Der Khmer-Tempel - Natalie Krüger - E-Book
Beschreibung

Kambodscha, 12. Jahrhundert. Das Königreich von Angkor ist auf dem Höhepunkt seiner Macht. Der König unterdrückt sein Volk, das unter schlechten Ernteeinnahmen leidet. Um seine Herrschaft zu festigen, bemächtigt er sich der dunklen Magie. Als der junge Arzt Anh sich ihm in den Weg stellt, kommt es zur Katastrophe. Jahrhunderte später findet die Historikerin Katelyn Schwarz Hinweise auf einen geheimnisvollen kambodschanischen Tempel. Sie wittert eine wissenschaftliche Sensation und stellt eine Expedition zusammen. Tief im Dschungel Kambodschas stößt sie auf ein uraltes und düsteres Relikt. Und sie ist nicht die einzige, die sich für den Tempel interessiert.

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Sammlungen



Die Autorin

Natalie Krüger, geboren 1989, schreibt Abenteuerromane und Historische Romane. Vor ihrer Autorentätigkeit arbeitete sie bei verschiedenen Werbeagenturen in Frankfurt am Main, Stuttgart und im Schwarzwald. Seit ihrer Kindheit ist sie von der Kunst, Kultur und Mythologie antiker Zivilisationen fasziniert. Durch Fotoreportagen und Fachpublikationen inspiriert, befasst sie sich mit der Geschichte und dem Lebensalltag der Khmer-Zivilisation. Der Roman »Der Khmer-Tempel« ist ihr erstes Buch.

www.natalie-krueger.de

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Epilog

Prolog

Der Eingang der Höhle war von Weitem gut zu sehen und wurde von zwei mit Speeren bewaffneten Männern bewacht. Die Höhle lag an der Spitze eines Hügels, der Anstieg führte über lockeres Geröll und war sehr gefährlich. Meister Son Tong schaute sich um, und nahm die Abgeschiedenheit dieses Ortes wahr. Die Bergregion war überzogen von dichten Wäldern, weit und breit waren keine menschlichen Siedlungen zu sehen.

Die Gruppe machte vor dem Höhleneingang Halt und ihr Anführer sprach mit den Wachen. Son Tong wusste von seinem Gastgeber, dass die Höhle sich vor kurzem durch einen Erdrutsch zum ersten Mal für den Menschen geöffnet hatte. Das Geheimnis, das in ihrem Inneren wartete, war bis zu diesem Tag nur den Göttern bekannt gewesen. Keiner von ihnen war zufällig hier, sie waren auserwählt worden und mussten dieses Geheimnis für sich behalten. Doch darin war jeder von ihnen geübt. Jeder hatte selbst Geheimnisse, übte dunkle Künste aus oder hatte einen besonderen Draht zu den Göttern. Sie alle waren Meister der Magie und aus den umliegenden Königreichen zusammen gekommen. Regelmäßig trafen sie sich in den Bergen, um ihr Wissen untereinander auszutauschen. Aber heute war alles anders gelaufen, denn ihr Gastgeber hatte sie zu dieser Höhle geführt.

Der Anführer beendete sein Gespräch mit den Wachen, winkte den anderen zu und betrat die Höhle. Son Tong folgte der kleinen Gruppe. Schlagartig verwandelte sich die schwüle Hitze, die sie seit Stunden begleitete, und den Weg beschwerlich gemacht hatte, in kalte Höhlenluft und es wurde stockfinster. Son Tong blinzelte und versuchte etwas zu sehen. Schemenhaft erkannte er, wie ihr Gastgeber eine Fackel aus einer Halterung in der Wand nahm und ihnen damit etwas Licht verschaffte. Er ging voran und wies ihnen den Weg.

Son Tongs Sandalen knirschten auf dem sandigen Untergrund und die Schreie der Vögel waren bald nicht mehr zu hören. Er wartete gespannt darauf, das Innere zu erreichen und den Fund untersuchen zu können.

Schließlich wurde der Gang immer enger und niedriger, machte unzählige Biegungen. Als sie unter einem besonders niedrigen Durchlass hindurch gingen, zog Son Tong den Kopf ein. Ihr Anführer kannte den Weg genau. Das Licht der Fackel erzeugte lange Schatten auf den Wänden. Wie eine Begräbnisprozession liefen die Männer in ihren langen Umhängen dicht an dicht hintereinander. Son Tong hatte sich inzwischen nach vorne gedrängt und spähte ungeduldig in die Dunkelheit.

Nach einer Weile öffnete sich der Gang zu einem Innenraum. Die Männer wurden hineingeführt und stellten sich in einem Halbkreis auf. Bedrohlich flackerte das Licht der Fackel über die kahle Decke und ihre Schritte hallten durch den Raum. In der Mitte wurde ein Feuer angezündet und das Licht gab den Blick auf ein seltsames Gebilde frei. An der Wand vor ihnen glitzerten hunderte von Kristalle. Alles war überwuchert davon. In Nischen wuchsen größere Kristallformationen und von der Decke hingen dicke Auswüchse herab. Son Tong starrte mit weit aufgerissenen Augen darauf. Die Kristalle waren nicht makellos schön und besaßen einen schmutzigen Farbton: Dunkles Violett durchzogen von silbergrauen und rußschwarzen Flecken. Er rümpfte die Nase als ihm ein muffiger, fauliger Geruch in die Nase stieg.

»Meine Freunde, es ist soweit«, sagte der Anführer und steckte seine Fackel in ein Loch in der Wand. »Ihr sollt selbst erfahren, wie gut das Medium funktioniert. Ihr habt euch alle gereinigt und euren Geist frei gemacht. Konzentriert euch ganz auf das hier und jetzt.«

Er bückte sich zu einer Nische in der Wand, holte eine hölzerne Truhe hervor und öffnete sie vorsichtig. Son Tong sah gebannt zu, wie ihr Anführer ein in Stoff gewickeltes Päckchen aus der Truhe holte. Als der Stoff zur Seite geschlagen wurde, verfielen die Anwesenden in ehrfürchtiges Schweigen. Son Tong betrachtete den Stein, der in den Händen des Anführers lag. Er war schwarz und seine Oberfläche war zerfurcht. Je länger Son Tong darauf starrte, desto mehr löste sich die Umgebung aus seinem Blickfeld. Die Höhlenwände nahm er nur noch verschwommen wahr und alles um ihn herum begann sich zu drehen. Die Stimme des Anführers wurde undeutlich, in Son Tongs Ohren begann es zu rauschen. Dann fing er an zu schwitzen. Sein Puls beschleunigte sich und das Herz schlug wild in seiner Brust. Fast kam es ihm vor, als würde er schweben.

Es funktioniert, dachte Son Tong erfreut. Der magische Stein funktioniert tatsächlich.

Bunte Lichter flirten vor seinen Augen und die Höhle war verschwunden. Wie in Trance begab sich Son Tong auf eine Reise, schwebte über den Wolken und atmete die dünne Luft des Himmels. In seinen Ohren schlugen die Trommeln und klangen die Harfen. Die Lichter begannen sich zu drehen, wurden immer schneller und bildeten einen grellen Stern. Son Tong hob die Arme und schirmte sein Gesicht ab, doch das Licht fraß sich durch seine Hände hindurch. Verzweifelt schüttelte er den Kopf, um das Dröhnen loszuwerden, doch der Lärm schwoll zu einem ohrenbetäubenden Orchester an. In dem Moment, als er meinte, seine Ohren würden zerreißen, erstarb das Getöse. Das Licht erlosch langsam und machte einer alles verzehrenden Schwärze Platz. Son Tong keuchte erschöpft. Dann hörte er eine Stimme, die aus der Ferne zu ihm sprach. Über ihn. Sie sprach über seine Zukunft, sagte ihm voraus, was ihn erwarten würde. Erfolg und Ansehen, alles, was er sich erträumt hatte. Die Menschen würden ihm zu Füßen liegen, ihn anhören und um Rat fragen. Er würde der größte Magier sein, den sein Königreich je gesehen hatte. Die Worte lösten ein intensives Glücksgefühl in Son Tong aus. Er versuchte zu antworten, doch die Stimme reagierte nicht.

