Der Irrtum des Johannes von A. - Viola Maybach - E-Book

Der Irrtum des Johannes von A. E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie "Der kleine Fürst" in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Alles beginnt mit einem Schicksalsschlag: Das Fürstenpaar Leopold und Elisabeth von Sternberg kommt bei einem Hubschrauberunglück ums Leben. Ihr einziger Sohn, der 15jährige Christian von Sternberg, den jeder seit frühesten Kinderzeiten "Der kleine Fürst" nennt, wird mit Erreichen der Volljährigkeit die fürstlichen Geschicke übernehmen müssen. "Der kleine Fürst" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken. »Es tut mir unendlich leid, dass das passiert ist, Frau von Kant«, sagte Dr. Walter Brocks. »Wenn ich gewusst hätte, dass Frau von Lützow einen Besuch in der Klinik plant, ich hätte ihr abgeraten.« »Sie hätte sich auch von Ihnen nicht abhalten lassen, hierher zu kommen«, erwiderte Baronin Sofia niedergeschlagen. »Ich habe alles versucht, glauben Sie mir, aber vergeblich.« Baronin Sofia und der Klinikchef standen auf dem Flur der Notaufnahme, wohin zwei Pfleger Arabella von Lützow eilig gebracht hatten, nachdem Johannes Graf von Ammerthal sie vor dem Zimmer seines Sohnes Florian so heftig beschimpft und auch bedroht hatte, dass sie ohnmächtig zusammengebrochen war. Dr. Brocks hatte daraufhin umgehend im Schloss angerufen, um Arabellas Freunde zu informieren. Sofia war gekommen, um die junge Frau abzuholen und zurück ins Schloss zu bringen, sobald das möglich war. Sie machte sich die schlimmsten Vorwürfe, dass es ihr nicht gelungen war, Arabella an der Fahrt zur Klinik zu hindern. Oder dass sie nicht wenigstens darauf bestanden hatte, sie zu begleiten. Schließlich war ihr und ihrem Mann klar gewesen, dass ihre junge Freundin kaum Erfolg haben würde bei ihrem Versuch, mit Florian von Ammerthal zu sprechen. Dass der Besuch so katastrophal verlaufen würde, hatten sie freilich nicht erwartet. »Ich würde Graf von Ammerthal gern bitten, seinen Sohn in ein anderes Krankenhaus zu verlegen, aber ich mache mir Sorgen um den Jungen, und ich will ungern etwas riskieren. Dabei denkt sein Vater ohnehin schon über die Verlegung nach. Er lastet es uns noch immer an, dass der Junge nicht spricht, und es passt ihm nicht, dass wir ihn nicht so bereitwillig von allen Außenkontakten isolieren, wie er sich das vorstellt. Florian soll, wenn es nach ihm geht, überhaupt keinen Besuch haben. Übrigens ist auch noch niemand gekommen, der nach ihm gefragt hat.«

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Seitenzahl: 117

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Der kleine Fürst – 266 –Der Irrtum des Johannes von A.

Bitte erst entschuldigen, dann lieben!

Viola Maybach

»Es tut mir unendlich leid, dass das passiert ist, Frau von Kant«, sagte Dr. Walter Brocks. »Wenn ich gewusst hätte, dass Frau von Lützow einen Besuch in der Klinik plant, ich hätte ihr abgeraten.«

»Sie hätte sich auch von Ihnen nicht abhalten lassen, hierher zu kommen«, erwiderte Baronin Sofia niedergeschlagen. »Ich habe alles versucht, glauben Sie mir, aber vergeblich.«

Baronin Sofia und der Klinikchef standen auf dem Flur der Notaufnahme, wohin zwei Pfleger Arabella von Lützow eilig gebracht hatten, nachdem Johannes Graf von Ammerthal sie vor dem Zimmer seines Sohnes Florian so heftig beschimpft und auch bedroht hatte, dass sie ohnmächtig zusammengebrochen war.

