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In dieser neuartigen Romanausgabe beweisen die Autoren erfolgreicher Serien ihr großes Talent. Geschichten von wirklicher Buch-Romanlänge lassen die illustren Welten ihrer Serienhelden zum Leben erwachen. Es sind die Stories, die diese erfahrenen Schriftsteller schon immer erzählen wollten. Spannung garantiert! Himmel und Meer waren blau an diesem Tag, postkartenblau. Das Wasser reflektierte die Sonne, es sah aus, als wäre es mit Millionen kleiner Diamanten übersät. Weit und breit gab es nichts zu sehen außer diesem glitzernden, sich nur ganz wenig bewegendem Wasser mit dem weiten Himmel darüber: keine Inseln, kein Festland, keine anderen Schiffe. Eine leere Welt, gefüllt allein mit magischem Blau. Wunderschön, dachte Alexander. Er hätte stundenlang so stehen und aufs Wasser blicken mögen, durch das sich das Schiff majestätisch seinen Weg bahnte. Die Sunrise war ein Kreuzfahrtschiff, eins von den eher kleinen, intimen. Dafür war es besonders luxuriös, ein sogenanntes Traumschiff der Extra-Klasse, für die, die es sich leisten konnten. Zu denen gehörte er ohne Zweifel, trotzdem war er nicht zu seinem Vergnügen an Bord. Mit einem leisen Seufzer riss er sich vom Anblick des blauen Wassers los. Es war schwer, sich in einer solchen Umgebung auf die Arbeit zu konzentrieren. »Na ja«, hatte sein Freund Mark Möhlmann gesagt, »du bist dieser Aufgabe wenigstens gewachsen. Mit deinen geschliffenen Manieren und deinem Grafentitel fällst du in einer solchen Umgebung gar nicht auf, und so soll es ja sein. Stell dir mal vor, ich würde an Bord gehen. Wahrscheinlich fielen die Herrschaften, die sich dort aufhalten, sofort in Ohnmacht und würden sich mit Grausen abwenden.« Mark hatte breit gegrinst bei diesen Worten und ihm freundschaftlich auf die Schultern geklopft. So locker war ihr Umgang nicht immer gewesen. Zu Beginn, als sie sich gerade erst kennengelernt hatten, waren sie nicht gerade gut miteinander ausgekommen. Für Mark
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Himmel und Meer waren blau an diesem Tag, postkartenblau. Das Wasser reflektierte die Sonne, es sah aus, als wäre es mit Millionen kleiner Diamanten übersät. Weit und breit gab es nichts zu sehen außer diesem glitzernden, sich nur ganz wenig bewegendem Wasser mit dem weiten Himmel darüber: keine Inseln, kein Festland, keine anderen Schiffe. Eine leere Welt, gefüllt allein mit magischem Blau.
Wunderschön, dachte Alexander.
Er hätte stundenlang so stehen und aufs Wasser blicken mögen, durch das sich das Schiff majestätisch seinen Weg bahnte. Die Sunrise war ein Kreuzfahrtschiff, eins von den eher kleinen, intimen. Dafür war es besonders luxuriös, ein sogenanntes Traumschiff der Extra-Klasse, für die, die es sich leisten konnten. Zu denen gehörte er ohne Zweifel, trotzdem war er nicht zu seinem Vergnügen an Bord.
Mit einem leisen Seufzer riss er sich vom Anblick des blauen Wassers los. Es war schwer, sich in einer solchen Umgebung auf die Arbeit zu konzentrieren.
»Na ja«, hatte sein Freund Mark Möhlmann gesagt, »du bist dieser Aufgabe wenigstens gewachsen. Mit deinen geschliffenen Manieren und deinem Grafentitel fällst du in einer solchen Umgebung gar nicht auf, und so soll es ja sein. Stell dir mal vor, ich würde an Bord gehen. Wahrscheinlich fielen die Herrschaften, die sich dort aufhalten, sofort in Ohnmacht und würden sich mit Grausen abwenden.«
Mark hatte breit gegrinst bei diesen Worten und ihm freundschaftlich auf die Schultern geklopft. So locker war ihr Umgang nicht immer gewesen. Zu Beginn, als sie sich gerade erst kennengelernt hatten, waren sie nicht gerade gut miteinander ausgekommen. Für Mark war Alexander ›der feine Pinkel‹ gewesen, Alexander hatte Mark als roh und unzivilisiert empfunden. Seitdem waren mehr als zwei Jahre vergangen, ein gefährlicher gemeinsamer Einsatz und ein paar lange Nächte mit viel Alkohol und noch mehr Gesprächen hatten aus ihnen Freunde gemacht.
Was den Einsatz auf diesem Schiff anging, lag Mark, dachte Alexander jetzt, vermutlich noch nicht einmal falsch. Er versuchte, sich den Freund hier vorzustellen, mit seiner großen Klappe, den gelben Nikotinfingern – Mark versuchte seit Jahren vergeblich, sich das Rauchen wieder abzugewöhnen – und den irgendwie nie richtig sitzenden Klamotten. Nur in alten Jeans und verwaschenen T-Shirts sah Mark aus wie Mark, alles andere wirkte an ihm wie Verkleidung. Einsätze in Banken oder Versicherungskonzernen waren daher für ihn blanke Gräuel.
Dabei sah er gut aus, auf die ihm eigene, etwas verwilderte Art: Er war sehr groß, mit breiten Schultern, denen man das regelmäßige Fitness-Training ansah, hatte blonde Haare, die nach Ansicht seiner Vorgesetzten immer zu lang waren, und war häufig unrasiert. Sein hervorstechendstes Merkmal waren aber wohl die blauen Augen. Stahlblau waren sie, und oft genug schienen sie Menschen in den Kopf sehen zu können. Mark war geradezu genial darin, sich vorzustellen, was jemand dachte. Vor allem bei Verhören war das eine unschlagbare Fähigkeit, die schon manchen Ganoven in ein zitterndes Bündel voller Angst verwandelt hatte.
»Worüber amüsieren Sie sich denn gerade so, Graf von Dahlen?«, fragte eine Stimme neben ihm.
»Über einen Freund, an den ich denken musste«, antwortete Alexander der eleganten älteren Dame, die unversehens neben ihm aufgetaucht war.
Er hatte sich schon öfter mit ihr unterhalten, sie reiste allein und war daher jederzeit für ein Gespräch zu haben. Ihr Name war Elisabeth von Cronstetten. Offenbar reiste sie mit Bergen von Gepäck, denn sie trug jeden Tag etwas anderes. Sie war zierlich, schlank und machte einen äußerst beweglichen Eindruck. Manchmal trafen sie sich morgens in einem der Pools, wo sie beeindruckend schnell ihre Bahnen zog. Sie trug einen Pagenschnitt, ihre Haare waren dunkelblond. Gefärbt natürlich, aber es sah gut aus, natürlich.
