Der Junge aus dem Reich der Schatten (Floating World-Dilogie, Band 2) - Axie Oh - E-Book

Der Junge aus dem Reich der Schatten (Floating World-Dilogie, Band 2) E-Book

Axie Oh

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Beschreibung

Der Junge aus dem Reich der Schatten ist Dein SPIEGEL Bestseller! Wenn Licht und Schatten füreinander kämpfen … Ren hat bewiesen, dass in ihr die Magie einer Himmelsfee schlummert, und nimmt nun ihren Platz als rechtmäßige Erbin der Schwebenden Welt ein. Doch nicht alle sind ihr wohlgesinnt und der Krieg gegen Volmar bringt einen neuen, mächtigen Feind mit sich. Derweil kämpft Sunho gegen den Dämon in seinem Inneren, zu dem er im Mithril-Labor gemacht wurde. Um ihre Welt und den Jungen, den sie liebt, zu retten, muss Ren sich ihrer Herkunft stellen – und lernen, an sich selbst zu glauben. Das Finale der mitreißenden Romantasy-Dilogie basierend auf einer koreanischen Sage Der Junge aus dem Reich der Schatten ist der emotionsgeladene Abschluss der Floating World-Dilogie von New York Times-Bestsellerautorin Axie Oh, inspiriert von einer koreanischen Sage. Ein mitreißendes Romantasy-Highlight über Liebe, Loyalität, Macht und Verantwortung. - Koreanische Mythologie: eine außergewöhnliche Neuerzählung basierend auf der Sage Der Holzfäller und die Himmelsfee - Beliebte Tropes: Grumpy x Sunshine, Hidden Identity sowie eine abgewandelte Form von Enemies to Lovers, Found Family - Spannungsgeladener Plot voller Action, Geheimnisse und Intrigen: Ren muss sich als Erbin der Schwebenden Welt und Himmelsfee behaupten, als ein mächtiger Feind auf den Plan tritt. - Märchenhafte Liebesgeschichte: Eine Himmelsfee und ein Dämon verlieben sich ineinander und kämpfen gemeinsam für ihre Welten und eine Zukunft. - Originelles Setting: Schwebende Welt vs. Unterwelt

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Seitenzahl: 514

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Liebe Leser*innen,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.

Deshalb findet ihr auf der letzten Seite eine Content Note.

Achtung: Diese enthält Spoiler für die gesamte Geschichte!

Wir wünschen euch das bestmögliche Lesevergnügen.

Euer Loewe-Team

 

 

 

 

Für meinen Bruder Jason,

der mir Final Fantasy vorgestellt hat.

INHALT

Erster Akt: Der Dämon

Kapitel 1REN – Östlich des Haebaek-Gebirges – Das Tal – Ren warf ihren …

Kapitel 2REN – Östlich des Haebaek-Gebirges – Imperiales Flaggschiff Blaue Schildkröte – Kurz nachdem sie …

Kapitel 3REN – Haebaek-Gebirge – Imperiales Flaggschiff Blaue Schildkröte – Ren rappelte sich …

Kapitel 4REN – Haebaek-Gebirge – Sperling – Die Sperling trudelte …

Kapitel 5REN – Haebaek-Gebirge – Jenseits der volmaranischen Grenze – Angestrengt atmend blickte …

Kapitel 6SUNHO – Westlich des Haebaek-Gebirges – Besetzte Gebiete – Mit einem schnellen …

Kapitel 7REN – Westlich des Haebaek-Gebirges – Besetzte Gebiete – Ren wurde vom …

Zweiter Akt: Eine Welt im Himmel

Kapitel 8REN – Schwebende Welt – Sora, Hauptstadt Sareniyas – Yurhee brachte die …

Kapitel 9REN – Schwebende Welt – Himmelspalast – Ren machte sich …

Kapitel 10JAEIL – Schwebende Welt – Ostgarten – Jaeil lebte. Irgendwie, …

Kapitel 11SUNHO – Schwebende Welt – Palastgarten – Yurhee und Tag …

Kapitel 12REN – Schwebende Welt – Himmelspalast – Rasch lief Ren …

Kapitel 13REN – Schwebende Welt – Übungsplatz, Westgarten – Am nächsten Morgen …

Kapitel 14SUNHO – Schwebende Welt – Übungsplatz, Westgarten – Sunho grub die …

Kapitel 15SUNHO – Schwebende Welt – Übungsplatz, Westgarten – Sunho und Jaeil …

Kapitel 16JAEIL – Schwebende Welt – Mithril-Minen – Ein Taschentuch auf …

Kapitel 17REN – Schwebende Welt – Palast der Königin – Den gesamten Vormittag …

Kapitel 18REN – Schwebende Welt – Palast der Königin – Sunho!« Sie griff …

Kapitel 19JAEIL – Schwebende Welt – Übungsplatz, Westgarten – Seit sie vor …

Kapitel 20SUNHO – Unterwelt – Vierter Bezirk, Außenring – Sunho lehnte den …

Kapitel 21REN – Schwebende Welt – Palast der Königin – Als Ren in …

Kapitel 22SUNHO – Unterwelt – Außerhalb der Großen Mauer – Gebannt sah Sunho …

Kapitel 23REN – Schwebende Welt – Himmelspalast – Am nächsten Morgen …

Kapitel 24SUNHO – Unterwelt – Opernhaus Kumwhan, Achter Bezirk, Kern – Das Opernhaus Kumwhan …

Kapitel 25REN – Unterwelt – Opernhaus Kumwhan, Achter Bezirk, Kern – Der Mann mit …

Dritter Akt: Die Himmelsfee

Kapitel 26SUNHO – Unterwelt – Militärstützpunkt Hagye, Innenhof – Sunho saß allein …

Kapitel 27REN – Schwebende Welt – Tempel der Göttin – Als Ren die …

Kapitel 28JAEIL – Schwebende Welt – Königliches Gästehaus, Himmelspalast – Am Abend nach …

Kapitel 29REN – Haebaek-Gebirge – Besetzte Gebiete – Ren flog, so …

Kapitel 30JAEIL – Haebaek-Gebirge – Tal von Aufgang und Fall, Gaya-Pass – Jaeil träumte vom …

Kapitel 31SUNHO – Haebaek-Gebirge – Tal von Aufgang und Fall, Gaya-Pass – Sunho schreckte hoch, …

Kapitel 32REN – Haebaek-Gebirge – Tal von Aufgang und Fall, Gaya-Pass – Sie war hier. …

Kapitel 33SUNHO – Haebaek-Gebirge – Nördliche Ebene, Gaya-Pass – Noch während er …

Kapitel 34REN – Schwebende Welt – Geflügelte Zephir, Sora, Hauptstadt Sareniyas – Als sie die …

Kapitel 35SUNHO – Schwebende Welt – Teich der Himmelstöchter – Sunho sah zu, …

Kapitel 36REN – Schwebende Welt – Teich der Himmelstöchter – Wohlig warm sank …

Vierter Akt: In den Mithril-Himmel

Kapitel 37JAEIL – Außerhalb der Unterwelt – Krankenhaus der nördlichen Großen Mauer, Stützpunkt Yongin – Langsam stellte sich …

Kapitel 38REN – Schwebende Welt – Tempel der Göttin – Allein durchstreifte Ren …

Kapitel 39SUNHO – Unterwelt – Stützpunkt Yongin – In Windeseile hatte …

Kapitel 40JAEIL – Unterwelt – Stützpunkt Yongin – Kurz überlegte Jaeil, …

Kapitel 41SUNHO – Unterwelt – Eisenbahntunnel – Sunho glitt durch …

Kapitel 42REN – Unterwelt – Große Mauer – Ren flog in …

Epilog – Zwei Wochen später

Sechs Monate später

Danksagung

Content Note

ERSTER AKT

DER DÄMON

1

REN

Östlich des Haebaek-Gebirges

Das Tal

Ren warf ihren Papierfächer hoch in die Luft, schlug einen Salto rückwärts und landete im exakt richtigen Moment wieder auf den Füßen, um den Fächer aufzufangen. Während die Dorfbewohner in lautstarken Applaus ausbrachen, stellte Ren sich vor, wie der Jubel dem Geläut eines Windspiels gleich durch das Tal wehte. Dann klappte sie den Fächer mit einem knappen Schlag auf den Unterarm ein und zwinkerte den winkenden Kindern zu, deren Hände klebrig von den süßen Reiskuchen waren, die sie schon den ganzen Abend über verputzten.

Das Dorf strahlte im Schein roter und blauer Festlaternen, und als Ren den Blick über die vertraute Umgebung gleiten ließ, spürte sie einen Stich im Herzen. Morgen würde sie aufbrechen – Kommandant Su war bereits über ihren Entschluss informiert. Sobald sie einen Fuß auf das imperiale Luftschiff setzte, wäre sie nicht länger Ren aus dem Tal, sondern jemand, dessen Schicksal wesentlich bedeutsamer – und wesentlich angsteinflößender – war.

Der Gedanke ließ sie erschaudern, weshalb sie ihn lieber schnell aus ihrem Kopf verbannte. Sorgen konnte sie sich morgen. Heute Abend galt es, die Ernte zu feiern und die Seelen all jener geliebten Menschen zu ehren, die vor Kurzem von ihnen geschieden waren.

Mit einer geschickten Handbewegung breitete Ren ihren Fächer erneut aus und schwenkte ihn balancierend hin und her, während sie ein Bein ausstreckte und begann, sich im Kreis zu drehen. Das Licht in ihrem Innern entfachte zu einer Flamme, die sich ausbreitete und sie mit Wärme flutete.

Um sie herum wirbelte Wind. Schneller und schneller drehte sie sich. Ihre Magie war noch immer so neu für sie, wild und ungezähmt. Ren hatte noch viel darüber zu lernen, wie man sie kontrollierte und was sie damit überhaupt alles anzustellen vermochte. Sie wusste, sie konnte den Wind befehligen, kleinere Wunden heilen und silbernes Licht heraufbeschwören. Doch wozu wäre sie wohl noch in der Lage? Erst neulich hatte sie herausgefunden, dass sie Flügel hatte. Vollkommen unerwartet hatten sie sich am Morgen des Lichterfests manifestiert, damit Ren sich hatte retten können.

