Der Herzensdieb 3 - Christina Schwarzfischer - E-Book

Der Herzensdieb 3 E-Book

Christina Schwarzfischer

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Beschreibung

mittelalterlicher Abenteuerroman, Teil 3 von 3. Jeder der Teile ist übrigens in sich abgeschlossen, sodass man nach Teil 1 nicht unbedingt Teil 2 lesen muss, um zu einem Ende zu gelangen. Es wird jedoch nicht dazu geraten, Teil 2 oder 3 zu lesen, ohne den vorherigen Teil / die vorherigen Teile zu kennen. Ein Roman für Jung und Alt - Romantikern und "Fans" von Spannung und Aktion wird das Buch ganz bestimmt gefallen! Inhalt: Kaum hat Leander eine Familie gegründet, wird ihm auch schon sein baldiger Tod vorausgesagt, was er jedoch geheim zu halten versucht. Zusätzlich stellt sich ihm ein schwieriges Problem, welches die Gilde in zwei Gruppen zu spalten scheint. Die Reaktion darauf, wenn nicht bald eine zufriedenstellende Lösung von ihm käme, wäre voraussichtlich ein Aufstand. Und zu allem Überfluss hat man es dann auch noch auf Raven abgesehen, wofür man Leander als Köder benutzt und diesen jeden Tag aufs Neue um sein Leben spielen lässt...

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Christina Schwarzfischer

Der Herzensdieb 3

das Ende der Legende

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Die Prinzessin und der Dieb

Pinienträne

Impressum

Kapitel 1

Ich war furchtbar nervös und aufgeregt, denn es war so weit: Raven würde gleich unser Baby auf die Welt bringen! Der achte Schwangerschaftsmonat war erst knapp vorbei und wir waren immer noch nicht verheiratet, als sie an diesem Markttag mit mir im Konferenzsaal saß und plötzlich ganz unerwartet ihre Fruchtblase platzte! Zum Glück war heute ein relativ großer Teil der Diebesgilde (noch) nicht auf den Markt gegangen, oder schon wieder zurück und konnte uns behilflich sein. Mein Vater und ich stützten Raven bis in den Schlafsaal, wo Maya, Melissa und meine Mutter in Windeseile alles für die Geburt vorbereiteten.

Kaum hatte Raven sich hingelegt, da kam auch schon Knut angestürmt. „Leander, ich sag’s dir, da draußen ist der Teufel los! Jemand hat dieses angebliche Monster aus dem Wald gefangen und jetzt will er es an einem öffentlichen Platz unter Zuschauern so lange foltern, bis es stirbt!“

„Was?! Sie wollen Johannes umbringen?“, meldete sich Raven aufgeregt. „Leander, du musst was dagegen tun!“

„Ich weiß, aber du brauchst mich doch jetzt! Ich lasse dich nur ungern allein, immerhin bringst du unser Kind zur Welt“, wägte ich ab.

„Ja, aber unser Kind kommt auch ohne dich zur Welt. Johannes, jedoch, muss sterben, wenn du ihm nicht hilfst! Er ist im Moment wichtiger“, machte sie mir klar.

„Ja, du hast Recht! Ich muss ihm helfen! Ein Menschenleben zu retten hat Vorrang, auch wenn das Volk ihn nicht als Mensch anerkennen will. - Aber wer steht dir bei, wenn ich nicht da bin?“

„Alessandro.“ Sie sah ihn bittend mit ihren tiefblauen Augen an.

Mein Vater nickte entschlossen und nahm ihre Hand. „Mach dir keine Sorgen, Leander. Raven ist stark. Sie schafft das schon, da bin ich mir absolut sicher“, konnte er mich beruhigen.

Dann brach ich zusammen mit Knut auf, um den Ort zu finden, wo sie Johannes quälten. Das war nicht weiter schwer, denn am Marktplatz strömten Horden von Menschen alle in dieselbe Richtung. So wie es aussah, hatte Johannes allen Marktständen - und sogar den Akrobaten und Feuerspuckern am Markt - die Schau gestohlen. Ja, sogar einige der eben genannten Schausteller liefen dem Volk hinterher. Aber immerhin sah man sowas wie Johannes wirklich nicht alle Tage... Ich ordnete Knut an, zum Schloss zu laufen, dort Skyla und Dietrich Bescheid zu sagen und sie zum Schauplatz zu bestellen. Sie waren die einzigen, die dem noch ein Ende setzen konnten. Solange würde ich mit allen Mitteln versuchen, sie aufzuhalten, Johannes Schmerzen zuzufügen. So trennten sich also unsere Wege. Schon von weitem hörte man Gelächter und bald konnte ich auch die riesige Menschenmenge sehen, die bereits einen Kreis um das Spektakel gebildet hatte. Ich drängte mich bis nach vorne und was ich dort sah, amüsierte mich, im Gegensatz zu den anderen Bürgern, ganz und gar nicht.