»Er scheint ein lustiger Kerl zu sein, Ihr Freund.«
»Ja, das ist er wirklich. Er bringt mich oft zum Lachen.«
Sie holte eine Zigarette aus einem silbernen Etui und schob sie beiläufig in eine Zigarettenspitze. Sie würde also niemals, wie Mark, gelbe Finger bekommen, dabei rauchte sie ziemlich viel, wie er beobachtet hatte. Er gab ihr höflich Feuer, sie inhalierte tief und schloss dabei kurz die Augen.
Nicht zum ersten Mal fragte er sich, wie alt sie sein mochte. Er schätzte sie auf ungefähr sechzig, obwohl sie selbstverständlich jünger aussah. Wenn sie etwas hatte machen lassen, war es erstklassig gemacht worden, sie sah einfach ein wenig frischer aus als die meisten Frauen ihres Alters, glatter, faltenloser. Falls er sich, was ihr Alter betraf, nicht irrte. Vielleicht war sie ja auch tatsächlich so jung, wie sie aussah, also fünfzig vielleicht.
Ihre Lippen kräuselten sich, sie hatte ihn beobachtet. »Ich bin fünfundsechzig«, sagte sie.
Er spürte, wie er errötete, wollte aber nicht zugeben, dass sie ihn ertappt hatte. »Wieso sagen Sie das?«
»Weil Sie sich gerade gefragt haben, wie alt ich wohl bin. Und ob ich etwas habe machen lassen – und wenn ja, was. Natürlich habe ich etwas machen lassen, aber nicht so viel wie andere. Ich habe gute Gene, obwohl ich manchmal rauche.«
»Sie rauchen nicht nur manchmal, sondern ziemlich oft.«
Ihre fein geschwungenen Augenbrauen hoben sich, zwei perfekte Halbbögen in zartem Dunkelblond. »Beobachten Sie mich etwa?«, fragte sie, wieder mit diesem amüsierten Unterton.
»Natürlich nicht. Es ist mir nur aufgefallen. Immerhin sehen wir uns ziemlich häufig. Und wenn wir uns sehen, rauchen Sie fast immer. Nur am Pool nicht.«
»Ich verrate Ihnen etwas: Ich rauche auf dem Schiff mehr als sonst. Warum, weiß ich nicht. Irgendwie habe ich hier das Gefühl, dass es nicht so schädlich ist wie zu Hause. Verrückt, oder?«
»Ja, verrückt. Und falsch. Nur weil man sich hier viel an der frischen Luft aufhält, wird Rauchen leider nicht gesünder.«
Sie hatten sich wieder dem Wasser zugewandt. »Diese Reise ist ein Traum«, sagte Elisabeth von Cronstetten. »Ich war ja skeptisch, muss ich sagen, aber jetzt bin ich sehr froh, hier zu sein.«
»Warum waren Sie skeptisch?«
Sie lächelte, ihre Augen glitzerten. »Nur alte Leute, das war meine Befürchtung. Und dann sehe ich Sie, mein Lieber. Was glauben Sie, wie erleichtert ich war! Und es sind ja noch ein paar andere junge Leute an Bord, also habe ich mich entspannt und mir gesagt: Genieß es, Lizzy! Und genau das tue ich jetzt.«
Sie drückte die Zigarette aus, verstaute den Stummel sorgfältig in einer zweiten silbernen Dose und diese zusammen mit der Spitze in ihrer winzigen Handtasche. »Wir sehen uns, mein Lieber«, sagte sie, wobei sie Alexander leicht am Arm berührte.
Er sah ihr nach, wie sie leichtfüßig davonging. Fünfundsechzig also. Wirklich erstaunlich.
Er verließ seinen Platz, um einen Rundgang durchs Schiff zu machen, kam jedoch nicht weit. Immer wieder wurde er angesprochen, musste hier stehen bleiben und dort, um ein paar Worte zu wechseln. Tatsächlich waren die meisten Passagiere – achtzig Prozent, schätzte er – vermutlich hier, weil sie Anschluss suchten. Fast alle waren wohlhabende Leute, die schon fast alles gesehen hatten, denen die Frau oder der Mann gestorben oder weggelaufen war und die nun versuchten, ihrem mehr oder weniger leeren Alltag zu entfliehen, den sie mit niemandem mehr teilen konnten. Die wenigsten waren wohl hier, weil sie an den Orten interessiert waren, die das Schiff ansteuerte: Es war eine Reise von Venedig nach Genua, einmal um den italienischen Stiefel herum. Am Vortag hatten sie Bari angelaufen.
»Setzen Sie sich zu mir und lassen Sie uns eine Partie Schach spielen«, schlug der alte Richter Sven Johannsen vor, ein zierlicher, weißhaariger Mann mit wasserblauen Augen und einer überraschend tiefen Stimme. Vor fünf Jahren, hatte er Alexander erzählt, war er Witwer geworden und seitdem ständig unterwegs, weil er es in dem Haus, das seine Frau so liebevoll für sie beide eingerichtet hatte, nicht mehr aushielt. Verkaufen konnte und wollte er es aber auch nicht. Was also blieb ihm anderes übrig, als zu reisen?
»Heute nicht, Herr Johannsen, ich bin verabredet«, log Alexander, der genau wusste, wie lange eine Schachpartie mit dem alten Herrn dauerte.
Der zwinkerte ihm zu. »Mit der schönen Blonden?«, fragte er. »Wie heißt sie noch gleich? Ich kann mir einfach keine Namen mehr merken.«
»Meinen Sie Frau von Sollndorff?«, fragte Alexander.
»Victoria!«, rief Sven Johannsen. »Sie heißt Victoria.«
»Da wissen Sie mehr als ich.« Das war die zweite Lüge. »So gut, dass sie mir ihren Vornamen verraten hat, kenne ich sie noch nicht.«
Der alte Herr kicherte. »Aber bald. Sie beide wären ein perfektes Paar, da sind wir uns alle einig.«
»Alle?«, fragte Alexander, unwillkürlich alarmiert. »Soll das heißen, Sie reden über uns?«
»Aber natürlich tun wir das, was dachten Sie denn? Als Sie neulich mit ihr getanzt haben, war für uns klar, dass Sie sich gesucht und gefunden haben. Wir warten gespannt auf die Fortsetzung. Aber Sie lassen sich ja leider sehr viel Zeit. Oder Sie sind beide schüchtern. Ich meine, die Hälfte der Reise ist schon bald vorüber, Sie müssen sich ein bisschen ranhalten, wenn das noch etwas werden soll.«
Alexander zwang sich, ruhig zu bleiben. Das Wichtigste bei einem Einsatz wie diesem war es, kein Aufsehen zu erregen, und nun erfuhr er, dass das halbe Schiff über Victoria von Sollndorff und ihn redete? Dabei gab es tatsächlich nichts zu reden, sie hatten getanzt, sich hinterher noch ein bisschen unterhalten, und das war’s auch schon gewesen.