Dr. Brocks hatte daraufhin umgehend im Schloss angerufen, um Arabellas Freunde zu informieren. Sofia war gekommen, um die junge Frau abzuholen und zurück ins Schloss zu bringen, sobald das möglich war. Sie machte sich die schlimmsten Vorwürfe, dass es ihr nicht gelungen war, Arabella an der Fahrt zur Klinik zu hindern. Oder dass sie nicht wenigstens darauf bestanden hatte, sie zu begleiten. Schließlich war ihr und ihrem Mann klar gewesen, dass ihre junge Freundin kaum Erfolg haben würde bei ihrem Versuch, mit Florian von Ammerthal zu sprechen. Dass der Besuch so katastrophal verlaufen würde, hatten sie freilich nicht erwartet.

»Ich würde Graf von Ammerthal gern bitten, seinen Sohn in ein anderes Krankenhaus zu verlegen, aber ich mache mir Sorgen um den Jungen, und ich will ungern etwas riskieren. Dabei denkt sein Vater ohnehin schon über die Verlegung nach. Er lastet es uns noch immer an, dass der Junge nicht spricht, und es passt ihm nicht, dass wir ihn nicht so bereitwillig von allen Außenkontakten isolieren, wie er sich das vorstellt. Florian soll, wenn es nach ihm geht, überhaupt keinen Besuch haben. Übrigens ist auch noch niemand gekommen, der nach ihm gefragt hat.«

Sofia sah den Klinikchef verdutzt an. »Wie bitte? Auch seine Schulfreunde nicht?«

»Niemand«, erklärte Walter Brocks. »Ich frage mich natürlich auch, was das zu bedeuten hat. Das Kindermädchen ist reizend und dem Jungen aufrichtig zugetan, das merkt man sofort. Eine ganz junge Frau, liebenswürdig und ein bisschen schüchtern. Aber außer dem Vater ist sie die einzige Person, die Zugang zu Florian haben soll.«

»Aber warum denn? Wäre es nicht gut für den Jungen, wenn er die Menschen, die er gern hat, um sich hätte? Würde ihn das nicht anregen, wieder zu sprechen?«

»Ich vermute das auch, aber der Vater sieht das anders. Dummerweise hat sich jemand einschleichen können, der Fotos machen wollte, das hat Graf von Ammerthal mitbekommen. Sie können sich vorstellen, dass ihn das in seiner Haltung noch bestärkt hat. Er scheint überall Feinde zu wittern.«

»Wenn also jetzt Florians Schulfreunde kommen, müssen Sie sie wegschicken?«

»Wir müssen nicht. Wenn sein Vater Kontakte verhindern will, muss er einen Wachposten vor die Tür stellen. Meine Angestellten haben anderes zu tun, als einen einzelnen Patienten zu bewachen – jedenfalls, wenn man nicht befürchten muss, dass ihm jemand etwas antun will. Aber wenn so etwas geschieht wie mit diesem Reporter, ist das natürlich sehr unangenehm. Es war Wasser auf die Mühlen des Grafen.«

»Leidet er an Verfolgungswahn?«, fragte Sofia vorsichtig.

»Ich weiß es nicht, Frau von Kant.«

»Ich habe mich, als ich seinen Namen hörte, daran erinnert, dass seine Frau vor nicht allzu langer Zeit gestorben ist. Vielleicht hat er ihren Tod noch nicht verarbeitet.«

»Das hat er sicherlich nicht«, stimmte ihr der Klinikchef zu.

Sofia spähte in den Behandlungsraum, in dem Arabella lag. Sie war nach ihrer Ohnmacht sehr schnell wieder zu sich gekommen, ihr Kreislauf hatte sich stabilisiert. Sie hatte zudem ein Beruhigungsmittel bekommen. Aber natürlich war das Zusammentreffen mit Johannes von Ammerthal ihrer weiteren Genesung nicht zuträglich gewesen. Sie zermarterte sich ja ohnehin schon das Gehirn, ob sie sich bei dem Unfall nicht vielleicht doch falsch verhalten hatte – und wenn ja, was sie anders hätte machen können oder müssen.

Um solche Fragen ruhig und vernünftig beantworten zu können, brauchte man ein wenig Abstand und einen klaren Kopf. Beides bekam man nicht durch wilde Vorwürfe, Drohungen und Beschimpfungen. Im Gegenteil. Sie fragte sich, warum Graf von Ammerthal sich so aufgeführt hatte.

