Der Himmel vor hundert Jahren - Yulia Marfutova - E-Book

Der Himmel vor hundert Jahren E-Book

Yulia Marfutova

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Beschreibung

Ein russisches Dorf um das Jahr 1918. Die Revolution hat bereits stattgefunden, der Bürgerkrieg ist in vollem Gange, aber die Bewohner haben von den historischen Ereignissen noch nichts erfahren. Das untergehende Zarenreich ist groß, die Informationen fließen langsam. Doch selbst an einem Ort wie diesem steht die Zeit nicht still: Der Dorfälteste Ilja, zum Beispiel, trifft seine Wettervorhersagen neuerdings mit Hilfe eines gläsernen Röhrchens, das er hütet wie seinen Augapfel. Der alte Pjotr dagegen belauscht lieber den nahegelegenen Fluss und dessen Geister. Aber noch scheinen die Fronten beweglich. Nun ist ausgerechnet Iljas Frau, Inna Nikolajewna, so abergläubisch wie Pjotr. Als ihr ein Messer herunterfällt, taucht ein Fremder im Dorf auf. Der viel zu junge Mann trägt keine Stiefel, aber eine fadenscheinige Offiziersuniform, und wenn er muss, erzählt er jedem eine andere Geschichte. Man beäugt ihn, bedrängt ihn, bald nicht mehr nur mit Fragen - und doch kommt nicht einmal die junge Annuschka dahinter, weshalb er ins Dorf gekommen ist. Und vor allem: warum er bleibt. Ob sie vom Wetter erzählt, von der Weisheit der Menschen oder der der Fische – Yulia Marfutova macht Stimmen hörbar, die man so bald nicht wieder vergisst. In «Der Himmel vor hundert Jahren» treffen sich Ideen und Ideologen, Dorf und Welt, Gestern und Heute, Humor und Verstand. Eine zeitlose Geschichte, ein herausragendes Debüt.

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Yulia Marfutova

Der Himmel vor hundert Jahren

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Ein russisches Dorf um das Jahr 1918. Die Revolution hat bereits stattgefunden, der Bürgerkrieg ist in vollem Gange, aber die Bewohner haben von den historischen Ereignissen noch nichts erfahren. Das untergehende Zarenreich ist groß, die Informationen fließen langsam.

Doch selbst an einem Ort wie diesem steht die Zeit nicht still: Der Dorfälteste Ilja, zum Beispiel, trifft seine Wettervorhersagen neuerdings mit Hilfe eines gläsernen Röhrchens, das er hütet wie seinen Augapfel. Der alte Pjotr dagegen belauscht lieber den nahegelegenen Fluss und dessen Geister. Aber noch scheinen die Fronten beweglich.

Nun ist ausgerechnet Iljas Frau, Inna Nikolajewna, so abergläubisch wie Pjotr. Als ihr ein Messer herunterfällt, taucht ein Fremder im Dorf auf. Der viel zu junge Mann trägt keine Stiefel, aber eine fadenscheinige Offiziersuniform, und wenn er muss, erzählt er jedem eine andere Geschichte. Man beäugt ihn, bedrängt ihn, bald nicht mehr nur mit Fragen – und doch kommt nicht einmal die junge Annuschka dahinter, weshalb er ins Dorf gekommen ist. Und vor allem: warum er bleibt.

Ob sie vom Wetter erzählt, von der Weisheit der Menschen oder der der Fische – Yulia Marfutova macht Stimmen hörbar, die man so bald nicht wieder vergisst. In «Der Himmel vor hundert Jahren» treffen sich Ideen und Ideologen, Dorf und Welt, Gestern und Heute, Humor und Verstand. Eine zeitlose Geschichte, ein herausragendes Debüt.

Vita

Yulia Marfutova, geboren 1988 in Moskau, studierte Germanistik und Geschichte in Berlin und promovierte in Münster. Für das Manuskript ihres Debütromans erhielt sie eine Vielzahl von Stipendien und Preisen, unter anderem das Arbeitsstipendium des Berliner Senats und den GWK-Förderpreis für Literatur. Sie war Stipendiatin des Brecht-Hauses und der Jürgen-Ponto-Stiftung, der Meisterklasse der Berliner Festspiele und des Literarischen Colloquiums Berlin. Yulia Marfutova lebt in Boston.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, April 2021

Copyright © 2021 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Covergestaltung Anzinger und Rasp, München

Coverabbildung Prokudin-Gorskiĭ photograph collection, Library of Congress, Prints and Photographs Division

ISBN 978-3-644-00704-8

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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Im Gedenken an meine Großmutter und an meinen Großvater, der das gesprochene und das geschriebene Wort liebte

Digressions, incontestably, are the sunshine …

Laurence Sterne

 

But I digress.

