Wilder Wacholder - Susanne Schomann - E-Book
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Wilder Wacholder E-Book

Susanne Schomann

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Beschreibung

Einen neuen Anfang will Isabell in der Lüneburger Heide wagen und ihre schmerzliche Vergangenheit in Cornwall vergessen. Doch das ist unmöglich – eine neue spannende Lovestory von Susanne Schomann! Die grünen Hügel von Cornwall hat Isabell Valentine gegen die blühende Heide von Lunau eingetauscht: Nach dem Unfalltod ihres Mannes wagt sie in der Lüneburger Heide einen Neuanfang: Beruflich mit ihren Modetorten, privat ist da Dr. Kjell Loewenthal. Aber der Landarzt von Lunau ist ein Mann, der sich auf keine feste Beziehung einlassen will, auch wenn seine Blicke in kostbaren Momenten etwas zu versprechen scheinen, an das Isabell nach all den Tränen nicht mehr glauben konnte. Es duftet nach wildem Wacholder, als Kjell sie zum ersten Mal küsst. Und er ist für sie da, als die Vergangenheit sie einholt – und ihr Glück unter dem weiten Heidehimmel in Gefahr gerät.

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Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Kurzbeschreibung:

Einen neuen Anfang will Isabell in der Lüneburger Heide wagen und ihre schmerzliche Vergangenheit in Cornwall vergessen. Doch das ist unmöglich – eine neue spannende Lovestory von Susanne Schomann! Die grünen Hügel von Cornwall hat Isabell Valentine gegen die blühende Heide von Lunau eingetauscht: Nach dem Unfalltod ihres Mannes wagt sie in der Lüneburger Heide einen Neuanfang: Beruflich mit ihren Modetorten, privat ist da Dr. Kjell Loewenthal. Aber der Landarzt von Lunau ist ein Mann, der sich auf keine feste Beziehung einlassen will, auch wenn seine Blicke in kostbaren Momenten etwas zu versprechen scheinen, an das Isabell nach all den Tränen nicht mehr glauben konnte. Es duftet nach wildem Wacholder, als Kjell sie zum ersten Mal küsst. Und er ist für sie da, als die Vergangenheit sie einholt – und ihr Glück unter dem weiten Heidehimmel in Gefahr gerät.

Susanne Schomann

Wilder Wacholder

Roman

Edel Elements

Edel Elements

Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2019 Edel Germany GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2017 by Susanne Schomann

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Langenbuch & Weiß Agentur

Covergestaltung: Anke Koopmann, Designomicon, München

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-96215-288-8

www.facebook.com/EdelElements/

www.edelelements.de/

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Epilog

Isabells Lieblingstorten

Anmerkung der Autorin

Für Vincent, Cosmo und Summer.

Vincent, den besten Hund der Welt, der nun schon viele Jahre seinen geliebten Tennisball durch den Hundehimmel trägt.

Cosmo, der mich mit seiner Schönheit noch immer atemlos macht.

Für Summer, die süße Maus, die mich mit einem einzigen Blick aus ihren ungewöhnlichen Augen verzaubern kann.

Und für ihre Menschen, die in meinem Herzen wohnen.

Lustgeschmetter

Goldene Knospenhülle schütten

All die jungen Buchenblätter,

Und den ganzen Wald durchjubelt

Liebessang und Lustgeschmetter.

Um die weißen Sterngrasblumen

Tanzen goldne Schmetterlinge,

Und um jede kleine Blüte

Geht ein summendes Geklinge.

Lachend fass ich deine Hüfte,

Hab so lange dursten müssen,

Lange lange lange Jahre,

Ach so sehr, nach deinen Küssen.

(Hermann Löns, 1866 - 1914, deutscher Naturforscher, Tierschilderer, Heide- und Liederdichter)

KAPITEL 1

Ein ruhiges und normales Leben. Vor allem das war es, wonach Kjell Loewenthal sich aus tiefstem Herzen sehnte.

Endlich ein Leben ohne nervenaufreibende Aufträge, ohne lebensbedrohliche Situationen und ohne die zermürbenden Trainingseinheiten, die für den Job, den er in den vergangenen Jahren erledigt hatte, so unabdingbar gewesen waren.

Wie war er da nur hineingeraten? Besonders in den letzten Monaten hatte er sich diese Frage immer häufiger gestellt. Das Medizinstudium bei der Bundeswehr allein wäre ja noch in Ordnung gewesen, doch irgendwann hatte ihn der Teufel geritten.

Die Arbeit als Schiffsarzt auf einer Fregatte brachte ihm nicht die Erfüllung, die er sich einst für sein Berufsleben gewünscht hatte, und so war er nach einer zusätzlichen harten Ausbildung schließlich bei einer Eliteeinheit gelandet. Auch das war eine Geschichte, die er nun hinter sich lassen konnte. Seine Dienstzeit bei der Marine war endgültig vorbei. Nach siebzehn langen Jahren war aus dem Oberstabsarzt und Elitesoldaten Dr. Kjell Loewenthal nun wieder ein Zivilist geworden, ein ganz normaler Arzt, der sich auf eine eigene Praxis in seinem beschaulichen Heimatdorf in der Lüneburger Heide freute.

In den vergangenen Jahren war er nicht sehr oft in Lunau gewesen. Ab und zu hatte er es zwar geschafft, über Weihnachten zu Hause zu sein, aber schon nach wenigen Tagen hieß es dann wieder Abschied nehmen. Nicht nur seine Mutter litt unter den ständigen Trennungen, auch er hatte mit der Zeit immer stärker das manchmal quälende Gefühl von Heimweh bei sich bemerkt.

Zufrieden lächelte er in sich hinein, als er in Bispingen die Autobahn verließ, um über eine wenig befahrene Landstraße sein geliebtes Lunau anzusteuern, ein Dorf, das mit knapp siebenhundert Einwohnern seinen Platz im Herzen der Lüneburger Heide hatte. Ein neues Leben lag vor ihm, und er konnte es kaum erwarten, endlich damit zu beginnen.

„Sieh dir das an, Siggi“, sagte er. Kjell fuhr rechts ran und warf einen Blick auf die Rückbank und in die Sicherheitsschale, die dort an einem der Gurte befestigt war. Sein Hund, Sigmund Freud, eine zottelige silbergraue Promenadenmischung, nicht viel größer als ein Zwergpudel, hob kurz den Kopf, nur um sich gleich wieder grunzend zusammenzurollen und die Augen zu schließen. Kjell grinste und gab Gas. „Du bist wirklich eine ignorante Schlafmütze, mein Lieber.“

Die Touristeninformationstafel direkt hinter dem Ortseingang war erneuert worden, stellte er erfreut fest. Die Schrift auf dem alten Schild war verblasst gewesen, als er Lunau das letzte Mal besucht hatte, doch nun konnte jeder Besucher auf Anhieb erkennen, in welche Richtung er fahren musste, wenn er zum Beispiel zum Gutshof, zum Feriendorf oder in den kleinen Ortskern wollte. Es gab sogar einen Hinweis auf das Buchladen-Café seiner Mutter, der auf der alten Tafel gefehlt hatte.

Kjell lächelte erneut. Am Telefon hatte Christa ihm freudig davon berichtet, dass sie die Café-Ecke in ihrem Geschäft ein wenig erweitert hatte. Die Kombination aus Buchladen und gemütlichem Café kam offenbar nicht nur bei den Touristen und Ausflüglern gut an, sondern hatte sich mit der Zeit auch zum Treffpunkt einiger Lunauer entwickelt.

Bewusst langsam bog er auf die Hauptstraße des Dorfes ein. Vorbei an der kleinen Grundschule, den vertrauten Geschäften und dem Landgasthof, der schon seit Jahren verlassen war, folgte er dem Straßenverlauf bis hin zum Dorfplatz. Hier wurde die Fahrbahn schmaler, gabelte sich, führte auf beiden Seiten um den Platz herum und danach an der einzigen Kirche von Lunau vorbei. Die Straße rechts brachte die Durchreisenden direkt wieder aus dem Ort hinaus. Hielt man sich jedoch links, landete man in einer breit angelegten Sackgasse. Hier gab es einige wunderschöne alte Wohnhäuser, errichtet aus dunkelrotem Backstein, der so typisch für Norddeutschland war.

Eines dieser herrlichen Gebäude gehörte ihm. Schon vor Jahren hatte er es gekauft, denn es war ihm immer klar gewesen, dass er eines Tages nach Lunau zurückkehren würde. Direkt gegenüber, auf der anderen Seite der Straße, stand das Haus, in dem er aufgewachsen war. Seine Mutter bewohnte dort nach wie vor das obere Stockwerk, während sich im unteren Teil ihr geliebtes Buchladen-Café befand.

