Der Kampf um mein Leben - Jaqueline Claus - E-Book

Der Kampf um mein Leben E-Book

Jaqueline Claus

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Beschreibung

Mark und Jessy sind Freunde. Die besten. Okay, die einzigen, die sie haben. In Wahrheit, lieben sie sich. Sie sagen es sich nicht. Dann ist da diese eine Nacht. Alles wäre so einfach. Doch die Angst ist zu groß. Schließlich ringt Jessy Mark ein folgenschweres Versprechen ab. Denn sie hat eine Entscheidung getroffen. Für immer zu gehen, ohne Abschied. Marks Welt bricht zusammen. Wird er ihr folgen? Löst er sein Versprechen ein? Wieso hat Jessy dieses grausame Ende gewählt?

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2018

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für euch alle

Die vorliegende Geschichte ist frei erfunden und jegliche Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen Situationen oder Orten sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

Pro verkauftem Exemplar, geht 1€ an den Verein Freunde fürs Leben e.V.

Inhalt

Mark – Der Kampf um mein Leben

Jessy – Ich entschied mich zu gehen

Mark – Das Versprechen

Danke

Kennst du das?

Zahlen, Daten, Fakten

Mark
Der Kampf um mein Leben

Jetzt stehe ich hier vor ihrem Grab.

Verdammt!

Wie konnte das passieren.

Ich wache bestimmt gleich auf und dann ist sie wieder da.

Jessy, mit ihrem ansteckenden Lächeln übers ganze Gesicht, wie sie mir sanft mit ihrer Hand übers Gesicht streicht um mir dann mit einem Mal mein Haar durch zu wuscheln.

Ach, wie ich das liebe.

Das alles ist bestimmt nur ein gottverdammtes Missverständnis.

Ich weiß, gleich kommt sie hier um die Ecke und alles war nur ein blöder Scherz, wirklich kein guter, aber eben am Ende doch nur ein Spaß.

Und dann noch dieser Blödsinn mit dem Selbstmord.

Als hätte Jessy es nötig gehabt, sich umzubringen.

Wieso hätte sie das tun sollen?

Es ging ihr doch gut.

Ich meine, klar wir haben uns länger nicht mehr gesehen, doch beim letzten Treffen ging es ihr gut.

Zumindest glaube ich das.

Bloß jetzt an diesem verregneten Dienstagmorgen stehe ich hier an ihrem Grab.

An Jessys Grab.

Der Pfarrer hat ein paar Worte gesagt und auch ihre Eltern haben etwas gesagt, all das ist an mir allerdings vorüber gerauscht, wie ein ICE bei der Durchfahrt.

Ich glaube, ich stehe noch immer dort, in meiner Wohnung am Telefon, als ich die Nachricht bekam, Jessy-tot-Selbstmord.

Eine Trance befiel mich, ließ mich erstarren.

Das konnte und wollte ich einfach nicht glauben.

Nicht sie, wenn dann doch bitte schön schon viel eher ich.

So langsam schwant mir, dass alles wahr ist.

Jessy ist also wirklich tot.

Kein Scherz, kein Versehen.

Und ich bin hier, vor ihrem Grab, am Leben.

Ich sollte von vorne anfangen.

Mein Name ist Mark, erfolgreicher Barkeeper, 30 Jahre alt, Single und gerade total am Ende.

Was heißt hier eigentlich erfolgreicher Barkeeper?

Ganz ehrlich?

Ja, meine Cocktails sind gut, sie schmecken den Leuten und wenn ich beim Mixen recht freundlich bin, wird großzügig von alleinstehenden Damen Trinkgeld gegeben, das ist wirklich hinreißend.

Zum Kotzen.

Entschuldigen Sie.

Ansonsten bin ich eher recht freundlich und lächelnd.

Ich falle ungern auf, vor allem nicht unangenehm.

Und als mich meine beste Freundin Jessy, bei unserem letzten Treffen, aus dem Nichts fragte: „Sag mal Mark, bist du eigentlich glücklich? Ich meine so richtig zufrieden mit deinem Leben? Liebst du, was du tust?“, da war ich total perplex.

Hatte im ersten Moment ein „Na klar, natürlich. Was für eine Frage.“ - im Kopf, doch als ich Jessy ansah, wusste ich, dass sie wieder mal mehr in mir sah, als ich selbst zu sehen bereit war.

Daher war meine Antwort: „Ich habe zwar keine Ahnung wieso du mich das gerade jetzt fragst, doch ich glaube die Antwort ist auf all deine Fragen: Nein.“ Sie hatte sich zuvor kurz von mir weggedreht und schaute in die Ferne, ich liebte diesen Blick an ihr, Jessy wirkte dann immer so sehr bei sich, ganz versunken.

Nach meiner Antwort drehte sie sich wieder zu mir, schaute mir direkt in die Augen und erwiderte: „Ich weiß. Das verstehe ich.“ Wortlos nahm sie mich dann einfach in den Arm.

Ich konnte ihr Parfüm riechen, ihre Wärme fühlen, war kurz davor ihr alles zu sagen, ihr endlich alles zu gestehen.

Endlich, nach all der Zeit.

Doch ich hab gezögert.

Meine Chance verpasst.

Lassen wir das.

Mein Leben ist gelinde gesagt ein schlechter Scherz oder vielmehr ein Kartenhaus, das gerade in sich zusammengebrochen ist.

Mein Job nervt mich nur noch, er kotzt mich einfach nur noch an, das Lächeln meiner Gäste ertrage ich nur noch mit einer extra großen Portion Schmerzmittel oder wenn ich selbst zuvor einen echt guten Drink zu mir genommen habe.

Die Geschichten meiner Gäste, die mich am Anfang wirklich noch interessierten, sind immer dieselben, ändern tut bloß keiner was an seiner Situation. Wenn ich in ihre Gesichter schaue, dann sind es für mich seelenlose verzerrte Fratzen, die mich zu quälen scheinen.

Zu Beginn hatte ich hier wirklich eine tolle Zeit, doch dann bin ich hier in dieser Bar hängen geblieben.

Ja, in der Hoffnung hier auch eine Frau zu finden, mit der ich mein Leben teilen könnte, glücklich sein, ein Leben zu zweit, statt ständig einsam und alleine zu sein.

Wo soll denn das alles noch hinführen?

In den letzten Jahren habe ich viele meiner zuvor guten Freunde verloren, plötzlich war da nur noch Jessy.

Und auch bei ihr habe ich mich kaum mehr gemeldet, hab mich mehr von meinem Leben leben lassen, statt selbst gelebt.

Mich immer mehr in mir selbst verloren.

Und jetzt habe ich alles verloren.

Nun frage ich mich, wer war Jessy wirklich und was hat sie dazu gebracht ihr Leben selbst zu beenden?

Hätte ich etwas tun können?

War sie krank?

Was ist bloß los mit mir?

Wo bin ich hin? Der gut aussehende, lustige, glückliche junge Mann, der ich mal war, ist verschwunden.

Gibt es ihn noch?

Verdammt!

Wäre Jessy doch bloß hier.

Ich glaube sie hat gewusst was mit mir los ist.

Sie hat an mich geglaubt, mich immer wieder aufgebaut.

Und ich?

Ich war nicht da.

Oh Gott, Jessy!!

Wo bist du?

Komm doch bitte einfach wieder zurück, ja?

Bitte.

Bitte.

Wie soll ich das denn ohne dich schaffen?

Weil du wusstest was es mit mir ist, hast du mir das Versprechen bei unserem letzten Treffen abgerungen, oder?

„Mark, versprichst du mir was?“ fragte sie als wir uns gerade verabschieden wollten.

„Ja klar, worum geht es denn?“, erwiderte ich nur allzu gern, da ich ihr noch nie etwas hatte abschlagen können.

„Versprich mir, das du wieder glücklich wirst, ja? So richtig, mit allem, du weißt was ich meine. Tust du das?“ Sie sah mich gerade zu liebevoll mit ihren großen grünen Augen an.