Sie muss direkt von den Göttern kommen, schoss es ihm durch den Kopf. Die Götter sind mir wohlgesonnen.

Am liebsten hätte er der Stimme noch länger zugehört, doch langsam merkte er, dass die Schwärze sich auflöste und die Gegenwart wieder sichtbar wurde. Das Flackern des Feuers stach ihm in die Augen und er nahm das Glitzern der Kristalle wahr. Die dunklen Höhlenwände schälten sich aus der Finsternis heraus und schließlich blickte Son Tong in das Gesicht des Anführers.

Erst jetzt bemerkte Son Tong, dass er saß. Er spürte den kalten Felsboden der Höhle. Benommen zog er sich an den Felswänden hoch.

Der Anführer sah ihn mit einem erwartungsvollen Lächeln an. Tanzende Schatten wurden von den Fackeln auf sein Gesicht geworfen. Außer Son Tong und dem Anführer war niemand mehr da.

»Die anderen haben die Höhle verlassen«, antwortete der Anführer. »Sie waren nicht bereit für die Stimme der Götter und sind vor Angst geflohen, als diese zu ihnen gesprochen haben. Nur wenige Menschen haben die Gabe, mit den Göttern zu sprechen.« Er klopfte lächelnd auf die Truhe in seiner Hand. »Und die Gabe, das Medium dafür zu nutzen.«

Son Tongs Herzschlag beruhigte sich langsam, er atmete wieder normal und fühlte, wie er die Kontrolle über seinen Körper zurückgewann. Vorsichtig machte er einen Schritt, um zu testen, ob ihn seine Beine trugen. Was er eben erlebt hatte, übertraf seine Vorstellungen um ein Vielfaches. Ihr Anführer hatte nicht zu viel versprochen. Mithilfe des Mediums bekam man Macht. Als ihm das bewusst wurde, begann er zu lachen. Geradezu hysterisch wurde sein Lachen, das sich als Echo an den Wänden verstärkte.

Der Anführer trat auf ihn zu und beleuchtete sein Gesicht mit einer Fackel. Son Tong erwiderte den Blick des Anführers. Sein lange gehegter Plan konnte endlich in die Tat umgesetzt werden.

»Nun, mein Freund, hast du Verwendung für das Medium?«, fragte der Anführer.

»Ja, Herr, das habe ich«, antwortete Son Tong. »Mit meiner Hilfe wird dein Fund den Lauf der Geschichte verändern. Die Götter sind von nun an auf unserer Seite.«

1

Dichte Nebelschwaden hatten sich zwischen den Bäumen festgesetzt und verdeckten den Blick auf die Blätter, die sich in herbstlichen Farben über den Waldboden verteilt hatten. Es war kalt an diesem Morgen und nur das Krächzen der Raben und das Rascheln der Mäuse im Unterholz waren zu hören. Katelyn Schwarz rannte über den Kiesweg und ihre Lunge stieß warme Atemluft aus, die sofort zu kleinen Wölkchen kondensierte. Das Laufen tat gut. Sie konzentrierte sich ganz auf den Rhythmus ihrer Beine und ihre Laufgeschwindigkeit. Ihre zu einem Zopf gebundenen braunen Haare wedelten hin und her. Sie genoss die Stunden am frühen Morgen, in denen sie sich verausgaben und den Kopf frei bekommen konnte. Das Joggen war ihre Flucht vor der Realität und nach dem Aufstehen war sie sofort in ihre Sportkleidung geschlüpft.

Keuchend verließ sie den Wald und rannte in Richtung Dorf. Die Straßen waren noch menschenleer.

Es war Sonntag und noch nicht einmal der Bäcker hatte geöffnet. Zielstrebig bog Katelyn um eine Häuserecke und lief auf ein kleines Häuschen mit einem gepflegten Vorgarten zu. Vor der Treppe machte sie einige Dehnübungen, dann zog sie einen antik aussehenden Schlüssel aus der Jackentasche und versuchte mit einigem Kraftaufwand die schwere Holztür zu öffnen. Wie oft hatte sie ihrer Mutter schon gesagt, sie solle einen Handwerker rufen und die Tür auswechseln lassen, aber bei manchen Dingen war diese einfach stur. Leise schloss Katelyn die wuchtige Tür wieder, um ihre Eltern nicht aufzuwecken und hängte den Schlüssel an einen Haken an der Wand. Sie ging in die Küche, um eine Tasse Wasser für ihren Kräutertee aufzusetzen. Während sie die Kiste mit den Teebeuteln durchwühlte, hörte sie Schritte und kurz darauf stand ihre Mutter im Türrahmen.

»Hallo Katie, Schätzchen. Warst du heute schon joggen?«

»Hallo Mom. Ja, ich war im Wald. Ist Dad auch schon wach?«

»Oh nein, er liegt noch im Bett. Hat doch gestern Abend noch Fußball geschaut …«

Ihre Mutter, die sich lässig an den Türrahmen lehnte, fuhr sich mit den Händen über ihr faltiges Gesicht und durch ihr blond gefärbtes Haar. Sie trug einen rosafarbenen Bademantel mit bunten Blumenstickereien und ihre Fingernägel waren dunkelrot lackiert. Als Katelyns Vater ihre Mutter kennengelernt hatte, musste sie eine wahre Schönheit gewesen sein. Katelyns Mutter war Amerikanerin und nach der Hochzeit nach Deutschland gezogen. Leider hatte sie darauf bestanden, sich den Namen ihres Kindes auszusuchen. Manchmal überlegte Katelyn, wie es wohl gewesen wäre als Amerikanerin mit einem deutschen Namen aufzuwachsen, denn von allen amerikanischen musste ihre Mutter ihr gerade den altmodischsten geben.

Der Wasserkocher schaltete sich ab und Katelyn wühlte im Kühlschrank nach etwas Essbarem zum Frühstück. Ihre Mutter schlenderte, ein Liedchen summend, aus der Küche und ging die Treppe nach oben. Katelyn hätte jede Wette abgeschlossen, dass sie ins Bad ging. Wie kann man nur so viel Wert auf sein Äußeres legen? Die Frage stellte sich Katelyn schon seit Langem, diesen »Schönheitskult« wie sie ihn nannte, hatte sie glücklicherweise nicht geerbt. Beladen mit einer Tasse Tee, einem Stück Käse und einer Scheibe Brot ging sie ins Wohnzimmer. Nachdenklich schmierte Katelyn Butter auf ihr Brot und wieder steuerten ihre Gedanken auf das Thema zu, das sie umtrieb. Morgen würde sie wieder arbeiten gehen. Der einwöchige Urlaub bei ihren Eltern auf dem Land war schnell verflogen und hatte sie kaum ablenken können. Seufzend griff Katelyn nach der Teetasse. Margot, die Besitzerin des Antiquitätenladens in der Frankfurter Innenstadt, wollte endlich Ergebnisse. Die Verkaufszahlen mussten nach oben gehen und Katelyn sollte ihren Beitrag dazu leisten. Katelyn gab sich alle Mühe, doch vom Verkaufen und Feilschen hatte sie wenig Ahnung.

»Lächeln Kate, immer lächeln. Zeig einfach, was du auf dem Kasten hast. Deine fachkundige Beratung muss doch auf fruchtbaren Boden fallen. Wenn du den Leuten nur klarmachst, wie einzigartig unser Sortiment ist …« Und so weiter. Ein Gespräch wie dieses hatte ihre Chefin schon häufig mit Katelyn geführt. Margot hatte ihr den Job im Antiquitätenladen nur gegeben, weil Katelyn sich nach ihrem Studium für Geschichte und Archäologie auf die Restaurierung antiker Fundstücke spezialisiert hatte. Ihre Spezialgebiete waren Keramik und Metall, aber Margot hatte das nicht gestört. Den Umgang mit Möbeln und Objekten aus Holz hatte Katelyn erst lernen müssen.