Sie sah, dass Arabella die Augen öffnete und den Kopf ein wenig anhob. »Ich denke, ich nehme unsere Freundin jetzt wieder mit«, sagte sie leise zu Dr. Brocks.

»Das halte ich für eine gute Idee. Und ich werde noch einmal mit Graf von Ammerthal sprechen.« Walter Brocks verzog ein wenig das Gesicht. »Ich kann nicht behaupten, dass ich mich auf dieses Gespräch freue. Er ist natürlich in einer schrecklichen Lage, trotzdem finde ich sein Verhalten unentschuldbar. Aber er sieht das anders. Für ihn ist Frau von Lützow die Frau, die beinahe seinen Sohn umgebracht hat, und ich fürchte, das würde auch so bleiben, wenn sich einwandfrei beweisen ließe, dass sie den Unfall gar nicht hätte verhindern können.«

Sofia sah ihn aufmerksam an. »Denken Sie das?«

»Ich halte es für möglich, mehr kann ich nicht sagen. Wir sind in diesem Fall ja alle auf Vermutungen angewiesen.«

Er betrat mit ihr zusammen den Raum, in dem Arabella lag. Sie war noch blass, fragte aber sofort, als sie Sofia sah: »Fahren wir zurück ins Schloss?«

»Ja, das wollte ich vorschlagen. Denkst du, dass du aufstehen kannst?«

»Natürlich kann ich aufstehen, ich weiß gar nicht, wieso ich ohnmächtig geworden bin. Das ist mir vorher noch nie passiert. Aber dieser Mann hat mir einen solchen Schrecken eingejagt, als er wie ein Wilder auf mich losgegangen ist …« Sie schüttelte den Kopf. »Einen Moment lang dachte ich, er würde mich auch körperlich angreifen, es war noch schlimmer als beim ersten Mal.«

»Graf von Ammerthal hatte kein Recht, sich Ihnen gegenüber so zu verhalten, Frau von Lützow«, sagte Walter Brocks. »Es tut mir leid, dass wir das nicht verhindern konnten, aber mit einem solchen Ausbruch hat hier niemand gerechnet.«

Mit Sofias Hilfe richtete Arabella sich auf. »Ich hätte auf dich hören sollen, Sofia«, sagte sie reumütig. »Es war falsch, hierherzukommen. Dabei hat der Junge mir zugehört, und er hat auch verstanden, was ich gesagt habe. Er hat mich ja sogar angesehen. Hätte ich nur ein bisschen mehr Zeit mit ihm gehabt …« Wieder schüttelte sie den Kopf. »Es ist schief gegangen, ich werde es nicht noch einmal probieren.« Ganz plötzlich verließ sie die Selbstbeherrschung. Sie verbarg das Gesicht in beiden Händen und fing an zu weinen.

»Gehen Sie ruhig, Herr Dr. Brocks«, sagte Sofia leise. »Wir bleiben noch einen Moment hier sitzen, dann fahren wir nach Hause.«

Der Klinikchef sah ein, dass er die beiden Frauen besser allein ließ und zog sich zurück.

Sofia legte ihren Arm um Arabella und zog sie an sich. »Wir finden einen Weg, deine Unschuld zu beweisen«, sagte sie ruhig. »Morgen meldest du dich in deiner Schule krank und bleibst die nächsten beiden Wochen bei uns – oder wenigstens so lange, bis es dir besser geht. Und verlass dich darauf: Unsere Kinder finden heraus, wie es zu diesem unerklärlichen Unfall gekommen ist.«

Arabella ließ die Hände sinken und legte ihren Kopf an Sofias Schulter. Sie fühlte sich elend, aber der Gedanke, dass sie nicht allein war, sondern bei lieben Freunden, die sich um sie sorgten, tröstete sie und stärkte ihr den Rücken. Sie durfte sich nur nicht beirren lassen und an ihrer Erinnerung zu zweifeln beginnen, nur weil Graf von Ammerthal der Überzeugung war, sie habe seinen Sohn aus Unachtsamkeit angefahren. Aber es war schwer, die Zweifel auszuschalten, wenn die andere Seite so laut- und meinungsstark auftrat.