Damit sie Sunho hatte retten können.

Kurz war es, als stünde er neben ihr. Sie sah sein schönes Gesicht, seine Augen, die am hellsten leuchteten, wenn er sie ansah. Sie spürte den Druck seiner Hand, warm und kräftig.

Doch kaum war dieser Eindruck entstanden, veränderte er sich und in ihren Geist traten Bilder von Zähnen und Krallen. In ihren Ohren klang das gequälte Brüllen einer Seele, die innerlich zerrissen war.

Prompt verlor Ren das Gleichgewicht, stolperte und stürzte mit vollem Schwung zu Boden. Das Herz in ihrer Brust klopfte wild. Wie aus weiter Ferne schienen die Kinder nach ihr zu rufen. Sie klangen verwirrt, ängstlich. Ren musste ihnen zeigen, dass alles gut war, aufstehen und mit der Vorführung weitermachen. Als sie den Kopf hob, traf ihr Blick auf den von Wook Samchon in der Menge. Vor einer Woche noch hatte er kaum aufrecht sitzen können, jetzt stand er neben Hwi, die lockigen Haare zu einem lässigen Knoten hochgesteckt. Sein Blick war forschend, doch er nickte ihr nur knapp zu. Mach weiter, Ren, schien er zu sagen. Alles gut – bring einfach zu Ende, was du angefangen hast.

Also erhob sie sich, setzte zu einem hohen Sprung an, schlug einen doppelten Salto und landete schließlich auf den Füßen. Atemlos verneigte sie sich vor ihrem Publikum. Sekundenbruchteile später war sie von Kindern umringt, die sich wie ein Schwarm Spatzen auf sie stürzten. Ren ließ sich auf die Knie sinken, um so viele von ihnen wie möglich in die Arme zu schließen.

»Ren, du kommst uns doch besuchen, oder?«, fragte Hwis kleiner Bruder mit der Zahnlücke. In seinen Augen schimmerten Tränen.

Die Enkelin des Dorfvorstehers zog an Rens Ärmel. »Du gehst doch nicht für immer weg, oder?«

»Bitte geh nicht!«, rief Hwis kleine Cousine mit von der Kälte geröteten Wangen. »Wer spielt denn dann mit uns?«

»Ihr habt doch Hwi«, tröstete Ren sie. »Und natürlich Samchon.«

Beim Gedanken daran, sie zu verlassen – vor allem Wook Samchon –, setzte wieder das Ziehen in ihrem Herzen ein, das sie schon die ganze Woche über gequält hatte. Aber sie konnte ihn nicht mitnehmen. Samchon war von der Krankheit, die ihn beinahe das Leben gekostet hatte, noch zu geschwächt. Ebendiese Krankheit war auch der Grund, warum Imo aufgebrochen war, um ein Heilmittel zu finden – noch war sie von ihrer Suche nicht zurückgekehrt.

Einige Kinder sahen Ren mit bebenden Lippen an, nickten aber tapfer. »Wir werden dich vermissen!«

»Nicht so sehr wie ich euch!«, versprach Ren.

»Kopf hoch«, sagte Hwis Bruder mit feierlichem Ernst und altkluger Miene. »Alles wird gut.«

Nun spürte Ren selbst, wie Tränen in ihre Augen traten, und sie drückte ihn fest an sich. »Danke.«

Eines nach dem anderen sprangen die Kinder auf. Als auch Ren aufstand und ihren Papierfächer aufhob, sah sie Kommandant Su auf sich zukommen. Bis eben hatte er mit dem Dorfvorsteher geredet, vermutlich um die morgige Abreise zu besprechen.

Lange hatte sie den Kommandanten noch nicht gekannt, als er ihr die Treue geschworen hatte. Doch in den vergangenen Wochen war ihr der erfahrene Krieger, der trotz seiner schroffen Erscheinung ein weiches Herz hatte, zu einer immer wichtigeren Stütze geworden.

Nachdem sich der Kommandant vor ihr verneigt hatte, überkam Ren ein Schwall von Dankbarkeit. Gewiss war die Liste seiner Aufgaben und Pflichten nach der Festnahme von General Iljin beträchtlich gewachsen, dennoch hatte er Ren ins Tal begleitet und voller Geduld und Verständnis abgewartet, bis sie bereit war, von hier aufzubrechen. Während ihrer kurzen gemeinsamen Zeit hatte Ren erfahren, dass der Kommandant dem General jahrelang treu gedient und auch geglaubt hatte, als dieser behauptete, Rens Mutter habe sich vom Rand der Schwebenden Welt gestürzt. In Wahrheit jedoch hatte der General sie gestoßen.

Überrascht hatte sie außerdem herausgefunden, dass Kommandant Su der Mentor von Jaeil gewesen war, dem einzigen Sohn des Generals. Derzeit wartete Jaeil in Haft auf der Schwebenden Welt darauf, dass seinem Vater der Prozess gemacht werden würde. Und das, so hatte Kommandant Su versichert, würde schon bald nach Rens Eintreffen dort geschehen.

Über ihre Gefühle für General Iljin war Ren sich im Klaren: Er war ein verabscheuenswürdiger Verräter und Verbrecher. Doch Jaeil …

Was sie von dem Hauptmann halten sollte, wusste sie noch immer nicht. Als Kind war er ihr Freund gewesen. Und obwohl seine Methoden fragwürdig erschienen, hatte er versucht, ihr zu helfen, sobald er erfahren hatte, dass sie noch lebte – selbst seinen Vater hatte er für Ren hintergangen.

Nun richtete Kommandant Su den Blick gen Westen, wo in der Ferne das Haebaek-Gebirge aufragte. »Über den Bergen braut sich ein Unwetter zusammen«, sagte er. Tatsächlich sah man deutlich dunkelgraue Wolken rings um die höchsten Gipfel trotz der späten Stunde. »Wenn wir noch vor Sonnenaufgang aufbrechen, sollten wir das Schlimmste umschiffen können.«

Rens Lächeln war wehmütig. Vor einem Monat hätte sie die Aussicht, an Bord eines Luftschiffs zu gehen, das mit ihr in den Himmel aufsteigen würde, mit blankem Entsetzen erfüllt, so unüberwindlich war ihr ihre Höhenangst erschienen. Jetzt meldete sich in ihr nur ein erwartungsvolles Kribbeln.

»Was immer uns auf der Schwebenden Welt erwarten mag«, sagte der Kommandant, »meine Unterstützung ist Euch gewiss.«

»Danke, Kommandant«, sagte sie.

Plötzlich ertönte auf der anderen Seite des Bühnenkreises schallendes Lachen. Der Kommandant stutzte. »Vergebt mir«, sagte er. »Ihr solltet mit Euren Freunden feiern.«

Ren schüttelte den Kopf. »Es ist wohl das Beste, wenn ich mich heimlich davonschleiche. Ich glaube, mir fehlt der Mut dazu, mich in aller Länge zu verabschieden.«

Kommandant Su verneigte sich erneut, bevor er sich zurückzog. Ein letztes Mal noch blickte Ren in die Runde, bevor sie sich in eine kleine Gasse stahl, die zum Flusspfad neben dem Dorf führte. Verglichen mit dem Trubel im Dorfinnern war es dort friedlich.

Auf der anderen Seite des Flusses wogte das hohe Gras wie die Wellen des Meeres. Durch das Dämmerlicht klang trübselig der reine, flötengleiche Ruf einer einsamen Drossel, die ihren Gefährten suchte.

Auf halbem Weg den Pfad entlang bemerkte Ren ein Dutzend goldener Laternen auf dem Wasser auf sie zutreiben. Sie kamen von den Dörfern weiter flussaufwärts. Auf die Seiten aus Papier waren mit sorgfältigen Pinselstrichen Gedenkzeilen geschrieben.

Beim Anblick der Laternen füllten sich Rens Augen mit Tränen. Auch sie hatte in jüngster Zeit geliebte Menschen verloren – die Amme ihrer Kindheit, Doona, und ihren Onkel, Imobu. Ihr war klar, dass sie sich nicht die Schuld an deren Tod geben sollte – der Dämon, der das Dorf Gorye angegriffen hatte, und die Assassinen, die auf den Tempel des Hellen Mondes gehetzt wurden, entstammten den bösen Plänen anderer. Doch das änderte nichts an Rens Schmerz.

Sie wusste nicht, wie lange sie so am Flussufer stand, nur dass die Laternen irgendwann nicht mehr zu sehen waren. Stattdessen erschienen Glühwürmchen über dem Wasser. Überrascht schnappte Ren nach Luft. Es war Winter, viel zu kalt für diese Tierchen, dennoch sah Ren sie nicht nur entlang des Ufers, sondern auch über dem dahinterliegenden Feld, wo sie wie winzige Sterne blinkten. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und machte sich in Begleitung der Glühwürmchen auf den langen Heimweg.

Die Windspiele, die von den Dachbalken baumelten, klimperten, als sie die Tür der Hütte aufschob. Kurz verharrte sie auf der Schwelle, um den vertrauten Anblick auf sich wirken zu lassen: Die Kochstelle, mit der Asche sorgsam an die Seite gekehrt. Der niedrige Holztisch, an dem ihre Familie jeden Morgen und jeden Abend gemeinsam gegessen hatte.

Am Morgen schon hatte Ren einige ihrer Habseligkeiten gepackt, sodass sie nun lediglich noch ihren Rucksack aus dem Zimmer holen musste, das sie sich mit Samchon teilte. Anschließend schritt sie durch die offene Wohnfläche zum einzigen anderen Zimmer des Häuschens, das Imo und Imobu gehörte. Ren hatte es seit ihrer Rückkehr noch kein einziges Mal betreten, weil sie die Privatsphäre ihrer Tante nicht verletzen wollte.

