Der Holundergarten - Susanne Schomann - E-Book
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Der Holundergarten E-Book

Susanne Schomann

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Beschreibung

Ein Mann mit einer dunklen Vergangenheit, ein Dorf voller Geheimnisse – eine neue großartige Lovestory von Susanne Schomann! Niemals hätte Luisa damit gerechnet, dass Rafael Brix noch einmal in sein Heimatdorf in der Lüneburger Heide kommen würde. Zu schrecklich sind die Vorwürfe, die bis heute auf ihm lasten. Doch ein Todesfall hat ihn zurück nach Lunau geführt, zurück in Luisas Leben. Noch immer umgibt ihn eine dunkle, rebellische Aura. Und genau das lässt Luisas Herz wie damals schneller schlagen. Dabei weiß sie genau, dass sie ihn nicht begehren darf. Denn Rafael will ihr alles nehmen: ihr geliebtes Zuhause und ihre Arbeit. Luisa fühlt sich hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung, Wut … und einer noch immer brennenden Leidenschaft.

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Kurzbeschreibung:

Ein Mann mit einer dunklen Vergangenheit, ein Dorf voller Geheimnisse – eine neue großartige Lovestory von Susanne Schomann! Niemals hätte Luisa damit gerechnet, dass Rafael Brix noch einmal in sein Heimatdorf in der Lüneburger Heide kommen würde. Zu schrecklich sind die Vorwürfe, die bis heute auf ihm lasten. Doch ein Todesfall hat ihn zurück nach Lunau geführt, zurück in Luisas Leben. Noch immer umgibt ihn eine dunkle, rebellische Aura. Und genau das lässt Luisas Herz wie damals schneller schlagen. Dabei weiß sie genau, dass sie ihn nicht begehren darf. Denn Rafael will ihr alles nehmen: ihr geliebtes Zuhause und ihre Arbeit. Luisa fühlt sich hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung, Wut … und einer noch immer brennenden Leidenschaft.

Susanne Schomann

Der Holundergarten

Roman

Edel Elements

Edel Elements

Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2019 Edel Germany GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2015 by Susanne Schomann

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Langenbuch & Weiß Agentur

Covergestaltung: Anke Koopmann, Designomicon, München

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-96215-286-4

www.facebook.com/EdelElements/

www.edelelements.de/

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Epilog

Anmerkung und Dank der Autorin

Für Ingo Stein,

und für die wunderbare Irmgard Stein,

weil ein Dankeschön oft nicht ausreicht,

um auszudrücken, was man gerne sagen möchte.

Seit ich ihn gesehen,

Glaub’ ich blind zu sein;

Wo ich hin nur blicke,

Seh’ ich ihn allein;

Wie im wachen Traume

Schwebt sein Bild mir vor,

Taucht aus tiefstem Dunkel

Heller nur empor.

Wie so bang mein Busen,

Wie so wonnevoll!

Wüsst’ ich nur mit Worten,

Wie ich’s sagen soll;

Komm und birg dein Antlitz

Hier an meiner Brust,

Will ins Ohr dir flüstern

Alle meine Lust.

(aus „Frauen-Liebe und Leben“von Adelbert von Chamisso 1781-1838, Dichter und Naturforscher)

KAPITEL 1

Manche Tage werden von den stärksten Gefühlen geprägt, die ein Mensch überhaupt empfinden kann. Ob diese gut oder schlecht sind, spielt keine Rolle; die Erinnerung an sie wird für das ganze Leben bestehen bleiben.

Auch für Luisa Milchert gab es solche Tage. Und jeder einzelne davon hatte allein mit einem einzigen Menschen zu tun.

Er wird zurückkommen!

Sie konnte kaum noch an etwas anderes denken. Der Gedanke saß ihr im Nacken, klebte an ihr, verfolgte sie jeden Tag und erst recht in den Nächten. Sie konnte ihn einfach nicht abschütteln. Dabei gab es eine Menge Dinge, über die sie viel eher nachdenken müsste. Ihr Leben raste im Augenblick förmlich von einer Hürde zur anderen.

Seit Wochen führte sie nun schon einen Betrieb, der ihr nicht gehörte, nur damit es irgendwie weiterging. Es war nicht leicht gewesen, sich in so kurzer Zeit auch in die Bereiche des Geschäfts einzuarbeiten, mit denen sie sich bisher nur am Rande befasst hatte. Vierundzwanzig Angestellte, sie eingeschlossen, waren darauf angewiesen, dass sie es hinbekam. Selbst wenn all das eine Menge zusätzlicher Arbeit bedeutete, sie tat es gern.

Die Gärtnerei Brix war nicht einfach nur eine Ansammlung von Gewächshäusern, Pflanzen und Sträuchern. Nein, sie war viel mehr. Natürlich gab es das alles, aber zur Gärtnerei gehörten auch die Baumschule und der kleine Blumenladen, der noch bis vor wenigen Monaten Luisas einziges Betätigungsfeld gewesen war. Zudem war der Betrieb der größte Arbeitgeber in Lunau, ihrer Heimat, einem beschaulichen Dorf, das mitten in der schönen Lüneburger Heide lag. Doch vor allem war die Gärtnerei und alles was damit zusammenhing, Luisas Zuhause, ihr Leben.

Vor sechs Wochen war die Besitzerin Julia Brix, Luisas Chefin und gute Freundin, aus dem Leben gerissen worden. Gerade dreiunddreißig Jahre alt, war sie viel zu früh gestorben, weil ein bösartiger Tumor in ihrem Kopf grausam Schicksal gespielt hatte. Zwischen der schrecklichen Diagnose und dem Ende waren ihnen nur wenige Monate geblieben, um alles Notwendige in die Wege zu leiten. Für die Menschen, die hier arbeiteten, war es schließlich Glück im Unglück gewesen, dass Julia Brix noch kurz vor ihrem Tod Luisa zur offiziellen Geschäftsführerin mit all den notwendigen Vollmachten ernannt hatte. So konnte sie vorerst den Betrieb am Laufen halten, ohne größere Formularschlachten mit den Behörden oder Probleme mit Kunden befürchten zu müssen.

So wie ihre verstorbene Chefin hatte auch Luisa einst Garten- und Landschaftsbau studiert, doch in den vergangenen Jahren hatte sie sich vorwiegend auf ihre große Leidenschaft konzentriert, die Floristik. Julia hatte kaum Interesse an dem Laden gehabt und ihr die Möglichkeit geschaffen, sich in dem Blumenladen, der direkt am Dorfplatz lag, ihre bescheidenen Träume zu verwirklichen.

Beides, sowohl die Gärtnerei, als auch das kleine Blumengeschäft “Luisas Blütenmeer“, waren inzwischen weit über die Grenzen Lunaus bekannt. Luisas kunstvollen Gestecke waren äußerst beliebt, sie schmückten so manche Festtafel in den Dörfern der Lüneburger Heide.

Er wird zurückkommen!

Rafael Brix, Julias älterer Bruder, wurde schon seit Tagen in Lunau erwartet, um den Nachlass seiner Schwester zu regeln. Allein schon bei dem Gedanken an eine Begegnung mit ihm schlug Luisa das Herz bis zum Hals, sie konnte nichts dagegen tun.

Inzwischen war sie körperlich und auch mental ziemlich am Ende, da machte sie sich nichts vor. Die zusätzliche Arbeitsbelastung zehrte an der Substanz, und die Trauer um Julia ließ ihr noch immer das Herz schwer werden. Das Letzte, was Luisa jetzt gebrauchen konnte, war das Wiedersehen mit ihrer ersten großen Liebe. Vor allem nicht, weil sie so elend lange gebraucht hatte, um einigermaßen über ihn hinwegzukommen.

Rafael war der Mann, der sie nie wirklich wahrgenommen hatte. Sie war noch zu jung gewesen, als damals das Furchtbare passiert war, das ihn letztlich aus seinem Heimatdorf vertrieben hatte. Ganz allein hatte sie sich damals mit ihren großen Gefühlen und ihrem grenzenlosen Kummer gequält. Dabei hatte sie nie den Mut besessen, ihm ihre Liebe zu gestehen. Warum auch? Wahrscheinlich hätte er sie sowieso nur ausgelacht.