Und jetzt bin ich zuständig für die Schätzung und den Verkauf von Ramschwaren, die sich reiche Banker und Anwälte in ihr Wohnzimmer stellen wollen, um damit vor anderen anzugeben, dachte Katelyn. Ich will etwas Bedeutendes in meinem Leben machen, und Forschen bedeutet mir eben mehr als Verkaufen.

Dabei hatte mit ihrer Arbeit am Institut für Altertumsforschung der Universität Frankfurt alles so gut begonnen. Sie war direkt nach dem Studium eingestellt worden und an zahlreichen Forschungsprojekten beteiligt gewesen. So viele Hoffnungen hatte sie mit ihrer Arbeit verknüpft. Sie wollte hinaus in die Welt, etwas Bedeutendes entdecken und ein großer Stern am Himmel der Wissenschaft werden.

Doch dann war man ihr am Institut in den Rücken gefallen und sie war rausgeschmissen worden. Von einem Tag auf den anderen war sie ohne Job gewesen und ihre Träume waren wie Seifenblasen zerplatzt. Dabei hatte mit ihrer Arbeit am Institut für Altertumsforschung der Universität Frankfurt alles so gut begonnen. Sie war direkt nach dem Studium eingestellt worden und an zahlreichen Forschungsprojekten beteiligt gewesen. So viele Hoffnungen hatte sie mit ihrer Arbeit verknüpft. Sie wollte hinaus in die Welt, etwas Bedeutendes entdecken und ein großer Stern am Himmel der Wissenschaft werden.

Doch dann war man ihr am Institut in den Rücken gefallen und sie war rausgeschmissen worden. Von einem Tag auf den anderen war sie ohne Job gewesen und ihre Träume waren wie Seifenblasen zerplatzt.

Durch eine Stellenausschreibung in der Zeitung war sie schließlich auf Margots Laden gestoßen. Bei den Vorstellungsgesprächen war diese so freundlich gewesen und hatte sogar Verständnis für ihre Situation gezeigt. Doch seit dem Tag, an dem Katelyn den Arbeitsvertrag unterschrieben hatte, hatte Margot sie in der Hand. Wenn Katelyn sich nicht fügte, würde sie sofort wieder auf der Straße stehen.

»Du möchtest wirklich nicht mehr zum Nachmittagskaffee bleiben?« Ihr Vater sah zu, wie Katelyn Taschen und Rucksäcke in ihren altersschwachen Jeep stopfte.

»Nein, Dad. Du ahnst nicht, wie voll die Straßen abends werden. Ich muss jetzt los, sonst habe ich heute nichts mehr vom Tag.« Ächzend stemmte sie den Kofferraumdeckel zu. Sie musste dringend in die Werkstatt, um den Verschlussmechanismus reparieren zu lassen. Katelyn strich sich mit dem Handrücken über die Stirn und versuchte, ihr unbändiges Haar zu ordnen.

»Melde dich, wenn du etwas brauchst, Kate. Wir sind immer für dich da.«

»Ich weiß, Dad.« Sie schaute ihrem Vater in die dunklen Augen, die sie durch seine Brille mitfühlend anblickten.

»Ich wünsche dir alles Gute, mein Kind. Ganz sicher wird dein großer Tag noch kommen, ich weiß es.« Er nahm sie in den Arm und drückte sie fest an sich.

»Ich komme klar, Dad. Es wird schon irgendwie klappen. Es hat bis jetzt funktioniert und das wird es auch weiterhin. Mach dir keine Sorgen um mich.«

Vorsichtig löste sich Katelyn aus der Umarmung. In diesem Moment kam ihre Mutter eilig aus dem Haus gerannt und lief zu ihnen an den Straßenrand.

»Katie, Schätzchen. Du musst noch etwas von dem Kuchen mitnehmen.«

Sie reichte Katelyn einen großen Pappteller, der feinsäuberlich in Folie gewickelt war. Unter der Folie befand sich ein großes Stück Butterkuchen. Lächelnd ging Katelyn mit dem Kuchen in der Hand zu ihrem Wagen.

»Vielen Dank für alles. Ich muss jetzt wirklich gehen. Bye Mom, bye Dad.«

Sie legte den Kuchen auf den Beifahrersitz und winkte den beiden zum Abschied. Als die Wagentür zuschlug, fiel Katelyn wieder die beruhigende Stille des kleinen Dorfes auf. Sie seufzte, sah noch einmal in den Rückspiegel und fuhr los. Ihr Vater winkte und ihre Mutter wischte sich eine Träne aus den Augen. Ihren Eltern ging ihre Situation genauso nahe wie ihr selbst, das hatte Katelyn gespürt.

Nach der Fahrt über die Autobahn erreichte sie endlich die Ausfahrt. Katelyn betätigte den Blinker und zog auf die rechte Spur. Von jetzt an wurde die Landschaft wieder vom Großstadtdschungel beherrscht.

Kurz darauf erreichte sie den Stadtteil Sachsenhausen im Süden Frankfurts und hielt vor der Einfahrt einer Tiefgarage. Katelyn kramte in ihrem Rucksack und zog den Parkausweis heraus, mit dem sie die Schranke öffnete. Dann manövrierte sie den Jeep die Abfahrt hinunter und stellte ihn ab. Sie schaltete den Motor aus und blickte sich seufzend um. Dutzende von Autos standen um sie herum, wie schlafende Wesen fristeten sie für Stunden ihr Dasein, nur darauf wartend, dass ihr Herr oder ihre Herrin sie wieder aufwecken würden. Katelyn öffnet die Fahrertür und stieg aus. Eines unterschied diese Fahrzeuge jedoch von ihrem gelben Jeep. Sie waren nicht mit Rostflecken, Schrammen und bunten Reiseaufklebern überwuchert, sondern waren schmucklose kleine Stadtautos. Katelyn holte ihr Gepäck heraus und schloss den Wagen ab. Mit dem Aufzug fuhr sie ins dritte Stockwerk des Hochhauses und als sich die Aufzugtüren öffneten, trat sie auf den Gang hinaus und lief zur letzten Wohnungstür auf der Etage. Wieder musste sie in ihrem Rucksack wühlen, bis sie den Schlüssel fand. Schließlich schwang die Tür auf und Katelyn trat ein. Sie ließ ihre Taschen auf den Boden fallen und setzte sich in den Sessel im Wohnzimmer. Die Rollläden waren zur Hälfte herunter gelassen und die Wohnung lag im Halbdunkeln. Sie schloss die Augen und atmete tief durch.

Entspann dich, Kate. Du machst dir jetzt noch einen gemütlichen Abend und kannst morgen in aller Frische zur Arbeit gehen.

Seufzend öffnete sie die Augen und stand langsam auf. Nachdem sie für Tageslicht gesorgt hatte, kochte sie sich in der Küche Tee und schnitt einige Stücke von dem Butterkuchen auf. Während sie in der Küche stehend den Kuchen aß, beschloss sie, sich ein Bad zu gönnen. Ein langes, ausgiebiges Schaumbad. Das war ihr sonntägliches Ritual, um Energie für die nächste Woche zu tanken. Und Energie würde sie nun dringend brauchen.

2

Der Raum war hell erleuchtet und Katelyn stand zwischen den hohen Regalen, die unter der Last der Tonkrüge beinahe zusammenbrachen. Bauchige Gefäße und schlanke Amphoren wechselten sich ab, einige hatten fast die Größe eines erwachsenen Menschen.

Während Katelyn durch die Regalreihen lief, drehte sie immer wieder den Kopf herum. Sie hatte das Gefühl, dass sie verfolgt wurde. Geräusche, wie das Kratzen von Stiefelsohlen auf sandigem Steinboden, hallten durch den Lagerraum, doch sie konnte niemanden entdecken.