Salman Rushdie

I

Aus der ganzen Gegend kommen sie, einfach alle kommen sie, um Ilja zu befragen. Hält sich das Wetter, Ilja? Wird es bald regnen, Ilja? Wird es eine gute Ernte, Ilja? Sollen wir das Heu einfahren?

Ilja, Ilja!

Und Ilja, der Weißbärtige, Ilja, der Verrunzelte, Ilja, der halb Blinde, führt sein Gesicht ganz dicht ans Glasröhrchen, bleibt mit der Nase nur einen Lufthauch vor dem Glas stehen, betrachtet lange das Quecksilber darin und sagt, mehr zu sich als zu den gespitzten Ohren, mhm. Und ein Raunen steigt an: Was, was hat Ilja gesagt? Und ein Köpfezerbrechen fängt an: Was, was heißt «mhm»? Und sie alle tragen es zurück in ihre Dörfer, dies und das hat Ilja gesagt. Und Ilja hat noch immer recht behalten. Jedes Kind weiß das.

Das Röhrchen. Steigender Luftdruck bedeutet gutes Wetter, fallender schlechtes. Aber vor allem hat das Röhrchen einen wohlklingenden, weil fremd klingenden Namen. Griechisch, sagt Ilja. Niemand, nicht einmal Ilja, ist jemals nach Griechenland gereist. Die Leute hier verreisen nicht.

Niemand kann sich erinnern, wie Ilja in den Besitz des Röhrchens gekommen ist. Das muss vor sehr langer Zeit gewesen sein. Zu einer Zeit, als exotische Waren von durchreisenden Händlern feilgeboten wurden, als Fremde noch in diese, übrigens fruchtbare, saftgrüne Gegend kamen, eine Zwischenstation, eine falsche Abbiegung, aber immerhin. Zu dieser Zeit muss es gewesen sein, dass Ilja (oder der Ilja-Vater oder der Ilja-Großvater) dieses Zauberröhrchen erstanden hat, dieses Zauberstäbchen, zu dem alle, alle Pilgerpfade aus der Umgegend führen. Die Leute hier verreisen nicht, aber zum Röhrchen kommen sie.

Niemand fragt, wie alt bist du, Ilja? Was für eine dumme Frage. Wie soll man das auch wissen? Niemand, nicht einmal Ilja, könnte sagen, wie alt Ilja ist. Auch nicht die Ilja-Eltern, wenn sie noch leben würden.

Wenn die Leute Kinder kriegen, dann haben sie Besseres zu tun, als sofort in die Stadt zu gehen. Meist warten sie ein, zwei Jahre, manchmal länger. Am günstigsten ist es, die Geburt eines zweiten Kindes abzuwarten, aber auch dann begibt man sich nicht sofort in die Stadt. Es kommt vor, dass in dieser Zeit ein weiteres Kind geboren wird. Auch die Ilja-Eltern werden sich nicht beeilt haben, der Ilja-Vater wird erst irgendwann und eher unwillig aufgebrochen sein, in die Stadt, die nicht gerade weit, aber auch nicht sehr nah gelegen ist, wenn man zu Fuß gehen muss. Der Beamte wird ihn kaum angesehen haben. Name? Geburtsort? Geburtsdatum? Und der Ilja-Vater wird sich verlegen am Kopf gekratzt haben, den Umgang mit sogenannten Respektspersonen gar nicht gewohnt. Äh, ja, mhm. Und der Beamte wird gefragt haben: Nun, wie ist denn dein Name? (Kaum wahrgenommenes «Du» des Amtes, von oben herab.) Und der Ilja-Vater wird gesagt haben: Ilja. Und der Beamte wird gesagt haben: Gut, gut, nennen wir den Sohn auch Ilja. Ilja Iljitsch. Und dann wird er keine weiteren Fragen mehr gestellt haben, den Rest selbst ausgefüllt und eine schwungvolle Unterschrift daruntergesetzt. Und das Geburtsdatum wird mit dem Ausstellungsdatum identisch gewesen sein. Und der Ilja-Vater wird das Blatt behutsam mit ins Dorf gebracht, es seiner staunenden Frau gezeigt und irgendwo aufgehoben haben, wo es schnell in Vergessenheit geriet, weil so ein Stück Papier eigentlich für nichts von Nutzen ist.

