lichtgestalt“, hatte er sich entschieden. „Du musst eine Lichtgestalt sein, so wie ich. Liege ich richtig?“
„Wenn du dir sicher bist, dann wird es wohl so sein“, antwortete ich darauf nur.
„Du spielst mit mir...“, stellte Luno mit einem Kennerblick fest. „Das gefällt mir...“
Wir saßen noch recht lange da und unterhielten uns über allgemeine Dinge, wie zum Beispiel Pflanzen, bis Luno es auf einmal eilig zu haben schien und meinte: „Komm, Lillian, gehen wir. Astor muss dich verpasst haben.“
„Aber ich muss ihn unbedingt treffen!“, wandte ich ein.
„Morgen, in Ordnung? Es wird schon dunkel, siehst du?“ Er zeigte Richtung Himmel und es dämmerte plötzlich äußerst schnell. „Nachts ist es nicht gerade ungefährlich in Emmerald...“
„Aber wo soll ich denn schlafen?“, entfuhr es mir unüberlegt. Darauf ergänzte ich rasch: „Ich bin von weit her gereist und sollte darum bei Astor übernachten.“ Von weit her gereist... was für eine blöde Ausrede! Für was gab es denn bitteschön Portale? Hoffentlich hatte ich mich nun nicht verraten...
Doch Luno ging nicht weiter darauf ein. „Du kannst bei mir schlafen. – Und jetzt müssen wir uns beeilen, bevor es dunkel wird!“, drängte Luno, fasste meine Hand und lief mit mir durch einige Bäume hindurch. Er war nervös geworden und ich spürte dass er leicht zitterte. Als wir in einer Art Dorf angekommen waren, machte er halt. Dort waren viele kleine Stohhäuschen zu sehen, weiter hinten auch Baumhäuser und sogar zwei große Häuser aus Stein. Eines davon, das größere, stand gleich in der Mitte des Dorfes bei einem großen, freien Platz. Das kleinere, aber trotzdem noch riesige, war nicht weit vom anderen Steinhaus entfernt, lag aber mehr am Rande des Dorfes auf einem Hügel. Es waren nur noch wenige Hortenser draußen. Viele von ihnen trugen solche matt-silbernen Metallanhänger mit grober, unebener Oberfläche in den verschiedensten Formen und immer mit anderen Mustern und Symbolen darin eingeritzt. Was diese wohl zu bedeuten hatten? Doch im Moment durfte ich solche Fragen nicht stellen, um mich nicht zu verraten. Luno trug keinen dieser Anhänger, wie mir aufgefallen war. Und auch Drako hatte keinen bei sich gehabt.
Die Hortenser, die mich erblickten, sahen mir komisch hinterher, als mich Luno in das kleinere Steinhaus führte.
„Hier wohne ich“, stellte er klar. „Gefällt es dir?“ Innen war es, zu meiner Überraschung, ziemlich leer.
„Klar!“, meinte ich, da ich ja nicht wusste, was bei Häusern von Hortensern so üblich war und ihn keinesfalls beleidigen wollte.
„...Dann sieh dir erst mal die Dachterrasse an!“, schlug er vor. „Wenn du das hier schon toll findest, dann wirst du von der Terrasse bestimmt begeistert sein!“
Luno schnappte sich zwei Stühle und wir stiegen eine steinerne Treppe hinauf, die auf das flache Dach führte. Dort stellte er die Stühle dann nebeneinander ab und bot mir zuvorkommend einen Platz darauf an. Anschließend setzte er sich auf den leeren Stuhl, rechts neben mich. Wir betrachteten den rasch ablaufenden, aber wunderschönen und faszinierenden Sonnenuntergang mit seinen prächtigen Rottönen und den violetten Schleiern und bald war es draußen stockfinster. Doch zwölf Monde, davon Vollmonde, zunehmende und abnehmende Halbmonde und Mondsicheln und außerdem tausende von Sternen schienen auf uns herab, so als wenn sie nur für uns leuchten würden und erhellten die Nacht. Ich war überwältigt, von diesem wunderschönen, einmaligen Anblick.
„Was für ein Mond gefällt dir am besten, Lilly?“, fragte er mich.