Sie beschleunigte ihre Schritte und bog um eine Ecke. Als sie ihre Hand an einem Regalfach entlanggleiten ließ, spürte sie, dass das Regal sich bewegte. Es wackelte leicht, wie bei einem Erdbeben. Panisch sah Katelyn zu den Tonkrügen hinauf. Sie begannen zu zittern und schlugen gegeneinander. Einer der Krüge rutschte ab und rollte über das Regalfach. Angespannt hielt Katelyn das Regal fest und kurz darauf schlug der Tonkrug neben ihr auf dem Boden auf. Mit einem lauten Krachen zersprang er in tausend Teile.

Wie versteinert starrte Katelyn auf die Scherben. Die Krüge waren über 2000 Jahre alt, man würde ihr dafür den Hals umdrehen. Plötzlich begannen noch mehr Krüge zu klappern. Sie bewegten sich, als ob jemand an dem Regal rütteln würde. Doch dann bemerkte sie, dass das Regal regungslos war und nur die Krüge sich bewegten. Immer schneller schlugen sie gegeneinander und die Amphoren kippten um. Katelyn schrie auf, als zwei Krüge herunterfielen. Dann brach ein Regalfach und die Keramiken ergossen sich scheppernd über den Betonboden. Kurz darauf watete Katelyn durch ein Meer aus Tonscherben. Verzweifelt versuchte sie, aus dem Lagerraum zu fliehen, doch sie fand die Tür nicht mehr. Tränen liefen ihr die Wangen hinunter und dann hörte sie wieder diese Schritte. Jemand begann zu lachen, es war ein höhnisches, schadenfrohes Lachen. Durch ihren Tränenschleier hindurch sah Katelyn den Umriss eines roten Tonkruges, der von einem Regal rollte. Es war der Größte der Sammlung, nahezu zwei Meter hoch. Wie in Zeitlupe hüpfte er über den Rand des Regals und fiel auf sie zu. Mit einem panischen Schrei hielt Katelyn sich die Hände vor das Gesicht und schloss die Augen …

Dann wachte sie auf. Ihre Decke lag quer über dem Bett und sie krallte sich mit verkrampften Fingern daran fest.

»Nur ein Traum«, murmelte sie. Katelyn bewegte die Füße und schüttelte die Arme aus, um ihre Durchblutung anzuregen. Wie ein steifes Brett hatte sie im Bett gelegen und sich ihren Alpträumen ausgeliefert. Wieder einmal ein Gruß aus der Vergangenheit.

Wann bekomme ich die Szenen endlich aus dem Kopf?

Sie dachte an ihre Zeit am Institut für Altertumsforschung zurück, an den Tag, der alles verändert hatte. Und sie konnte sich an jedes Wort, das ihr der Institutsleiter Dr. Lorenz an den Kopf geworfen hatte, erinnern: »Sie haben uns alle an der Nase herum geführt«, rief der Institutsleiter und sah Katelyn wütend an. »Während wir bei der Besprechung in der Universität waren, haben Sie die Gunst der Stunde genutzt und sich an uns gerächt.« Er zeigte auf die Schreibtische des Untersuchungslabors, in dem er und Katelyn standen. Zwischen den Mikroskopen und Untersuchungswerkzeugen lagen hunderte Tonscherben verstreut, der Anblick glich einem heillosen Chaos. Einige Überreste der Krüge bedeckten den Boden und Katelyn wäre beinahe auf die Abbildung eines Harfenspielers getreten, der vor wenigen Minuten noch eine antike Vase geziert hatte.

»Herr Lorenz, das war ich nicht«, antwortete Katelyn entrüstet und sah dem Institutsleiter in die Augen.

»Wieso sollte ich so etwas tun?«

»Aus Rache natürlich«, antwortete Dr. Lorenz und stemmte die Hände in die Hüften. »Weil Sie nicht zur Ausgrabungsstätte nach Sizilien mitkommen dürfen. Sie wollten Ihrem Kollegen einen Denkzettel verpassen, weil er zum Ausgrabungsleiter ernannt wurde. Oder vielleicht«, er machte eine Pause und sah Katelyn mit funkelnden Augen an, »wollen Sie ihm auch die Sache in die Schuhe schieben, damit Sie doch noch mitfahren können.«

In diesem Moment trat Katelyns Kollege Marko aus dem Nebenraum in das Labor. Er trug ein weißes Hemd und eine dünne Brille. Seine Haare waren ordentlich gekämmt und er war makellos rasiert. Mit ernstem Blick sah er Dr. Lorenz an.

»Die Schränke nebenan sind unversehrt«, sagte Marko. »An denen hat sie sich nicht zu schaffen gemacht. Vermutlich«, er blickte Katelyn aus seinen kalten Augen an, »weil sie keinen Schlüssel dafür hat.«

»Das ist doch Unsinn. Ich war für ein paar Minuten im Keller und als ich wieder ins Labor hochgekommen bin, war alles zerstört.«

»Das Institut war die letzten Stunden menschenleer«, entgegnete der Institutsleiter trocken. »Wir waren alle bei der Vorbesprechung zur Sizilien-Ausgrabung, Sie waren die Einzige, die sich in dem Gebäude aufgehalten haben.«

»Kann es sein, dass die Wut mit dir durchgegangen ist, Kate?«

Katelyn sah Marko an. Der Archäologe war ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen, er schmeichelte sich bei jeder Gelegenheit bei Dr. Lorenz ein. »So ein Quatsch, ich weiß doch, wie wichtig die Vasen sind. Sie enthalten die ersten bildlichen Darstellungen des Totenkults der Etrusker, da müsste ich ganz schön blöd sein, so etwas unwiederbringlich zu zerstören.«

»Herr Breuer meint wohl eher, dass Sie im Affekt gehandelt haben«, gab der Institutsleiter zu bedenken. »Sie arbeiten oft zusammen, er kennt Sie besser als ich, Frau Schwarz.«

»Marko, bitte«, sagte Katelyn und sah ihren Kollegen flehend an. »Du weißt, dass ich so etwas nicht machen würde.«

Der Archäologe rieb sich das Kinn. »Eigentlich habe ich dich immer für eine gute Wissenschaftlerin gehalten. Du bist sehr fleißig. Aber seit wir mit den Planungen für Sizilien begonnen haben, bist du irgendwie merkwürdig geworden.«

Katelyn traute ihren Ohren kaum. »Was redest du denn da?«

»Könnten Sie das bitte etwas genauer beschreiben, Herr Breuer?«, fragte Dr. Lorenz.

»Na ja, sie hat immer betont, wie gerne sie zu den Ausgrabungen mitgehen würde. Aber sie war noch mit den etruskischen Vasen beschäftigt und hat mich mehrmals gefragt, ob ich dieses Projekt nicht übernehmen könnte.«

Dr. Lorenz sah den Archäologen verwirrt an. »Aber Sie sind doch auf die griechische Antike spezialisiert, nicht auf die Etrusker.«

»Das stimmt. Kate ist die Expertin für Keramik.

Aber weil in Sizilien massenweise Tonkrüge gefunden wurden und sie trotzdem nicht an der Ausgrabung teilnehmen durfte, hat sie verzweifelt nach jedem Strohhalm gegriffen.«

»Dr. Lorenz, ich kann Ihnen versichern …«, setzte Katelyn an.

»Das alles ist noch sehr vage«, unterbrach der Institutsleiter sie. »Fest steht nur, dass Sie einen Grund und eine Gelegenheit dazu hatten. Sie waren die Einzige in diesem Haus und …«

»Aber es könnte doch auch jemand von draußen gekommen sein«, fiel Katelyn ihm aufgebracht ins Wort.

»Es gibt aber keine Einbruchsspuren an den Türen und Fenstern«, entgegnete Marko Breuer. »Und ohne Schlüssel kommt man nicht ins Labor.«

»Das ist doch kein Beweis«, entgegnete Katelyn aufgebracht.

»Jedenfalls muss der Schaden ersetzt werden. Ich werde rechtliche Schritte einleiten, auf so einem Verlust kann das Institut nicht einfach sitzen bleiben.«

»Was?« Katelyn trat auf Dr. Lorenz zu. Die Scherben unter ihren Füßen knirschten.

