Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In einem erbarmungslosen Dialog treffen zwei Welten aufeinander: Schmitt, der unbeugsame Aufklärer und Utopist, und Kleinert, der zynische Technokrat und Konformist. Ihr Streit entlarvt die unsichtbaren Gitter des goldenen Käfigs von Konsum, Tech-Oligarchie und postdemokratischer Ohnmacht. Ein zeitdiagnostisches Meisterwerk, das zugleich Handbuch des Widerstands und scharfsinnige Analyse unserer selbstgewählten Unfreiheit ist. Nach dem Vorwort von Ulrike Guérot.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
In einem Berliner Café beginnt für den investigativen Journalisten und Aufklärer Schmitt eine unerwartete Konfrontation. Sein Gegenüber ist Kleinert, ein strategischer Agent im Dienste der Mächtigen. Sein Auftrag: Schmitt mit eiskalter Logik zu manipulieren, Angst zu säen und ihn so entweder zum Schweigen oder zum Verrat zu bringen.
Was folgt, ist mehr als ein Dialog – es ist die Essenz unseres Zeitalters im Widerstreit: der Glaube an das schöpferische Potential des Menschen gegen die Logik der Kontrolle und Verwertbarkeit, die Hoffnung auf Frieden gegen die Bereitschaft zum Krieg. Ihr Streit seziert den unsichtbaren Käfig unserer Zeit. Dieses Buch ist eine Einladung, die entscheidende Schlacht im eigenen Kopf zu führen und Partei zu ergreifen: für die Freiheit – oder für die Bequemlichkeit des Käfigs, den wir Normalität nennen.
THORSTEN REUTER, Jahrgang 1972, folgte nach einer kaufmännischen Ausbildung seiner Neugier auf Weltreisen und studierte anschließend Vergleichende Religionswissenschaft, Iranistik und Bildungswissenschaft in Heidelberg. Seine Auseinandersetzung mit kulturellen Systemen vertiefte er durch lange Arbeitsaufenthalte in Neuseeland, Ecuador und Indien. Die Praxis der ökonomischen und politischen Systeme lernte er von innen kennen, als er sich 2011 in Berlin selbstständig machte und über ein Jahrzehnt ein Unternehmen in der Bio-Lebensmittelbranche führte. Diese vielfältigen Perspektiven verdichten sich in «Der Käfig» zu einer literarischen Erzählung von radikaler Klarheit. Heute lebt er mit seiner Familie in Freiburg.
Dieses Buch ist ein Werk der Fiktion. Alle handelnden Personen und die beschriebenen Orte sind frei erfunden. Das zentrale Gespräch ist ein literarisches Konstrukt und hat in dieser Form niemals stattgefunden.
Die Erwähnung real existierender Institutionen, Organisationen oder gesellschaftlicher Phänomene dient ausschließlich der literarischen und zeitdiagnostischen Verortung der Handlung. Ähnlichkeiten fiktiver Charaktere mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Vorwort
Textbeginn
Oft sind es Menschen aus sogenannter «bildungsferner» Herkunft, diejenigen, die keine Macht haben, aber noch ein Herz, und die einfach nicht glauben, was man ihnen erzählt. Sie sind es, die die Unstimmigkeiten der Zeit riechen, die die verlogenen politischen Kulissen durchschauen, die etwas spüren und die ahnen, dass - so ohnmächtig sie auch sein mögen - Unbeugsamkeit der Weg zum Ziel ist.
Und die damit zu jenen Menschen werden, von denen Veränderung ausgeht, zu jenen Einzelnen, an denen ganze Systeme zerschellen, so wie Rosa Parks. Jene schwarze Frau, die einfach auf ihrem Platz für Weiße sitzen blieb, die ein Apartheid-System zum Einsturz und eine Bürgerbewegung ins Rollen brachte.
In dem kleinen Büchlein, das Sie in den Händen halten, ist das Herr Schmitt: Utopist, Familienvater, unbequemer Aufklärer, Kämpfer. Ein Mensch mit beiden Füßen auf dem Boden, überzeugt von der größten Gabe der Schöpfung: der menschlichen Kreativität und ihres unerschöpflichen Potentials. Radikaler Freidenker, unkorrumpierbar, geistig rege, frei von Gucci & Co., unaufgeregt und sympathisch. Jemand mit Idealen, der Anstand über Geld, Mensch-sein über Knechtschaft und Prinzipientreue über Selbstverleugnung stellt.