Wie hätte ich ihr widersprechen können.

Also versprach ich es ihr.

Nahm sie noch einmal fest in den Arm bevor sie ging.

Für immer, wie ich jetzt weiß.

Und jetzt?

Jetzt soll ich dieses Leben einfach so weiterleben, als wäre nichts passiert.

Gar anfangen glücklich zu sein.

Das nenn ich mal eine Aufgabe.

Erstmal muss ich hier weg.

Raus.

Weg von all dem.

Was ist dann anders?

Sie ist immer noch weg, nein, tot.

Ich lebe.

Wie bin ich bloß hierhergekommen.

An diesen Punkt in meinem Leben.

Kann man das überhaupt Leben nennen und wenn nicht, wie nennt man es dann?

Manchmal, da hab ich es noch gespürt, dieses alte wohlige Gefühl in mir, der Zufriedenheit, des Glücks.

Jetzt ist alles weg.

Nichts mehr da.

Leere.

Stille.

Unerträglich, unausweichlich.

Leben, wo bist du?

Wo bist du hin?

Ich verstehe das alles nicht.

Auf dem Weg nach Hause nehme ich meine Umwelt durch einen Tränenschleier war, mir ist gerade alles egal, sollen die Leute doch sehen das ich weine, was macht das schon.

Ist jetzt nicht eh alles egal.

Was hat jetzt noch Bedeutung.

In meiner Wohnung angekommen, lege ich die Post auf den Tisch.

Dabei fällt ein einzelner Briefumschlag zu Boden.

Halt. Stopp.

Das ist doch Jessys Handschrift, oder?

Nein, das kann ja gar nicht sein.

Sie ist doch tot.

Tote schreiben keine Briefe.

Werd ich jetzt verrückt?

Erstmal tief durchatmen.

Einmal, zweimal, dreimal.

Langsam und nur zögerlich hebe ich den Brief vom Boden auf.

Dann setze ich mich an den Tisch.

Das ist wirklich ihre Handschrift, kein Zweifel.

Kommt hier gleich die versteckte Kamera um die Ecke? Oder wache ich einfach gleich aus einem furchtbaren Albtraum auf?

Zur Sicherheit, dass ich nicht träume, kneife ich mir kräftig in den Unterarm.

Aua!

Das tut ganz schön weh.

Okay, gewonnen, ich bin wach und der Brief liegt immer noch vor mir auf dem Tisch.

Es ist ein hellblauer Umschlag, mit Tinte hat sie meinen Namen drauf geschrieben.

Erst jetzt merke ich wie meine Tränen aufs Papier tropfen.

Ich hatte gar nicht gemerkt, wie ich angefangen habe zu weinen.

Was wohl drinsteht?

Wenn dieser Brief hier liegt, dann ist das alles geplant.

Ihr Plan, Jessys Plan.

Meine Hände zittern wie Espenlaub, als ich den Brief in die Hand nehme um ihn zu öffnen.

Ein einzelnes Foto steckt im Umschlag.

Mein Lieblingsfoto von ihr.

Ich halte es in der Hand und schluchze vor Verzweiflung, fühle mich hilflos, verzweifelt, weiß nicht wohin mit mir, mit all dem Schmerz.

Sie ist so wunderschön, war es schon immer.

Seitdem Moment als ich sie das erste Mal sah.

Meine Jessy.

Auf der Rückseite steht etwas.

In klaren Buchstaben prangt da, „du hast es versprochen.“

Mich hält nichts mehr auf meinem Stuhl, ich springe auf, reiße den Stuhl um, fange an zu schreien, laut, immer lauter, bin so wütend, so verletzt. Bin außer mir. Weine ohne Halt.

„Ahhh!!! Warum tust du mir das an? Komm zurück!“

und sacke dabei auf meine Knie.

Die Hände schlaff neben meinem Körper.

Ich kann nicht mehr, das halte ich einfach nicht mehr aus.

Es kommt mir vor als seien Stunden vergangen, in Wirklichkeit sind es bestimmt nur wenige Minuten, die sich für mich anfühlen wie eine ganze Ewigkeit.

Ich sitze auf dem Boden und schluchze, ohne Halt.

Da ist plötzlich eine tiefe schwarze Leere in mir, kein Boden auf dem ich stehe oder gehe, nichts an dem ich mich festhalten kann.

Sie ergreift mich, nimmt Besitz von mir, mein ganzer Körper fühlt sich bleischwer an.

Mit letzter Kraft schleppe ich mich in mein Bett.

Kaum dort angekommen, falle ich in einen tiefen Schlaf.

Als ich das nächste Mal aufwache, ist es dunkel.

Wie lange habe ich geschlafen?

Stunden, Tage?

Egal.

Ich schleppe mich zum Kühlschrank, trinke etwas, dann lege ich mich einfach wieder hin.

So ziehen einige Tage ins Land, an denen es zwischendurch durchaus auch mal an meiner Tür klopft, doch ich finde den Weg aus meinem Bett nicht.

Nein, ich will es nicht.

Jegliche Bewegung kostet mich große Überwindung.

Und am Ende steht die Frage: Wozu überhaupt?

Für wen oder was soll ich aufstehen, was bringt das denn?

Was für einen Sinn macht das?

Keinen.

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als es heftiger als in den vergangenen Tagen an der Tür hämmert.

Wird da gleich meine Tür eingetreten?

Wer zur Hölle ist das?

Eine weibliche Stimme wird immer lauter, erst ruft sie, dann schreit sie.

Oh Gott, nein, das kann doch nicht sein.

Ich dachte schlimmer kann es nicht werden.

Kann es.

Wenn ich das richtig höre, steht da meine Mutter vor der Tür und brüllt die Tür an.

Falsch.

In Wirklichkeit brüllt sie mich an oder nach mir.

Irgendwas von dem halt.

Die Motivation die Tür zu öffnen, war in den vergangenen Tagen schon nicht sonderlich groß, jetzt ist sie aber an ihrem Tiefpunkt angekommen.

Bloß wenn ich nicht aufmache, holt sie vielleicht noch die Polizei.

Bei ihr weiß man nie.

Was brüllt sie da überhaupt?

„Junge, mach die Tür auf! Sofort! Oder bist du tot?

Lebst du noch?

Ich hol sonst gleich die Polizei. Hallooooo!! Ist da jemand?“

So oder so, ob mit oder ohne Polizei steht sie, wenn sie so weitermacht, gleich in meiner Wohnung.

Moment mal.

Was hat sie da gerufen?

Lebst du noch? Oder bist du tot?

Als wenn ich dann noch antworten könnte, typisch.

Mittlerweile stehe ich in meinem Flur.

Sie schreit, mir dröhnt der Kopf.

Bevor sie mit der nächsten Tirade beginnen kann, reiße ich die Tür auf, drehe mich um und gehe wieder zurück in meine Wohnung.

Stille.

Was für ein herrliches Geräusch.

Der Kopfschmerz in meinem Kopf will sich gerade lösen, bis sie vor mir steht.

„Kind, was machst du denn für Sachen? Weißt du eigentlich was ich mir für Sorgen gemacht habe? Da gehst du einfach nicht ans Telefon und reagierst auch nicht auf meine Nachrichten. Was soll denn das? So geht das doch nicht. Das kannst du mir doch nicht antun. Ich hab doch nur noch dich. Das weißt du doch.“

Ohne Pause oder eine Chance ihr zu antworten, fährt sie in einer Tour fort: „Wie sieht das denn hier überhaupt aus? Hier muss dringend mal gelüftet werden. Und dieser ganze Müll hier, also hier musst du dringend mal aufräumen. In dieser Wohnung fehlt eindeutig eine weibliche Hand, die hier für Ordnung sorgt. Ach komm, ich mach das schnell für dich.

Du siehst übrigens echt fertig aus, so kannst du unmöglich vor die Tür, was sollen denn die Leute denken.“

Angekommen ist das alles was sie sagt, nicht wirklich bei mir, es ist wie ein Brummen oder Rauschen in meinen Ohren.

