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Bay City, 1960: Am Ende der Veronica Lane wird ein Wellblechhaus abgeliefert, eine Familie zieht ein. Zwei Schwestern, Denise und Babette, bringen nacheinander waschechte amerikanische Babys zur Welt. Das kriegsverheerte Europa haben sie hinter sich gelassen, denn damals scheint die Zukunft in Amerika zu liegen, diesem Kontinent, in dem alles neuer, bunter, fröhlicher ist. Die Geschichte lässt sich aber nicht verdrängen. Amy, die Tochter von Denise, wird von den Toten heimgesucht und macht eines Tages im Keller des kleinen Wellblechhauses eine verstörende Entdeckung. Ein so wuchtiger wie poetischer Roman, gepr.gt von Sehnsucht nach dem gelobten Land und vom verzweifelten Wunsch, mit der Vergangenheit abzuschließen. Eine sprachgewaltige, bildmächtige Anklage gegen den Himmel und dessen Gleichgültigkeit angesichts menschlichen Leids.
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Seitenzahl: 342
Veröffentlichungsjahr: 2021
Catherine Mavrikakis
Roman
Nous remercions le Conseil des arts du Canada de son soutien. We acknowledge the support of the Canada Council for the Arts. Der Verlag dankt dem Canada Council for the Arts für die freundliche Unterstützung.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Le ciel de Bay City
© 2008 Héliotrope, Montréal, Québec
Erste Auflage
© 2021 by Secession Verlag für Literatur, Zürich
Alle Rechte vorbehalten
Übersetzung: Sonja Finck und Patricia Klobusiczky
Lektorat: Christian Ruzicska
Korrektorat: Peter Natter
www.secession-verlag.com
Typografische Gestaltung: Julie Heumüller, Berlin
Satz: Marco Stölk, Berlin
Gesetzt aus Lyon
Herstellung: Daniel Klotz, Berlin
ISBN 978-3-906910-88-8
eISBN 978-3-906910-89-5
Für dich, der du Amerika dein Eigen nennstUnd für dich, meine Blume dieses Kontinents
Die Sechziger- und Siebzigerjahre
Sonntag, 1. Juli 1979
2. Juli 1979
3. Juli 1979
4. Juli 1979. Independence Day.
5. Juli 1979 – 1. Januar 1980
Die Farbe, die ich mit Bay City verbinde, ist ein trübes Blasslila. Die Farbe trauriger Sonnenuntergänge über den Dächern von Fertighäusern, von geklonten Blechhäusern, verziert mit mickrigen, erst gestern gepflanzten Bäumchen. Ich sehe dieses schmutzige Blasslila, das sich über Stunden hinzieht, noch immer vor mir. Ein Blasslila, das friedlich über dem schnurrenden Schicksal der Kleinfamilien verdämmert. Punkt fünf Uhr nachmittags, sobald die ersten Autos sich wieder in den Garagen einfinden, wird in den Küchen losgelegt. Die Fernseher kreischen, die Mikrowellen laufen heiß. Grills zischen und stöhnen, Skateboards geilen sich auf, stoßen mit angeschwollenen Rollen lüstern gegen Fahrräder, Basketbälle prallen gegen Wände und lassen die Langeweile eines ganzen Kontinents durch die Straßen hallen.
Kaum ist in Bay City der Tag vorbei, wird hektisch der Abend begangen, während man sich auf den traumlosen Schlaf der Nacht vorbereitet. In Bay City sind meine Albträume blau, und mein Schmerz hat noch keinen Namen.
Ich weiß nicht einmal, ob es tatsächlich eine Bucht gibt in dieser Kleinstadt in Michigan, in der ich 18 Jahre meines Lebens verbracht habe, vor allem die endlosen Sommer meiner Jugend. Ich weiß nicht einmal, ob eine Promenade am Wasser entlangführt, ein Weg, auf dem die amerikanischen Haushalte am Sonntagnachmittag spazieren gehen oder Sparky, den dicken blonden Labrador, zum Laufen antreiben, nachdem sie den viertürigen Oldsmobile auf dem Parkplatz am Ufer abgestellt haben. Ich weiß nicht, ob der Winter auf dem Huronsee an eine längst vergangene, vergessene Eiszeit erinnert und ob es beängstigend ist, sich auf das veilchenblaue gefrorene Wasser hinauszuwagen, wenn die Stürme, die von West nach Ost über die Prärien fegen, verzweiflungsschwere Flocken mit sich führen. Ich weiß nicht, ob der Geist der native americans noch immer ein unberührtes Ufer heimsucht und ob das Wort Pontiac mehr bedeutet als eine Automarke.
Bay City ist mir fremd. Ich kenne nur den K-Mart am einen Ende der Veronica Lane, das Haus meiner Tante am anderen und die Autobahn in der Ferne, ein gewaltiges Meer, über das wir samstagmorgens zur mall von Saginaw segeln, um unsere Einkäufe zu erledigen. Und den Himmel, diesen bitteren blasslila Himmel, in dem ich für mich keinerlei Bestimmung sehe.
4122 Veronica Lane. Dort habe ich gewohnt. Veronica Lane, eine Straße mit geschichtslosem Namen, eine Straße der Zukunft. Ich sage mir oft: »Ja, das war die Adresse, 4122 Veronica Lane, Bay City, Michigan, United States of America.« Dort habe ich gewohnt. Genau so war’s. Aber ich kann es einfach nicht glauben. Mein Onkel und meine Tante hatten das metallisch blaue Haus, über dessen Dach abends die Sonne erstarb, 1960 gekauft. Babette war damals schwanger mit meinem Cousin. Victor kam ein paar Wochen nach mir zur Welt, weil meine Mutter und ihre Schwester sich abgesprochen hatten, um gleichzeitig schwanger zu werden, um brandneuen Amerikanern das Leben zu schenken, die sie das Wüten und Rasen des kriegerischen Europas vergessen ließen. Das Haus war in einer Fabrik in Flint zusammengesetzt worden. Ein riesiger Lastwagen hatte es eines Tages am Ende der Veronica Lane abgesetzt. Die Blechkonstruktion wurde mit einem Rumms auf dem Boden abgestellt. Dann fuhr der Lastwagen zurück nach Flint, um die nächste Ladung aufzunehmen, die andere Straßen Amerikas besiedeln würde. Damals wurden fast alle Häuser bei uns in der Nähe gefertigt, während Millionen von Autos in Flint von General Motors und in Dearborn von Ford montiert wurden. Die Fabrikschlote stießen einen widerlich braunen Rauch aus, der dem Himmel über Michigan an Sommerabenden und Winternachmittagen seine blasslila Tönung verlieh. Im Frühjahr 1960 also wurde unser Haus in der Veronica Lane abgestellt. Bald kamen ein paar kümmerliche Bäume hinzu. Im Laufe der Zeit sollten sie dem Bungalow einen Hauch von Natur verleihen, ein gewisses Ambiente, ein bisschen Flair. Die Rosen, die meine Tante rund ums Haus pflanzte, um die Hintern der die Fenster blockierenden, brummenden Klimageräte zu kaschieren, sollten unserem kobaltblauen Haus mit den Jahren ebenfalls etwas Menschlichkeit verleihen. Ich erinnere mich noch gut an die blaue Geschwulst am Ende der Veronica Lane, an die Blechhütte, die etwas von einem Bunker hatte. Das war unser Zuhause. Es schien eher das Überbleibsel irgendeiner Apokalypse zu sein als das Versprechen einer verheißungsvollen Zukunft. Nach und nach breiteten sich an unserer Straße weitere Blechtumore aus. Der Krebs der Häuslichkeit bildete Metastasen, er wurde zu unserer vertrauten Umgebung, unserer komfortablen Geißel.