Johannes stand in der Mitte auf einem Pranger. Zur Belustigung des Volks hatte man ihm seiner Kleidung entledigt, darum sah er mit geschlossenen Augen zu Boden und verdeckte mit den Händen, soviel nur ging. Nun konnte ich auch sehen, dass von seinen Brandnarben, die ihn so entstellten, nicht nur Kopf und Arme betroffen waren, sondern auch fast sein kompletter Oberkörper. Zusätzlich hatte man ihm unzählige andere kleinere Wunden, überall am Körper, zugefügt und auf seinem Rücken waren blutige Striemen sichtbar, die wohl von Peitschenschlägen stammten. Am Bauch hatte er eine seltsam aussehende, kreisförmige Wunde. Ich hatte keine Ahnung, von welcher grausamen Gerätschaft die stammen könnte... Das Volk beschimpfte und bespuckte ihn, warf mit rohen Eiern, kleineren Steinen und faulem, matschigem Obst auf ihn.

„Aufhören!“, versuchte ich die Menge zu übertönen. Nun hatte sogar Johannes die Augen geöffnet und blickte vom Boden auf. Als er mich erkannte, änderte sich sein unbeschreiblich trauriger und zutiefst gequälter Gesichtsausdruck in einen Hauch von Hoffnung.

Ich zog mein Hemd aus und überreichte es ihm, worauf er es sich um die Hüfte wickelte. Anschließend ließ ich ihn vom Pranger steigen. Das Volk war empört. „Wer ist dafür verantwortlich?!“, schrie ich in die Menge.

„Ich“, meldete sich eine dunkle Stimme hinter mir. „Wer will das wissen?“ Als ich mich umdrehte, kam ein großer, muskulöser Kerl mittleren Alters auf mich zu. Er hatte gerade ein paar Folterwerkzeuge geholt. Ich kannte ihn vom Sehen. Er betrieb eine Schmiede am anderen Ende der Stadt.

„Was soll das? Was hat er Euch getan, dass Ihr Euch das Recht daraus nehmt, ihn so zu demütigen?“, forderte ich mutig zu wissen.

„Es muss mir nichts getan haben. So weit lasse ich es gar nicht erst kommen! Es ist ein Monster und darum eine Bedrohung für das Königreich!“, rechtfertigte sich dieser.

„So ein Unsinn! Er würde niemals jemandem etwas zuleide tun, solange er nicht angegriffen wird. Und er ist auch kein Monster, sondern ist ein Mensch, so wie wir alle. Für sein Aussehen kann er nichts“, klärte ich die Bürger auf.

„Ich glaube, das ist dem Volk genauso egal wie mir! Wir alle wollen sehen, wie er zu Grunde geht - habe ich Recht?“, rief er in die Menge, worauf er großen Beifall erhielt.

„Was aber, wenn Prinzessin Skyla und Prinz Feodor anordnen, ihn frei zu lassen?“, wollte ich wissen.

„Lass mich mit leeren Theorien in Ruhe. Ich sehe weit und breit kein Mitglied der königlichen Familie“, antwortete er darauf.

„Sie werden aber jeden Moment hier sein und das da werden sie bestimmt nicht gutheißen“, warnte ich ihn.

Ich konnte nur hoffen, dass Knut an Darius vorbeigekommen war, inzwischen mit ihnen gesprochen hatte und sie bald ankamen. Recht lange konnte ich die Menge nämlich nicht mehr hinhalten! Doch kaum hatte ich zu Ende gedacht, kam, zu meiner Erleichterung, auch schon die königliche Kutsche angefahren. Knut saß vorne, neben dem Kutscher. Ein Page öffnete die Kutschentür, Dietrich stieg aus und kam auf mich zu.

Uns war beiden bewusst, dass wir uns vor dem Volk nicht wie Freunde benehmen konnten, darum verneigte ich mich vor ihm und sprach: „Prinz Feodor, hört mich an. Man hat diesen Menschen, der allgemein als Monster bekannt ist, grundlos gequält und aufs Schlimmste gedemütigt. Er ist nicht gefährlich, ganz im Gegenteil: Er hat mich einst sogar aus einer Jagdfalle befreit, als ich im Wald unterwegs war.“

Der Prinz schrieb etwas auf ein Blatt Papier und ließ es vom Pagen vorlesen: „Prinz Feodor befiehlt, das Monster frei zu lassen.“ Auf Dietrich war eben immer Verlass! Ein Raunen ging durch die Menge, worauf Skyla aus der Kutsche stieg und es darauf schlagartig still wurde. Vor ihr hatten sie anscheinend mehr Respekt als vor Dietrich.

„Ich danke Euch, Prinz Feodor!“, sprach ich mit einer Verneigung. Dann schrieb er noch einmal etwas und gab mir den Zettel. Darauf stand, dass Johannes im Wald nicht mehr sicher wäre und dass ich ihn darum besser gut verstecken sollte. Also beschloss ich, ihn vorerst in die Diebesgilde zu bringen. Aber erst einmal benötigte er dringend ein Bad, da faule Eier nicht gerade angenehm rochen...

„Knut bringt dich von hier weg“, erklärte ich Johannes.