Ich zeigte in den Himmel. „Der Vollmond, dort, direkt vor uns.“
„Ach, was für ein Zufall... das ist der Mond der Lichtgestalten, also unser Mond, wenn man so will“, erklärte er. Ich sah ihn an und er leuchtete noch immer. Wohl typisch für seine Rasse... Nur komisch, dass ihm nicht auffiel, dass ich nicht leuchtete, wenn er mich für dieselbe Rasse hielt. Aber vielleicht leuchten ja nicht alle Lichtgestalten... Plötzlich kamen jede Menge Glühwürmchen dazu und umschwärmten uns. Es war ein traumhaft schöner Moment.
„Pass mal auf, Lilly. Sieh in den Himmel und lass deinen Lieblingsmond nicht aus den Augen“, lenkte Luno meine Aufmerksamkeit wieder auf das Sternenzelt. Plötzlich kam der Mond näher! Ich schielte zu Luno hinüber, der den Mond mit dem Zeigefinder zu sich winkte, bis er riesengroß vor uns am Himmel stand. So etwas Wunderschönes hatte ich noch nie gesehen! Anschließend tippte Luno mit dem Finger Richtung Himmel, wodurch jedes mal ein weiterer, hell leuchtender Stern auftauchte. Unglaublich! „Wie gefällt es dir, Lilly?“, fragte er mich nun.
„Es ist überwältigend schön!“, stieß ich aus.
Plötzlich fröstelte mich leicht. Luno hatte es bemerkt, legte seinen wärmenden Arm um mich und rieb mir mit der Hand sanft die Schulter. Ich musste gähnen, da mich die ganze heutige Aufregung müde gemacht hatte.
„Oh, ich sehe du bist müde... Wollen wir lieber wieder reingehen?“, ließ er mich entscheiden.
Ich nickte nur etwas verlegen. „Entschuldige, ich hätte mir den Himmel gern noch länger angesehen. Jetzt hast du dir die ganze Mühe umsonst gemacht...“
„Aber nicht doch, es war für mich gar nicht schwer und außerdem ist für dich nichts umsonst...“, meinte er darauf nur. „...Aber Moment, fast hätte ich’s vergessen, wir müssen vor dem Schlafen gehen ja noch die Monde anbeten!“, fiel ihm plötzlich wieder ein.
„Äh... ach ja, stimmt, ich hab auch nicht mehr dran gedacht“, spielte ich mit.
„Na dann, worauf wartest du?“, fragte er erwartungsvoll. Plötzlich war ich nur noch halb so müde und hatte sogar die Kälte um mich rum komplett vergessen.
„Ich... äh... ich überlasse lieber dir den Vortritt“, wandte ich schnell ein.
„Aber so ist es doch nicht üblich. Der Gast betet immer vor“, klärte er mich auf.
„Ja, ich weiß...“, behauptete ich schnell. „Es ist nur... Ich wollte damit nur mal was Neues ausprobieren...“
„Also ich glaube nicht, dass das die Monde heiter stimmen würde, wenn auf einmal diese uralte Tradition gebrochen wird...“, überlegte er laut.
„Du hast wohl Recht...“, gab ich mich schließlich geschlagen und fragte mich noch im selben Moment, wovon ich eigentlich gerade redete. Jedoch wollte ich augenblicklich niemanden hier in dieser komischen Welt auf irgendeine Weise verärgern - noch nicht einmal einen Mond – solange ich über die Konsequenzen nicht Bescheid wusste. „Wir müssen die Tradition wahren. In Ordnung, ich bete vor. – Aber ich mache das auf meine eigene Art“, erklärte ich.
Luno war zufrieden und nickte mir zu. „Ich bitte darum.“
Also ließ ich mich auf der Dachterrasse auf die Knie fallen, streckte die Arme zum Himmel empor und richtete die Augen auf den Vollmond vor mir. Aus den Augenwinkeln heraus konnte ich wahrnehmen, dass Luno es mir nachmachte. ...Wie naiv er doch ist... Er hält das wirklich für eine Hortenser-Tradition und dabei ist er doch der Hortenser unter uns beiden...