Mein Cousin und ich werden 1961 geboren. Ich erblicke im Sommer das Licht der Welt, in der veilchenblauen Hitze, in dem Jahr, als meine Mutter, meine Tante und mein Onkel unter dem Haus einen Keller graben lassen, den wir basement nennen werden. Dort spiele ich im Moder der Tage mit meinem Cousin Cowboy und Indianerin und später Tischtennis. Dort malt mein Onkel Bilder in kräftigen, grellen Farben, die ihn an das »primitive Leben in seiner Heimat erinnern«, wie meine Tante und meine Mutter spotten. Unter dem Haus gibt es also diese dunkle Höhle, in der wir uns als Kinder gegenseitig erschrecken und in der wir groß werden, während die Waschmaschine polternd den nächsten Gang in Angriff nimmt und der Trockner unsere T-Shirts, Laken und Handtücher durcheinanderwirbelt. Im basement riecht es immer muffig. Dagegen kann man nichts tun. Nicht einmal der Geruch der Ölfarben meines Onkels vermag den Hauch von Verwesung zu überdecken, der uns den Atem verschlägt, sobald wir die Holztreppe hinuntersteigen, und der durchs ganze Haus zieht. Im Sommer wird mir davon besonders übel, obwohl meine Tante versucht, ihn zu vertreiben, indem sie großzügig Glad-Spray mit Frühlingsfrischearoma versprüht, das uns, meinem Cousin und mir, zwei asthmatischen, mürrischen Kindern, die Lungen verätzt. Im Dezember 1961 wird das basement fertig. Da werde ich gerade aus dem Krankenhaus von Chicago entlassen. Die ersten Monate meines Lebens verbringe ich in diesem Krankenhaus. Atembeschwerden bei der Geburt haben mich von Bay City und von Detroit, wo ich zur Welt gekommen bin, ferngehalten. Ich werde in einer Spezialklinik in Chicago behandelt. Meine Mutter kommt mich nicht besuchen und legt keinen Wert darauf, mich selbst abzuholen. Mein Onkel wird beauftragt, das Baby, also mich, nach Hause zu holen. Am Steuer seines Chevrolet bewältigt er die Fahrt von Bay City nach Chicago und zurück in zwölf Stunden. Die Bauarbeiten für das basement halten damals das ganze Haus auf Trab. Mein Cousin ist vor Kurzem geboren. Niemand hat wirklich Zeit, sich um ein Kind zu kümmern, das von Anfang an ohnehin nur Ärger macht. Meine Überlebenschancen sind gering. Es heißt, ich sei etwas zurückgeblieben wegen Komplikationen bei der Geburt, als ich fast erstickt wäre. Meine ganze Kindheit über wiederholt meine Mutter, ich sei schwachsinnig, ich hätte mich nie von meiner Geburt erholt, man brauche mich doch nur anzusehen. Sie weint oft in den Armen ihrer Schwester Babette, während sie mir beim Großwerden zusieht, und beteuert, lieber wäre ihr eine weitere Tochter auf dem Friedhof, wie ihre erste, Angèle, die Totgeborene, die schon bei ihrer Ankunft vom Nichts Verschlungene, als ein debiles Balg wie mich. Meine ersten Lebensjahre sind also in ständiger Trauer erstarrt, außer wenn ich mal wieder Dummheiten mache, mich blamiere oder wir mit der ganzen Familie den Friedhof von Bay City besuchen, wo wir allwöchentlich am Grab meiner großen Schwester weinen.
Ich erinnere mich an eine allergische, bronchitische Kindheit, an erstickende, sauerstoffarme Jahre, durchsetzt von Krankenhausaufenthalten, bei denen man davon ausgeht, dass ich nicht überleben, dass ich endlich dorthin zurückkehren werde, wo ich hergekommen bin. Man sagt über mich, ich sei bläulich und färbte mich manchmal blasslila oder violett. Meine Gesichtsfarbe ist wie der Himmel über Michigan. Ich bin ein Veilchen, eine Blume aus Fabrikrauch. Ich erinnere mich an den Hass meiner Mutter, an den Sauberkeitsfimmel meiner Tante, an die Freundlichkeit meines Onkels, der sich grämt, dass er einen Sohn bekommen hat, und mich manchmal weinend in den Arm nimmt, und daran, dass meine Tante mir die Liebe ihres Mannes übelnimmt. An große graue Autos, an Prügeleien mit meinem Cousin, an Schneestürme, in denen mein schmächtiger kleiner Körper ein wenig auflebt, an alle möglichen Krankheiten, Fieber, Husten, rote Pusteln, an Geflüster an meinem Bett, an grauenhafte Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, Verstecke für die Kinder, Straßengräben, an Gräben hinter dem Haus, in denen ich mich im Sommer verkrieche, um stundenlang den leeren blasslila Himmel über Bay City zu betrachten, und vor allem an den Fernseher, der mich über alles hinwegtröstet.