»Danke, Sofia«, sagte sie leise. »Lass uns fahren. Ich möchte nicht länger hier sein.«

*

»Ich sorge dafür, dass diese Frau dich nie wieder belästigt, Florian«, sagte Johannes. »Es tut mir leid, dass sie es geschafft hat, dein Zimmer zu betreten. Ich hatte Anweisung erteilt, dass niemand zu dir vorgelassen wird, außer Lili und mir – aber offenbar hat das Personal die Lage hier nicht im Griff. Sobald es dir besser geht, lasse ich dich verlegen.«

Er betrachtete das unbewegte Gesicht seines Sohnes, und die Worte brachen aus ihm heraus, bevor er sie zurückhalten konnte: »Warum sprichst du nicht? Stimmt es, was Herr Dr. Brocks sagt, dass du alles verstehst und durchaus antworten könntest – aber nicht antworten willst? Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich will doch nur, dass es dir wieder gut geht, ich will, dass du so schnell wie möglich nach Hause kommst. Bitte, sag doch etwas.«

Aber Florian rührte sich nicht. Er hatte nicht einmal die Augen geöffnet, als sein Vater hereingekommen war. Er stellte sich schlafend. Oder tot.

Johannes wusste es nicht. Er war verzweifelt, aber in seine Verzweiflung mischte sich mittlerweile auch Zorn. Tat er nicht alles für Florian, was in seiner Macht stand? Und zum Dank für seine Bemühungen wurde er angeschwiegen? Er wusste nicht, was er noch tun sollte.

Es klopfte kurz an der Tür, unwillkürlich versteifte er sich. Aber als er sich umdrehte, sah er den Klinikchef an der Tür stehen. »Ich würde Sie gern sprechen, Herr von Ammerthal«, sagte Walter Brocks förmlich.

»Ich bin gleich wieder da«, sagte Johannes zu seinem Sohn, bevor er das Zimmer verließ und frostig fragte: »Worum geht es?«

»Um Ihr Verhalten«, lautete die unverblümte Antwort. »Wäre Ihr Sohn nicht eins unserer Sorgenkinder, würde ich Sie bitten, ihn unverzüglich in einem anderen Krankenhaus unterzubringen. Sie hatten kein Recht, Frau von Lützow auf diese Art und Weise anzugreifen.«

Johannes sah augenblicklich rot. »Ich hatte kein Recht dazu?«, rief er. »Ich? Und was ist mit ihr? Hatte sie etwa das Recht, in das Zimmer meines Sohnes einzudringen und …«

»Sie ist nicht eingedrungen, sie hat es betreten«, berichtigte Walter Brocks den Grafen ziemlich barsch. »Sie hat ihm nichts getan, ihn weder bedroht noch beschimpft noch sonst etwas.«

»Und woher wollen Sie das wissen?«, rief Johannes zunehmend aufgebracht. »Waren Sie etwa dabei?«

»Nein, ich habe sie gefragt und darauf eine offene und einfache Antwort bekommen: Sie hat Ihren Sohn bitten wollen, zum Hergang des Unfalls auszusagen, weil der Verdacht, dass sie ihn verschuldet hat, schwer auf ihr lastet.«

»Und das haben Sie ihr geglaubt?« Johannes’ Gesicht lief rot an. »Das ist doch wirklich die Höhe! Sie hat versucht, ihn dazu zu bringen, das zu sagen, was für sie günstig ist …«

»Und woher wollen Sie das wissen?«, fragte der Klinikchef kühl, exakt die Worte des Grafen verwendend. »Waren Sie etwa dabei?«

Florians Vater kam nur kurz aus dem Takt, er fing sich jedoch schnell wieder. »Natürlich nicht, aber das liegt schließlich auf der Hand.«