Dann nahm ich all meinen Mut zusammen und sprach mit einer überraschend kräftigen und somit auch überzeugend klingenden Stimme: „Oh ihr großen, allmächtigen Monde, die ihr über Emmerald herrscht und waltet, geheiligt seid ihr!“ An dieser Stelle neigte ich mich dem Boden zu, so als ob ich es nicht würdig wäre, ihren Anblick zu bewundern. „Wir danken euch für eure reichen Gaben auf Wiesen und Felder und bitten um eure Gunst, auf das noch viele solcher warmen Sommer ins Land ziehen mögen.“ Ich unterbrach mich selbst, als Luno ein komisches Geräusch von sich gab. Es hörte sich fast so an, als müsse er sich krampfhaft das Lachen verkneifen. Zusätzlich grinste er übers ganze Gesicht.
„...Sag mal, machst du dich über mich lustig?“, wollte ich schließlich wissen.
Luno schluckte das Lachen so weit wie möglich runter. „Nein, nein! Mach nur weiter, du machst das großartig, richtig toll!“, entgegnete er äußerst friedfertig.
„Und warum lachst du dann?“, forderte ich ihn heraus.
„Lilly, ich lache dich doch nicht aus, ich lache aus Freude, weil deine Art zu beten mir so sehr imponiert. Ich finde sonst keine Worte, meine Begeisterung auszudrücken. Und wenn ich die Monde erneut anbete, werde ich dies nun immer auf deine wunderbare Art und Weise machen, versprochen.“ Noch immer grinste er so sehr. Also diese Hortenser waren schon komische Wesen...
„Danke“, sagte ich abschließend und lächelte zurück. Dann fuhr ich mit dem Gebet fort.
Inzwischen hatten wir zu Ende gebetet und waren wieder ins Haus gegangen. „Das ist dein Zimmer.“ Luno zeigte zu einem Durchgang, der in ein kleines Zimmer führte, wo ein gemachtes Bett stand. „Solltest du etwas brauchen, dann findest du mich dort.“ Er zeigte zu der Tür gegenüber. „Ich wünsche dir noch eine gute Nacht, Lilly.“
„Danke, ebenfalls“, ergänzte ich, ging in mein Zimmer, ließ mich, so wie ich war, ins Bett fallen und schlief auf der Stelle ein. Um mein Haus, wo noch immer die Terrassentür zum Garten offen stand, machte ich mir keine Sorgen mehr, da ich es immer noch für einen Traum hielt, hier zu sein.
Irgendwann, mitten in der Nacht, wurde ich dann plötzlich von Luno geweckt. „Lilly, willst du länger schön bleiben? – Denn diesen Zauber könnte ich jetzt, in diesem Moment nämlich auf dich anwenden! Das ist genau der richtige Zeitpunkt. Ich könnte deinen Alterungsprozess verlangsamen und gleichzeitig würdest du dadurch länger leben und somit auch länger jung aussehen“, redete er hastig los.
„Auch wenn ich nicht richtig wach bin?“, fragte ich schlaftrunken.
„Genau das ist ja in deinem Fall die nötige Voraussetzung dafür!“, machte er mir klar.
„Gut“, sagte ich nur im Halbschlaf, da ich zu faul war, noch mehr Worte von mir zu geben.
Ich bekam noch mit, wie Luno meine Hand nahm und etwas murmelte, bei dem ich nicht mehr genau zuhörte. Folgende Worte konnte ich noch vernehmen: „Mit der Einverständnis und Zustimmung von Lillian werde ihr Wunsch in meinem Namen erhört und die Zeremonie von mir vollzogen. ...nun ein Hortenser, von der Rasse eine Lichtgestalt, die die Gestalt eines Tieres... - eines Schmetterlings... eines Zitronenfalters annehmen kann und die Gabe des Mitgefühls hat. Im Namen von Emmerald verleihe ich der Volljährigen hiermit den Fluch der Wahrheit...“
Am nächsten Morgen wurde ich von einem lautstarken Streit geweckt. Reflexartig tastete ich am Nachttisch nach meiner Brille – vergeblich, denn als ich die Augen öffnete, registrierte ich, dass das alles kein Traum gewesen war. Ich sah ganz klar, dass ich mich noch immer im Gästezimmer des Steinhauses befand. Emmerald war Realität!
„Mondmann! Ich weiß, dass du sie hast! Wo ist sie?!“, brüllte eine mir bekannte Stimme. Es war Astor! Er hatte mich gefunden! ...Und der Mondmann war in der Nähe?! Oh nein!