1965 verstecke ich mich im Sommer und Winter in einem Baumhaus hoch oben in einer Tanne hinter unserem Haus. Von dort habe ich einen weiten Blick. Auf die Autobahn, die drei Kilometer entfernt an unserem Haus vorbeiführt. Auf den K-Mart, das Krankenhaus, die high school. Ich spiele mit den Flocken, die in diesem Winter reichlich fallen, oder grabe mich in das bläuliche Weiß des Schnees ein, der sich im Garten türmt. Im Frühling rede ich mit den Rosenbüschen, atme lustvoll den Duft der Blüten ein, auch wenn die Klimageräte einen Heidenlärm machen. Ich verbringe Stunden auf der Schaukel und versuche, mit meinen Füßen den Himmel zu berühren, oder steige unermüdlich auf die rote Rutsche und gleite hinunter. Josée, die Hündin meiner Tante, ein Langhaar-Husky, folgt mir bei jedem Spiel. Ich vergrabe den Kopf in ihrem graublauen Fell: Es riecht so gut! Josée darf nicht ins Haus. Sie ist die ganze Zeit entweder in ihrem Zwinger oder mit mir draußen. Eines Nachts bin ich verschwunden. Man sucht mich überall. Es ist Herbst. Man ruft nach mir, brüllt, alarmiert die Nachbarn, die Polizei. Ich bin im Zwinger, atme den mütterlichen Geruch der Hündin ein. Ich sage keinen Ton. Man findet mich am nächsten Morgen. Meine Mutter schlägt mich. Man schlägt die Hündin. Meine Tante weint, betet. Mein Onkel geht zur Arbeit. Mein Cousin ist hingerissen vor Bewunderung. Ich werde bestraft. Ich darf einen Monat lang nicht fernsehen. Weil man aber nicht weiß, was man mit mir anfangen soll, gewährt man mir schnell wieder Zugang zum Fernseher und zu meinen Lieblingssendungen. In diesem Winter stirbt Josée an Knochenschwund. Ihr ganzes Leben hat sich bei großer Kälte oder Hitze abgespielt, angekettet im Garten. Das Haus meiner Tante bleibt sauber. Josée wird durch Cindy ersetzt. Mit der neuen Hündin rede ich nicht.
1966 werde ich an den Mandeln operiert. Tagelang spucke ich Blut. Ich sieche dahin. Ich sterbe. Schließlich erhole ich mich. Eines Morgens werde ich wach, und der Tod liegt hinter mir. Ich bin zum Leben verdammt. Das ist also das Dasein. Was da vor mir liegt. Nie wird es etwas anderes geben als den blasslila Himmel über Bay City und die Tränen, die nicht mehr zu weinen ich mittlerweile gelernt habe.
Vom Haus mag ich nur das Badezimmer. Dort suche ich oft Zuflucht. Die Handtücher riechen nach Waschpulver, Seife und einer Lebensfreude, die ich nicht zu fassen bekomme, die immer flüchtig bleibt. Die Kosmetikprodukte meiner Tante und meiner Mutter füllen die Schränke, übersäen die Regale und sind voller Verheißung und vergänglichem Glück. Ich öffne sämtliche Fläschchen, schnuppere an allen Düften. Die Phiolen sind vielfarbig, die Spiegel glänzend, der Hocker prächtig, und wenn ich bade, sind die Schaumblasen blasslila und federleicht. In der Badewanne glitzert alles, alles funkelt. Dort erlebe ich ekstatische Momente, bis meine Tante gegen die Tür hämmert und mir befiehlt, rauszukommen, mich eine Diebin schimpft.
1967 komme ich in die Schule, in die gleiche Klasse wie mein Cousin. Was für ihn ziemlich schade ist. Ein Genie bin ich zwar nicht, aber der Vergleich, den alle unweigerlich ziehen, fällt nie zu seinen Gunsten aus. Eine alte Jungfer mit Dutt, aus Neu-England zugezogen, immer in Schwarz oder Grau gekleidet, versucht, uns halbwegs Lesen und Schreiben beizubringen. Claricia McDonald erkennt nicht, dass die Sechzigerjahre bereits wie ein Gift in unser Blut eingesickert sind, dass sie sich rasend schnell in den weichen Körpern der Kinder ihrer Klasse ausgebreitet haben. Sie versteht nicht, dass wir längst high sind vom Geruch der Zukunft, von den Abgasen der Autos, von den Ausdünstungen der Fabriken und von den Rauchschwaden der Zigaretten, an denen unsere Eltern den ganzen Tag saugen und die wir bereits heimlich konsumieren, hinterm Haus oder im Wohnwagen des Vaters von unserem Freund Don. Miss McDonald ahnt noch nicht, dass Kinder wie wir hoffnungslose Fälle sind. Da kann man nur warten … warten, dass unsere Generation über den Jordan geht, dass sie sich das Leben nimmt, dass sie an Aids stirbt, an Krebs krepiert, an den Folgen eines Verkehrsunfalls oder eines Herzinfarkts, verursacht vom Überfluss unseres fettigen, stumpfsinnigen Lebens. Miss McDonald stirbt 1975, enthauptet in ihrem Auto. Eines Sonntags setzen sich betrunkene Jugendliche ohne Führerschein ans Steuer und rasen los. Auf der interstate 75 hinter dem Haus meiner Tante, die ins mythische Florida führt, zum Ende der Welt, töten sie ein Dutzend Leute. Ich gehe oft an der 75 spazieren. Ich halte den Daumen raus in der Hoffnung, dass mich jemand mitnehmen, entführen, der Mittelmäßigkeit meines Lebens entreißen wird und ich woanders hinkomme, weit, weit weg von Bay City. Aber ich werde immer nur von Deppen aufgelesen, die mich zu meiner Familie zurückbringen oder mich betatschen, bevor sie mich vor dem K-Mart oder auf einer rest area zwischen Bay City und Saginaw rauslassen, von wo aus ich zu Hause anrufe. Miss McDonald stirbt, ohne begriffen zu haben, dass man von der amerikanischen Jugend der Fünfziger- und Sechzigerjahre nichts erwarten darf, dass sie nur dazu taugt, Präsidenten der Vereinigten Staaten mit einer Vorliebe für Autos, blow jobs, Lügen, Sicherheit und Krieg hervorzubringen.