Der Ilja-Vater konnte natürlich nicht lesen. Ilja kann wahrscheinlich auch nicht lesen, aber zutrauen würde man es ihm schon.

Überhaupt ist ein Geburtstag nicht so wichtig, jedenfalls nicht so wichtig wie der Namenstag, an den die Kirche erinnert. Den Namenstag feierten Ilja und der Ilja-Vater, als dieser noch lebte, zusammen. Aus den Öfen des Dorfes kommt an diesem Tag ein Geruch, bei dem das Wasser nur so im Munde zusammenläuft. Und natürlich wird gesungen, auch wenn die Töne etwas schief geraten. Kak na Iljiny imeniny ispekli my karawaj, wot takoj wyschiny, wot takoj schiriny usw. Der Text wird mit Armbewegungen unterstützt.

Dass niemand genau wissen kann, wie alt Ilja ist, bedeutet nicht, dass es keine Meinungen gibt. Irka zum Beispiel sagt, er ist so ungefähr, na so ungefähr, also älter als die große Trauerweide, das sicher nicht. Obwohl andere das behaupten. Andere behaupten auch, dass Ilja schon einen weißen Bart hatte, als die Uferböschung noch nicht befestigt war. Das ist schon viele, viele Ernten her.

Nicht alle kommen sie zu Ilja. Pjotr, der selbst einen weißen Bart hat, einen buschigen, einen krausen, hält nicht viel von ihm, noch weniger vom Röhrchen. Wenn jemand nur ansetzt, die Lippen zum ersten Röhrchen-Laut formt, steigt Pjotr die Hitze ins Gesicht, und er spuckt aus, möglichst laut, und ein schleimiges Klümpchen landet mal auf, mal neben den Füßen desjenigen, der das Wort hatte sagen wollen. Die Erwachsenen sind vernünftig; höchstens im Moment allergrößter Unachtsamkeit würden ihnen die ersten Laute, niemals aber mehr als die erste Silbe entschlüpfen. Die Kinder jedoch sind fasziniert vom Zusammenhang zwischen dem Wort und Pjotrs Speichelfluss. Sie hüpfen um ihn herum und rufen: Röhrchen! Röhrchenröhrchenröhrchen. Und Pjotr spuckt aus und spucktspucktspuckt. Diese Bälger, diese dummen Bälger, dass die einen nie in Ruhe lassen. Und was fast schlimmer ist: Verdammt schnell sind sie, wissen, wie man wegspringt, um kein Schleimklümpchen abzubekommen.

Die Erwachsenen strömen zu Ilja, die Kinder suchen Pjotr heim. Und viele hundert Werst entfernt hat ein Mann eines Jahres herausgefunden, wie man die Speichelproduktion von Hunden beeinflussen kann. Iwan soll der Mann geheißen haben. Iwan, Iwanuschka, ein Name wie aus einem Märchen. Doch von diesem Iwan weiß man nichts mehr. Von fern her angespült, Treibgut auf verschlungensten Pfaden, wurde die Nachricht gleich wieder vergessen, weil niemand auf sie gewartet hat. Man hat hier eigene Hunde, die wichtiger sind.

Jeden Morgen nach dem ersten, aber noch vor dem zweiten Hahnenschrei – das ist die beste Zeit, sagt Pjotr – verlässt er das Haus, geht die große Straße hinunter, dann links, noch mal links und querfeldein ans Flussufer. Befeuchtet einen Finger mit der Zunge, hält ihn in die Luft. Legt sich auf den Bauch ins Gras, das Gesicht auf einer Höhe mit dem Wasser. Beobachtet die Strömung. Richtet sich auf, nicht ohne zu stöhnen, die Gicht in den Knochen, und sagt zu seiner Frau, wenn er auf den Hof zurückkehrt: Mhm.

Pjotr sagt, der Fluss ist zuverlässiger als irgend so ein Röhrchen. Pjotr sagt, er hat schon so lange einen weißen Bart, und der Fluss schlängelt sich noch länger durch die Landschaft. Pjotr ist, gemessen an der Länge und Weißheit seines Barts, der Zweitälteste im Dorf.