Um die bedrückenden Gedanken zu vertreiben, schüttelte Luisa leicht den Kopf und sah aus dem Fenster. Das Wetter war grausig, eine andere Bezeichnung hatte es schlicht nicht verdient. Schon seit einer Stunde war niemand mehr ins Geschäft gekommen, geschweige denn auf der Straße zu sehen. Es wurde Zeit, endlich den Laden zu schließen und für heute Schluss zu machen. Es war zwar noch eine Stunde bis zum Feierabend, aber an so einem Tag würde kaum noch jemand vor die Tür gehen, um Blumen zu kaufen. Luisa fegte noch einmal den Boden, säuberte die steinerne Verkaufstheke und erledigte schnell die Tagesabrechnung. Beim Blick auf die beiden Kübel mit Tulpen seufzte sie laut auf. Heute Vormittag hatte sie zwar viel verkauft, aber es waren noch immer genug Blumen übrig, um mindestens vier dicke Sträuße zu binden.

Da es draußen inzwischen wie aus Eimern schüttete, schlüpfte sie in ihre Gummistiefel, zog die alte Regenjacke über, die sie stets für diese Fälle im Hinterzimmer des Geschäfts bereithielt, und griff nach ihrem Schirm. Kaum auf der Straße, entschloss sie sich, noch auf einen Feierabendtee bei ihrer besten Freundin vorbeizuschauen. Kurzerhand ging sie zurück in den Laden und raffte die übriggebliebenen Tulpen zusammen. Sie hoffte, dass das Buchladen-Café, das Isabell zusammen mit ihrer Schwiegermutter Christa führte, trotz des schlechten Wetters noch geöffnet hatte.

Auf der breiten und wunderschönen Holzveranda des Cafés schüttelte Luisa den tropfenden Schirm aus und hängte ihn über das Geländer der Veranda. Dann lugte sie durch das Fenster der Tür und öffnete sie. Zu ihrer Freude wurde sie nicht enttäuscht. Das Café war zwar bereits leer, aber Isabell erledigte noch die letzten Handgriffe. Hinten, im Buchladenteil des Geschäfts, bestückte Christa Loewenthal noch einige Büchertische mit neuen Taschenbüchern. Als Luisa hereinkam, wurde sie von beiden Frauen erfreut begrüßt.

„Habt ihr noch Zeit für einen Tee?“, kam sie sofort auf den Punkt, während sie die Sohlen ihrer Stiefel säuberte. „Ein kleiner Plausch käme mir gerade recht.“

„Ja, klar!“, antwortete Isabell sofort. „Ich bin hier fertig und Kjell macht sowieso noch einige Hausbesuche. Eine Stunde hab ich mindestens noch Zeit. Außerdem weiß er ja, wo er mich findet, wenn ich nicht zu Hause bin.“ Sie lachte.

Auch Isabells Schwiegermutter lächelte sie erfreut an. „Gute Idee! Bei dem Wetter passiert hier heute sowieso nichts mehr.“

„Seht mal, ich hab euch auch ein paar bunte Frühlingstupfer mitgebracht. Die sind übrig geblieben.“ Luisa hielt den dicken Strauß Tulpen in die Höhe.

„Oh, wie wunderhübsch“, rief Isabell. „Dankeschön, Lu! Genau das Richtige bei dem furchtbaren Regen da draußen. Bring sie mal her, ich stelle die solange hier in den Eimer, damit sie uns nicht verdursten, bis wir sie nachher aufteilen.“

Kurz darauf saßen sie zusammen an einem der Tische des Cafés und genossen ihren Tee. Wieder einmal fiel Luisa auf, wie glücklich und zufrieden ihre Freundin wirkte. Erst vor einigen Monaten, im vergangenen Herbst, hatte Isabell Lunaus einzigen Arzt Dr. Kjell Loewenthal geheiratet, und Luisa hatte noch nie zuvor ein glücklicheres Paar gesehen. Sie freute sich sehr für die beiden. Kjell kannte sie schon so lange sie denken konnte. Er war einer der beiden besten Freunde von Rafael gewesen.

Da war er wieder, der störende Gedanke. Rafael!

„Die Ehe mit dem Großen bekommt dir“, sagte sie, auch um sich selbst ein bisschen abzulenken. „Du siehst toll aus.“ Ihre Freundin begann sofort zu strahlen, als hätte irgendjemand die Sonne angeknipst.

Christa lächelte wissend. Sie war sehr stolz auf ihren Sohn und es war kein Geheimnis, wie sehr sie Isabell ins Herz geschlossen hatte.

„Oh ja!“ Isabell schüttelte ihre blonden Locken. „Es irritiert mich allerdings immer noch, wenn du Kjell so nennst.“

Sie winkte ab. „Alte Gewohnheiten legt man nur sehr schwer ab. Für uns alle hier war er halt immer nur der Große.“

„Hast du schon etwas von Rafael gehört?“, mischte sich Christa in die Unterhaltung ein, und Luisa schluckte hart. Sie hatte auf ein wenig Ablenkung gehofft, doch daraus würde wohl vorerst nichts werden.

„Bei mir hat er sich noch nicht gemeldet, aber damit habe ich auch nicht gerechnet. Bisher hat ja nur Kjell mit ihm gesprochen und ich weiß auch noch nicht mehr als das, was er mir gesagt hat. Ich habe keine Ahnung, wann genau er auftaucht. Ich weiß nur, dass es irgendwann demnächst sein wird.“ Luisa griff nach ihrer Teetasse, trank jedoch nicht, sondern hielt sie mit beiden Händen umfangen. Ihr war kalt. Es war eine Kälte, die sie bis tief in die Knochen spürte.

„Auch wenn die Umstände nicht gerade angenehm sind, freue ich mich doch darauf, einen weiteren der berüchtigten drei Musketiere von Lunau kennenzulernen“, sagte Isabell und spielte damit auf den Spitznamen an, den ihr Mann Kjell und seine zwei besten Freunde in ihrer Jugendzeit bei den Lunauern gehabt hatten. „Kjell spricht nicht oft über diese Zeit, dabei höre ich so gerne die Geschichten von früher.“ Isabell stellte einen Teller Plätzchen auf den Tisch und goss Tee nach. „Warum ist Rafael eigentlich nicht schon zur Beisetzung seiner Schwester erschienen? Ich fand das irgendwie merkwürdig.“

„Na ja, Julia hatte ja im Vorfeld soweit alles geregelt“, erklärte Christa und holte seufzend Luft. „Sie bestand auf dieser anonymen Beerdigung ohne Trauerfeier, daraus hat sie ja kein Geheimnis gemacht. Und natürlich wusste auch Rafael davon. In den Wochen vor ihrem Tod haben die beiden sehr viel miteinander telefoniert. Julia hat seinen Besuch abgewendet, indem sie ihm gegenüber ihren Zustand verharmlost hat, das weiß ich von Kjell. Dann ist sie gestorben …“ Sie schwieg kurz. „Und es kam kaum noch darauf an, ob er hier gewesen wäre oder nicht. Außerdem hat er sich in den letzten Monaten beruflich in den Vereinigten Staaten aufgehalten und ist erst vor wenigen Tagen von dort zurückgekehrt. Er arbeitet für eine sehr renommierte Werbeagentur in Hamburg als Grafiker und Creative Director, sitzt bei denen sogar in der Geschäftsleitung, soweit ich weiß. Die haben Kunden auf der ganzen Welt.“ Ein weiteres Mal seufzte Isabells Schwiegermutter tief auf. „Wie auch immer, es wird ohnehin nicht leicht für ihn sein, wieder zurück nach Lunau zu kommen. Das Dorf hat es nicht unbedingt gut mit ihm gemeint.“

Luisas Herz begann auf der Stelle schneller zu schlagen. Das Thema behagte ihr ganz und gar nicht.

„Was ist er eigentlich für ein Typ?“, setzte Isabell ihre Fragen fort. „Kjell hat mal erwähnt, Rafael sei in seiner Jugend ein ziemlicher Rebell gewesen.“

Christa lächelte versonnen und nickte. „Ein Rebell? Ja, das war er wohl irgendwie, aber das ist nicht immer so gewesen. Ich habe ihn immer für ausgesprochen sensibel gehalten, für einen Künstler halt. In seiner wilden Zeit hat er sich nur auf seine eigene Art zur Wehr gesetzt, nehme ich an. Ansonsten war er immer eher der stille Typ. Wie gesagt, er hatte es in seiner Jugend nicht leicht.“ Sie seufzte wieder tief. „Angel, so haben ihn damals alle genannt. Er war der schönste Junge, den ich jemals zu Gesicht bekommen habe.“

„Und? Ist er immer noch so gutaussehend?“, wollte Isabell wissen.