1968 wird dem Haus ein erster Anbau hinzugefügt: der tv room. Möbliert wird der Raum mit einem wuchtigen Sofa aus grünem Kunstleder, chlorophyllfarbenem Dupont-Teppichboden aus garantiert abwaschbarem Nylon, einem Foto von General de Gaulle und einem riesigen Farbfernseher, der Tag und Nacht läuft und dem Anbau seinen Namen gibt. Am Kunstledersofa bleiben sommers wie winters unsere Hintern kleben. Das Sofa ist eine Höllenmaschine, die dazu dient, 365 Tage im Jahr Pobacken und Oberschenkel zum Schwitzen zu bringen. Manchmal scherzt meine Tante, sie werde es als Apparat zur Bekämpfung von Zellulitis weiterverkaufen. Obwohl die unzähligen Klimageräte das Haus meines Onkels und meiner Tante kontinuierlich mit künstlicher Frische versorgen, ist es hoffnungslos. Das grüne Kunstledersofa lässt Hintern und Höschen schwitzen. Nach zehn Minuten vor der Glotze ist alles klatschnass, und wenn meine Schenkel direkt auf dem Sofa aufliegen und ich darauf achte, dass sich nichts zwischen meine Haut und das grüne Kunstleder schiebt, höre ich, sobald ich mich erhebe, ein leises Schmatzen. Nachdem sich meine Haut vom Kunstleder gelöst hat, brennt sie höllisch, und ich habe nach einem langen Abend immer Angst, vom Sofa aufzustehen, da ich weiß, wie schmerzhaft das ist. Egal, wie schnell oder langsam ich mich erhebe, meine Oberschenkel fangen unweigerlich Feuer und weisen anschließend breite scharlachrote Striemen auf. Ich fragte mich, ob meine Tante deswegen, um dieser masochistischen Lust willen, Stunde um Stunde auf dem Sofa verbringt. Abends streckt sie sich auf der Kunststofflandschaft aus und nimmt einigermaßen unschickliche Posen ein. Der Rotwein vom Abendessen ist ihr zu Kopf gestiegen. Dann bittet sie ihren Sohn – meinen Cousin – oder mich, ihr die Zehen zu massieren und dabei den kleinen abzuspreizen und schön von den anderen fernzuhalten. Sich die Füße massieren und streicheln zu lassen, entspanne sie, erklärt meine Tante, und lasse sie ihren harten Alltag vergessen. Oft kommt mir die Aufgabe zu, Babette zu ihrer täglichen Freude zu verhelfen. Mein Cousin weigert sich schon bald, seiner Mutter dieses Glück zu bereiten, und ihr Mann darf sich ihren Füßen weder nähern noch sie anfassen. »Er kann’s einfach nicht.« Es ist nun mal so: Ich bin die Einzige, die ein Händchen dafür hat. Allein ich, die Schwachsinnige, der bei ihrer verpatzten Geburt offenbar die Gabe zuteilwurde, Körper und Seelen zu heilen, bin in der Lage, die Schmerzen wegzuzaubern. Meine Tante ist sehr gläubig. Wie meine Mutter verschweigt auch sie kategorisch, dass sie jüdischer Abstammung ist. Wir reden nie darüber. Babette hat einen waschechten Katholiken geheiratet, meinen Onkel, den Brasilianer, den »négro«, wie meine Mutter zu sagen pflegt. Babette hat entschieden, auf diese Weise jede Spur der »jüdischen Art« in sich zu tilgen, wie meine Mutter, die unaufhörlich beteuert, dass Religion zum Schlimmsten führt. Meine Tante interpretiert meine postnatalen Atembeschwerden als eindeutiges Zeichen der Auserwähltheit, der Auserwähltheit eines Volkes, das sie nicht mehr beim Namen nennen will. Meine Mutter, die sich den republikanischen Idealen Frankreichs und den Ideen der Aufklärung verpflichtet fühlt, fährt sie immer wieder an, das sei Humbug. »Diese Göre ist kein bisschen begnadet. Sie ist einfach nur zurückgeblieben, geistig behindert. Verschone uns mit deinem bigotten Geschwafel, du hast doch gesehen, wohin uns das beinahe geführt hat.« Abends, wenn sie mit abgespreiztem kleinen Zeh auf dem grünen Kunstledersofa liegt und vor Wohlbehagen seufzt, meint meine Tante aber, sie könnte meine Mutter von Gottes unerforschlichen Ratschlüssen und von der Wirksamkeit der katholischen Gebete überzeugen, die sie mich aufzusagen zwingt: »Sie ist die Einzige, die mich heilen kann und alles vergessen lässt. Was glaubst du wohl, wo sie das herhat, Denise? Würdest du fühlen, was ich fühle, wüsstest du, dass ich recht habe. Wart’s nur ab, eines Tages wirst du begreifen, dass deine Tochter ein Geschenk des Himmels ist.« Meine Mutter zuckt murrend mit den Schultern und rutscht neben ihrer Schwester auf dem grünen Kunstledersofa hin und her, wobei ihre Oberschenkel den schmatzenden Kunststoff kneten.
1969 stirbt Louise Cooper, meine Babysitterin, die Tochter unserer Nachbarn, kurz nach ihrer Verlobung mit einem blonden Brillenträger aus Grand Rapids mit 18 Jahren an Knochenkrebs. Louise segnet an einem Karfreitag das Zeitliche. Ich weiß es noch wie gestern. Der Schmerz ihrer Eltern. Ihr Vater, der in unseren driveway getaumelt kommt. Er berichtet uns von den letzten Tagen seiner Tochter. Er sagt ein paar Worte und wischt sich dabei über die Stirn. In unseren Gärten liegt noch Schnee, und der ins Lila spielende Himmel will uns offenbar ein letztes Gestöber aus bläulich weißen Flocken schenken. Mein Onkel und meine Tante bitten Vater Cooper ins Haus. Er kann nicht. Zu viel zu tun: die Beerdigung, die Trauer, das hält auf Trab. Ihr Hund Jim, ein imposanter deutscher Schäferhund, heult stundenlang, festgebunden an der Wäscheleine im Garten der Nachbarn, den ich von meinem Zimmer aus sehe, jault er erbärmlich. So geht es eine ganze Weile, bis Mr Cooper nach Louises Beerdigung, die auf demselben Friedhof stattfindet wie die meiner engelsgleichen, geisterhaften, tot geborenen, glückseligen Schwester, Jim eines Tages umbringt. Er erträgt es nicht mehr, den Hund Nacht für Nacht jammern zu hören. Er nimmt sein Jagdgewehr und erschießt das gewaltige Tier im Garten. Es dauert Tage, bis er die Leiche entsorgt, und bis dahin verwest sie unter den Fenstern meines Zimmers. Zum Glück ist es kalt. Der Geruch ist nicht allzu penetrant. Die Coopers glauben, endlich wieder schlafen zu können. Jim heult nicht mehr.
