Der Klangmeister Rudolf Tutz -  - E-Book

Der Klangmeister Rudolf Tutz E-Book

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Beschreibung

Rudolf Tutz (1940–2017) erlangte mit seinen Nachbauten historischer Blasinstrumente Weltgeltung. Als Spross einer aus Böhmen stammenden traditionsreichen Tiroler Instrumentenbauerfamilie kam er früh mit bedeutenden Pionieren und führenden Exponenten der Alte-Musik-Bewegung in Kontakt. Sie erkannten sein besonderes Talent; auf ihre Anregung hin baute Tutz Instrumente, deren außergewöhnliche Qualität Maßstäbe setzte. Bis zu seinem Tod 2017 war er unermüdlich auf der Suche nach dem besonderen Klang. Berühmte Musikerinnen und Musiker spielten oder spielen auf seinen Instrumenten, vor allem den historischen Klarinetten und Flöten. Als rastlos Suchender beschäftigte sich Rudolf Tutz auch mit modernen Instrumenten und ihrer klanglichen Optimierung.Diese Publikation ist eine facettenreiche Hommage an einen genialen Instrumentenbauer und an eine originelle Persönlichkeit. Der berufliche Werdegang von Rudolf Tutz, sein Leben und seine von tiefer Humanität und feinem Humor geprägte Persönlichkeit sind ebenso Thema wie seine Instrumente und seine große, vielfältig in die Gegenwart und Zukunft wirkende Bedeutung für die Alte Musik.

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2020

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LINDE BRUNMAYR-TUTZ UND FRANZ GRATL (HRSG.) DER KLANGMEISTER RUDOLF TUTZ

Linde Brunmayr-Tutz und Franz Gratl (Hrsg.)

Der Klangmeister Rudolf Tutz

Annäherungen an einen Tiroler Instrumentenbauer von Weltruf

Universitätsverlag Wagner

 

 

 

© 2020 Universitätsverlag Wagner Ges.m.b.H., Erlerstraße 10, A-6020 Innsbruck

E-Mail: [email protected]

Internet: www.uvw.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilmoder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oderunter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenenTextes kommen.

ISBN 978-3-7030-6548-4

Umschlagabbildung: Rudolf Tutz (Foto: Tiroler Landesmuseen)

Satz und Umschlag: Universitätsverlag Wagner/Karin Berner

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlungoder direkt unter www.uvw.at

Inhalt

Grußworte

Zu diesem Buch

FRANZ GRATL

Wurzeln, Werdegang und Wirken eines Originalgenies: der Instrumentenbauer Rudolf Tutz

HELMUT A. GANSTERER

Die wohlbalancierte Flöte

RUDI TUTZ JUN. IM INTERVIEW MIT INES ZIMMERMANN

Die Nachfolge

BARTHOLD KUIJKEN

„Eine gute Flöte zu machen, ist nicht schwierig, aber die zweite …!“

RACHEL BROWN

„It was Rudi who gave me my voice“

ERNST SCHLADER

Der Instrumentenbauer als Forscher, Detektiv und Pädagoge

PETER RABL

„Er wurde zu meiner klanglichen Instanz“

RUPERT FANKHAUSER

„In ihm wohnte ein spezieller Geist“

TEDDY EZRA

„Unsere gemeinsame Arbeit war wie ein Traum, den ich sehr lange geträumt habe“

WALTER LEHMAYER

Meine Wiener Oboe und die Rettung meines Englischhorns

GEORG SCHMID

„Die Musik ist für die Menschen da“

GABRIELE BUSCH-SALMEN

Rudolf Tutz – Rück-Blicke: Innsbruck 1974 bis 1992

MARTEN ROOT

„Rudi hatte das Wissen von Jahrhunderten im Blut“

BERNHARD TREBUCH

„Für Soli, Chor und Orchester“ oder „Alte Musik: quo vadis“ oder „Alles beim Alten“ – Gedanken eines Weggefährten

MARC HANTAÏ

„Il est toujours avec moi“

LINDE BRUNMAYR-TUTZ

„Der Klang muss sein wie eine Blumenwiese“

CHEN HALEVI

Eulogy Rudolf Tutz

Kurzbiographien der AutorInnen und InterviewpartnerInnen

Grußworte

Konzert und Buchvorstellung – diese Kombination, die im ersten Moment widersprüchlich erscheinen mag, könnte kaum passender sein, um einen wahren Meister seines Faches zu würdigen. Professor Rudolf Tutz war als Instrumentenbauer hochgeschätzt und galt auch weit über Tirols Landesgrenzen hinaus als Koryphäe in diesem altehrwürdigen Handwerk.