Kjell schlug das Lenkrad seines alten Volvos ein. Er ließ den Wagen auf sein Grundstück rollen und stellte ihn im Carport ab, der hinter einer Buchsbaumhecke verborgen war. Jetzt, um die Mittagszeit, war es still in Lunau. Auf seiner Fahrt durch das Dorf hatte er außer ein paar Kindern, die auf dem Schulhof Fußball spielten, niemanden gesehen. Die Menschen saßen beim Essen und genossen ihre wohlverdiente Pause. An jedem Wochentag wurden die wenigen Geschäfte im Ort über Mittag geschlossen, an dieser Gewohnheit hielten die Dorfbewohner fest. Nur in der Hochsaison, während der Heideblüte, machten die Geschäftsleute gerne eine Ausnahme, doch bis dahin waren es noch ungefähr zwei Monate. Er wunderte sich also nicht über die Ruhe, die über dem Dorf lag. Diese friedlichen Stunden in der Mitte des Tages waren ihm vertraut, solange er denken konnte.

Fast ein wenig zögerlich, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, stieg er aus dem Auto, öffnete die hintere Tür und löste Siggis Gurt. Der Hund verzog sich sofort schwanzwedelnd ins Gebüsch. Kjell sah sich kurz um. Der Garten war geschmackvoll angelegt und wirkte gepflegt. Er hatte auch nichts anderes erwartet. Die uralten Rosenstöcke, die das gesamte Grundstück einrahmten, standen so prachtvoll wie eh und je. Vereinzelt entdeckte er bereits herrliche Blüten. Er wusste, dass Julia sich liebevoll um seinen Garten kümmerte, so wie sie es immer schon getan hatte.

Der Gedanke an seine Jugendfreundin erinnerte ihn daran, dass er bald eine Entscheidung treffen musste, zu der er eigentlich noch nicht bereit war, und ihm wurde flau im Magen. Seufzend schüttelte er den Gedanken ab, ging um den Wagen herum und hob zwei Reisetaschen und seinen olivgrünen Seesack aus dem Kofferraum. Er pfiff nach dem Hund, dann warf er sich den schweren Sack über die Schulter, nahm beide Taschen zusammen in eine Hand und marschierte auf den Eingang seines Hauses zu.

Knapp eine Stunde später hatte er alle Räume durchgelüftet, seine Sachen ausgepackt, die Waschmaschine in Gang gesetzt und den Hund gefüttert. Nach einer ausgiebigen Dusche war er in frische Kleidung geschlüpft und stand nun abermals im Badezimmer, um sich mit dem Kamm durchs Haar zu fahren. Beim Blick in den Spiegel schmunzelte er, denn sogar diese Tätigkeit erinnerte ihn daran, dass sich sein Leben vollkommen verändert hatte. Ein Kamm war in den vergangenen Jahren überflüssig gewesen, doch jetzt wuchs der ehemals militärisch kurze Bürstenhaarschnitt schon seit einigen Wochen nach, und sein dichtes, dunkelblondes Haar hatte wieder eine normale Länge. So gefiel er sich viel besser.

Ein verschmitztes Lächeln trat auf seine Lippen, und er zwinkerte seinem Spiegelbild zu. „Wird wohl langsam Zeit, mich bei Mama blicken zu lassen“, sagte er laut und verließ das Badezimmer. Bisher hatte offenbar niemand seine Ankunft bemerkt, denn sonst wäre seine Mutter längst bei ihm aufgetaucht.

Siggi sprang sofort auf, als Kjell zurück ins Schlafzimmer kam. Wie immer blieb der Hund ihm dicht auf den Fersen.

Den Eingang zum Haus seiner Mutter erreichte man über eine hübsche Holzveranda, die praktisch das gesamte Gebäude einrahmte, sich aber an den Seiten des Hauses zu schmalen Laubengängen verjüngte. Christa hatte diese Veranda erst vor einigen Monaten erneuern und gleichzeitig vergrößern lassen. Sie war sehr stolz darauf, wie er wusste.

Die Tür zum Geschäft stand offen, und noch bevor Kjell die beiden Stufen zur Veranda genommen hatte, stieg ihm der Duft von Frischgebackenem in die Nase. Er konnte nicht umhin, stehen zu bleiben und für einen Moment die Augen zu schließen, um diesen herrlichen Duft tief einzuatmen und richtig auszukosten. Überrascht stellte er fest, dass inzwischen auch auf der vorderen Veranda vier kleine Bistrotische mit jeweils zwei dazu passenden Stühlen standen. Ein paar Kübel, die mit blühenden Sommerblumen bepflanzt waren, und Blumenampeln, die von den Holzbalken hingen, wirkten einladend und sorgten für eine gemütliche Atmosphäre.

Die Veränderung gefiel ihm. Seine Mutter hatte ihm bereits am Telefon erzählt, dass sie eine Menge frischen Wind in das Geschäft gebracht hatte, offensichtlich war das keine Übertreibung. Er folgte dem verführerischen Duft, trat durch die Tür und blieb abrupt stehen. Hinter einem der beiden halbhohen Kühltresen des Cafés stand eine junge Frau auf der obersten Stufe einer dreistufigen Leiter und sortierte irgendwelche Gegenstände, die sich auf einem Regal an der Wand befanden. Da sie ihm ihre entzückende Kehrseite zuwandte und leise vor sich hin summte, bemerkte sie nicht, dass sie nicht mehr alleine im Laden war. Sie trug Jeans und eine weiße Bluse. Ihre Füße steckten in einfachen, ebenfalls weißen Turnschuhen. Wilde goldblonde Locken kringelten sich über ihren schmalen Rücken. Es dauerte eine Weile, bis Kjell sich an seine gute Erziehung erinnerte und ihm einfiel, dass er sich bemerkbar machen sollte. Auf keinen Fall wollte er sie erschrecken, deshalb räusperte er sich absichtlich leise.

Sein Plan ging auf, und die Frau drehte sich zu ihm um, ohne gleich vor Schreck von der Leiter zu fallen. Ihre hellblauen Augen weiteten sich für einen winzigen Moment, und er hörte, wie sie nach Luft schnappte. „Ich bin Kjell … Kjell Loewenthal“, beeilte er sich zu sagen, da sie ein wenig ängstlich dreinblickte. Zumindest kam es ihm so vor. Doch schon im nächsten Augenblick veränderte sich ihr bezauberndes Gesicht schlagartig und nahm einen nahezu verzückten Ausdruck an.

„Na, was bist du denn für ein Hübscher!“, rief sie begeistert aus, während sie langsam von der Leiter stieg.

Einen Moment war er irritiert von diesem Ausruf, doch dann ging ihm auf, dass sie überhaupt nicht ihn meinte, sondern dass sie ihren Blick auf Siggi gerichtet hatte.

Der Hund vergaß auf der Stelle, wohin er eigentlich gehörte, und warf sich der jungen Frau zu Füßen. Diese ging daraufhin in die Hocke und verwöhnte das Tier, indem sie ihm den Bauch kraulte.

Kjell konnte kaum glauben, was er da sah, denn sein Hund wirkte zwar auf den ersten Blick als könnte er kein Wässerchen trüben, gehörte aber normalerweise nicht zu den freundlichsten Exemplaren seiner Gattung. Einige Augenblicke sah er sich das Schauspiel an, dann räusperte er sich erneut. Dieses Mal allerdings etwas lauter.

„Oh, ich muss mich entschuldigen, doch der ist wirklich zu süß. Man kann dem kleinen Kerl nur schwer widerstehen“, sagte die Frau lachend und sah zu ihm auf.

Als sie sich erhob, bemerkte er, dass sie ihm gerade bis zur Brust reichte, doch daran war er bei seiner Größe gewöhnt. Er hoffte, dass er ein freundliches Lächeln zeigte, während er in die hellsten blauen Augen blickte, die er jemals gesehen hatte.

„Freut mich übrigens, dich endlich kennenzulernen“, plauderte sie weiter und duzte ihn ganz selbstverständlich. „Ich bin Isabell Valentine und arbeite hier. Deine Mutter wird sich freuen, dass du da bist. Seit Tagen spricht sie schon von nichts anderem mehr.“

Okay, dachte Kjell amüsiert, dann sind wir also gleich beim Du. Auf ihn wirkte es, als versuchte sie mit ihrer lockeren Art ihre Schüchternheit zu verbergen. Er fand das rührend. Man musste kein Fachmann sein, um ihre Nervosität zu erkennen, sondern nur ein aufmerksamer Beobachter. Ihre langen Wimpern flatterten ein wenig, ihre Wangen waren gerötet und um ihren linken Mundwinkel zuckte es leicht. „Hallo Isabell“, antwortete er und bemühte sich um einen freundlichen Tonfall, um ihr die Scheu zu nehmen. „Ich wusste bis jetzt gar nicht, dass meine Mutter jemanden eingestellt hat. Du … du kümmerst dich vor allem ums Café, schätze ich.“

„Ja, stimmt. Das ist mein Bereich.“ Wieder lachte sie. „Ich backe für mein Leben gern, musst du wissen. Aber wenn es die Situation erfordert, verkaufe ich natürlich auch Bücher.“

„Aha.“ Irgendwie wollte ihm keine passende Antwort einfallen, das kam nur selten vor. Fasziniert sah er sie an. Er hatte noch nie so kristallklare hellblaue Augen gesehen.