Nachts ist es in meinem Zimmer sehr hell. Draußen am Haus brennt ständig eine Lampe, um Landstreicher, Diebe und später auch meine zwielichtigen Freunde davon abzuhalten, sich dem Blechhaus zu nähern. Neben meinem schmalen Bett befindet sich auf einer Kommode eine Art Altar. Dort steht ein Jesusbild, das mir Angst macht, eine Statue des heiligen Antonius von Padua, eine weitere des heiligen Judas Thaddäus, Schutzpatron der hoffnungslosen Fälle, und eine Flasche Weihwasser in Gestalt der Jungfrau Maria, die meine Tante sich aus Lourdes hat mitbringen lassen. Ich muss eine Novene nach der anderen verrichten und jeden Abend unter Aufsicht meiner Tante ein schier endloses Gebet aufsagen. Währenddessen brüllt meine Mutter aus der Küche, das sei sinnlos, mit mir sei nichts anzufangen, und es gebe sowieso keinen Gott. Das wüssten wir. Er habe die Juden nicht gerettet. Jeden Abend wiederhole ich: »O glorreicher Apostel, heiliger Judas Thaddäus, betet für meine arme Seele. Errettet mich und nehmt mir die Bürde meines Elends. Erflehet mir Gottes Gnade und Beistand in allen schwierigen Lagen, macht mich vor allem weniger dumm und gemein, damit meine Tante und meine Mutter weniger unter meiner Existenz zu leiden haben. Erhebt mich in den Stand der Auserwählten und macht, dass ich ewige Seligkeit erlange. Ich gelobe, o heiliger Judas Thaddäus, stets der großen Gunst eingedenk zu sein, die Ihr mir gewähren werdet. Stets werde ich Euch als meinen Beschützer ehren. Zum Zeichen meiner Dankbarkeit werde ich mich nach Kräften für Eure Verehrung einsetzen und Euch als Schutzpatron aller hoffnungslosen Fälle bekannt machen. Amen.« Zufrieden bettet mich meine Tante zur Nacht und überlässt mich meinen Ängsten.
Ich weiß, dass Gott böse ist … Das steht in einem der Bücher, die meine Mutter in ihrem Zimmer aufbewahrt. Und so könnte Gott aus Bosheit beschließen, mir einen Besuch abzustatten. Auch das Bild neben meinem Bett starrt mich die ganze Nacht lang an. Sobald ich aufwache, sehe ich Jesus und habe sofort Angst, er könnte mir erscheinen. Und mit ihm die Jungfrau Maria, die schon andere kleine Mädchen heimgesucht hat, etwa in einer verdreckten Höhle in Lourdes. Ich sehe Jesus in die Augen und sage ihm, Bay City sei ein Kaff, in dem man sich besser nicht blicken lässt. Ich flehe Gott, Maria und alle Heiligen an, mich in Ruhe zu lassen. Ich bin unwürdig, vor allem ihrer unwürdig. Ich will keine Heilige sein. Ich bin Jüdin, eine falsche Jüdin, deren Identität noch geheim gehalten wird, eine wesensamputierte Jüdin mit einer katholischen Prothese; ich bin nichts, nichts weiter als ein verängstigtes Kind.
1970 verschanzen wir uns, die komplette Familie, den ganzen Sommer lang aus Angst vor einem Unwetter Tag für Tag im Keller. Jedes Jahr ziehen von Juni an Stürme über uns hinweg. 1970 ist das Wetter jedoch besonders schlecht. Meine Tante hat erfahren, dass ein Tornado der Stufe 5 am 8. Juni 1953 beinahe das Stadtzentrum von Bay City getroffen hätte. Damals erreichte der Wind offenbar eine Geschwindigkeit von 500 Stundenkilometern. Im Umland unserer kleinen Stadt starben 116 Menschen, 844 wurden verletzt. Meine Tante kam Ende des Jahres 1959 nach Bay City und hat das Ereignis demnach verpasst, aber eine Kollegin hat es ihr bis ins kleinste Detail geschildert. Was genügt, um meine Tante und meine Mutter den Zweiten Weltkrieg erneut durchleben zu lassen, die Bombardements, die Hausdurchsuchungen, das stundenlange Eingeschlossensein in Kellern und auf Dachböden. Beim geringsten Gewitter finde ich mich im modrigen basement wieder und lausche den Horrorgeschichten, die beide Schwestern sich in Erinnerung rufen, die sie in Ehren halten. Ich darf nicht einmal nach oben, um nachzusehen, ob die Katastrophe naht. Ich könnte ja vom Blitz erschlagen oder mit dem Dach weggefegt werden. Ist mein Onkel da, weigert er sich, an diesen Séancen kollektiver Hysterie teilzunehmen. Im basement klammert sich meine Tante an meinen Cousin und mich und murmelt, ihr Mann möge an seiner Sorglosigkeit krepieren, sie sagt seinen Tod voraus, nur damit er sich endlich von der Notwendigkeit überzeugen lässt, den Rückzug in den Keller anzutreten. 1970 schenkt mir ein Verehrer meiner Mutter, ein Zahnarzt, der hofft, mich auf diese Weise loszuwerden, ein rotes go-kart, mit dem ich in vollem Tempo über das Feld neben dem Haus und den Parkplatz der nahegelegenen high school brettere. Von nun an rase ich jeden Sommer wie von Sinnen durch die Gegend. Ich rufe den Tod herbei. Er soll kommen, das ist mein Wille, mit quietschenden Reifen und schepperndem Metall. Meine Mutter lässt mich meinen Rennwagen steuern wie mir beliebt. Es beunruhigt sie keineswegs, ihre kaum zehnjährige Tochter mit Vollgas davonfahren zu sehen. Während sie mir von der Tür des Bungalows aus nachblickt, ruft sie mir allerdings nach, ich solle zurückkommen, falls sich am Himmel auch nur die kleinste Wolke zeigt. Ich muss meine Pflicht erfüllen. Sobald der blasslila Himmel über Bay City sich dunkelgrau oder blauviolett färbt, muss ich mich im Keller einbunkern und mich im Familienkreis der Angst vor einem Sturm wie anno ’53 hingeben, der das Umland verwüstet hat. Wie der Krieg fand auch dieser Sturm lange vor meiner Geburt statt, aber ich muss ihn immer wieder durchleben und damit beweisen, dass ich eine gute Tochter bin.