Im Laufe seines Lebens hat der im Jahr 2017 verstorbene Rudolf Tutz die Instrumente für unzählige Musikerinnen und Musiker geschaffen, mit denen sie klangliche Meisterstücke vollbracht und nicht zuletzt die Musik vergangener Zeiten wieder ins Bewusstsein der Menschen gespielt haben. Ich bedanke mich bei den Verantwortlichen, die das Andenken von Rudolf Tutz auf solch gelungene Art und Weise ehren, ganz besonders bei den HerausgeberInnen des vorliegenden Werkes – Professorin Dr. Linde Brunmayr-Tutz und Dr. Franz Gratl –, die den Witz von Prof. Tutz, seinen Scharfsinn und besonders seine Arbeit an den Instrumenten auf den nachfolgenden Seiten wieder zum Klingen bringen.

Dr. Beate PalfraderLandesrätin für Bildung, Kultur, Arbeit und Wohnen

 

„Ein Instrument muss wie eine Blumenwiese klingen.“ – Das war das Credo von Rudolf Tutz. Dieser besondere Klang – der Tutz-Klang – lebt in seinen Instrumenten weiter, ein Vermächtnis der besonderen Art, eines besonderen Menschen.

Wer ihm je persönlich begegnet ist, konnte sich des Eindrucks nicht verwehren, hier auf einen wahren Meister seines Fachs zu treffen. Einen, der die Musik liebte und sein Kunsthandwerk mit Leidenschaft betrieb.

Ein Glücksfall für seine Familie. Er folgte als Instrumentenbauer einer Familientradition und verhalf durch sein außergewöhnliches Können dem Familienunternehmen zu Weltruf. Ein Glücksfall aber auch für Innsbruck, das sich zu seinen Lebzeiten als ein Zentrum der Alten Musik etablieren konnte. Sein Wirken steht eng im Zusammenhang mit der Wiederentdeckung und Blüte Alter Musik in ihrem Originalklang. Er war nicht nur Teil dieser Welt, sondern einer, der diese durch seinen Forschergeist mitprägte.

Ein Glücksfall vor allem aber für die Musikerinnen und Musiker, die ihr Instrument und damit die Basis ihrer Kunst und oft auch ihres Lebensunterhalts bei ihm in guten Händen wussten. Sie fanden in ihrem Streben nach dem perfekten Klang mit ihm einen kongenialen, idealistischen, ja enthusiastischen Partner. Er nutzte sein beträchtliches handwerkliches Können, seine Erfahrung, sein Wissen und seine Intuition, um neue Wege zu beschreiten oder ein altes Instrument neu zu (er)finden. Insofern war er auch ein Glücksfall für die Alte Musik.

Man musste selbst kein Holz- oder Blechblasinstrument spielen, um sich von seiner Begeisterung anstecken zu lassen. Solange man seine Liebe zur Musik teilte, war er ein inspirierender Gesprächspartner.

Dank Prof. Dr. Linde Brunmayr-Tutz und Dr. Franz Gratl wird dieses Buch „Der Klangmeister Rudolf Tutz“ Teil seines Vermächtnisses. Wissen und Erfahrung weiterzugeben – an Alt und Jung – war Rudolf Tutz ein Anliegen. Dieses Buch bewahrt dieses Wissen für die Zukunft.