»Ja, Frau Schwarz. Sie müssen leider damit rechnen, verklagt zu werden.«

Die nächsten Tage waren für Katelyn die Hölle gewesen. Sie wurde von ihrer Arbeit freigestellt und musste einen Anwalt hinzuziehen. Der Fall sprach sich auch in anderen Instituten herum und Katelyn bekam unangenehme Anrufe von ihren Kollegen.

Schließlich kam es zu einer Gerichtsverhandlung und das Institut versuchte, den Schaden einzuklagen.

Glücklicherweise konnten keine eindeutigen Beweise dafür gefunden werden, dass Katelyn die Verursacherin war. Nach zähem Ringen wurde sie schließlich freigesprochen, doch ihren Arbeitsplatz hatte sie bei diesem Prozess verloren.

Katelyn schüttelte sich, immer wenn sie daran dachte, wurde ihr schlecht. Das Verfahren lag schon über ein Jahr zurück und es wurde endlich Zeit, nach vorne zu schauen. Sie warf einen Blick auf ihren Wecker und stöhnte. Noch drei Stunden, dann musste sie aufstehen. Mit einem übellaunigen Grummeln drehte sie sich um, schlug die Decke über den Kopf und schloss die Augen.

Der Antiquitätenladen lag zwischen Boutiquen und Juwelieren in einer der teuersten Einkaufsmeilen Frankfurts und präsentierte seine wertvollsten Stücke in den Schaufenstern. Die alte Fassade passte perfekt zu den antiken Waren. Katelyn bog in die schmale Einfahrt ein, die zum Parkplatz hinter dem Gebäude führte. Sie stellte ihren Wagen ab und ging zum Hintereingang des Ladens. Bevor sie die Tür öffnete, atmete sie noch einmal tief durch.

Entspann dich, Kate. Das wird schon.

Sie betrat das Gebäude und schloss die Tür hinter sich. Dann hängte sie ihre Jacke an die Garderobe und betrat den Pausenraum. Luise, die als Verkäuferin im Laden arbeitete, kochte gerade Kaffee. Als sie Katelyn sah, hellte sich ihr Gesicht auf.

»Hallo, Kate. Wie war dein Urlaub?«

»Guten Morgen, Luise. Ganz nett, danke. Er ging nur so schnell vorbei …«

»Das ist doch immer so«, entgegnete Luise lachend.

»Ich weiß noch, als ich auf den Kanaren war, da verging die Zeit wie im Flug. Meine Schwester und ich sind den ganzen Tag am Strand gelegen und haben nach gut gebräunten Typen Ausschau gehalten …«

Katelyn schenkte sich ebenfalls Kaffee ein und ließ Luises Redeschwall über sich ergehen. Sie rührte gerade gedankenverloren in ihrer Tasse herum, als sie aus dem Nebenraum ein Geräusch vernahm. Kurz darauf betrat ihre Chefin, Margot Steiner, den Raum.

»Guten Morgen, Kate.« Margot hielt ein Klemmbrett in der Hand und sah Katelyn erwartungsvoll an. »Hast du dich gut erholt?«

»Hallo Margot. Ja, ich denke schon. Ich war oft im Wald beim Joggen und habe die Ruhe auf dem Land genossen.«

»Sehr schön. Dann bist du ja wieder fit für eine neue Aufgabe.«

Katelyn beobachtete ihre Chefin argwöhnisch über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg.

»Luise war am Freitag bei einer Wohnungsauflösung und hat die Waren ins Lager geschafft«, fuhr Margot fort. »Du solltest sie sortieren und die Werte schätzen.

Ich muss mich noch um meine Bilanzen kümmern, Luise führt solange den Laden.«

»Eine Wohnungsauflösung?«, fragte Katelyn verdrossen nach.

»Ja. Eine alte Dame ist verstorben und ihr Sohn hat die Wohnung aufgelöst. Sie war eine Sammlerin und hat viele historische Dokumente und Erinnerungsstücke aufbewahrt. Sie hat auch einige Möbelstücke zum Verkauf angeboten, die du untersuchen solltest.«

Katelyn verzog das Gesicht. »Ich soll mich schon wieder um solche verstaubten alten Kommoden kümmern? Die sind doch sowieso nichts mehr wert …«

Margot funkelte Katelyn an. »Du wirst dir alle Sachen gründlich ansehen. Bis heute Abend will ich wissen, welchen Preis wir für diese Stücke ansetzen können. Und schätze bloß nicht wieder zu niedrig, beim letzten Mal ist uns ein echtes Geschäft durch die Lappen gegangen.«

»Ach, diese komische Pendeluhr … Woher sollte ich wissen, dass es jemanden gibt, der allen Ernstes mehrere tausend Euro dafür hinblättern würde?«

»Jedenfalls wird dir dieser Fehler nicht noch einmal passieren. Die Möbel stehen im Lagerraum, Luise hat sie beschriftet.« Sie drückte Katelyn das Klemmbrett in die Hand. Darauf befand sich ein Bogen, der für die Katalogisierung von Verkaufsobjekten verwendet wurde.

»Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass die Möbel besonders wertvoll sind«, schaltete sich Luise ein. »Der Sohn der Verstorbenen wollte sie unbedingt loswerden und hat sie mir geradezu aufgedrängt. Ich konnte die historischen Erinnerungsstücke der Sammlerin nur kaufen, weil ich auch die ganzen Möbel mitgenommen habe.« Sie lächelte Katelyn aufmunternd an.

»Na gut. Dann grabe ich mich eben durch das Gerümpel.« Katelyn stapfte missmutig in Richtung Lagerraum. Aus dem Augenwinkel konnte sie noch sehen, wie Margot sie mit einem wütenden Blick bedachte.

Bin ich zu weit gegangen? Katelyn wusste, dass Margot den Ausdruck »Gerümpel« nicht mochte. Für sie bestand alles aus »Wertgegenständen.«

»Aber es ist nun mal Gerümpel«, murmelte Katelyn verärgert. Als sie die quietschende Tür zum Lagerraum öffnete und den Lichtschalter betätigte, fielen ihr beinahe die Augen aus. Von der rechten hinteren Ecke bis zur Mitte des etwa sieben Meter langen Raumes türmte sich ein unheilvoller Haufen bis unter die Decke, der aus Kommoden, Kartons, Uhren, uralten Bratpfannen und aufgeschlitzten Sitzhockern bestand. An einem Holzgestell, das mit viel Fantasie einmal ein Kleiderschrank gewesen sein mochte, hing ein großer weißer Zettel mit Luises handschriftlichem Vermerk über Ort, Verkäufer, Datum und Preis der Anschaffung. Mit einem Seufzer setzte sich Katelyn auf einen Bürostuhl, der neben einem kleinen Schreibtisch am Eingang des Lagerraums stand, und legte das Klemmbrett auf ihren Schoß. Ihr Blick, der unruhig über das Chaos wanderte, blieb plötzlich an einem Karton hängen, der einsam unter einer leeren Vitrine stand.

»Schriftstücke und Bilderrahmen«, stand in krakeliger Schrift auf einem Aufkleber an der Seite des Kartons geschrieben. Katelyn legte das Klemmbrett weg und ging auf den Karton zu. Sie sah zuerst in die Vitrine hinein, deren Fächer mit einer dicken Staubschicht bedeckt waren. An einigen Stellen waren Lücken in der Staubschicht. Vermutlich hatten an diesen Stellen die Bilderrahmen gestanden, die in dem Karton verstaut waren. Katelyn zog das Klebeband ab, mit dem der Karton verschlossen war, und öffnete ihn neugierig. Die Augen eines jungen Soldaten starrten sie aus einem Bilderrahmen an. Der Mann hatte kurze dunkle Haare und ein ausdrucksstarkes, ernstes Gesicht. Katelyn hob den Rahmen vorsichtig an. Darunter kamen noch weitere Bilder zum Vorschein, außerdem alte Pässe, Urkunden, Briefe und Handschriften. Sie sortierte die Stücke chronologisch und reihte sie auf dem Schreibtisch auf. Die Dokumente reichten vom Jahre 1869 bis 1970 und waren vergilbt und ausgefranst. Aber was sie hier sah, war 100 Jahre geschriebene Geschichte.