1972 hängt meine Mutter über ihrem Bett einen gerahmten Rundbrief von Yvonne de Gaulle auf. Darin bedankt sich diese kurz und bündig bei aller Welt für die Beileidsbekundungen, die nach dem Tod des Generals bei ihr eingegangen waren. Ich erinnere mich an den blauen Bilderrahmen, das schwarze Passepartout und Yvonne de Gaulles Unterschrift. Der Brief hängt neben dem liegenden Akt, der seit mehr als zehn Jahren über dem Bett meiner Mutter prangt, ein Geschenk meines Vaters, vielleicht zur Erinnerung an die heißen Liebesspiele zu Beginn ihrer Beziehung. Mein Vater habe das Gemälde, so hat man mir oft erzählt, einem begabten Maler aus New Jersey für 39 Dollar abgekauft. Außerdem steht auf dem Nachttisch meiner Mutter ein Foto vom blumengeschmückten Grab des Generals de Gaulle in Colombey-les-Deux-Églises, das Yvonne freundlicherweise allen nostalgischen Bewunderern ihres Mannes hatte zukommen lassen. Meine Familie ist seit dem 18. Mai 1940 gaullistisch, und daran ändert selbst das Exil in Amerika nichts.
1973 zieht meine Mutter nach New York. Mein Vater, den ich damals noch kein einziges Mal zu Gesicht bekommen habe, schreibt nach 16 Jahren Zauderei und gebrochener Versprechen, er wolle sich nun wirklich von seiner italienisch-griechischen Familie, seinem Vater, seiner Schwester, lösen. Er möchte meine Mutter näher kennenlernen und schlägt vor, sie solle zu ihm nach New York kommen. Ich bleibe in Michigan, mit meiner Tante, meinem Onkel, meinem Cousin und meiner toten, auf dem Saint Patrick’s Cemetery von Bay City begrabenen Schwester. Ich träume jede Nacht von meiner Mutter und von New York, das ich im Sommer, so verspricht es meine Mutter, wenn ich sie besuchen komme, ein wenig erkunden darf.
1974 lassen mein Onkel und meine Tante im Garten neben dem großen Feld einen Swimmingpool bauen. Dieses eher belanglose Ereignis wirkt sich drastisch auf mein Leben aus. Meine Mutter findet, dass ihr der Sommer in Bay City richtig guttut. Meine Mutter liebt die frische Luft, das Herumplanschen im Pool, die Fahrräder auf der Veronica Lane und das Rauschen der Autobahn im Hintergrund, die uns allwöchentlich zu Jacobsen’s in Saginaw bringt, wo wir Einkäufe erledigen, um ein wenig Spaß zu haben. Es ist keine Rede mehr davon, dass ich die Sommer in New York verbringe, stattdessen soll ich während der endlos langen, öden Ferien schön in Bay City bleiben und weiterhin jede Woche den Friedhof besuchen, um meiner bescheuerten toten Schwester Blumen zu bringen.
1974 ist auch das Jahr, in dem ich meinen letzten Rest vaginaler Jungfräulichkeit verliere, und zwar in einem violetten Plymouth Superbird Road Runner mit schwarzem Dach, Baujahr 1970. Abend für Abend gehe ich mit einer Bande Freundinnen aus der Veronica Lane – Linda, Pamela und Patricia – hinter dem K-Mart in einen Wald, und dort üben wir uns in Heterosexualität, in eiligem Gefummel und in verschiedenen Techniken des blow job, die aus all unseren damaligen Freunden vorzeitig ejakulierende Familienväter, Frauenverprügler, Serienvergewaltiger und Ehebrecher machen werden, die auf Geschäftsreisen in einem Detroiter Motel eine Kollegin vögeln. Unterm Strich ist Sex nicht ganz so langweilig wie meine Familie. Außerdem komme ich so manchmal zu etwas Geld und kann es im K-Mart ausgeben, wo ich bis zu dreimal täglich hingehe, um mir neuen Nagellack zu kaufen und die am Vortag erstandenen Fläschchen umzutauschen, weil mir die Farbe nicht gefällt. Meine Freundinnen nehmen alle die Pille. Wir beziehen sie von älteren Schwestern oder Freundinnen. Man darf auf keinen Fall schwanger werden. So viel ist klar. Das bringt bloß Probleme. Im Michigan der Siebzigerjahre kann man als 13-Jährige nur schwer abtreiben lassen, und Engelmacherinnen sind rar. Wenn es eine erwischt, hilft man sich am Wochenende untereinander mit Stricknadeln aus, in verwaisten Küchen, während die Eltern zum Einkaufen in Saginaw sind. Doch das ist riskant, es drohen Verletzungen der Gebärmutter und verhängnisvolle Blutungen. Wer Pech hat, muss in die Notaufnahme und die Wahrheit beichten. Da würde man fast noch lieber sterben. Trotzdem sind »die anständigen Mädchen« noch dämlicher als wir, die »Automädchen«, »die Stricknadelmädchen«. Sie träumen von einer Ehe mit Kerlen, die ihre Jugend damit zugebracht haben, alle verfügbaren weiblichen Wesen in ihrem Umfeld zu vögeln, menschliche wie tierische, zum Beispiel im Anschluss an die Footballspiele, nach denen man immer gern eine Stute oder eine Frau in den Arsch fickt, ohne einen nennenswerten Unterschied zu bemerken. Die »anständigen Mädchen« träumen davon, sich von Vollidioten mit blauen Augen und schlaffen, wachsweichen, betäubten Schwänzen sanft schwängern zu lassen. Sie träumen von Häusern, die größer sind als die der Veronica Lane. Sie träumen von einem driveway, in dem vier oder fünf Autos parken, von einem richtigen Swimmingpool, in die Erde eingelassen wie der meiner Tante und meines Onkels und nicht zum Aufstellen wie all die anderen in unserem Viertel. Sie träumen von einem Briefschlitz in der eigenen Haustür und nicht von einem Metallkasten, der 150 Meter entfernt an den Kästen der Nachbarn klebt. Sie träumen von einer weißen Hochzeit und echten Tränen. Von Stricknadeln auch, aber für die Babyausstattung. Ich hingegen träume nie. Erst recht nicht von der Zukunft. Nachts erscheint mir meine Schwester als verwester Fötus. Ihr bis zur Unkenntlichkeit zerfressenes Gesicht verfolgt mich. Mal um Mal ist sie stärker von Tod und Fäulnis entstellt. Nachts werde ich in eine Gaskammer gestoßen, in der Tausende Menschen brüllen und sich die Augen auskratzen. Gemessen an den Angstschauern, die der verrottete Engel der Vergangenheit bei mir auslöst, kommen mir die Zuckungen ein paar unbeholfener Deppen in einem Plymouth Cabrio Baujahr 1970 vor wie Momente der Ruhe und des Friedens, wie eine Pause vom Schrecken meiner Nächte. Währenddessen betrachte ich den Himmel. Er verschlingt mich. Die Typen tun nichts wirklich Böses, wenn sie hastig und schuldbewusst, aber trotzdem lautstark in unseren Mösen abspritzen statt in der Möse ihrer Hündin. Meine Schwester und der Krieg tun mir nachts viel Schlimmeres an.
