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Der Klemensroman ist die erste christliche Adaption der populären Literaturgattung des Romans. Der Name des Werkes geht auf seinen fiktiven Ich-Erzähler Klemens zurück, der mit der historischen Gestalt des Klemens von Rom identisch sein will. Die um 30 n. Chr. spielende Handlung dreht sich zum einen um die Suche des Klemens nach Antworten auf die Sinnfragen des Lebens, zum andern um die Suche nach seiner verschollenen Familie – mit Hilfe des Apostels Petrus, dem er sich anschließt, finden beide Probleme eine glückliche Lösung. Hineinverwoben in diese Erzählung sind spannende Auseinandersetzungen des Petrus mit dem Zauberer Simon, den der Apostel schließlich besiegt.Jürgen Wehnert legt das Werk in einer neu bearbeiteten Übersetzung vor, die sich an ein breites Publikum richtet.
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Seitenzahl: 571
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Kleine Bibliothek der antiken jüdischenund christlichen Literatur
Herausgegeben von Jürgen Wehnert
Vandenhoeck & Ruprecht
Der Klemensroman
Übersetzt und eingeleitetvon Jürgen Wehnert
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-647-99701-8
© 2015, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen/Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlichgeschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällenbedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Inhalt
Einleitung
Zum Inhalt des Romans
Zur literarischen Gattung
Zur Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte
Zur Theologie
Zur Bedeutung des Klemensromans
Zur Übersetzung
Literatur
Dank
Übersetzung
Brief des Petrus an Jakobus
Gelübde für die Empfänger der Petruspredigten
Brief des Klemens an Jakobus
Einleitender Bericht
Die Einsetzung des Klemens zum Bischof von Rom durch Petrus
Die Pflichten des Bischofs
Die Pflichten der Ältesten
Die Pflichten der Diakone
Die Pflichten der Katecheten
Die Kirche – ein Schiff auf dem Weg in den sicheren Hafen
Abschließende Ermahnungen
Der letzte Wille des Petrus
Briefschluss und Einleitung in den Bericht des Klemens
Buch 1
Die inneren Kämpfe des jugendlichen Klemens im Rückblick erzählt
Gerüchte in Rom über Jesus, die Reise des Klemens nach Alexandrien und sein Zusammentreffen mit Barnabas
Die Reise des Klemens nach Cäsarea, seine Bekanntschaft mit Petrus und ihr Gespräch über den wahren Propheten
Buch 2
Ein nächtliches Gespräch zwischen Klemens und Petrus
Weitere Belehrungen über den wahren Propheten
Über die Gerechtigkeit Gottes und die Unsterblichkeit der Seelen
Die Syzygienlehre
Der Zauberer Simon – seine Vorgeschichte
Aquilas und Nicetas Bericht über den Zauberer Simon
Die Rolle Simons nach der Syzygienlehre
Verschiebung des Streitgesprächs mit Simon
Die Lehre von den unwahren Perikopen
Buch 3
Frühgespräch über die Notwendigkeit der Verehrung des einen Gottes
Vorrede über den wahren Propheten
Die Rede des Petrus über den wahren Propheten
Die Rede der Petrus über den Schöpfergott
Streitgespräch zwischen Petrus und Simon Magus über die Gotteslehre
Die Einsetzung des Zachäus zum Bischof von Cäsarea
Die Entsendung von Klemens, Aquila und Niceta nach Tyrus
Buch 4
Die Ankunft der Brüder in Tyrus
Klemens’ Zusammentreffen mit Appion
Die Rede des Klemens über die Götter der Griechen und den Gott der Juden
Klemens’ Streitgespräch mit Appion
Buch 5
Ein Rückblick auf Klemens’ Bekanntschaft mit Appion
Appions Lobrede auf den Ehebruch
Klemens’ Antwortbrief an Appion
Reaktionen auf den Antwortbrief
Ein Besuch bei Appion
Buch 6
Appions Rede über die griechischen Mythen und deren allegorische Deutung
Die Gegenrede des Klemens
Die Ankunft des Petrus in Tyrus
Buch 7
Der vierte Tag in Tyrus
Die Rede des Petrus an die Tyrer
Petrus in Sidon
Petrus in Berytus
Petrus in Byblus
Buch 8
Die Ankunft des Petrus in Tripolis
Simons Flucht nach Syrien
Lehrvortrag des Petrus über Glauben und gute Werke
Die Rede des Petrus über die Dämonen (Anfang der ersten Tripolisrede)
Heilungen in Tripolis
Buch 9
Die Rede des Petrus über die Dämonen (Abschluss der ersten Tripolisrede)
Weitere Heilungen in Tripolis
Buch 10
Ein Morgengespräch des Petrus mit den Jüngern
Die Rede des Petrus über den Götterkult (Anfang der zweiten Tripolisrede)
Weitere Heilungen in Tripolis
Buch 11
Die Rede des Petrus über den Götterkult (Abschluss der zweiten Tripolisrede)
Die Rede des Petrus über das Leben der Gottesfürchtigen (dritte Tripolisrede)
Die Taufe des Klemens; Abschluss der Wirksamkeit des Petrus in Tripolis
Buch 12
Weiterreise nach Antaradus
Die Lebensgeschichte des Klemens
Auf Aradus. Die erste Wiedererkennung: Klemens’ Mutter
Ein Schulgespräch über die Menschenliebe
Buch 13
Weiterreise nach Laodicea
In Laodicea. Die zweite Wiedererkennung: Klemens’ Brüder
Mattidias Taufwunsch
Lehrvortrag des Petrus über Tugendhaftigkeit und Ehebruch
Buch 14
Mattidias Taufe
Die dritte Wiedererkennung: Klemens’ Vater
Buch 15
Gespräch zwischen Petrus und Faustus über das Leben der Gläubigen im gegenwärtigen Äon
Buch 16
Streitgespräch zwischen Petrus und Simon Magus über die Alleinherrschaft Gottes (erster Tag der Disputationen in Laodicea)
Buch 17
Zweiter Tag der Disputationen in Laodicea
Die Reden des Simon Magus gegen Petrus und über die Unterscheidung zweier Götter
Die Rede des Petrus über die Verkündigung Jesu und die Gestalt Gottes
Streitgespräch zwischen Petrus und Simon Magus über die Beweiskraft von Realität und Vision
Buch 18
Streitgespräch zwischen Petrus und Simon Magus über den guten und den gerechten Gott (dritter Tag der Disputationen in Laodicea)
Buch 19
Streitgespräch zwischen Petrus und Simon Magus über den Ursprung des Bösen (vierter Tag der Disputationen in Laodicea)
Buch 20
Nächtliches Schulgespräch über den Bösen
Simon Magus’ Anschlag auf Faustus und seine Flucht nach Judäa
Aufbruch nach Antiochien
Abkürzungen der biblischen Bücher
Einleitung
Der Klemensroman entführt seine Leser in die Welt des Römischen Reiches zur Zeit des Kaisers Tiberius wenige Jahre nach der Kreuzigung Jesu. Er macht sie zu Teilnehmern einer lebensverändernden Reise des Protagonisten, die in Rom beginnt und nach Stationen in Alexandrien, im jüdischen Land und Phönizien vor den Toren Antiochiens, der Hauptstadt der Provinz Syrien, endet. Der weite geographische Horizont des Werkes – Rom, Alexandrien und Antiochien waren die größten Metropolen des Kaiserreichs – symbolisiert seine umfassende Behandlung existentieller Fragen des Menschen, die in Auseinandersetzung mit der antiken Philosophie und konkurrierenden christlichen Lehrmeinungen aus einer ungewohnten jüdisch-christlichen Sicht verbindlich beantwortet werden sollen.
Nach zwei Briefen und einem damit verbundenen Gelübde, das im Roman Mitgeteilte geheim zu halten, ergreift der Ich-Erzähler Klemens das Wort und berichtet in 20 Büchern über seine prägenden Erfahrungen als Jugendlicher und junger Mann. Klemens stammt aus einer mit dem Kaiserhaus verwandten römischen Familie. Schon in jungen Jahren wird er von den Sinnfragen des Lebens umgetrieben, auf die ihm die Philosophen keine befriedigende Antwort geben können. Als er von Jesus hört, bricht er nach Judäa auf und lernt auf einer Zwischenstation in Alexandrien Barnabas kennen. Durch dessen Predigt erfährt er so viel über Jesu Lehre und Taten, dass er den dringenden Wunsch verspürt, sich den Schülern des inzwischen Gekreuzigten anzuschließen. Er reist er in die judäische Hafenstadt Caesarea Stratonis weiter, wo sich der Apostel Petrus mit seinen Anhängern anlässlich eines bevorstehenden Streitgesprächs mit dessen Erzfeind, dem Zauberer Simon (Simon Magus), aufhält.
Petrus nimmt Klemens freundlich in seinen Kreis auf. Er setzt ihm die christliche Lehre auseinander und beeindruckt ihn durch seine siegreichen Streitgespräche mit Simon so sehr, dass Klemens beschließt, bei Petrus zu bleiben und ihn bei der Verfolgung der Magiers zu unterstützen, der nach seiner Niederlage in den Küstenstädten Phöniziens und Syriens Hass gegen den Apostel sät. Nachdem Klemens von der Wahrheit der christlichen Lehre vollständig überzeugt und von Petrus getauft worden ist, stellt sich heraus, dass er in seiner Jugend durch die Intrige eines Verwandten seine gesamte Familie verloren hat – erst die Mutter Mattidia mit den Zwillingsbrüdern Faustinus (Niceta) und Faustinianus (Aquila), dann Faustus, den Vater. Mit Hilfe des Petrus werden im weiteren Verlauf der Reise alle Familienmitglieder in derselben Reihenfolge aufgefunden und wieder glücklich vereint – ein schlagender Beweis für die Wahrheit der christlichen Lehre, die letztlich auch den hoch gebildeten Faustus und seinen astrologischen Schicksalsglauben zu erschüttern vermag. In der syrischen Hafenstadt Laodicea (heute Latakia) kommt es zu erneuten Streitgesprächen zwischen Petrus und Simon Magus, in denen der Zauberer schmählich unterliegt. Durch eine Verwandlung des Faustus versucht er sich zu rächen, vermag jedoch gegen die überlegene Macht des Apostels nichts auszurichten und muss abermals vor ihm fliehen.