„Hey, hey... Astor, beruhige dich. Es geht ihr gut“, versuchte ihn Luno vergeblich zu beschwichtigen. Wie immer blieb dieser vollkommen ruhig.
„Das möchte ich von ihr selbst hören!“, forderte Astor unhöflich.
„Das kannst du. Ich werde sie gleich zu dir bringen. Sie schläft noch. Ich gehe sie wecken“, erklärte ihm Luno. „Warte hier, Astor.“ Dann hörte ich Lunos Schritte auf dem Steinboden näher kommen.
„Lilly, du bist ja schon wach“, stellte dieser überrascht fest. „Astor ist hier. Er möchte dich sprechen und sehen, ob es dir gut geht.“
„Ich weiß, das habe ich noch mitbekommen. Ist der Mondmann auch hier?“, interessierte es mich stattdessen. Beim zweiten Satz war ich sehr leise geworden.
„Ja, der Mondmann ist hier. Ihm gehört das Haus“, erklärte Luno, ebenfalls etwas leiser. „Gibt es einen bestimmten Grund, warum wir uns flüsternd unterhalten?“
„Oh nein... Astor hat gesagt, ich dürfe dem Mondmann nicht begegnen...“, tuschelte ich.
Luno runzelte die Stirn. „Ich frag mal besser nicht nach, warum.“ Darüber war ich wirklich froh.
Nach einem kurzen Moment der Überlegung fragte er schließlich: „Genügt es denn auch, dem Mondmann nicht aufzufallen?“
„Ich denke schon“, meinte ich.
Nun redete Luno wieder etwas lauter. „Ich wollte dir sowieso noch etwas geben, bevor du gehst. Heute Nacht habe ich an meinem Spinnrad Gold- und Silberfäden gesponnen und daraus habe ich es für dich gezaubert. Warte hier, ich werde es holen.“
Er ging in eines der Zimmer im Haus und kam mit einem silberweißen glitzernden Kleid mit schmalen Trägern, das mir etwas übers Knie reichen würde und transparenten Schuhen, wie aus Glas, zurück. „Nichts gegen dich, aber ich fand deine Kleidung sowieso etwas... gewöhnungsbedürftig. Damit wirst du nicht auffallen, außer vielleicht wegen deiner unglaublichen Schönheit. Ich lasse dich jetzt allein, damit du dich umziehen kannst.“
„Und meine alte Kleidung?“, fragte ich.
„Wenn du sie nicht mehr brauchst, kannst du sie auch hier lassen“, gab er mir zur Antwort und verschwand um die Ecke.
„Wo bleibt sie denn?“, hörte ich Astor ungeduldig werden.
„Sie kommt gleich“, kam es daraufhin von Luno.
Inzwischen hatte ich mich umgezogen. Das Kleid war wunderschön und passte wie angegossen, wie ich im Spiegel in Lunos Gästezimmer feststellte. Komischerweise kam es mir so vor, als würde ich heute leuchten, so wie Luno. Meinen Jogginganzug ließ ich hier, da ich dem Mondmann keinesfalls auffallen wollte, indem ich dieses pinke Etwas mit mir trage. Nur meine Halskette behielt ich. Das Erbstück würde ich niemals zurück lassen! Außerdem ähnelt es den Anhängern der Hortenser sowieso etwas. Dann näherte ich mich der Eingangstür, wo Astor und Luno mich bereits erwarteten. Vom Mondmann war jedoch noch immer keine Spur. Vielleicht hatte er sich aber auch nur getarnt, so wie Waldo gestern... Wie der Mondmann wohl aussehen mag?
Luno war, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, von meinem Aussehen begeistert und Astor starrte mich nur noch an. „Lillian, bist du es wirklich? Du siehst so... anders aus...“, wunderte sich Astor.
„Ja, ich bin es. Luno hat das gemacht. Ist das nicht toll?“, wollte ich Astors Meinung hören.
Doch Astor ging nicht weiter darauf ein. „Lillian, wir müssen gehen. – Jetzt sofort!“
„Tut mir leid, Luno, aber ich muss jetzt wirklich los. Vielen Dank für alles, das werde ich dir niemals vergessen! Ich werde dich vermissen!“, verabschiedete ich mich mit einer Umarmung von ihm, worauf er mich freundlich anlächelte.