Ich sehe nur, dass sie anfängt meine Wohnung aufzuräumen und zu putzen.

Soll sie, wenn es sie glücklich macht.

Während sie bei mir für Ordnung sorgt, geht ihr Mund die ganze Zeit auf und zu, wie in einem Stummfilm kommt es mir vor.

Ein Zuschauer im eigenen Leben bin ich gerade, wie als würde, dass alles gerade nicht mir selbst passieren, sondern irgendjemand anderem.

Die Stille ist zerrissen, von jetzt auf gleich.

Da ist es wieder, dieses Wort, dieser Name.

Nein, sei ruhig Mutter, tu es nicht.

Sag es nicht.

Lass es sein.

„Jessy, was war sie doch für ein tolles Mädchen. Wie sie das bloß ihren Eltern antun konnte, das kann ich einfach nicht verstehen. So sind sie eben, diese Leute, bringen sich um ganz ohne sich darüber Gedanken zu machen, was sie den Menschen, die sie hinterlassen damit antun. Ich meine wir haben doch alle mal ein paar schlechte Tage, aber gleich sowas. Wusstest du, dass Jessy´s Mutter sich seitdem kaum noch auf die Straße traut?“

Das kann doch alles gar nicht ihr Ernst sein.

Oder?

Doch, meine Mutter meint das wie schon so oft in meinem Leben komplett ernst was sie da von sich gibt.

Unfassbar.

In mir steigt die Wut hoch, von den Zehenspitzen über den Magen, die Hände, bis in den Kopf hinein.

Mein ganzer Körper spannt sich an, ist auf Angriff programmiert.

All der Schmerz, die Trauer und diese gottverdammte Wut, sind auf einen Schlag da.

Ich versuche mich zusammenzureißen, da ich spüre wie es in mir kocht.

„Geh.“

Meine Mutter dreht sich kurz in ihrem Gewusel zu mir um, schenkt mir dann aber keine weitere Beachtung.

„Verschwinde, Mutter!“

Nun habe ich ihre volle Aufmerksamkeit.

„Was sagst du da mein Junge? Ich glaube ich habe mich gerade verhört?“

„Ich sagte, du sollst gehen. Verschwinden, Mutter.

Ich will das du jetzt gehst und zwar sofort!“

„Geht es dir nicht gut? Ist das deine Art dich bei mir zu bedanken, dass ich dir hier gerade helfe? Also wirklich, das glaube ich jetzt nicht. Ich mach dir einen Tee, du setzt dich wieder hin und beruhigst dich derweil. Ich mach hier dann ganz in Ruhe weiter.“

Das macht sie ständig! Sie behandelt mich wie einen kleinen Jungen, nimmt mich überhaupt nicht für voll.

Es reicht!

Noch bevor ich richtig nachdenken kann, schnelle ich zwei energische Schritte auf sie zu.

Packe sie an den Schultern und versuche so ruhig wie möglich zu sagen: „Du hast kein Recht so über Jessy zu reden. Niemand darf das. Du hast sie noch nicht mal richtig gekannt. Was bildest du dir eigentlich ein?

Kommst hier rein und statt mich zu fragen, wie es mir geht nachdem ich Jessy verloren habe, hör ich nur Vorwürfe. Ich will, dass du gehst. Bitte, lass mich einfach in Ruhe.“

In dem Gesicht meiner Mutter sehe ich das blanke Entsetzen über mein Handeln und das was ich gesagt habe.

Sie schaut mich nochmal an, schüttelt den Kopf, will nochmal ansetzen um etwas zu erwidern, lässt es dann aber doch.

Ohne ein weiteres Wort verlässt sie meine Wohnung.

Um ganz sicher zu gehen, schließe ich hinter ihr die Tür.

Langsam aber sicher, weicht sämtliche Energie aus mir, mit dem Rücken an die Tür gelehnt sacke ich zusammen.

Die Tränen kommen, mit ihnen das Schluchzen, die Verzweiflung, die Ohnmacht und der Schmerz.

Es fühlt sich so an als stünde meine Mutter noch draußen vor der Tür und wisse nicht was sie tun soll.

Währenddessen bricht es aus mir heraus, ich schreie vor Schmerz, ersticktes Schreien gemischt mit tiefem Schluchzen bringe ich hervor.

„Jessy, nein.

Nein.

Tu mir das nicht an.

Bitte.

Verdammt.

Ich liebe dich, Jessy.

Ich bin so ein mieser Feigling.

Als du noch am Leben warst, hab ich mich nicht getraut es dir zu sagen.

Ganz im Gegenteil.

Nach unserer gemeinsamen Nacht, wär es so einfach gewesen.

Was hab ich gemacht?

Angst, hatte ich.

Dich zu verlieren, wenn es nicht klappt mit uns, dann auch keine beste Freundin mehr zu haben.

Jetzt hab ich dich für immer verloren.“

Ruhe.

Stille.

Nach einer gefühlten Ewigkeit mache ich mich auf den Weg ins Bett, beim Blick auf den Esstisch fällt mir Jessy´s Bild ins Auge, ich nehme es mit.

Im Bett angekommen schlafe ich mit ihrem Bild vor den Augen irgendwann endlich ein.

Langsam öffne ich die Augen. Das erste was ich zu sehen bekomme, ist das Bild von ihr, das noch immer neben mir liegt.

Jetzt wo ich sie so betrachte, muss ich an meinen Vater denken.

Mist.

Das kann ich gerade so gar nicht gebrauchen.

Ich liege hier in meinem Bett und die Gedanken kommen, einer nach dem anderen.

Zuerst noch ganz langsam, je mehr ich versuche mich dagegen zu wehren, desto schlimmer mache ich es letztendlich.

Keine Chance, zu spät.

Alles ist wieder da.

Scheiße.

Die ganzen Jahre hab ich nicht mehr dran gedacht, hat es nichts mit mir gemacht.

Oder?

Als wäre es gestern gewesen, sehe ich alles so klar und deutlich vor mir.

Mein 13. Geburtstag.

Wie hab ich mich gefreut, endlich 13.

Doch diesen Geburtstag sollte ich nie wieder vergessen.

Schon ganz früh morgens schlich ich mich aus meinem Bett, weil ich so gespannt war ob sie mir wirklich das neue Star Wars Lichtschwert von Luke Skywalker gekauft haben, dass ich mir so sehr gewünscht hatte.

Ja, das hatten sie.

Nur bekam ich an diesem Tag das Lichtschwert und verlor gleichzeitig meinen Vater.

Er schlich sich aus meinem Leben, ohne sich zu verabschieden.

Noch heute sehe ich mich dort an meiner Tür vom Kinderzimmer stehen.

Ich sehe ihm zu, wie er sich leise aus dem Haus schleicht.

Ohne sich nochmal umzudrehen.

Er ist einfach gegangen und nie wieder zurückgekommen.

Zuerst glaubte ich, er geht früher als sonst zur Arbeit, um pünktlich zu meiner Feier wieder da zu sein, doch das war er nicht.

Ich hab ihn seitdem nie wieder gesehen.

Das letzte was ich von meinem Vater sah, war sein Rücken und den alten braunen Koffer den er in der Hand trug.

Auf dem Geburtstagstisch lag das Lichtschwert, mein Lichtschwert!

So schön und groß, richtig ehrfürchtig sah ich es mir an.

Mein Vater hat eine Karte dazugelegt auf der stand:

„Alles Gute zum Geburtstag mein Sohn. Möge die Macht dein Leben lang mit dir sein!“

Was ein Abgang.

Ich wollte nicht mehr feiern, mir war nicht nach Geburtstag feiern zu Mute.

Meine Mutter meinte, das könnten wir nicht machen.

Sie versuchte mir zu erklären, mein Vater sei einfach für unbestimmte Zeit in den Urlaub gefahren, er käme schon irgendwann bestimmt wieder.

Das tat er bloß nicht.

Sie wollte es wirklich glauben, die Wahrheit tat ihr wahrscheinlich zu sehr weh.