„Lust auf einen Kaffee?“, hörte er sie fragen, kurz bevor sein Schweigen peinlich geworden wäre.

„Ähm, ja … ja, Kaffee wäre toll.“

„Ein Stück Käsekuchen vielleicht? Er ist ganz frisch, ich habe ihn heute Morgen erst gebacken.“

„Käsekuchen? Warum nicht?“

„Ich hätte auch noch von der Birnen-Sekt-Torte. Das ist einer meiner Lieblingskuchen, musst du wissen.“

„Danke, ähm … Käsekuchen wäre toll.“

„Na, dann setz dich. Christa ist unterwegs. Sie ist gleich nach dem Frühstück nach Lüneburg gefahren, um ein bisschen zu shoppen. Wir wussten ja nicht, an welchem Tag du hier eintreffen wirst.“

„Ah, ja.“ Langsam fand Kjell es unangenehm, dass er in den vergangenen Minuten offenbar seinen gesamten Wortschatz eingebüßt hatte. Innerlich rief er sich zur Ordnung. Er ging hinüber zu einem der Tische und setzte sich. Sofort rollte sich Siggi unter seinem Stuhl zusammen und schlief auf der Stelle ein.

Isabell verschwand hinter den Kühltresen und bediente einen gurgelnden Kaffeevollautomaten, den er ebenfalls noch nicht kannte. Nachdem sie zwei Tassen auf ein Tablett gestellt hatte, schnitt sie ein gewaltiges Stück von einem goldgelben Kuchen ab.

„Ich könnte mich einen Moment zu dir setzen und auch einen Kaffee trinken, wenn du nichts dagegen hast. Hier scheint heute eher wenig los zu sein.“

„Ich habe überhaupt nichts dagegen.“ Immerhin war das ein normaler und vollständiger Satz, dachte er und freute sich darüber, dass Isabell inzwischen entspannter wirkte. Er beobachtete, wie sie den Kaffee brachte und einen Teller mit Kuchen vor ihm abstellte.

„Deine Mutter erwähnte mal, dass du schwarzen Kaffee liebst, deshalb hab ich gar nicht erst nachgefragt, wie du ihn trinkst“, sagte sie lachend und setzte sich ihm gegenüber.

„Schwarz ist perfekt. Danke.“

„Gern geschehen.“

Beide nippten sie an ihrem Kaffee. Ihrer war von einer dicken Schicht Milchschaum bededkt, wie er bemerkte. „Seit wann arbeitest du schon für Christa?“

„Oh, noch nicht sehr lange. Ein paar Monate. Warte mal, lass mich überlegen … ein knappes halbes Jahr vielleicht.“

„Hm, dann musst du gleich nach dem Jahreswechsel nach Lunau gekommen sein, also kurz, nachdem ich das letzte Mal hier gewesen bin.“

„Kann schon sein.“

„Du hast vorhin deinen Nachnamen englisch ausgesprochen und mir ist aufgefallen, dass du einen leichten Akzent hast“, sagte Kjell.

„Ich komme aus Cornwall“, antwortete sie und es wirkte, als fiele ein Schatten über ihr Gesicht.

„Entschuldige, ich wollte nicht neugierig sein“, beeilte er sich zu sagen, obwohl die Art, wie sie auf seine Frage reagiert hatte, ihn brennend interessierte.

Sie nickte nur, nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und leckte sich danach den Milchschaum von der Oberlippe.

Fasziniert folgte sein Blick der schnellen Bewegung ihrer rosa Zungenspitze. Der Anblick rief eine Gefühlsregung bei ihm hervor, die er ziemlich unangebracht fand. Also versuchte er, sich wieder auf die Unterhaltung zu konzentrieren, die sie gerade geführt hatten. Ihm wären an dieser Stelle des Gesprächs noch tausend Fragen in den Sinn gekommen, aber er beschloss, das auf ein anderes Mal zu verschieben. Es war deutlich, dass es ihr nicht leichtfiel, über ihre frühere Heimat zu sprechen. Stattdessen griff er nach der Gabel neben seinem Teller und probierte den Kuchen. „Himmel!“, rief er kurz darauf aus. „Der ist ja göttlich!“ Isabell lachte, und er war froh, dass der Schatten damit verschwand.

„Ja, ich weiß, das kann ich ganz gut.“

„Gut? Das ist pures Glück in Käsekuchenform.“ Auch er lachte. Um seine Behauptung zu unterstreichen, schob er sich einen weiteren Bissen in den Mund und verdrehte genießerisch die Augen.

Isabell gab sich Mühe, normal und möglichst selbstsicher auf den Sohn ihrer Chefin zu reagieren, auch wenn ihr das nicht leichtfiel. Sie hoffte, dass er nicht merkte, welche Anstrengung es sie in Wahrheit kostete, nicht dauernd verlegen die Augen zu schließen oder krampfhaft nach den richtigen Worten zu suchen.

Der große Mann wirkte einschüchternd auf sie. Mit seiner dunklen Stimme, all diesen Muskeln und dem festen Blick, mit dem er sie regelrecht fixierte, entsprach er nicht gerade dem üblichen Bild des Mediziners, der sich als einfacher Landarzt niederlassen wollte. Kjell Loewenthal passt viel eher in einen dieser amerikanischen Actionfilme als in den weißen Kittel, dachte sie. Nun ja, von Christa Loewenthal hatte sie erfahren, dass er bei irgendeiner Eliteeinheit der Marine als Soldat und Mediziner tätig gewesen war, das prägte natürlich und erklärte vielleicht auch sein beeindruckendes Äußeres.

Es amüsierte sie, wie er voller Genuss ihren Käsekuchen verschlang. „Du bist also Arzt?“, fragte sie schließlich, um die Unterhaltung wieder in Gang zu bringen.

Er nickte. „Ja, das ist richtig. Ich bin Allgemeinmediziner mit einer Zusatzausbildung als Unfallchirurg. Das war wichtig für meine Arbeit bei der Marine.“

„Wie ist das so?“, traute sie sich zu fragen. „Ist man dann in erster Linie Arzt oder Soldat?“ Sein dunkles Lachen klang angenehm und rief ein leichtes Kribbeln in ihrem Bauch hervor, wie sie verwirrt feststellte.

„Beides. In den letzten drei Jahren war ich bei einer Spezialeinheit, den Marinekampfschwimmern. Ich habe die anfallenden Einsätze genauso erledigt wie meine Kameraden, aber wenn ein Arzt gefragt war, wurde ich zum Doktor, so einfach ist das.“ Wieder lachte er. „Eine Zeit lang wollte ich es nicht anders haben.“

„War es sehr gefährlich?“

„Manchmal.“ Sein Blick war jetzt ernst. „Ich bin jedenfalls froh, dass es vorbei ist. Mein Bedarf an Abenteuer ist für den Rest meines Lebens gedeckt, das kannst du mir glauben.“

„Du wirst es also nicht vermissen?“ Es fiel ihr schwer, sich Kjell Loewenthal in einer Dorfpraxis vorzustellen.

„Nein, bestimmt nicht“, erwiderte er nachdrücklich. „Ich freue mich darauf, in aller Ruhe meine Praxis einzurichten. Hier in der Gegend gibt es schon seit Jahren keinen Arzt mehr. Die Leute fahren in die größeren Orte oder sogar nach Lüneburg und Hamburg, um vernünftig medizinisch versorgt zu werden. Ich denke, ich werde auch im Umland auf eine gute Resonanz treffen.“ Er zog die Stirn kraus und legte den Kopf schief. „Und wenn es wider Erwarten nicht klappen sollte, kann ich immer noch nebenher in einer Klinik in Lüneburg oder in Hamburg arbeiten.“

Weil ihr darauf keine Erwiderung einfiel, nickte sie nur. Als auch er schwieg, stand Isabell auf und räumte das Geschirr zusammen.

„Der Kuchen war erstklassig“, wiederholte er sein Kompliment.

„Danke.“ Plötzlich wurde ihr die Kehle eng und ihr Herz begann schneller zu schlagen, doch sie fand keinen Grund, wieso das so war. Auch Kjell erhob sich, sein Hund sprang ebenfalls auf, lief zur Tür und blieb dort schwanzwedelnd und mit erwartungsvollem Blick stehen. Isabell musste lachen, weil das kleine Fellknäuel sich bei seiner hektisch anmutenden Aktion fast überschlug. „Der ist wirklich zu niedlich. Wie lange hast du ihn schon?“

Kjell verzog das Gesicht, sie hätte nicht sagen können, ob seine Miene Belustigung oder humorvolle Verzweiflung ausdrücken sollte, dafür kannte sie ihn nicht gut genug.