Am 20. September 1975 nehmen wir geschlossen auf dem grünen Kunstledersofa im tv room Platz, um uns auf ABCSaturday Night Live anzusehen. Dort treten die Bay City Rollers auf, die sich dank einer Satellitenschaltung aus London dem nordamerikanischen Publikum ausliefern. Ein unvergessliches Schauspiel. So steht es damals in sämtlichen Zeitungen, und als die jungen schottischen Musiker eine Woche später auf dem Kennedy Airport in New York landen, werden sie stürmisch bejubelt. Es ist von Hysterie die Rede. Mädchen, ausstaffiert mit karierten Kilts und Hosenträgern, werden ohnmächtig beim Anblick dieser Schreihälse, dieser fünf Flachpfeifen, deren Lächeln selbst beim Singen starr bleibt. Bald schon haben sie Riesenerfolg. In Bay City sind alle stolz auf diese Band aus Schottland, die in Edinburgh völlig unbekannt und arm geblieben ist. Zu Beginn der Siebzigerjahre beschlossen The Saxons, ihren Look mehr auf highlander zu trimmen und sich einen amerikanischen Namen zu geben. Sie warfen blind einen Dartpfeil auf eine Karte der Vereinigten Staaten, und er landete zufällig auf dem quadrierten Himmel über Bay City. Der Anfang einer Legende. Das kommt der Stadt zugute, und sie erlangt einen Hauch Berühmtheit. Viele unkundige Menschen pilgern im Glauben, dort ein Stück Schottland zu finden, nach Bay City. Donny Osmond und seine Brüder verschwinden in der Versenkung. Tatsächlich will sich kein Mensch mehr als Mormone aus Salt Lake City verkleiden, stattdessen ist die Rollermania in vollem Gange. Im Radio läuft nur noch Saturday Night, der Hit des Winters 1976. Manchmal ertappe ich meine Tante dabei, wie sie im Auto oder beim Putzen trällert:
Gonna dance with my baby till the night is through
On Saturday night, Saturday night
Tell her all the little things I’m gonna do
On Saturday night, Saturday night
I-I-I-I love her so
I-I-I, I’m gonna let her know.
Jahrelang prangen die Bay City Rollers auf den Titelseiten des Magazine 16, das sich mit Tiger Beat eine heiße Schlacht liefert und brandneue, extravagante, retouchierte Fotos der fünfköpfigen Band veröffentlicht. Ich hingegen mag nur Alice Cooper, der wie ich tatsächlich aus Michigan stammt, genauer gesagt aus Detroit, und der das Grauen unseres Landstrichs und der abstoßend engstirnigen amerikanischen Kleinstädte aus eigener Erfahrung kennt. Aus voller Kehle singe ich meinen entgeisterten Freundinnen Welcome To My Nightmare vor. 1976 riechen alle Mädchen von Bay City nach Herbal-Essence-Shampoo und dem babypudrig duftenden Frauendeo von Johnson’s. Mit seinen kajalumrandeten Augen, dem schwarzen Haar, den lebenden Schlangen und den Klamotten, als wäre jeden Tag Halloween, ist Alice Cooper der leibhaftige Teufel.
Am 17. November des Vorjahres, als die Hündin Cindy erst wenige Tage tot ist, nachdem sie sich mit ihrer eigenen Kette erwürgt hat, weckt uns mitten in der Nacht das Telefon. Ich nehme den Hörer ab. Ein Mann beschimpft meine Tante. Er beschuldigt sie mit lateinamerikanischem Akzent, einen Priester, meinen Onkel, zur Sünde verführt zu haben, und sagt voraus, dass sie als dreckige Jüdin zur Hölle fahren werde. Auf diese Weise erfahre ich, dass mein Onkel in einem anderen Leben in Brasilien Geistlicher gewesen ist und dass wir Juden sind. Wir reden nie wieder über den Vorfall, und Gustavos Priesterjahre werden fortan mit keiner Silbe erwähnt. Lange Zeit glaube ich, die nächtliche Schimpftirade nur geträumt zu haben, doch im Grunde lässt die Güte, die mein Onkel mir entgegenbringt, sich nur durch christliche Nächstenliebe und die Nachsicht eines wahrhaft frommen Mannes erklären. Er allein findet die Kraft, mir mein Dasein zu verzeihen. Deshalb glaube ich die Schmähung schließlich doch.
1976 fange ich als Kassiererin im K-Mart an, an den Wochenenden und im Sommer. Manchmal liefert mir der Job eine Ausrede, um nicht mit zum Friedhof gehen und heuchlerisch am Grab meiner Missgeburt von einer Schwester niederknien zu müssen. Dieses Mädchen hatte stets mehr Glück als ich. Sie ist bei der Geburt gestorben. Sie hat diese grauenhafte Welt, Bay City und seinen blasslila Himmel nie kennengelernt, sie muss nicht als Kassiererin im K-Mart arbeiten, um die Zeit totzuschlagen. Dort ist immer was los: Streitereien, Diebstähle, Polizeieinsätze, Standpauken des Filialleiters wegen meines Make-ups und der Farbe meines Nagellacks. Hier immerhin rumort die Stadt ein bisschen. 1976 begegnet mir dort an einem Julitag sogar ein französisches Pärchen mit einer Vorliebe für weite Landschaften, das sich nach Michigan verirrt und in Bay City Halt gemacht hat, um ein paar Einkäufe zu tätigen. Die beiden versuchen zunächst, Englisch zu radebrechen, aber es gelingt ihnen nicht, sich meinen Kolleginnen verständlich zu machen. Im K-Mart wissen alle, dass ich eine etwas eigenartige Person bin und mit meiner Familie eine seltsame Sprache spreche, weshalb man ausländische Laufkundschaft immer an mich verweist, obwohl ich nicht mit allen kommunizieren kann. Wie im Juni 1976, als ein paar Polen zu meiner Kasse geschickt werden, mit denen ich selbstverständlich kein Wort wechseln kann. Doch im Juli 1976 führe ich ein Gespräch mit den Franzosen auf der Durchreise. Wir plaudern ausgiebig, und abends laden sie mich sogar ins Restaurant ein. Diese Begegnung ist für mich eine Offenbarung. Französisch existiert auch außerhalb meiner Familie. Meine Mutter und ihre Schwester haben die Sprache nicht erfunden, um mich um den Verstand zu bringen. Ich kann ihnen in der Außenwelt auf Französisch in den Rücken fallen, in ihrer eigenen Sprache ihren Wahnsinn anprangern und vor allem kann ich mit Wörtern, die mir von klein auf im Hals steckengeblieben sind, lachen, scherzen, leben.