Der Klemensroman ist durch umfangreiche Diskussionen und Lehrvorträge des Petrus geprägt, die die Erzählhandlung über weite Strecken in den Hintergrund drängen. Die seinen Ablauf bestimmende Hinwendung des Klemens und seiner Eltern zum christlichen Glauben verweist auf ein grundsätzlich apologetisches Interesse des Werkes: Durch detaillierte argumentative Auseinandersetzungen mit religiösen und philosophischen Gegenpositionen soll die Überlegenheit der vom Apostel Petrus vertretenen Lehre unter Beweis gestellt und eine gebildete Leserschaft für das Christentum interessiert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, greift das im Übrigen frei erfundene Werk auf Motive zurück, die zum einen aus der frühen christlichen Apologetik (Verteidigung des christlichen Glaubens gegen Einwände) und der im 2. Jahrhundert aufblühenden Apostelliteratur stammen, und zum anderen durch den antiken Roman vermittelt sind.
Dass sich ein christliches Werk der Stilelemente des Romans bedient, ist in der Geschichte der jüdischen und christlichen Literatur ohne Vorbild. Der auch in der paganen Literatur bewanderte Autor hatte den originellen Einfall, im Gewand des idealisierenden Romans neue Leserschichten auf das christliche Verständnis von Gott, Welt und Mensch anzusprechen. Das Sujet von der Wiedervereinigung liebender Menschen, die durch ein grausames Schicksal auseinandergerissen wurden, findet sich ähnlich u.a in Heliodors Äthiopischen Geschichten oder in der Geschichte des Königs Apollonius von Tyrus (beide aus dem 3. Jahrhundert n. Chr.). Mit diesem Sujet verbunden sind wiederkehrende Motive wie die Intrige als Auslöser des Dramas, das Erleiden von Schiffbruch und Verkauf in die Sklaverei, die lange, vergebliche Suche nach den Vermissten oder die unverbrüchliche Treue der Liebenden während ihrer Trennung. All diese Motive werden in der Geschichte von Klemens und seiner Familie variiert. Sie kann daher zurecht als erster christlicher Roman bezeichnet werden, ohne das literarische Genie ihres Verfassers deshalb zu überschätzen.
Die Disposition der Erzählung weist Schwächen auf, die seine Entstehungsgeschichte widerspiegeln. Die Romanhandlung ist nicht homogen, sondern verweist in der doppelten Suchbewegung des Klemens (zunächst nach dem Lebenssinn, dann nach den verschollenen Angehörigen, von denen erstmals in Buch 12 die Rede ist) auf zwei ursprünglich selbständige Themen, deren Behandlung das Werk seinen besonderen Charakter – halb Bildungs-, halb Familienroman – verdankt. Die Verbindung dieser Romanstoffe gelang dem Autor dadurch, dass er sie auf ein älteres literarisches Werk gleichsam aufmontierte und durch die Figur des Klemens zu verbinden versuchte. Die so komponierte, von Beginn an gern gelesene Erzählung wurde mehrfach formal und inhaltlich überarbeitet. Heute liegen nur noch die beiden jüngsten Fassungen des Werkes (sowie Kurzfassungen davon) vor. Diese komplizierte, nur annäherungsweise zu rekonstruierende Geschichte des Klemensromans ist für sein Verständnis von erheblicher Bedeutung.
Die literarische Keimzelle des Klemensromans dürfte eine Erzählung gewesen sein, die einen vor allem in langen Disputen ausgefochtenen Kampf zwischen dem Apostel Petrus und seinem Widersacher, dem Zauberer Simon, schilderte. Die Figur des Klemens spielte darin noch keine Rolle. Diese älteste Schicht des Werkes lässt sich relativ leicht aus den Roman herauslösen, weil sie in auktorialer Erzählperspektive, also in dritter Person, verfasst wurde, während die jüngeren Partien des Romans als Ich-Rede stilisiert sind. Der Romanverfasser hat die Ich-Erzählperspektive oft nur ganz oberflächlich in die von ihm übernommenen Teile der Petrus-Simon-Erzählung eingetragen. In diesen Textbereichen sind sogar einige Formulierungen in dritter Person stehengeblieben, so dass jetzt der merkwürdige Eindruck entsteht, Klemens sei in der Erzählung seines eigenen Lebens phasenweise abwesend. Charakteristisch ist eine Notiz am Ende von Buch 8: „Als sie (die Zuhörer) fortgegangen waren, blieb Petrus mit seinen Vertrauten dort“ (24,3). Nach der Fiktion des Romans müsste es korrekterweise heißen: „blieb Petrus mit uns dort“.
Die letztlich durch die Episode Apg 8,9–24 (Petrus und Simon in Samarien) inspirierte Auseinandersetzung zwischen Simon Petrus und Simon Magus, der in der Kirche schnell als Erzketzer galt, hat der frühe Erzähler in drei Abschnitten gestaltet: Der erste ist ein Streitgespräch im judäischen Cäsarea, das mit der Flucht des Magiers endet. Der zweite Teil beschreibt eine Verfolgungsjagd von Cäsarea bis in die syrische Hauptstadt Antiochien: Petrus heftet sich an die Fersen seines Gegenspielers, der die Bewohner verschiedener Küstenstädte gegen den Apostel aufwiegelt. Das nützt ihm jedoch nichts, weil Petrus die Bevölkerung durch wirkungsvolle Missionspredigten auf seine Seite zieht, in jeder Stadt eine Gemeinde gründet und einen Bischof einsetzt. Den dritten Teil bildet eine weitere Diskussion, wohl in Antiochien, bei der Petrus den Zauberer erneut überwindet und in die Flucht schlägt.
Datieren lässt sich diese Petrus-Simon-Erzählung dadurch, dass sie Figuren und Motive der sogenannten Petrusakten voraussetzt. Bei diesen „Akten“ (zu Deutsch: „Taten“) handelt es sich um eine nachbiblische Apostelgeschichte aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhun derts (vor 190 n. Chr.). Sie beginnt in Jerusalem und endet mit der endgültigen Niederlage des Simon Magus sowie dem Märtyrertod des Apostels Petrus in Rom. Die Petrusakten sind leicht zugänglich; Bernhard Lang hat sie für die vorliegende Buchreihe neu ins Deutsche übersetzt. Ende des 2. oder Anfang des 3. Jahrhunderts dürfte dann vermutlich in Syrien die Petrus-Simon-Erzählung entstanden sein. Angeregt wurde sie wohl durch die Lücken im Reisebericht der Petrusakten, der, soweit der Text überliefert ist, nur Ereignisse in Jerusalem und Rom schildert.
Mitte des 3. Jahrhunderts wurde die Petrus-Simon-Erzählung im syrischen Raum zum autobiographisch stilisierten Ich-Roman umgestaltet und durch Verarbeitung umfangreicher literarischer Quellen beträchtlich erweitert. Die Datierung ergibt sich daraus, dass der Romanverfasser das Buch der Gesetze der Länder des syrischen Autors Bardesanes herangezogen hat (in Buch 19.19), das vor 222 n. Chr. entstanden ist. Protagonist und Erzähler des Werkes ist nun der adlige Jüngling und spätere Bischof Klemens von Rom – eine markante historische Gestalt des ausgehenden 1. Jahrhunderts n. Chr., die der Verfasser mit Blick auf die von ihm anvisierte gebildete heidnische Leserschaft aufleben ließ. Wegen dieses fiktiven Ich-Erzählers wird der Roman in der Literatur meist als „Klementinen“ oder „Pseudoklementinen“ bezeichnet, obwohl er ursprünglich gewiss unter anderem Namen umlief.
Nach dem flott formulierten Beginn seines Lebensberichts in Buch 1 gerät Klemens ab Buch 2 zwar in die privilegierte Rolle eines Petrusbegleiters, verliert aber gleichzeitig stark an Bedeutung. Er ist fortan im Wesentlichen nur ein blasser Berichterstatter über die Konflikte des Apostels mit Simon Magus, die der Romanverfasser aus der Petrus-Simon-Erzählung übernommen hatte. Um zu verhindern, dass die Figur des Klemens, der am Ende von Buch 11 fast beiläufig getauft wird, ganz zum Statisten gerät, setzt der Verfasser im zweiten Teil des Romans neu ein. Klemens berichtet Petrus vom Verlust seiner Eltern und Brüder, die ihm, dank der Hilfe des Apostels, während der Verfolgung Simons entlang der Mittelmeerküste nacheinander über den Weg laufen.
Die Erzählung von der Wiedervereinigung der lang getrennten Familienmitglieder scheint der Autor ebenfalls aus einer Quelle übernommen zu haben. Er hat ersichtlich Mühe, seinen Protagonisten Klemens in diese Vorlage zu integrieren, die wohl nur von zwei, nicht von drei Söhnen berichtete. Nach der Auffindung der lang Vermissten entsteht deshalb so gut wie kein Gespräch zwischen ihnen und Klemens über ihre entbehrungsreichen Schicksale (Buch 12–15), worüber sich die Leserschaft nur wundern kann. Seinen Abschluss findet das Romanwerk in den Städten Laodicea (nun Austragungsort des zweiten Disputs zwischen Petrus und Simon) und Antiochien mit einer Doppelpointe: Zum einen erleidet der Magier mit seiner gegen Petrus gerichteten Polemik erneut völligen Schiffbruch, zum anderen muss Faustus, der edel, aber skeptisch denkende Vater des Klemens, die Überlegenheit der christlichen Lehre anerkennen – damit ist die Geschichte zu einem einigermaßen guten Ende gebracht, weil die Mitglieder der Klemens-Familie nun auch im gleichen Glauben vereint sind, wenngleich die Taufe des Faustus (und mit ihr die der intendierten Leser) noch aussteht.