„Siggi ist mir vor ungefähr drei Jahren zugelaufen. Wochenlang habe ich versucht, seinen rechtmäßigen Besitzer zu finden, ohne Erfolg.“

„Aber du warst doch manchmal auch auf einem Schiff, oder?“

„Jep! Das kam vor.“ Er lachte. „Der Hund war mit auf See. Seit ich ihn habe, weicht er mir nicht mehr von der Seite. Allerdings musste ich auch manchmal ins Wasser, dann hatte er natürlich Pech und wartete an Bord auf mich.“

„Und das ging einfach so?“

„Nicht einfach so, aber es ging.“ Sein Blick senkte sich auf den Hund. „Wenn man ihn sich so anguckt, passt er wohl eher auf den Schoß einer strickenden Großmutter. Ich meine, er ist ja nicht viel größer als ein Kaninchen. Egal, ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, einen ziemlich albernen Hund zu besitzen – und außerdem, ich mag den Kerl.“ Kjell seufzte. „Also, Isabell, es war mir eine Freude, dich kennenzulernen und mit dir Kaffee zu trinken. Ich denke, ich werde dich jetzt wieder arbeiten lassen.“

„Ja, ich fand die kleine Pause auch schön“, sagte sie und blickte sich lächelnd um. Das Geschäft war noch immer leer. „Obwohl es hier heute tatsächlich sehr ruhig ist. Um diese nachmittägliche Stunde ist das normalerweise anders. Vielleicht finden im Ferienpark, in der Schule oder auf dem Gutshof irgendwelche Veranstaltungen statt, von denen ich nichts mitbekommen habe, keine Ahnung.“

„Ja, kann schon sein. Man guckt ja nicht ständig in den Dorfanzeiger und auf sämtliche Plakate.“

Sie hatte das Gefühl, dass Kjell Loewenthal die Verabschiedung hinauszögerte. „Wie heißt er eigentlich?“, fragte sie schließlich und deutete auf den Hund.

„Stimmt, ich habe euch ja noch gar nicht offiziell miteinander bekannt gemacht. Entschuldige bitte meine Nachlässigkeit“, erwiderte er schmunzelnd. „Darf ich vorstellen, Isabell, das ist Sigmund Freud. Gute Freunde dürfen auch Siggi zu ihm sagen. Siggi, das ist Isabell, die schöne Kuchenbäckerin.“

Isabell musste lachen. „Sigmund Freud? Na, das nenne ich mal einen passenden Namen für den Hund eines Mediziners.“

„Dein Name ist aber auch sehr passend“, sagte Kjell, seine Stimme wurde dabei noch eine Nuance dunkler. „Die Schöne, die Vollkommene. Das ist doch die Bedeutung von Isabell, oder liege ich da falsch?“

Sie spürte, wie sie errötete, und hatte plötzlich das Bedürfnis auf ihre Füße zu starren. „Ich … weiß nicht. Es gibt wohl mehrere Bedeutungen, die ich im Einzelnen gar nicht kenne. Meine Mutter erwähnte mal, Isabell sei eine Abwandlung von Elisabeth.“

Stille.

Es war so still im Buchladen-Café, dass man ihre Atemzüge hörte. Kjell sah ihr in die Augen, und sie konnte gar nicht anders und erwiderte seinen intensiven Blick.

Siggi schnaufte und legte sich hin, das brachte sie beide zum Lachen und löste den merkwürdigen Bann.

„Ich wünsche dir noch einen schönen Tag“, sagte Kjell gerade, da fuhr der Wagen seiner Mutter vor.

„Du kommst hier heute wohl nicht mehr weg“, stellte Isabell schmunzelnd fest.

Christa Loewenthal stand für einen Moment perplex in der Tür, ließ dann ihre diversen Einkaufstüten fallen und warf sich in seine Arme.

Wie immer fiel die Begrüßung zwischen ihm und seiner Mutter herzlich aus. Früher einmal hatte er dieses temperamentvolle Herzen und Drücken eher peinlich gefunden, inzwischen rührte es ihn, und er freute sich ehrlich darüber, sie nach all den Monaten wiederzusehen.

„Ich bin ja so froh, dass du endlich wieder bei mir bist, mein Sohn!“, brachte Christa Loewenthal unter Freudentränen hervor. „Ich habe dich so sehr vermisst!“

„Ich habe dich auch vermisst, Mama.“ Kjell küsste sie auf beide Wangen, verstrubbelte ihr das raspelkurze tizianrote Haar und erwiderte ihr glückliches Strahlen.

Christa tätschelte ihm die Wange, sah aber Isabell an. „Ihr habt euch also schon miteinander bekannt gemacht, ja?“

Isabell nickte und Kjell fiel auf, dass auch sie Tränen in den Augen hatte, er fand das irgendwie süß. „Ja“, sagte er schmunzelnd. „Isabell war so nett, mich mit ihrem verführerischen Käsekuchen zu füttern, während wir auf dich gewartet haben.“

„Nicht nur ihr Käsekuchen ist verführerisch“, warf Christa lachend ein.

„Das glaube ich gern. Ich kann es kaum erwarten, auch alles andere von ihr zu probieren.“ Kaum war es heraus, hätte er sich am liebsten die Zunge abgebissen. Er sah Isabell tief erröten, und das machte es nicht gerade leichter. Seine Mutter hingegen schien die Zweideutigkeit dieser Bemerkung überhaupt nicht zu registrieren. Sie plauderte munter weiter.

„Ich sage dir, ihre Torten sind wahre Meisterwerke.“

„Hm.“ Kjell haderte noch immer mit sich wegen seiner unbedachten Äußerung, als sie die festen Schritte von schweren Arbeitsstiefeln hörten, die das Holz der Veranda zum Vibrieren brachten. Er wusste sofort, was das bedeutete.

„Schatz, da bist du ja endlich!“

Im nächsten Augenblick hing ihm die nächste Frau am Hals, doch dieses Mal landete ein Paar Lippen direkt auf seinem Mund.

Julia Brix, seine Freundin aus Jugendtagen, seine erste Liebe und die Frau, deren Erwartungen an seine Rückkehr ihm schon seit Wochen bleischwer im Magen lagen, war es, die ihn hingebungsvoll küsste. Der Kuss war ihm unangenehm und er versuchte, sich schnell aus ihrer Umarmung zu befreien. „Julia … ich freue mich auch.“

Wie üblich strahlte sie ihn aus ihren großen jadegrünen Augen voller Bewunderung an, das war ihm fast noch unangenehmer als ihr Kuss.

„Ich bin ja so glücklich, mein Schatz.“ Sie seufzte, legte ihre Arme um seine Mitte und schmiegte sich an ihn. „Endlich!“

Das jähe Bedürfnis Isabell anzusehen, stieg plötzlich in ihm auf, aber er brachte es nicht fertig, diesem Impuls nachzugeben.

Sigmund Freud knurrte vernehmlich.

KAPITEL 2

Die ersten Tage nach seiner Rückkehr brachten für Kjell eine Menge Unruhe und Aufregung mit sich. Viele Menschen freuten sich, dass er nun wieder Teil der Dorfgemeinschaft war, und das Wiedersehen gestaltete sich häufig zeitraubend.

Er genoss es sehr, einfach durch die Straßen zu spazieren, alte Bekannte zu begrüßen und sich auf die eine oder andere nette Unterhaltung einzulassen. Bei Klaus und Sonja Lehmann, die das einzige Lebensmittelgeschäft in Lunau führten, deckte er sich mit dem Nötigsten ein. Im winzigen Drogeriemarkt von Martin und Hilde Steinbach wurde er mit Begrüßungsgeschenken überschüttet, ein Nein ließen die beiden nicht gelten. Das ältere Ehepaar kannte ihn schon von klein auf und freuten sich, dass er nun wieder zum festen Bestandteil der Dorfgemeinsaft werden würde. Mit Katja Reichert, einer früheren Mitschülerin, die den Friseursalon ihrer Mutter übernommen hatte, trank er einen zu dünnen Kaffee und erfuhr bei der Gelegenheit die neuesten Klatschgeschichten des Ortes.

Daneben arbeitete er viel, um seine Praxis auszustatten, die er im unteren Teil seines Hauses einrichtete. Das Gebäude war groß genug, denn es war ursprünglich für drei Familien gebaut worden. Kjell hatte es immer als besonderen Glücksfall angesehen, dass er es damals kaufen konnte.

Inzwischen waren seit Tagen ständig Handwerker im Haus. Auch Möbel wurden geliefert, die er schon vor Wochen zu diesem Termin vorbestellt hatte. So entstand nach und nach ein offener Empfangsbereich, ein helles Wartezimmer mit direktem Zugang auf eine hübsche Terrasse aus backsteinroten Fliesen, zwei Behandlungszimmer und weitere Räume, die sich zu gegebener Zeit großzügig in die Praxis integrieren ließen. Am Ende des Flurs unten gab es sogar die Möglichkeit, ein Krankenzimmer für den Notfall einzurichten, vorerst würde er es aber bei dem einfachen Gästebett belassen, das dort schon seit Jahren stand.