1977 durchschlägt eine Kugel unsere Hauswand, weil ein paar Kinder im Feld nebenan mit einem Gewehr herumspielen und einen fetten Waschbären verfehlen. Doch davon erfahre ich zunächst nichts. Es passiert ein paar Tage nach Weihnachten. In der Ödnis der Winterferien. Meine Mutter lässt mich am Donnerstag, dem 23. Dezember, gleich nach Schulschluss zum ersten und letzten Mal nach New York reisen, damit ich die Feiertage mit »meiner Familie« verbringen kann. Am Montag, dem 3. Januar, kehre ich mit dem Reisebus zurück nach Bay City. Die zehn Tage in New York, das Weihnachtsfest in der Großstadt, die Begegnung mit einem Menschen, der mein Vater ist (so wird mir jedenfalls versichert), sind für mich der Anfang und das Ende eines Glücks, auf das ich kein Anrecht habe und das ich schnell wieder vergesse. Und bei meiner Rückkehr geht das alles im Gerede über das Gewehr und den Waschbär unter.
1978 tötet Priscilla Cochran, eine unserer Nachbarinnen, eines Morgens in der Veronica Lane ihre vierjährige Tochter Melissa. Bei der Geburt ihres Kindes war Priscilla selbst noch ein halbes Kind. Als ihre Tochter ein Jahr alt war, heiratete sie schließlich doch noch den Erzeuger: Sean O’Connor. Dieser nimmt es Kind und Mutter übel, ihm die Jugend versaut und ihn in die Ehe gezwungen zu haben. Er arbeitet täglich 18 Stunden und ist nie zu Hause. Priscilla arbeitet ebenfalls viel. Ich passe abends oft auf Melissa auf. Ihre Eltern sind noch bei der Arbeit. Sie rufen in letzter Minute an und flehen, ich solle mich um die Kleine kümmern, die allein zu Hause ist. Priscilla möchte aus ihrem blonden Püppchen ein Fotomodell machen. Aus dem Kind, dem sie die Ehe mit Sean verdankt, das ihr aber auch dessen Hass eingehandelt hat, soll einmal etwas werden. Melissa trägt immer ein Prinzessinnenkleid. Mit vier Jahren kann sie immer noch nicht sprechen. Sie verbringt ganze Abende in einem Sessel im Wohnzimmer, in rosa- oder lavendelfarbenen Tüll gehüllt, und starrt reglos an die Decke. Michigan ist der erste Bundesstaat, der die Todesstrafe abgeschafft hat. Seit 1846 untersagt ein Gesetz dem Staat, seine Bürger zu töten. Das lernen wir in der Schule. Priscilla, die ihren high school-Abschluss in der Tasche hat, weiß das so gut wie ich. Also wird sie nicht hingerichtet. Sie wird zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie ihre Tochter ertränkt hat, im Badezimmer des vierten Hauses von rechts – von uns aus gesehen. Priscilla sagt aus, sie habe doch nur das Kind loswerden wollen, das ihrer Ansicht nach schuld war an Sean O’Connors Wut und seiner Missachtung der ehelichen Pflichten. Sean sagt in dem Prozess übrigens gegen seine Frau aus. Priscilla verrottet in einer staatlichen Strafvollzugsanstalt, während ihre Tochter Melissa in der unfruchtbaren Erde von Bay City verrottet, auf demselben Friedhof wie meine Schwester Angie.
In Bay City bereue ich von klein auf jeden Tag meine Geburt. Unablässig suche ich den blasslila Himmel mit den Augen ab. Nie gelingt es mir, dort die Umrisse einer Zukunft zu erkennen. Manchmal ziehen große Wolken auf, die miteinander Verstecken spielen und mich aufheitern, aber der veilchenlila Farbton stößt mich letztlich immer ab. Am Himmel über Bay City sieht man sich schnell satt. Ich lese in ihm nichts als Gleichgültigkeit. Er kann mir nicht einmal auf den Kopf fallen. Es ist der Himmel eines Amerikas, das bis zum Mond reicht. Dort steckt die amerikanische Flagge im Boden. Die Jungs aus der Nachbarschaft und ich glauben oft, sie an klaren Abenden sehen zu können. Unter dem amerikanischen Himmel ist das Leben furchtlos. In Bay City habe ich nur den Tod im Sinn. Ich träume, dass ich an einem Strick baumle oder zerstückelt werde, ich sehe mich als grün angelaufene, vermoderte Ophelia ertrunken auf dem Grund des blauen Swimmingpools meiner Tante liegen. Ich male mir meine Selbstmorde aus. Ich stelle mir meine Tode vor. Davon sollte es in den 18 Jahren, die ich in Bay City leben würde, sehr viele geben. Doch wer sich die Kugel geben oder das Hirn wegpusten will, muss trotz allem an das Leben glauben und ihm irgendeine Bedeutung beimessen. In Bay City habe ich nicht den geringsten Grund zu leben. Aber auch nicht zu sterben. Der Himmel ist eine trübe Brühe, die ich jeden Abend schlucke. Ich hoffe, mich mit dem beißenden Rauch Michigans zu vergiften. In Bay City lebt es sich gar nicht mal so schlecht. Das Leben verwöhnt uns. Verdirbt uns. Ich bitte den Leichnam meiner Schwester Angie, von dem ich weiß, wie mickrig er ist, mich in sein Grab auf dem Friedhof von Bay City aufzunehmen. Beim Abendgebet flehe ich meine Schwester an, mich zu sich zu holen, damit ich den nächsten Tag nicht erleben muss. Doch für mich ist im Jenseits kein Platz, genauso wenig wie in dieser Welt. Angie will mich nicht. Ich habe mir ihr Leben unter den Nagel gerissen. Ich bin ein schrecklicher Fehler. Ein Irrtum. Ich hätte niemals geboren werden dürfen, aber ich bin nun mal da, und es ist gar nicht so leicht, sich selbst auszulöschen. Ich werde gelebt haben. Das ist mein Pech. Von mir wird immer irgendwas übrigbleiben. Genug, um meiner Mutter das Leben zu verderben. Sie wird nicht vergessen können, welche Schande ich ihr gemacht habe. Sie wird meine Geburt und den absurden Überlebenswillen meines Leibes nicht vergessen können. Ich bin diejenige, die sie gedemütigt haben wird. Ich bin der Schandfleck, der Makel, die offene Wunde von Bay City.