Innerlich aufstöhnend, nahm Luisa endlich einen Schluck von ihrem Tee. Nachdem sie den Becher gesenkt hatte, sah Isabell sie jedoch immer noch erwartungsvoll an. Luisa zuckte nur mit den Schultern. Sie hatte nicht die geringste Lust, etwas zu dem Thema beizutragen.

„Rafael ist zu einem umwerfend attraktiven Mann herangewachsen“, sprang Isabells Schwiegermutter ein. „In den vergangenen Jahren habe ich ihn zwar nur noch selten zu Gesicht bekommen, aber alle paar Jahre treffen wir uns ganz spontan in Hamburg auf einen Kaffee oder verabreden uns zu einem Abendessen. Ich habe mich immer sehr gefreut, wenn er mal wieder von sich hören ließ. Allerdings ist unser letztes Treffen nun auch schon wieder fast zwei Jahre her … Aber um deine Frage zu beantworten, Isa, mit seinen schwarzen Haaren und den wunderschönen grünen Augen sieht er tatsächlich noch immer wie ein dunkler Engel aus. Die Mädchen haben es ihm immer leicht gemacht. Denn man kann sich seiner faszinierenden Ausstrahlung nur sehr schwer entziehen.“

„Oho! Hört, hört!“, erwiderte Isabell lachend. „Das hast du mir nie so genau erzählt, Lu.“

Luisa zuckte leicht zusammen. Christas Beschreibung hatte Rafaels Gesicht vor ihrem geistigen Auge sofort heraufbeschworen, und sie musste sich erst wieder ein bisschen fangen. „Ich …Nun, ich fand es nicht besonders wichtig. Schließlich kenne ich Rafael schon mein ganzes Leben lang, da … äh … stumpft man mit der Zeit ab.“

„Immer wenn es um Rafael geht, wirst du ziemlich einsilbig, Lu. Magst du ihn nicht?“, fragte Isabell schmunzelnd und sah sie sehr eindringlich an.

„Ähm …“

„Lass Lu jetzt damit in Ruhe, Isabell, und ärgere sie nicht auch noch. Du siehst doch, wie erschöpft das Mädchen ist“, mischte Christa sich ein und sah ihre Schwiegertochter nachdrücklich an, die daraufhin amüsiert die Lippen schürzte und nach ihrer Teetasse griff.

Weil ihr nichts anderes einfiel, setzte Luisa ein Lächeln auf und stand auf. Sie hatte schon länger ein schlechtes Gewissen, weil sie ihrer Freundin noch nichts von ihrem Kummer erzählt hatte. Dabei ahnte Isabell sicher schon lange, dass sie noch immer unter einer enttäuschten Liebe litt. Schon oft hatte Isabell auf sanfte Weise versucht, mehr von ihr zu erfahren, aber es war auch nicht Isabells Art, andere zu bedrängen. Sie war die beste Freundin, die Luisa jemals gehabt hatte, dennoch hatte sie noch nicht die Kraft aufgebracht, ihr von Rafael zu erzählen. Das lag vor allem auch daran, dass sie das Glück ihrer Freundin nicht beeinträchtigen wollte. Sie gönnte es ihr von ganzem Herzen. „Entschuldigt mich, es wird bald dunkel und Christa hat recht. Ich bin doch ziemlich müde und abgespannt. Ich sehne mich nach einer heißen Dusche und einem gemütlichen Feierabend vor dem Fernseher. Vielleicht werde ich auch einfach gleich ins Bett kriechen und noch ein bisschen lesen.“

„Du hast es auch wirklich nicht leicht im Moment. Kommst du denn klar, mit all dem, meine Kleine?“, fragte Christa mitfühlend.

Mit einer fahrigen Bewegung strich sich Luisa einige ihrer braunen Haarsträhnen aus dem Gesicht und steckte sie hinters Ohr. Ihr kräftiges Haar war ein bisschen widerspenstig. Im Laufe des Tages lösten sich regelmäßig Strähnen aus dem hoch angesetzten Pferdeschwanz, den sie üblicherweise während der Arbeit trug. Bei so feuchtem Wetter wie heute war es besonders schlimm. „Na ja, es ist nicht ganz leicht“, beantwortete sie Christas Frage. „Die Jungs aus der Gärtnerei helfen aber tüchtig mit, da kann ich mich nicht beschweren. Sie wissen schließlich auch, worum es geht. Für uns alle bildet die Gärtnerei unsere Lebensgrundlage, da kann man schon mal eine Weile alle Kraftreserven aktivieren, finde ich. Inzwischen habe ich Jan Bruckner ein bisschen mehr Verantwortung gegeben. Seit ein paar Tagen übernimmt er die Personaleinteilung. Das hilft mir schon mal ungemein. Wir brauchen aber unbedingt noch zwei oder drei gute Leute, das hat sich in den letzten Tagen immer deutlicher gezeigt.“

Sie blickte auf ihre Hände. „Das wussten wir zwar schon, als Julia noch gelebt hat, aber sie ist leider nicht mehr dazu gekommen, noch jemanden einzustellen. Ohne Rücksprache mit Rafael möchte ich jedoch keine derartigen Entscheidungen treffen. Ich hoffe nur, dass er uns schnell eine vernünftige Lösung und einen guten Geschäftsführer präsentiert.“

„Wenn er schlau ist, überlässt er die Geschäftsleitung weiterhin dir. Du hast doch alles super im Griff, das sagt jeder, der in der Gärtnerei arbeitet.“

Luisa lächelte. Es tat ihr gut, ein wenig Bestätigung zu bekommen. „Danke, Christa, aber die Entscheidung liegt dann wohl bei ihm.“

„Wie auch immer. Du solltest dich auf jeden Fall mal ordentlich ausschlafen, Lu.“ Isabell wirkte sichtlich besorgt. „Du siehst sehr erschöpft aus. Bitte, pass gut auf dich auf, hörst du!“

Luisa nickte. „Das werde ich. Mach dir keine Gedanken, Isa. Ich habe vorhin bereits beschlossen, den Laden morgen nicht zu öffnen, damit ich mal ausschlafen und mich ein bisschen erholen kann. Meine Jungs wissen bereits Bescheid und wenden sich an Jan, falls irgendetwas sein sollte. Ich bräuchte beizeiten wirklich mal jemanden, der mich zumindest zeitweise im Blumenladen vertreten kann. Hört euch doch mal ein bisschen um.“

„Wird gemacht“, entgegnete Isabell lächelnd. „Aber du solltest zusätzlich ein Schild in dein Schaufenster stellen. Wir machen das immer zur Hauptsaison und das klappt ganz wunderbar.“

Als Luisa das Café verließ, regnete es nicht mehr. Erleichtert machte sie sich auf ihren Heimweg. Kaum war sie jedoch ein Stück die Hauptstraße entlanggegangen, öffnete der Himmel erneut seine Schleusen und es begann wieder wie aus Kübeln zu schütten. Zu allem Überfluss hatte sie den Schirm auf der Veranda des Cafés vergessen, und da die uralte Regenjacke schon seit Jahren keine Kapuze mehr hatte, wurde Luisa völlig nass. Heute ist wirklich nicht mein Tag, dachte sie entnervt. Schon nach wenigen Minuten lief ihr der Regen aus den durchnässten Haaren über das Gesicht und in den Kragen ihrer Jacke.

Ihre ohnehin schon schlechte Laune sank noch um einige Grade, als ihr auf der anderen Straßenseite ihre ältere Schwester Barbara entgegenkam und kurz die Hand zum Gruß hob. Luisa nickte nur, blieb jedoch nicht stehen, sondern eilte weiter. Sie und Barbara hatten sich schon seit etlichen Jahren nicht mehr viel zu sagen. Bereits kurz nach dem frühen Tod ihrer Eltern war Luisa aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen und hatte es Barbara überlassen. Als Julia ihr damals die kleine Einliegerwohnung im Anbau des Brix-Hauses angeboten hatte, war sie unendlich dankbar gewesen und hatte sofort die Gelegenheit am Schopf ergriffen. Nein, mit ihrer Schwester wollte und konnte sie nicht mehr unter einem Dach leben. Nicht mehr … nicht mehr, seit das Furchtbare passiert war. Sofort dachte sie wieder an Rafael. Schon wieder! Entnervt schüttelte sie den Kopf.