Obwohl er nicht einschätzen konnte, ob sich seine Praxis rentieren würde, schaltete er mehrere Anzeigen in den Zeitungen der Umgebung, um zumindest für einige Stunden in der Woche eine versierte Praxishilfe aufzutreiben. Er gab die letzten Bestellungen bei Pharmaunternehmen auf, bestückte die Regale seines neuen Medikamentenschranks und installierte ein gängiges System für Arztpraxen auf den beiden Computern.

Die Tage flogen dahin, und er fand nur wenig Zeit für seine Mutter und für Julia. Auch in Julias Gärtnerei gab es im Augenblick viel zu tun. Wenn er ehrlich war, kam ihm das nicht ungelegen. Einmal hatten sie es geschafft, gemeinsam zu Abend zu essen, aber als Julia über Nacht bei ihm bleiben wollte, hatte er irgendetwas von bleierner Müdigkeit gefaselt. Schließlich war sie in ihr Auto gestiegen und übellaunig nach Hause gefahren. Er hielt sie bewusst auf Abstand, und es konnte nicht mehr lange dauern, bis sie ihn deshalb zur Rede stellte. Er wusste das und erwartete ihren drohenden Ausbruch mit Grauen, trotzdem brachte er es nicht fertig, ein klärendes Gespräch herbeizuführen.

Manchmal erwischte er sich dabei, wie er nach Isabell Ausschau hielt, doch sie war jedes Mal wie vom Erdboden verschwunden, wenn er bei seiner Mutter auf einen Kaffee vorbeiging. Offenbar lebte sie in ihrer Freizeit sehr zurückgezogen und sie verpassten sich immer knapp. Es gab Tage, da verfluchte er die hohe Hecke, die sein Haus umgab, denn sie verhinderte einen Blick auf das Buchladen-Café, zumindest vom unteren Stockwerk aus.

Er wusste inzwischen, dass Isabell sein altes Zimmer im Haus seiner Mutter bewohnte. Manchmal stand er abends am Fenster seines Wohnzimmers und schaute hinüber. Aber alles, was er sehen konnte, war das Licht hinter den dichten dunkelroten Vorhängen. Er war kein Dummkopf und schon gar kein unerfahrener Junge mehr. Natürlich konnte er seine Reaktion auf Isabell recht gut einordnen. Die junge Frau übte praktisch von der ersten Sekunde an eine gewisse Faszination auf ihn aus. Mit ihren goldblonden Locken und den hellen Augen sah sie wie ein leibhaftiger Engel aus. Ihre Stimme war ein wenig tiefer, als man es ihrem Äußeren nach erwarteten würde, und der leichte englische Akzent war zusätzlich reizvoll. Ja, er fand Isabell Valentine aus Cornwall anziehend, daran gab es nicht den geringsten Zweifel.

Die letzten beiden Gäste saßen noch an einem Tisch auf der Veranda, aber der Innenraum war bereits leer. So wie jeden Tag um diese Zeit, säuberte Isabell die Kühltresen, füllte die Spülmaschine und räumte danach ein paar der sauberen Tortenplatten in den Schrank. Ihre Arbeit machte ihr Spaß, doch heute fühlte sie sich erschöpft und war ungewohnt abgespannt. Vielleicht lag es daran, dass sie schon seit Tagen die gleichen Gespräche hörte. In Lunau hatte es sich schnell herumgesprochen, dass Kjell Loewenthal nach Hause zurückgekehrt war, und dass es im Ort endlich einen Arzt geben würde.

Immer wieder hörte sie jemanden sagen, dass nun der erste der drei Musketiere von Lunau heimgekehrt sei. Sie wusste nicht, was das zu bedeuten hatte, aber sie traute sich nicht, nachzufragen. Kjell war das Gesprächsthema Nummer eins im Dorf. Die Leute waren neugierig und warteten ungeduldig darauf, dass er seine Praxis eröffnete. Die verschiedenen Lieferwagen, die ab und zu vor seinem Haus parkten, kurbelten die allgemeine Aufregung zusätzlich an.

Ein tiefes Seufzen entfuhr ihr, während sie den grau gesprenkelten Granit der Arbeitsplatte abwischte, wobei sie ihren Gedanken nachhing. Die Freude von Christa ging ihr ohne Frage ans Herz. Ihre Chefin verströmte von Natur aus schon jede Menge positiver Energien, aber nun strahlte sie von morgens bis abends glückselig vor sich hin und erzählte jedem, der in den Laden kam, wie froh sie darüber war, dass ihr geliebter Junge endlich heimgekehrt war. Aus früheren Gesprächen, wusste sie, wie viel Angst Christa um ihren einzigen Sohn gehabt und wie sehr sie ihn vermisst hatte.

Kjells Mutter und die junge Gärtnereibesitzerin Julia Brix hatten in ihrem Beisein häufig über ihn gesprochen. Dennoch war es Isabell noch immer ein Rätsel, wieso sie in den vergangenen Monaten nicht mitbekommen hatte, dass Julia mehr als eine Freundin aus Jugendtagen für den neuen Doktor von Lunau war. Noch nicht einmal Luisa Milchert, mit der sie inzwischen eng befreundet war, hatte jemals eine Liebesbeziehung zwischen Julia und Christas Sohn erwähnt. Und immerhin arbeitete Luisa nicht nur mit Julia zusammen, sondern wohnte sogar in deren Haus.

Wenn sie an die Begrüßung der beiden zurückdachte, stieg ein eigentümliches Unbehagen in ihr auf. Natürlich war sie überrascht gewesen, als Julia in den Laden gekommen war und Kjell sofort geküsst hatte, aber das war es nicht allein. Sie hatte viel mehr das Gefühl gehabt, dass auch Kjell sich bei dem Kuss nicht wohlgefühlt hatte. Dabei hätte er doch froh und glücklich sein müssen, seine Freundin endlich wieder in die Arme schließen zu können. Schließlich waren sie viele Monate voneinander getrennt gewesen. Er dagegen hatte Julias Umarmung und den Kuss nicht einmal richtig erwidert, das war ihr sofort aufgefallen.

Und dann war da der kleine Stich in ihrer Brust gewesen. Aus unerfindlichem Grund hatte es ihr gar nicht behagt, dass Christas Sohn von einer anderen Frau geküsst wurde. Aber darüber würde sie besser später nachdenken.

Als Isabell aufblickte und Luisa auf die offenstehende Tür zukommen sah, lächelte sie ihr erfreut entgegen. Die Freundschaft zu der jungen Floristin vertiefte sich von Tag zu Tag. So wie sie selbst, war auch Luisa ein eher zurückhaltender Mensch. Isabell gefiel das. Es kam vor, dass sie schweigend auf ihrer Lieblingsbank hinter der Kirche saßen, ohne dass sich eine von ihnen langweilte. Andererseits führten sie mitunter lange und interessante Gespräche, die sie beide sehr genossen. Isabell war dankbar dafür, dass ihr hier in Lunau Menschen begegnet waren, die ihr von Anfang an gezeigt hatten, dass sie willkommen war. Christa durfte sie inzwischen ebenfalls zu ihren Freundinnen zählen. Die ältere Frau hatte ihr in einer schwierigen Zeit geholfen, hatte ihr Arbeit und eine Unterkunft gegeben, das würde sie ihr niemals vergessen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie echte Freundinnen an ihrer Seite, das war ebenso beglückend wie aufregend.

Auf ihrem Weg zum Verkaufstresen begrüßte Luisa die beiden Frauen, die plaudernd an einem der Tische auf der Veranda saßen und sich ein Stück Kirschkuchen mit viel Schlagsahne schmecken ließen. Als sie bei ihr angekommen war, zog sie die Stirn kraus und zwinkerte ihr zu.

„Wenn du die Lunauer Damen weiter so mästest, werden bald alle mit überflüssigen Kilos zu kämpfen haben“, sagte sie so leise, dass man sie draußen nicht hören konnte, und kicherte.