Als sie nun doch die Tür aufschob, bemerkte sie zuallererst die Unordnung. Die meisten Dinge aus dem Reisewagen waren hereingebracht und einfach an die Wand gerückt worden: die riesige Truhe, in der die Kostüme aufbewahrt wurden, ebenso wie Samchons Schnitzwerkzeuge und Imobus große Fasstrommel. Auf einem niedrigen Schränkchen entdeckte sie, wonach sie suchte: eine kleine Kleiderkiste.

Der dazugehörige Schlüssel steckte bereits in dem Vorhängeschloss, das die Form eines Fisches hatte. Ren musste ihn nur herumdrehen, bis sich die Einzelteile mit einem Klicken auseinanderschoben, dann hob sie langsam den Deckel an.

Das Kleid war noch genau so, wie sie es in Erinnerung hatte. Das purpurne Rot war so intensiv, dass es in den Augen wehtat. Als Ren den Stoff in die Arme nahm, wappnete sie sich innerlich gegen die Flut von Bildern, doch anders als beim letzten Mal blieb sie fest in der Gegenwart verwurzelt. Diesmal blieben die quälenden Erinnerungen an die Nacht von vor zehn Jahren aus.

Da hörte Ren, wie sich die Tür zur Hütte öffnete, und kurz darauf erschien Samchon.

»Dachte ich’s mir doch, dass ich dich beim Wegschleichen gesehen habe«, murrte er. »Du hättest mich ruhig vorwarnen können.« Er hielt ein Bündel Zwiebeln in der Hand und hatte sich eine Tasche über die Schulter geschlungen. »Die Heiratsvermittlerin hat sich mit einer Liste auf mich gestürzt – einer Liste –« Er verstummte. »Was ist das?«

»Ein Kleid.« Ren hielt es hoch, damit er es besser sehen konnte. »Es hat meiner Mutter gehört. Sie trug es am Abend ihres …« Bisher hatte sie äußerst selten von ihrer Vergangenheit gesprochen – Imo hatte es ihr verboten, zu Rens und ihrer aller Sicherheit. Doch nachdem Samchon nach seiner Krankheit endlich erwacht war, hatte sie ihm alles erzählt. Nicht nur, was geschehen war, solange er geschlafen hatte, sondern auch alles darüber, was Ren in jener Nacht vor zehn Jahren beobachtet hatte.

Samchon ging nun vor ihr in die Hocke und musterte das Gewand nachdenklich. »Und wie kommt es, dass meine Schwester es hat?«

»Keine Ahnung …« Ihre Mutter hatte es bei ihrem Sturz in den Tod angehabt. Später dann hatte Imo Ren in einem hohlen Baum kauernd gefunden und war mit ihr von der Schwebenden Welt geflohen. War Imo noch einmal zurückgegangen, um das Kleid zu holen? Aber wann und warum?

»Wenn ich sie doch nur fragen könnte«, sagte Ren und klammerte sich an den Stoff in ihren Händen. Die ganze Woche über hatte sie gehofft, Imo würde zurückkommen, doch sie konnte nicht noch länger warten. Mit einem schweren Seufzen lockerte Ren ihren Griff und legte das Gewand zurück in die Kiste, schloss den Deckel und brachte das Schloss wieder an.

»Falls du meiner Schwester eine Nachricht dalassen willst, kann ich helfen.« Samchon nahm den Beutel von seiner Schulter und warf ihn Ren in den Schoß. Als sie hineinsah, fand sie ein Tintenfässchen, eine Schriftrolle und einen Pinsel.

»Die Heiratsvermittlerin hat mich nämlich am Stand des Tintenhändlers überfallen, falls es dich interessiert«, grummelte er.

Ren ließ die Tasche sinken, um ihn fest an sich zu drücken. »Danke! War sie denn sehr aufdringlich, die Heiratsvermittlerin? Ich werde dich nicht an irgendwen hergeben.«

»Dicke Lüge«, sagte er laut. »Morgen gehst du, ganz egal, was aus mir wird.« Seit sie ihm vor zwei Abenden gesagt hatte, dass sie allein gehen würde, schmollte er.

Sie musterte sein mürrisches Gesicht und prägte sich sämtliche Züge ein, die schmalen Augen, die rosigen Wangen. Dieses Bild würde sie sich im Gedächtnis behalten für jene Momente, in denen sie es am dringendsten brauchen mochte.

Ren schloss die Augen und atmete tief durch. Als sie sie wieder öffnete, rang sie sich ein Lächeln ab. »Soll ich lieber bleiben?«, fragte sie und schlang die Arme noch fester um ihn. »Wir könnten gemeinsam auf Reisen gehen, mit unserer eigenen Truppe – nur wir beide. Was hältst du davon?«

»Das meinst du nicht ernst«, sagte er, schob sie behutsam von sich und stand auf. »Schreib deinen Brief. Verabschieden werde ich mich morgen früh.«

Sie wartete und lächelte tapfer weiter, bis er weg war. Es war ihr schwer gefallen, die letzte Woche so zu tun, als wäre alles bestens. Er sollte nicht wissen, wie sehr sie sich in Wahrheit fürchtete.

Nun griff Ren nach dem Beutel, holte das Schreibwerkzeug heraus, öffnete die Schriftrolle und beschwerte sie mit dem Tintenfass. Dann nahm sie den Pinsel und tunkte ihn hinein. Sie hatte Imo schon oft über das Kleid ausfragen wollen, doch als sie nun den Pinsel aufs Papier setzte, war es keine Frage, die sie niederschrieb.

Ich habe eine lange Reise hinter mir und bin wieder heimgekehrt. Doch es ist noch nicht vorüber. Ren gab sich große Mühe, die Schriftzeichen trotz ihrer zitternden Hand leserlich zu gestalten. Vor zehn Jahren hast du mich gerettet. Hier war ich sicher – und glücklich. Doch während dieser Zeit hat Sareniya einen Krieg geführt, der unvorstellbares Leid über die Menschen brachte.

Ein Krieg in Rens Namen, auch wenn dies nicht der Name war, den sie für sich gewählt hatte.

Ich darf mich nicht länger verstecken. Eine Finsternis hat die Welt befallen.

Sie dachte an den Dämon, der Gorye angegriffen und Samchon so schlimm verwundet hatte. Nachdem er deswegen krank geworden war und sein Blut sich blau gefärbt hatte, war Ren zur Schwebenden Welt gereist, um ein Heilmittel für ihn zu finden. Diese Reise hatte sie in die Tiefen der Mithril-Minen geführt.

Wenn Ren die Augen schloss, sah sie noch immer dieses seltsame Labor vor sich, diesen Ort, an dem grauenhafte Experimente aus Menschen Monster gemacht hatten – und den Wissenschaftler, auf den sie dort gestoßen war. Im Austausch für eine Ampulle ihres Blutes hatte er ihr ein angebliches Heilmittel gegeben. Was er mit ihrem Blut hatte anfangen wollen, wusste sie bis heute nicht.

Und dann gab es da noch diese andere Finsternis … die Grausamkeit und die Korruption auf der Schwebenden Welt.

Rens Blick wanderte zu der kleinen Truhe in der Ecke. Vor ihrem geistigen Auge sah sie ihre Mutter am Rand des Abgrunds stehen, doch diesmal galt ihr Augenmerk nicht dem blutroten Kleid, sondern dem Gesichtsausdruck ihrer Mutter. Es war, als wäre alles Licht in ihren Augen erloschen.

Ich habe Angst, dass ich mich verändere, wenn ich dorthin zurückgehe.

Hier im Tal war sie Ren. Eine Artistin. Die Nichte von Imo, Imobu und Samchon. Auf der Schwebenden Welt wäre sie eine vollkommen andere.

Prinzessin. Königin. Himmelsfee.

All diese Rollen hatte auch ihre Mutter erfüllt, genau wie die Frauen der Generationen vor ihr, bis hin zur ursprünglichen Himmelsfee selbst.

Was macht ein solches Vermächtnis, ein solches Erbe mit einem Menschen?

Die Rückkehr auf die Schwebende Welt war für Ren mit vielerlei Ängsten verbunden, doch wovor sie sich am meisten fürchtete, war, sich selbst zu verlieren.

Auf dem Papier war noch genug Platz für einige letzte Zeilen. Hätte sie Samchon geschrieben, hätte sie Worte der Zuneigung gewählt, doch hier ging es um Imo.

Es tut mir leid, dass ich das erste Mal einfach so gegangen bin, ohne dir etwas davon zu sagen, und es tut mir leid, dass ich nun abreise, bevor du zurück bist. Ich werde mir Mühe geben, stets an all das zu denken, was du mir beigebracht hast.

Ihr Pinsel verharrte über dem Papier. Ein bestimmtes Gefühl hatte sie Imo gegenüber nie zum Ausdruck gebracht und auch jetzt war sie zu feige, es in Worte zu fassen.

Danke, beendete sie stattdessen ihre Nachricht. Für alles. Deine Nichte Ren.

Am nächsten Morgen erwachte Ren noch vor Sonnenaufgang. Auf der Pritsche neben ihr schlief Samchon, alle viere von sich gestreckt und ein Bein über dem Kissen. Vorsichtig zog Ren die Decke bis an sein Kinn und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Dann schnappte sie sich ihre Umhängetasche und floh aus der Hütte.

Natürlich würde er sich ärgern, dass sie ohne ein Wort des Abschieds gegangen war, aber Ren hatte Angst, andernfalls den Mut zu verlieren.