Ziemlich missmutig stapfte sie durch den Matsch und die tiefen Pfützen, die sich in der Auffahrt zum Haus ihrer verstorbenen Chefin angesammelt hatten. Schon vor einer kleinen Ewigkeit hatte Julia geplant, die gesamte Auffahrt teeren zu lassen, doch dieses Vorhaben war im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder im Sande verlaufen. So bestand der überwiegende Teil der Zufahrt noch immer aus einer Mischung aus Kies und Sand, die sich dann bei starkem Regen regelmäßig in eine rutschige und unschöne Hügellandschaft verwandelte. Erst direkt vor dem Haus gab es feste Wege, die mit Steinfliesen belegt waren.

Vor dem Gebäude und endlich auf festerem Boden angekommen, wollte Luisa gerade den kleinen Seitenweg einschlagen, der zu ihrer Einliegerwohnung führte, als sie ein dröhnendes Motorengeräusch hörte, das stetig näher kam und lauter wurde. Sie wusste sofort, was das bedeutete, und jeder einzelne Muskel in ihrem Körper schien sich in Sekundenschnelle zu verkrampfen.

Rafael!

Wie erstarrt blieb sie an Ort und Stelle stehen, holte tief Atem und versuchte sich zu sammeln, jedoch ohne Erfolg. Es kostete sie enorme Anstrengung, sich zumindest umzudrehen, um ihm entgegenzusehen.

Das schwere Motorrad fuhr nun langsam die völlig durchweichte Auffahrt entlang. Der Fahrer umfuhr die tiefsten Pfützen und Schlammkuhlen, so gut es eben ging. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis er direkt neben ihr zum Stehen kam, den Motor abstellte und das regennasse Visier seines schwarzen Helms nach oben klappte.

„Hi, Lu“, begrüßte er sie mit der noch immer leicht heiseren, rauchigen Stimme, deren Klang ihr schon früher direkt unter die Haut gekrochen war. Fünfzehn Jahre lang hatte sie diese Stimme nicht mehr gehört. Die Wirkung auf sie war jedoch unverändert geblieben.

„Hallo, Rafael.“ Durch den Helm, der den größten Teil seines Gesichts bedeckte, war es ihr nicht möglich, viel mehr von ihm zu sehen, als seine bemerkenswerten Augen. Unverändert grün wie polierte Jade, die hier und da Einschlüsse von glitzerndem Opal aufwies. Schon immer hatte es ausgesehen, als würde ein Sturm in diesen Augen toben.

„Was für ein Mistwetter“, fluchte er, während er sich die Motorradhandschuhe auszog. „Blöder April! In Hamburg schien vorhin noch die Sonne. Zumindest als ich losgefahren bin.“

„Ah ja. Bis auf kurze Unterbrechungen regnet es hier schon seit Stunden.“ In seiner schwarzen Lederkleidung sah er beeindruckend und sogar ein bisschen gefährlich aus, auch das war schon früher so gewesen. Erst jetzt registrierte sie, dass er auf dem Rücken einen Rucksack trug, der recht schwer aussah. Die Maschine, auf der er saß, erschien ihr riesig, die großen Motorradkoffer am Heck ließen sie noch wuchtiger aussehen. Er hat offenbar einiges an Gepäck dabei, erkannte Luisa, wusste aber nicht genau, was ihr Gehirn mit dieser Information anfangen sollte.

„Du wolltest gerade nach Hause, oder?“, fragte er in das Durcheinander von Eindrücken und Gedanken hinein, die ihr durch den Kopf schwirrten wie ein lästiger Schwarm Mücken.

„Ja. Ich hab … ähm … eben erst Feierabend gemacht. Wie du siehst, brauche ich jetzt erst einmal eine Dusche.“ Sie fühlte einen Tropfen über ihren Nasenrücken laufen und wischte ihn unwillig weg.

Unvermittelt ging ihr auf, wie furchtbar sie aussehen musste, in der alten flaschengrünen Jacke, den schmutzigen knallgelben Gummistiefeln und ihrer nassen Jeans, deren Hosenbeine sie vorhin ziemlich unordentlich in die Schäfte der Stiefel gestopft hatte. Am liebsten wäre sie auf der Stelle im Boden versunken. Da begegnete sie ihm nach all den Jahren endlich wieder und sah aus wie ein triefender Putzlappen!

„Du siehst aus wie ein begossener Zwergpudel, Lu.“ Er lachte leise und dunkel in sich hinein, und es kam ihr vor, als hätte er soeben ihre Gedanken gelesen.

„Danke für das nette Kompliment“, entgegnete sie schnippischer als beabsichtigt. In Nullkommanichts brachte er sie aus der Fassung. So wie es aussah, hatte sich auch das nicht geändert. „Ich nehme an, wir sehen uns dann morgen. Bis später dann.“

Statt zu antworten, nickte er, dann griff er sich unters Kinn, nahm seinen Helm ab und fuhr sich mit der freien Hand durchs dunkle Haar. Vollkommen gebannt blieb Luisa an Ort und Stelle stehen und starrte ihn an.

„Alles okay mit dir, Lu?“

Seine Frage brach den seltsamen Zauber sofort wieder. Sie rief sich innerlich zur Ordnung. „Ja!“ Sie räusperte sich. „Ja, natürlich.“ Gerade wollte sie sich abwenden, um endlich in ihre Wohnung zu flüchten, da hörte sie ihn fragen: „Bist du heute Abend zu Hause? Ich würde gerne so schnell wie möglich etwas mit dir besprechen.“

Ihr ohnehin schon donnernder Herzschlag nahm noch mehr Fahrt auf. „Gib mir … eine Stunde, dann kannst du gerne zu mir rüberkommen.“ Sie konnte kaum glauben, dass sie das tatsächlich gesagt hatte. Ein leichter Schwindel erfasste sie für einen Augenblick, verschwand dann aber zum Glück sofort.

„Ehrlich gesagt bin ich am Verhungern und habe bei dem Wetter nur wenig Lust dazu, heute Abend noch einmal auf meine Maschine zu steigen. Hast du zufällig etwas Essbares da, das du mit mir teilen würdest? Ich nehme an, der Kühlschrank im Haupthaus ist gähnend leer, oder? Du brauchst dir keine Umstände zu machen. Ich würde mich auch mit ein paar Scheiben Brot zufriedengeben.“

Ihr blieb auch nichts erspart. „Ja, der Kühlschrank bei … dir ist tatsächlich leer. Nach Julias …“ Sie musste husten. „Was ich sagen will: Ich habe natürlich aufgeräumt, und ich wusste ja nicht, wann du eintreffen würdest. Allerdings habe auch ich nicht viel anzubieten. Vielleicht … könnte ich … ähm … irgendwas mit Nudeln machen, wenn dir das reicht.“

„Super! Pasta geht immer. Ich bin in einer Stunde bei dir.“ Er lächelte schief und entfachte damit eine kleine Feuersbrunst direkt unter ihrem Bauchnabel. Schnell wandte sie sich ab, rutschte dabei mit einem Fuß von dem gepflasterten Weg ab, und stapfte geradewegs in eine riesige Pfütze.

Rafael Brix konnte nicht anders, er musste lachen, als Luisa zunächst in die tiefe Pfütze stolperte, hörbar und wenig mädchenhaft vor sich hin fluchte, und kurz darauf die Tür der Einliegerwohnung etwas zu laut hinter sich zuschlug. Schon früher hatte er die kleine Luisa Milchert ausgesprochen amüsant gefunden. Irgendwie empfand er es als ein wenig tröstlich, dass gerade sie die erste Person war, die ihm hier in seinem ansonsten so verhassten Heimatdorf Lunau über den Weg lief. Vielleicht war das ein gutes Omen.