Isabell winkte lächelnd ab und erwiderte mit gesenkter Stimme: „Ach, du weißt doch, wie fleißig hier immer alle sind. Zumindest die beiden dort haben genug körperlichen Ausgleich mit ihrer Arbeit auf dem Hof. Außerdem … hey, gib mir nicht die Schuld daran, wenn sich erwachsene Frauen mit Süßigkeiten vollstopfen.“

„Hast du einen Kaffee für mich?“, fragte Luisa schmunzelnd in normaler Lautstärke. „Aber bitte keinen Kuchen, hörst du! Du brauchst mich gar nicht erst zu fragen.“

„Milchkaffee mit besonders viel Schaum, wie immer?“

„Genau den.“

Während sie den Kaffee zubereitete, blickte Isabell ihrer Freundin forschend ins Gesicht. Wie so oft trug Luisa ihr dunkelbraunes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, ihre schönen grauen Augen wirkten müde. Diese Abgeschlagenheit scheint heute in der Luft zu liegen, dachte sie. „Viel Arbeit oder Ärger? Du guckst ein bisschen matt aus der Wäsche.“

„Ach, frag besser nicht. Julia, du weißt ja. Ich meine, wir mögen und verstehen uns, aber es gibt Tage, da ist sie wirklich unausstehlich.“ Luisa nahm ihren Milchkaffee entgegen und sah sich um. „Kannst du dich zu mir setzen, oder geht das gerade nicht?“

„Klar geht das. Das Nachmittagsgeschäft ist für heute ohnehin vorbei. Ich habe bereits sauber gemacht und für morgen alles vorbereitet. Setz dich, ich muss hier noch eben den Rest aufräumen, dann komme ich zu dir, okay? Es dauert höchstens ein paar Minuten.“

„Ich hab Feierabend und kann warten.“ Luisa wählte einen Tisch, der etwas abseits und fast schon im Buchladenbereich des Geschäfts stand, und nahm dort Platz.

Mit wenigen Handgriffen erledigte Isabell ihre Arbeit und kassierte bei den Kundinnen ab, die kurz darauf die Veranda verließen. Nachdem sie deren Geschirr abgeräumt hatte, schenkte sie sich ein Glas Orangensaft ein, ging zu ihrer Freundin und ließ sich in einen der beiden gemütlichen Polstersessel fallen.

„Wo ist denn Christa?“, wollte Luisa wissen. „Rennt sie wieder mal durch unsere schöne Heidelandschaft?“

Isabell lachte. „Nein, ihren täglichen Fitnesslauf hat sie wie üblich gleich heute Morgen absolviert. Sie ist nach oben gegangen. Ein bisschen Hausarbeit erledigen, wie sie sagte. Ich bleibe noch eine halbe Stunde, dann schließen wir sowieso. Aber nun erzähl mal, weswegen ihr euch gezankt habt, Julia und du.“

Die junge Floristin seufzte. „Eigentlich haben wir uns gar nicht richtig gestritten. Es ist nur so, dass Julia unglaublich launisch sein kann. Ich konnte ihr in den letzten Tagen überhaupt nichts recht machen. Auch einer der Gärtner hat sich bei mir über sie ausgelassen. Ich hab sie gefragt, ob sie wieder ihre fiese Migräne hat, doch das hat sie verneint. Ich nehme an, der Große hat sie irgendwie geärgert, denn in der Gärtnerei läuft alles wie am Schnürchen.“

„Der Große?“

„Kjell. Entschuldige, aber das steckt so von früher drin. Wir nennen ihn so, seit ich denken kann, wieso liegt ja wohl auf der Hand. Der Kerl muss an die zwei Meter lang sein. Er war schon als Junge immer größer als alle anderen.“

„Also, ich wusste bis vor Kurzem noch nicht mal, dass die beiden ein Paar sind“, warf Isabell ein. „Ihr habt das nie erwähnt.“

„Tatsächlich nicht?“, fragte Luisa nachdenklich und legte ihren Kopf schief. „Hm, das liegt wahrscheinlich daran, dass es für uns so selbstverständlich ist wie das stündliche Läuten der Kirchturmuhr. Kjell und Julia waren schon immer ein Paar. Das heißt, wenn man von ihren diversen dramatischen Trennungen absieht.“ Luisa verdrehte die Augen. „Die kurzen Unterbrechungen in ihrer Beziehung kann man aber eigentlich kaum rechnen. Dann und wann haben sie unter großem Getöse Schluss gemacht. Wobei das Getöse jedes Mal von Julia ausging. Der Große ist ja eher der stille Typ. Nach einiger Zeit hat jedenfalls niemand von uns die Trennungen der beiden mehr ernst genommen.“

„Ihr wart bestimmt eine lustige und recht wilde Clique, was?“

Luisa verzog den Mund. „Die Clique hatte es in sich, ja. Allerdings, meistens ohne mich, ich war ja nur die kleine Schwester von Babsi. Immer, wenn richtig Stimmung war oder es sogar spannend wurde, musste ich nach Hause. Meine Schwester und Julia sind zwar nur zwei Jahre älter als ich, aber zu der Zeit waren das zwei ganz entscheidende Jahre. Für die gesamte Clique war ich praktisch noch ein Baby. Und als ich endlich hätte mitmischen können, verschwanden die interessanten Jungs in alle Himmelrichtungen und schwupp, die eingefleischte Bande gab es nicht mehr.“

„Interessante Jungs, soso.“ Isabell musste lachen.

„Ja, klar. Wir hatten richtig tolle Jungs hier im Dorf, ob du es glaubst oder nicht.“

Luisa lachte zwar mit, aber Isabell bemerkte, dass ein inzwischen vertrauter Schatten auf das Gesicht ihrer Freundin zu fallen schien. Das hatte sie schon einige Male erlebt. Sobald Luisa von früheren Zeiten sprach, wurde sie traurig und wortkarg. Vielleicht war auch das ein Grund für ihre gemeinsame Wellenlänge. Sie selbst hatte ebenfalls mit Kummer und Trauer zu kämpfen, wenn sie an ihre Vergangenheit zurückdachte. „Erzählst du mir irgendwann, welcher von diesen interessanten Jungs dich so unglücklich gemacht hat, dass du immer noch solo bist?“

„Na, der Große war es jedenfalls nicht. Der war seit jeher für Julia reserviert. Ich …“

Als die Tür aufging, brach Luisa mitten im Satz ab, denn wie aufs Stichwort kam Kjell hereinspaziert.

„Hey, Großer!“, rief die Floristin aus und grinste ihm in entspannter Vertrautheit entgegen, wofür Isabell sie bewunderte. Sie hingegen fühlte sich seltsam gehemmt, wenn Kjell in der Nähe war, und war das eine oder andere Mal sogar nach oben in ihr Zimmer geflüchtet, wenn sie rechtzeitig gesehen hatte, dass er die Straße überquerte und zielgerichtet auf das Haus seiner Mutter zukam. Sie fand das selbst albern und wusste nicht genau, wieso sie sich so verhielt, konnte aber auch nicht aus ihrer Haut.

„Hey Lu, schön dich zu sehen“, antwortete Kjell erfreut, dann sah er sie an. „Natürlich freut es mich mindestens genauso sehr, dich zu sehen, Isabell.“

Sein Lächeln war bemerkenswert, stellte Isabell fest. Sensationell trifft es vielleicht noch besser. „Hallo Kjell.“

Kaum hatte sie ihm geantwortet, zischte Siggi durch seine Beine hindurch und direkt auf sie zu, kurzerhand sprang er auf ihren Schoß und himmelte sie regelrecht an. Sofort brachen sie alle drei in Gelächter aus.

„Sag bloß, dein komischer Hund hat endlich gemerkt, dass es noch andere Menschen außer dir auf der Welt gibt.“ Luisa schüttelte lachend den Kopf, dann wandte sie sich an Isabell: „Du musst wissen, dass dieses süße Biest sich normalerweise nicht mal dazu herablässt, uns Normalsterbliche auch nur mit seinem flauschigen Popo anzugucken. Kjell schien für ihn immer der Mittelpunkt des Universums zu sein. Herrje, was für ein Bild! Guckt euch nur diesen verliebten Hund an. Isabell, du hast sein kleines Herz erobert, wie süß!“

Kjell konnte sich kaum sattsehen an der Szene. Siggi lag wie hingegossen auf Isabells Schoß und genoss die liebevollen Streicheleinheiten der blond gelockten Schönheit in vollen Zügen. Schon im nächsten Moment fühlte er, wie ein Anflug von Eifersucht in ihm aufstieg, der sich allerdings nicht auf seinen Hund bezog, sondern allein auf die Zärtlichkeiten, die Isabell dem Tier zukommen ließ. Siggi grunzte entzückt, als sie ihm den Bauch kraulte, so wie sie es bei ihrer ersten Begegnung getan hatte. Ich würde an seiner Stelle wahrscheinlich genauso zufrieden grunzen, dachte er amüsiert.

„Ich kann dem süßen Kerl einfach nicht widerstehen“, stellte Isabell lächelnd fest. „Die Verliebtheit beruht absolut auf Gegenseitigkeit.“ Nach einer Weile hob sie den Kopf und sah ihn an. „Falls du deine Mutter suchst, sie ist oben.“

„Ähm … ah ja, danke.“ Seine Kehle war trocken, er musste kurz husten und sich gleichzeitig zwingen, den Blick von ihren Fingern zu lösen, die noch immer streichelnd und kraulend den Hund verwöhnten. Sie ist ein bisschen blass, dachte er, als er ihr wieder ins Gesicht sah.