Die Schiffe der imperialen Flotte waren auf der westlichen Weide verankert, ein jedes mit Dutzenden von Tauen. Während Ren über die Anhöhe lief, blickte sie zu den gigantischen Fluggefährten hinauf, die mehrere Meter über dem Boden schwebten. Ihre Fähigkeit zu fliegen verdankten sie dem Mithril, das in ihrem Kern verbaut war, zudem war jedes mit ausfahrbaren Rotoren und Segeln ausgestattet, um den Wind einfangen zu können. Als Ren genau hinsah, konnte sie ein blaues Wabern ausmachen, das alle drei Schiffe umgab. Unvermittelt verwehte eine kühle Brise ihr Haar und Ren schlang fröstelnd die Arme um sich.

Neben der Laderampe des nächsten Luftschiffs, wo Soldaten Karren voller Waren einen langen, flachen Steg hinauf in den Frachtraum brachten, entdeckte sie Yurhee. Sie winkte dem drei Jahre älteren Mädchen, das sofort zu ihr gelaufen kam.

Yurhee trug eine eng sitzende Kniebundhose und ein weites Hemd. Auf ihrer Stirn saß eine Fliegerbrille. Als sie sich näherte, musste Ren an ihre erste Begegnung mit der Rebellin denken. Sie hatte Yurhee auf den ersten Blick für wunderschön gehalten – und inzwischen konnte sie auch zugeben, dass sie damals ziemlich eifersüchtig gewesen war.

»Wo ist Tag?«, fragte Ren und hoffte, man würde ihre roten Wangen auf die frische Luft schieben.

Yurhee deutete vage hinter sich. »Der sagt noch Tschüss.«

»Oh, ich wusste gar nicht, dass er im Dorf schon Freunde gefunden hat.« Als Ren auf der Wiese nach Yurhees silberhaarigem Gefährten Ausschau hielt, fand sie ihn neben zwei Schafen hocken.

»Wir haben die Sperling in den Frachtraum gebracht. Hoffe, das geht klar«, sagte Yurhee und zeigte auf die Blaue Schildkröte, das gewaltige Luftschiff von Kommandant Su. Nachdem Yurhee erfahren hatte, dass die Menschen Sareniyas ihren Kriegsschiffen Namen gaben, hatte Yurhee entschieden, dass ihr Luftschiff – das von ihr und Tag – auch einen brauchte. »Wir reisen mit euch bis auf die Schwebende Welt und dann trennen sich unsere Wege. Wir wären ja mit dir gekommen – allein schon, weil ich total gerne mal einen Palast gesehen hätte –, aber wir müssen uns endlich wieder im Wolryudang blicken lassen.«

Ren schluckte die Enttäuschung hinunter. Nach langer Überlegung hatte sie sich dazu durchgerungen, erst auf die Schwebende Welt zurückzukehren und danach nach Sunho zu suchen. Sie wusste weder, wo er war, noch, wie sie ihre Suche überhaupt angehen sollte. Yurhee und Tag hatten sich bereit erklärt, ihr zu helfen, trotzdem konnte Ren sie ja nicht ewig davon abhalten, nach Hause zum Wolryudang und dessen Inhaberin Oma Jin zurückzukehren. Nur hätte sie nicht gedacht, sich so früh von ihnen trennen zu müssen.

»Ich bin schon froh«, sagte Ren, »dass ich zumindest den ersten Teil der Reise nicht allein antreten muss.«

»Wer sagt denn, dass du überhaupt allein reisen musst?«

Erschrocken wirbelte Ren herum. Hinter ihr stand Samchon. Auf seinem Kopf saß – ziemlich schief – ein konischer Strohhut und über der Schulter trug er eine Umhängetasche.

Ren sah ihn belämmert an. »Was hast du –?«

Er schob die Krempe seines Huts ein Stück nach oben, um sie anzugrinsen. »Du hast doch nicht im Ernst geglaubt, dass ich dich noch mal alleine abhauen lasse, oder?«

»Aber du … du bist krank!«

»Dank dir geht es mir schon viel besser!« Wie um den Beweis anzutreten, schlug er in der Wiese auf einer Hand ein Rad, während er sich mit der anderen den Hut auf den Kopf drückte.

Yurhee brüllte vor Belustigung und auch Ren stieß ein verhaltenes Lachen aus. Sie wusste, dass sie es ihm untersagen und darauf bestehen sollte, dass er umkehrte, doch ihr war fast schwindelig vor Erleichterung.

»Es wird gefährlich«, warnte sie.

»Schon klar«, entgegnete er zuversichtlich.

»Wir bekommen es mit Dämonen zu tun.«

»Ist mir klar«, wiederholte er, diesmal ernster. Samchon atmete tief ein und reckte entschieden das Kinn. »Du bist meine Nichte. Es ist meine Verantwortung, auf dich aufzupassen.«

»Du bist nur ein Jahr älter als ich!«

»Ganz genau. Das bedeutet ein volles Jahr mehr an Lebenserfahrung.«

Es gab wahrscheinlich ein Dutzend guter Gründe, warum Samchon sie nicht auf die Schwebende Welt begleiten sollte, doch in diesem Moment spielte kein einziger eine Rolle – sie wollte, dass er mitkam.

Doch offenbar wirkte sie noch immer unentschlossen, denn sein Lächeln wurde sanfter. »Was würde Imo sagen, wenn sie zurückkommt und erfährt, dass ich dich allein habe losziehen lassen?« Er schauderte. »Ehrlich, ich weiß nicht, was mir mehr Angst macht: Dämonen oder meine Schwester!«

Eine halbe Stunde später waren alle drei Luftschiffe, die Ren ins Tal begleitet hatten, abfahrbereit. Bevor Ren an Bord des Flaggschiffs Blaue Schildkröte ging, verabschiedete sie sich gemeinsam mit Samchon von Hwi – was zur echten Herausforderung wurde. Ihre Freundin hatte zwei kleine Cousins an ihren Beinen kleben und ein junges Schaf, das sich an ihre Füße schmiegte.

»Ich halte nach deiner Tante Ausschau und sage ihr, wo du hin bist«, versprach Hwi.

»Danke.« Ren ergriff die Hand ihrer Freundin und drückte sie. »Du wirst mir fehlen!«

Als Ren und Samchon die Rampe zum Schiff hinaufliefen, winkte Hwi ihnen überschwänglich nach und rief: »Gebt gut aufeinander acht!«

Ren hielt sich an der Reling fest, als die Taue, die das Schiff am Boden hielten, gekappt wurden und abfielen, sodass sich das Schiff in den Himmel erheben konnte.

Das Morgenlicht lenkte ihre Aufmerksamkeit gen Osten, wo die Sonne aufging und ihre goldenen Strahlen über das Tal sandte. Der Blick auf all das, was zehn Jahre lang ihr Zuhause gewesen war, ließ Ren das Herz übergehen. Diese Bilder wollte sie tief in ihrem Innern bewahren: die Schafe, die wie flauschige weiße Wolken über die Wiesen zogen; der glitzernde Fluss, der sich einem silbernen Drachen gleich durch das Tal wand; und die Dorfbewohner, die aus der Ferne bereits nur noch wie kleine Punkte aussahen, kaum noch zu unterscheiden von Blumen oder Bäumen.

Plötzlich ertönte über ihnen ein lautes Wusch, als der Wind in die Segel fuhr und das Schiff Kurs auf die Schwebende Welt nahm.

2

REN

Östlich des Haebaek-Gebirges

Imperiales Flaggschiff Blaue Schildkröte

Kurz nachdem sie in den Himmel gestochen waren, bat Kommandant Su um Rens Anwesenheit auf der Brücke, also verließ sie mit Samchon die Hauptkajüte, in der sich ihre Kabine befand, um sich auf den Weg durch die schmalen Gänge zu machen. Offenbar fand Samchon Gefallen am Fliegen, was für Ren eine enorme Erleichterung war. Mühelos hielt er das Gleichgewicht, als das Luftschiff auf- und abstieg, während Segel und Rotoren gemeinsam daran arbeiteten, sie möglichst rasch durch die Lüfte zu tragen. Samchon drückte das Gesicht an ein Bullauge und zeigte auf einen Vogelschwarm, der unter ihnen vorbeizog.

Die Crewmitglieder, auf die sie unterwegs stießen, hielten inne, um sich vor Ren zu verneigen und sie mit »Prinzessin« oder »Eure Hoheit« zu grüßen. Nach dem dritten Mal grinste Samchon. »Daran muss ich mich noch gewöhnen.«

Ren seufzte, doch dann fiel ihr etwas ein. »Tatsächlich habe ich mir überlegt, dass ich dich nicht mehr Samchon nennen sollte, zumindest nicht im Beisein anderer.« Samchon bedeutete schließlich Onkel. So war er zwar immer liebevoll von ihr und vielen Menschen im Tal genannt worden, doch auf der Schwebenden Welt würde er eine neue Rolle einnehmen: die eines offiziellen Ratgebers. »Ich will, dass die Leute Sareniyas dir mit Respekt begegnen und deinen richtigen Namen verwenden«, erklärte sie, »also dachte ich, ich sollte mit gutem Beispiel vorangehen.«

Samchon legte entspannt die Hände an den Hinterkopf. »Na schön, versuch’s doch mal.«

Ren schürzte die Lippen. »Wook«, sagte sie und rümpfte die Nase.