Nein, so vergnüglich würde es nicht bleiben, da brauchte er sich nichts vorzumachen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen hassten die Lunauer ihn ebenso sehr, wie er sie hasste. Sein Aufenthalt hier könnte sich schnell zu einem Spießrutenlauf entwickeln.

Dennoch freute er sich auch auf einige Menschen, die hier lebten. Auf seinen alten Freund Kjell zum Beispiel, der nach vielen Jahren als Arzt und Elitesoldat bei der Marine erst im vorigen Jahr nach Lunau zurückgekehrt war. Natürlich war er auch gespannt darauf, Kjells Ehefrau Isabell kennenzulernen. Dass es schließlich doch nicht Julia gewesen war, die seinen Freund vor wenigen Monaten vor den Altar bekommen hatte, sondern vielmehr eine junge Britin, hatte ihn überrascht. Kjell hatte sich im vergangenen Jahr offenbar Hals über Kopf verliebt.

Und auf Christa freute er sich, die Frau, die für ihn wie eine Löwenmutter gekämpft hatte. Sie war immer für ihn dagewesen, obwohl er nicht ihr Sohn, sondern lediglich ein guter Freund ihres Sohnes war. Er würde niemals vergessen, wie unverrückbar sie an seiner Seite gestanden hatte – damals. Zu jener Zeit, als sein Leben vollkommen aus den Fugen geraten war, denn das hatte letztlich auch Christas Kämpfernatur nicht verhindern können.

Es hatte eine Zeit gegeben, da war Lunau für ihn tatsächlich ein Zuhause gewesen, doch das war lange vorbei. Denn vor Jahren hatte er sich geschworen, niemals wieder zurückzukommen. Ach, wie hieß es so treffend: Wenn du willst, dass die Engel im Himmel über dich lachen, mach Pläne. Rafael lächelte resigniert.

Als Kjell ihm die Nachricht von Julias Tod übermittelt hatte, war er gerade zu wichtigen Verhandlungen in Los Angeles gewesen. Den Schock, dass seine Schwester schon in so jungen Jahren sterben musste, hatte er noch nicht verarbeitet. Sicher, er hatte vor einigen Monaten von ihrer tödlichen Krankheit erfahren, dennoch lag es wohl in der Natur des Menschen, still zu hoffen und verzweifelt auf ein Wunder zu warten, das dann leider nicht eintraf. Kurz nach der furchtbaren Diagnose hatte er oft mit Julia telefoniert, manchmal mehrmals am Tag. Vergeblich hatte er versucht, sie von der Operation zu überzeugen, zu der Kjell und auch andere Ärzte dringend geraten hatten, die sie selbst jedoch so vehement abgelehnt hatte. Und dann war sie gestorben, eines Nachts, einfach so im Schlaf. Kjell hatte ihm am Telefon versichert, dass sie nicht gelitten hatte.

Bevor Julia krank geworden war, hatten sie nicht mehr allzu viel Kontakt gehabt, aber er hatte sich ihr dennoch immer nahe gefühlt. Sie war alles gewesen, was ihm an Familie geblieben war.

Jetzt war seine Schwester gegangen und damit konnte er die letzte Brücke nach Lunau unwiderruflich abreißen. Endlich!

Im Flur seines Elternhauses stellte Rafael seinen Rucksack ab, zog die schweren Lederstiefel aus und hängte seine Motorradkleidung zum Trocknen auf. Dann marschierte er barfuß, nur in Boxershorts und T-Shirt, durch das Haus, um es einer ersten Bestandsaufnahme zu unterziehen.

In diesem Gebäude war er aufgewachsen, doch von einem bestimmten Zeitpunkt an war auch dieses Haus nur noch ein Ort voller Leid für ihn gewesen. Es war ein eigenartiges Gefühl, wieder durch die vertrauten Räume zu gehen, auch wenn von der ursprünglichen Einrichtung nicht mehr viel übrig geblieben war. Inzwischen gab es moderne, schlichte Möbel, eine funkelnagelneue Einbauküche und neue Bäder. Alles wirkte viel heller und offener als früher. Seine Schwester hatte bei der Einrichtung Geschmack bewiesen, das musste er zugeben. Und er war ihr dankbar, denn im Grunde sah es heute kaum noch wie das Haus seiner Kindheit aus. Das machte es ein bisschen leichter.

Das Haus war alles andere als klein. Im Erdgeschoss gab es ein fünfzig Quadratmeter großes Wohnzimmer, die Küche mit angeschlossenem Essbereich und ein Gästezimmer mit eigenem Bad. Im oberen Stockwerk befanden sich das Schlafzimmer, das große Bad, Julias winziges Büro und zwei weitere Räume. Einer davon, sein altes Refugium, stand völlig leer. Das andere Zimmer war ebenfalls wie ein Gästezimmer eingerichtet, aber deutlich geräumiger als das Pendant im Parterre. Außerdem gab es ein sehr viel breiteres Bett. Da er es ohnehin nicht fertigbringen würde, in dem Zimmer zu schlafen, das Julia gehört hatte, entschied Rafael sich für das größere Gästezimmer oben.

Nach der Schlechtwetterfahrt sehnte er sich vor allem nach einer heißen Dusche. Zuerst musste er jedoch das restliche Gepäck aus den Motorradkoffern holen. Seufzend ging er die Treppe hinunter. Im Keller des Hauses gab es einen direkten Zugang zur Garage, wo er vorhin seine Maschine abgestellt hatte.

Unten angekommen holten ihn für einen Augenblick die Erinnerungen ein. Schon vor Jahren hatte er sie tief in der hintersten Ecke seines Bewusstseins vergraben, aber nun kamen sie mit aller Macht zurück, so als wären sie niemals fort gewesen.

Wie festgenagelt blieb er minutenlang am Fuße der Kellertreppe stehen. Ein wilder Fluchtinstinkt ergriff plötzlich von ihm Besitz und brennende Übelkeit stieg in ihm hoch. Am liebsten wäre er wieder nach oben gerannt. Alles in ihm kämpfte gegen eine Panik, die immer gnadenloser über ihn hereinbrach. Das Herz in seiner Brust begann laut zu trommeln und innerhalb von wenigen Sekunden war jeder Millimeter seines Körpers mit kaltem Schweiß bedeckt. Seine Beine wollten nachgeben, doch auch dagegen setzte er sich zur Wehr. Um ein Haar hätte er sich einfach auf die Treppe fallen lassen, dennoch blieb er stehen.

Keuchend, wie nach einem langen Lauf, versuchte er Luft in seine Lungen zu pumpen und sich mit reiner Willenskraft wieder zu sammeln. Schließlich schaffte er es, war froh, nicht aufgegeben zu haben, und sein Herzschlag fand wieder zu einem annähernd normalen Rhythmus zurück. Erst jetzt bemerkte er seine geballten Fäuste. Er musste fast würgen, während er auf seine kampfbereiten Hände starrte, und löste sie langsam, wie in Zeitlupe. Mit ausladenden Schritten, ohne auch nur einen einzigen Blick zu den hinteren Räumen des Kellers zu wagen, hielt er schließlich geradewegs auf die Tür zur Garage zu.

Als er nur wenige Minuten später wieder oben war, fühlte es sich wie eine Befreiung an.

Nach einer langen und sehr heißen Dusche schlüpfte er in saubere Jeans und zog sich ein frisches Hemd an, dann griff er nach seinen schwarzen Turnschuhen. Der Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass die Stunde Wartezeit, die er mit Luisa vereinbart hatte, schon fast um war.

Rafael setzte sich auf die Treppe und zog seine Schuhe an. Hier im Flur, gleich neben der Garderobe, gab es eine doppelte Tür mit einem kleinen Hohlraum dazwischen. Sie führte direkt in die Einliegerwohnung, die Luisa schon seit mehreren Jahren bewohnte.

Er verspürte nicht die geringste Lust, noch einmal hinaus in den Regen zu gehen. Kurzerhand öffnete er seine Seite der Verbindungstür, klopfte an der zweiten und wartete. Es dauerte nur einen Moment, bis Luisa öffnete.