Dann ordnete ich Knut an: „Besorge am Marktplatz Kleidung und ein Stück Kernseife für ihn - hier hast du das Geld dafür - und begleite ihn dann zu einer einsamen Stelle am Fluss, damit er sich waschen kann. - Lass ihn aber auf gar keinen Fall allein! Danach bringst du ihn mit verbundenen Augen ins Geheimversteck. Ich muss jetzt zu Raven!“

Kapitel 2

Insgesamt war ich eine gute halbe Stunde unterwegs gewesen, bis ich erneut im Konferenzsaal ankam. Kaum hatte ich die Tür geöffnet, ertönte auch schon ein ohrenbetäubender Schrei von Raven. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte man meinen können, jemand ramme ihr gerade einen Dolch in den Bauch! Während Maya, Melissa und meine Eltern Raven im Schlafsaal bei der Geburt behilflich waren, hatten sich die restlichen Diebe, die außerdem zu Hause waren, im Konferenzsaal versammelt, darunter auch Peter und Rainer.

„Die schreit bestimmt noch lauter“, meinte Rainer zu Peter.

„Nie im Leben“, hielt Peter dagegen.

„Um was wetten wir?“, wollte Rainer wissen.

„Das Übliche: Der Gewinner putzt dem Verlierer all seine Schuhe“, rief Peter übermütig.

„Einverstanden“, willigte Rainer ein. Die beiden hatten in letzter Zeit nichts anderes mehr als Wetten im Sinn. Normalerweise beobachtete ich sie immer sehr gern dabei, doch diesmal war mir das völlig egal.

Ich stürmte in den Schlafsaal zu Raven, worauf mein Vater mich bat: „Leander, könntest du bitte für mich übernehmen? Raven bricht mir noch die Hand...! Das Mädchen hat Kraft, sag ich dir...“ Also nahm ich meinen rechtmäßigen Platz ein.

„Ist Johannes frei?“, quetschte Raven hervor.

„Ja, Knut bringt ihn später hierher. Aber jetzt konzentriere dich lieber wieder aufs Kinderkriegen. Das ist im Moment wichtiger“, schlug ich vor, worauf Raven schlagartig presste und auch gleich losschrie. Meine Hand schmerzte, doch ich, als Rechtshänder, hatte ihr vorsichtshalber schon mal die linke gegeben.

„Komm, du schaffst das!“, ermutigte ich sie.

„Ich seh den Kopf! Ich seh den Kopf!“, rief Maya ganz aufgeregt.

„Komm schon, Raven, noch ein kleines Stückchen, dann hast du’s geschafft!“, redete ich ihr zu. „Und wenn dabei meine Hand draufgeht, ich möchte endlich unser Baby in den Armen halten!“ Anscheinend hatte ich Raven überzeugt, denn sie holte ganz tief Luft und presste wieder und wieder, bis das Baby endlich da war. Insgesamt hatte die Geburt eine gute Stunde gedauert.

„Gratuliere, es ist ein Mädchen!“, verkündete Maya, wickelte es in ein Handtuch und überreichte es mir. Ich trug es zu Raven.

„Sie ist wunderschön“, bewunderte Raven unser Baby.

„Ja, das ist sie. Eine wahre Schönheit. Die Knaben werden ihr mal haufenweise nachlaufen! ...Sie sieht genau so aus wie du“, stellte ich fest. „Sie hat deine tiefblauen Augen und deine rosigen Lippen.“

„Und deine Gabe“, ergänzte Raven.

„Welche Gabe denn?“, fragte ich verwundert.

„Die Gabe, mir das Herz zu stehlen“, erklärte sie mir.

„Ach, die Gabe hast du aber auch gegenüber mir! Sie könnte es genau so gut von dir geerbt haben. Wer sagt eigentlich, dass die Kleine überhaupt von mir ist?“, begann ich zu spaßen. „So niedlich bin ich doch gar nicht!“

„Doch, bist du“, behauptete Raven. „Sie hat bestimmt auch was von dir.“

Nun mischte sich auch noch mein Vater ein: „Also ich finde, sie hat deine Hände, Leander. – Perfekte Hände zum Stehlen!“ Ich musste grinsen. Natürlich wussten wir, dass er das nicht ernst gemeint hatte.

„Typisch für dich“, meinte meine Mutter zu ihm. „Denkt immer an den Profit. Lass die drei doch mal allein.“ Maya und Melissa waren bereits gegangen. Nun verließen auch meine Eltern den Raum.

Es war unglaublich schön, das kleine Mädchen einfach nur in den Armen zu halten und zu bewundern. Ich versuchte sogar, so wenig wie nur möglich zu blinzeln, damit ich ja keinen einzigen Moment verpasste, da es mir jedesmal, wenn ich die Augen schloss, wie eine Ewigkeit vorkam, sie nicht zu sehen. Stunden hätte ich so verbringen können, ohne von ihrem Anblick gelangweilt zu sein. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass ich allein von Luft und Liebe leben könnte und nicht mehr als Raven und unser Kind dazu bräuchte...