»Schätze, wir müssen uns beide an so manches gewöhnen.«

Sie griff nach seinem Arm und schmiegte sich an ihn. »Ich bin froh, dass du mitgekommen bist.«

»Glaub ja nicht, ich tu das nur dir zuliebe«, frotzelte er. »Die Liste der Heiratsvermittlerin war eindeutig zu kurz. Ich habe fest vor, die Schar meiner Anwärter zu erweitern.«

»Verstehe …« Ren legte den Kopf an seine Schulter. »Und, hast du schon auf jemand Bestimmtes ein Auge geworfen?«

Er schüttelte den Kopf und stieß ein dramatisches Seufzen aus. »Zu viele Soldaten. Weißt du, ich will niemanden mit einem Hang zur Gewalt. Ich bevorzuge eher sanftmütige Männer – wie mich.«

»Du bevorzugst nur dich.«

Er lachte. Begleitet von dem fröhlichen Klang betraten sie die Brücke, wo Kommandant Su sich bei ihrem Eintreten verneigte und ein warmes Lächeln seine sonst so ernsten Züge erhellte. »Ah, welch schönes Geräusch. Auf einem Kriegsschiff hört man Lachen viel zu selten.«

Ren ließ Samchon los, der vortrat, um sich seinerseits zu verbeugen. »Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich einfach so mit an Bord gekommen bin.«

Der Kommandant winkte bereits ab. »Ihre Anwesenheit hier ist mehr als willkommen.« Dann wandte er sich mit wieder ernster Miene Ren zu. »Soeben hat mich eine dringliche Nachricht erreicht.« Erst jetzt bemerkte Ren die Botin, die an der Wand stand. Ihre Haare waren feucht und um ihren Hals baumelte eine Fliegerbrille. »Nahe dem Cheongdeok-Gebirge wurden Schlachtschiffe aus Volmar gesichtet«, erläuterte der Kommandant.

Das Cheongdeok-Gebirge stellte eine natürliche Grenze zwischen Volmar und den Besetzten Gebieten dar, die unter sareniyanischer Herrschaft standen.

»Sobald wir die Hauptstadt erreichen, muss ich zuallererst unsere Schiffe voll ausrüsten lassen und schnellstmöglich aufbrechen, um sie abzufangen«, fuhr der Kommandant fort.

Ren wusste wenig über diesen Krieg, abgesehen davon, dass er nach dem Tod ihrer Mutter begonnen hatte. General Iljin hatte mit Unterstützung des Schwebenden Rats (Sareniyas Führungsgremium des Adels) angefangen, die Königreiche rings um die Schwebende Welt gewaltsam zu annektieren. Was man früher einmal als die Einhundert Reiche gekannt hatte, waren nun Sareniyas Besetzte Gebiete. Allerdings war es erst zu einem ausgewachsenen Krieg eskaliert, als der General meinte, auch das Großreich Volmar angreifen zu müssen.

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Prinzessin«, fuhr der Kommandant fort. »Ich hatte Euch meine Unterstützung zugesagt, wenn wir erst auf der Schwebenden Welt sind, vor allem im Hinblick auf den Rat.«

Ren verzog das Gesicht. Sie hatte so eine Ahnung, dass der Adel Sareniyas der Meinung einer unerfahrenen jungen Frau aus einem hinterwäldlerischen Dorf nicht allzu gewogen sein würde, auch wenn Rens Geburtsrecht sie zur Herrscherin über sie alle machte.

»Jedoch ist es mir ein Trost«, setzte der Kommandant hinzu, »dass Ihr einen Gefährten an Eurer Seite habt, auf dessen wohlwollenden Rat Ihr vertrauen könnt.« Er nickte Samchon zu, der stolz die Brust reckte.

Ren versteckte ihre Enttäuschung hinter einem Lächeln. »Das verstehe ich, Kommandant. Bitte geben Sie auf sich acht und kommen Sie zurück, so schnell Sie können. Ich habe das Gefühl, als könnte ich alle Hilfe brauchen, die ich kriegen kann.«

Am Abend trafen sich Ren und Samchon mit dem Kommandanten in dessen Quartier zum Essen. Danach zog ihr Onkel sich in seine Kabine zurück, die direkt neben der von Ren lag, während sie aufs Oberdeck hinaufging. Die Luft war satt von Feuchtigkeit, kühl und frisch. Als Ren tief einatmete, ließ ein schwerer Geruch das nahende Unwetter erahnen.

Außer ihr waren einige Crewmitglieder an Deck, um die Takelage für die Segel auszurichten. Sobald Ren in ihre Nähe kam, verbeugten sie sich höflich, doch ansonsten machten sie eher einen Bogen um sie. Möglich, dass sie davon ausgingen, Ren wollte ihre Ruhe haben, aber wahrscheinlicher war es, dass sie sie aus anderen Gründen mieden. Für die Crew war sie eine sareniyanische Prinzessin – keine Gleichgestellte, sondern etwas Besseres. Ren fragte sich, ob die Art, wie die Menschen hier mit ihr umgingen, ein Vorgeschmack auf die Schwebende Welt wäre. Ob man sie dort von allen übrigen fernhalten würde wie einen unerreichbaren Stern.

Dieser Gedanke weckte Erinnerungen an ihre Mutter – nicht an jene letzte Nacht am Rand der Klippe, sondern an andere Momente. In jeder einzelnen dieser Erinnerungen war ihre Mutter allein.

Seufzend trat Ren an die Reling und spähte zu den anderen beiden Luftschiffen, die hinter ihnen flogen, eines etwas tiefer links, das andere auf Steuerbordseite.

Das in der Ferne aufragende Haebaek-Gebirge war bereits näher gerückt. In den gigantischen schwarzen Wolken am höchsten Gipfel tobte ein Gewitter. Der Kommandant hatte ihr versichert, dass sie es umgehen könnten, solange sie auf dem vorgegebenen Kurs blieben. Ein kühler Sprühnebel, der Ren direkt ins Gesicht wehte, ließ sie frösteln.

Als sie sich von der Reling abwandte, entdeckte sie weiter vorne auf dem Deck eine vertraute Gestalt, deren Haare hell in der Nacht leuchteten. Bisher hatte sie mit Tag, der ein begabter Mechaniker war, nie mehr als ein paar Worte gewechselt, obwohl sie beide siebzehn waren. Trotzdem lief sie nun ganz selbstverständlich auf ihn zu.

Als sie näher kam, hob er den Kopf und nickte ihr knapp zu, bevor er den Blick wieder in den Nachthimmel richtete. Beide schwiegen sie eine ganze Weile. Normalerweise hätte Ren der Drang überkommen, die Stille mit einem Gespräch zu füllen, doch bei Tag blieb dieser Zwang aus.

Vielleicht lag es daran, dass er sie an Sunho erinnerte. Rein äußerlich sahen sich die beiden Jungen kaum ähnlich – Sunho war größer und hatte dunkle Haare, während Tags Schopf die Farbe von Sternenlicht hatte –, doch beide waren von Natur aus schweigsam und verströmten wohltuende Ruhe.

Zugegeben verspürte sie an der Seite von Sunho nicht nur Ruhe.

Unwillkürlich erfasste sie eine Sehnsucht, die so stark war, dass es wehtat. Ren umklammerte die Reling und ließ die Kälte in ihre Haut sickern.

Ihr war klar, dass nicht allein die Ähnlichkeit zu Sunho sie zu Tag gezogen hatte. Ein anderer Grund war, dass Tag ihn kannte. Abgesehen von ihr und Yurhee war er der vielleicht einzige Freund, den Sunho hatte.

Damit gehörte Tag zu den wenigen, die vielleicht verstehen konnten, wie sie sich fühlte.

»Meinst du, er ist irgendwo dort draußen?«, fragte sie. Instinktiv wusste sie, dass sie nicht erklären musste, wen sie meinte. »Wenn ich daran denke, wie er gerade leiden muss …« Ihr stockte der Atem, als ein stechender Schmerz in ihre Kehle fuhr. »Nicht nur körperlich, sondern auch das schlechte Gewissen, das ihn quält – zu wissen, was seinem Bruder zugestoßen ist, dass er …«

Sie verstummte. Yurhee und Tag hatte sie erzählt, was sich auf der Wiese zugetragen hatte, als sie Sunho zum letzten Mal gesehen hatte. Ihre Magie hatte eine seiner Erinnerungen wiederhergestellt, eine, die tief in ihm vergraben gewesen war – die Wahrheit über seinen Bruder. Dass er gar nicht verschollen war; Sunho hatte ihn getötet.

»Ich habe Angst«, fuhr Ren fort, »was die Schuldgefühle mit ihm anstellen könnten.« Mit seinem Herzen, mit seiner Seele.

Was danach geschehen war, verstand sie noch immer nicht. Sie wusste nur, dass Sunho sich verwandelt hatte, nachdem er die Wahrheit erfahren hatte. Der Junge, mit dem sie zur Schwebenden Welt gereist war, der zu Beginn des Weges ein Fremder gewesen und zu jemandem geworden war, der ihr unendlich viel bedeutete, war zu einem Monster mit Reißzähnen und Flügeln geworden.

Fest kniff sie die Augen zu. Es spielte keine Rolle. Er war und blieb Sunho. Er war und blieb ihr Freund.

»Was, wenn ich ihn nicht finde?«, flüsterte sie. »Was, wenn ich ihn niemals wiedersehe?« Ihr Herz verkrampfte sich und in ihre Augen traten Tränen, die sie hastig fortwischte. »Tut mir leid. Ich will dich damit nicht belasten.«

Tag trat von einem Fuß auf den anderen. Aus seiner Jacke holte er ein weißes, mit lavendelblauen Blumen besticktes Taschentuch, das er ihr reichte.

»Danke«, sagte sie und tupfte sich damit über die Augen, bevor sie sich die Nase putzte. Als sie das Tuch zurückgeben wollte, schüttelte Tag den Kopf.

»Behalte es.« Seine Stimme war leise, gedämpft vom Kragen seiner Jacke.

Ren hielt das Taschentuch fest in der Hand.

»Sunho hat eine ganze Welt erklommen, um bei dir zu sein«, sagte Tag. Als Ren den Kopf hob, sah er ihr direkt in die Augen. »Ich glaube nicht, dass irgendetwas ihn davon abhalten könnte, dich wiederzusehen.«

Ren errötete. Tag wandte den Blick ab, wobei ihr amüsiert auffiel, dass auch seine Ohren rot geworden waren.

Nach kurzem Schweigen räusperte sie sich. »Yurhee hat mir von euren Plänen erzählt, dass ihr zurück ins Wolryudang geht.«

Tag nickte. »Wir müssen uns um verschiedene Dinge kümmern«, sagte er. »Und … ich will nach Haru sehen.« Sunhos kleiner Nachbar, den er und Tag aus einer Kampfarena gerettet hatten. Oma Jin hatte den Jungen unter ihre Fittiche genommen, bis Yurhee Gelegenheit hätte, seine Mutter ausfindig zu machen.