Georg WilliBürgermeister der Landeshauptstadt Innsbruck

 

Das Erlernen und die Ausübung eines kunsthandwerklichen Berufes erfordern eine außergewöhnliche Begabung: Wenigen war sie so sehr in die Wiege gelegt wie dem Instrumentenbauer Prof. Rudolf Tutz. Seine Werke, die bis heute in der Musikwelt hoch geschätzt werden, entstanden aus der Verbindung von meisterlichem Handwerk und künstlerischer Begabung. Unzählige professionelle Musikerinnen und Musiker auf der ganzen Welt konnten sich auf seine Intuition und das handwerkliche Geschick verlassen. Ein reicher und differenzierter Klang war ihm ein besonderes Anliegen und Motivation für seine akribische Feinarbeit bei Neubauten und Reparaturen. Überall auf der Welt erklingen Klarinetten, Bassetthörner, Traversflöten und andere Instrumente, die durch seine Kunsthandwerkerhände gingen.

Unsere Anerkennung und unser Dank gelten Rudolf Tutz auch für sein langjähriges Engagement für seinen Berufsstand in der Wirtschaftskammerorganisation. Ich danke den Herausgebern Linde Brunmayr-Tutz und Franz Gratl sowie den Autorinnen und Autoren, dass sie durch die Würdigung des Lebenswerkes von Prof. Tutz sein Andenken für künftige Generationen bewahren und seine vorbildliche Leistung in diesem Buch umfassend darstellen.

Franz JirkaObmann der Sparte Gewerbe und HandwerkWirtschaftskammer Tirol

Zu diesem Buch

Dieses Buch ist eine Hommage an eine Persönlichkeit, die Innsbrucks Ruf als Stadt der Alten Musik in die Welt hinaus getragen hat. Als Spross einer traditionsreichen Innsbrucker Instrumentendynastie wagte sich Rudolf Tutz schon in den 1960er Jahren in ein Terrain vor, das damals noch weitgehend „Terra incognita“ war: der historische Holzblasinstrumentenbau. Bald erlangte er mit seinen meisterlich gefertigten Instrumenten Weltgeltung; bis zu seinem Tod 2017 belieferte er exzellente Musikerinnen und Musiker auf der ganzen Welt mit seinen Instrumenten, die heute noch hoch geschätzt und viel gespielt werden. Rudolf Tutz war nie ein Spezialist. Sein Können, seine künstlerische Begabung und seine vielseitigen Interessen machten ihn zum Universalisten, dem es dank seines breit gefächerten Spektrums von Begabungen möglich war, tief in die Geheimnisse der Instrumentenbauer der Vergangenheit einzudringen und so bei seinen Nachbauten, die nie bloße Kopien waren, zu originellen und unkonventionellen Lösungen zu gelangen.

Mit einer bunten Palette von Beiträgen zeigen wir die Vielseitigkeit und den Facettenreichtum des Rudolf Tutz; wer ihn kannte, weiß, dass ein solches Anliegen nur teilweise gelingen kann. Dieses Buch, das die Biographie, das vielseitige Schaffen, die Bedeutung und Nachwirkung von Rudolf Tutz aus unterschiedlichsten Perspektiven thematisiert, möge dazu beitragen, die Erinnerung an dieses Originalgenie lebendig zu erhalten und einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln.

Wir danken allen, die zum Gelingen dieses Buchprojektes beigetragen haben: unseren Subventionsgebern, dem Land Tirol, der Stadt Innsbruck und der Tiroler Wirtschaftskammer; allen Autorinnen und Autoren sowie Ines Zimmermann für ihre Mitarbeit, schließlich dem ORF Tirol dafür, dass uns der Film von Martin Sailer über Rudolf Tutz zur Verfügung gestellt wurde.

Rudolf Tutz mit Kindern bei einer Vermittlungsveranstaltung im Rahmen der Ausstellung „Der Klangmeister – Rudolf Tutz“ im Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck 2010/11, Foto: Stadtarchiv Innsbruck

Wurzeln, Werdegang und Wirken eines Originalgenies: der Instrumentenbauer Rudolf Tutz