„Glaub mir, Lilly, du wirst mich nicht vermissen“, sprach er. „Und solltest du es tatsächlich tun, dann kannst du mich ja jederzeit besuchen.“
„Das bezweifle ich“, sagte ich darauf nur etwas traurig, während ich langsam rückwärts die ersten Stufen der kurzen Treppe vor seinem Haus hinunter tappte, um ihn weiterhin ansehen zu können.
„Ich nicht. Du musst nur wollen...“, rief mir Luno etwas selbstsicher hinterher.
„Jetzt komm doch endlich...“, zischte mir Astor ungeduldig vom unteren Ende der Treppe aus zu, also drehte ich mich endlich von Luno weg und folgte ihm.
Während ich etwas zögerlich hinter Astor her ging, drehte ich mich ständig um, um nochmal kurz zu Luno zu sehen. Er sah mir ebenfalls hinterher und winkte mir, mit seinem liebevollen Lächeln im Gesicht, freundlich nach. Ich spürte, ich hatte mich in ihn verliebt und weil wir uns danach wohl nie wieder sehen würden und ich noch immer daran zweifelte, dass diese Welt wirklich existiert und das alles kein Traum ist, machte ich nun etwas sehr Untypisches für mich, was ich mich sonst nie getraut hätte.
Ich machte kehrt und lief auf Luno zu. Als Astor es bemerkte, blieb er sofort stehen und rief mir entsetzt nach: „Hey! Lillian! Das ist die falsche Richtung, hier geht’s lang! Bleib hier! Was hast du vor?!“ Doch ich wollte nicht stehen bleiben. Ich wollte zu Luno, um mich richtig von ihm verabschieden zu können! Dieser stieg, erst noch zögerlich, die Stufen vor seinem Haus hinab und kam mir langsam entgegen. Als ich nun endlich vor ihm stand, fiel ich ihm stürmisch um den Hals und küsste ihn leidenschaftlich, wie bei einer Abschiedsszene aus einem Liebesfilm. Er erwiderte meinen Kuss.
Astor sah mich ganz komisch dabei an. „Lillian, lass das und komm mit! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“, schrie er mir zu. Ich drückte Luno schnell noch einen zweiten Kuss auf die Lippen, ließ ihn los, machte kehrt und lief zurück zu Astor. Luno schüttelte grinsend den Kopf, während ich ihm ein letztes Mal zuwinkte, bevor ich das Dorf verließ und in den Wald einkehrte.
Als Astor und ich außer Reichweite des Dorfes waren, begann dieser mit mir zu schimpfen: „Warum hast du nicht auf mich gewartet, so wie ich es dir gesagt habe? Du hast mir einen riesigen Schrecken eingejagt! Immerhin will ich doch nicht daran Schuld sein, wenn du für immer in Emmerald bleiben müsstest...“
„Ich habe auf dich gewartet, aber du bist nicht gekommen und dann ist Luno aufgetaucht und hat mich schön gezaubert. Er wollte, dass ich mit ihm kurz zu einem Teich komme um mein neues Spiegelbild zu sehen. Ich wollte ja auf dich warten, doch Luno begann Fragen zu stellen und da ich nicht wollte, dass er den wahren Grund erfährt, warum ich auf dich wartete, kam ich einfach mit. In dieser Zeit müssen wir uns verpasst haben. Außerdem ist doch nichts Schlimmes passiert, oder? Bring mich einfach zurück nach Hause und alles wird wieder wie vorher sein“, meinte ich.
„Nichts passiert?!“ Astor musste sich im Ton vergreifen. „Du weißt ja gar nicht wie viel Glück du hattest, dass dich der Mondmann einfach so gehen ließ!“
Nun war ich etwas verwirrt. „Wieso der? Der hat mich ja noch nicht mal gesehen!“
Astor schien nun ebenfalls irritiert. „Ja, sag mal, weißt du denn nicht, wer dein Luno war?“
„Naja, er wohnt im Haus des Mondmanns...“, sagte ich nur.
„Und es kommt noch besser: Er ist nämlich der Mondmann!“, klärte mich Astor auf, worauf ich entsetzt stehen blieb.
„Was?! Luno ist der Mondmann?!“, fragte ich vorsichtshalber nochmal nach um auch wirklich jedes Missverständnis auszuschließen.