Als sie mit den Schriftstücken fertig war, sah Katelyn sich die Vitrine genauer an. Unter dem Glaskasten waren zwei Schubladen aus Holz. Katelyn versuchte, sie zu öffnen, doch sie waren verschlossen.

»Na, kommst du voran?«

Katelyn fuhr hoch. Luise stand in der Tür und zog sich ihren Mantel über.

»Das meiste ist uninteressant, aber ich habe hier eine erfolgversprechende Sammlung alter Schriftstücke entdeckt. Weißt du, wo der Schlüssel zu der Vitrine ist?«

Luise schwang sich ihre Handtasche über die Schulter.

»Den habe ich im Schreibtisch in die oberste Schublade gelegt. Dass die Schriftstücke wertvoll sein könnten, ist mir auch gekommen. Das gab letztendlich den Ausschlag für meine Kaufentscheidung. Kate, würdest du jetzt in den Laden rüber gehen? Ich muss noch zum Arzt wegen meiner OP von letzter Woche. Margot ist gerade beim Steuerberater.«

Katelyn wollte etwas erwidern, doch Luise drehte sich schwungvoll um und sauste mit einem »Tschüss, bis morgen« zur Hintertür hinaus. Wehmütig verließ Katelyn den Lagerraum und ging zur Verkaufstheke. Eine Frau war im Laden und schaute sich das Gemäldesortiment an. Katelyn war schon lange genug in diesem Geschäft, um zu wissen, dass sich die Leute erst einmal in Ruhe umsehen wollten. Daher öffnete sie die Kasse und überprüfte das Kleingeld.

Sie war gerade dabei, einige Münzen nachzufüllen, als ein Mann hereinkam und zielstrebig auf sie zulief. Katelyn schätzte ihn auf Mitte vierzig, er hatte eine elegante Brille, helle ordentlich geschnitten Haare und trug ein hellblaues Hemd.

»Guten Tag. Ich bin auf der Suche nach etwas ganz Bestimmtem. Was sind die ältesten Stücke, die Sie führen?«

Katelyn umrundete die Theke und führte ihn in eine Ecke des Ladens. Sie erzählte von Alter und Zustand einer 200 Jahre alten Mingvase, einer 120 Jahre alten Tabakpfeife und einer 80 Jahre alten Künstlerskulptur. Der Mann stand vor dem Regal und begutachtete nachdenklich die Waren. Katelyn konnte ihm ansehen, dass er etwas anderes wollte.

»Was suchen Sie denn genau?«, fragte sie.

»Ich suche noch ältere Stücke, mindestens 300 Jahre alt.«

»300 Jahre? Nein, tut mir leid, da werden Sie bei uns nicht fündig.«

Das ist schließlich nur ein schnöder Laden und kein Museum, dachte sie. Doch der Mann ließ nicht locker.

»Falls Sie einmal etwas Interessantes bekommen, rufen Sie mich bitte an. Ich bin privater Sammler und Forscher und unternehme ab und zu Expeditionen.«

Katelyn sah ihren rätselhaften Kunden an. Was sollte das bedeuten? Sie überlegte gerade fieberhaft, wie sie den Mann vertrösten sollte, als er ihr eine Visitenkarte reichte.

»Sie melden sich bei mir, falls Sie etwas haben, ja? Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen«, brachte Katelyn gerade noch heraus, als der Mann so schnell wieder verschwand, wie er gekommen war.

Mitten im Laden stehend las sie die Zeilen, die in schnörkelloser Schrift auf die Karte gedruckt waren. »Nelson Westerwald«, stand dort, darunter seine Adresse und Telefonnummer. »Sammler antiker Kunstgegenstände«. Daneben war die Illustration einer abstrahierten Maya-Statue abgebildet. Katelyn hob verblüfft die Augenbrauen. Hatte er nicht etwas von privater Forschung gesagt?

»Kate, da bist du ja.« Margot stand beladen mit einer großen Aktentasche vor ihr und sah sie wütend an. Offenbar war sie von ihrem Termin zurückgekehrt. »An der Kasse warten Kunden, gehe endlich rüber und bediene sie!«

Schnell ließ Katelyn die Visitenkarte in ihrer Hosentasche verschwinden und eilte mit einem kurzen »Entschuldigung« zur Ladentheke.

Nachdem eine ältere Dame mit einer Taschenuhr und ein Mann mit mehreren Blechschildern versorgt waren, atmete Katelyn erleichtert auf. Das würde noch ein Nachspiel haben, Margot war bei so etwas knallhart.

Als es um die Kasse wieder ruhiger wurde, kam sie auf Katelyn zu.

»Was ist nur los mit dir? In letzter Zeit lässt du schon etwas nach, Kate.«

Jetzt geht es los, dachte Katelyn. Die typische Standpauke.

»Bedeutet dir die Arbeit denn gar nichts? Könntest du dir nicht ein bisschen mehr Mühe geben?«

Katelyn musste ihre Hände hinter dem Rücken verstecken, um die Fäuste ballen zu können. Sie gab sich Mühe, so viel sie konnte. Aber solange sich das nicht in Margots Bilanz niederschlagen würde, blieben ihre Anstrengungen bedeutungslos, das wusste sie.

»Margot, ich …«

»Ich übernehme jetzt wieder den Laden. Du machst bei deinen Lagerarbeiten weiter.«

Mit diesen Worten wandte Margot sich von Katelyn ab und ging mit einem Lächeln auf den Lippen und freundliche Miene auf die Frau zu, die das Preisschild eines Ölgemäldes in den Händen hin und her drehte.

Katelyn drehte sich wütend um. Margot geht es weder darum, interessante Antiquitäten ans Tageslicht zu bringen, noch darum, den Kunden eine Freude zu machen. Ihr geht es schlicht ums Geld.

Katelyn eilte aus dem Verkaufsraum, passierte die Flure und betrat den Lagerraum. Die Tür flog so schwungvoll hinter ihr ins Schloss, dass die Bilderrahmen auf dem Schreibtisch umkippten.

Warum bleibt immer alles an mir hängen? Als sie damals im Institut vor die Anklagebank gekommen war, war es genauso gewesen. Sie hatte geschuftet und geschuftet, hatte dutzende Überstunden geleistet und hatte sich selbst in ihrer Freizeit mit kaum einem anderen Thema als ihrer Arbeit beschäftigt. Katelyn hatte ihre Arbeit geliebt und als Belohnung war sie hinterhältig verraten worden. Sie war als Betrügerin hingestellt worden und musste diesen Ruf nun mit sich herumtragen.

Mit zusammengebissenen Zähnen stellte sie die Bilderrahmen wieder auf und holte den Schlüssel für die Vitrine aus dem Schreibtisch. Dann schloss sie die erste Schublade auf. Vielleicht konnten die Schriftstücke Katelyn noch den Hals retten, obwohl sie nicht ernsthaft daran glaubte. Vorsichtig zog sie die Schublade auf und schaute neugierig hinein. Doch die Schublade war leer. Nachdem sie die zweite Schublade zur Hälfte geöffnet hatte, wollte sie diese wieder schließen, als sie im hinteren Teil etwas Buntes aufleuchten sah. Der Schiebemechanismus klemmte und Katelyn griff mit der Hand nach dem Inhalt. Es war ein rechteckiges Geschenk, eingepackt in buntes Papier und mit einem Namensanhänger daran.

»Meiner lieben Sieglinde zum Geburtstag. Mögest du viel Freude daran haben. Deine Emmi«, stand in zierlicher Handschrift mit Tinte darauf geschrieben. Sieglinde? War das die Sammlerin? Katelyn las noch einmal Luises Notizen.