Sven Johannsen hatte ihn beobachtet. »Keine Panik«, sagte er, nun in verändertem Tonfall. »Was denken Sie denn, womit sich einsame alte Leute auf einem Kreuzfahrtschiff die Zeit vertreiben? Man kann nicht immer lesen, Schach spielen oder am Swimmingpool liegen. Oder Einkaufen, zum Friseur, zur Kosmetikerin gehen. Oder was weiß ich. Es müssen jeden Tag viele Stunden gefüllt werden. Also redet man, am liebsten über andere. Und am allerliebsten über Liebespaare.«
»Aber wir sind kein Liebespaar, ich kenne Frau von Sollndorff kaum!«
»Ich weiß«, erklärte Sven Johannsen ganz sachlich. »Aber das spielt keine Rolle. Es wäre einfach schön, Sie wären eins, für uns alle, verstehen Sie? Und deshalb versuchen wir das, wovon wir träumen, herbeizureden. Ist doch nicht so schwer zu verstehen. Sie sind unsere Ersatzliebesgeschichte, denn natürlich träumen die meisten hier an Bord davon, sich selbst noch einmal so richtig zu verlieben, mit allem, was dazugehört, mit diesem ganzen wilden Taumel der Gefühle.«
»Sie auch?«, fragte Alexander.
»Nein, ich nicht. Vielleicht bin ich der Einzige, der solche Träume nicht hat«, antwortete der alte Richter nachdenklich. »Ich werde keine große Liebe mehr erleben. Aber anderen dabei zuzusehen, wie sie in den Taumel hineingeraten, wärmt mir noch immer das Herz.«
»Vielleicht erleben Sie es doch noch einmal«, sagte Alexander, der sich jetzt selbst ein wenig lächerlich vorkam, weil er sich so aufgeregt hatte. Aber natürlich wusste er, warum: Victoria von Sollndorff war leider eine von seinen Verdächtigen und darüber hinaus unglücklicherweise tatsächlich eine Frau, in die er sich hätte verlieben können. Wenn also hier an Bord ausgerechnet über sie und ihn getuschelt wurde, war das schlecht, denn dann war er aufgefallen. Andererseits, wenn die Leute, die sie beobachteten, dachten, sie könnten ein Liebespaar werden, dachte sie selbst das ja vielleicht auch, und das konnte ihm bei seinen Ermittlungen eigentlich nur helfen.
»Ich erlebe es sicher nicht noch einmal«, stellte der alte Herr Johannsen fest, und Alexander hatte Mühe, sich zu erinnern, worauf sich diese Aussage bezog. »Ira war meine große Liebe, so etwas wiederholt sich nicht.«
»Sie denken also, es kann nur eine geben?«, fragte Alexander.
»Für andere vielleicht nicht, das kann ich nicht beurteilen, aber für mich gibt es nur diese eine, und ich bin sehr glücklich darüber, dass ich sie erleben durfte, glauben Sie mir. Mehr verlange ich gar nicht.«
»Wieso wissen Sie eigentlich so gut, wie das auf Kreuzfahrtschiffen funktioniert? Haben Sie schon viele solcher Reisen gemacht?«
»Aber ja, dauernd! Ich liebe sie. Man ist ständig woanders, sieht etwas von der Welt.«
»Wo wollen Sie denn als nächstes hin?«
Ein strahlendes Lächeln erhellte das Gesicht des alten Mannes. »Ägäis und Schwarzes Meer«, sagte er. »Man glaubt es kaum, aber da war ich tatsächlich noch nie.«
»Sie sind zu beneiden«, stellte Alexander fest. »Sie haben die Zeit und das Geld für solche Reisen, und Sie sind so fit, dass Sie sie auch genießen können. Besser geht es wirklich nicht.« Er hatte sich zwischenzeitlich doch gesetzt, nun stand er wieder auf. »Ich muss los«, sagte er.
»Zu ihrer Verabredung.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung, dennoch meinte Alexander einen Unterton von Unglauben zu hören. Er ging darüber hinweg.
»Ja, wir sehen uns später, Herr Johannsen.«
Es gab noch ein paar andere, die versuchten, den attraktiven jungen Grafen in ein Gespräch zu verwickeln, doch mit dem immer wieder von Neuem vorgetragenen Argument, er sei verabredet, gelang es ihm, wenn auch mit einiger Verzögerung, nach dem Rundgang seine Kabine zu erreichen. Dort ließ er sich aufs Bett fallen, um in aller Ruhe nachzudenken über das, was er bisher erreicht hatte. Viel war es nicht.
Die Polizei versuchte seit einem knappen Jahr, einer offenbar in Deutschland ansässigen Bande von Dieben und Hochstaplern auf die Spur zu kommen, die international agierte, immer wieder auch auf Kreuzfahrtschiffen wie der Sunrise. Die Frauen und Männer nahmen mit beachtlichem Erfolg reiche ältere Leute aus, nachdem sie sich deren Vertrauen erschlichen hatten. Eine Zeit lang waren die deutschen Ermittlungsbehörden davon ausgegangen, dass es sich um Einzeltäter handelte, aber der Hinweis eines Zeugen hatte die Ermittler dazu gebracht, diese Theorie fallen zu lassen. Jetzt gingen sie davon aus, dass es ein ganzer Ring war, der seine Aktionen aufeinander abstimmte.
Leider wussten sie über die Identität der Beteiligten bisher so gut wie nichts, nur so viel: Es waren Jüngere und Ältere dabei. Sie wussten nicht einmal, wie viele Leute zu diesem Ring gehörten.
Alexander hatte eigentlich mit den Ermittlungen nichts zu tun. Er war bei der Münchener Kriminalpolizei gewesen, hatte diese jedoch vor einem halben Jahr verlassen, um sich mit einem eigenen Ermittlungsbüro selbstständig zu machen. Seine Familie wusste davon noch nichts. Er ahnte, wie seine Eltern reagieren würden, wenn sie erfuhren, dass er eine Lebensstellung mit guten Aufstiegsmöglichkeiten aufgegeben hatte, und so schob er das fällige Gespräch noch immer vor sich her.