»Sie arbeiten mit Vermutungen, Verdächtigungen, Beschimpfungen – aber einen Beweis haben Sie nicht. Sie wissen, dass die Polizei jede Aussage von Frau von Lützow genauestens untersucht und festgestellt hat, dass sie in jedem Punkt die Wahrheit gesagt hat. Das sind zumindest Indizien, die nahelegen, dass auch der Unfall sich so abgespielt haben könnte, wie sie ihn beschreibt. Sie dagegen haben an Beweisen oder Indizien überhaupt nichts vorzuweisen. Wenn Sie noch einmal eine Patientin unserer Klinik auf solche oder ähnliche Weise angreifen, kann ich die Behandlung Ihres Sohnes nicht fortführen. Ich würde das bedauern, denn wir haben ihn schließlich operiert, um ihm das Leben zu retten, und das ist uns ja auch gelungen. Aber es gibt Grenzen, Herr von Ammerthal. Wenn Sie beweisen können, dass Frau von Lützow den Unfall verschuldet hat, zeigen Sie sie an und bringen Sie sie vor Gericht, wo sie dann alles vorbringen können, was Ihnen auf der Seele liegt. Aber in meiner Klinik ist für solche Anklagen kein Platz, für Selbstjustiz habe ich nichts übrig. Sollten Sie sich entscheiden, Ihren Sohn verlegen zu lassen, teilen Sie mir das bitte so bald wie möglich mit, und jetzt entschuldigen Sie mich.«

Fassungslos sah Johannes dem Klinikchef nach, der sich nach seinen letzten Worten umgedreht hatte und gegangen war. Nie zuvor hatte ihn jemand so zurechtgewiesen, und sein erster Impuls war, dass er sich das nicht bieten lassen würde. Er würde Florian umgehend in ein anderes Krankenhaus verlegen lassen, wo man besser wusste, wie man nahe Angehörige von Patienten behandeln musste. Schließlich war er ein Vater, der sich vor Sorge um sein Kind verzehrte, da durfte er doch wohl Mitgefühl und Rücksichtnahme erwarten!

Doch dann fiel ihm ein, wie er umsorgt worden war in der Nacht von Florians Operation, wie sich alle bemüht hatten, ihn ständig über jede Veränderung am Zustand seines Sohnes auf dem Laufenden zu halten, wie alle paar Minuten jemand nach Florian gesehen hatte, nachdem er in den Aufwachraum gebracht worden war. Und letzten Endes: Florian lebte – er sprach nur nicht. Vielleicht hatten die Ärzte ja Recht mit ihrer Annahme, dass er alles verstand und auch hätte sprechen können, wenn er gewollt hätte.

Zum ersten Mal, seit der Unfall geschehen war, ließ er diesen Gedanken zu: dass Florian vielleicht nicht sprechen wollte. Das hieß, er, als sein Vater, würde den Grund dafür herausfinden müssen.

Sein Zorn und seine Erregung fielen in sich zusammen wie ein Häufchen Asche, die Verzweiflung gewann wieder die Oberhand. Er war am Ende, er wusste nicht weiter. Seine Frau hatte er verloren, sollte er nun auch noch seinen Sohn verlieren?

Mit hängenden Schultern betrat er Florians Zimmer. So versunken war er in seine Gedanken, dass er nicht bemerkte, wie sich die Lider des Jungen ein kleines Stückchen hoben. Als er sich auf seinen Stuhl neben dem Bett setzte, waren die Augen seines Sohnes wieder geschlossen, er lag da wie zuvor und rührte sich nicht.

»Ich habe diese Frau beschimpft, die bei dir war«, sagte Johannes leise. »Vielleicht hast du das ja sogar mitbekommen. Herrn Dr. Brocks hat das nicht gefallen, sie ist nämlich gleich ohnmächtig geworden, so einen Schrecken habe ich ihr eingejagt. Ich wüsste zu gern, was sie zu dir gesagt hat. Willst du es mir nicht erzählen?«

Er hatte nicht auf eine Antwort zu hoffen gewagt, und er bekam auch keine.

*

»Lili!«, sagte Cora Bühler, als Florians Kindermädchen überraschend im Gutshaus auftauchte. »Ich dachte, du gehst später, wenn der Graf zurück ist, in die Klinik.«