»Wohnungsauflösung S. Hofer«. Das »S« könnte für Sieglinde stehen, vermutete Katelyn. Sie betrachtete das Geschenk von allen Seiten und wog es in der Hand. Schwer war es nicht. Luise hatte alle Möbelstücke und deren Inhalt gekauft, also gehörte auch dieses Geschenk jetzt dem Antiquitätengeschäft. Neugierig löste Katelyn die Klebestreifen und schlug das Papier zur Seite. Ihr Ärger war mit einem Mal verflogen, sie konzentrierte sich nur noch auf das Päckchen.

Das Papier war mehrmals um den Inhalt gewickelt, doch schließlich gab es sein Geheimnis preis. Katelyns Mund schnappte auf und ihre Augen wurden immer größer. Sie hielt ein Buch in den Händen, ein sehr altes Buch. Es war zum Schutz in einer Folie verpackt. Der Ledereinband war verschlissen und auf der Vorderseite waren goldene Buchstaben eingeprägt. Zum Glück waren Katelyns Lateinkenntnisse noch nicht eingerostet und so konnte sie lesen, was dort geschrieben stand.

»Tagebuch von Bruder Sirius.«

Das uralte Tagebuch eines Mönchs, dachte Katelyn aufgeregt. Sie musste dieses Tagebuch unbedingt studieren, es gründlich unter die Lupe nehmen, Daten bestimmen, nach vergleichbaren Funden recherchieren und so weiter. Genüsslich malte sie sich aus, wie sie dem Buch ein Geheimnis nach dem anderen entlocken würde. Auf den ersten prüfenden Blick hin, schien das Fundstück echt zu sein. Wer würde seiner Freundin oder Bekannten oder wer diese Emmi auch war, eine wertlose Fälschung schenken. Nein, dieses Stück musste echt sein. Doch wie sollte sie es angemessen untersuchen? Der Laden kam dafür nicht infrage. Katelyn dachte nach. Zu Hause in ihrem Arbeitszimmer würde die Sache schon anders aussehen. Doch Margot würde ihr das Buch niemals überlassen.

Ich darf niemanden von dem Buch erzählen, auch nicht Luise.

Schnell packte Katelyn das Geschenkpapier um das kostbare Stück. Sie versteckte es notdürftig unter einigen Papieren auf dem Schreibtisch und stahl sich in den Mitarbeiterraum. Margot war mit den Kunden beschäftigt, Katelyn konnte daher ungesehen das Buch in ihrer Tasche verstauen, diese an die Garderobe zurückhängen und schnell wieder im Lager verschwinden.

Bis zum Abend hatte Katelyn einige Objekte aus dem Bestand der Wohnungsauflösung geschätzt und in den Regalen des Verkaufsraums eingeordnet. Um kurz nach achtzehn Uhr wurde der Antiquitätenladen geschlossen. Katelyn ging in den Pausenraum hinüber und zog sich an. Margot kam hinzu und stellte eine leere Kaffeetasse in der Spüle ab.

Katelyn knöpfte ihre Jacke zu. »Ich gehe jetzt. Bis morgen, Margot.« Sie griff zur Türklinke.

»Warte, Kate.«

Katelyn hielt inne, lies jedoch nicht die Tür los.

»Ich wollte dir noch sagen, dass du heute Mittag sehr gute Arbeit mit den Lagerbeständen geleistet hast. Die Stücke sind so gut vorbereitet, dass sie einen schönen Preis erzielen werden. Wenn du so weitermachst, könnten wir über eine Vertragsverlängerung reden.«

»Danke, Margot. Das können wir dann morgen besprechen. Ich bin müde und muss jetzt nach Hause.«

Ohne ein weiteres Wort riss Katelyn die Hintertür auf und trat ins Freie. Hoffentlich hat sie nichts bemerkt, dachte Katelyn. Sie drückte die Tasche, in der das Tagebuch verstaut war, eng an ihren Körper. Margot wäre ganz scharf auf das Buch gewesen. Doch Katelyn sah in dem Tagebuch mehr als nur die Möglichkeit, Margots Sympathien zu erlangen.

Dieses Buch gebe ich nicht mehr aus der Hand, dachte sie. Endlich habe ich wieder etwas, das ich untersuchen kann.

Hastig lief sie durch den Hinterhof auf den Parkplatz zu. Als sie an ihrem Wagen angelangt war, schloss sie die Tür mit fahrigen Bewegungen auf und setzte sich auf den Fahrersitz.

»Schnell weg hier«, murmelte sie. Vorsichtig legte sie die Tasche auf den Beifahrersitz und startete den Motor.

3

Der schwere Duft der Räucherstäbchen breitete sich in dem Tempel aus, in dem Anh, der in bunte Gewänder gehüllt war, vor einer großen Buddha-Statue betete. Nur das Krächzen der Vögel war zu hören, während er seine morgendliche Meditation durchführte. Leise murmelte Anh sein Mantra vor sich hin.

Der Tag brach in diesem Teil der Erde schnell an und brachte heißes, feuchtes Klima mit sich. Wie in Trance hielt Anh die Augen geschlossen und konzentrierte sich auf seine Atemzüge.

In dem langen Gang hinter ihm war das Echo von hektisch rennenden Sandalen zu hören.

»Anh! Anh!« Eine junge Männerstimme rief nach ihm. Anh stoppte das Rezitieren der Sanskritworte und atmete tief durch.

»Da bist du ja! Himmel, Anh, du musst sofort kommen«, sagte der Mann keuchend, der hinter Anh stehengeblieben war. »Es ist ein Notfall. Einer der Arbeiter wurde von einer Schlange gebissen.«

»Wo ist es passiert?« Anh drehte sich nicht um und behielt seine Meditationshaltung bei.

»Am Waldrand. Sie haben gerade Bäume gerodet für die Umfassungsmauer des Tempelkomplexes, da schrie ein Arbeiter auf, als er durch das hohe Gras lief. Offenbar sind sie in ein Schlangennest getreten und da …«

»Lauf zu meinem Haus und warte dort auf mich. Ich komme sofort.«

Wie auf Befehl drehte sich der Mann um und stürzte nach draußen.

Anh seufzte. Er hasste es, bei seinen Gebeten gestört zu werden. Seit die Priester ihn unterrichteten, machte er große Fortschritte bei der Ausübung der Lehre Buddhas.

Schließlich öffnete er die Augen und stand langsam auf. Dann verbeugte er sich vor der goldenen Statue und lief zum Ausgang.

Als er den Pfad zu seinem Haus einschlug, überlegte er, welche Medizin er aus seinen Truhen holen sollte. Vermutlich benötigte er auch ein Betäubungsmittel, denn er wusste von anderen Patienten, dass die Reaktion des Körpers mit Schlangengift meist heftige Schmerzen auslöste. Er raffte seinen Umhang und lief in Richtung Flussufer, wo sein Pfahlhaus stand und der Bote auf ihn wartete.

»Da bist du ja, bitte beeile dich!« Nervös trat der Bote von einem Bein auf das andere. Anh lief die hölzernen Stufen hinauf und öffnete die Tür. Im Inneren war es dunkel und muffig, die Sonne hatte die Hütte aufgeheizt. Zielstrebig lief Anh in die hinterste Ecke des Gebäudes, in der sich seine Werkstatt befand. Er griff nach einem Lederbeutel und füllte ihn mit Kräutersäckchen, Salben, Tüchern und Schüsseln. Dann öffnete er eine kleine Truhe und griff nach einem Beutel getrockneter Beeren. Nachdenklich wiegte er den Beutel in der Hand. Die Beeren waren giftig, doch mit der richtigen Dosis dienten sie hervorragend als Betäubungsmittel. Er hatte keine Ahnung, welche Schlange am Werk gewesen war und möglicherweise war ihr Biss harmloser, als es den Anschein hatte. Wählte er die falsche Medizin, konnte er den Arbeiter genauso in den Tod stürzen.

»Anh! Beeile dich!« Der Bote vor dem Haus geriet immer mehr in Panik. Anh warf die Beeren in seinen Beutel und eilte aus dem Haus. Im Stechschritt liefen die beiden Männer den Fluss entlang und kamen nach einigen Minuten zu einer Lichtung, auf der sich eine große Menschenmenge versammelt hatte. Dutzende braungebrannte Arbeiter, allesamt im Lendenschurz, scharten sich um den Verletzten. Der Aufseher hatte ihn auf den Rücken gelegt und die Wunde notdürftig gereinigt. Als Anh mit seinem Umhängebeutel in die Menge trat, blickte der Aufseher mit grimmigem Blick zu ihm auf.