Sein Dialogpartner ist Herr Kleinert. Kleinert, weil er großtut, aber eigentlich klein ist, und zwar so, dass er sich vor sich selbst schämt und es auch weiß, ohne es zugeben zu können. Kleinert, der Technokrat, Mitläufer, Zyniker und Konformist. Jemand, der angewidert ist von den Perversionen des Systems, sie aber agnostisch bis in ihre letzten Verästelungen durchschaut, und doch nur Unterwerfung als Möglichkeit sieht, sein Leben und das seiner Familie zu gestalten: Widerwehr? Zwecklos. Freiheitsstreben? Idiotisch! Selbstwirksamkeit? Hehre Ideale. Hegel’s Knecht, ist man versucht zu sagen.
In diesem kurzen, erbarmungslosen und zutiefst menschlichen Dialog treffen zwei unversöhnliche Wahrheiten aufeinander:
Der Streit zwischen Schmitt & Kleinert entlarvt die verborgene Dynamik der heutigen Sklaverei, aufgehübscht und eingekleidet in das Dekor von Wohlstand und Bequemlichkeit: der Käfig ist golden, aber sinnentleert. Der Bürger der Konsumgesellschaft hat den Bildungsbürger und den mündigen Bürger abgelöst, hat Freiheit und Seele – mal nolens, mal volens - verkauft und verraten und ist in den Fängen einer postmodernen, globalen Tech-Oligarchie gelandet, die buchstäblich nicht zu fassen ist, aber alles bestimmt.
Das Digitale ist der neue Souverän. In den RigipsFassaden postdemokratischer Strukturen hat sich diesernicht-mehr Bürger eingerichtet, eingelullt, bemüht um Verdrängen, nicht um Denken. Sapere aude ist abgeknipst wie ein Stückchen Draht, der nicht mehr glühen kann. Nur so ist die selbstgewählte Unterwerfung zu ertragen.
Doch Schmitt geht gegen die Verlogenheiten von Kleinert noch einen Schritt weiter. Aus Unterwerfung wird Selbstschädigung: Schmitt enthüllt den Krieg als das perfekteste Werkzeug der menschlichen Unterdrückung. Krieg, so argumentiert er, ist nicht nur die Hölle auf Erden. Er ist der Nährboden für Trauma, der die Menschen für Generationen bricht und sie deshalb anfällig macht für Kontrolle, Gehorsam und Unterwerfung. Er ist die Methode der Mächtigen, um ganze Gesellschaften umzuformen, und er ist das Festmahl für die dunkle Kraft, die er das „Böse“ nennt.
Dieser Dialog ist keine philosophische Übung. Er ist ein fesselndes Zeitzeugnis, das literarische Dokument eines Kontinentes, das sich anschickt, gegen jedes bessere Wissen erneut in den Krieg zu ziehen. Was hier beschrieben wird, ist die Gebrauchsanweisung für die Zerstörung Europas, seiner Kultur, seiner Zivilisation und seines alten Wissens um eine bessere Welt – eine Welt, die uns alle bedroht.
Doch dieses Buch ist keine Resignationserklärung. Es ist eine Einladung zur gefährlichsten aller Reisen: der nach innen. Eine Reise, die jeder machen kann, ganz ohne Geld, ohne Anleitung und ohne Aufforderung. Es ist das Handbuch eines geistigen Partisanen, von denen Europa bald viele brauchen wird. Es ist ein Dialog, der in die Freiheit führt, eine Fährte, hin zu einem neuen, befreiten Bewusstsein, das erst entstehen kann, wenn der unsichtbare Käfig, der es umgibt, erkannt ist – ein Käfig, der darauf angewiesen ist, niemals gesehen zu werden.
Kurz: es ist ein Dialog, der wie derjenige des Großinquisitors von Fjodor Dostojewski in jede Schulkasse und in jeden Haushalt gehört, damit bald wieder alle singen: Donna nobis pacem – gib uns Frieden!
Ulrike Guérot, Januar 2026
Wenn man ein wahrer Sucher nach Wahrheit sein will, muss man wenigstens einmal im Leben an allem zweifeln.
— René Descartes
Man sollte die Wahrheit dem anderen wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann – nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen.
— Max Frisch
Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.