Plötzlich gab es nur noch uns zwei.

Ich habe das alles nicht verstanden.

Wie oft habe ich danach neidisch Väter mit ihren Söhnen angeschaut, die sich gut verstanden, die besten Freunde zu sein schienen.

Was hatte ich bloß falsch gemacht?

Warum war meiner nicht mehr da?

War ich ein böser Junge gewesen?

Jahr für Jahr an meinem Geburtstag stand ich am Fenster und habe darauf gewartet, dass er einfach wieder zurückkommt.

Das dann alles wieder gut ist.

Bloß er kam nicht.

Nie.

Jahr für Jahr stand ich dort und er war an einem anderen Ort.

Einfach immer noch fort.

Um meiner Mutter keinen weiteren Kummer zu machen, sprachen wir beide nie wieder über meinen Vater.

Fast so als hätte es ihn nie gegeben.

Ich war traurig und wütend.

Mein Papa, einfach weg.

Wie konnte er mich denn einfach so zurücklassen und weggehen?

Warum hat er mich nicht mitgenommen?

Hat er mich denn überhaupt nicht liebgehabt?

Je älter ich wurde, desto mehr wuchs die Wut in mir.

Ich wurde regelrecht sauer, in manchen Momenten reichten dann Kleinigkeiten aus, da spürte ich sie von jetzt auf gleich von meinen Zehenspitzen bis in den Kopf war sie dann in mir, die Wut, dieser allumfassende Schmerz, der mich zu zerreißen drohte.

Mein Traum war es zu studieren, die Welt zu bereisen.

Doch wie hätte ich das meiner Mutter antun können, sie auch noch zu verlassen?

All die Jahre nachdem mein Vater weg war hat sie sich so sehr um mich gekümmert.

Ja, manchmal bekam ich vor lauter Fürsorge keine Luft mehr, am Ende war sie doch alles was ich hatte.

Ich wollte sie nicht auch noch verlieren.

Also blieb ich bei ihr.

Von jetzt auf gleich ist er gegangen ohne Vorwarnung ohne jede Möglichkeit des Abschiedes ist er einfach aus meinem Leben verschwunden, so wie Jessy jetzt.

Womit hab ich das verdient?

Was soll das?

Mein Kiefer verspannt sich, ich beiße mir auf die Zähne, will die Tränen aufhalten, den Schmerz vermeiden, dabei ist er schon längst in mir.

Ich presse ein „Aaahhhh! Verdammt!“ hervor.

Zu mehr bin ich nicht fähig.

Ich will das alles nicht fühlen, das soll alles aufhören, ein für alle Mal.

Hab ich noch meine Tabletten oder waren das vor der Beerdigung meine letzten?

Nichts mehr fühlen, das will ich jetzt.

Es ist zu viel.

Es reicht.

Unruhig, nervös und ungeduldig irre ich in meiner Wohnung umher, suche meine Schmerztabletten, die mir sonst in solchen Situationen, zumindest zeitweise, Erleichterung verschaffen.

Ich finde sie nicht.

Was mach ich jetzt?

Dann halt ein starker Drink, wird schon gehen alternativ.

Vor allem kann ich mich danach direkt wieder hinlegen.

Im Kühlschrank müsste noch Gin stehen oder noch besser im Eisfach der gute Wodka.

Nach einem kurzen Blick ins Eisfach stelle ich erleichtert fest, dass die Flasche noch zur Hälfte voll ist.

Ich nehme mir einen schönen Whiskey Tumbler und lege noch kalte Eiswürfel rein bevor ich den Wodka drauf gieße.

Wie das knistert, ich liebe dieses Geräusch.

Langsam schwenke ich das Glas in der Hand und schaue es mir an.

Ja, das ist genau das was ich gerade brauche.

Der erste Schluck ist noch ziemlich bitter und verdammt kalt, danach spüre ich nur noch wie er mir die Kehle hinunterläuft und alles betäubt was da gerade eben noch für Unruhe gesorgt hat.

Hah, das tut gut.

Ich setze mich in meinen Sessel, lehne mich zurück, während ich das Glas komplett leere um mir gleich mein zweites einzuschenken.

Auf eins mehr oder weniger kommt es jetzt schließlich auch nicht mehr an.

Nach dem vierten Glas fange ich an zu frieren, spüren tue ich schon lange nichts mehr.

Es wird Zeit für mich, mich wieder hinzulegen.

Das tue ich dann auch.

Wenn ich jetzt wieder aufwache, sieht die Welt bestimmt ganz anders aus.

So sagt man doch.

Hoffentlich, denke ich noch bevor ich einschlafe.

Der pochende Kopfschmerz reißt mich aus meinem Schlaf.

Ich bin wach.

Also doch noch am Leben.

Wo bitte geht es hier eigentlich zum Lebens-Support?

Gibt es da so etwas wie lebenslanges Umtausch-Recht?

Davon würde ich jetzt sehr gerne Gebrauch machen.

Denn dieses Leben scheint mich ja nun wirklich nicht zu brauchen.

Okay, okay, ich will es nicht.

Nicht mehr.

Wenn ich es mir so recht überlege, wollte ich es schon lange nicht mehr.

Nein, das stimmt nicht ganz.

Das mit Jessy, da war es plötzlich anders.

Verstanden hab ich es nicht.

Es heißt doch, es gäbe so Wendepunkte im Leben, ab da wird dann alles anders oder man bekommt, genau in solchen Momenten nochmal eine richtig große Chance.

Ich glaube, Jessy war meine.

Und jetzt?

Sie ist tot, ich lebe.

Ich hab‘s verbockt.

Was ist, wenn es für mich keinen weiteren so einen besonderen Moment mehr gibt?

Also dass meine letzte war?

Richtig große Chance, für Sie leider ausverkauft.

Scheiße.

War´s das?

Beim genaueren drüber nachdenken stelle ich fest, dass mich diese glücklichen und so verdammt zufriedenen Gesichter auf diesen übergroßen Werbeplakaten, in den letzten Monaten immer wütender gemacht haben.

Nicht weil ich es ihnen nicht gönne oder so, nein das ist es nicht.

Ich war noch nie wirklich da und wünsche mir seit meiner Kindheit nichts mehr als ein normales Leben.

Normal.

Kein Freak oder Außenseiter.

Dass was ich mir immer gewünscht habe, war dazu zugehören.

Dieses Gefühl fehlt mir.

Irgendwie lässt es mich unvollständig sein.

Mein Kopfschmerz wird immer schlimmer.

Tabletten zur Linderung sind keine mehr da, soll ich mir einfach wieder einen Drink machen?

Ich setze mich auf meine Bettkante, schaue mich in meinem Schlafzimmer um, wie das hier aussieht.

Am Ende genauso wie ich mich fühle.

Komplett durcheinander, verloren, einsam und verwundet, beschissen.

Gibt es Lebenskleber?

Sowas mit dem man die Scherben seines Lebens wieder kitten, kleben kann?

Wenn ja, wie würde das genau funktionieren, frage ich mich.

Während ich mich zum Fenster schleppe und zum ersten Mal die Vorhänge aufmache.

Nachmittag, schätzungsweise 16 oder 17 Uhr ist es.

Draußen, da unten auf der Straße tobt das Leben, einfach so weiter.

Die Welt dreht sich eben weiter, egal was passiert.

Langsam aber sicher je länger ich stehe, sackt mir mein Blutdruck weg.

Ich kann mich mit der Hand noch am Fenstersims festhalten und setze mich mit dem Rücken an die Wand, so dass ich auf mein Bett schauen kann.

Mein Blick fällt auf Jessys Foto, das in der Nacht auf den Boden gefallen sein muss.

Plötzlich herrscht in mir komplette Stille.

Einen Moment lang ist da Frieden.

Auch wenn ich in den letzten Monaten nicht mehr wirklich viel in meinem Leben hinbekommen habe, eines steht völlig außer Frage.

Ich halte meine Versprechen.

Also auch dieses?

Selbst wenn sie es ja gar nicht mehr erleben wird?