Mark arbeitete weiter bei der Kripo, er war noch immer sein Freund, und da sie schon zu Alexanders Zeiten bei der Polizei mit den Ermittlungen zu diesem angeblichen Ring von Hochstaplern und Dieben zu tun gehabt hatten, sprachen sie auch nach Alexanders Ausscheiden aus dem Staatsdienst immer wieder darüber. Sie fanden beide, dass nur verdeckte Ermittlungen auf den in Frage kommenden Schiffen zu einem Erfolg führen würden, doch Marks Vorgesetzte scheuten die Kosten.
Eines Tages hatte Mark einen Tipp von einem Informanten bekommen, der sich auf die Sunrise bezog, und seinem Freund davon erzählt. Daraufhin hatte Alexander kurzerhand beschlossen, er werde an Bord des Schiffes eine Kreuzfahrt mitmachen. Mark hatte versucht, ihm das auszureden, aber eher halbherzig.
Nun war Alexander an Bord, und niemand außer Mark wusste, wo er sich derzeit aufhielt.
Er schrieb eilig auf, was er bisher beobachtet hatte und betrachtete das Geschriebene dann mit unglücklicher Miene. Er war doch schon recht lange auf dem Schiff, und das war alles, was er bisher gehört und gesehen hatte! Ein jämmerliches Ergebnis, für das er sich schämte. Was würde Mark sagen, wenn er bis zum Ende der Reise nicht mehr zustande brachte?
Er spürte den Druck, der auf ihm lastete, dabei war er niemandem Rechenschaft schuldig – im Grunde nicht einmal Mark. Er war ja freiwillig hier. Selbst wenn er Erfolg hatte, würden sich andere damit schmücken. Aber er fühlte sich trotzdem unter Druck, weil er natürlich wollte, dass diese Bande gefasst wurde. Leider arbeitete er ohne Druck besser, anders als Mark. Den musste man nur richtig unter Stress setzen, dann lief er sofort zu Höchstform auf. Deshalb waren sie auch ein gutes Team gewesen, sie ergänzten sich. Was der eine nicht konnte, beherrschte der andere und umgekehrt.
Er ließ noch einmal alle, die er in diesen Tagen verschärft beobachtet hatte, an sich vorüberziehen und landete schließlich bei Victoria von Sollndorff.
Warum eigentlich nicht, dachte er. Wenn sie schon alle meinen, wir wären das perfekte Paar, dann kann man ihrer Fantasie ja auch ein bisschen Nahrung geben. Ich flirte mit ihr und sehe mal, was dabei herauskommt. Wenn sie eine Hochstaplerin ist, verrät sie sich vielleicht.
Aber noch während er das dachte, schämte er sich. Er machte sich etwas vor. Er würde an diesem Abend einzig und allein mit der schönen Blondine flirten, weil er es gerne wollte; weil sie ihm gefiel; weil er glaubte, dass er auch ihr gefiel.
Aber er würde immerhin versuchen herauszufinden, ob er sie von der Liste der Verdächtigen streichen konnte.
Nach einer Stunde verließ er seine Kabine wieder, in Shorts und T-Shirt und mit einem großen Handtuch unter dem Arm. So machte er sich auf den Weg zum Oberdeck, um vor dem nächsten üppigen Abendessen noch ein paar Runden zu schwimmen.
Sein Kabinennachbar Olaf Daumann winkte ihm zu, und er tat ihm den Gefallen, sich auf der Liege neben ihm niederzulassen. Olaf Daumann war Steuerberater gewesen, bevor er sich vor zwei Jahren, mit knapp sechzig, zur Ruhe gesetzt hatte. »Genug Geld verdient«, hatte er Alexander in der für ihn typischen Art zu reden gesagt, »Lust auf Leben. Lust auf Reisen.« Breites Grinsen. »Lust auf Frauen.«
»Nickerchen gemacht?«, fragte er jetzt. Er war recht beleibt, aber trotzdem noch gut in Form. Seine Haare waren braun getönt, und offenbar suchte er regelmäßig ein Solarium auf – oder er war ständig in warmen Ländern unterwegs. Jedenfalls war er am ganzen Körper einheitlich braun.
»Nein, nein, ich habe mich einfach verquatscht«, erklärte Alexander. »Sie wissen ja, wie das ist, man trifft hier ständig jemanden, bleibt stehen, redet, geht weiter, trifft den nächsten – und ganz schnell sind zwei Stunden vergangen. Und Sie?«
»Fauler Tag heute«, antwortete Olaf Daumann. »Keine Energie, Erholung setzt ein.«
Jetzt erst bemerkte Alexander, dass Elisabeth von Cronstetten genau auf der anderen Seite des Schwimmbeckens lag, sie winkte ihm zu, während sie aufstand.
Er winkte zurück. Im nächsten Moment verschwand sie mit einem perfekten Kopfsprung im Becken und tauchte erst auf seiner Seite wieder auf.
»Grandios, gnädige Frau!«, sagte Olaf Daumann bewundernd.
Alexander fragte sich unwillkürlich, ob er wohl schon jemals zuvor eine Frau so angesprochen oder ob er sich das erst hier an Bord angewöhnt hatte, weil er glaubte, dass es dazu gehörte. An einem Abend mit deutlich zu viel Whisky hatte er Alexander nämlich verraten, dass er ›aus ganz kleinen Verhältnissen‹ stammte, aus denen er sich aus eigener Kraft emporgearbeitet habe. Der Stolz in seiner Stimme war unverkennbar gewesen.
»Kommen Sie rein!«, sagte Elisabeth von Cronstetten, an beide Männer gewandt. »Das Wasser ist herrlich und das Becken, wie Sie sehen, fast leer, wie üblich.«
Alexander erhob sich sofort, schließlich war er zum Schwimmen hergekommen, doch Olaf Daumann zögerte. »Heute nicht. Fauler Tag.«
Auch Alexander sprang mit einem Kopfsprung ins Wasser, und dann lieferte er sich einen kleinen Wettkampf mit Elisabeth von Cronstetten, den er gewann, allerdings äußerst knapp.
»Sie sind verdammt schnell«, keuchte er.
»Sie nicht«, antwortete sie lachend. »Dafür, dass Sie ein Mann sind und nicht einmal halb so alt wie ich, hätten Sie mich locker schlagen müssen.«
»Ich bekenne mich schuldig!«
Danach ließ er es ruhiger angehen, er überließ sich seinem eigenen Rhythmus, schwamm schnell, aber nicht zu schnell, und vergaß alles andere. Als er beschloss aufzuhören, stellte er fest, dass er mittlerweile allein im Becken war. Elisabeth von Cronstetten war nirgends mehr zu sehen, Olaf Daumann raffte gerade seine Sachen zusammen, winkte ihm zu und entschwand. Auch die meisten anderen Liegen waren mittlerweile leer. Er wusste, was das bedeutete: Zeit, sich fürs Abendessen umzuziehen, das einen der Höhepunkte des Tages bildete, besonders, wenn darauf noch eine Tanzveranstaltung folgte, wie heute.