FRANZ GRATL

Genies fallen nicht vom Himmel. Auch sie brauchen günstige Bedingungen, ein passendes Milieu und nicht zuletzt eine gehörige Portion Glück. Der Instrumentenbauer Rudolf Tutz war ein Genie, einer, dem seine Arbeit besonders leicht von der Hand ging, der Außergewöhnliches zu schaffen imstande war. Er veredelte sein Handwerk zur Kunst und suchte stets nach unkonventionellen, unorthodoxen Lösungen für Probleme in Bereichen, die vielfach völliges Neuland waren. In diesem Beitrag steht zunächst das Milieu im Mittelpunkt, das die Karriere des Rudolf Tutz ermöglichte und begünstigte: Er war Instrumentenbauer in vierter Generation und setzte eine Tradition fort, transformierte sie aber auch und setzte neue Schwerpunkte. Der zweite Teil dieses Beitrags ist einer Biographie des international renommierten Tiroler Instrumentenbauers gewidmet.

Blick in die Auslage des ehemaligen Musikhauses Tutz in der Innsbrucker Schullernstraße (2010), Foto: TLM

Böhmisches Know-how für Tirol

1875 eröffnete der aus Trinksaifen (heute Rudné, ein Ortsteil von Vysoká Pec, früher Hochofen) im böhmischen Erzgebirge stammende Anton Tutz (1842–1919) in der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße eine eigene Instrumentenbauer-Werkstatt. Trinksaifen/Rudné liegt in unmittelbarer Nähe zu Graslitz (tschechisch Kraslice), einem Zentrum des Musikinstrumentenbaus mit langer Tradition. Böhmische Exulanten aus Graslitz begründeten schon im 17. Jahrhundert im nahen sächsischen Markneukirchen die erste deutsche Geigenmacherinnung, der Instrumentenbau scheint im Grenzgebiet zwischen Böhmen und Sachsen also schon sehr früh Fuß gefasst zu haben. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts nahm der Blech- und Holzblasinstrumentenbau in der Graslitzer Gegend einen enormen Aufschwung; die böhmischen Handwerker belieferten nun die ganze Welt und fast alle Blasinstrumentenbauer erhielten ihre Ausbildung in den Manufakturen der Gegend. Böhmen nahm also ab dem 19. Jahrhundert jene Stellung ein, die zuvor über Jahrhunderte die freie Reichsstadt Nürnberg auf dem Gebiet des Blechblasinstrumentenbaus eingenommen hatte. Eine der wenigen nicht in Graslitz und Umgebung ansässigen und international erfolgreichen Spezialfirmen für Blechblasinstrumentenbau wurde von Václav František Červený 1842 in Königgrätz (Hradec Králové) gegründet.1 Böhmen, das wirtschaftlich führende Kronland der Donaumonarchie, besaß also unbestritten die Themenführerschaft im Bereich des Blasinstrumentenbaus. Wenn sich andernorts Instrumentenbauerwerkstätten zu etablieren vermochten, so kamen die Gründer zumeist aus Böhmen – auch in Innsbruck. Bevor der Böhme Anton Tutz seine eigene Werkstatt begründete, war er bei Johann Groß angestellt. Viele Tirolerinnen und Tiroler werden sich vielleicht noch an das Musikgeschäft Groß in der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße erinnern, das bis in die 1980er Jahre bestand; gegründet wurde die zunächst in der Herzog-Friedrich-Straße in der Altstadt angesiedelte Musikalienhandlung schon 1832 von Johann Groß (1804–1875)2. Groß und sein Schwiegersohn Simon Alfons Reiß (1837–1903), der die Leitung des Geschäftes 1861 übernahm, dieses beträchtlich erweiterte und in die Maria-Theresien-Straße verlegte, machten ihre Innsbrucker Kunst- und Musikalienhandlung zur ersten Adresse für alle musikalischen Belange in Tirol: Sie verkauften nicht nur Musikalien aller Art, sondern unterhielten auch einen prosperierenden und überregional bedeutenden Musikverlag – und sie verkauften nicht nur alle Arten von Instrumenten und verfügten sogar über ein eigenes Klavieratelier, sondern betrieben auch eine Reparaturwerkstatt. Dort beschäftigten sie Instrumentenmacher-Gesellen, die Reparaturen vornahmen und auch Instrumente bauten (im Fall der Blechblasinstrumente wohl in erster Linie unter Verwendung von Fertigteilen böhmischer Hersteller). Einige der vorrangig aus Böhmen stammenden Mitarbeiter der Firma Johann Groß sind bis heute als Instrumentenbauer bekannt. Dazu gehören Franz Wenzel Leibelt (1814–1856, ab 1840 mit eigener Werkstatt, die ab 1857 von seiner Witwe Anna fortgeführt wird3), Anton Breinl (Preinl, Preindl, † nach 1877)4, Anton Brambach (ca. 1820–1886)5 und schließlich Anton Tutz.