Auf einer dritten Stufe wurde der Roman formal und inhaltlich umgearbeitet. Durch Hinzufügung von zwei einleitenden Briefen – einer des Petrus samt einer darauf antwortenden „feierlichen Beschwörung“, einer des Klemens – an den in Jerusalem residierenden Jakobus, den Bruder Jesu, sowie durch gelegentlich eingestreute Anreden des Jakobus in zweiter Person Singular (z. B. 1.20,2–3; 2.1,1) soll er den Charakter einer überdimensionalen brieflichen Mitteilung des Klemens an das Oberhaupt der Jerusalemer Christen gewinnen.
Jakobus, der im Roman bisher keine Rolle gespielt hatte, gilt darüber hinaus als Oberbischof aller Christen („Bischof der Bischöfe“, Brief des Klemens 1,1), der die ordnungsgemäße Verkündigung der Apostel zu überwachen hat. Zu diesem Zweck müssen ihm beständig Mitschriften der Predigten des Petrus übersandt werden, was Klemens als Sekretär des Apostels erledigt. Der Bearbeiter scheint freilich die Lust an dieser Umgestaltung der Romans bald verloren zu haben. Die Stilisierung als Brief findet sich nur in den ersten Büchern des Werkes und ist danach aufgegeben worden. Das gilt auch für den im Klemensbrief angedeuteten Plan, den Erzählfaden von Antiochien bis zum Ausgangspunkt Rom zu verlängern: Dort wird Klemens zum Bischof erhoben, ehe Petrus das Martyrium erleidet. Letzter großer Eingriff des Bearbeiters war der Einschub eines Berichts über die Einsetzung des Zachäus zum Bischof von Cäsarea (3.59–72). Leider vergaß er, gleichzeitig jene Stellen zu tilgen, an denen Zachäus als Begleiter des Petrus auf dessen weiteren Reisen erscheint (13.8,3; 17.1,1.3; 17.6,2).
Diese zum Torso eines Briefes verwandelte Fassung des Romans war Grundlage für die beiden überlieferten Fassungen des Werkes, die Homilien („Predigten“), die in der vorliegenden Ausgabe übersetzt werden, und die Rekognitionen („Wiederkennungen“). Die beiden dafür verantwortlichen Bearbeiter haben den Romanstoff Ende des 3. oder Anfang des 4. Jahrhunderts, wohl unabhängig voneinander, nochmals gründlich redigiert.
Beide Versionen wurden auf Griechisch verfasst, doch sind nur die Homilien (in zwanzig kürzeren Büchern mit den drei Einleitungsschriften) in dieser Sprache erhalten geblieben. Die Rekognitionen (in zehn ausführlichen Büchern) liegen, von wenigen griechischen Zitaten bei den Kirchenvätern abgesehen, komplett nur in einer lateinischen Übersetzung des Rufin von Aquileia aus dem Jahr 406 oder 407 vor sowie in einer davon unabhängigen syrischen Teilübersetzung – letztere in Gestalt zweier Handschriften, deren ältere, die in der British Library, London, aufbewahrt wird, auf das Jahr 411 datiert ist.
Ein Vergleich zwischen Homilien und Rekognitionen ergibt, dass erstere die Substanz des Romans und der darin enthaltenen Vorläufererzählung insgesamt besser bewahrt haben. Der Bearbeiter der Rekognitionen, ein der katholischen Großkirche nahestehender Christ, hat in die Struktur, vor allem aber in die Lehrinhalte seiner Vorlage stark eingegriffen. Trotzdem gebührt ihm das Verdienst, dem Roman unter veränderten kirchlichen Machtverhältnissen, denen die früheren Fassungen ganz und die Homilien fast zum Opfer fielen, das Überleben gesichert zu haben. Mehr als 110 erhaltene Handschriften bezeugen die intensive Beschäftigung mit den Rekognitionen in weiten Teilen Europas.
Von den Homilien gibt es hingegen nur zwei Handschriften, die von derselben griechischen Vorlage abgeschrieben worden sind. Das ältere Manuskript, ein Codex Parisinus aus dem 11. oder 12. Jahrhundert, beinhaltet die drei Einleitungsschriften und den Homilien-Text bis 19.14,3; der Rest ist durch häufige Benutzung verlorengegangen. Vollständig ist die jüngere Handschrift, ein Codex Vaticanus Ottobonianus aus dem 14. Jahrhundert. Angesichts dieser schmalen Überlieferung hat für die Wiederherstellung des Homilien-Textes u. a. eine syrische Teilübersetzung Bedeutung, die den Abschnitt 10.1,1–14.12,4 umfasst. Sie befindet sich in derselben Londoner Handschrift aus dem Jahr 411, die auch Teile der Rekognitionen in syrischer Übersetzung enthält (s. o.).
Trotz ersichtlicher Zurückhaltung hat auch der Bearbeiter der Homilien in die Erzählstruktur des von ihm vorgefundenen Romans eingegriffen. Insbesondere hat er versucht, dem ab Buch 2 sehr blassen Protagonisten Klemens mehr Profil zu verleihen. Zu diesem Zweck hat er die mythologischen Vorträge, die ursprünglich an den Schluss des Werkes gehörten, in Buch 4–6 zu Debatten zwischen Klemens und dem alexandrinischen Lehrer Appion, einem Vertrauten des Simon Magus, umgearbeitet, aus denen der junge Römer siegreich hervorgeht. Um Raum für diese Diskussionen zu gewinnen, hat H die Streitgespräche des Petrus teilweise stark abgekürzt. Das betrifft sowohl die Auseinandersetzung des Apostels mit Simon Magus in Cäsarea (in Buch 3) als auch die spätere Debatte zwischen Petrus und Faustus über den astrologischen Schicksalsglauben (Buch 14.2–7). In diesen Teilen dürften die Rekognitionen die Romanvorlage besser bewahrt haben. Ob der Homilien-Bearbeiter auch in den turbulenten Schlussteil 20.11–23 eingegriffen hat (Simon hext Faustus seine eigene Gestalt an, um sich der Verhaftung wegen Zauberei zu entziehen), ist möglich, aber nicht kontrollierbar, weil die Rekognitionen den Magier schon früh aus der Erzählhandlung entfernen und deshalb keine Parallele zum Homilien-Schluss besitzen. (Erst in der lateinischen Übersetzung der Rekognitionen wurde der Homilien-Schluss zur Abrundung des Werkes ergänzt.) Einige Züge des Finales – Simon flieht nach seiner Niederlage nicht gen Rom, sondern unverständlicherweise zurück in das für ihn verlorene Judäa (20.15,1 u. ö.) – lassen jedoch vermuten, dass sie vom Bearbeiter der Homilien in den Text eingetragen wurden.
Die jüngsten Fassungen des Klemensromans sind stark gekürzte Versionen der Homilien und der Rekognitionen. Solche Kurzfassungen, Epitomen genannt, wurden möglicherweise bereits im 4. Jahrhundert hergestellt. Sie lassen das nachhaltige Interesse am Klemensroman – vor allem an seinem Protagonisten Klemens – u. a. im griechischen, syrischen, äthiopischen, armenischen und arabischen Sprachraum erkennen. Von besonderer Bedeutung sind zwei weit verbreitete griechische Epitomen, die auf den Homilien beruhen. Sie verlängern den Erzählfaden des Romans bis zur Ankunft der Protagonisten in Rom und schildern abschließend das Martyrium des Klemens.
Weil der Bearbeiter der Homilien die Gedankenwelt seiner Vorlage im Wesentlichen unangetastet ließ, wird durch ihn die teils bizarre Theologie des ursprünglichen Klemensromans zugänglich. Dessen um 250 n. Chr. schreibender Autor erscheint als eigenwilliger, sehr rationaler Denker, der verschiedenste theologische und popular-philosophische Traditionen seiner Zeit zu einem jüdisch-christlichen Gedankengebäude verbunden hat, mit dem er ebenso erschöpfende wie verbindliche Antworten auf die existentiellen Fragen seiner Zeitgenossen geben wollte.