Das Gegenteil von Kunst ist nicht Hässlichkeit, sondern Gleichgültigkeit.
Das Gegenteil von Glauben ist nicht Ketzerei, sondern Gleichgültigkeit.
Und das Gegenteil von Leben ist nicht der Tod, sondern Gleichgültigkeit.
— Elie Wiesel
Unbekannter: Sie fragen sich sicherlich, warum ich Sie kontaktiert habe.
Schmitt: Ja, allerdings.
Unbekannter: Ich muss gestehen, dass ich Sie schon seit langer Zeit beobachte und dass ich Sie und – wie soll ich sagen – auch Ihr Werk gut kennenlernen durfte ... oder soll ich sagen, musste?
Schmitt: Kommen Sie zur Sache. Wer sind Sie? Ihrem Äußeren nach kommen Sie mit dubiosen Absichten auf mich zu.
Unbekannter: Wenn Sie meinen schwarzen Anzug meinen, dann kann dieser Eindruck durchaus entstehen. Verzeihen Sie mir dieses kleine bisschen Klischee. Ich bin hier, um Ihnen ein Angebot zu machen, Schmitt. Und wer ich bin, tut hier nichts zur Sache, ich bin nur ein kleines Rädchen im Getriebe der Welt … also, nennen Sie mich gerne Kleinert.
Schmitt: Ein Angebot also …!
Kleinert: Meine Auftraggeber möchten, dass Sie für sie arbeiten.
Schmitt: Ich arbeite für niemanden. Ich arbeite für Freiheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, den Frieden und das Potential unserer Kinder - das müssten Sie wissen, wenn Sie mich so gut kennen.
Kleinert: Das hört sich aber auch ein wenig nach Klischee an, finden Sie nicht? Ihre moralischen Ansprüche sind mir jedoch bekannt, sicher. Ich gehe jetzt aber mal davon aus, dass Ihre Prinzipien kein Hindernis für ein pragmatisches Gespräch sind. Jeder Mensch hat seine Schwachstellen, das wissen Sie, Sie sind schließlich nicht naiv. Gestatten Sie mir dennoch, mich unmissverständlich auszudrücken: Eine Weigerung, mit uns zusammenzuarbeiten, hätte für Sie ... spürbare Konsequenzen zur Folge.
Schmitt: Jetzt mal langsam, Kleinert. Sie kommen hier in Ihrem lächerlichen Aufzug in mein Lieblingscafé gedackelt, erzählen mir was von irgendwelchen Auftraggebern und wollen mir drohen …!
Kleinert: Nein, Schmitt, ich will Ihnen nicht drohen. Ich will Ihnen nur auf freundliche Art und Weise eine mögliche Kausalkette von Ursache und Wirkung als gedankliches Gerüst für unsere kleine Unterhaltung anbieten.
Schmitt: Sie sind ein lustiger Vogel, Kleinert. Schießen Sie los.
Bedienung: Was darfs für die beiden Herren sein?
Kleinert: Gerne zwei Cappuccino mit Hafermilch, so trinken Sie doch Ihren Kaffee, Schmitt?!
Schmitt: Hmm …
Bedienung: Sehr gerne.
Kleinert: Sie setzen sich virtuos und wortgewandt für die Interessen der Menschen ein. Ich werde Sie davon überzeugen, dass Sie damit nichts, aber auch gar nichts bewirken. Ich werde Ihnen das volle Ausmaß der mentalen und emotionalen Versklavung des Menschen aufzeigen. Was Sie daraus machen, ist letzten Endes Ihre Entscheidung. Sie sind schließlich ein intelligenter Mann, Schmitt.
Schmitt: Sie sind sicherlich nicht hier, um mir Honig ums Maul zu schmieren …
Kleinert: Hören Sie damit auf, uns in die Suppe zu spucken.
Schmitt: Uns … wir …, wer soll das sein?
Kleinert: Diejenigen, die das ganz große Rad drehen. Und die Geschichte hat gezeigt, dass nichts und niemand uns aufhalten kann. Wir kontrollieren alles – und mit alles meine ich auch alles! Wir kontrollieren die Medien, wir kontrollieren die Politik und die gekauften Darsteller darin, wir kontrollieren das Geld, die Schulden ganzer Nationen. Wir kontrollieren die Vorlieben und die Ängste der Menschen, wir kontrollieren die Wissenschaft und jegliche technische Entwicklung. Wir kontrollieren die Religion, die Schulmedizin und die Lebensmittelindustrie, die überlieferte Geschichte und das Allerwichtigste … wir kontrollieren die Kinder! Nichts wird dem Zufall überlassen. Nichts.