„Ja, Leute, ich werde mich dann mal wieder auf die Socken machen“, machte Luisa sich nach einer Weile bemerkbar. „Danke für den Kaffee, Isa. Wir sehen uns jetzt sicherlich öfter, was, Großer?“

„Na klar. Und falls du mal einen Arzt brauchst, Lu, du weißt ja, wo du mich findest.“ Er lachte, als sie kopfschüttelnd abwinkte und kurz darauf das Café verließ. „Ihr zwei seid recht gut befreundet, oder?“, fragte er, nachdem Luisa verschwunden war.

„Wir haben uns auf Anhieb verstanden. Sie ist toll und sie ist mir in den vergangenen Monaten eine wirklich gute Freundin geworden“, antwortete Isabell nickend. „Als wir uns einander vorstellten, sagte sie zu mir: Weißt du, Isabell, dein Name fängt mit Isa an und meiner hört damit auf, das muss doch was zu bedeuten haben. So hat sie mich sofort zum Lachen gebracht. Manchmal ist sie unglaublich witzig.“

„Ja, Lu ist super. Ich kenne sie schon, seit sie ein kleines Mädchen war.“

„Sie hat ein bisschen von eurer Clique geredet und wie gern sie richtig dazugehört hätte. Muss lustig gewesen sein damals.“

„Wir hatten Spaß, so wie alle Teenager-Cliquen“, entgegnete er. „Und wir hatten durchaus unsere wilden Zeiten.“

„Ich mag die Geschichten, die Luisa mir von früher erzählt. Ich meine, sie hat mir leider noch nicht sehr viel verraten, aber ich würde gerne mehr von euch hören. Es muss schön gewesen sein, hier aufzuwachsen. Lunau wirkt immer so … beschützend und friedlich auf mich.“

„Auch in Lunau haben sich schon wahre Abgründe aufgetan, glaub mir.“ Er gestand sich ein, wie sehr er es mochte, sich mit ihr zu unterhalten, über alltägliche Dinge zu reden und sich auszutauschen. Am liebsten hätte er sich zu ihr gesetzt, gemütlich bei Kerzenschein und einem Glas Wein, und stundenlang einfach nur mit ihr geredet.

„Wolltest du nicht zu deiner Mutter?“, fragte sie schließlich, als er nichts mehr sagte, und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

Irritiert bemerkte er, dass er sie offensichtlich einige Sekunden lang nur angeschaut hatte. „Ja … du hast recht, ich wollte zu Christa.“ Er wandte sich ab und nahm aus dem Augenwinkel wahr, dass Siggi sofort von ihrem Schoß sprang und wie gewohnt zu seinen Füßen Stellung bezog. „Wir sehen uns“, sagte er leichthin zu Isabell und ging auf die Tür zu, hinter der der Zugang zum obersten Stockwerk und somit zur Wohnung seiner Mutter lag. Aus einem Impuls heraus drehte er sich noch einmal zu ihr um. „Sag mal … hättest du vielleicht Lust, an einem der nächsten Abende mit mir essen zu gehen? In Lüneburg gibt es sehr gemütliche Restaurants.“ Bewusst setzte er ein freches Grinsen auf. „Ich könnte mich breitschlagen lassen, dir von Lunaus dunklen Seiten zu berichten.“

Bis gerade eben hatte sie ihn angelächelt, doch kaum hatte er seine Frage gestellt, wurde ihre Miene ernst und wirkte sogar abweisend.

„Ich denke, das wäre keine gute Idee, Kjell.“

„Warum nicht? Ich bin nur ein harmloser Landarzt, schon vergessen?“ Wenigstens brachte er sie mit dieser Bemerkung zum Lächeln.

„Harmlos, nun ja, dazu enthalte ich mich, aber du bist in festen Händen, wenn ich mich nicht irre. Ich habe meine Prinzipien, Dr. Loewenthal. Nein danke! Ich gehe grundsätzlich nicht mit Männern aus, die gebunden sind.“

Er musste schlucken. So eine klar formulierte Abfuhr hatte er bisher noch nie erhalten. Ihr Ton ließ keinen Zweifel aufkommen, dass er sie allein schon mit seiner Frage enttäuscht hatte und er verstand sie sogar. „Hm … du wirst mir wahrscheinlich nicht abnehmen, wenn ich jetzt behaupte, dass ich nicht wirklich in festen Händen bin, oder?“

„Nein, das nehme ich dir tatsächlich nicht ab. Eure Begrüßung sah für mich eindeutig aus.“

„Eventuell ist nicht immer alles nur schwarz oder weiß, schöne Engländerin.“

„Dann solltest du möglicherweise deine Grauzonen klären, Doc.“

Das saß. Das Mädchen war demnach nicht ganz so zurückhaltend, naiv und schüchtern, wie er angenommen hatte. Er sog scharf die Luft durch die Nase ein und nickte. „Okay, ich habe verstanden.“ Erneut wandte er sich von ihr ab, sah sie dann aber doch noch einmal an. „Würdest du überhaupt mit mir ausgehen? Ich meine, wenn es … keine Grauzonen gäbe?“

Isabell deutete ein Lächeln an. „Das könntest du ganz einfach herausfinden, nicht wahr?“

„Stimmt, das könnte ich.“

Kjell aß zusammen mit seiner Mutter zu Abend, Isabell bekam er allerdings nicht mehr zu Gesicht. Obwohl es ihn brennend interessierte, warum sie nicht mit ihnen am Tisch saß, verbot er es sich, Christa danach zu fragen. Er hatte die beiden Frauen miteinander sprechen hören, als er kurz im Bad gewesen war, aber er hatte nicht verstehen können, worüber sie geredet hatten.

Nach dem gemeinsamen Abendessen plauderte er eine gute Stunde mit seiner Mutter, bis er schließlich zurück in sein eigenes Haus ging, denn er hatte sich für den Abend noch einiges an Arbeit vorgenommen.

Schon am Nachmittag hatte er sich die Bewerbungsunterlagen bereitgelegt, die ihm ins Haus geflattert waren. Nun saß er, sein abendliches Glas Rotwein neben sich, am Schreibtisch in der Praxis und vertiefte sich in die Mappen. Fünf Arzthelferinnen hatten sich auf die Stelle beworben, das waren mehr, als er erwartet hatte. Es war nicht einfach, für eine Praxis in einem verhältnismäßig kleinen Ort eine Assistentin zu finden. Vor allem, weil er jemanden suchte, der nicht nur weitestgehend die Organisation übernahm, sondern auch einschlägige Erfahrung im medizinischen Bereich mitbrachte. Wenn er ehrlich war, brauchte er jemanden, der Sekretärin, voll ausgebildete Krankenschwester und Hebamme in einer Person war. Er wusste natürlich, dass diese Kombination nur schwer zu finden war, aber er würde versuchen, in seiner Auswahl möglichst dicht an diese Wunschvorstellung heranzukommen. Die Anzeigentexte in den Zeitungen hatte er dementsprechend formuliert, und nun las er sich die Mappen durch und konnte sein Glück kaum fassen, denn es kamen sogar zwei der Bewerberinnen infrage. Die anderen Bewerbungen legte er gerade zur Seite, als sein Telefon klingelte. Nach einem kurzen Blick auf seine Armbanduhr hob er ab und meldete sich. Es war seine Mutter und sie klang atemlos.

„Kjell, komm bitte schnell rüber und bring deine Tasche mit. Isabell ist krank, ihr geht es überhaupt nicht gut.“

In seinem Magen schien eine kleine Bombe zu explodieren. „Ich bin sofort bei euch.“ Damit legte er auf und griff nach seinem Arztkoffer. „Tut mir leid, mein Lieber, du musst hierbleiben“, sagte er zu Siggi, der sofort in den Startlöchern stand, um ihm zu folgen. Der Hund stieß ein unwilliges Grunzen aus, rollte sich aber auf seiner Decke zusammen und schlief auf der Stelle wieder ein.

Christa Loewenthal wartete schon in der offenen Tür, als Kjell mit einem langen Satz auf die Veranda ihres Hauses sprang. „Wo ist sie? Was ist los?“, fragte er auf dem Weg nach oben.

„Sie ist in ihrem Zimmer. Oh Kjell, sie fiebert ganz furchtbar. Sie glüht regelrecht.“

Wenige Sekunden darauf stand er an Isabells Bett und unterzog sie einer ersten Untersuchung. Ihr Gesicht war unnatürlich bleich, schweißnass und vereinzelt klebten Locken auf ihrer Stirn und den Wangen. Offensichtlich hatte sie sich noch nicht für die Nacht zurechtgemacht, denn sie lag auf der Bettdecke und war bekleidet. Isabell war bei Bewusstsein, aber das Fieber war tatsächlich sehr hoch und sie antwortete nicht schlüssig auf seine Fragen. „Ich muss sie abhorchen“, sagte er, nachdem er in ihre Augen gesehen, ihre Temperatur gemessen und Puls und Blutdruck kontrolliert hatte, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. „Hilf mir mal, ihr das T-Shirt auszuziehen, bitte.“ Er hob Isabells Oberkörper vorsichtig an, und seine Mutter zog ihr das tintenblaue verschwitzte T-Shirt über den Kopf aus und warf es beiseite. Nun trug Isabell nur noch einen einfachen geblümten Büstenhalter aus Baumwolle und ihre Jeans. „So geht es erst mal.“ Er griff nach dem Stethoskop und horchte sie gründlich ab.