Der Fluss, im Dorf immer nur «der Fluss» genannt, beherrscht diese Gegend, indem er das Land viele Tagesreisen lang in zwei Ufer spaltet, sich dann verzweigt und abzweigt, in fremden Namen mündet, mancherorts ganz zum Flüsschen oder Rinnsal schrumpft, bloß um andernorts erneut zu imposanter Breite anzuwachsen. Der nie anders kann, als sich immer nur zu verzweigen und in seinen Verzweigungen sich einen Weg zu bahnen, von dem es heißt, dass er gar bis in die Barentssee reiche. Unvorstellbare Weite.

In manchen Gegenden spült der Fluss Schiffsplanken an Land, vom Wasser ganz zersetzte, zersplitterte Hölzchen. Seltener findet sich rostüberzogenes Eisen. Noch seltener anderes; Leinen zum Beispiel. Reste von Schiffen, an Stellen, wo der Fluss eine Handelsroute bedeutet.

An dieses Ufer aber hat der Fluss noch nie etwas gespült. Wenn Pjotr zwischen dem ersten und dem zweiten Hahnenschrei aufbricht, findet er nur, was man immer findet. Wenn er steht und nach unten schaut: Grasbüschel, Käfer, Steinchen, Erde, Wasser, die eigenen Füße. Wenn er schielt: die eigene Nase. Wenn er auf dem Bauch liegt und geradeaus oder nach oben schaut: das Blaugrau des Wassers mit dem etwas helleren Blaugrau des Himmels. Der Horizont verklebt das Wasser fast nahtlos mit dem Himmel, nur ein paar Bäume und Büsche dazwischen. Manchmal dazu die Fäden des Regens.

In manchen Gegenden, das sind die Gegenden, die auf Landkarten verzeichnet sind, die es zu präzisen Linien und Strichen, Schraffierungen und Punkten mit penibelsten Aufschriften gebracht haben, die nicht aus schierem Desinteresse der Landvermesser und ihrer Auftraggeber bloß eine grüne Fläche mit einer undulierenden blauen Linie geblieben sind, in solchen Gegenden nun wird das Treibgut aufgelesen, wird das Treibgut handverlesen und: in den Warenverkehr wieder eingereiht. Ein Teil der Hölzchen, des Eisens, des Leinens wird in große Säcke gestopft und, nicht zu wenig feilschend, auf Marktplätzen verhökert. Ein florierendes Geschäft. Anscheinend gibt es Leute, die mit dem Krempel etwas anfangen können, Leute, die sogar bereit sind, dafür zu zahlen. Allerdings nur auf ferner gelegenen Marktplätzen. Wer es bloß ein paar Schritte zum Fluss hat, verkauft nur.

Die wertlosesten Dinge sind die wertvollsten. Das sind die sogenannten Schätze. Sie werden nicht in Säcken, sondern einzeln, in Schatullen, in größere Orte gebracht, worunter man die kleineren Städte der Oblast versteht. In den wirklich großen Städten sammeln die reichen Bürger in diesem Jahrhundert keine Raritäten und Kuriositäten mehr, erst recht nicht die unverkäuflichen Reste der Reste von Schiffen.

Manchmal, eher selten, versucht man es noch mit den Dörfern. Man reist den Fluss entlang, bis man dahin kommt, wo die großen Schiffe nicht hinfahren, so weit, aber bis zu Pjotrs Uferstück dann doch nicht. Und die Bewohner strömen zum Marktplatz, auch wenn eigentlich nicht Markttag ist, um den Fremden genauso zu bestaunen wie seine Schätze. Ein Hut wird auf den Boden gelegt. Klimpern. Die Leute kaufen nichts. Sie zahlen, nur um die Schätze zu sehen.

Es heißt, der Fluss brachte mit einem seiner Schiffe auch das Röhrchen. Anders kann es nicht gewesen sein, hier in der Gegend hat schließlich alles mit dem Fluss zu tun; alles hat mit allem zu tun und jeder mit jedem. Nur gut, sagen die Alten im Dorf, dass Pjotr noch nicht darüber nachgedacht hat. Wie würde sie ihn ärgern, diese Verbindung von Röhrchen und Fluss, diese Hinterhältigkeit, in der das Dahinterstecken schon angelegt ist, allein der Gedanke, dass es so besehen der Fluss ist, sein Fluss, der ihn zum Ausspucken bringt.