Schmitt: Was Sie hier beschreiben, ist ein totalitäres System, die vollständige Kontrolle über alle Bereiche der menschlichen Existenz. Hmm … das ist nichts anderes als das fundamental Böse.
Kleinert: Das Böse, Schmitt? Gut und Böse sind Kategorien der Schwachen, der Ohnmächtigen. Für uns gibt es nur Macht oder Ohnmacht. Alles andere ist völlig irrelevant.
Schmitt: Sehen Sie, hier ist schon Ihr erster Fehler, Kleinert. Sie wollen das Böse negieren … ernsthaft? Das Böse ist allgegenwärtig und umgibt uns ständig. Wir nehmen es nur nicht mehr wahr, weil das Böse in der sogenannten Normalität unsichtbar geworden ist. Sie, Kleinert, haben offensichtlich Ihre Seele an das Böse verkauft und versuchen jetzt, diesen Schritt mit allerhand Spitzfindigkeiten zu rechtfertigen und ihn mir ebenso schmackhaft zu machen – so scheint es.
Kleinert: Wie dem auch sei, Schmitt. Es geht hier aber nicht um mich oder um Sie. Es geht nicht mal um das Böse oder das Gute, das in Ihrer Welt sicherlich auch eine Rolle spielen dürfte. Es geht um die Beschaffenheit der Welt, um grundlegende existenzielle Fragen: Wie funktioniert Leben in dieser materiellen Welt, wie ist es organisiert? Und hier kommt man zwangsläufig zur Frage: Who is running the show …? Und wenn Sie herausgefunden haben, wer den ganzen Laden hier schmeißt, und erkennen, welche unbegrenzten finanziellen und intellektuellen Ressourcen diese Menschenhaben, dann können Sie entscheiden, auf welcher Seite Sie Ihr Leben leben möchten.
Schmitt: Wissen Sie, Kleinert, diese parasitären Machtstrukturen, die Sie hier beschreiben, gab es schon immer. Immer gab es Machthaber, die ganze Heerscharen unter ihre Knute zwangen, um sie ihren Zwecken dienstbar zu machen. Und Sie wissen genauso gut wie ich, dass das stets in völliger Zerstörung endet. Und genau dazu wird es auch jetzt wieder kommen – es sei denn, wir erheben unsere Stimme dagegen.
Kleinert: Sehen Sie, jetzt sind wir wieder beim Anfang unseres Gespräches. Sie glauben immer noch, Sie könnten mit Ihrer Stimme den Lauf der Zeit verändern oder den Willen der Mächtigen brechen. Macht, Schmitt, verlangt immer nach Unterwerfung, Gehorsam, Anpassung, Kontrolle und der absoluten Dominanz über alles Leben. Um es ein bisschen bildhafter zu sagen: nehmen wir den Krieg. Glauben Sie im Ernst, die Mächtigen kümmern sich auch nur einen Fliegenschiss darum, wie irgendwelche unnütze Menschen sich auf jede erdenkliche Weise gegenseitig abschlachten, welches Leid – um mal ein Wort aus Ihrem Sprachgebrauch zu benutzen – über ganze Völker gebracht wird? Nein, ganz im Gegenteil. Sie sorgen dafür, dass sich das Feindbild Schritt fürSchritt in den Köpfen der Menschen festfrisst, um sie dann aufeinanderhetzen zu können.
Schmitt: Was sind Sie nur für ein Mensch, Kleinert …!? Sie wissen das alles und dennoch stellen Sie sich in den Dienst dieser Psychopathen?
Kleinert: Mann, Schmitt …, weil es keinen Unterschied macht, verstehen Sie das denn nicht? Wenn die Mächtigen Krieg wollen, dann bekommen sie ihren Krieg. Wir haben unzählige Methoden, die Menschen zu manipulieren. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob wir ihnen Zahnpasta, einen schicken neuen Benz oder einen Kriegverkaufen. Die Abläufe sind dieselben. Wir gelangen immer in ihre Köpfe und können das Bewusstsein und das Verhalten der Menschen steuern und vorhersehen. Das wissen Sie doch alles, Schmitt. Sie wissen auch, dass die Wissenschaften in den letzten hundert Jahren fast alles über die Mechanismen menschlicher Interaktion herausgefunden haben … Das menschliche Bewusstsein wird von uns bespielt und gesteuert wie ein Instrument. Warum also wollen Sie sich ausgerechnet für genau diese Menschen einsetzen, die weder das Vorstellungsvermögen noch den inneren Antrieb besitzen, sich den existenziellen Fragen überhaupt zu stellen?