Tirol war in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ein guter Boden für einen Erbauer und Reparateur von Blechblasinstrumenten. Die Blasmusik erlebte einen unerhörten Aufschwung, allerorten wurden Blaskapellen gegründet oder erweitert. Die herausragende Bedeutung, die das Blasmusikwesen für Tirol heute besitzt, wurde im 19. Jahrhundert grundgelegt. Die Anfänge waren freilich bescheiden: Die Musikbanden bestanden zunächst meist aus einigen wenigen Spielern und noch um 1900 waren die meisten Kapellen im Vergleich zu ihren modernen Pendants eher klein. Die Besetzungen waren nicht standardisiert, die Musiker oft genug nur rudimentär ausgebildet. Die qualitativ meist mittelmäßigen bis schlechten Instrumente (die guten konnten sich nur professionelle Musiker und Militärkapellen leisten) waren nicht selten großen Belastungen ausgesetzt, zum Beispiel durch das Freiluftspiel bei unterschiedlichsten Wetter- und Temperaturbedingungen und durch nicht eben fachgerechte Handhabung, und daher reparaturanfällig. Die Firma Tutz etablierte sich vor allem als – bald erste – Anlaufstelle für alle Belange der Blaskapellen im Land. Daneben fertigte Anton Tutz auch Blechblasinstrumente: Trompeten, Flügelhörner, Althörner, Tenorhörner und Helikons mit seinem Firmenschild sind im Tiroler Raum und darüber hinaus zu finden, tauchen immer wieder bei Auktionen auf und werden zum Teil heute noch gespielt. Dabei ist allerdings zu beachten, dass der Innsbrucker Instrumentenbauer seine Erzeugnisse wohl kaum in allen Teilen selbst herstellte, sondern zum Beispiel „Maschinen“ (Ventilmechanismen) vorgefertigt aus Böhmen bezog – die Praxis wurde bereits beschrieben und war weit verbreitet (heute arbeiten viele Blechblasinstrumentenbauer ähnlich). Auch das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum besitzt eine Reihe von Instrumenten, die mit dem Firmenschild von Anton Tutz versehen sind, darunter besonders viele Helikons – dieses große Blechblasinstrument erfreute sich um 1900 großer Beliebtheit und kam dann aus der Mode; heute wird es wieder häufiger gespielt. Schon unter Anton Tutz dürfte das von Martin Spörr (1866–1937) im Jahr 1893 gegründete Innsbrucker Städtische Orchester, aus dem das heutige Tiroler Symphonieorchester Innsbruck hervorging, zum Kundenkreis der Firma gehört haben, doch dieser Wirkungsbereich hatte auch in den Folgejahrzehnten und unter den Werkstattnachfolgern Antons geringere Bedeutung.

Links: Firmenschild Anton Tutz, Foto: TLM; rechts: Anton Tutz, Helikon, Innsbruck um 1910; Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Musiksammlung, Inv. Nr. M/I 269, Foto: TLM

Antons Sohn Rudolf (I) (1880–1952) und dessen Sohn Rudolf (II) (1909– 1963) führten den Betrieb weiter und behielten die Fokussierung auf die Blasmusik und ihre vielfältigen Anforderungen ebenso bei wie die Beschränkung auf Blechblasinstrumente bei den Neuanfertigungen. Rudolf (II) Tutz war selbst aktiver Blasmusikant und Mitglied der Wiltener Stadtmusikkapelle, eines Klangkörpers, der wegen seiner Qualität eine Sonderstellung einnahm.6