»Sunho wäre erleichtert zu wissen, dass ihr euch um ihn kümmert«, sagte Ren und schenkte Tag ein herzliches Lächeln, woraufhin dieser sich erneut vor Verlegenheit hinter seinem Kragen versteckte.

Eine Weile blieben sie noch an der Reling stehen. Seit Ren ins Freie getreten war, hatte die Dunkelheit deutlich zugenommen. Sie fröstelte. Die Nacht wirkte endlos, wie ein schwarzer Schlund. Überall auf Deck entzündeten Crewmitglieder Fackeln, deren Flammen heftig im Wind zuckten.

Ren verzog das Gesicht, als eine Bö ihr entgegenschlug und ihre Haare aufwehte.

»Sareniya …«

»Hast du das gehört?«, fragte sie. Es hatte geklungen wie die Stimme einer Frau. Der Richtung folgend, wandte Ren sich dem Bug des Schiffs zu.

Tag runzelte die Stirn. »Nein.«

Die Segel flatterten heftig. Der Wind musste ihr etwas vorgegaukelt haben. Sie kamen dem Unwetter spürbar näher. In wenigen Minuten würden sie direkt an der schwarzen Wolke vorbeifliegen. Ein Schaudern erfasste ihren Körper.

»Geht es dir gut?«, fragte Tag besorgt.

»Alles okay.« Als er sie weiter nachdenklich ansah, lächelte sie ihn beschwichtigend an. »Mir ist nur kalt.«

»Du solltest reingehen.«

»Mache ich«, sagte sie. »Gleich. Ich will nur noch ein paar Gedanken ordnen. Geh doch schon mal vor.«

Tag schien mit sich zu hadern, doch dann nickte er.

Kaum dass er weg war, fühlte sich der Wind noch schneidender an.

Ren überlegte, ob sie ihn und Yurhee noch einmal hätte bitten sollen, ihr bei der Suche nach Sunho zu helfen. Die Sperling war im Frachtraum; sie hätten noch heute Nacht aufbrechen können.

»Sareniya …«

Ren wirbelte herum. Sie hatte sich doch nicht getäuscht.

Eilig rannte sie nach vorne zum Bug des Schiffs. Der Wind wurde mit einem Mal kräftiger, fegte von allen Seiten auf sie ein, so stark, dass sie rückwärtsgedrückt wurde. Sie hörte die warnenden Rufe der Crew, ignorierte sie aber und schottete lediglich ihr Gesicht mit dem Arm ab, während sie weiterdrängte.

Auch der Regen, der aufs Deck prasselte, nahm an Heftigkeit zu. Rens Haare lösten sich und peitschten gegen ihre Wangen. Gleich hätte sie es geschafft, nur noch ein paar Schritte. Verblüfft ließ sie den Arm sinken.

Am Bug stand eine Frau. Sie hatte Ren den Rücken zugewandt und trug ein transparentes schwarzes Kleid, das wie verschüttete Tinte von ihren Schultern zu Boden fiel.

Kein einziges Haar auf dem Kopf der Frau regte sich. Auch ihr Gewand war bewegungslos, nicht einmal die Ärmel flatterten.

Wie eisige Scherben prasselte der Regen unbarmherzig auf Rens Haut.

»Sareniya.«

Sie erstarrte. Zehn Jahre waren vergangen, doch den Klang der Stimme ihrer Mutter würde sie nie vergessen.

Ren stolperte auf die Gestalt in der Robe zu, streckte die Hand aus.

Plötzlich zerfetzte ein Donnerschlag die Nacht. Das Luftschiff schlingerte und riss Ren von den Füßen.

Als sie aufblickte, war die Gestalt am Bug verschwunden.

Ren sprang auf und rannte so hastig zur Reling, dass sie sich prompt das Knie anschlug. Doch den Schmerz spürte sie kaum. Ihre Aufmerksamkeit galt allein dem Himmel, den sie nach der geheimnisvollen Gestalt absuchte.

Was sie jedoch fand, war ein Licht in der Finsternis. Stirnrunzelnd bemerkte sie ein zweites, dann ein drittes, schließlich Hunderte, die flackerten wie Kerzen.

Erneut ging ein Ruck durch das Schiff. Ren wurde von der Reling zurückgeschleudert und fiel aufs Deck, als von der Steuerbordseite lautes Krachen ertönte. Dieses Geräusch war eindeutig: Etwas hatte sie gerammt.

Ren blickte zu der schwarzen Wolke, die über ihnen waberte. In ihrem Innern leuchteten dieselben Lichter, wie sie sie unter ihnen gesehen hatte.

Als Ren begriff, worauf sie blickte, wurde ihr übel. Es waren Fackeln. Lodernde Fackeln an Deck eines volmaranischen Kriegsschiffs.

Sie wurden angegriffen.

3

REN

Haebaek-Gebirge

Imperiales Flaggschiff Blaue Schildkröte

Ren rappelte sich auf und kämpfte sich durch den brutalen Regenguss. Erschrocken zuckte sie zusammen, als sich mit einem lauten Fwump ein Pfeil in die Bodenplanken grub. Ein hell wispernder Klangteppich zog ihren Blick gen Himmel, wo ein Hagel aus Pfeilen auf das Schiff zuflog.

Ohne nachzudenken, streckte sie die Hand aus und beschwor ihre Magie herauf. Licht schoss aus ihren Fingern und verbrannte den nächsten Pfeil zu Asche, während es alle übrigen harmlos auf das Deck purzeln ließ.

Sekundenlang hielt das Gleißen ihres Lichts an, und als es verlosch, ertönten vom feindlichen Luftschiff Rufe.

Spätestens jetzt kannten die Volmaraner ihre genaue Position.

Erneut wurde Ren von den Füßen gerissen, als die Blaue Schildkröte an der Breitseite attackiert wurde, konnte sich aber an der Reling abfangen. Das Dröhnen hallte selbst noch in ihren Knochen wider. Ächzend begann das Schiff, sich zur Seite zu neigen. Die Volmaraner drängten sie in den Sturm!

Innerhalb von Sekunden wurde es noch finsterer um sie herum, während der Regen wie aus Eimern auf sie herabgoss.

In der Dunkelheit unter ihnen entdeckte Ren eines der anderen sareniyanischen Luftschiffe; es stand in Flammen!

Im nächsten Moment fiel ein mächtiger Schatten auf das Flaggschiff und Ren riss den Kopf in den Nacken. Über der Blauen Schildkröte dräute ein volmaranisches Kriegsschiff, ein gigantisches Gefährt mit schwarzen Segeln, das so dicht über ihnen flog, dass Ren das gespenstische Knarren des Rumpfs hören konnte.

Strickleitern wurden über die Seiten geworfen, deren unterste Sprossen aufs Deck klapperten.

Der erste Volmaraner an Bord der Blauen Schildkröte fing sich einen Pfeil in die Schulter ein. Kurzerhand brach er den Schaft ab und stürzte sich brüllend auf einen Sareniyaner. Wenig später hatte Ren jeden Überblick über das Kampfgeschehen verloren, als immer mehr Volmaraner in schwarzen Rüstungen das Schiff fluteten, die Nasen und Münder hinter Masken verborgen. Überall auf Deck prallten sie auf die Soldatinnen und Soldaten des Kommandanten. Schreie zerrissen die Luft, wenn Sareniyaner und Volmaraner über Bord geworfen wurden und trudelnd in der Nacht verschwanden.

Taumelnd drehte Ren sich um und rannte auf die nächste Treppe zu. Der Regen machte das Holz glitschig. Schmatzend trat Ren mit ihren Stiefeln in Rinnsale von Blut.

Sie hatte die Treppe fast erreicht, als sie stürzte, hart aufs Deck schlug und vor Schmerz aufschrie. Als sie die Knie an die Brust zog, sah sie, dass sie über das Bein eines verwundeten Soldaten gestolpert war.

Schwer atmend lehnte er mit dem Rücken am Fockmast. In seiner Brust steckte ein Pfeil, der sein Herz nur knapp verfehlt hatte. Seine Rüstung war schwarz, geziert von einem filigran gestickten silbernen Tiger an der linken Schulter: das Symbol der volmaranischen Kaiserin.

Die Maske über Nase und Mund hatte er abgenommen. Seine jungen Augen waren voller Angst, als sein Blick ihrem begegnete. »Bitte«, stöhnte er. Er war kaum älter als Samchon.

Sie blickte zur Treppe. Sie war so nah, nur wenige Schritte entfernt.

Entschlossen wandte Ren sich um, kroch an die Seite des Soldaten und kniete sich neben ihn. Über seine Lippen quoll Blut, an dem er sich wohl verschluckte, denn er begann zu husten.

Der Pfeil hatte seine Lunge verletzt. Eine unweigerlich tödliche Wunde, es sei denn …

»Vergib mir«, sagte Ren und riss den Pfeil aus seiner Brust. Er brüllte, während heißes, zähes Blut über ihre Finger strömte. Eine so schwere Verletzung hatte sie erst einmal zu heilen versucht, damals, als sie Sunho zum ersten Mal begegnet war. Wie damals ließ sie sich allein von ihrem Instinkt leiten, schöpfte aus dem Licht in ihrem Innern und ließ es in den jungen Soldaten fließen. Als er das Bewusstsein verlor, drückte sie die Finger an seinen Hals und stellte erleichtert fest, dass sein Herz noch schlug, wenn auch schwach.

Mit wackligen Beinen stand Ren auf. Mehr konnte sie für ihn nicht tun. Ob er überlebte, lag nun allein in den Händen des Schicksals.

Auf ihrem torkelnden Weg zur Treppe stieß sie erneut mit jemandem zusammen. Noch ein Volmaraner. Blitzschnell packte er sie am Handgelenk.