„Ich hoffe, es ist dir recht, dass ich diese Möglichkeit gewählt habe. Bei dem Regen wollte ich nicht noch einmal um das gesamte Haus laufen.“

„Ist schon in Ordnung“, entgegnete sie und lächelte leicht. „Julia und ich haben diese Tür auch benutzt, wenn wir uns gegenseitig besucht haben. Komm doch rein.“

Er ging an ihr vorbei und stand plötzlich im engen Flur der kleinen Wohnung. Es war ein krasser Gegensatz zu den großzügigen Räumen im Haupthaus, und doch fühlte er sich seltsam erleichtert. Hier hatten früher, als er noch klein gewesen war, seine Großeltern gelebt. Die Einliegerwohnung lag in einem Anbau des Hauptgebäudes. Sie war ebenerdig und es gab nur zwei Zimmer, eine Küche, sowie ein kleines Badezimmer. Alles in allem waren es nicht viel mehr als gut fünfzig Quadratmeter. Er erinnerte sich gut daran, dass seine Mutter die Wohnung immer als Puppenstube bezeichnet hatte. Er hatte schon immer gefunden, dass das eine sehr passende Bezeichnung dafür war.

„Das Essen ist gleich so weit. Wenn du nichts dagegen hast, essen wir in der Küche“, sagte Luisa. Ihr braunes, schulterlanges Haar war noch feucht, wie er feststellte. Auch sie trug einfache Bluejeans und dazu ein schmal geschnittenes Shirt aus pinkfarbener dünner Baumwolle, das weit bis über ihre Hüften reichte und ihre zierliche Figur betonte. Rosalackierte Zehennägel schmückten ihre nackten Füße, die in farblich passenden Flipflops steckten.

Er fand Luisa irgendwie niedlich, wie sie so dastand und mit ihren großen silbergrauen Augen zu ihm aufsah. „Ich habe Hunger wie ein Wolf, mir ist völlig egal, wo du mich fütterst“, antwortete er und bemühte sich dabei um ein gefälliges Lächeln.

Schweigend drehte sie sich um, und er ließ sie vorausgehen.

Die alten zusammengesuchten Küchenmöbel seiner Großmutter waren verschwunden. Stattdessen gab es jetzt auch in Luisas Wohnung eine moderne Einbauküche. Allerdings bestand sie nicht aus Hochglanzflächen und Stahl wie die im Haupthaus, sondern aus schlichten, weißlackierten Holzmöbeln. Trotz der geringen Größe war die Küche ganz im Stil einer behaglichen Landhausküche gehalten. An den Wänden hingen Bilder von Blumensträußen, die verspielt und sogar eine Spur kitschig wirkten. Ihm gefiel das, weil es zu Luisa passte. Zumindest zu der Luisa, die er in Erinnerung hatte.

„Nimm doch schon mal Platz“, bat sie ihn und deutete auf die Essecke, wo der Tisch bereits für zwei gedeckt war. „Möchtest du etwas trinken? Ich habe auch Wein da, oder hättest du lieber ein Bier?“, fragte sie.

„Gerne ein Bier“, antwortete er. Es duftete herrlich und sein Magen knurrte vernehmlich.

Da saß nun der Mann an ihrem Küchentisch, der sie jahrelang in ihren heißesten Träumen verfolgt hatte, und wartete darauf, dass sie ihm das Essen servierte. Luisa hätte sich am liebsten gekniffen, um sicherzugehen, dass sie tatsächlich wach war.

Auch im hellen Licht der Küchenlampe betrachtet, hatte sich Rafael Brix kaum verändert. Sein Haar war auffallend voll und dunkel. Es war nicht zu kurz, aber gut geschnitten, genauso, wie sie es bei Männern am liebsten mochte. Natürlich sah er insgesamt etwas reifer aus, erwachsener und vielleicht eine Spur ernster als früher, aber er war noch immer der eindrucksvollste und attraktivste Mann, den sie jemals zu Gesicht bekommen hatte. Seine ebenmäßigen Züge machten allerdings nicht den besonderen Reiz aus. Es waren vielmehr die Besonderheiten dieses Gesichts, die ihn so außergewöhnlich anziehend machten. Der volle ausdrucksstarke Mund, die geheimnisvollen grünschillernden Augen, umrahmt von Wimpern, kurz, aber so dicht und tiefschwarz, wie es nur selten vorkam. Sie musste sich richtiggehend darauf konzentrieren, ihn nicht unentwegt anzustarren. Das war schon früher so gewesen. Wie oft hatte sie ihn heimlich beobachtet, es still genossen, ihn einfach nur ansehen zu dürfen? Manchmal war es sehr praktisch gewesen, dass er sie kaum beachtet hatte.

„Es duftet großartig“, unterbrach er ihre Gedanken und trank einen Schluck Bier.

„Ich hoffe, es schmeckt auch so“, erwiderte sie und versuchte dabei möglichst entspannt zu lächeln. Das Kochen beruhigte ein wenig. Es war ihr schon immer leichter gefallen, mit aufregenden Situationen umzugehen, sobald ihre Hände etwas zu tun hatten. Ihr war klar, dass sie jetzt deshalb etwas länger als nötig in der kleinen Kasserolle mit der Soße rührte.

„Ah, ich liebe Spaghetti Carbonara“, rief er, als sie die Schüsseln schließlich auf den Tisch stellte. Während sie sich ein Glas Wasser einschenkte, füllte er ganz selbstverständlich zuerst ihren, dann seinen Teller.

„Da bin ich aber beruhigt. Ich hatte kein Fleisch mehr im Haus, nur noch den Schinken, deshalb habe ich ein wenig improvisiert. Es ist auch keine echte Carbonara, mehr eine Sahnesoße mit etwas Käse darin.“

„Lecker!“, lobte er sie, nachdem er probiert hatte. „Du hast mir gerade das Leben gerettet. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet und bin gleich danach losgefahren. In wenigen Minuten wäre ich höchstwahrscheinlich den Hungertod gestorben.“

Sein rauchiges Lachen schien kleine vibrierende Erdbeben direkt unter ihrem Herzen zu erzeugen. Luisa brachte kaum etwas hinunter, während er mit Appetit aß und auch noch eine zweite Portion verdrückte.

Nach dem Essen half er ihr sogar beim Aufräumen. Es kam ihr völlig unwirklich vor, ihn in ihrer kleinen Küche werkeln zu sehen. „Möchtest du noch ein Bier?“, fragte sie, nachdem sie die Küche wieder in Ordnung gebracht hatten.

„Lieber einen Kaffee, wenn du einen dahast.“

„Kein Problem. Ich trinke gerne einen mit. Wir können auch ins Wohnzimmer wechseln, wenn dir das recht ist.“

Kurze Zeit später saß sie auf der Couch und nippte an ihrer Tasse. Rafael hatte es sich in ihrem Lieblingssessel gemütlich gemacht. Sie fand es ganz wundervoll, wie er so zufrieden und gesättigt dasaß.

„Übrigens, ich danke dir, dass du den Mut aufbringst, mich überhaupt in deine Wohnung lassen“, ergriff er nach einer Weile das Wort.

Es sollte wohl ein Scherz sein, aber es klang seltsam ernst, so wie er es sagte. Luisa wollte einfach keine passende Antwort einfallen.

„Du wolltest mit mir sprechen“, erinnerte sie ihn, um auf ein anderes Thema zu kommen. Das Risiko, dass das Gespräch sonst auf die Vergangenheit kam, war zu groß. Es gab Dinge, über die sie einfach nicht mit ihm sprechen wollte. Dazu war von ihrer Seite alles gesagt. Und er sollte ihre Haltung mittlerweile kennen.

Er räusperte sich. „Ja. Ähem, Lu, ich … wollte dir zuerst dafür danken, dass du dich um alles hier so großartig gekümmert hast.“

„Das ist doch selbstverständlich, Rafael. Julia war nicht nur meine Chefin, sondern auch eine sehr gute Freundin. Ich habe ihr viel zu verdanken.“

Plötzlich wirkte er, als würde er angestrengt über etwas nachdenken. „Arbeitet deine Schwester eigentlich noch in der Verwaltung des Feriendorfes?“

„Ja. Barbara hat inzwischen sogar die Leitung übernommen“, antwortete Luisa schnell. Sie musste husten.