Von links nach rechts: Rudolf (II) und Hilde Tutz; Hilde Tutz mit Erika und Rudolf (III); Rudolf (III) Tutz im Alter von 2 Jahren, Fotos: privat

Rudolf (III) Tutz: Lehr- und Wanderjahre

Mitten im ersten Kriegssommer, am 13. August des Jahres 1940, wurde Rudolf (III) Tutz geboren. Er zeigte sehr früh ein außergewöhnliches zeichnerisches und bildhauerisches Talent. So lag es nahe, dass er neben der Landesberufsschule für Metallgewerbe – als erste Station auf dem vorgezeichneten Weg zum Blechblasinstrumentenbauer – als Gastschüler auch die Kunstgewerbeschule für Bildhauer besuchte. Die ausgeprägte künstlerische Ader sollte in der beruflichen Laufbahn von Rudolf (III) Tutz auf vielfältige Weise fruchtbar werden. Die Berufsschule (1954–1958) ging mit einer Lehre als Holz- und Blechblasinstrumentenmacher in der Werkstatt seines Vaters einher: Dass der Sohn in die beruflichen Fußstapfen des Vaters treten würde, war damals schon klar. An der Ausbildungsstätte für Bildhauer erlernte er den Umgang mit vielen Materialien, die im Instrumentenbau keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen; zudem war der Heranwachsende regelmäßig Gast in einer Innsbrucker Goldschmiede-Werkstatt und machte sich mit den Techniken der Gold- und Silberverarbeitung bekannt. Schon damals waren die Interessen des jungen Rudolf breit gefächert, weit entfernt von einem engen Spezialistentum: Davon sollte er bei späteren Projekten immer wieder profitieren. Rudolf Tutz betonte immer wieder, dass das Instrumentenbauer-Praktikum, das er bei der renommierten Firma Richard Müller in Bremen absolvierte, für seine Entwicklung von zentraler Bedeutung war. Die Bremer Firma arbeitete im Gegensatz zu der Innsbrucker Werkstatt in erster Linie für professionelle Orchestermusiker und ausschließlich auf dem Gebiet des Holzblas instrumentenbaus; Rudolf Tutz sah sich nun mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert und erweiterte seinen Erfahrungsschatz weiter. 1959 absolvierte Rudolf Tutz die Gesellenprüfung, am 1. Dezember 1961 dann die Meisterprüfung. Bald darauf erkrankte sein Vater schwer und der erst 23-jährige Rudolf musste nach dessen Tod am 28. Oktober 1963 den Betrieb übernehmen.

Zeichnung mit Vermerk „von Kleinrudi allein gezeichnet. Oktober 1943“, Foto: privat

Die Tutz-Werkstatt in der Maria-Theresien-Straße, v. l. n. r.: Rudolf (III) und Rudolf (II) Tutz, ein Werkstattmitarbeiter, Foto: privat

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Schon Rudolf (II) hatte Kontakte mit dem Musikpädagogen und Fagottisten Otto Ulf (1907–1993) gepflegt, der an der Innsbrucker Lehrerbildungsanstalt unterrichtete und dort mit engagierten Schülern den Bläserkreis Innsbruck ins Leben gerufen hatte. Dieses Ensemble widmete sich – in Tirol damals völlig neu – der Bläsermusik der Renaissance und des Frühbarocks und erwarb sich bald überregionales Renommee. Ulf bemühte sich schon damals um eine historische Aufführungspraxis, aber das Instrumentarium, das ihm und seinen Mitstreitern zur Verfügung stand, war unzureichend. Als Ulf aber Rudolf (II) Tutz ersuchte, eine Barocktrompete zu bauen, lehnte dieser ab, weil er davon überzeugt war, dass ihm dazu das nötige Know-how und die Expertise fehlten. Sein Sohn sollte kurze Zeit später ebenso abwinken, als Ulf mit der Bitte an ihn herantrat, ihm nur auf der Grundlage der Abbildung und der Angaben im berühmten Musiktraktat Syntagma musicum III (1619) einen Dulzian zu bauen. Rudolf Tutz (III) wusste eben schon damals genau, was er konnte und was nicht. Als sich Innsbruck ab den 1960er Jahren immer mehr zu einem Zentrum der Alte Musik-Bewegung entwickelte, sprach sich herum, dass mit „dem Tutz“ ein außergewöhnlich begabter und experimentierfreudiger, dazu besonders neugieriger Instrumentenbauer vor Ort war.