Elemente dieses Gedankensystems übernimmt er aus der von ihm zugrunde gelegten Petrus-Simon-Erzählung. Diese stammt aus einem jüdisch geprägten Christentum Syriens, das auch in der Didaskalia, einer Kirchenordnung aus der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts, vorausgesetzt und von ihr bekämpft wird. Die vom Romanverfasser geteilten Überzeugungen dieser jüdischen Christen lassen sich in einigen Hauptpunkten zusammenfassen:
1. Der jüdische Monotheismus (Gottes „Alleinherrschaft“; 3.3,2 u. ö.) wird stark betont: Der Gott Israels ist der einzige Gott und „Schöpfer des Himmels und der Erde und aller Dinge, die in ihnen sind“; keinen anderen darf man Gott nennen oder dafür halten (16.5,2 u. ö.). Diesem gegen jede Form des antiken Götterglaubens gerichteten Monotheismus entspricht eine sehr zurückhaltende Christologie. Von Kreuz und Auferstehung ist so gut wie nie die Rede. Seine Würde gewinnt Jesus nicht aufgrund seiner Erhöhung zu Gott, sondern als eine Verkörperung des von göttlichem Vorherwissen erfüllten „wahren Propheten“. Dieser lehrt die Menschen seit Adams Zeiten in immer neuer Gestalt, was zu ihrer Rettung dient. Im Zentrum dieser Heilslehre steht eine rigorose Ethik. Das Taufbad, das Sündenvergebung und Auslöschung der im Täufling wohnenden Dämonen bewirkt, eröffnet die einmalige Chance, einen gottgefälligen Lebenswandel in starker Weltdistanz zu führen und dadurch an der zukünftigen ewigen Welt teilzuhaben, die Gott nach dem Gericht über die Menschen allein für die Frommen heraufführen wird. Eine zweite Buße ist ausgeschlossen. Dieser rettende neue Lebenswandel geht, unter dem Einfluss des sogenannten Aposteldekrets (Apg 15,20.29; 21,25), mit der Einhaltung jüdischer Speise- und Reinheitsvorschriften einher, die durch das Taufbad, das keine sakramentale Bedeutung hat, nicht überflüssig geworden sind. Diese Grundgedanken werden in 7.8,1–2 katechismusartig zusammengefasst:
„Die von Gott verordnete Religion ist diese: allein ihn zu verehren und allein dem Propheten der Wahrheit zu glauben und zur Vergebung der Sünden sich taufen zu lassen und so, durch das heiligste Eintauchen, neu geboren zu werden für Gott durch das rettende Wasser, an der Mahlzeit der Dämonen nicht teilzunehmen – nämlich an Götzenopferfleisch, Totem, Ersticktem, von Raubtieren Gerissenem, Blut –, nicht unrein zu leben, sich nach dem Beischlaf mit einer Frau zu waschen, dass die Frauen aber auch die (Bestimmungen über die) Menstruation beachten und dass alle tugendhaft sind, Gutes erweisen, kein Unrecht tun und von dem Gott, der alles vermag, ewiges Leben erhoffen und es erlangen, wenn sie ihn durch Gebete und unablässige Bitten anrufen.“
2. Mit der Hochschätzung des mosaischen Gesetzes, in das zur Prüfung der Gläubigen allerdings „falsche Perikopen“ eingefügt worden sind, und der diesem Gesetz völlig entsprechenden Lehre Jesu verbindet sich eine nachdrückliche Warnung vor der negativen Macht der Dämonen, die Gott zur Bestrafung derjenigen Menschen entstehen ließ, die seinem Willen zuwiderhandeln. Diese Gedanken finden ihre Fortsetzung in einer kaum verhüllten Ablehnung des Paulus, die in der Verwerfung der gesetzesfreien Verkündigung des Völkerapostels gründet. Die Kritik an dem nie mit Namen genannten Paulus wird in Buch 17.13–20, einem Disput zwischen Simon Magus und Petrus, breit entfaltet. Sie streiten darum, ob eine Vision dem Menschen zuverlässigere Erkenntnis verschafft als Mitteilungen im persönlichen Gespräch. Seit langem ist erkannt, dass sich hinter der Maske des Simon Magus hier der Apostel Paulus verbirgt, dessen Überlegenheitsanspruch, die auf seiner Christusvision gründet (vgl. Gal 1,11–12), zurückgewiesen wird – mit Argumenten, die bis in das 1. Jahrhundert zurückgehen könnten: „Kann jemand aufgrund einer Erscheinung zur Lehre befähigt werden? Und wenn du sagst: Es ist möglich, warum unterhielt sich der Lehrer mit wachen Menschen und blieb ein ganzes Jahr bei ihnen? Selbst dass er dir erschienen ist – wie sollen wir dir das glauben? Wie kann er dir überhaupt erschienen sein, wenn deine Gedanken im Widerspruch zu seiner Lehre stehen?“ (17.19,2–3)
3. Die Art und Weise, wie die Figuren mit den neutestamentlichen Texten argumentieren, wirft die Frage auf, in welcher Fassung sie, speziell die Evangelien, den Autoren vorlagen. Einerseits ist unübersehbar, dass die in den Homilien enthaltenen Jesus-Zitate meist dem Matthäusevangelium nahestehen (deshalb werden in der Übersetzung durchweg nur die Mt-Parallelen angegeben, auch wenn das Wort in den anderen Evangelien vorkommt). Andererseits weichen die Zitate oft vom sonst überlieferten Evangelientext ab, und es werden Jesus-Worte angeführt, die in den neutestamentlichen Evangelien fehlen (vgl. 2.51; 3.50). Es ist daher möglich, dass die jüdischchristliche Gemeinschaft, die den Klemensroman hervorbrachte, ein eigenes Evangelium neben (oder anstelle von) den Büchern besaß, die andere Christen verwendeten.
Dieses Lehrfundament wurde in den späteren Schichten des Romans um theologische und philosophische Traditionen unterschiedlicher Herkunft erweitert, die ein beachtliches Bildungsniveau der Bearbeiter unter Beweis stellen.
Die Gotteslehre wird unter zwei Gesichtspunkten präzisiert: In ausführlicher Auseinandersetzung wohl mit der von Markion von Synope (gestorben um 160 n. Chr.) eingeführten Unterscheidung zwischen dem höchsten, guten Gott und dem strengen Demiurgen (dem Weltschöpfer), der zugleich der Gesetzgeber ist, wird die Einheit und Einzigkeit des Gottes Israels verteidigt (s. vor allem Buch 18 sowie die Parole „ein Gott, ein Gesetz, eine Hoffnung“ im Brief des Petrus 1,5). Dazu dient u. a. ein mit Hilfe von Zahlenspekulationen angestellter Versuch, diesen Lehrsatz streng philosophisch zu beweisen. Herangezogen wird auch ein wohl von jüdischer Mystik beeinflusster Traktat über die „Gestalt Gottes“, die zwar begrenzt sei, deren unendlichen Dimensionen aber keinen Raum für die Existenz anderer Götter ließen (Buch 16.10; 16.19; 17.7–11).
Die ältere Propheten-Christologie wird zu einer „Syzygienlehre“ ausgebaut (zu griechisch syzygia, „Paar“, „Zweigespann“). Dem in der Menschheitsgeschichte sich immer neu inkarnierenden „männlichen“ Propheten sei zur Verführung der Gläubigen ein unheilvolles „weibliches“ Pendant zur Seite gestellt worden, das sich ebenfalls regelmäßig inkarniere und mit dem Heilspropheten ein „Paar“ bilde (Buch 2.15–17; 3.17–28). Seit Adam, der ersten Inkarnation des wahren Propheten, und der offenbar als Sünderin aufgefassten Eva (3.22–25) setzten sich diese Paare bis in die Gegenwart fort: Ziel aller Anstrengungen des Menschen müsse es sein, aus der Sphäre der vergänglichen weiblichen Welt, die den Menschen hervorbringt, durch die als Neugeburt verstandene Taufe in den ewigen männlichen Äon überzuwechseln. Mit dieser Theorie einer seit Erschaffung des Menschen unveränderten adamitisch-mosaisch-jesuanischen Lehrtradition geht eine gesteigerte Ablehnung des Apostels Paulus einher. Der Brief des Petrus bezeichnet ihn als „feindlichen Menschen“, dessen „gesetzlose“ Lehre die Rechtgläubigen „tief empören“, weil sie sie in die Irre führen will (1,3; 2,3).
Hinsichtlich der Lebenspraxis der Gläubigen ist, neben der Einschärfung uneigennützigster Menschenliebe (s. den Lehrvortrag des Petrus in Buch 12.25–33), eine Konzentration auf die Sexualethik unverkennbar: Leitbegriff ist hier die von Männern wie von Frauen gleichermaßen geforderte sōphrosynē (s. besonders Buch 13.13–21), die Einschränkung der Sexualität auf die Ehe, die als Ventil für die Begierde nachdrücklich empfohlen wird. Mit sōphrosynē ist also nicht Keuschheit, sondern strenge Tugendhaftigkeit gemeint, deren Verletzung als zweitschlimmste menschliche Sünde nach dem Unglauben gebrandmarkt wird (vgl. den Brief des Klemens 7,4). Gegenbegriff dazu ist die jede andere Form sexuellen Verkehrs bezeichnende „Unzucht“, die Gott verabscheut und jedenfalls bestrafen wird (Buch 13.14,3). Das sōphrosynē-Ideal der Klemensromans liefert zugleich die Basis, um zu den Göttern der griechischen Mythologie, die ihre Sexualität freizügig ausleben, mit Liebe zum Detail auf kritisch-ironische Distanz zu gehen (Buch 5).
Die Gründe für die intensive Rezeption und Nachwirkung des Klemensromans liegen einerseits in seiner strengen Ethik und seiner Verheißung einer allein für die Frommen bereiteten neuen Welt. Die umfassende Thematisierung und Begründung beider Aspekte dürfte einen Beitrag zur Entstehung des syrischen Mönchtums im 3. Jahrhundert geleistet haben. Andererseits behauptete sich das Werk durch den originellen Einfall, christliche Verkündigung mit den Mitteln des antiken Romans zu betreiben. Es fand freilich viel weniger heidnische als gutgläubige christliche Leser, die seine Fiktionalität nicht durchschauten und es, trotz der Unbeholfenheit etlicher Passagen, für authentische Aufzeichnungen des bekannten und verehrten Klemens von Rom hielten. Noch Ende des 19. Jahrhunderts verfasste ein französischer Theologe ein zweibändiges Werk, um die Echtheit der Klementinen zu beweisen.