„Okay.“ Seine düstere Miene ließ nicht den geringsten Zweifel daran, dass er das überhaupt nicht in Ordnung fand. Er legte den Kopf in den Nacken und stieß geräuschvoll die Luft aus. „Komisch, ich hatte tatsächlich die Hoffnung, dass sie Lunau inzwischen auch verlassen hätte, aber egal. Naja, ich muss dir ja nicht erläutern, wie ich zu diesem Dorf stehe, oder?“

Langsam schüttelte sie den Kopf. Ein ungutes Gefühl stieg in ihr hoch, wurde von Sekunde zu Sekunde stärker. „Nein.“

Er stellte seine leere Tasse ab und erhob sich, ging mit wenigen Schritten vor dem Couchtisch auf und ab. „Warum soll ich lange drumherum reden? Es wird nie den richtigen Zeitpunkt dafür geben, denke ich. Was ich dir sagen will … Lu, ich werde das hier alles verkaufen und den gesamten Betrieb auflösen.“

„Was? Nein!“ Auch sie hielt es nun nicht mehr auf ihrem Platz. Sie sprang auf und starrte ihn an, konnte kaum glauben, was er da soeben gesagt hatte.

„Mir ist klar, dass dir das nicht gefallen kann, aber ich … Also, ich habe mich schon vor ein paar Wochen, gleich nach Julias Tod, dazu entschlossen, das Haus und das Land zu verkaufen. Mir liegen bereits einige gute Angebote vor.“

In ihr war plötzlich alles kalt und leer. „Die Gärtnerei sichert den Lebensunterhalt von fast dreißig Familien in Lunau, Rafael.“

„Auch wenn du ein bisschen übertreibst, weiß ich das natürlich. Und einmal davon abgesehen, dass mir die meisten Leute hier im Dorf vollkommen gleichgültig sind, mir tut es für dich wirklich leid, Lu. Deshalb wollte ich auch rechtzeitig mit dir sprechen, damit du dir … in Ruhe eine neue Bleibe suchen kannst.“

„Wie bitte?“ Kälte. Da war nur noch diese Kälte in ihr und auf ihrer Zunge breitete sich ein bitterer Geschmack aus. Sie fühlte sich hilflos und furchtbar klein, während sie dastand, fassungslos zu ihm aufsah und darauf wartete, dass er endlich zugab, dass er nur einen bösen Scherz gemacht hatte. Seine Miene wirkte jedoch unverändert düster und entschlossen.

„Das Haus hier wird voraussichtlich abgerissen“, fuhr er ungerührt fort. „Ja, auch das ist schade, ich habe natürlich gesehen, was Julia alles investiert hat. Doch so wie es aussieht, werden hier einzelne Baugrundstücke für kleinere Einzelhäuser abgeteilt werden. Besonders viele junge Hamburger Familien zieht es aus der Stadt raus.“

„Das ist doch alles nicht dein Ernst, Rafael! Das kann nicht dein Ernst sein! Die Gärtnerei läuft super. Wir haben Stammkunden im gesamten Umkreis, auch Großkunden sind dabei. Und der Blumenladen …“

„Den Blumenladen würde ich dir natürlich überlassen“, unterbrach er sie. „Du kannst ihn sogar kaufen, oder ich verpachte ihn dir einfach lebenslang, wenn es dir lieber ist. Wir werden uns da schon einig werden, glaub mir. Ich weiß von Julia, wie sehr du daran hängst. Egal ob du dich fürs Kaufen oder Pachten entscheidest, du kannst den Laden in Eigenregie weiterführen, er würde ganz allein dir gehören.“

Mit allen zehn Fingern raufte sie sich die Haare, trat noch einen Schritt auf ihn zu und stemmte die Hände auf die Hüften. Verzweifelt suchte sie nach überzeugenden Argumenten, um ihn von diesem unerwarteten Entschluss wieder abzubringen. „Soso, den Laden willst du mir also großzügigerweise überlassen, ja? Rafael, der Laden lebt fast ausschließlich von der Gärtnerei! Die Jungs sind nur selten zum Großmarkt nach Hamburg gefahren. Die meisten Schnittblumen kommen aus unseren eigenen Gewächshäusern. Mein Angebot ist dadurch zwar nie besonders groß, aber zuverlässig frisch und von guter Qualität. Meine Kunden wissen das zu schätzen. Ohne die Gärtnerei kann ich ‚Luisas Blütenmeer‘ vergessen, Rafael.“ Sie musste sich sehr darauf konzentrieren, ihn nicht anzuschreien, und zischte den letzten Satz geradezu.

„Na ja, aber andere Blumengeschäfte überleben doch auch ohne dazugehörige Gärtnerei.“

Das kurze Lachen, das er ausstieß, klang ein wenig unsicher, wenn sie sich nicht täuschte. Verzweifelt griff sie nach diesem Strohhalm. Ihre Stimme wurde nun doch lauter. „Aber doch nicht hier mitten in der Lüneburger Heide! Bitte, denk doch mal nach! Ich müsste meine Schnittblumen aus den anderen Gärtnereien beziehen. Bis jetzt sind das unsere Konkurrenten, verstehst du? Und ich kann wohl kaum jede verdammte Nacht nach Hamburg fahren, um mein Geschäft selbst mit frischer Ware zu versorgen!“

Die Wut kam mit voller Wucht. So als wäre sie in den vergangenen Minuten mühsam gezügelt worden, brauste sie nun durch sie hindurch. Und mit der Wut kam auch die endgültige Erkenntnis, dass es ihm mit seinem Vorhaben wirklich und wahrhaftig ernst war. Plötzlich sah Luisa in ihm nichts Anziehendes mehr. Dieser Mann war im Begriff, ihr alles zu nehmen. Ihr Zuhause. Ihre Arbeit. Alles! Als hätte er ihr nicht schon genug das Leben zur Hölle gemacht, schlicht weil es ihn gab.

„Du machst alles kaputt! Du bist ein … ein egoistischer Mistkerl, Rafael Brix!“

Luisa stand vor ihm wie die Rachegöttin persönlich und sah zu ihm auf. Die Nasenflügel bebten, ihre Brust hob und senkte sich unter ihrem schnellen Atem und ihre Augen schienen tödliche Silberpfeile auf ihn abzufeuern. Die mehrfach gerauften Haare schienen um ihre harte Miene zu wogen. Sie sah aus, als wäre sie zu einem Mord bereit, zumindest solange er das Opfer abgeben würde.

Wow!

Das war der einzige Gedanke, der in diesen Sekunden noch Platz in ihm hatte, der andere, gewichtigere Teil seiner Reaktion war rein körperlich. Plötzlich fühlte er den schier unbezwingbaren Drang, sie an sich zu ziehen, ihr die Kleider von Leib zu reißen und sie auf der Stelle nach allen Regeln der Kunst zu verführen.

Instinktgesteuert machte er einen Schritt auf sie zu, bis sein Körper ihren fast berührte.

Halt! Stopp! Das hier ist die kleine Lu, schon vergessen?

Nach einem sehr tiefen Atemzug ging er wieder auf Abstand, rieb sich kurz das Gesicht, weil er selbst kaum glauben konnte, was da gerade mit ihm passiert war, und sah sie wieder an. „Du bist verdammt erwachsen geworden, kleine Lu.“

Eine Sekunde lang wirkte sie verwirrt. „Und du bist verdammt rücksichtslos geworden, großer Rafael“, sagte sie leise, es klang fast traurig. „Die Gärtnerei gehört seit vielen Generationen deiner Familie. Wie kannst du das nur tun? Wie kannst du das Lebenswerk deiner Schwester so mit Füßen treten? Julia hat hier in den letzten Jahren schwer geschuftet. Sie hat wirklich großartige Arbeit geleistet und die Gärtnerei zu dem gemacht, was sie heute ist. Außerdem hat sie den Betrieb über alles geliebt, ebenso wie ihre Arbeit, das Land, das Leben mit der Natur und dieses Haus. Wie kannst du auch nur daran denken, das hier alles in Schutt und Asche zu legen und dann wildfremden Leuten zu überlassen, Rafael?“

„Die Gärtnerei gehörte seit vielen Generationen der Familie von Klaas Brix“, erinnerte er sie lahm. „Julia war sein Kind, ich nicht.“

„Aber du bist hier genauso geboren und aufgewachsen wie sie. Es ist doch auch dein Zuhause gewesen.“

„Das ist lange her.“ Er räusperte sich und hatte plötzlich das Gefühl, dass er ihr eine Erklärung schuldig war, wusste aber schlicht nicht, wie er das anstellen sollte. Er fühlte sich überfordert und merkwürdig beschämt. „Es tut mir leid, Luisa, wirklich.“

„Das glaube ich dir nicht.“ Sie verzog ihren hübschen Mund. „Vielleicht wäre es besser, wenn du jetzt gehst.“

„Hör zu …“

„Rafael, noch ist das hier meine Wohnung, also geh bitte! Wir reden morgen weiter, verstehst du?“

Ihm blieb nichts anderes übrig, als ihrer Aufforderung zu folgen, also nickte er.