II

Ein Frühjahr, nachdem der Lieblingshund des Dorfes gestorben, elendiglich und ohrenbetäubend kläffend an verdorbenem Fleisch krepiert ist, im zweiten Frühjahr, nachdem die Schneeschmelze, ein einziger falscher Schritt, der alten Petrowna ein Bein und die Hüfte brach, drei Frühjahre, nachdem einer von Werweißwoher kam, so drahtig und blass um die Nase, fast noch ein Kind, eine Nacht blieb und dann mit vier Hühnern verschwand, geht der Gesprächsstoff einfach nicht aus.

Während der Fluss, so wie alle Flüsse, fließt, während Ilja und Pjotr mhm sagen, wenn auch grundverschieden, rutscht eines Tages der Ilja-Frau ein Messer aus der Hand und fällt zu Boden. Es ist ein Küchenmesser, hölzerner Griff, schon etwas stumpf geworden vom vielen Schnippeln und Schnetzeln, und macht mit der Klinge ein lautes Geräusch, als es aufprallt und Essensbröckchen auf dem Boden verteilt.

Man weiß ja, was man so sagt: Fällt ein Messer herunter, kommt ein Mann ins Haus. Fällt ein Löffel, kommt eine Frau. Und fällt eine Gabel, kommt auch eine Frau, weil Löffel und Gabeln feminin, Messer dagegen maskulin sind, jedenfalls an diesem Ufer des Flusses.

Die Ilja-Frau, Inna heißt sie, Inna Nikolajewna, auf die Nennung ihres Vatersnamens (ein Zarenname!) würdevoll bedacht, nicht so wie manch andere im Dorf, die sich bloß Irka oder Maschka oder sonst ein -ka rufen lassen, diese Inna Nikolajewna also stürmt jetzt nicht sofort zu ihrem Mann. Natürlich nicht, schließlich ist er beschäftigt, sehr beschäftigt, mit dem Studium des Röhrchens; das muss man respektieren. Aber auch sie hat zu tun. Schnell das Messer aufgehoben, nicht mal am Rock abgewischt, sofort weitergeschnitten. Hygiene ist nur etwas für Menschen, die man noch nie gesehen hat. Nicht von Angesicht zu Angesicht.

Erst am Abend verkündet sie: Ilja, wir bekommen Besuch. Bald. Von einem Mann.

So? Von was für einem Mann denn? Fragt Ilja, der sich wundert, was seine Frau für Männerbesuch erwartet.

Das weiß ich nicht, sagt Inna Nikolajewna, von einem Mann eben. Mir ist ein Messer heruntergefallen. Du weißt doch, was das bedeutet.

Aber Wissen und Wissenwollen sind sehr verschiedene Sachen.

Das, sagt Ilja, hat doch nichts zu bedeuten. Höchstens heißt es, dass du zwei linke Hände hast.

Sagt er zu seiner Frau, die ihm gerade nur deshalb nicht widerspricht, weil sie nicht weiß, wo anfangen. Und hofft auf eine randvolle Schüssel Schtschi, ein Gericht, nicht viel mehr als ein Zischen, das sich schlucken lässt, ohne zu kauen, wenn man so hungrig ist wie er. Wo ein Messer im Einsatz war, muss es doch ein Abendessen geben. Denkt er und sagt, wie um sie zu besänftigen: Innotschka, Täubchen. Ganz zärtlich sagt er das.

«Innotschka, Täubchen» aber bleibt reglos am Tisch sitzen, die Lippen geschürzt, da, schon ganz farblos sind sie geworden, und zweifelt, nun ja, am Verstand ihres Mannes. Denn Inna Nikolajewna ist eine so entschiedene wie heimliche Pjotrianerin: Zutiefst suspekt sind ihr die Röhrchenstudien ihres Mannes, zutiefst suspekt der ganze Iljianismus, dieser um sich greifende Unfug. Lieber hält sie sich an den Fluss, da ist man schließlich auf der sicheren Seite.

Ach, komm schon! Innotschka, Täubchen.

Ganz voll ist zwar der Topf, aber Inna Nikolajewna schüttelt langsam den Kopf. Sagt: Tut mir leid, es ist keine Suppe da.

Ach!

Du weißt schon: die Ernte, die Zeiten, all dieses und jenes.