Kapitel 3

Nachdem ich es nach Stunden endlich wieder geschafft hatte, den Schlafsaal, mit Raven und unserem Kind, zu verlassen, war Johannes längst hier und wartete im Konferenzsaal darauf, mit mir reden zu können. Im Moment hatten wir den Raum für uns allein. „Ich wollte meine Vermutung damals nicht äußern, als du mit Raven zu mir kamst, weißt du noch?“, rief er meine Erinnerung zurück, worauf ich nickte. „Aber vielleicht hätte ich das besser tun sollen“, machte er sich Vorwürfe. „Immerhin hatte sie ähnliche Symptome wie die Katze, also war es durchaus möglich, dass sie schwanger wäre. Ich habe bereits davon gehört, dass sie ihr Kind gerade eben bekommen hat. Gratuliere. Und es tut mir wirklich leid, dass du wegen mir beinahe die Geburt versäumt hättest.“

„Ist schon in Ordnung.“, beruhigte ich ihn. „Du kannst ja nichts dafür. Schließlich musste dir doch jemand helfen. Und...“

„...Und ich konnte mich dafür noch gar nicht bei dir bedanken“, unterbrach er mich. „Danke, Leander, hab tausend Dank! Du hast mir das Leben gerettet. Wie kann ich dir nur je dafür danken?“

„Ist doch selbstverständlich, einem Freund in Not zu helfen“, gab ich ihm zur Antwort.

„Nein, ist es nicht – zumindest nicht bei den Menschen, die ich kennengelernt habe. Das hätte ich wirklich von niemandem erwartet. Und mit dir hätte ich auch nicht gerechnet, vor allem weil wir uns so lange nicht gesehen haben. Ich war mir eigentlich schon sicher, du hättest mich längst vergessen“ – Wie könnte man Johannes vergessen, selbst wenn man es wollte?! – „und ich würde heute sterben - und hatte es auch schon akzeptiert. Es kommt mir glatt wie ein Wunder vor, dass ich jetzt hier sitze und noch am Leben bin. Ich bin beeindruckt von deinem Mut, dich für mich gegen die Menge zu stellen. - Das war doch auch gefährlich für dich! Warum kann es nicht mehr Menschen wie dich geben? Wieso sind die anderen nur so grausam?“ Ich konnte erkennen, wie ihm Tränen in sein noch funktionierendes Auge stiegen.

„Diese Frage kann dir wohl nur Gott beantworten“, meinte ich.

„Mehr als sieben Jahre sind vergangen und die Menschen dieser Welt haben sich kein bisschen geändert. Tut mir leid, dass ich so sentimental werde“, entschuldigte er sich, als er eine Träne verlor.

„Das ist in Ordnung - wirklich!“, wandte ich schnell ein.

„Aber du musst dir mal vorstellen, über sieben Jahre im Wald gelebt zu haben, wo du von den Menschen fast vollkommen abgeschnitten bist. Da hat man so gut wie keine Gefühle, weil beinahe jeder Tag gleich verläuft. - Und jetzt so etwas. Noch nie hat sich jemand für mich auch nur annähernd eingesetzt. Dieses Gefühl, das ich jetzt verspüre, ist mir vollkommen neu.“ Ich nickte verständnisvoll.

„Du fragst dich bestimmt, wo du hier bist“, fiel mir nach einer Weile des Schweigens auf.

„Ja, dieser Junge, Knut, er verband mir auf deinen Befehl hin doch die Augen, bevor er mich hierher führte. Jedoch verstand ich nicht, wozu das gut sein sollte“, schilderte Johannes.

„Du bist hier in einem Versteck“, stellte ich klar. „- Doch es ist nicht nur ein Versteck für dich, sondern für uns alle. Darum darfst noch nicht einmal du seine Lage wissen.“

„Aber wieso versteckt ihr euch hier? Werdet ihr verfolgt? Ihr alle könnt euch doch problemlos auf die Straße trauen, im Gegensatz zu mir...“, wunderte sich dieser.

„Ich werde dir nun etwas erzählen, was dir wahrscheinlich nicht gefallen wird. Aber bilde dir jetzt bitte kein vorschnelles Urteil über uns“, begann ich. „Wir alle hier verstoßen gegen das Gesetz. Wir sind Verbrecher - um genau zu sein Diebe. Und das hier ist unser Geheimversteck, die Diebesgilde. Hier lagern wir all unsere gestohlenen Waren, bis sie unser Hehler weiterverkauft. Und ich bin ihr Anführer. Mein Vater, der sogenannte Herr der Diebe, hat seinen Titel auf mich weitergegeben. Zwar werden wir nicht gesucht, aber wir bevorzugen es versteckt zu leben, um unsere Schätze in Sicherheit zu wissen. Versuche aber nie, die Schatzkammer zu finden, sonst wirst du, so grausam sich das jetzt auch anhört, wahrscheinlich nie wieder zurückkehren. Bevor du dorthin kommst, musst du nämlich ein Labyrinth durchqueren, von dem nur Rainer, er ist unser Hehler, mein Vater und natürlich ich den richtigen Weg zur Schatzkammer wissen. Es ist zu deiner eigenen Sicherheit, den Weg zu unserem Geheimversteck nicht zu kennen, ansonsten hast du immer mit Dieben zu tun, solange du lebst. So geht es sogar der Prinzessin, der die Lage unseres Verstecks ebenfalls bekannt ist. Sie hat einen Dieb geheiratet. Prinz Feodor ist immer noch einer von uns, nur dass er das Stehlen aufgegeben hat.“

Johannes sah mich fassungslos an. Ihm schauderte und erst sagte er kein Wort, doch dann fand er die Sprache wieder. „Ich weiß, dass du im Grunde ein guter Mensch bist, Leander. Und ich weiß auch, dass ich vor euch nichts zu befürchten habe. Warum sonst hättest du dich so selbstlos für mich eingesetzt? An euren Schätzen bin ich nicht interessiert. Ich bin dankbar dafür, dass ihr mir einen Unterschlupf gewährt und habe nicht vor, euch zu verurteilen - oder gar zu verraten.“