Einer, der Rudolf Tutz sehr schätzte, war der Musikwissenschaftler Walter Senn (1904–1981), der nach dem Zweiten Weltkrieg (offiziell ab 1963) die Instrumentensammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum ehrenamtlich betreute und den jungen Instrumentenbauer für Reparaturen heranzog. So hatte Rudolf Tutz Gelegenheit, Originalinstrumente zu sehen und zu untersuchen. Für den Bläserkreis Innsbruck baute Rudolf Tutz in der Folge Barockposaunen, doch sollte sich seine Aktivität zunehmend auf den historischen Holzblasinstrumentenbau verlagern. Ein Grund für diese Verlagerung ist in dem Umstand zu sehen, dass in den 1960er und 1970er Jahren das Tiroler Blasmusikwesen von einem Professionalisierungsschub erfasst wurde; die Kapellen wechselten von der hohen sogenannten „Militärstimmung“ (ca. 470 Hz) zur Normalstimmung (440 Hz). Aus diesem Grund wurde das Instrumentarium praktisch flächendeckend erneuert. Die neuen Instrumente waren weit weniger reparaturanfällig. Damit war das Kerngeschäft der Firma Tutz, die Instrumentenreparatur, weniger gefragt. Die Neuausrichtung des Geschäftes und die damit einhergehende Erweiterung wurden von Veronika Tutz, geb. Mayerl, mitgetragen. Rudolf Tutz hatte seine erste Frau am 23.10.1967 geehelicht, sie übernahm im Betrieb wichtige Aufgaben und erwies sich als geschäftstüchtig; vor allem bildete sie den strukturierten Gegenpol zu ihrem „kreativ chaotischen“ Mann.

Links: Veronika und Rudolf Tutz; rechts: Perlenkette für Veronika Tutz, Fotos: privat

Mitverantwortlich für den Schwenk hin zum historischen Holzblasinstrumentenbau war Jann Engel (1935–2017), der Älteste der sechs Kinder der legendären Engel-Familie.7 Wie alle seine Geschwister war er ein Multi-Instrumentalist, doch sein Hauptinstrument war die Klarinette. Früh kam er mit Originalklang-Ensembles in Berührung, vor allem mit dem schon 1962 gegründeten Collegium Aureum, in dem er als Klarinettist mitwirkte. Durch Jann Engel, der bereits sehr früh Kunde von Rudolf Tutz geworden war, wurde Alfred Krings auf den Innsbrucker Instrumentenbauer aufmerksam. Krings war nicht nur selber Musiker (Blockflötist), sondern als Initiator und „Schirmherr“ des Collegium Aureum, Mitarbeiter der Plattenfirma Deutsche Harmonia Mundi und des WDR eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der frühen deutschen Alte Musik-Bewegung. Krings war es dann auch, der bei Rudolf Tutz den Bau einer Bassettklarinette für die Aufnahme des Mozart’schen Klarinettenkonzertes mit dem Collegium Aureum und dessen ersten Klarinettisten Hans Deinzer in Auftrag gab. Als eines der ersten Originalklang-Ensembles überhaupt ging das Collegium Aureum über das Barockrepertoire hinaus und führte auch Werke der Klassik auf „Originalinstrumenten“ auf. Das Problem, das sich Rudolf Tutz bei der Konstruktion der „Mozart-Klarinette“ stellte, war, dass man zwar wusste, dass bei der Uraufführung des Mozart-Konzertes ein vom Wiener Instrumentenbauer Theodor Lotz neu entwickeltes Instrument mit einem in der Tiefe erweiterten Tonumfang zum Einsatz kam, dass aber kein einziges Originalinstrument erhalten geblieben war. Rudolf Tutz konstruierte ein Instrument, das die Anforderungen erfüllte und sich bei der Aufnahme (1973) und in Konzerten vielfach bewährte. Rudolf Tutz begleitete das Collegium Aureum dann sogar auf einer Konzerttournee, die bis nach Japan führte; sein Ruf als führender Vertreter seiner Zunft verbreitete sich weit über Tirol hinaus. Im Lauf seiner Karriere beschäftigte sich Rudolf Tutz auch in späteren Jahren mehrfach mit der Mozart-Klarinette und fand in Zusammenarbeit mit anderen Musikern zu neuen Lösungen, doch der Prototyp von 1972 steht immer noch idealtypisch für den Pioniergeist und das Genie des Meisters, der ohne die Vielzahl an Quellen, die uns heute zur Verfügung stehen, bereits im Stande war, ein überzeugendes und funktionstüchtiges Instrument zu liefern.8