Tatsächlich war es dem Verfasser nicht vergönnt, große literarische Gestalten zu kreieren. Petrus, um den sich alles dreht, ist dieser Welt schon halb entrückt und taugt schwerlich zur Identifikationsfigur. Dafür kommt eher der adlige Klemens infrage, der als Wahrheitssucher überzeugend beginnt, dann allerdings im Schatten des Apostels verkümmert. Das grause Geschick von Klemens’ beispiellos tugendhafter Mutter Mattidia ist so unglaubwürdig wie das seiner übergescheiten Zwillingsbrüder, mit denen Klemens, man könnte meinen: zur Strafe, kaum ein Wort wechselt. Lebensnäher wirken die Gegenspieler der christlichen Helden: Der geistig wendige, im Grunde standpunktlose Zauberer Simon, der trotz seiner pfiffigen Gegenreden nur als Katalysator für den Erweis der christlichen Wahrheit dienen kann, trägt bis zum burlesken Schluss Spannung und Farbe in das hoch moralische Werk. Als „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“, gehört er zu den Vorfahren von Goethes Mephisto. Bei der Rehabilitierung der satanischen Figur in der europäischen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts mag, auch wenn dies kaum bewusst wurde, der Zauberer Simon durchaus seinen Einfluss geltend gemacht haben. Überragend ist schließlich die gebrochene, zwischen astrologischem Schicksalsglauben und christlichem Heilsangebot schwankende Gestalt des hoch gebildeten Faustus, Klemens’ Vater, auf dessen Konversion das Werk am Ende zielt. Der nach Erkenntnis strebende, dem Zweifel ergebene Edelmann trat im Mittelalter aus dem Personenensemble des Klemensromans heraus, um als Einzelfigur eine einzigartige Reise durch die Weltliteratur anzutreten.
Die leidenschaftliche Auseinandersetzung des Romanverfassers mit den existentiellen Fragen der Menschen seiner Zeit bewog ihn, sich vor allem im Fundus der jüdisch-christlichen Überlieferungen seiner Gemeinschaft nach Antworten umzusehen. Deshalb verarbeitete er in seinem Werk umfangreiche Traditionsstoffe, die heute gern mit dem Etikett „judenchristlich“ versehen werden. Wegen dieser oft nur von ihm aufbewahrten, teils sehr alten Überlieferungen avancierte der Klemensroman, speziell in der hier vorgelegten Fassung der Homilien, seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Gegenstand der neutestamentlichen und kirchengeschichtlichen Forschung.
Bei der vorliegenden Übersetzung der Homilien handelt es sich um den gründlich durchgesehenen Text der Ausgabe Jürgen Wehnert, Pseudoklementinische Homilien. Einführung und Übersetzung. (Kommentare zur apokryphen Literatur 1/1), Göttingen 2010. Die zugrunde liegende Ausgabe des griechischen Textes wurde herausgegeben von Bernhard Rehm, Die Pseudoklementinen I: Homilien, Berlin 31992. Herangezogen wurde ferner Wilhelm Frankenberg, Die syrischen Clementinen mit griechischem Paralleltext, Leipzig 1937.
Niklas Holzberg, Der antike Roman. Eine Einführung, Darmstadt 32006.
Johannes Irmscher/Georg Strecker, Die Pseudoklementinen, in: Wilhelm Schneemelcher (Hg.), Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, Tübingen 61997, Band 2, 439–488.
Hans-Josef Klauck, Die Pseudoclementinen, in: Ders., Apokryphe Apostelakten.Eine Einführung, Stuttgart 2005, 203–237.
Meinolf Vielberg, Klemens in den pseudoklementinischen Rekognitionen. Studien zur literarischen Form des spätantiken Romans, Berlin 2000.
Jürgen Wehnert, Abriß der Entstehungsgeschichte des pseudoklementinischen Romans, in: Apocrypha 3 (1992), 211–235.
Für ihre Unterstützung bei der Durchsicht des Manuskripts danke ich herzlich meiner Tochter Christina Wehnert.
Übersetzung
Brief des Petrus an Jakobus
1,1. Petrus an Jakobus, den Herrn und Bischof der heiligen Kirche. Vom Vater des Alls durch Jesus Christus dir zum Frieden allezeit!
1,2. Ich weiß, mein Bruder, dass du dich eifrig um unser aller gemeinsames Wohl bemühst. Darum bitte ich dich nachdrücklich, die Bücher mit meinen Predigten, die ich dir hiermit schicke, niemandem von den Heiden zu übergeben, auch keinem Stammesgenossen vor einer Probezeit, sondern nur, wenn jemand geprüft und für würdig befunden wurde, sie ihm dann nach dem Verfahren zu übergeben, nach dem auch Mose den Siebzig seine Lehre übergab, die seine Kathedra1 empfingen (vgl. Num 11,16–17.24–25). 1,3. Deshalb zeigt sich auch die Frucht seiner Sorgfalt bis heute. Denn die überall lebenden Stammesgenossen bewahren dieselbe Richtschnur der Alleinherrschaft Gottes und des guten Lebenswandels, weil sie auf keinen Fall anders denken und von den tief empörenden Schriften2 irregeleitet werden können. 1,4. Denn gemäß der ihnen überlieferten Richtschnur suchen sie die Unstimmigkeiten der Schriften zu harmonisieren, falls jemand zufällig die Überlieferungen nicht kennt und angesichts der vieldeutigen Aussprüche der Propheten resignieren will. 1,5. Deshalb gestatten sie niemandem zu unterrichten, wenn er nicht vorher lernt, wie man die Schriften benutzen muss. Deshalb sind unter ihnen ein Gott, ein Gesetz, eine Hoffnung. 2,1. Damit nun das gleiche auch unter uns geschehe, gib unseren siebzig Brüdern3 die Bücher mit meinen Predigten in dem gleichen Geheimverfahren, damit sie auch diejenigen gut instruieren, die die Aufgabe der Lehre auf sich nehmen wollen. 2,2. Denn wenn es nicht so geschieht, wird unser Wort der Wahrheit in viele Meinungen gespalten werden. Das aber weiß ich nicht, weil ich Prophet bin, sondern weil ich schon den Anfang eben dieses Übels sehe. 2,3. Denn einige Heiden haben meine dem Gesetz entsprechende Verkündigung verworfen und sich einer gesetzlosen und lächerlichen Lehre des feindlichen Menschen4 angeschlossen. 2,4. Überdies haben einige, obwohl ich noch lebe, durch manch schillernde Deutungen versucht, meine Worte bis hin zur Auflösung des Gesetzes zu entstellen, als ob ich auch selbst so dächte, es aber nicht offen ausspräche (vgl. Gal 2,11–14). Das sei ferne! 2,5. Denn solches hieße, dem Gesetz Gottes zuwiderzuhandeln, das durch Mose gesprochen und von unserem Herrn in seiner ewigen Gültigkeit bezeugt worden ist. Denn so sprach er: ‚Der Himmel und die Erde werden vergehen, ein Jota oder ein Häkchen vom Gesetz vergeht gewiss nicht.‘ 2,6. Das aber hat er gesagt, ‚damit alles geschehe‘ (Mt 5,18; 24,34–35). Die aber, ich weiß nicht wie, meinen Verstand für sich beanspruchen, versuchen, die Worte, die sie von mir gehört haben, klüger auszulegen als ich, der sie gesprochen hat, und sagen denen, die von ihnen unterwiesen werden, dass das meine Meinung sei, was ich nicht einmal gedacht habe. 2,7. Wenn sie aber solches zu erdichten wagen, obwohl ich noch lebe, um wie viel mehr werden es nach meinem Ableben die Späteren zu tun wagen? 3,1. Damit nun nichts Derartiges geschehe, deshalb bitte ich dich hiermit nachdrücklich, die Bücher mit meinen Predigten, die ich dir schicke, niemandem vor einer Probezeit auszuhändigen, weder einem Stammesgenossen noch einem Fremdling, sondern erst, wenn jemand geprüft und für würdig befunden wurde, sie ihm dann nach dem Verfahren des Mose zu übergeben, 3,2. nach welchem er seine Lehre den Siebzig übergab, die seine Kathedra empfingen, damit sie so die Glaubensinhalte bewahren und überall die Richtschnur der Wahrheit überliefern, indem sie alles gemäß unserer Überlieferung auslegen, und nicht, von Unwissenheit fortgerissen bzw. von persönlichen Mutmaßungen in die Irre geführt, andere in denselben Abgrund des Verderbens stürzen. 3,3. Damit habe ich dir angezeigt, was mir geraten erscheint. Was aber dir, mein Herr, richtig erscheint, führe aus, wie es sich geziemt! Lebe wohl!
1Seinen Lehrstuhl bzw. seine Lehrvollmacht.
2Eine Anspielung auf die Briefe des Paulus.
3Vgl. Lk 10,1, wo Jesus nach dem Wortlaut vieler Handschriften 70 Nachfolger aussendet.
4Gemeint ist Paulus. Die Bezeichnung „feindlicher Mensch“ dürfte auf das Gleichnis Mt 13,24–30 zurückgehen, das hier als Warnung vor der Lehre des Paulus verstanden wird (vgl. Buch 3.8).