»Ihr kommt spät, Hexer. Ich bin gespannt, ob Ihr ihn mit Eurer Magie noch retten könnt.« Der muskulöse, bärtige Mann trat zur Seite und gab den Blick auf den am Boden liegenden Arbeiter frei. Dieser zuckte mit den Armen und warf den Kopf unkontrolliert hin und her. Stöhnend streckte er sein linkes Bein aus und ein Raunen ging durch die Menge. Der Knöchel war dick geschwollen und hatte sich lila verfärbt. Anh sprach in Gedanken ein Gebet aus und warf seine Tasche in den Staub.

»Wenn er stirbt, werde ich Eurem Meister von Eurer Unfähigkeit berichten«, fauchte der Aufseher. »Seit er weg ist, passieren nur noch Unfälle. Er hat uns verflucht, um Euch auf die Probe zu stellen. Ihr Hexer seid ein einziges Übel.« Dann wandte er sich der Menge zu. »Los, weitermachen! Die Arbeiten dürfen nicht ruhen!« Erschrocken stoben die Arbeiter auseinander und machten sich unter dem Geschrei des Aufsehers wieder an die Rodungsarbeiten. Nur der Bote blieb neben Anh stehen und schaute ihm ängstlich und kreidebleich zu.

»Ein Monster!«, stammelte der Verletzte. »So groß!«

»Ruhig, haltet still.« Anh setzte sich neben den Mann auf den Boden und tupfte seine Stirn mit Wasser ab. Der Arbeiter redete im Fieberwahn weiter.

»Es kam direkt aus der Unterwelt und wollte uns verschlingen!«

Routiniert führte Anh seine Arbeitsgriffe aus. Er band den Knöchel ab und öffnete ein Töpfchen mit überriechender Salbe. Damit betupfte er die Wunde und betrachtete sie prüfend.

»Es kommt, um uns zu holen! Alle! Alle wird es fressen!« Der Arbeiter bekam einen Schüttelkrampf und schlug um sich. Anh spürte einen Hieb in der Seite. Ihm blieb für einen Moment die Luft weg.

»Anh! Vorsicht, er schlägt um sich«, kreischte der Bote hysterisch. Verdammt. Anh dachte nach und wog die Risiken ab. Dann fasste er einen Entschluss.

»Schnell, nimm seine Arme und halte ihn ruhig, ich muss ihm etwas verabreichen. Los jetzt!« Der Bote tat wie befohlen und versuchte, gegen die kräftigen Arme zu drücken und sie am Boden zu halten. Der Arbeiter stöhnte und rollte mit den Augen. Er brüllte und drehte den Kopf weg, als Anh seine Hand an dessen Mund führte.

»Nein! Tod, Tod!«, brüllte der Arbeiter. Der Bote begann damit, panisch Gebete zu murmeln, und starrte entsetzt in das verzerrte Gesicht des Verletzten. Anh blieb ganz ruhig. Er wartete auf den richtigen Moment. Beim nächsten Aufschrei stopfte er zwei rote Beeren in den offenen Mund und presste den Kiefer zu. Die Augen des Verletzten traten hervor und sahen ihn entsetzt an. Anh lief der Schweiß den Rücken hinab. Er hätte sein Gebetsgewand ausziehen sollen. Ein letztes Mal zuckte der Körper zusammen, dann schlossen sich die Augen und der Kopf des Mannes rollte zur Seite. Die Glieder erschlafften und der Atem flachte ab.

»Du … du hast ihn umgebracht«, stammelte der Bote. Da kochte Wut in Anh hoch. Mit dem Ellbogen stieß er den Boten zur Seite.

»Unsinn. Er lebt noch. Aber er wird eine Weile schlafen und sich nicht bewegen können. Wenn er wieder aufwacht, hat er keine Schmerzen mehr. Geh und hole ein paar Tücher, ich werde sie unter seinen Kopf legen.«

Der Bote sprang auf und rannte davon. Keuchend ließ sich Anh auf den Boden fallen. Er bebte vor Wut. Viele aus der Stadt schätzten seine Kenntnisse über die Pflanzenwelt und deren Heilkräfte und fragten ihn oft um Rat. Doch manche sahen in ihm das Unglück, die Ungläubigkeit und böse Mächte.

Je mehr du erreichst, desto mehr Feinde bekommst du, dachte Anh. Er wusste, dass der Aufseher der Bauarbeiter ihn nicht leiden konnte. Er ließ ihn zwar immer rufen, wenn er medizinische Hilfe benötigte, bezeichnete seine Kunst aber als Zauberei, die den Menschen nur Unglück bringen würde. Der Aufseher war genau wie Anhs Meister dem König hörig und blieb den traditionellen Riten und Glaubensrichtungen treu. Demnach konnten allein die Götter über das Schicksal bestimmen und wer sie nicht ausreichend verehrte, brachte Unglück über die Menschen. Nicht die Menschen selbst oder ihr Können, sondern allein die Götter bestimmten über Erfolg und Niederlage. Seit Anh beim großen Meister Son Tong als Schüler in Lehre war, wurden seine Experimente misstrauisch verfolgt. Der Meister ließ zu, dass er sich mit dem Studium der Pflanzen befasste und immer neue Elixiere braute. Doch Ungehorsam duldete auch er nicht. Anh musste die uralten Zauber- und Schutzformeln lernen und seinen Meister beim Dienst im Königspalast unterstützen. Die Palastmitarbeiter hatten nur auf den Tag gewartet, als Son Tong vor Wochen die Stadt verlassen hatte, um sich mit anderen Magiern in den letzten Winkeln des Reiches zu treffen. Sie machten Anh das Leben zur Hölle. Er wurde beschimpft und aus der Stadt geschickt, seit Tagen hatte er sich in seiner abgelegenen Holzhütte verbarrikadiert und verließ diese nur zu den Gebeten und Lehrstunden im alten Tempel oder bei Notfällen auf der Tempelbaustelle. Wenigstens die Priester waren ihm noch wohlgesonnen. Oder die Arbeiter, wenn sie verzweifelt um seine Hilfe schrien.

Er atmete tief durch und richtete sich auf. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und sandte ihre unerbittliche Hitze über das Land. Anh klopfte sich den Staub aus der Kleidung und beobachtete seinen Patienten. Der Mann war betäubt. Vermutlich spürte er nichts mehr und wanderte auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Sein Schicksal lag nun wirklich in den Händen der Götter.

Anh bestrich gerade die Bisswunde erneut mit Salbe, als der aufgeregte Bote angelaufen kam. Er brachte Tücher und frisches Wasser. Gemeinsam versuchten die beiden, es dem Bewusstlosen so bequem wie möglich zu machen. Dann wusch Anh seine Hände und sprach einige Zauberformeln.

»Wir müssen ihn hier liegen lassen. Ruf ein paar Männer von der Palastwache, sie sollen auf ihn aufpassen und niemanden zu ihm lassen. Wenn er die Nacht übersteht, ist er gerettet.« Anh stand auf und wandte sich zum Gehen.

»Herr, wie kann ich Euch danken?«

»Nenn mich nicht so. Ich weiß genau, dass der Aufseher dich geschickt hat und in dir und mir nur einen Sündenbock gesucht hat. Wenn er morgen einen Arbeiter weniger hat, werden wir schwer bestraft werden.«

Der Bote schluckte. »Was soll ich tun?«

»Hör auf zu jammern und bleib bei ihm. Und bete.«

Damit drehte Anh sich um und ließ den ratlosen und ängstlichen Boten zurück.

Sie sind wie dummes Vieh, das einem starken Hirten hinterherläuft, dachte Anh, als er seine Hütte betrat. Die Menschen haben in all den Jahren nichts dazu gelernt.