„Was hat sie nur, Kjell? Vorhin sagte sie, sie hätte Kopfschmerzen und überhaupt keinen Appetit und wolle sich lieber hinlegen, deshalb hat sie auch nicht mit uns gegessen. Schon den ganzen Tag hatte ich den Eindruck, dass sie irgendwie blass und nicht ganz auf der Höhe ist.“ Christa war sichtlich besorgt. „Nachdem du einige Zeit weg warst, wollte ich ins Bett gehen, und als ich an ihrer Zimmertür vorbeiging, rief sie nach mir. Als ich sie so sah, habe ich dich sofort angerufen.“

„Das war genau richtig so, Mama. Ich werde ihr erst einmal ein fiebersenkendes Mittel geben. So, wie ich das sehe, hat sie sich entweder einen Virus eingefangen oder sie brütet einen heftigen grippalen Infekt aus. Wir sollten sie heute Nacht im Auge behalten. Wadenwickel wären nicht schlecht, damit wir ihre Temperatur schneller runterbekommen. Fieber ist grundsätzlich nicht verkehrt, aber dies hier ist mir eindeutig zu hoch. Außerdem sollten wir sie frisch machen und sie in ein leichtes Nachthemd aus Baumwolle stecken.“

Christa nickte. „Sobald wir sie gewaschen haben, werde ich das Passende raussuchen.“ Sie verschwand im angrenzenden Badezimmer und kam kurz darauf mit einem angefeuchteten Waschlappen und einem Handtuch zurück. „Hier fang schon mal an. Ich gehe runter in die Küche und bereite alles für die Wadenwickel vor. Bin gleich wieder da.“

Kjell nahm seiner Mutter die Sachen ab und war in der nächsten Sekunde mit Isabell allein. Bedächtig beugte er sich über sie, um ihr mit dem Waschlappen den Schweiß vom Gesicht zu tupfen.

„Oh Jamie“, flüsterte Isabell in diesem Moment. Aus fiebrig glänzenden Augen sah sie ihn an, hob eine Hand und streichelte sanft über seine Wange.

„Mein armer, armer Jamie …“, sagte sie, dann schien sie zu stutzen und verlor das Bewusstsein.

Kjell hatte plötzlich einen bitteren Geschmack im Mund und hielt in der Bewegung inne. Jamie? Wer zum Teufel ist dieser Jamie? Eingehend betrachtete er Isabells schönes Gesicht, ihre samtige helle Haut, die langen, schön geschwungenen Wimpern und die leicht schrägen Augenbrauen. Noch immer schien er die zärtliche Berührung ihrer Fingerspitzen auf seiner Wange zu fühlen. „Verdammt noch mal“, stieß er leise hervor.

„Was ist los, um Gottes willen?“, hörte er seine Mutter fragen, die genau in dieser Sekunde zurück ins Zimmer kam.

Kjell räusperte sich. „Alles in Ordnung, Mama. Komm her, lass uns zusehen, dass wir sie vernünftig versorgen. Wenn wir fertig sind, kannst du dich hinlegen. Ich übernehme die Wadenwickel, und sobald das Fieber gesunken ist, mach ich es mir hier im Sessel gemütlich, damit ich sie im Auge behalten kann. Du musst dir keine Sorgen machen. Ich werde gut auf sie aufpassen.“

Die Nacht verlief ruhig. Nachdem das Fieber gesunken war, hatte Isabell bis zum Morgen tief geschlafen. Ungefähr alle zwei Stunden hatte Kjell ihre Temperatur gemessen und auch die anderen Werte überprüft. Dabei war er behutsam vorgegangen und seine Patientin war nicht ein einziges Mal aufgewacht.

Im Morgengrauen nickte er für einige Minuten ein, und als er die Augen wieder aufschlug, begegneten sich ihre Blicke. Isabell lächelte schwach.

„Was … ist mit mir passiert?“, fragte sie mit leiser Stimme. „Ich kann mich nur bruchstückhaft an gestern Abend erinnern.“

„Du bist krank, kleine Backfee. So, wie es aussieht, hast du dir was eingefangen, das dir ganz schön zu schaffen macht.“

Sie fasste sich an die Kehle und hustete trocken. „Mein Hals tut weh.“

„Ja, das habe ich erwartet.“ Noch etwas schläfrig erhob er sich aus dem Sessel, trat zu ihr, setzte sich auf die Bettkante und legte ihr eine Hand an die Wange. „Du wirst wohl für ein paar Tage das Bett hüten müssen. Ich werde mal kurz rübergehen, mich ein bisschen frisch machen und Siggi rauslassen. Meine Mutter kümmert sich bestimmt schon um dein Frühstück. Eine große Kanne Tee wäre gut. Du solltest so viel wie möglich trinken. Sobald du gefrühstückt hast, möchte ich dich noch einmal untersuchen. Dann sehen wir uns auch deinen Hals an, einverstanden?“

Sie nickte. „Einverstanden, wenn du Siggi mitbringst.“

Er lachte. „Ich denke, das lässt sich machen. Musst du zur Toilette?“, fragte er. „Du solltest nicht allein sein, wenn du aufstehst. Nach so einer Fiebernacht macht der Kreislauf manchmal schlapp.“

„Ich … äh …“

„Schon gut“, unterbrach er sie lächelnd und stand auf. „Ich schicke dir Christa, während ich den Hund befreie, okay?“

Dankbar lächelte sie ihn an. „Okay.“

Auf dem Weg zur Tür fiel sein Blick auf die Regalwand, in der früher seine Bücher und andere Dinge gestanden hatten, die ihm wichtig gewesen waren. Nun sah er dort Schneekugeln, jede Menge Schneekugeln sogar. Grinsend wandte er sich an Isabell: „Du sammelst diese kitschigen Dinger?“

„Mach dich nicht lustig über mich“, antwortete sie mit angeschlagener Stimme. „Ja, ich liebe diese kitschigen Dinger, wie du sie nennst. Was dagegen, Doc?“

Sofort hob er beide Hände und vertiefte bewusst sein Lächeln. „Oh nein, ich würde mich nie über dich lustig machen. Ich habe früher Kronenkorken gesammelt. Meine Mutter ist fast wahnsinnig geworden, weil ich mir irgendwann vorgenommen hatte, damit die Zimmerwände zu bekleben.“ Er lachte. „Stell dir das bitte mal vor. Zu ihrer Erleichterung verlor ich gerade noch rechtzeitig das Interesse daran.“

„Was hast du mit deiner Sammlung gemacht?“

„Na, weggeworfen natürlich. Ich sag ja, ich hatte das Interesse verloren.“

„Oh Gott bewahre! Ich könnte meine Schneekugeln niemals wegwerfen. Die ersten habe ich bekommen, als ich noch ein ganz kleines Mädchen war. Als ich hier ankam, hatte ich nur einige dabei, aber inzwischen habe ich mir auch den Rest meiner Sammlung schicken lassen.“ Sie musste husten und hielt sich erneut den Hals, verzog dabei das hübsche Gesicht.

„Streng dich nicht zu sehr an, Isabell“, mahnte er. „Du solltest besser nicht so viel sprechen. Lass uns nachher erst mal sehen, was die Untersuchung ergibt. In spätestens einer halben Stunde bin ich wieder bei dir.“

Wie versprochen, kehrte Kjell bald zurück und brachte Siggi mit.

Isabell hatte inzwischen etwas gegessen und nippte nun an ihrem Kräutertee. Christa, die ihr bei der Morgentoilette geholfen und ihr das Frühstück gebracht hatte, saß neben dem Bett im Sessel und unterhielt sich gerade ein wenig mit ihr, als er kurz an die offene Zimmertür klopfte und hereinkam. Siggi preschte vor, blieb schwanzwedelnd und aufgeregt hechelnd auf dem Flickenteppich vor ihrem Bett stehen und sah erwartungsvoll zu ihr auf.

Isabell lachte. „Na, traust du dich heute nicht zu mir, Siggi?“

„Betten sind für ihn tabu. Wenn du ihn gerne bei dir haben willst und es dir nichts ausmacht, dass er deins mit dir teilt, musst du ihn schon auffordern, zu dir zu kommen.“

„Oh! Das ist ja … aber würde ich dir damit nicht die ganze Erziehung verderben?“