Gelübde für die Empfänger der Petruspredigten
1,1. Nachdem Jakobus den Brief gelesen hatte, rief er die Ältesten zusammen, las den Brief vor und sprach zu ihnen: „Notgedrungen und in geziemender Weise hat uns unser Petrus ermahnt, die Wahrheit zu schützen. Wir sollen also die uns übersandten Bücher mit seinen Predigten keinem Beliebigen übergeben, sondern nur einem Guten und Frommen, nämlich dem Gläubigen, der zu lehren wünscht und beschnitten ist. Und zwar nicht alle Predigten auf einmal, damit, wenn er sich bei den ersten als unverständig herausstellt, ihm die weiteren nicht anvertraut werden. 1,2. Deshalb soll er nicht weniger als sechs Jahre geprüft werden, und dann soll man ihn nach dem Verfahren des Mose zu einem Fluss oder einer Quelle bringen, das heißt zu lebendigem Wasser, wo die Neugeburt der Gerechten geschieht (vgl. Joh 3,5–7), und ihm befehlen, nicht etwa einen Schwur abzulegen, weil das nicht erlaubt ist (vgl. Mt 5,34–37; Jak 5,12), sondern ans Wasser zu treten und ein Gelübde abzulegen, wie auch wir es bei unserer Neugeburt auf Befehl hin getan haben, um nicht zu sündigen. 2,1. Er soll aber sagen: ‚Als Zeugen möchte ich haben Himmel, Erde und Wasser, in denen das All enthalten ist, zu diesen allen aber auch die alles durchdringende Luft, ohne die ich nicht atmen kann, dass ich dem, der mir die Bücher mit den Predigten gibt, immer gehorsam sein werde. Und dass ich eben diese Bücher, die er mir nach und nach gibt, keinesfalls an jemanden auf irgendeine Weise weitergeben werde: weder indem ich sie abschreibe, noch indem ich eine Abschrift weitergebe, noch indem ich sie einem Schreiber übergebe – weder ich selbst, noch durch einen anderen –, noch durch irgendein anderes Verfahren, weder durch List oder Tücke, noch indem ich sie nachlässig verwahre oder sie jemandem vorlege oder zu zeigen verspreche oder sie auf irgendeine andere Weise oder mittels einer anderen Spitzfindigkeit weitergebe. 2,2. Nur wenn ich jemanden als würdig erprobt habe, wie ich selbst geprüft worden bin, oder ihn noch länger erprobt habe, jedoch nicht weniger als sechs Jahre, dann werde ich sie einem Frommen und Guten, der zu lehren wünscht, übergeben, wie ich sie empfangen habe, und zwar werde ich dies mit der Einwilligung meines Bischofs tun. 3,1. Andernfalls aber soll weder Kind noch Bruder noch Freund noch überhaupt einer meiner Verwandten sie besitzen, wenn er, was die Weitergabe anbelangt, unwürdig ist, weil sich das nicht geziemt. 3,2. Weder werde ich mich vor Hinterlist fürchten noch mich durch Geschenke betören lassen. Selbst wenn ich mir jemals einbilden sollte, dass die mir übergebenen Bücher mit den Predigten unwahr sind, werde ich sie trotzdem nicht weitergeben, sondern zurückgeben. 3,3. Und wenn ich auf Reisen bin, werde ich alle Predigten, die ich gerade besitze, bei mir tragen. Wenn ich sie aber nicht mit mir herumtragen will, werde ich sie nicht in meinem Haus zurücklassen, sondern meinem Bischof, der denselben Glauben hat und von denselben Lehrern herkommt wie ich, zur Verwahrung übergeben. 3,4. Wenn ich aber krank werden und mit dem Tod rechnen sollte, werde ich, falls ich kinderlos bin, genauso handeln. Wenn ich aber sterbe und ein Kind habe, das nicht würdig oder noch nicht fähig ist, werde ich genauso handeln. Ich werde sie meinem Bischof zur Verwahrung übergeben, damit er sie meinem Kind, wenn es als Erwachsener des Vertrauens würdig sein sollte, als väterliches Vermächtnis gemäß dem Wortlaut des Gelübdes aushändige. 4,1. Und dass ich so handeln werde, gelobe ich wiederum zum zweiten Mal bei Himmel, Erde und Wasser, in denen das All enthalten ist, neben all diesen auch bei der alles durchdringenden Luft, ohne die ich nicht atmen kann: Ich werde dem, der mir die Bücher mit den Predigten gibt, immer gehorsam sein und an allem festhalten, wie ich es gelobt habe oder in noch höherem Maße. 4,2. Befolge ich nun diese Bestimmungen, wird mein Anteil bei den Heiligen sein, handele ich aber entgegen dem, was ich versprochen habe, möge mir das All feind sein und der alles durchdringende Äther und der Gott, der über allem ist – niemand ist mächtiger und größer als er. 4,3. Selbst wenn ich zur Annahme eines anderen Gottes gelangen sollte, schwöre ich jetzt auch bei jenem, dass ich nicht anders handeln werde, mag es ihn geben oder nicht. Und zusätzlich zu allem anderen werde ich, sollte ich treulos sein, lebendig und tot verflucht sein und mit ewiger Strafe bestraft werden.‘ Und danach soll er mit dem, der ihm die Bücher übergibt, Brot und Salz teilen.“
5,1. Nachdem Jakobus dies gesagt hatte, erblassten die Ältesten vor Angst. Als Jakobus bemerkte, dass sie sich sehr fürchteten, sagte er: „Hört mir zu, ihr Brüder und Mitknechte! 5,2. Wenn wir die Bücher jedem Beliebigen überlassen und sie von irgendwelchen dreisten Leuten verfälscht oder durch ihre Deutungen entstellt werden – ihr habt gehört, dass es schon einige getan haben –, wird es künftig auch denen, die wirklich nach der Wahrheit suchen, widerfahren, dass sie für immer in die Irre gehen. 5,3. Deshalb ist es besser, dass die Bücher bei uns bleiben und wir sie mit all der zuvor erwähnten Vorsicht denen übergeben, die leben und andere retten wollen. Wenn aber jemand nach einem solchen Gelübde anders handeln sollte, wird er mit Recht ewiger Strafe verfallen. 5,4. Denn aus welchem Grund sollte der nicht zugrunde gehen, der am Verderben anderer schuldig geworden ist?“ Da stimmten die Ältesten der Meinung des Jakobus bei und sprachen: „Gelobt sei, der alles vorhergesehen und dich zum Glück für uns zum Bischof eingesetzt hat!“ Und nachdem sie das gesagt hatten, erhoben wir5 uns und beteten zum Vater und Gott des Alls, dem die Ehre gebührt in Ewigkeit. Amen.
5Der überraschende Wechsel der Erzählperspektive bereitet den Auftritt des Klemens vor, der als Verfasser des folgenden Briefes und als Ich-Erzähler des Romans fungiert.
Brief des Klemens an Jakobus6
1,1. Klemens an Jakobus, den Herrn und Bischof der Bischöfe, den Leiter der heiligen Gemeinde der Hebräer zu Jerusalem und der überall nach Gottes Vorsehung wohl gegründeten Gemeinden, samt den Ältesten und Diakonen und allen übrigen Brüdern7. Friede sei mit euch allezeit!
1,2. Du sollst wissen, mein Herr, dass Simon, der wegen seines wahren Glaubens und des höchst zuverlässigen Fundaments seiner Lehre dazu bestimmt worden ist, Grundstein der Kirche zu sein, und der eben deshalb von Jesus selbst, durch dessen untrüglichen Mund, in Petrus umbenannt wurde (Mt 16,18), 1,3. der Erstling unseres Herrn, der erste der Apostel, dem als erstem der Vater den Sohn offenbarte, den Christus mit gutem Grund seligpries (Mt 16,16–17), der Berufene, Auserwählte, Tischgenosse und Weggefährte, der gute und bewährte Jünger, der als fähigster von allen beauftragt wurde, den finstersten Teil des Westens dieser Welt zu erleuchten, und es erfolgreich vollbringen konnte – 1,4. doch wie weit dehne ich meine Rede aus, der ich das Leid nicht mitteilen will, von dem ich notgedrungen, wenn auch widerwillig, auf jeden Fall sprechen muss! 1,5. Eben dieser hat wegen seiner unermesslichen Liebe zu den Menschen angesichts des gegenwärtigen Bösen den künftigen guten König klar und öffentlich der ganzen Welt verkündet, ist bis hierher nach Rom gelangt und hat, während er durch die von Gott gewollte Lehre Menschen rettete, infolge von Gewalt den Lauf seines irdischen Lebens beendet.
2,1. In jenen Tagen aber, in denen er sterben sollte, ergriff er während einer Versammlung der Brüder plötzlich meine Hand, stand auf und sagte vor der Gemeinde: „Hört mir zu, ihr Brüder und Mitknechte! 2,2. Wie ich vom Herrn und Lehrer Jesus Christus, der mich ausgesandt hat, belehrt worden bin (vgl. Joh 21,19), sind die Tage meines Todes nahe. Daher bestimme ich euch diesen Klemens zum Bischof. Ihm vertraue ich meine Kathedra8 der Unterweisung an, 2,3. ihm, der von Anfang bis Ende mein Weggefährte und folglich Hörer aller meiner Reden war. Um es kurz zu sagen: Er hat alle meine Anfechtungen geteilt und sich im Glauben als standhaft erwiesen. Ihn habe ich mehr als alle anderen als gottesfürchtig, menschenfreundlich, rein, gebildet, tugendhaft, gut, gerecht und geduldig kennengelernt, und er weiß die Undankbarkeit einiger Taufanwärter tapfer zu ertragen. 2,4. Deshalb übergebe ich ihm die Vollmacht zu binden und zu lösen, damit alles, was er auf Erden bestimmt, im Himmel beschlossen sein wird (vgl. Mt 16,19; 18,18). Denn er soll binden, was gebunden werden muss, und er soll lösen, was gelöst werden muss, weil er die Richtschnur der Kirche kennt. 2,5. Auf ihn hört also, denn ihr wisst, dass wer denjenigen kränkt, der den Vorsitz über die Wahrheit hat, gegen Christus sündigt und den Vater des Alls erzürnt (vgl. Lk 10,16); deshalb wird er nicht am Leben bleiben. 2,6. Und folglich muss der, der den Vorsitz hat, die Stellung eines Arztes einnehmen; er darf nicht die Leidenschaft eines unvernünftigen Tieres haben.“ 3,1. Nachdem er dies gesagt hatte, fiel ich vor ihm nieder und lehnte unter Bitten die Ehre und Vollmacht der Kathedra ab. 3,2. Der aber antwortete: „Darum bitte mich nicht! Denn es ist von mir bestimmt worden, dass es geschieht, und dies umso mehr, wenn du ablehnst. Denn eine solche Kathedra braucht keinen kecken Lehrstuhljäger, sondern jemanden, der in seiner Lebensweise fromm und in seiner Rede gebildet ist. 3,3. Zeige mir aber einen Besseren, der länger als du mit mir gereist ist und auf meine Worte gehört und die Verwaltung der Gemeinde gründlich gelernt hat, dann werde ich dich nicht zwingen, recht zu handeln, wenn du nicht willst! 3,4. Doch wirst du mir jetzt keinen Besseren als dich zeigen können. Du bist nämlich durch mich der unübertreffliche Erstling der Heiden, die gerettet werden. 3,5. Bedenke jedoch auch dies andere: Falls du aus Angst vor der Gefahr der Sünde die Verwaltung der Gemeinde nicht auf dich nehmen willst, sollst du genau wissen, dass du umso mehr sündigst, wenn du den Gottesfürchtigen wie Seereisenden, die in Gefahr geraten, nicht helfen willst, obwohl du es kannst, weil du nur auf deinen Vorteil siehst und nicht auf das gemeinsame Wohl aller. 3,6. Dass du aber diese Gefahr jedenfalls auf dich nehmen musst, weil ich nicht aufhöre, dich zum Wohl aller darum zu bitten, verstehst du gewiss. 3,7. Je schneller du mir nun beistimmen wirst, desto eher wirst du mich von meiner Sorge befreien.