Schmitt: Nochmal, Kleinert! Damit es nicht wieder in totaler Zerstörung endet. Sie und Ihre Kinder – Sie haben doch welche, nehme ich an – wollen und müssen genau so in dieser Welt leben wie alle anderen Menschen auch. Natürlich ist mir bewusst, dass die Mächtigen auf uns pissen und es uns als warmen Sommerregen verkaufen, dass sie uns manipulieren, drangsalieren, kleinhalten, spalten. Das war schon immer so. Und ja, die Chancen stehen verdammt gut, dass wir eines nahen Tages wieder die Trümmer von Krieg und Zerstörung beseitigen müssen. Aber es gibt etwas, das Sie scheinbar nicht sehen wollen, Kleinert: das menschliche Potential!
Kleinert: Ah, gut, dass Sie es ansprechen, Schmitt. Ich habe nichts anderes von Ihnen erwartet. Das menschliche Potential ist tatsächlich ein zentraler Forschungsgegenstand. Etwas, das wir beobachten, dessen inneren Ablauf wir entschlüsseln und dessen Gesetzmäßigkeiten wir perfekt dechiffrieren. Und ja, selbstverständlich machen wir die Erkenntnisse für uns nutzbar.
Schmitt: Jetzt erzählen Sie mir bloß nichts über das perfide Bildungssystem, Kleinert.
Kleinert: Ach, kommen Sie, Schmitt. Was sollen diese moralingetränkten Bewertungen. Es ist nicht perfide, es ist schlichtweg nur nützlich. Zeigen Sie mir nur eine einzige Gesellschaft, die es je geschafft hat, ihren Anspruch umzusetzen, starke, kreative, intelligente und unabhängige Individuen hervorzubringen. Die hat es nie gegeben, und die gibt es auch jetzt nicht. Vergessen Sie nicht, wir kontrollieren alles. Auch alle Narrative. Und ja, wir geben den Kindern einen Denk-, Handlungs- und Wahrnehmungsrahmen vor, in dem sie sich in der Welt zurechtfinden sollen.
Schmitt: Sie wissen genauso gut wie ich, dass das nichts als kompletter Bullshit ist, den Sie hier verzapfen. Es ist exakt dieser Rahmen, den Sie sorgfältig abstecken, umjungen Menschen ihrer Potentiale zu berauben – damit sie nicht auf die dumme Idee kommen, das System an sich zu hinterfragen und ihre Kraft zu entdecken. Natürlich ist es nicht Ihr Anspruch, die Kinder zu bilden. Wäre ja noch schöner! Sie konditionieren sie. Sie dressieren sie. Es ist wie ein unsichtbarer Schleier, den sie ein Leben lang mit sich herumtragen müssen, ein Schleier, der es den Kindern und später dann den Erwachsenen unmöglich macht, die wahre Beschaffenheit der Realität zu erkennen. Sie trichtern ihnen Gehorsam ein. Eine Art verselbstständigter Obrigkeitsgläubigkeit. Ein mentales Gefängnis, dessen Gitterstäbe unsichtbar sind. Die ewige Knechtschaft – das ist es doch, was Ihren Auftraggebern feuchte Träume beschert, oder!?