„Ich sehe, du handelst sehr überlegt. Wir alle müssen dir vertrauen, dass du uns nicht verrätst. Ach ja, hat Knut dich schon über die Bücherregal-Tür informiert?“, wollte ich wissen. Johannes verneinte. „Dann hattest du Glück, dass du nicht versucht hast, die Tür zu öffnen, denn darin ist eine Falle eingebaut. Wenn du sie gefahrlos öffnen willst, dann musst du am Buch ohne Titel ziehen – an keinem anderen!“

Johannes nickte etwas schockiert. „Es ist also doch zu etwas gut, wenn man nie Lesen gelernt hat“, stellte dieser fest.

„Ach... und lass die Finger von den Waffen im Trainingsraum, kapiert?“ Er schwor es mir. Dann fiel mir auf: „Sag mal, wo ist eigentlich deine Ratte?“

„Tot“, hauchte er. „Sie haben meinen Freund umgebracht, als sie ihn zu meinem Vollstrecker machen wollten.“ Noch bevor ich fragen konnte, wie man das anstellen wollte, erzählte er mir auch schon davon. „Sie rissen mir die Kleidung vom Leib, drückten mich auf den Boden und setzten Freund auf meinen Bauch. Dann stülpten sie einen Blecheimer über ihn und häuften glühend heiße Kohlen darauf, so dass sich der Eimer erhitzte - sowohl von außen als auch von innen - darum drückten sie ihn mit Holzscheiten auf mich, um sich selbst nicht daran zu verbrennen. Eigentlich erwartete man von dem Instinkt einer Ratte, sie würde sich durch meinen Bauch hindurcharbeiten, um der Hitze zu entkommen. Doch Freund war anders. Er hätte mich nie verletzt, lieber starb er. Daher kommt auch die kreisförmige Wunde auf meinem Bauch. Sie wird mich immer an meinen treuen Freund erinnern...“

„Das tut mir wirklich leid für dich und deinen Freund...“, bedauerte ich ihn während ich vergeblich nach trostspendenden Worten suchte. Zu meinem Glück öffnete sich genau in diesem Moment die Eingangstür.

Peter und Rainer kamen herein. Peter lachte, während Rainer etwas sauer aussah. Zusätzlich hielt Peter zwei Paar furchtbar schmutzige Schuhe in den Händen und die an seinen Füßen waren auch nicht gerade sauberer. „Lasst mich raten:“, begann ich meinen Satz, „Rainer hat die Wette verloren.“

„Ja“, jubelte Peter, „und ich zahle ihm jetzt alles heim!“

„Eigentlich habe ich die Wette nicht verloren!“, schimpfte Rainer. „Lautstärke kann jeder anders empfinden.“

„Nix da, wir haben abgestimmt und alle im Raum fanden, ebenfalls wie ich, dass Raven nicht lauter geschrien hatte als vorhin“, stellte Peter klar.

„Zum Glück...“, murmelte ich, worauf mir Peter freudig zustimmte.

Dann fiel mir Johannes wieder ein. „Ihr kennt Johannes schon?“, fragte ich und durfte darauf von beiden gleichzeitig ein eintöniges „Ja...“ vernehmen. Anscheinend waren sie nicht gerade begeistert von seinem vorübergehenden Aufenthalt hier und ließen sich das auch offen ankennen. Vor allem, weil keiner von uns so genau wusste, was in diesem Fall vorübergehend hieß.

Kapitel 4

Am darauf folgenden Tag zur Mittagszeit war Johannes der Erste, der im Konferenzsaal zu Essen begann. Danach verließen Peter, Rainer, Janina und Melissa mit ihren gefüllten Tellern die Küche. Dabei beobachtete ich, wie sie Johannes in großem Bogen umgingen und sich an einen anderen Tisch setzten. Raven und ich waren gerade auch aus der Küche gekommen. Sie achtete nur auf unser Baby in ihren Armen, während ich unsere gefüllten Teller in den Händen hielt. Darum stupste ich sie mit meinem Ellenbogen leicht an, worauf sie mich ansah und ich mit einer allessagenden Geste in Richtung Konferenzsaal wies. Raven hatte verstanden. Ohne die vier auch nur anzusehen, setzten wir uns zu Johannes an den Tisch. Peter guckte mich dabei unschuldig fragend an, worauf er einen bösen Blick von mir zurückerhielt. Die restlichen Diebe, bis auf Vater, dem die Situation ebenfalls aufgefallen war und meiner Mutter, setzten sich zu Peter und Rainer. Hanna und Maya, jedoch, entschieden sich nach einer Weile, sich zu uns an den Tisch zu setzen. Johannes wollte von manchen eben einfach nicht akzeptiert werden. So war es eben leider.