4,1. Ich weiß aber auch selbst, lieber Klemens, dass ich dir Trauer und Unmut sowie Gefahren und Schmähungen seitens der unwissenden Menge bereite. Du wirst sie tapfer ertragen können, wenn du auf den großen Lohn der Geduld blickst, der dir von Gott gegeben wird. 4,2. Doch bedenke gerechterweise auch dies mit mir: Wann bedarf Christus deiner Unterstützung? Jetzt, wo der Böse einen Krieg gegen dessen Braut angefangen hat, oder in der künftigen Zeit, wenn Christus nach seinem Sieg als König herrscht und keiner Hilfe mehr bedarf? Ist nicht auch für jemanden mit wenig Verstand klar, dass es jetzt ist? 4,3. Spute dich deshalb mit aller Entschiedenheit, in der Zeit der gegenwärtigen Not den guten König zu unterstützen, in dessen Natur es liegt, nach dem Sieg großen Lohn auszuteilen. 4,4. Werde deshalb mit Freude Bischof – umso eher, als du die Verwaltung der Gemeinde von mir gelernt hast – zur Rettung der Brüder, die bei uns Zuflucht suchen!
5,1. Doch will ich dich auch kurz – vor allen und um aller willen – an die Aufgaben der Verwaltung erinnern. 5,2. Du musst untadelig leben (vgl. 1. Tim 3,2) und dich mit höchstem Ernst von allen Pflichten des irdischen Lebens frei machen – weder ein Bürge werden noch ein Anwalt noch in irgendeine andere weltliche Angelegenheit verwickelt sein. 5,3. Denn nicht zum Richter und Schlichter von Geld- oder Geschäftsangelegenheiten des jetzigen irdischen Lebens will dich Christus einsetzen (vgl. Lk 12,14), sodass du, von den gegenwärtigen Sorgen der Menschen gefangengenommen, keine Zeit hättest, durch das Wort der Wahrheit die besseren Menschen von den schlechteren zu scheiden. 5,4. Dafür sollen vielmehr die Schüler gegenseitig sorgen und dich nicht von den Reden abhalten, die Rettung bringen können. 5,5. Denn wie es für dich frevlerisch ist, wenn du die irdischen Sorgen auf dich nimmst und zu tun unterlässt, was dir befohlen wurde, so ist es für alle Laien Sünde, wenn sie einander nicht auch in den irdischen Angelegenheiten beistehen. 5,6. Und wenn sie alle nicht begreifen, dass du bei dem, wozu du verpflichtet bist, ohne irdische Sorgen sein musst, sollen sie es von den Diakonen lernen, damit du dich allein um die Gemeinde kümmern kannst, einerseits, um sie gut zu verwalten, andererseits, um ihr die Worte der Wahrheit darzulegen. 6,1. Denn wenn du mit irdischen Sorgen deine Zeit zubringst, wirst du dich selbst und deine Zuhörer täuschen. Wenn du nämlich das Nützliche aus Zeitmangel nicht fördern kannst, wirst auch du bestraft werden, weil du das Nützliche nicht gelehrt hast; jene aber werden aufgrund von Unwissenheit umkommen, weil sie es nicht gelernt haben. 6,2. Nimm dir deshalb Zeit für sie und führe den Vorsitz, um ihnen rechtzeitig die Worte darzulegen, die sie retten können! 6,3. Und sie sollen auf dich hören im Bewusstsein, dass was immer der Botschafter der Wahrheit auf Erden bindet, auch im Himmel gebunden ist, und was immer er löst, gelöst ist. Du aber sollst binden, was gebunden werden muss, und lösen, was gelöst werden muss (vgl. Mt 16,19; 18,18). 6,4. Dies also und dergleichen ist das, was dich als Vorsteher betrifft.
7,1. Was aber die Ältesten angeht, soll Folgendes gelten: Vor allem sollen sie die jungen Leute früh zur Ehe verbinden und so den Fallstricken der jugendlichen Begierde zuvorkommen. 7,2. Doch auch die schon Bejahrten sollen sie hinsichtlich der Ehe nicht vernachläs sigen. Denn auch manchen Alten wohnt eine starke Begierde inne. 7,3. Damit nun die Unzucht keinen Nährboden bei euch finde und nicht diese Seuche unter euch werfe, schützt euch davor und forscht nach, damit nicht das Feuer des Ehebruchs unbemerkt unter euch entbrenne. 7,4. Der Ehebruch ist nämlich ein großes Unglück – so groß, dass er hinsichtlich der Strafe an zweiter Stelle steht, während die erste Stelle jenen zugewiesen wird, die im Irrtum leben, auch wenn sie tugendhaft sind. 7,5. Deshalb sollt ihr als Älteste der Gemeinde die Braut Christi gründlich zur Tugendhaftigkeit9 ausbilden – mit Braut aber meine ich die Gesamtheit der Gemeinde. 7,6. Wenn sie nämlich vom königlichen Bräutigam tugendhaft angetroffen wird, wird ihr höchste Ehre widerfahren, und ihr werdet als Hochzeitsgäste in den Genuss großer Freude kommen (vgl. Mt 25,1–13). 7,7. Wenn sie aber als Sünderin ertappt wird, wird sie ausgestoßen sein, und ihr werdet Strafe erleiden, falls die Sünde infolge eurer Nachlässigkeit geschehen ist. 8,1. Sorgt daher vor allem für Tugendhaftigkeit, denn die Unzucht gilt nach dem Urteil Gottes als scheußlich! 8,2. Die Unzucht aber hat viele Gestalten, wie auch Klemens selbst euch erklären wird. Die schlimmste ist jedoch der Ehebruch, wenn ein Mann nicht nur mit seiner Frau verkehrt und eine Frau nicht nur mit ihrem Mann. 8,3. Wenn jemand tugendhaft ist, kann er sich auch als menschenfreundlich erweisen und wird deswegen ewige Barmherzigkeit erlangen. 8,4. Und wenn der Ehebruch ein großes Unglück ist, so ist die Menschenliebe10 ein sehr großes Glück. 8,5. Deshalb liebt all eure Brüder mit ehrbaren und barmherzigen Augen! An den Waisen erfüllt die Pflichten der Eltern, an den Witwen die der Ehemänner (vgl. Sir 4,10), verschafft ihnen mit aller Freundlichkeit ihren Lebensunterhalt. 8,6. Den Herangewachsenen verschafft Ehen, und für diejenigen unter ihnen, die ohne Ausbildung sind, ersinnt durch Beschäftigung Gelegenheit zum notwendigen Lebensunterhalt, dem Handwerker verschafft Arbeit, dem Schwachen Barmherzigkeit! 9,1. Ich weiß aber, dass ihr das tun werdet, wenn ihr Liebe in euren Verstand einziehen lasst. Für ihren Einzug aber gibt es eine passende Gelegenheit: die gemeinsame Teilnahme am Mahl. 9,2. Bemüht euch deshalb so häufig, wie ihr könnt, einander Tischgenossen zu werden, damit ihr die Liebe nicht preisgebt! Sie ist nämlich Ursache der Wohltätigkeit, die Wohltätigkeit aber ist Ursache der Rettung. 9,3. Ihr alle sollt nun euren Besitz für alle Brüder in Gott zu einem gemeinschaftlichen machen (vgl. Apg 2,44; 4,32), denn ihr wisst, dass ihr ewige Güter empfangen werdet, wenn ihr vergängliche verschenkt. 9,4. Umso mehr speist die Hungernden und reicht den Durstenden einen Trank, den Nackten Kleidung, kümmert euch um die Kranken, lasst euch bei den Gefangenen blicken und helft ihnen, soweit ihr könnt, nehmt die Fremden mit aller Bereitwilligkeit in eure Häuser auf (vgl. Mt 25,35–36)!