„Ja!“, bestätigte mir Astor. „Und jetzt komm, bevor er es sich anders überlegt. Wir sind nicht mehr weit von deinem Baum entfernt!“ Ich folgte Astor, doch nebenbei konnte ich es einfach nicht fassen, dass Luno tatsächlich der Mondmann war, der mich angeblich nicht mehr in meine Welt zurücklassen würde. „So, da wären wir“, sprach Astor schließlich und führte mich durch meinen Heimatbaum.
Doch als wir dort ankamen, erkannte ich meinen Garten nicht wieder! Um die Weide herum war ein gelbes Band von der Polizei gespannt, sowie um die offene Terrassentür, um die Haustür und schließlich um mein gesamtes Grundstück. Außerdem wimmelte es nur so von Polizeiautos mit eingeschaltetem Blaulicht und Polizisten. Die Nachbarn hatten sich vor der Absperrung versammelt und glotzten neugierig. Ich ließ Astors Hand los und lief zu einem der Polizisten hin.
„Hey! Was ist denn hier los? Was machen Sie alle auf meinem Grundstück? Ist etwas passiert?!“, fragte ich ihn aufgeregt, doch er beachtete mich nicht, so lief ich zum nächsten. Nach und nach entnahm ich aus ihren Gesprächen, dass ich spurlos verschwunden war und nur ein Buch von mir übrig geblieben ist.
Astor beobachtete mich dabei von der Trauerweide aus. „Lillian, sie können dich nicht sehen!“, rief er mir schließlich zu.
„So ein Quatsch! Ich bin doch ein Mensch und ich berühre dich auch nicht mehr. Sie müssen mich einfach sehen können!“, schrie ich verzweifelt.
„Das ist also sein Plan...“, überlegte Astor laut. „Darum hat er dich einfach so gehen lassen... Weil er es irgendwie geschafft hat, dich für die Menschen unsichtbar zu machen! – Oder anders: Er hat dich in einen Hortenser verwandelt!“
Ich wollte es einfach nicht glauben, dass Luno so etwas tun könnte, wo er doch so nett zu mir war. Doch es stand außer Zweifel, dass er der einzige war, der mich verzaubert hatte. „Mir ist zwar schon aufgefallen, dass du so komisch leuchtest, aber noch dachte ich mir nichts dabei. ...Oh nein! Jetzt ist einer von ihnen auf die kleine Eiche getreten!“, stellte Astor unglücklich fest, fuhr dann aber weiter fort: „Probier doch nochmal aus, ob du nun ohne meine Hilfe durch Bäume gehen kannst.“
Langsam trat ich an die Trauerweide heran und berührte sie. Nun wurden auch meine Finger von jenem seltsamen Licht umrandet, so wie ich es von Astor gesehen hatte und ich konnte das Portal ohne Schwierigkeiten betreten.
„Da haben wir’s! Der Mondmann hat es irgendwie geschafft, dich in einen Hortenser zu verwandeln...“, stellte Astor fest, der gleich nachgekommen war.
„Aber woher sollte Luno denn gewusst haben, dass ich ein Mensch war?“, fiel mir plötzlich auf. „Ich habe ihm nicht davon erzählt und ich denke auch nicht, dass ich mich versehentlich verraten haben könnte.“
„Das musstest du auch gar nicht. Er hat es nämlich die ganze Zeit über gewusst. – Von Drako, denn dieser hat uns nicht so lange verfolgt, wie ich es erst vermutet hatte. In Wirklichkeit hat er, gleich nachdem er uns aus den Augen verloren hatte, den Mondmann aufgesucht und ihm von dir erzählt. Und genau in dem Moment, als ich dich allein gelassen hatte, machte sich der Mondmann auf den Weg zu dir“, erklärte mir Astor.
Das konnte ich mir nun nicht erklären. „Aber wie hat er mich denn so schnell gefunden? Und woher wusste er, dass ich allein sein würde?“
„Weil er die Gabe hat, in die Zukunft zu sehen“, wusste Astor.
Das verstand ich nun nicht. Wie konnte jemand so eine Fähigkeit haben? Ich kam wohl ganz schön unbeholfen rüber, als ich meine Frage an Astor beginnen wollte: „Aber wie...“