Sie ist schließlich nicht da, um es mit zu erleben.

Kann mich nicht mehr mit ihr austauschen, sie fragen, ob sie es so gemeint hat oder anders?

Meine Freude mit ihr teilen, mein Leben.

Trotzdem.

Sie war meine beste Freundin, die Liebe meines Lebens.

Was soll ich denn jetzt machen?

Sagen, Pech gehabt, bist ja tot, was bringt das jetzt noch?

Nein, das kann ich nicht machen.

Du hast gemerkt, dass es mir nicht gut geht.

Das Versprechen, deine Absicherung, oder?

Nachdem ich es dir gab, konntest du gehen.

War es das?

Mit meinen Handballen versuche ich die Tränenbäche die aus meinen Augen stürzen zu stoppen, als ich begreife was ich da sage, denke, fühle.

Langsam dringt ein Gedanke zu mir durch: Du konntest erst gehen, als du wusstest das ich wieder dafür sorge, dass es mir gut geht, ich glücklich bin.

Das war dir wichtig. Weil ich dir wichtig war. Weil du mich doch auch geliebt hast?

Wie gerne würde ich noch einmal mit dir sprechen.

Dir alles erklären.

All meinen Mut zusammennehmen, dir das sagen, was ich mich nicht traute, weil mir vor den Konsequenzen graute.

Sollte ich so etwas wie ein Herz besitzen, wie alle anderen Menschen auch, dann schmerzt es gerade.

Dieser Schmerz sitzt tief in meiner Brust, beim Atmen krieg ich zwischendurch kaum Luft.

Dumpf, stark, drückend.

Mein Herz krampft sich zusammen, wenn ich gerade an dich denke.

Ich raufe mir die Haare, versuche klare Gedanken zu fassen.

Herauszufinden wie es weitergeht.

Wären wir vereint, sollte ich auch Schluss machen mit allem?

Nicht im Leben, dafür im Tode?

Geht das?

Findet man sich dann wieder, einfach so?

Ist es dann dasselbe?

Ich fürchte nicht.

Mir schwirrt tatsächlich die Frage im Kopf herum, ob ich zu dir kommen soll?

Macht das Leben hier für mich, so Sinn ohne dich?

Wer bin ich?

Die Tränen versiegen nach und nach.

Meinen Rücken stärkt die Wand, sie hält mich, stützt mich.

Das tut gut.

Gibt mir Kraft und Mut.

Keine Ahnung wieso, doch so schlimm es auch immer in meinem Leben bisher war, mein Leben zu beenden, kam mir nie in den Sinn.

Und nun wo du fort bist, frage ich mich das nun ernsthaft zum ersten Mal in meinem bisherigen Leben.

Gleichzeitig ist da dieses Gefühl in mir, bei diesen Gedanken, ganz tief drinnen.

Nicht wirklich greifbar oder gar beschreibbar.

Einfach da, ganz nah.

Komisch.

Der Schmerz im Kopf und auch im Herzen ist fort.

Ich sehe mich nochmal um, stehe nun langsam auf, nehme das Foto in die Hand und sage dann zu dir, als wärst du noch hier: „Ich hab zwar keine Ahnung wie, aber ich mach das, Jessy. Ich hab es dir versprochen.“

Noch etwas unsicher auf den Beinen, gehe ich Schritt für Schritt durch meine Wohnung.

Jessys´s Foto lege ich auf dem Küchentisch ab, mit dem Hintergedanken, einen schönen Rahmen dafür zu kaufen. Es soll einen Ehrenplatz bekommen.

Plötzlichem Hunger folgend, öffne ich den Kühlschrank, um kurz darauf festzustellen, dass es dort gerade nichts mehr für mich gibt.

Okay, ich muss einkaufen.

Nach einem kurzen Blick an mir hinunter entscheide ich mich mir erstmal einen Gang unter die Dusche zu gönnen, das ist sowohl in meinem wie auch im Interesse meiner Mitmenschen.

Leicht schmunzelnd verziehe ich mich ins Bad.

Beim vorüber gehen am Spiegel verharre ich einen kurzen Augenblick und werfe mir selbst einen aufmunternden Blick zu, der so viel heißen soll wie: Na alter Junge, da hast du dir ja ganz schön was vorgenommen.

Unter der Dusche angekommen, stütze ich mich mit beiden Händen an den Fliesen ab, während ein ganzer Wasserschwall an mir herunter prasselt.

Ich hatte ganz vergessen wie gut das tut.

Ein paar tiefe Atemzüge später bin ich erst bereit mich wieder vorzeigbar zu machen.

Mann, ich seh vielleicht aus.

Und wie ich dufte.

Bei dieser Feststellung kann ich mir ein Schmunzeln beim besten Willen nicht verkneifen.

Wieder zurück im Schlafzimmer suche ich etwas verzweifelt nach sauberen Klamotten zum Anziehen.

Wäsche waschen klingt nach einem weiteren To Do auf meiner Liste.

Erstmal wage ich mich raus in den Supermarkt direkt bei mir um die Ecke.

Beim Verlassen meiner Wohnung fühle ich mich unangenehm verletzlich, schutzlos.

Im Supermarkt angekommen, wirke ich fehl am Platz oder sehr orientierungs-und hilflos.

Was wollte ich doch gleich?

Wann zur Hölle war ich das letzte Mal hier?

Sah das hier schon immer so aus?

Mmmmhh… Am liebsten würde ich auf dem Absatz wieder kehrtmachen, umdrehen, die Beine in die Hand nehmen, ab in meine Wohnung.

Nee, geht nicht.

Da war was, nennt sich Hunger.

Zum Chinesen, schnell was holen?

Und zum Frühstück?

Okay, gewonnen.

Ich nehme mir so einen grauen Einkaufskorb, dann kann‘s losgehen.

Abenteuer einkaufen.

Der Warenkorb online ist mir per se schon einfach so ans Herz gewachsen, dieser hier wirkt dagegen so trist, hart und kühl.

Wo steht hier eigentlich was?

Worauf hab ich überhaupt Hunger?

Tiefkühlpizza?

Tütensuppe?

Was ess ich denn zum Frühstück?

Brot, Joghurt.

Fragen über Fragen schießen mir durch den Kopf und überfordern mich zusehends.

Eher wie ferngesteuert, wandern mehrere Tiefkühlpizzen, Chips, Gummibärchen, Taschentücher, Joghurt, Käse und noch ein paar Dinge in meinen Korb.

Nur noch schnell an die Kasse und dann ab nach Hause.

Ich weiß schon, wieso ich mir in letzter Zeit meine Einkäufe hab nach Hause liefern lassen, nachdem ich sie online bestellt habe.

Zu Hause angekommen, schiebe ich mir eine meiner gerade erstandenen Pizzen in den Ofen.

Mein Magen hängt mir inzwischen schon in den Kniekehlen.

In der Zeit bis die Pizza im Ofen warm wird, schwirrt mir der Kopf.

Da kommen die ganzen Sachen hoch.

Gehört mir mein Job noch?

Bin ich inzwischen gefeuert worden?

Wie mach ich jetzt weiter?

Was ist jetzt anders?

Ich sollte dringend meine Wohnung aufräumen, die Post durchgehen, Wäsche waschen, mich bei Jessys Eltern melden, meine Mutter anrufen?

Einen Plan brauch ich.

Bei all diesen Dingen und Fragen, bekam ich einen pochenden Kopfschmerz vorn an der Stirn.

Erleichternd vernahm ich dann den Küchenwecker, der mir sagte, dass meine Pizza jetzt fertig ist.

Endlich.

Noch lange saß ich nach meiner Pizza einfach an meinem Küchentisch.

Saß einfach so da, schaute vor mich hin.

Und nu?

Mein Handy, wo ist das überhaupt?

Umherirrend wandere ich durch meine Wohnung.

Wann hatte ich es zuletzt und wo?

Mal überlegen.

Am Tag von Jessys Beerdigung, da war es noch da.

Blöder Gedanke, weg damit.

In der Jacke.