Mhm. Und Brot? Ist wenigstens Brot im Haus?

Das schon.

Und sonst?

Nichts, rein gar nichts.

Nur das, was Inna Nikolajewna ihm aufzutischen gewillt ist. Und heute ist das: bloß Brot. Und nicht einmal Milch zum Hineintunken.

Den ganzen Abend denkt Inna Nikolajewna: Gleich, gleich kommt er. Und bei jedem Geräusch denkt sie: Ist das nicht? Ist er das? Und noch in der Nacht bleibt sie in Habachtstellung, die Ohren so gespitzt, dass sie nicht schlafen kann.

Ilja, der nicht weiter sagt, was er denkt, rollt sich auf die linke Seite, die Beine leicht angewinkelt, und schon schnarcht er so laut, dass Inna Nikolajewna nur in den Intervallen nach der Tür horchen kann.

Und so auch am nächsten Tag.

Und am Tag darauf.

Und am Tag, der darauf folgt.

Und am Tag, der dann kommt.

Während nichts passiert, passiert etwas anderes. Oder zumindest beinah. Ein Hirngespinst, schimmerndste Sorte aller Gespinste. Die Nachbarn linker Hand hinterm Acker, die nämlich, die wollen einen neuen Fußboden. Nicht diese Mischung aus Stroh und Lehm und getrocknetem Kuhdung, die hier alle haben, sondern urplötzlich einen richtigen Boden, hat man so etwas schon gehört? Halten sich wohl für was Besseres.

Man tuschelt. Man schwatzt. Man schwätzt. Man zerreißt sich die Mäuler. Und Inna Nikolajewna tuschelt mit. Und schwatzt und schwätzt und zerreißt sich das Maul. Eines Nachmittags aber, als sie es nicht mehr aushält, als selbst der Boden nicht mehr Ablenkung genug ist, geht sie zu Pjotr, setzt sich neben ihn, auf die alte Bank auf dem Hof, und sagt: Mir ist neulich ein Messer heruntergefallen.

Und?, fragt Pjotr, den Schalk in den Augen: Wer ist gekommen? Etwa ein heimlicher Verehrer?

Ach, sagt Inna Nikolajewna. Und dann lange nichts mehr. Mit der Fußspitze zeichnet sie in die Erde, schlängelnde, einander stets durchkreuzende Linien, an den Seiten kleine Erdbröckchen.

Ich verstehe es einfach nicht! Es ist keiner gekommen. Seit dem Sonntag überhaupt keiner, außer Ilja, und der zählt nicht.

Nicht mal …?

Der ist krank.

Nicht mal …?

Nahm wohl einen andern Weg.

Nicht mal?

Nein.

Und dann, auf einmal, sagt Pjotr: Wenn das mal nicht der Einfluss von deinem Ilja ist!

Wie meinst du das?, fragt Inna Nikolajewna und hat schon beschlossen, dass es auch heute nichts als Brot geben wird.

Das Röhrchen. Das kann einfach nicht gutgehen auf die Dauer. Für das ganze Dorf kann es nicht gutgehen. Nicht umsonst sagt man: Wo man den Geistern die Tür weist, da gehen sie nicht mehr hinein.

Sagt Pjotr und bekreuzigt sich hastig, und Inna Nikolajewna tut es ihm nach.

III

Fische fängt man je früher am Morgen, desto besser; wahrscheinlich sind sie dann genauso hungrig wie die Menschen. An die Schnur einen Haken, an den Haken einen fetten Wurm, und ab ins Wasser! Und während die Sonne auf der Haut prickelt, wundert man sich, dass die Fische nicht beißen. Pjotr sagt: Fische sind klüger als Hühner, die verlieren nicht so schnell den Kopf. Und dann sagt er nur noch mhm, wenn man ihn anspricht. Fischfang erfordert höchste Konzentration.

Auch Ilja geht zum Fischen an den Fluss. Alle gehen sie zum Fischen an den Fluss und auch zum Rauchen und Reden. Nie aber stellt Ilja sich zu Pjotr, nie auch nur ein gewechseltes Wort zwischen den beiden, stattdessen Blicke, die, wenn sie nur könnten, gnade einem Gott.

Ilja stellt sich gern etwas flussabwärts, da sind die Fische leichtsinniger, beißen, als ginge es nicht um ihr Leben.