Er stemmte sich aus dem Becken hoch, trocknete sich flüchtig ab, zog T-Shirts und Shorts an und machte sich auf den Weg zu seiner Kabine. Mal sehen, was der Abend brachte. Außer dem Flirt mit Victoria von Sollndorff, den er den alten Herrschaften zu bieten gedachte, die sie offenbar seit Tagen beobachteten, war er fest entschlossen, zu weiteren Erkenntnissen über die Hochstapler zu gelangen
*
»Es ist sehr freundlich von Ihnen, Frau von Kant, dass Sie mich eingeladen haben, die Nacht im Schloss zu verbringen«, sagte Nathalie von Zehentheim zu Baronin Sofia von Kant. »Um heute noch zurück nach München zu kommen, hätte ich mich ja noch einmal ein paar Stunden ins Auto setzen müssen – eine grässliche Vorstellung.«
»Eben, da bleiben Sie doch besser bei uns«, erwiderte die Baronin, »und fahren morgen nach dem Frühstück entspannt nach Hause.«
»Das tue ich bestimmt. Es ist so schön hier. Das Schloss, der Park, Ihr Garten – einfach alles.«
Sie schlenderten langsam durch den Privatgarten der Baronin, der hinter der Terrasse auf der Rückseite von Schloss Sternberg lag. Dort hatten die Gärtner nur ausnahmsweise Zutritt, bei schweren Arbeiten, die Sofia allein nicht bewältigen konnte. Sie hatte sich auf seltene Pflanzen spezialisiert, und selbst die kritischen Schlossgärtner gaben zu, dass sie dafür ›ein Händchen‹ hatte. Sie hatte großes Vergnügen an der Gartenarbeit. Nichts, sagte sie, entspanne sie besser, wenn sie sich überarbeitet oder überfordert fühle oder einfach nur schlecht gelaunt sei.
Sofia von Kant war eine Frau von Anfang vierzig, mit einem hübschen runden Gesicht, das von blonden Locken eingerahmt und von klugen blauen Augen beherrscht wurde. Meistens war sie guter Dinge, aber wenn ihr etwas gegen den Strich ging, konnte sie energisch und auch laut werden. Sie wohnte mit ihrer Familie schon lange im Schloss.
Nathalie war ungefähr halb so alt, vor Kurzem war sie zweiundzwanzig geworden. Sie trug ihre braunen Haare lang, heute hatte sie sie zum Pferdeschwanz gebunden, was sie noch jünger wirken ließ als sie war. Sie haderte mit ihrer Nase, die sie zu lang. und mit ihrem Mund, den sie zu groß fand, alle anderen sahen in ihr eine außerordentlich hübsche junge Frau mit wachem Blick und Sinn für Humor.
Sofia von Kant hatte sie über die ehrenamtliche Organisation kennengelernt, für die sie beide tätig waren. Es würden in nächster Zeit mehrere Kongresse für die Mitglieder abgehalten werden, weil die Arbeit neu ausgerichtet werden sollte. Zu einem dieser Kongresse war Nathalie nach Sternberg gekommen, der nächste würde ihn knapp zwei Wochen stattfinden.
Die beiden so ungleichen Frauen hatten schnell Gefallen aneinander gefunden, weil sie beide einen ähnlichen Sinn für das Machbare hatten. Sie neigten nicht dazu, vom Unmöglichen zu träumen, wie manche andere, mit denen sie zusammenarbeiteten.
Nathalie war Studentin, sie hatte also für ihre ehrenamtlichen Aktivitäten vor allem in den Semesterferien Zeit. Sie wollte Tierärztin werden. Wahrscheinlich hatte sie auch deshalb sofort Freundschaft mit Togo geschlossen, dem jungen, intelligenten Boxer von Sofias Neffen Christian von Sternberg. Togo war ihnen dennoch nicht in den Garten gefolgt, denn dort durfte er sich nicht ungehindert bewegen, was er genau wusste. Also schnüffelte er außerhalb des Gartens vielversprechenden Spuren nach und wartete sehnsüchtig darauf, dass die beiden Frauen Sofias kleines Paradies wieder verließen. Er hoffte darauf, dass seine neue Freundin Stöckchen für ihn warf.
»Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal hierher kommen würde«, sagte Nathalie, während die sich umdrehte, um die Rückseite des Schlosses zu betrachten. »Schloss Sternberg ist einfach immer schön, gleichgültig, von welcher Seite aus man es ansieht.«
»Ja, das ist es«, bestätigte die Baronin. »Wir wissen das auch zu schätzen, glauben Sie mir. Es ist ja nicht nur von außen schön, sondern auch von innen. Als wir herzogen, mein Mann und ich, waren wir beide skeptisch. Wir haben uns gefragt, ob es richtig ist, unsere Kinder hier oben aufwachsen zu lassen. Wir dachten, sie bekommen vielleicht vom normalen Leben nicht genug mit. Man ist hier doch recht weit entfernt davon – oder sagen wir so: Man kann es sein. Es ist nicht schwierig, sich hier oben von der Welt abzuschotten.«
»Dafür sind Sie aber nicht der Mensch. Ich kenne Sie ja noch nicht sehr gut, aber Sie wirken nicht wie jemand, der sich abschottet. Und Ihre Kinder gehen doch auf eine öffentliche Schule, oder? Das habe ich mal irgendwo gelesen.«
»Ja, und vorher waren sie in einem öffentlichen Kindergarten. Auf solche Dinge haben wir immer geachtet. Sie sind wichtig. Denn wie Sie schon gesagt haben: Ich bin nicht der Mensch, der sich abschottet, und mein Mann ist es auch nicht.«
»Darf ich fragen …, bitte entschuldigen Sie, ich will nicht neugierig sein, aber es interessiert mich: Wenn Sie so viele Bedenken hatten, warum sind Sie dann hergezogen?«
Sofias Gesicht verschloss sich unwillkürlich, was Nathalie nicht verborgen blieb.
»Entschuldigen Sie, ich hätte nicht fragen sollen.«
»Es ist vielleicht sogar gut, dass Sie gefragt haben. Allerdings fällt es mir immer noch schwer, darüber zu reden.«
Nathalie, verunsichert, wollte sich erneut entschuldigen, ließ es dann aber, weil sie fürchtete, es nur schlimmer zu machen.
»Sie wissen, dass meine Schwester die Fürstin von Sternberg war?«
Nathalie blieb stehen, das Blut schoss ihr ins Gesicht. »Oh nein!«, rief sie. »Ja, im Prinzip wusste ich es, aber ich habe nicht mehr daran gedacht, ich … Hätte ich bloß meinen Mund gehalten!« Sie sah aus, als würde sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen.