Da muss es sein.

Ein gezielter Griff in die Jackentasche befördert das gesuchte Objekt ans Tageslicht.

Als ich versuche es anzumachen, bekomme ich deutlich gezeigt, Akku leer.

Vielleicht auch gar nicht so schlimm, wenn ich damit noch bis morgen warte.

Ich schließe es am besten gleich ans Ladekabel.

Noch etwas unschlüssig setze ich mich aufs Sofa.

Ins Bett will ich noch nicht.

Plötzlich greife ich instinktiv nach der Fernbedienung und schalte den Fernseher ein.

Eine vertraute Melodie klingt mir im Ohr, erinnert mich zugleich an friedliche Sonntagabende mit meiner Familie.

Heute ist Sonntag!

Hach, nun fühle ich mich gleich viel weniger allein.

Das tut gut und macht mir auch ein bisschen Mut.

Ich muss eingeschlafen sein, denn als ich aufwache ist alles dunkel und der Tatort läuft auch nicht mehr.

Es ist Zeit ins Bett zu gehen und dort in Ruhe weiterzuschlafen.

Keine Ahnung warum, doch es zieht mich vorher noch ans Fenster.

Mein Blick fällt auf diese große Stadt, in der ich seit Jahren zu Hause bin und die niemals zu schlafen scheint.

Selbst in diesem Augenblick sehe ich noch Autos auf den Straßen fahren, Menschen auf den Bürgersteigen und Lichter, die die Nacht erhellen.

Die Welt dreht sich weiter, ob wir wollen oder nicht, auch ohne dich, Jessy, denke ich wehmütig.

Wo du wohl bist?

Nun wirst du es wissen, gibt es ein Leben nach dem Tod oder nicht.

Ich erinnere mich plötzlich an unsere erhitzte Debatte darüber, was mit uns nach unserem Tod passiert.

Wie es wohl wirklich ist, darüber können wir Lebenden uns noch so sehr den Kopf zerbrechen, wissen werden wir es erst, wenn es uns eh nichts mehr nützt.

Da draußen tobt das Leben, hier bin ich, ohne dich, was bedeutet das für mich?

Am Ende wohl, das auch meine Welt und mein Leben sich weiterdreht, weitergeht, ohne dich.

Muss, trifft es eher finde ich.

Mit diesem Gedanken gehe ich jetzt endlich ins Bett.

Morgen mache ich mir einen Plan, denke ich noch bevor ich in die Untiefen meiner Traumwelt versinke.

Am nächsten Morgen werde ich eher etwas unsanft von der strahlenden Sonne, die mir direkt ins Gesicht knallt, geweckt.

Peng.

Wach.

Okay, okay, ich steh ja schon auf.

Ziemlich zerknittert und verschlafen schlappe ich ins Bad.

Gucke in den Spiegel, denke, auf in den Kampf und mache mich noch vor dem Frühstück fertig.

Somit erzeuge ich zumindest rein äußerlich betrachtet, hoffentlich einen soliden und aufgeräumten Eindruck.

Im Gegensatz zu meiner wahren Gefühlslage.

Die befindet sich gerade noch irgendwo auf gefühlsmäßigen Abwegen oder hat sich vorzeitig in den Winterschlaf verkrümelt, verübeln kann ich‘s ihr nicht.

Was zum Frühstücken klingt nach einer guten Idee.

Zur Abwechslung überhaupt mal wieder frühstücken, ist eine sehr gute Idee.

Ich hab richtig Hunger.

Nach meinem Frühstück fällt mir ein, dass ich einen Plan brauche.

Verdammt, irgendwas wollte ich heute noch machen.

Etwas sehr Wichtiges.

Bloß was?

Je mehr ich mir den Kopf zermartere, desto unruhiger werde ich, da ich bemerke, es ist wichtig.

Suchend kreist mein Blick durch den Raum.

Da, da ist es!

Mein Handy.

Naja, ich kann ja erst noch was Anderes machen.

Aufräumen oder so.

Bei dem Gedanken an mein Handy und auch was mich beim Einschalten erwarten wird, krampft sich mir mein Magen zusammen.

Irgendjemand hat mir da Steine reingelegt, so fühlt es sich auf jeden Fall an.

Das heißt nichts Gutes.

Was mache ich, wenn ich meinen Job los bin?

Hartz IV?

Neuen Job suchen?

Verdammt, das fehlt mir gerade noch.

Mir wird gerade so richtiggehend schlecht, dennoch überwinde ich mich und mache mich auf den Weg zu meinem Handy.

An/Aus Schalter gedrückt halten, bis der Apfel kommt.

Puh.

Während das Ganze noch hochfährt, frage ich mich wie lange ich offline gewesen bin?

Heute ist Montag, also hab ich mich genau 1 Woche vor der Welt da draußen und allem anderen verkrochen.

Pin und Entsperrcode eingeben, dann ist es geschafft.

Oh weh, 31 Anrufe in Abwesenheit und 45 ungelesene Nachrichten.

Gut, das ich meine Mailbox nicht mehr habe, wer weiß was mich da sonst noch alles erwarten würde.

Die meisten Anrufe sind von meiner Mutter, meinem Arbeitskollegen Carlo und meinem Chef.

Auweia.

Sonst nichts.

Doch.

Als ich das Handy nach dem Überfliegen der ungelesenen Nachrichten weglegen will, trifft mich der Schlag.

Wie konnte ich das vergessen?

Ich wollte es.

Auf meinem Sperrbildschirm prangt ein Foto.

Von uns.

Jessy und mir.

Bei unserem letzten Treffen wollte sie unbedingt noch ein gemeinsames Foto machen.

Als Erinnerung.

Ein Stich trifft mich mitten ins Herz.

Ich sehe uns beide an, kann den Blick nicht mehr von uns lösen, bis mir die Tränen kommen, die mir die Sicht trüben.

Hört das auf, irgendwann?

Dieser Schmerz?

Ist er einfach irgendwann weg?

So ganz?

Hoffentlich.

Meine Mutter brauche ich wohl gerade nicht mehr zurückrufen. Das hat Zeit, vor allem glaube ich aber, dass ich das lieber persönlich klären sollte, statt einfach so übers Telefon.

Ja, das stimmt allerdings.

Die Sache mit meinem Chef, da muss ich ran.

Besser heute als morgen.

Am besten rufe ich Carlo gleich mal an, die Lage auschecken.

Dann bin ich vorgewarnt.

Bis ich den allerdings aus den Federn klingeln kann, ist noch Zeit.

Also was tun?

Wie war das doch gleich mit dem Aufräumen?

Wie es Jessys Eltern wohl geht?

Nein.

Falsche Richtung.

Bitte wieder zurück in die andere Richtung.

Aufräumen, das war’s.

Dass ich mich darauf mal so freuen könnte.

Am besten fang ich im Schlafzimmer an.

Dort angekommen, verfliegt die Motivation auch so schnell wieder, wie sie gekommen ist.

Langsam geradezu im Zeitlupenmodus schaffe ich es Ordnung reinzubringen.

Danach fühle ich mich wie erschlagen, als hätte ich gerade einen Zehnkampf ausgetragen.

Nur kurz auf die Couch legen, ein kleines Nickerchen, dann mach ich gleich weiter.

So die Theorie.

In der Realität wache ich geschlagene 3 Stunden später wieder auf.

Oh Mann.

Ich glaub, das hab ich jetzt echt nochmal gebraucht.

Noch bevor ich viel darüber nachdenken kann, greife ich schon zum Handy und wähle Carlos Nummer.

„Hey Mann, gut das du dich endlich meldest. Der Chef ist durchgedreht, als du plötzlich nicht mehr gekommen bist.

Was war denn los?“

„Ja, ich weiß, das war echt keine Glanzleistung von mir. Ich konnte einfach nicht. Ich meine ach Mann.“,

höre ich mich sagen, gleichzeitig sacke ich in mir zusammen.