Seit Johannes zu uns gekommen war, war irgendwie alles anders geworden - beinahe unheimlich... Es wurde nur mehr selten wirklich geredet, sondern beinahe nur noch geflüstert und geheimnisvoll getuschelt, teils gemurmelt und sogar genuschelt. - Und zu meinem eigenen Entsetzen bemerkte ich, dass ich selbst auch immer mehr damit anfing! Aus irgend einem Grund schien Johannes keiner so richtig über den Weg zu trauen, ja sogar zu fürchten. Und dieser Grund war wohl sein Aussehen. Nur Hanna schien das nichts auszumachen.

„Ich habe schon jede Menge Hässliches gesehen“, erwähnte sie erst vor Kurzem in einem Gespräch mit mir über Johannes. „Mein Großvater sah kurz vor seinem Tod weitaus schlimmer aus als Johannes. Er hatte die schwarzen Pocken.“ Das erklärt wohl auch, dass sich die beiden schnell anfreundeten. Übrigens mochten ihn die beiden Katzen, die uns Dietrich gegeben hatte, ebenfalls. Mit Tieren konnte er wirklich toll umgehen!

Ich selbst kann jedoch sonst nicht recht viel mehr darüber sagen, da ich zu sehr mit meiner süßen Tochter beschäftigt war. Raven und ich hatten beschlossen, sie nach ihrem Großvater Alessandro zu benennen. Darum einigten wir uns auf den Namen Alexa, was meinem Vater geradezu eine gewaltige Ehre war. Alexa war, wie sich schon ein paar Tage nach ihrer Geburt herausgestellte, ein sehr ruhiges Kind. Sie war nicht anspruchsvoll und schrie nicht oft. Das war aber auch gut so, weil sie sonst nachts die ganze Diebesgilde wach gehalten hätte, da wir alle ja in einem großen Raum schliefen. Vor ihrer Geburt hatten wir schon gedacht, wir müssten unser Bett in die Rumpelkammer schieben, doch das war dann glücklicherweise gar nicht nötig. Auch Skyla und Dietrich waren in den letzten Tagen mal vorbeigekommen, um sich unser Baby anzusehen und sich nach Johannes zu erkundigen, der ohne ihre Hilfe wohl nicht mehr leben würde. Johannes wusste das auch wirklich sehr zu schätzen und bedankte sich ausführlichst beim königlichen Paar.

Kapitel 5

Eines Tages ging ganz unerwartet die Tür im Konferenzsaal auf und da war er wieder: Heiko! Das erste was passierte: Er schrie. „Passt auf! Hinter euch!“, versuchte er uns zu warnen. Wir drehten uns um und erblickten gelangweilt, was wir schon so oft gesehen hatten, um genau zu sein täglich: Ein Häufchen Elend - Johannes.

„Ach, vor dem brauchst du keine Angst zu haben“, gab Knut Entwarnung. „Der tut dir nichts.“

„Wo kommt das Ding her?“, interessierte es Heiko.

„Das ist dieses besagte Monster aus dem Wald, welches Leander aus der Falle befreit hat, du weißt schon...“, erklärte ihm Knut.

Heiko nickte. „Und was macht es hier?“

Knut wollte gerade antworten, da meldete sich Johannes zu Wort: „Danke, Knut, ich kann für mich selbst sprechen.“

„Es kann sprechen?!“, wunderte sich Heiko. „Langsam wird mir das hier unheimlich!“

„Natürlich kann ich sprechen. Ich bin auch ein Mensch, so wie du“, erklärte Johannes etwas beleidigt. Dann widmete er sich Heikos Frage: „Ich bin hier weil man mich im Wald entdeckt und gefangen genommen hat. Darauf wollte man mich töten, doch Leander ließ das nicht zu und jetzt versteckt er mich hier.“

„Typisch für Leander...“, meinte Heiko.

„Ich kann ihn doch nicht einfach von den anderen ermorden lassen!“, verteidigte ich mich. „Sag mal, Heiko, warum bist du eigentlich hier? Hat’s mit Elise nicht geklappt?“

Da hatte ich wohl eine wunde Stelle getroffen, denn Heiko senkte das Haupt, schloss dabei die Augen und verzog sein Gesicht, so als hätte er Schmerzen. Sogleich blickte er wieder auf. „Ja, es ist wahr, ich hatte Krach mit ihr. Sie war nicht zufrieden damit, dass ich weder lesen noch schreiben kann und wollte, dass ich es lerne. Ich versuchte es ja, doch sie war mit meiner Leistung ebenfalls nicht zufrieden und behauptete sogar, ich würde mich nicht ernsthaft darum bemühen! Aber ich kann das einfach nicht! ...Und dann habe ich an eure Worte gedacht: Heiko, du kannst zurückkommen, wann immer du willst. Bei uns bist du jederzeit willkommen. Also hab ich mich in der Nacht nach unserem Streit, der nicht mit einer Versöhnung endete, nachdem Elise eingeschlafen war, ohne ein Wort aus dem Staub gemacht. ...Ob sie mich wohl vermisst?...“ Wir alle bedauerten Heiko deswegen, doch eigentlich hätte man ihn genau so gut beglückwünschen können, denn ich wusste ja, wie Elise sein konnte... Auf ewiges Glück zwischen den beiden hätte ich mich von Anfang an nicht verlassen. Ein Wunder, dass er es überhaupt so lange mit ihr ausgehalten hatte. Nun war Heiko also wieder einer von uns.