»Nein, es ist schon gut, wirklich«, sagte Sofia. »Meine Schwester und ihr Mann, Fürst Leopold, wussten sehr früh, dass sie nach Christian kein weiteres Kind bekommen würden. Sie wollten aber nicht, dass ihr kleiner Sohn ohne die Gesellschaft anderer Kinder aufwuchs und da wir bereits unseren Konrad hatten und Anna unterwegs war, haben sie uns gefragt, ob wir nicht hierherziehen wollten, in den Westflügel. Die Fürstenfamilie bewohnt traditionell den Ostflügel.«
Sie gingen weiter, Nathalie beruhigte sich wieder. Natürlich wusste sie in groben Zügen, was jetzt folgen würde, aber es war etwas anderes, die Geschichte irgendwo zu lesen oder darüber von Leuten reden zu hören, die sie ebenfalls nur aus Medienberichten kannten oder von einer Frau, die selbst Teil dieser Geschichte war.
»Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht, mein Mann und ich. Wie gesagt, wir hatten nicht wenige Bedenken. Aber am Ende haben die Vorteile, die wir gesehen haben, überwogen. Elisabeth und ich waren schon immer die engsten Freundinnen gewesen, und mein Mann arbeitete ja damals schon hier im Gestüt. Und wir stellten es uns schön vor, praktisch als Großfamilie hier zu wohnen.«
»Und so war es auch?«, fragte Nathalie.
»Ja«, antwortete die Baronin nach längerer Pause, in der sich ihr Blick in der Ferne verloren hatte. »Ja, es waren glückliche Jahre für uns alle. Die drei Kinder wuchsen wie Geschwister auf, es war genau so, wie es sich Elisabeth und Leopold erhofft hatten. Für unsere Anna wurde Christian der beste Freund. Die beiden haben einfach immer zusammengesteckt.«
»Und Konrad?«
»Mit Konrad war es eine Weile nicht leicht, er hat uns eine Menge Kummer bereitet. Mit Anna hat er dauernd gestritten und als er in die Pubertät kam, wollte er mit ihr und Christian nichts mehr zu tun haben. Er hatte das Bedürfnis, sich von ihnen abzusetzen, er sah auf sie herab, er wollte lieber zu den Erwachsenen gehören. Aber das hat sich geändert, seit …, seit … dem Unglück.«
»Ich weiß«, sagte Nathalie, jetzt wieder ganz ruhig. »Sie müssen nicht darüber sprechen, Frau von Kant.«
Doch Sofia schien sie gar nicht zu hören. Wieder war ihr Blick auf einen Punkt in der Ferne gerichtet, ihre Stimme schien von weither zu kommen. »Als Elisabeth und Leopold letztes Jahr bei diesem Hubschrauberabsturz ums Leben kamen, gemeinsam mit dem Piloten, hat sich alles verändert. Christian hatte keine Eltern mehr, mit fünfzehn Jahren war er Vollwaise geworden. Eben noch ein glücklicher Teenager mit Eltern, die ihn liebten und nach besten Kräften förderten, und gleich darauf: allein.«
»Das stimmt nicht«, widersprach Nathalie leise, aber bestimmt. »Er hatte Sie. Sie alle.«
»Ja, er hatte uns. Und ich muss sagen, er trägt seine Trauer besser als ich. Jeden Tag besucht er seine Eltern auf dem Familienfriedhof, während ich es kaum über mich bringe, diesen Ort aufzusuchen. Ich vermisse meine Schwester so schmerzlich wie am ersten Tag. Noch immer ist es so, dass ich oft denke: ›Das muss ich Lisa erzählen, wie wird sie sich darüber amüsieren‹ – nur, um mich im nächsten Augenblick daran zu erinnern, dass ich ihr nie wieder etwas erzählen werde. Das ist jedes Mal ein neuer Schock.«
Sofia räusperte sich. »Aber darüber wollte ich jetzt gar nicht reden. Christian hat den Ostflügel sofort verlassen und ist zu uns in den Westflügel gezogen, seitdem ist er unser drittes Kind. Mein Mann führt stellvertretend für ihn die Geschäfte. Er hatte schon zu Leopolds Lebzeiten das Gestüt stark ausgebaut, mit Erfolg. Wir sind jetzt eine deutlich kleinere Familie als zuvor, aber wir kommen zurecht. Und die Kinder halten zusammen. Seit dem Hubschrauberabsturz streiten sich Anna und Konrad kaum noch, Konrad gehört jetzt dazu. Sie sind eine fest verschworene Dreiergemeinschaft geworden.«
»Rückblickend kann man also sagen: Was für ein Glück, dass Sie damals ins Schloss gezogen sind. Denn wären Sie nicht hier gewesen, als das Unglück passierte … « Nathalie beendete den Satz nicht.
»Ja, dann wäre alles viel, viel schwieriger geworden. So konnte Christian zumindest hier bleiben und hat zu den Eltern nicht auch noch den Ort verloren, an dem er zur Welt gekommen und wo er aufgewachsen ist. Ich glaube schon, dass ihm das Halt gegeben hat. Und für uns war es auch gut, hier zu sein, denn mit Schloss Sternberg verbinden wir die glücklichsten Erinnerungen. Manchmal macht es das natürlich auch schwerer, weil man ihnen nicht ausweichen kann, aber ich möchte an keinem anderen Ort der Welt leben als hier.«
Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten, fragte Sofia unvermittelt: »Haben Sie Geschwister, Nathalie?«
»Einen Bruder, ja, aber ich sehe ihn selten. Er ist acht Jahre älter als ich und hat unser Elternhaus schon lange verlassen. Außerdem ist er beruflich viel unterwegs, manchmal bekommen meine Eltern und ich ihn monatelang nicht zu sehen. Ich lebe ja noch zu Hause, aber am liebsten würde ich mir noch vor dem Examen eine eigene kleine Wohnung suchen. Meine Mutter hört das nicht gern, ich glaube, sie hat Angst davor, dass es zu Hause ganz still wird, wenn ich auch nicht mehr da bin. Sie ist Französin, wissen Sie, sie hat sich in den ersten Jahren in Deutschland schwer getan, ihr Halt war immer die Familie und natürlich besonders wir Kinder.«
»Das kann ich gut nachvollziehen. Wir haben ja noch ein bisschen Zeit, bis es so weit ist, dass unsere drei aus dem Haus gehen, aber Konny ist jetzt siebzehn, nächstes Jahr schließt er die Schule ab, und ich bin nicht sicher, wohin für ihn dann die Reise geht.«
»Weiß er schon, was er werden will?«
»Wenn er es weiß, sagt er es uns jedenfalls nicht. Ich vermute, der Gedanke an die Zukunft macht ihm ein wenig Angst. Er weiß schon, wie gut es ihm hier geht. Außerdem hat er seit einiger Zeit eine reizende Freundin. Charly.«
»Sie heißt Charly?«
»Eigentlich Charlotte. Aber tatsächlich passt Charly besser zu ihr. Sie ist ein ungewöhnliches Mädchen.«
»Er müsste ja nicht weggehen nach der Schule.«
»Wenn er studieren will, schon. Man kann nicht jeden Tag über hundert Kilometer zur nächsten Universität fahren.«
Sie verließen den Garten, und sofort stürzte sich Togo auf sie, sprang aufgeregt um sie herum, winselte und bellte.