„Verstehe. Es ist wegen Jessy oder? Ich kann dich auf jeden Fall beruhigen, deinen Job haste noch.“

Bei diesen Worten kommen mir Tränen der Erleichterung, mein ganzer Körper entspannt sich.

Gott sei Dank.

„Wie? Was hast du? Danke, Mann, das vergess ich dir nie.“, erwidere ich immer noch etwas perplex.

Ich hasse es anderen etwas schuldig zu sein, aber in diesem Fall bin ich einfach nur erleichtert.

Dennoch sollte ich mir überlegen, wie ich das wieder gut machen kann.

Vorrangig zählt gerade das Ergebnis, ich habe meinen Job noch.

Gut, er gefällt mir nicht mehr, trotzdem immer noch besser einen Job der einem nicht gefällt, als gar keinen oder?

„Ach, ich hab ihm einfach erzählt, dass es einen Trauerfall in der Familie gab und du dich drum kümmern musst.

In einer Woche wärst du wieder da. Du kennst ihn ja, weiter drauf eingehen musste ich gar nicht. Steh heute Abend einfach wieder pünktlich auf der Matte zur Schicht und alles ist paletti.“

Wenn du wüsstest, kommt es mir in den Sinn.

„Na so weit weg von der Wahrheit ist das auch wieder nicht. Danke dir auf jeden Fall nochmal. Super. Wir sehen uns heute Abend.“

„Alles klar, bis später“, höre ich Carlo noch sagen, wobei meine Gedanken schon wieder weiter sind.

Meine Gedanken kreisen um die Vorstellung, wieder in der Bar zu stehen, Cocktails zu mixen, die Fassade aufrecht zu erhalten.

Wie immer halt.

Nichts Neues, so als wäre nichts gewesen.

Die Wahrheit wollte von mir doch noch nie jemand wissen oder hören.

Wieso sollte sich daran etwas geändert haben.

Mit wem kann ich jetzt noch reden, wen hab ich noch, dem ich vertrauen kann?

Ich versuche diesen Gedanken unnötig in die Länge zu ziehen, die Antwort liegt nämlich auf der Hand.

Wahrhaben will ich sie bloß nicht.

Ehrlich gesagt ist da niemand.

Niemand mehr.

Jessy war die letzte.

Jetzt gibt es nur noch mich.

Allein auf weiter Flur.

Ob ich mit Carlo reden sollte, so von Mann zu Mann vielleicht?

Kann ich ihm vertrauen?

Was weiß ich überhaupt von ihm?

Im Vertrauen bin ich nicht gut, war ich nie.

Irgendwie traue ich mich nicht, daran zu glauben, dass es einfach gut gehen oder sein soll.

Die Menschen etwas tun ohne Hintergedanken.

Gibt’s das wirklich?

Ich meine welchen Nutzen hätten sie denn daraus?

Macht es Sinn etwas zu geben ohne zu wissen, ob ich was dafür zurückbekomme?

Heißt es nicht, geben und nehmen?

Die Kopfschmerzen sind zurück.

Keine Ahnung.

Mal schauen, wie die Schicht heute läuft.

Vielleicht sollte ich mir vorher noch ein paar Tabletten besorgen, um die Nacht durchzustehen.

Wird bestimmt eine lange Nacht, ist schließlich Montag.

Für die meisten der beschissenste Tag der Woche, nämlich der erste Arbeitstag, deswegen geben sie sich dann bei uns ordentlich die Kante um es sich schön zu trinken.

Meine Schicht beginnt um 18 Uhr.

Also hab ich noch 4 Stunden Zeit.

Wäsche waschen wär gut, sonst hab ich für die Arbeit gar nichts anzuziehen, dann bestelle ich online noch was zu essen und kaufe auch gleich für die Woche ein, das können die mir dann ja morgen bis Mittag liefern.

Gute Idee.

So spar ich mir den Gang in den Supermarkt.

In der Apotheke schau ich auf dem Weg zur Arbeit rein und hol mir was ich brauch.

Dann mal los.

Auf geht´s.

Ich bin wieder zurück im Spiel.

Während ich das denke, ist da in mir etwas das sich komisch anfühlt, diffus.

Was soll‘s.

Die Arbeit wird mir guttun, sie gibt mir Halt und eine gewisse Routine.

Das wird schon.

Hoffentlich.

Kurz bevor ich mich fix und fertig auf den Weg mache, melden sich leise Zweifel.

Schaff ich das?

Was wenn die Leute komische Fragen stellen, weil ich solange nicht da war?

Egal, ich sag einfach ich war krank, das ist schließlich jeder Mal.

Genau und sobald es jemand genauer wissen will, erzähl ich, ich hatte Magen-Darm, spätestens dann sollte keiner mehr genauer nachfragen.

Gut, das hätte ich also.

Auf dem Weg zur Bar schwirrt mir die Situation in der Apotheke noch im Kopf rum.

Sie lässt mich nicht los.

Verdammt.

Dabei ist es doch keine große Sache gewesen.

Ich fühle mich so völlig deplatziert hier, auf der Straße zwischen all den Menschen, fremd.

Ertappe mich bei dem Gedanken, dass es doch sinnlos ist, was ich hier gerade tue.

Routine, ja gut und schön.

Und?

Ist das alles?

Das hat Jessy bestimmt nicht gemeint.

Sie wollte das ich wieder glücklich bin, so richtig mit allem was dazu gehört.

Ich habe es ihr versprochen, ohne so wirklich zu wissen, wie das geht oder vielmehr was das zu bedeuten hat.

Denn mir wird immer deutlicher, dass ich gar nicht weiß, ob ich das überhaupt je gewesen bin.

Glücklich.

Woher weiß man das?

Gibt es da bestimmte Kriterien, die ich abhaken kann, wie bei einer Krankheit?

Wenn sie folgende Symptome zeigen, die und die Werte haben, dann sind sie an folgender Krankheit erkrankt.

Mal angenommen, ich kenne dieses Gefühl gar nicht.

Wie soll ich dafür sorgen, es zu fühlen, wenn ich keine Ahnung hab wie es sich anfühlen muss?

Also das es auch das richtige ist.

Ohne es zu verwechseln, meine ich.

Mein Kopf schmerzt, ich glaube ich höre es in meinem Kopf rattern, vor lauter Gedanken, Fragen, alles in mir scheint aufgewühlt zu sein.

Und sobald ich es habe dieses Gefühl, bleibt es dann?

Ich meine ist es einmal erreicht ein Dauerzustand, oder ein Ziel, das immer wieder neu erzielt werden will?

Viel elementarer, ist glücklich sein eher ein Zustand oder ein Gefühl?

Wo liegt die Differenzierung?

Mir raucht der Kopf, ganz ohne Zigarette.

Gut, das ich gleich genügend Ablenkung bekomme.

Auf den letzten Metern vor der Bar wird mir etwas mulmig zumute, da muss ich jetzt durch.

Eine Alternative gibt´s gerade nicht.

Augen zu und durch.

Der Abend in der Bar war lang und intensiv.

Mein Chef schien froh zu sein, dass ich wieder da bin, Fragen gab es zum Glück keine, von niemandem.

Gott sei Dank.

Auch wenn ich ja durchaus inzwischen ein Meister der Lügen geworden bin, wohl fühle ich mich dabei nie.

Am liebsten ist es mir, ich kann ehrlich sein.

Nur wenn du lernst, das die Wahrheit niemanden interessiert oder man sie dir nicht glaubt, stellt sich über kurz oder lang die Frage wieso überhaupt noch die Wahrheit sagen?

Einfacher mache ich es mir doch, wenn ich das sage, was die anderen hören wollen.

Egal.

Wo war ich?

Die Bar.

Es gab da heute Abend diesen einen Moment, auch wenn er nur winzig gewesen ist, es gab ihn.

Die Chance, die Option mit Carlo zu reden, so richtig von Mann zu Mann.

Ich gebe zu, am Ende fehlte mir der Mut.

Wie und wo anfangen, mit der Tür ins Haus?

Oder erstmal mit Smalltalk anfangen, ganz unverfänglich?