Kleinert: Was wollen Sie denn von mir hören, Schmitt …!? Wir beide wissen, dass es stimmt, was Sie sagen. Soll ich jetzt so tun, als lösten Ihre Worte bei mir ein Umdenken aus? Als appellierten Sie an mein Mitgefühl? Oder als müsste ich vor Scham im Boden versinken? Was Sie beschreiben, sind die grundlegenden Prinzipien der Machtausübung. Nicht mehr und nicht weniger. Und verdammt noch mal, ja: Wir haben die Suche nach Wissen und Weisheit aus den Bildungsplänen und aus den Köpfen der Menschen getilgt. Na und? Es spielt einfach keine Rolle mehr. Wir geben die Narrative vor, wirdiktieren, was als Wissen zu gelten hat, und die Menschen richten sich danach und leben ihr Leben. Früher haben das die Religionen mit ihren Päpsten, Bischöfen und Priestern übernommen, heute erledigen das die Mainstream-Medien, Hollywood, der Sport, die ganze Unterhaltungsindustrie … Wir wollen einfach nur, dass die Menschen in ihrem, wie Sie eben sagten, unsichtbaren geistigen Gefängnis vor sich hinwerkeln und völlig belanglose Dinge machen. Sie fühlen sich frei, dürfen wählen, fliegen in den Urlaub und können sich schicke Dinge kaufen. Ist doch herrlich! Denken Sie wirklich, wir wollen die Menschen zu autarken, starken, klugen, selbstständig handelnden Individuen hochzüchten? Meine Güte, Schmitt! Solche Menschen lassen sich nur schlecht kontrollieren. Sie lassen sich weder ausbeuten noch nutzbar machen.
Schmitt: Mit dieser Haltung nehmen Sie in Kauf, dass wieder Millionen von Menschen vom Fleischwolf des Krieges zerfleischt, verstümmelt und vernichtet werden. Und Sie denken wirklich, Sie könnten sich und Ihre Liebsten davor bewahren? Wirklich, Kleinert …!? Es ist dieser Gehorsam, den Sie und Ihresgleichen produzieren und den Sie den Menschen wie dressierten Affen ein-impfen. Und genau dieser Gehorsam ist es dann auch, der sie dazu bringt, im Namen jeder noch so absurdenIdee die schrecklichsten Gräueltaten zu begehen. Unvorstellbare Grausamkeiten, die noch die Überlebenden und deren Nachfahren über Generationen hinweg traumatisieren. Und die Mächtigen? Die sitzen in ihren Salons bei Havannas und Cognac und kommen vor Lachen nicht mehr zum Schlafen, weil die Menschen so unglaublich dumm sind und sich gegenseitig für ihre Interessen massakrieren lassen. Ich möchte nicht in so einer Welt leben! Und erst recht nicht, dass meine Kinder in diesen unsäglichen Wahnsinn mit hineingezogen werden. Können Sie das überhaupt noch verstehen, Kleinert? Gibts da wirklich keine kleine Stimme mehr in Ihnen, die aufschreit, wenn Sie sich das mal bildlich vorstellen …?
Kleinert: Warum in Teufels Namen wollen Sie das hier unbedingt zu einer persönlichen oder moralischen Angelegenheit machen? Das System, das Sie so ausgiebig kritisieren, ist naturgemäß nicht dysfunktional, sondern perfekt auf seine eigentliche Aufgabe hin konstruiert: nämlich Machterhalt. Sein Ende ist nah, selbstverständlich. Und deshalb wird es wieder einen Neustart brauchen. Der ist unvermeidbar und geht immer einher mit der Vernichtung alter Lebensrealitäten. Städte und ganze Landstriche werden zerstört, Geld und Wohlstand werden vernichtet und ja – es sterben auch Menschen. DieMachtelite wird doch nicht tatenlos zusehen, wie aufstrebende Machtzirkel ihr die Macht entreißen oder unkontrolliertes Bevölkerungswachstum zu einem Risikofaktor für ihre Herrschaft wird. So läuft das Spiel nicht, Schmitt! Aus der Logik des ewigen Machterhalts heraus ist es zwingend erforderlich, dass kriegerische Handlungen die mentalen und emotionalen Kapazitäten der Zivilbevölkerung zwei, drei Generationen lang derart beeinträchtigen, dass sie für Jahrzehnte mit der Aufarbeitung der Geschehnisse beschäftigt ist. Das ist ein wesentlicher Bestandteil der Strategie, die Menschen gefügig zu halten, Schmitt.
Schmitt: Was hat man Ihnen geboten, Kleinert, dass Sie mir hier den Machiavelli machen? Geld, Luxus, ein feines Leben, ein kleines bisschen Macht, Sicherheit …? Oder waren Sie schon immer so grenzenlos opportunistisch? Denken Sie wirklich, Sie könnten Ihre Kinder schützen, wenn die Hölle wieder ausbricht und der nächste große Krieg auf diesem Kontinent tobt? Meinen Sie, Sie sind wichtig genug, dass man sich speziell um Sie und die Sicherheit Ihrer Liebsten kümmert? Warum glauben Sie den leeren Versprechungen Ihrer sogenannten Auftraggeber? Sind Sie wirklich so naiv?