»Was hat er denn?«, fragte Nathalie ratlos.
»Er möchte, dass Sie Stöckchen für ihn werfen«, erklärte Sofia. »Das machen die Kinder immer, wenn sie aus der Schule kommen. Dann hetzen sie ihn erst einmal eine halbe Stunde durch den Park, manchmal auch durch den Wald. Heute denkt er offenbar, er bekommt dieses Vergnügen zwei Mal geboten.«
»Wann kommen denn Ihre Kinder nach Hause?«
Sofia warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Sie dürften schon auf dem Weg sein, die Schule ist jedenfalls zu Ende.«
»Ich bin sehr gespannt darauf, sie kennenzulernen.«
»Sie werden sich gut verstehen, Nathalie.« Sofia bückte sich nach einem Ästchen und schleuderte es weit von sich. Begeistert stürzte Togo hinterher.
»Wenn es das ist, was er gern möchte«, meinte Nathalie amüsiert, »das kann er gerne haben.« Und schon machte sie sich auf die Suche nach einem weiteren geeigneten ›Stöckchen‹.
»Dann seien Sie doch so gut und gehen Sie auf die andere Seite«, bat die Baronin. »Wie gesagt, die Kinder müssten bald kommen, dann kann er sich gleich auf sie stürzen.«
»Was sagen die drei eigentlich, wenn Sie sie ›die Kinder‹ nennen?«
Sofia lachte. »Das bekommen sie natürlich nie zu hören, was denken Sie denn? Anna ist mit ihren vierzehn Jahren die Jüngste, sie würde die Bezeichnung ›Kind‹ als schlimme Beleidigung auffassen.«
»Das hätte ich mit vierzehn auch getan«, sagte Nathalie. »Komm, Togo!«
Es war richtig, sie hierher einzuladen, dachte Sofia, als sie der jungen Frau hinterherblickte. Sie ist reizend.
Gemächlich schlenderte sie zur Terrasse. Sie hatte sie noch nicht erreicht, als Eberhard Hagedorn sie vom Schloss aus betrat, der alte Butler, der schon so lange Dienst im Schloss tat, dass niemand sich vorstellen konnte oder wollte, wie es eines Tages ohne ihn sein würde. Er war ein schmaler, nicht sehr großer Mann, der sich sehr gerade hielt und dessen klugen Augen nichts zu entgehen schien. »Ich wollte nur fragen, Frau Baronin, ob Sie noch Wünsche haben.«
»Ich hätte gern noch einen Tee, Herr Hagedorn. Unser Gast ist vorn im Schlosspark mit Togo unterwegs, als Empfangskomitee.«
»Die jungen Herrschaften werden sich freuen. Der Tee kommt sofort. Kein Gebäck?«
»Lieber nicht. Ist mein Mann schon zurück?«
»Der Herr Baron ist noch immer im Gestüt, offenbar ziehen sich die Verhandlungen mit dem Kunden länger hin.«
Das kam öfter vor. Auf Sternberg wurden unter anderem edle Rennpferde gezüchtet, die sehr viel Geld kosteten. Die kauften nicht einmal reiche Scheichs im Vorbeigehen.
Sofia ließ sich in einen der bequemen Liegestühle auf der Terrasse sinken und gab sich mit geschlossenen Augen angenehmen Träumereien hin, bis sie ein leises Klirren vernahm und sich aufsetzte. Neben ihr stand Eberhard Hagedorn und schenkte Tee ein.
»Bitte entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht stören, Frau Baronin.«
»Das haben Sie nicht, ich habe nur über dieses und jenes nachgedacht. Danke für den Tee, Herr Hagedorn.«
Er lächelte auf seine zurückhaltende Art, bevor er die Terrasse wieder verließ.
Sofia lauschte, aber sie hörte weder Togo bellen noch die Rufe der Teenager, also waren sie wohl immer noch nicht aus der Schule zurück. Sie trank einen Schluck Tee und streckte sich behaglich aus. Dann schloss sie die Augen wieder, um noch ein bisschen zu dösen.
*
Auch an diesem Tag führte Anna von Kant das große Wort, wie so oft, wenn Konrad, Christian und sie den Sternberg zum Schloss hinaufstiegen, nachdem der Schulbus sie unten im Tal abgesetzt hatte. Sie hätten sich auch fahren lassen können, von Per Wiedemann, dem jungen Chauffeur, der das gern getan hätte, aber sie zogen es vor, zu laufen. Für sie war es Teil des täglichen Sportprogramms. Morgens, beim Abstieg, hatten sie es immer sehr eilig, da sie nie rechtzeitig aufstanden, gleichgültig, wie früh Eberhard Hagedorn sie weckte, aber nach der Schule nahmen sie sich Zeit. Auch heute gingen sie in gemächlichem Tempo auf einem Waldweg neben der schmalen Straße, die sich in engen Kurven nach oben zum Schloss schlängelte.
»Ich finde«, sagte Anna, nachdem sie sich eine ganze Weile über eine ihrer Lehrerinnen aufgeregt hatte, »es könnte endlich mal wieder etwas richtig Aufregendes passieren.«
Sie war ein niedliches Mädchen, ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten: die gleichen blonden Locken, das gleiche hübsche runde Gesicht, die gleichen porzellanblauen Augen. Anna selbst hätte lieber ganz anders ausgesehen, darin unterschied sie sich nicht von anderen vierzehnjährigen Mädchen.
»Von mir aus muss das nicht sein«, entgegnete ihr Cousin Christian von Sternberg.
In seinem gut geschnittenen schmalen Gesicht fielen vor allem die Augen auf: Sie ließen ihn älter als seine sechzehn Jahre erscheinen, verrieten sie doch, dass er schon mehr als mancher Erwachsene über die Verletzungen wusste, die das Leben den Menschen zufügen kann. Er war schlank und dunkelhaarig und überragte Anna um mehr als einen Kopf.