Kapitel 6

Demnächst stand Mayas und Sixtus’ Hochzeit an, auf die sich schon jeder sehr freute. Nur Johannes konnte unmöglich mitkommen, da er das Versteck nicht verlassen durfte. Für die meisten war genau das das Schlimmste. Zwar ließ er einem in Ruhe, aber er war eben immer da und man hatte nie die Möglichkeit, hier drinnen wirklich mal allein sein zu können. Ebenfalls wollte man ihn zwar während der bevorstehenden Hochzeit oder an Markttagen nicht unbeobachtet hier lassen, aber es wollte auch keiner, bis auf Hanna vielleicht, allein mit ihm in einem Raum sein. Einen Monat war er jetzt schon bei uns, aber es hatte sich nichts geändert. Man konnte ihn hier einfach nicht richtig akzeptieren.

Genau aus diesem Grund rief eines Montagmorgens, kurz nach dem Frühstück, Xenia mit meiner Erlaubnis eine Besprechung im Konferenzsaal ein. Vorerst wusste jedoch noch niemand, um was es darin gehen würde, nicht einmal ich selbst. Johannes wurde darum gebeten, solange im Schlafsaal zu warten, da dies nur Diebe etwas anginge. Dann begann Xenia zu sprechen: „Diebe, hört mich an! Ist euch denn nicht auch aufgefallen, dass sich hier etwas verändert hat?“ Sie fand Zustimmung. „Die Diebesgilde ist einfach nicht mehr das, was sie einmal war“, fuhr sie fort. Wieder stimmte man ihr zu. „Und woran, glaubt ihr, liegt das?“, stellte sie die entscheidende Frage. Für einen Moment schwieg sie und ein Raunen machte sich unter uns breit, in dem man immer wieder den Namen „Johannes“ vernehmen konnte. „Ihr habt es erfasst! Johannes ist der Auslöser! Persönlich habe ich nichts gegen ihn, doch er passt hier nicht her. Er muss von hier verschwinden! Schließlich sind wir eine Diebesgilde und kein Zufluchtsort für... - eigenartige Kreaturen!“

„Moment mal“, wandte ich ein, noch bevor man ihr erneut zustimmen konnte. „Ich weiß ja, was ihr meint und mir geht es dabei nicht anders. Ja, kann sein, dass er lästig ist. Aber er tut doch niemandem was! Außerdem, wo soll er denn sonst hin? Die Welt da draußen ist zu gefährlich für ihn, weil er dort nicht als Mensch angesehen wird. Er hat dort nicht die geringsten Rechte – nicht einmal das Recht zu leben und...“

Xenia unterbrach mich: „Das ist aber nicht unser Problem!“ – Zustimmung.

„Aber dafür kann er doch nichts“, erinnerte ich sie, worauf sie zurück argumentierte: „Wir doch auch nicht!“ – Zustimmung.

„Das können wir ihm nicht antun!“, fand ich. „Wir müssen eine andere Lösung finden! – Eine Lösung mit der jeder von uns zufrieden ist.“

„Und die wäre?“, mischte sich nun auch Janina ein, die ebenfalls Zustimmung erhielt.

Jetzt wurde es echt laut! Ich wurde mit Problemfragen überhäuft und wusste nicht mehr, auf welche ich zuerst antworten sollte, da begann Alexa plötzlich zu weinen. Raven und mir wurde es zu viel – und meinem Vater anscheinend auch. „Jetzt lasst ihn doch mal in Ruhe!“, verlangte dieser von ihnen, worauf alles still wurde, bis auf Alexa. „Ihr werdet doch jetzt wohl keinen Aufstand machen, nach all den Jahren, in denen wir immer zusammengehalten haben. Vergesst nicht, wir sind alle eins: Diebe. Wir verraten uns nicht gegenseitig. Zusammen sind wir stark – allein sind wir Nichts!“ Die Rede meines Vater wirkte. Er hatte schon immer das Ansehen aller. Sogar der verstorbene Olaf hatte Respekt vor ihm gehabt - und das will was heißen!

„Unser Herr hat Recht. Das geht so weit, dass wir uns gegenseitig zerfleischen! Da seht ihr es, Johannes bringt nur Unfrieden mit sich“, fing Xenia nach einer Schweigeminute dann erneut an.

„Xenia, es reicht“, brummte der Herr der Diebe.

„Gut, ich lasse mir etwas einfallen!“, unterbrach ich das erneute Schweigen. „Ich will eine, für uns alle zufriedenstellende, Lösung finden.“ Nach diesem Satz stand ich auf und verließ entschlossen den Konferenzsaal.

Raven folgte mir mit Alexa, die sich inzwischen wieder einigermaßen beruhigt hatte. Erst schwiegen wir, doch kaum hatten wir das Lagerhaus verlassen, begann Raven auf mich einzureden: „Leander, was hast du vor?“ Ich wusste nicht, was ich ihr sagen sollte, also gab ich keine Antwort. „...Leander?...“, fragte sie nach einer Weile vorsichtig nach, doch ich antwortete nicht. „Leander, jetzt sag doch was!... Bitte!“, forderte sie.