Kleinert: Glauben Sie, ich bin der Einzige, der diese Art von Tätigkeit ausübt? Wir sind Dutzende allein im deutschsprachigen Raum, Schmitt. Wir sind gut vernetzt, sind organisiert und gehen strukturiert vor. Der Neustart oder der «Great Reset», wie wir ihn nennen, wird kommen. Die Entscheidung, ob es einen großen europäischen Krieg geben wird, ist längst schon gefallen. Wir haben vieles unter Kontrolle, aber wir können nicht alles vorhersehen – oder sollte ich sagen: noch nicht. Und tatsächlich lässt sich das meiste schlicht und ergreifend mit Geld regeln, Schmitt. Wir kaufen uns unsere Protagonisten einfach zusammen. Und die sagen das, was wir wollen. So banal ist das. Präsidenten, Kanzler, Minister, Staatssekretäre, Vorstandsvorsitzende, Lobbyisten, Banker, Richter, Staatsanwälte … you name it.
Schmitt: Besser hätte ich es selbst auch nicht sagen können, Kleinert. Aber warum geben Sie sich die Mühe, ausgerechnet mich auf Ihre Seite zu ziehen?
Kleinert: Lassen Sie es mich so erklären: Wir konfigurieren, was die Menschen als «normal» betrachten. Unterhaltung, Musik, Nachrichten, Hollywood, Sport, Demokratie, Religion, Geld … das übliche Brot-und-Spiel-Schema, völlig belanglose Narrative. So lange sich die Menschen in dieser feingestrickten und – wenn ich dasmal so sagen darf – genialen Matrix nach den von uns definierten Spielregeln verhalten, haben wir unzählige Möglichkeiten, den weiteren Verlauf des «zivilisatorischen Fortschritts» zu gestalten. Ganz im Sinne des Machterhalts und der Machterweiterung, versteht sich.
Der zeitliche Wahrnehmungshorizont der Menschen ist allerdings stark begrenzt. Wir leben ja nur 80 bis 100 Jahre, also nicht sonderlich lange. Das, was sie daher als normal erachten, ist tatsächlich nur ein kleiner Ausschnitt einer von uns konstruierten Manifestation von Lebens- und Gesellschaftsverhältnissen. Ich könnte Ihnen jetzt erzählen, dass Ihre Reichweite für uns besorgniserregend ist und wir hier das Risiko eindämmen wollen, dass Sie mit Ihren aufklärerischen und humanistischen Idealen die Menschen auf falsche Gedanken bringen. Aber das ist es nicht. Das haben wir im Griff.
Was uns am meisten fasziniert, ist Ihre Persönlichkeit, Schmitt. Sie agieren nicht nach den Spielregeln, sondern konterkarieren sie auf sehr geschickte und subversive Weise. Ihre bloße Existenz in dieser intellektuellen Verfassung ist eine faszinierende Anomalie, Schmitt. Ein Paradoxon. Aus Ihrem familiären Hintergrund hätte niemals ein Mann wie Sie hervorgehen dürfen. Und dennoch sind Sie hier. Aber Sie sollten nicht da sein, wo Sie jetzt sind. Sie kommen aus einem bildungsfernen, obrigkeitsgläubigen katholischen Elternhaus. Ihre Eltern sindbeide kriegstraumatisiert und waren zeitlebens voller Ängste, angepasst, verunsichert. Man hat Sie weder gefördert noch gefordert. Man hat Sie nicht nur vernachlässigt, sondern vielmehr emotional und intellektuell komplett ignoriert. Sie waren immer nur Objekt für die Bedürfnisse Ihrer depressiven Mutter. Sie hatten nicht einen emotional stabilen Erwachsenen um sich, der fähig gewesen wäre, Sie aus den tristen, kleingeistigen Verhältnissen Ihrer Kindheit und Jugend zu befreien oder Sie auf andere Gedanken zu bringen. Es muss also einen Moment gegeben haben, oder eine Kette von Ereignissen in Ihrem Leben, der Sie geistig auf eine höhere Bewusstseinsebene katapultiert hat. Das ist es, was uns interessiert.