Rudolf Tutz an der Drehbank, Foto: privat

Schon Ende der 1960er Jahre hatte Tutz einen Erfolg auf dem Gebiet des modernen Instrumentenbaus verbuchen können: Für Josef Hell, der als Trompeter bei den Wiener Philharmonikern spielte, baute er als Ergebnis intensiver Forschungsarbeit eine Wiener Konzerttrompete (1968), die in der Folge nicht nur von Hell, sondern auch von anderen Orchestermusikern gespielt wurde.

Eine Persönlichkeit, die Rudolf Tutz vielfältige Kontakte zur Fachwelt vermittelte, war der Musikwissenschaftler Walter Salmen (1926–2013), der von 1972 bis 1992 als Ordinarius für Musikwissenschaft an der Universität Innsbruck wirkte; über die jahrzehntelangen Beziehungen zwischen dem Musikologen und dem Instrumentenbauer berichtet Gabriele Busch-Salmen in ihrem Beitrag ausführlich.

In den 1970er Jahren erlebte die Pflege Alter Musik auf historischen Instrumenten einen Boom. Sie trat aus ihrem Nischendasein und etablierte sich zunehmend als wichtiger Faktor im internationalen Konzertleben, freilich damals noch als bewusster Kontrapunkt zum etablierten und konventionellen klassisch-romantischen Konzertbetrieb. Es herrschte ein ausgeprägter Pioniergeist, man eroberte sich mit Entdeckerfreude und Experimentierlust sukzessive neues musikalisches Terrain. Rudolf Tutz war eine der Zentralfiguren dieser Bewegung, er war eine wichtige Anlaufstelle für die führenden Exponenten der Bewegung. Ob Dirigenten und Ensembleleiter wie Nikolaus Harnoncourt, Frans Brüggen und John Eliot Gardiner oder Musikerinnen und Musiker aus der ganzen Welt, sie alle pilgerten „zum Tutz“. In den 1960er und 1970er Jahren stand noch die möglichst exakte Kopie von Originalinstrumenten im Zentrum des Interesses, doch gab es dabei große Hürden zu bewältigen: Die Instrumente waren oft schwer zugänglich, es gab kaum Pläne und man wollte nicht wahrhaben, dass 1:1-Kopien der Originale oft nur unbefriedigend oder sogar gar nicht funktionierten. Im Zusammenwirken mit bedeutenden Musikerinnen und Musikern, etwa dem Traversflötisten Barthold Kuijken, arbeitete Rudolf Tutz an Verbesserungen (dazu mehr im Beitrag von Barthold Kuijken in diesem Buch). Ihn interessierten die Geheimnisse der großen Instrumentenbauer der Vergangenheit, er war stets offen für völlig unkonventionelle Lösungen anstehender Probleme. Vor allem war ihm bewusst, dass jeder Spieler seine Eigenheiten hatte und dass es galt, ein Instrument „maßzuschneidern“, so wie es schon die großen Vorgänger getan hatten. Das zeichnete seine Arbeitsweise bis zuletzt aus, sowohl bei Neubauten als auch bei Reparaturen: Der unmittelbare und intensive Kontakt zu seinen Kundinnen und Kunden war für ihn zentral, er konnte intuitiv erfassen, wo das Problem lag, und schnell Lösungen anbieten.