„Danke fürs Essen, Lu. Bis morgen.“

Es war noch viel zu früh, um schlafen zu gehen. Rafael hatte bereits eine Weile aus dem Fenster gestarrt, als ihm bewusst wurde, dass der Regen inzwischen aufgehört hatte. Da er nicht richtig zur Ruhe kam, beschloss er, noch ein bisschen frische Luft zu tanken. Um diese Zeit saßen die Lunauer in der Regel schon vor dem Fernseher und genossen ihren Feierabend. Die Wahrscheinlichkeit, dass er noch jemandem über den Weg lief, war deshalb eher gering. Um trotzdem sicherzugehen, dass er nicht sofort erkannt wurde, schlüpfte er in eine wetterfeste Jacke und zog sich die Kapuze über den Kopf, bevor er das Haus verließ.

Nachdem er das Gelände der Gärtnerei hinter sich gelassen hatte, schlug er den Weg zur Hauptstraße ein. Die wenigen kleinen Geschäfte, die sich hier aneinanderreihten, waren typisch für Lunau. Einige von ihnen waren schon seit mehreren Generationen familiengeführt. Es gab sie schon so lange er sich erinnern konnte. Der Lebensmittelladen von Klaus und Sonja Lehmann wirkte in seiner Aufmachung etwas moderner als früher, aber die kleine Drogerie der Steinbachs hatte sich keinen Deut verändert, seit er das letzte Mal hier gewesen war. Schon seit Jahrzehnten stand das Wort „Drogerie“ in verwitterten blassblauen Buchstaben über dem Schaufenster, und noch immer hing das große D etwas schief. Den Friseursalon führte inzwischen Katja Reichert, wie er auf dem Schild lesen konnte, das in der Ladentür hing. Katja kannte er noch aus Schulzeiten. Sie war eine Klasse über ihm gewesen. Wenn er sich richtig erinnerte, hatte sie nach der zehnten Klasse die Schule abgebrochen, um eine Ausbildung im Laden ihrer Mutter zu machen. Die Geschäfte waren kaum beleuchtet, das war auf dem Dorf anders als in den Großstädten, in denen auch nach Feierabend und nachts die Schaufenster hell erstrahlten. So etwas gab es in Lunau nicht.

Der alte Gasthof stand noch immer leer, wie Rafael überrascht bemerkte. Wenn man genau hinsah, konnte man bereits erste Spuren des Verfalls erkennen. Eigentlich war das alte Backsteingebäude ein richtiges Schmuckstück, doch nun blätterte die Farbe von den ehemals weißen Fensterläden und das Unkraut wuchs an der Hausmauer empor.

Obwohl es ihm gleichgültig sein sollte, empfand Rafael es fast als Schande, so ein herrliches Haus ungenutzt verkommen zu lassen. In seiner Kindheit war der Gasthof ein beliebter Treffpunkt gewesen. Jedes Jahr während der Heideblüte, die hier die fünfte Jahreszeit genannt wurde, hatte der Wirt sogar einige Gästezimmer an Touristen vermietet. Nachdem der frühere Besitzer schon vor Jahren verstorben war, kümmerte sich nun offenbar niemand mehr darum.

Seufzend wandte er sich ab, ging noch ein Stück weiter die Straße hinunter. Hinter dem Dorfplatz teilte sich die Fahrbahn. Rafael wusste natürlich, dass die rechte Spur aus Lunau herausführte, deshalb hielt er sich links. Mit gemächlichem Schritt ging er weiter. Wie oft war er in seiner Kindheit und Jugend diesen Weg schon gegangen, entlanggerannt oder -gehüpft? Unzählige Male. Und noch immer endete diese Straße in einer Sackgasse.

Schließlich stand er vor dem Gebäude, in dem er sich stets viel mehr zu Hause gefühlt hatte als in seinem Elternhaus. Das Buchladen-Café von Christa Loewenthal hatte sich sehr verändert. Die hübsche Holzveranda vor dem Haus war modernisiert und vergrößert worden.

Hinter mehreren Fenstern in der oberen Etage brannte noch Licht, und Rafael fühlte sofort eine seltsame Geborgenheit in sich aufsteigen, ein Gefühl, das ihm schon seit Jahren fremd geworden war. Kurz überlegte er, ob er einfach an der Haustür klingeln sollte, dann verließ ihn der Mut. Morgen war auch noch ein Tag, und er wollte Christa nicht ihren verdienten Feierabend verderben, indem er sie störte.

Noch einmal sah Rafael sich um und betrachtete versonnen das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er wusste, dass dort inzwischen sein alter und bester Freund Kjell Loewenthal wohnte und praktizierte. Bis auf eine kleine Außenbeleuchtung lag das ansehnliche Gebäude in völliger Dunkelheit. Im Licht der Straßenbeleuchtung war das typische weiße Schild einer Arztpraxis allerdings klar zu erkennen.

Rafael wollte sich gerade auf den Rückweg machen, als er plötzlich Schritte hörte. Hastig drehte er sich um – und konnte nur mühsam eine kleine hellgraue und sehr quirlige Promenadenmischung abwehren, die an ihm hochsprang und ihn begrüßte wie ein lang vermisstes Familienmitglied. Rafael musste lachen, beugte sich hinunter und streichelte dem Hund den wuscheligen Kopf. Der Mann, dessen Schritte noch näher kamen, lachte ebenfalls. Die Stimme war ihm so vertraut wie seine eigene.

Eine Weile sahen sie einander grinsend an. Dann nahmen sie sich brüderlich in den Arm.

„Rafael, es tut so gut, dich zu sehen“, sagte Kjell, nachdem sie sich voneinander gelöst hatten.

„Ich freue mich auch!“ Obwohl sie sich ewig nicht gesehen, sondern nur telefoniert hatten, stellte sich die alte Vertrautheit sofort wieder ein, aber das überraschte ihn nicht. Kjell und er hatten sich schon immer verstanden, auch ohne viele Worte machen zu müssen. Noch einmal klopfte er Kjell auf die Schulter, dann betrachtete er den kleinen Hund, der aufgeregt zwischen ihnen herumtollte. „Dieser Springinsfeld gehört offenbar zu dir, ja?“

Kjell nickte. „Ja, das ist Siggi, also eigentlich heißt er Sigmund Freud. Lass dich nicht von seinem albernen Benehmen und Aussehen täuschen. Er ist der beste und klügste Hund der Welt. Übrigens ist er, wenn es um Menschen geht, sehr wählerisch, du kannst dir also etwas darauf einbilden, dass er dich gleich so freundlich begrüßt hat.“ Kjell deutete mit dem Kopf auf das Haus seiner Mutter und grinste. „Wolltest du deiner Ersatzmama einen Besuch abstatten?“

„Ehrlich gesagt war ich gerade im Begriff zu gehen. Ich war zwar versucht zu klingeln, wollte aber nicht so spät stören.“

„Ach komm, Rafael, meine Mutter wird ausflippen vor lauter Freude, wenn sie dich endlich wiedersieht. Du könntest sie gar nicht stören, sie liebt dich viel zu sehr.“ Kjell legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Na los, wir sitzen heute Abend alle zusammen bei ihr in der Küche und läuten gemeinsam das Wochenende ein. Das machen wir oft am Freitagabend. Siggi musste kurz raus, deshalb hab ich eine kleine Runde gedreht. Es ist also überhaupt nicht zu spät, trink noch ein Glas mit uns. Ich kann es kaum erwarten, dir Isabell vorzustellen.“

„Ich muss zugeben, ich bin nicht wenig gespannt auf die Frau, die es geschafft hat, meine Schwester aus dem Rennen zu schicken.“