Puh, darin bin ich nicht gut, okay, grottig.

Als Barkeeper glaubt jeder, man wäre der beste wenn es um Smalltalk geht.

Ich bin da scheinbar die große Ausnahme.

Die Leute können mir erzählen was sie wollen, ich höre ihnen aufmerksam zu, mache in den Pausen ah und oh, das war’s.

Am Ende geht es ihnen dann immer besser, vor allem mit dem passenden Drink.

Darin hingegen bin richtig gut. Zu jedem den Drink, den er gerade braucht, zu mixen.

Wahrscheinlich auch ein Grund, wieso mich mein Chef unbedingt halten will.

Ansonsten ein klassischer Montag, viele Businessleute aus den umliegenden Bürogebäuden, die sich bei uns selber feiern, gemeinsam feiern oder eben sich die Situation, dass heute Montag ist, schön trinken.

Wenig Stammgäste, die kommen eher zum Ende der Woche oder gar am Wochenende.

Nur heißt das eben jedes Mal, viele neue Leute, jeder eine neue Geschichte, da sind mir die Stammgäste schon lieber, die kenne ich, die Geschichten kann ich durchziehen lassen.

Bei den neuen muss ich mich noch sehr konzentrieren, die wollen das Gefühl das ich ganz und gar für sie und bei ihnen bin.

Mit der Zeit lässt das dann nach, da zählt nur noch das ich anwesend bin.

Ehrlich gesagt, sind mir die am liebsten.

An solchen Abenden wie heute, zieht sich das alles so ewig in die Länge, dass ich das Gefühl habe, die Zeit bleibt stehen.

Ich stehe hinterm Tresen und mit jedem weiteren Wort, mit jeder weiteren Geschichte, so kommt es mir vor, entlädt sich mein Akku.

Sobald die Schicht rum ist, Carlo und ich alleine sind um die letzten Sachen zu verräumen, Bestände zu checken, entspannt sich die Lage.

Erst wenn ich zu Hause bin, kommt oft der totale Zusammenbruch.

Vorher reiße ich mich zusammen, Fahne hoch, Maske halten.

Niemanden dahinter schauen lassen, keine Schwäche zeigen.

So wie heute in der Apotheke, das war der blanke Horror.

Wie konnte das nur passieren.

Jetzt mache ich erstmal mein Handy aus und gehe schlafen, das ist das beste.

Oh, eine neue Nachricht.

Okay, die les ich noch und dann leg ich mich aufs Ohr.

Von Carlo: „Schön, dass du wieder mit an Bord bist.

Bis morgen.“

Mmh.

Tut gut das Gefühl zu haben, dass es jemanden interessiert ob ich da bin oder nicht.

Gerade als ich mich umdrehen will, um zu schlafen, kommt es hoch.

Fuck!

No.

Was soll das?

Ich… Plötzlich sehe ich mich da in der Apotheke stehen, will gerade bezahlen, als die charmante Apothekerin mich freundlich anschaut und fragt: „Geht es Ihnen gut? Sie sehen etwas blass aus.“

Zack! Boom. Bäng. Weg war sie, die ganze Maske, Fassade, mit einem Mal eingerissen.

Ohne zu wissen was genau mit mir passiert, stehe ich da, mir laufen die Tränen, ich schüttle den Kopf, lege das Geld hin, noch ohne das Wechselgeld abzuwarten, renne ich, flüchte ich aus der Apotheke.

Bis zur nächsten Häuserecke, an die ich mich lehne.

Atmen, ich muss atmen.

Verdammt.

Was zur Hölle?

Hab ich das gerade wirklich getan?

Oh, Gott.

Langsam atme ich wieder ruhiger, die Tränen versiegen.

Völlig irritiert mache ich mich dann wieder auf den Weg in die Bar.

Während sich das alles nochmal vor meinem inneren Auge abspielt, wird in mir eine große irrsinnige Wut entfacht.

Die Müdigkeit ist passe.

An Schlaf ist nicht mehr zu denken.

So eine scheiße, da kann ich mich ja nie wieder blicken lassen.

Mist.

Wieso hab ich?

Dreh ich jetzt durch?

Gefühle zeigen ist ein Zeichen von Schwäche, merk dir das mein Junge, kommt es mir hoch.

Ja, ja, ich weiß Mutter, denke ich zornig.

Sei stark, ein Indianer kennt keinen Schmerz.

Das weiß ich alles, tausendmal gehört.

Weinen unerwünscht, letztendlich gab es keinerlei Gefühlsregungen außer ihren eigenen, die erwünscht waren.

Meine wurden nicht wahrgenommen, bagatellisiert.

Schönen Dank auch.

Irgendwann lernte ich dann Gefühle zu vermeiden.

Wollte sie kontrollieren, in der Hoffnung, mir es damit zu erleichtern, das Leben.

Schließlich heißt es doch, mit Gefühlen wird alles schwieriger und komplizierter, der Umkehrschluss muss demnach doch besagen, ohne Gefühle, alles easy.

Oder?

Manches Mal kamen sie trotzdem. Die Gefühle.

Nur umgehen konnte ich nicht mit ihnen, falsch, kann ich nicht, keine Ahnung wie das geht.

Welche richtig sind, welche falsch?

Gibt es das, falsche Gefühle?

Woran erkenne ich das?

In mir brodelt es.

Dabei hätte ich so gerne mit jemandem gesprochen.

Ich geh jetzt schlafen, ich will jetzt schlafen.

Ich muss.

Irgendwann nach langem Hin- und Hergewälze muss ich eingeschlafen sein, denn am nächsten Morgen wache ich wie gerädert auf.

Einige Tage schaffe ich es abzutauchen, in die Routine, den Alltag.

Zu vergessen was war.

Bis meine freien Tage an der Reihe sind.

Schon morgens wache ich auf, stelle fest irgendwas ist heute anders.

Ich habe frei.

Noch während ich hier so unschlüssig in meinem Bett liege, fängt mein Magen an zu rumoren.

Hunger ist das nicht.

Was hab ich denn heute vor?

Nichts.

Das ist es ja gerade.

Diesen Gedanken, verdränge ich seit Tagen.

Wollte mir keine Gedanken darübermachen, dachte das hat noch Zeit.

Hat es nicht.

Ich fühle mich so leer.

Ganz tief drinnen, ausgehöhlt wie eine Avocado aus der man das leckere essbare Fruchtfleisch rausgeschabt hat.

Die Hülle gibt es noch, der Rest, weg.

Das erinnert mich an was.

Inzwischen liege ich quer in meinem Bett und starre an die Decke.

Keine gute Idee.

Als ich noch klein war, starrte ich oft an die Decke, in der Hoffnung, ich könnte mich im weiß verlieren, mich auflösen.

Immer dann, wenn ich sie hab schreien hören, sie gestritten haben.

Mein Zimmer verlassen, das traute ich mich nie, keine Ahnung was dann passiert wäre.

Ich wollte kein Risiko eingehen, also blieb ich wo ich war.

Komisch, dass ich mich gerade jetzt daran erinnere.

Dabei glaubte ich immer, dass ich eine glückliche Kindheit hatte, zumindest erzählt hab ich das immer, allen anderen.

Schließlich war meine Mutter die ganze Zeit für mich da, hat viel für mich aufgegeben, sich aufgeopfert, versucht mich nie merken zu lassen, dass mein Vater fehlt oder gar das sie traurig und einsam ist.

Wir beide, wir hatten ja uns.

Verdammt.

Ich weine schon wieder.

Mit der geballten Faust schlage ich aufs Bett.

Aufhören!

Sofort!

Ich darf nicht weinen, ich soll nicht, ich will nicht.

Ich bin nicht schwach.

Ich bin stark.

Ganz stark.

Wie ein Jedi.

Erst nachdem Stille einkehrte traute ich mich dann zögerlich aus meinem Zimmer.

Im Endeffekt musste ich dann raus.

Ich wollte sichergehen, dass alles gut ist.

Dass sie noch leben.

Scheiße.

Diese Angst.