„Ich weiß es doch selbst nicht!“, schrie ich sie an, worauf sie zurückschreckte. Das war gerade nicht geplant gewesen. Von mir selbst überrascht, entschuldigte ich mich bei ihr: „Tut mir leid. - Tut mir leid, dass ich dich angeschrien habe.“

Sie nahm die Entschuldigung an. „Schon gut. Ich weiß, du bist gestresst.“

„Gestresst ist gar kein Ausdruck für meinen momentanen Zustand. Ich brauche jetzt erst mal frische Luft“, meinte ich darauf nur.

„Da habe ich genau das Richtige für dich! Folge mir“, rief Raven auf eine verführerisch-geheimnisvolle Art, nahm mich an der Hand und zusammen gingen wir durch die Wiese, die wie jeden Sommer mit vielen, schönen, bunten Wildblumen bewachsen war, am Flussufer entlang, bis hin zu unserer Stelle. Dort angekommen blieben wir stehen. Ich blickte in das ruhig fließende, klare Wasser, in dem wir uns spiegelten. Raven sah nicht hinein, sondern stand mit dem Gesicht zu mir. Ich sah im Wasser, wie sie sich leicht vorbeugte, sodass sich mir ihr Gesicht von der Seite näherte. Dann säuselte sie mir mit ihrer warmen, beruhigenden Stimme ins Ohr: „So, und jetzt schließ die Augen, entspann dich und vergiss all deine Sorgen...“

Wie könnte man da noch an Probleme denken? Die Augen geschlossen, fühlte ich Ravens sanften, erlesenen Kuss auf meiner Wange und es war, als würde er meine Seele streicheln. Für diesen kurzen Moment war ich so ruhig und zufrieden wie nie. Ihr kleiner Kuss wirkte wahre Wunder! Plötzlich spürte ich eine angenehm kühle Sommerbrise und hörte Alexas überglückliches Glucksen. Ich öffnete die Augen und bemerkte, dass ich Gänsehaut bekommen hatte, aber nicht von der Brise, sondern weil mir Raven so unheimlich gut tat. Dann setzten wir uns mit Alexa in meinen Armen ganz dicht nebeneinander ins Gras und redeten lieb auf sie ein, so wie man das eben mit Babys macht. Es war ein richtig glücklicher und bis oben hin mit Liebe erfüllter Moment, den Raven da nutzte um mich zu küssen, was es noch viel schöner machte.

Kapitel 7

Nach etwa einer Stunde beschlossen wir dann zurück in die Stadt zu gehen, um uns am heutigen Markt umzusehen. Alexa würde heute das erste Mal dort sein. Kaum am Marktplatz angekommen, fanden wir erneut ein uns bereits bekanntes kleines, dunkelblaues Zelt vor. Olga, die Wahrsagerin, war wieder in der Stadt und an Ravens Blick erkannte ich sofort, dass ich keine Chance hatte, nicht in das Zelt gehen zu müssen. Da erinnerte ich mich wieder an Olgas Worte, die sie vor etwa neun Monaten ausgesprochen hatte: „Ich möchte euch beide warnen. Euch werden einige Prüfungen des Lebens in Sachen Durchhaltevermögen und Treue bevorstehen und dabei ist es äußerst wichtig, dass ihr zueinander ehrlich seid und einander vertraut. Nur dann wird eure Liebe diese schwierige Zeit überstehen. Eine Prüfung ist bereits angebrochen. Mehr darf ich euch darüber nicht sagen. Ach und Leander, du wirst einige Überraschungen erleben...“

„Natürlich“, schoss es mir durch den Kopf. „Mit dieser angebrochenen Prüfung meinte sie, dass Raven schwanger war, von dem wir jedoch zu der Zeit noch nichts wussten. Darum hatte sie Raven auch geraten, gut auf sich zu achten... Ich musste treu bleiben, als der Alkohol mich beinahe dazu brachte, Raven mit Skyla zu betrügen und Durchhaltevermögen beweisen, als Elise mich gefangen hielt. Raven musste mir vertrauen, als ich ihr schwor, dass ich ihr die Wahrheit sagte und für Elise keine Gefühle empfände. Überraschung genug war es auch, als ich erfuhr, dass der Attentäter von damals der Herr der Diebe war, dieser noch lebte und mein richtiger Vater wäre und dass auch meine Mutter am Leben wäre. Olga hatte die ganze Zeit über Recht behalten. Sie war eine wirklich zuverlässige Wahrsagerin. Warum sollte ich mich also vor einem Besuch bei ihr sträuben?“

Mit Alexa betraten wir das Zelt, in dem es nach Räucherwerk duftete. Olga saß, wie damals, auf ihrem Stuhl. Das Alter hatte ihr sichtlich zugesetzt. Sie wirkte von außen hin schwach und kränklich, jedoch vom Geist her schien sie alles andere als das zu sein. „Raven, Leander und die kleine Alexa...“, murmelte sie vor sich hin. „Willkommen! Freut mich, euch wieder begrüßen zu dürfen. Wie ich sehe, habt ihr alle Prüfungen erfolgreich bestanden. Ich gratuliere zu der entzückenden Tochter, auch wenn ich sie leider nicht sehen kann. Aber ihre Aura strahlt eine unglaubliche Wärme und Schönheit aus. Die jungen Männer werden sich einmal um sie reißen... ich sehe es direkt vor mir...“ Olga kicherte schelmisch-vergnügt.