»Ich finde es so, wie es gerade ist, eigentlich ganz schön. Aufregungen hatten wir in den letzten Jahren genug, es darf jetzt gern mal etwas ruhiger zugehen.«
»Hört ihr das?«, fragte Konrad, der Dritte im Bunde. Er war der Älteste mit seinen siebzehn Jahren, und er sah nicht aus wie Annas Bruder. Zwar war auch er blond – das einzige Erbteil seiner Mutter – aber sonst kam er ganz nach seinem Vater, Baron Friedrich von Kant. Er hatte dessen kräftige, dabei hochgewachsene Gestalt ebenso geerbt wie sein klassisches Profil. »Das ist doch Togo, oder?«
Zwar konnten sie das Schloss noch nicht sehen, aber sie waren schon fast oben. Gleich würde sich der elegante weiße Bau vor ihnen erheben.
Sie blieben stehen, um zu lauschen. »Das verstehe ich nicht«, sagte Christian. »Herr Hagedorn lässt Togo doch nicht raus, bevor er uns sieht.«
In diesem Moment hörten sie eine helle Frauenstimme, die Togos Namen rief. Es klang, als liefe er ihr davon und sie wollte ihn aufhalten. Wie auf Kommando setzten sie sich wieder in Bewegung, schneller dieses Mal, und innerhalb weniger Sekunden waren sie oben angelangt, sahen den Schlosspark vor sich liegen, das Schloss – und eine junge Frau mit langen braunen Haaren, einen Stock in der Hand, den sie offenbar hatten werfen wollen, bevor ihr Togo entwischt war. Mit langen Sprüngen kam er auf die drei Teenager zu, die er längst wahrgenommen hatte, umkreiste sie begeistert, sprang an ihnen hoch, winselte und jaulte und machte komische Luftsprünge, die sie zum Lachen brachten.
Die junge Frau mit den braunen Haaren hörte auf zu rufen und kam nun ebenfalls auf sie zu. Als sie sie erreicht hatte, sahen sie, dass sie nur wenige Jahre älter sein konnte als Konrad.
»Ich bin Nathalie von Zehentheim«, sagte sie. »Und ihr müsst Anna, Konrad und Christian sein.« Sie lächelte vergnügt. »Togo hat mir einen Schrecken eingejagt, ich dachte, er entwischt mir und sah ihn im Geiste schon bis nach unten ins Tal rennen und dort unter ein Auto geraten.«
Die drei hatten sich von ihrer Überraschung erholt. »Bist du eine Freundin von Mama?«, fragte Anna, während sie ihren Weg zum Schloss fortsetzten.
»Freundin ist übertrieben, wir waren zusammen auf diesem Kongress, der hat ziemlich lange gedauert und war anstrengend. Da hat sie mich gefragt, ob ich nicht bleiben will bis morgen. Wie ihr seht: Ich wollte.«
»Wieso arbeitest du ehrenamtlich? Das machen doch nur Rentner und Leute ohne Job«, sagte Anna.
»Aber nein!«, rief Nathalie. »Ich mache das vor allem in den Semesterferien, und ich finde es toll, man lernt so viel dabei und trifft interessante Leute. Wie zum Beispiel deine Mutter. Ich mache das echt total gerne.«
»Willst du denn nicht reisen und die Welt kennenlernen in den Semesterferien?«, wollte Anna wissen.
»Dafür habe ich trotzdem noch genug Zeit, keine Sorge.«
Christian fand es an der Zeit, Annas Verhör zu beenden. »Was studierst du, Nathalie?«
»Tiermedizin. Ich wusste schon mit zehn, dass ich Tierärztin werden will, und tatsächlich ist es dabei geblieben. Meine Eltern sind nicht glücklich über meine Entscheidung, sie finden, ich hätte lieber Kinderärztin werden sollen, aber sie haben sich jetzt damit abgefunden.«
»Große oder kleine Tiere?«, fragte Konrad.
»Das weiß ich noch nicht, aber ich schätze, es werden große Tiere, die interessieren mich einfach mehr.«
»Kann ich verstehen«, meinte Konrad, bevor er ein Stöckchen für Togo weit weg schleuderte.
»Bleib doch noch ein bisschen länger«, schlug Anna vor. »Hier ist nämlich gerade nichts los, wir könnten etwas Abwechslung gut gebrauchen.«
»Ich muss zurück nach München, ich habe eine Menge zu tun, Anna. Ich muss für eine Klausur lernen.«
Sie hatten das Schloss beinahe erreicht. Das Hauptportal wurde geöffnet, und Eberhard Hagedorn erschien, um die Teenager nach der Schule willkommen zu heißen, wie er es jeden Tag tat. »Hatten Sie einen angenehmen Tag in der Schule?«, fragte er.
»War langweilig«, antwortete Anna.
»Bei mir nicht«, erklärte Christian. »Wir haben etwas Neues in Mathe durchgenommen, das war total spannend.«
Konrad sagte gar nichts, er zuckte nur mit den Schultern. Er war ein leidlich guter Schüler, aber er liebte die Schule nicht. So positive Äußerungen wie von Christian hörte man von ihm äußerst selten.
»Die Frau Baronin ist auf der Terrasse, der Herr Baron ist noch im Gestüt«, teilte der alte Butler ihnen mit.
Sie ließen ihre Schultaschen am Fuß der Treppe fallen und machten sich auf den Weg zur Terrasse, Nathalie folgte ihnen.
Was für eine ausnehmend nette Familie! Sie fühlte sich schon fast wie zu Hause!
*
Er war schon da! Victoria von Sollndorff atmete tief durch, bevor sie den Saal betrat, in dem sie das Abendessen einnehmen würde. Es gab mehrere Säle auf der Sunrise, der Zufall hatte sie mit Alexander von Dahlen an einen Tisch gesetzt, einen der wenigen jungen, attraktiven Männer an Bord dieses Kreuzfahrtschiffs. Nicht, dass sie auf der Suche nach einem Mann gewesen wäre, aber sie fand es dennoch schön, dass es auch Gleichaltrige hier gab. Sie war gern mit älteren Menschen zusammen, aber nicht ausschließlich, und an Bord dieses Schiffs waren sie nun einmal deutlich in der Überzahl.
Sie kam sich selbst lächerlich vor, als sie langsam auf ihren Tisch zuging. Sie benahm sich wie ein Teenager vor dem ersten Date, dabei wies nichts darauf hin, dass Alexander von Dahlen sie mehr als sympathisch fand. Beinahe ärgerte sie sich darüber, dass ihr Herzschlag sich unwillkürlich beschleunigt hatte. Wieso fand sie ihn so attraktiv? Sie war eigentlich kein Mensch, der zu Überschwang neigte, vor allem nicht Männern gegenüber, und sie war wählerisch, wenn es darum ging, ihre Zuneigung zu verschenken.