»Dann sind die Gerüchte also wahr«, knurrte er und musterte sie durchdringend. »Die Kaiserin wird mich für einen Fang wie Euch reich belohnen.«

Er zerrte sie auf die Strickleitern zu. Ren wollte sich losreißen, doch sein Griff war unbarmherzig.

Plötzlich ging ein Ruck durch den Krieger und er ließ Ren los. Träge kippte er nach vorn – in seinem Rücken steckte der Bolzen einer Armbrust.

»Bist du in Ordnung?«, rief Tag sanftmütig trotz der tobenden Schlacht zu allen Seiten. Als Ren sich zu ihm umdrehte, ließ er gerade seine Waffe sinken.

»Es geht mir gut«, antwortete sie und rieb sich das Handgelenk.

Er warf ihr einen besorgten Blick zu, nickte aber zur Treppe. »Da entlang.«

Sie folgte ihm. »Suchen wir die anderen und überlegen uns einen Plan«, sagte Tag eilig. »Keine Ahnung, wie viel die Schildkröte einstecken kann. Sollte es noch schlimmer werden, müssen wir das Schiff vielleicht verlassen.« Am Ende des Gangs drückte er sich mit dem Rücken flach an die Wand und warf einen prüfenden Blick um die Ecke, bevor er den Weg fortsetzte.

Über ihnen gab die Decke ein besorgniserweckendes Ächzen von sich. Tag beschleunigte seinen Schritt und bewegte sich in Richtung Heck, wo die Schlafkojen lagen.

Als sie in einen Gang einbogen, hörte Ren die unverkennbaren Laute eines Handgemenges, gedämpfte Tritte und Schreie. Aus einem der Räume kam ein Volmaraner gestürzt, der sich eine junge Frau über die Schulter geworfen hatte. Von ihrem Hals baumelte eine Fliegerbrille. Ren erkannte die Botin von der Brücke, die wild auf ihren Entführer einschlug.

Tag legte die Armbrust an. Dann sah er Ren in die Augen und gab ihr mit einem kaum wahrnehmbaren Kopfschütteln zu verstehen, dass er nicht auf den Soldaten schießen konnte. Zumindest nicht, ohne zu riskieren, die Frau zu treffen.

Fieberhaft zerbrach Ren sich den Kopf. Während sie sich im Korridor umsah, entdeckte sie in einer Halterung auf der anderen Seite eine Laterne. Sie rief nach ihrer Magie und schickte einen Windstoß zu der Flamme. Lodernd züngelte das Feuer aus der Laterne und verbrannte den Soldaten, der die Frau brüllend fallen ließ, um sein Gesicht zu bedecken. Mit einem Kampfschrei auf den Lippen rasten Ren und Tag durch den Gang auf ihn zu. Gemeinsam rammten sie den Volmaraner und stießen ihn durch die offen stehende Tür der Kabine hinter ihm. Ren knallte die Tür zu und Tag schnappte sich ein Holzbrett, das er unter den Griff klemmte.

Dann löste Ren die Fesseln der Botin. »Das tut mir so leid«, sagte Ren. Der Volmaraner hatte die junge Frau offensichtlich für sie gehalten, da sie in etwa die gleiche Größe und Figur hatten. Beim Gedanken daran, dass die Botin allein ihretwegen angegriffen worden war, wurde ihr übel.

Flink sprang die junge Frau auf die Beine und trat gegen die Tür. »Scheißkerl! Ihr hättet warten sollen, den hätte ich mir schon noch vorgeknöpft.«

Ren starrte sie mit offenem Mund an, bevor sie sich ein Lachen verkniff.

»Sie sind hier«, sagte Tag.

Die Bodenbretter bebten, als Soldaten mit gezogenen Schwertern im Pulk durch den Gang rannten.

»Prinzessin!«, rief die Botin panisch. Als Ren sich umdrehte, sah sie Feuer an den Wänden lecken.

Sekunde um Sekunde gewannen die Flammen an Kraft. Sie saßen in der Falle, eingesperrt zwischen dem Brand und den feindlichen Soldaten. Ren wollte nach ihrem Licht greifen, spürte jedoch nur ein schwaches Flackern. Offenbar hatte sie sich zu sehr verausgabt – bisher hatte sie noch nie so viele verschiedene Arten ihrer Magie in so knapper Zeit verwendet. Sie hätte schreien mögen, so sehr ärgerte es sie, dass sie noch so wenig von ihren eigenen Kräften wusste.

Die Volmaraner, die sich ihres Vorteils bewusst waren, verlangsamten siegessicher ihre Schritte. Mutig stellte sich die Botin vor Ren und zückte einen kurzen Dolch. Auch Tag hob schussbereit seine Armbrust.

Plötzlich jedoch ertönte über ihnen ein gewaltiges Krachen.

Die Volmaraner stutzten und blickten zur Decke, die ächzte und bebte, während Holzsplitter und Staub zu Boden rieselten. Unter ohrenbetäubendem Lärm brach sie schließlich ein und etwas Großes platzte hindurch.

Während die Botin zur Seite hechtete, warf Tag sich schützend über Ren, als ein gewaltiger Teil der Decke auf sie beide fiel. Getroffen brach er auf ihr zusammen.

»Tag!«, rief Ren erschrocken.

Nachdem sie unter ihm hervorgekrochen war, zog sie ihn mithilfe der Botin unter den Holztrümmern hervor.

»Er atmet«, stellte die junge Frau fest.

Noch während Ren erleichtert aufatmete, erhaschte sie einen Blick auf etwas, das vor ihr in der Luft schwebte.

Eine Feder, so schwarz wie die Nacht.

Die Decke war vollständig verschwunden, sodass der Regen ungebremst in den Gang prasselte und das Feuer löschte. Federn wie diese hatte Ren nun schon einige Male gesehen … auf der Brücke in Seorawon, in einem Geheimlabor tief im Innern der Mithril-Minen und auf einer sonnenbeschienenen Wiese auf der Schwebenden Welt.

Sie hob den Blick. Auf der anderen Seite des Gangs stöhnten die Volmaraner vor Schmerzen, jedoch galt ihre Aufmerksamkeit nicht ihnen, sondern allein dem Dämon, der unter ihnen wütete.

Sunho.

Seine Federn waren wie Messer, die Wände und Bodenbretter durchschnitten.

Gebannt trat Ren auf ihn zu. Sie hörte, wie die Botin ihr etwas zurief, doch sie schenkte dem keine Beachtung.

»Sunho«, flüsterte sie. Alle Angst, die sie eben noch verspürt haben mochte, verschwand hinter einer Sehnsucht, die so stark war, dass es ihr den Atem verschlug. Ren musste sich eingestehen, dass ihr Verlangen nach ihm wie eine schlecht verbundene Wunde gewesen war. Und nun, da er vor ihr stand, hatte sie sich erneut geöffnet und blutete unaufhörlich.

Langsam trat sie auf ihn zu. Er würde sie erkennen. Wenn nicht mit seinem Verstand oder Körper, dann zumindest mit seiner Seele. Er musste.

Der Dämon wirbelte herum und schlug mit den krallenbewehrten Fingern nach ihr. Ren konnte ausweichen, aber nur knapp – aus einem Schnitt in ihrer Schulter quoll Blut.

Brüllend schlug Sunho mit den Flügeln gegen die Wände. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und blickte auf sie herab. Eine Hand fest auf ihre Schulter gedrückt, bemühte sich Ren darum, sein Gesicht zu erkennen, das von den Federn bedeckt wurde. Vor Schmerz zuckte sie zusammen, als einige an ihr vorbeifegten und in ihre Haut schnitten.

»Sunho, bitte«, flehte Ren. »Ich bin’s, Ren. Deine …« Sie zögerte. Was war sie für ihn? Sie waren Reisegefährten. Unterwegs hätte niemand von ihnen überlebt, hätten sie sich nicht aufeinander verlassen können. Ren hatte ihn geheilt und er hatte sie beschützt. Seite an Seite hatten sie gekämpft, sich gegenseitig geneckt. Hatten sich gegenseitig Trost gespendet, wenn sie es am nötigsten gehabt hatten. Am ganzen Leib zitternd, dachte Ren an ihren letzten gemeinsamen Morgen auf der Wiese, als Sunho sie so zärtlich berührt hatte; daran, wie er seine Hände auf ihre Taille gelegt hatte, erst sanft, dann drängender; süß wie Nektar hatten seine Lippen geschmeckt.

»Wir sind Freunde«, sagte sie leise. »Erinnerst du dich nicht?«

Sie war ganz in seinen Schatten gehüllt. Es wäre für ihn ein Leichtes, sie zu zerquetschen, trotzdem musste sie versuchen, seine Erinnerung zu wecken, ihn zurückzuholen. Sie streckte die Hand aus, ungeachtet des scharfen Brennens in ihrer Schulter. Es kümmerte sie auch nicht, dass sie wegen des Blutverlusts wahrscheinlich jeden Moment in Ohnmacht fallen würde, sollte sie die Verletzung nicht schleunigst heilen. Wenn sie doch nur in seine Augen sehen könnte …

Ein Bolzen grub sich in Sunhos Schulter. Mit einem Schrei fuhr er zurück.

»Nein!«, brüllte Ren.

Hinter ihr stand mit blutendem Kopf Tag.

»Nicht schießen!«, schrie sie. »Das ist Sunho!«

Mit Gebrüll warf Sunho sich in ihre Richtung. Tag ließ seinen letzten Bolzen fliegen und traf Sunho in den Flügel, sodass der sich heulend durch die zerstörte Decke wieder hinaus in den Sturm flüchtete.

Ren verschwendete keine Sekunde, sie sprang über die Volmaraner und hastete die Treppe hinauf.

Auf Deck hatte man die feindlichen Angreifer zu ihren Strickleitern zurückgedrängt. Kommandant Su hatte am Hauptmast Stellung bezogen und wies seine Soldatinnen und Soldaten an, die Verfolgung aufzunehmen.