Er füttert sie natürlich an, schon seit langem, das ist das ganze Geheimnis, aber psst! Wenn Inna Nikolajewna wüsste, dass Ilja sich an den Vorräten in ihrer Küche bedient, um daraus Speisen für die Fische im Fluss zu bereiten!

Die anderen denken: Mein Gott, Ilja kennt eben die besten Stellen! Und: Vielleicht sagt ihm das Röhrchen, wo die schönsten Fische sich tummeln. Alle staunen sie, wenn er, wer weiß, wie, wer weiß, woher, mit drei großen Karauschen zurückkehrt oder vier leckeren Brachsen. Nicht bloß mit Weißfischen, die sich schon von Kindern fangen lassen.

Ilja, der Gerissene, verlegt regelmäßig die Futterstelle seiner Fische. Zwei Monate hier, zwei Monate da. Damit die anderen im Dorf ihm bloß nicht auf die Schliche kommen. Die Fische aber merken sofort, wenn Ilja sie woanders füttert, und schwups sind sie dort und auch schon am Haken.

Manchmal, aber wirklich nur manchmal, lässt er sich bereden, erzählt, wo die Fische sich aufhalten. Das ist dann kurz bevor er eine andere Futterstelle anlegt und an der verratenen Stelle die Fische ausbleiben.

Hätte Ilja einen Sohn, er würde ihm alle Tricks verraten. Zum Beispiel, dass Mistwürmer die besten Köder abgeben, kleine Kügelchen aus Brot und Spucke aber auch gut funktionieren (die lösen sich nur langsam im Wasser und schmecken ganz ausgezeichnet). Er würde ihm beibringen, dass man Hechte am besten im Herbst fängt, dass Karauschen Grießbrei lieben und Barben gekochtes Rindfleisch. Und dass Inna Nikolajewna vom Fischfang gar nichts versteht.

Er würde ihm beibringen, auf das Röhrchen zu schauen, würde ihn in die Geheimnisse des steigenden und fallenden Quecksilbers einweihen. Ihm beibringen, dass man vorsichtig sein muss, dass das Röhrchen aus Glas besteht und Glas zerbrechlich ist. Und dass Inna Nikolajewna auch davon nun leider gar nichts versteht.

Ilja hat keinen Sohn. Nur vier Töchter, die im letzten Winter gestorben sind, als die älteste Fieber bekommen und die anderen angesteckt hat. Die vier Töchter haben ihre vier Ehemänner angesteckt. Und die vier Töchter und die vier Ehemänner haben acht Kinder angesteckt, sechs eigene und zwei von den Nachbarn. Und die zwei Kinder der Nachbarn haben andere Kinder anderer Nachbarn angesteckt, und die anderen Kinder anderer Nachbarn haben wieder andere Kinder und wieder andere Eltern angesteckt, und nicht alle sind dabei gestorben, es ist kein winziges Dorf, nur ein kleines, einen richtigen Schuster hat es sogar, obwohl man immer nur barfuß geht, Ilja aber ist nach diesem Winter nur Inna Nikolajewna geblieben. Und die kleine Anna, Annuschka, die bei genauerer Betrachtung gar nicht mehr klein ist, der das Kleid schon zu kurz wird, darüber müsste man mit Inna Nikolajewna reden, ob da überhaupt genug Saum ist, den sie auftrennen, den sie auslassen könnte.

Ilja hat keinen Sohn. Nur Annuschka, der er, sobald Inna Nikolajewna einmal nicht hinschaut, seine Fischfang- und Röhrchengeheimnisse geduldig verrät. Annuschka ist ein kluges Kind, klüger als die meisten Burschen im Dorf. Jedes Wort merkt sie sich. Und verrät niemandem nichts.

Das Gute an Enkelkindern ist, dass man sie nicht erziehen muss. Auch nach dem Tod der Eltern wird die kleine Annuschka nicht erzogen, sondern verwöhnt. Inna Nikolajewna sagt oft, man müsse auch mal streng sein. Aber das hat nichts zu bedeuten. Sie sagt es nur, um ihr Gewissen zu beruhigen. Meistens hat es, wenn Inna Nikolajewna das sagt, weniger mit Annuschka zu tun, als mit dem, was die Frauen auf dem Markt hören wollen.

Ilja sagt nie, man müsse auch mal streng sein. Aber er geht auch nie auf den Markt.