»Ren!« Als sie sich umdrehte, rannte Samchon auf sie zu und zog sie in seine Arme. »Den Gottheiten sei Dank, dass es dir gut geht«, sagte er, während sein Herz heftig gegen ihres pochte.

Fest drückte sie ihn an sich, bevor sie einen Schritt zurückwich. »Sunho war da. Hast du gesehen, wo er hin ist?«

In der Ferne ertönte ein schepperndes Läuten. Von einer bösen Ahnung gepackt, hastete sie an die Reling. Unter ihnen war Sunho auf einem der Schiffe der Volmaraner gelandet. Er wühlte sich durch das Holz der Deckbohlen, ohne auf die Pfeile zu achten, die seine Flügel und seinen Rücken durchbohrten. Dann verschwand er im Schiffsinneren, nur um Sekunden später mit einem blauen Gegenstand in den Krallen wieder aufzutauchen. Mithril. Hell leuchtete der blaue Stein, bevor Sunho den Mund öffnete und ihn mit glitzernden Reißzähnen im Ganzen verschlang.

Ohne die Kraft des Mithrils, die ihm das Schweben ermöglichte, stürzte das Schiff augenblicklich ab. Es trudelte in die Tiefe und Sunho schwang sich in die Luft.

»Was ist das?«, fragte Tag, der Ren nachgeeilt war. Er zeigte auf ein weiteres Fluggefährt, wesentlich kleiner als die übrigen. Ren hatte es bisher nicht bemerkt, weil es ohne Fackelschein flog. Anders als die anderen war auf seinem Oberdeck nichts als ein einzelnes großes Katapult, bemannt von drei Menschen in wehenden schwarzen Roben.

Ren spähte durch den peitschenden Regen. »Was machen die?« Sie hatten das Katapult auf Sunho ausgerichtet.

»Ich glaube, sie wollen ihn abschießen«, meinte Samchon grimmig.

»Sunho!«, brüllte Ren, als das Katapult sein Projektil verschoss. Es öffnete sich zu einem Netz, das Sunho mitten im Flug umschloss. Brüllend schlug er um sich, doch das Netz zog sich nur umso fester. Gleichzeitig flog das Luftschiff in den Sturm davon und schleppte Sunho an einem Kabel mit sich.

Sie hatten ihn eingefangen. Nur wozu? Wohin brachten sie ihn?

»Prinzessin.« Flankiert von zwei seiner Soldaten trat Kommandant Su zu ihr. »Wir haben das Schiff gesichert, doch die Volmaraner könnten erneut angreifen. Bitte nehmt zu Eurem Schutz Zuflucht auf der Brücke.«

Ren nickte benommen, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Doch als sie Richtung Brücke aufbrachen, riss Ren sich los und rannte unter Deck.

Sie fand Yurhee in den Quartieren, die der Crew vorbehalten waren, wo sie die Wände mit den Einzelteilen kaputter Möbel verstärkte. Ren hielt sich nicht mit Erklärungen auf. »Sunho wurde gefangen. Wir müssen ihm nach. Bitte, Yurhee.«

Yurhee betrachtete mit gerunzelter Stirn Samchon und Tag, die Ren gefolgt waren. »Für alle ist in der Sperling kein Platz.«

Samchon versetzte Ren einen liebevollen Stoß. »Na, geh schon.«

Ren wurde das Herz schwer. Schon wieder ließ sie ihn zurück.

»Ich warte auf der Schwebenden Welt auf dich«, versicherte Samchon ihr. »Auf dich und auf Sunho.«

Gemeinsam eilten sie in den Frachtraum, in dem Yurhee und Tag ihr Luftschiff verstaut hatten. Es war kleiner, als Ren es in Erinnerung hatte, eigentlich nur für einen einzigen Passagier gedacht, sicherlich nicht für drei. Tag ließ sich im hinteren Teil nieder und band sich mit einem Seil an der Seitenwand fest, während Ren sich hinter Yurhee zwängte.

Das ältere Mädchen setzte ihre Fliegerbrille auf. »Das wird holprig.« Sie gab Samchon ein Zeichen, woraufhin er mit einer Seilwinde die untere Ladeklappe öffnete. »Gut festhalten!«, rief Yurhee, als der Wind in den Frachtraum stob und sie mitten in den Sturm hinabfielen.

4

REN

Haebaek-Gebirge

Sperling

Die Sperling trudelte einige entsetzliche Sekunden durch die Luft, bevor das Mithril seine Wirkung tat und Yurhee mit reichlich Kraft den Steuerknüppel nach hinten riss. Schwankend richtete sich das kleine Luftschiff im Wind aus.

Yurhee lachte. »Langweilig wird das nicht.«

Ein Blitz zerriss die Luft, so dicht, dass Ren die sengende Hitze spüren konnte.

Das gleißende Licht offenbarte Ren das volmaranische Schiff, das Richtung Norden flog. »Da sind sie!«, rief sie und zeigte in die Dunkelheit.

»Festhalten!« Yurhee riss das Ruder herum und ihr kleines Gefährt nahm die Verfolgung auf.

Sie schossen aus der Gewitterwolke. Sofort flaute der Wind ab und der Regen verringerte sich zu einem Nieseln. Ungetrübt lag der Nachthimmel vor ihnen. Wie ein Lichtpunkt in der weiten Dunkelheit schaukelte das volmaranische Luftschiff, das seine Fackeln nun entzündet hatte, in der Ferne im Wind.

Yurhee legte einen Schalter um, woraufhin die Scheinwerfer der Sperling kurz flackerten und dann erloschen.

»Vorhin habe ich drei Leute an Deck gesehen«, sagte sie und nickte in Richtung des Schiffs vor ihnen. »Aber das heißt nicht, dass unter Deck nicht noch mehr sind.« Das Gefährt war zwar kleiner als ein Kampfschiff, doch immer noch doppelt so lang und breit wie die Sperling und es hatte ein Unterdeck.

»Wir folgen ihnen, wohin sie Sunho auch bringen«, versicherte Yurhee ihr. »Dann schleichen wir rein und holen ihn raus. Am besten, ihr versucht, euch bis dahin ein wenig auszuruhen.«

Ren nickte und löste ihren Klammergriff. Mit dem Rücken zur Wand ließ sie sich zu Boden gleiten und verzog das Gesicht, als aus ihrer Schulter ein gleißender Schmerz in ihren Arm strahlte. Ihre gesamte linke Körperseite war in Blut getränkt. Sunhos Krallen mussten tiefer eingedrungen sein, als sie angenommen hatte.

Mit flinken Handgriffen zog sie ihre Bluse aus der Hose und riss einige Streifen ab, die sie fest um ihre Schulter schlang. Während sie das eine Ende mit den Zähnen festhielt, zog sie das andere straff. Sobald sie fertig war, lehnte sie sich schwer atmend wieder an die Wand.

Ren wusste, dass sie die Wunde heilen sollte, denn sie würde nur schwächer werden, je mehr Blut sie verlor, doch sie wollte die Magie, die sie im Moment noch hatte, lieber aufsparen. Als sie den Kopf hob, bemerkte sie, dass Tag sie stirnrunzelnd musterte. Mit der Armbrust im Schoß kauerte er ihr gegenüber. Jegliche Gedanken zu ihrer Verletzung oder darüber, wie sie damit umging, behielt er jedoch für sich.

Ohnehin hätte er ihr nicht helfen können, nicht, ohne das Schiff aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ihr Gefährt war so klein, dass jede Gewichtsverlagerung es zum Absturz bringen konnte.

In Ren stieg eine Erinnerung an das letzte Mal auf, als sie gemeinsam mit Yurhee und Tag geflogen war, nachdem die beiden sie aus dem Militärstützpunkt Hagye in der Unterwelt gerettet hatten. Damals war das Luftschiff bis in die hinterste Nische mit Sprengstoff vollgestopft gewesen. Zwar war es diesmal leer, aber geräumiger fühlte es sich dennoch nicht an.

Auch damals hatte Ren eine schlimme Wunde davongetragen, was ihr jedoch keine Angst gemacht hatte. Denn damals war Sunho bei ihr gewesen und allein seine Sorge um sie hatte allen Schmerz vertrieben.

Sunho. Sie hatte ihn gefunden. Nun ja – oder er hatte sie gefunden. Wie war er aufs Schiff des Kommandanten gekommen? Tief in ihrem Innern fragte sie sich, ob er gezielt nach ihr gesucht hatte, ob seine Seele sich ebenso nach ihr sehnte wie ihre sich nach ihm.

Die Menschen, die ihn entführt hatten – wer sie auch sein mochten –, waren gut vorbereitet. Ihr Schiff war mit nur einem einzigen Gerät ausgestattet, was ihre Absicht mehr als deutlich machte: Sie wollten Sunho fangen. Nur zu welchem Zweck? Nach Militär hatten sie nicht ausgesehen. Sie hatten Schwarz getragen, aber Genaues war aufgrund des Unwetters nicht zu erkennen gewesen.

Ren presste die Hand auf die Schulter, deren Verbände bereits durchtränkt waren. Sunho hätte ihr niemals absichtlich wehgetan, doch der Dämon war anders. Einmal hatte Sunho ihn als eine Finsternis in seinem Innern beschrieben.

Was, wenn er sich an sie verloren hatte? Der Gedanke war unerträglich.

Schließlich fielen Ren vor Erschöpfung die Augen zu und sie tauchte in einen unruhigen Schlaf.

Einige Zeit später wachte sie auf. Es war noch immer Nacht und der Mond versteckte sich hinter einer Wolkenwand.

Yurhee warf einen Blick über die Schulter. »Oh gut, du bist wach.« Das ältere Mädchen hatte die Fliegerbrille abgenommen, um in der Dunkelheit besser sehen zu können. »Das volmaranische Schiff hat vor einigen Minuten den Kurs geändert. Es scheint tiefer zu gehen.«