9,5. Doch damit ich mich nicht in Einzelheiten verliere: Die Menschenliebe wird euch lehren, alles Gute zu tun, gleichwie der Menschenhass diejenigen, die nicht gerettet werden wollen, zur Übeltat anleitet. 10,1. Brüder, die Rechtshändel haben, sollen nicht vor den Behörden streiten, sondern von den Ältesten der Gemeinde auf jede Weise zum Vergleich bewogen werden und ihnen bereitwillig Folge leisten (vgl. 1. Kor 6,1). 10,2. Entzieht euch deshalb auch der Habsucht, weil sie unter dem Schein von vergänglichem Gewinn zum Verlust der ewigen Güter führen kann. 10,3. Waagen, Maße, Gewichte und das örtliche Recht beobachtet sorgfältig! Mit anvertrauten Gütern geht besonnen um! 10,4. Gewiss werdet ihr es auf euch nehmen, dies und dergleichen bis zum Ende zu tun, wenn ihr eine unauslöschliche Erinnerung an das von Gott her kommende Gericht in euren Herzen habt. 10,5. Denn wer wollte sündigen, wenn er überzeugt ist, dass vom gerechten Gott, der jetzt allein geduldig und gut ist, angeordnet wurde, dass am Ende des Lebens ein Gericht geschieht, damit die Guten künftig für immer die unbeschreiblichen Wohltaten genießen, die Sünder aber, die sich als schlecht erwiesen haben, auf ewig unbeschreibliche Strafe finden werden? 10,6. Dass sich dies so verhält, wäre wohl mit Recht zu bezweifeln, wenn nicht der Prophet der Wahrheit11 unter Eid gesagt hätte, dass es geschehen wird. 11,1. Deshalb legt als Schüler des wahren Propheten eure Zwiespältigkeit ab, aus der die Übeltat hervorgeht, und nehmt bereitwillig auf euch, Gutes zu tun! 11,2. Wenn aber jemand von euch hinsichtlich des Gesagten zweifelt, dass es geschehen wird, soll er es ohne Scheu bekennen, wenn er um seine eigene Seele besorgt ist, und sich vom Vorsteher12 davon überzeugen lassen. Wenn er dann am rechten Glauben festhält, soll er unbesorgt sein Leben führen, weil er dem großen Straffeuer entrinnt und in das ewige gute Königreich Gottes eingeht.
12,1. Die Diakone der Gemeinde nun sollen die klug umherschweifenden Augen des Bischofs sein. Sie sollen die Taten eines jeden Gemeindemitglieds erforschen, um zu erfahren, wer zu sündigen droht, damit er durch eine Ermahnung vom Vorsteher zurückgehalten wird und die Sünde vielleicht nicht vollbringt. 12,2. Sie sollen die Abtrünnigen zur Umkehr bewegen, damit sie nicht nachlassen, sich zu versammeln und auf die Predigten zu hören, sodass sie sich durch das Wort der Wahrheit von der Verzagtheit befreien können, die stets das Herz aufgrund von weltlichen Ereignissen und üblen Reden befällt. Denn wenn sie lange Zeit brachliegen, werden sie zur Beute des Feuers. 12,3. Sie sollen sich aber auch nach den körperlich Kranken erkundigen und ihre Namen der ahnungslosen Menge bekanntgeben, damit man sich bei ihnen blicken lässt, und was sie brauchen, soll man ihnen mit der Einwilligung des Vorstehers bringen. Aber auch wenn die Diakone das ohne sein Wissen tun, sündigen sie nicht. Für dies und dergleichen nun sollen die Diakone Sorge tragen.
13,1. Die Katecheten sollen unterrichten, nachdem sie zuvor unterrichtet worden sind, denn ihr Werk gilt der Seele des Menschen. Auf die vielen Meinungen der Schüler muss der Lehrer der Worte freilich Rücksicht nehmen. 13,2. Gebildet, untadelig, reif und unerschrocken muss daher der Katechet sein, wie ihr es an Klemens kennenlernen werdet, der nach mir unterrichten soll. 13,3. Denn es wäre zu viel, mich jetzt in Einzelheiten zu verlieren.
Wenn ihr jedoch einmütig seid, werdet ihr in den Hafen der Ruhe gelangen können, wo die friedliche Stadt des großen Königs liegt. 14,1. Das ganze Wesen der Kirche gleicht nämlich einem großen Schiff, das durch einen heftigen Sturm hindurch Menschen trägt, die aus vielen Orten stammen und in einer Stadt eines guten Königreichs leben wollen. 14,2. Der Herr jenes Schiffs soll demnach für euch Gott sein, und der Steuermann soll mit Christus verglichen werden, der Untersteuermann mit dem Bischof, die Seeleute mit den Ältesten, die Maate13 mit den Diakonen, die Stewards mit den Katecheten, mit den Passagieren die Menge der Brüder, 14,3. mit dem Meer die Welt, die Gegenwinde mit den Versuchungen, die Verfolgungen und die Gefahren und mannigfachen Bedrängnisse mit den Wellenbergen – die vom Land her aus den Wildbächen und Schluchten kommenden Stürme aber mit den Reden der Verführer und Falschpropheten, 14,4. die Vorgebirge und örtlichen Klippen (vgl. Apg 27,29) mit den höchsten Richtern, die Schreckliches androhen, Sandbänke (vgl. Apg 27,41) und Untiefen aber mit denjenigen, die unvernünftig sind und an den Verheißungen der Wahrheit zweifeln. 14,5. Die Heuchler sollen den Piraten gleich geachtet werden. Starken Strudel und den Schlund der Unterwelt, mörderisches Zerschellen und tödliche Schiffbrüche jedoch sollt ihr allein für die Sünden halten. 14,6. Damit ihr nun bei günstigem Wind segelt und in den Hafen der ersehnten Stadt ganz ungefährdet gelangt, betet so, dass ihr erhört werdet! Gebete aber werden aufgrund von guten Werken erhört. 15,1. Die Passagiere sollen also ruhig sein und fest auf ihren Plätzen sitzen, damit sie nicht durch Unordnung eine Erschütterung oder Schlagseite verursachen. 15,2. Die Stewards sollen an den Lohn14 erinnern. Die Diakone sollen nichts von dem vernachlässigen, was ihnen anvertraut worden ist. Die Ältesten sollen wie Seeleute sorgfältig für das sorgen, was ein jeder braucht. Der Bischof soll wie ein wachsamer Untersteuermann nur auf die Worte des Steuermanns achten. 15,3. Der Christus und Retter soll als Steuermann geliebt werden, und man soll nur glauben, wovon er spricht. Alle aber sollen zu Gott für eine Reise mit günstigem Wind beten. 15,4. Die Seereisenden sollen mit jeder Bedrängnis rechnen, denn wie ein großes, stürmisches Meer durchsegeln sie die Welt. Bisweilen sind sie entmutigt, verfolgt, zerstreut, hungrig, durstig, nackt, in Angst und bisweilen wiederum vereint, Mahlgemeinschaft haltend, in Ruhe, 15,5. aber auch seekrank, schwindelig, sich erbrechend – das heißt, dass sie ihre Verfehlungen bekennen wie krank machende Galle, nämlich die aus Verbitterung begangenen Sünden und die aufgrund von unzüchtigen Begierden angehäuften Schandtaten, durch deren Bekenntnis ihr wie Erbrechende von eurer Krankheit befreit werdet und infolge der Pflege heilvolle Gesundheit erlangt. 16,1. Doch sollt ihr alle wissen, dass der Bischof mehr als ihr alle sich abmüht, denn ein jeder von euch leidet nur unter seiner eigenen Bedrängnis, er aber unter seiner eigenen und der eines jeden anderen. 16,2. Darum, lieber Klemens, führe den Vorsitz, soweit möglich, als Helfer für einen jeden, lade dir die Sorgen aller auf! Deshalb weiß ich: Wenn du die Leitung der Gemeinde auf dich nimmst, empfange ich eine Gunst und erweise keine. 16,3. Doch sei mutig und ertrage es tapfer, denn du weißt, dass Gott dir das größte Gut, einen unverlierbaren Lohn, geben wird, wenn du in den Hafen der Ruhe gelangt bist, weil du für die Rettung aller die größte Mühe auf dich genommen hast. 16,4. Wenn dich viele Brüder wegen deiner äußersten Gerechtigkeit hassen, wird dir darum ihr Hass keinen Schaden zufügen, denn die Liebe des gerechten Gottes wird dir sehr helfen. 16,5. Bemühe dich deshalb, den Beifall zu meiden, der aus Ungerechtigkeit entsteht, und nach dem heilsamen Lob zu streben, das aufgrund von gerechter Verwaltung von Christus kommt!“
17,1. Nachdem er dies und noch mehr gesagt hatte, blickte er wiederum die Menge an und sagte: „Auch ihr aber, meine geliebten Brüder und Mitknechte, fügt euch in allem dem, der den Vorsitz über die Wahrheit hat, wohl wissend, dass wer ihn betrübt, Christus nicht angenommen hat, dessen Kathedra ihm anvertraut ist. Und wer Christus nicht angenommen hat, wird angesehen werden wie einer, der den Vater verworfen hat (vgl. Mt 10,40; Joh 5,23); deshalb wird er aus dem guten Königreich hinausgeworfen werden (vgl. Mt 22,13; 25,30). 17,2. Bemüht euch deshalb, zu allen Versammlungen zu kommen, damit ihr nicht wie Fahnenflüchtige infolge des Unmuts des Befehlshabers euch die Anklage der Sünde zuzieht. 17,3. Deshalb sollt ihr alle vor allem auf das Wohl des Bischofs bedacht sein, im Wissen, dass der Böse wegen eines jeden von euch nur gegen ihn Krieg führt, weil er ihn am meisten hasst. 17,4. Bemüht ihr euch also, in Liebe gegen ihn und in Freundlichkeit gegeneinander zu leben und auf ihn zu hören, damit er entlastet wird und ihr gerettet werden könnt! 18,1. Einige Dinge aber müsst ihr auch von selbst erkennen, weil er sie wegen der Anfeindungen nicht öffentlich sagen kann. Wenn er zum Beispiel jemandem feind ist, wartet nicht darauf, dass er sagt: ‚Lauft dem nicht hinterher!‘, sondern folgt klug seinem Ratschluss und werdet feind, denen er feind ist, und redet nicht, mit denen er nicht redet. 18,2. Jeder, der bestrebt ist, euch alle zu Freunden zu haben, soll sich mit dem Bischof versöhnen und gerettet werden, wenn er auf dessen Reden hört. 18,3. Wenn aber jemand denjenigen freund bleibt, welchen er feind ist, und mit denjenigen spricht, mit welchen er nicht redet, ist auch er einer von denen, die die Gemeinde zerstören wollen. 18,4. Denn wer nur mit dem Körper bei euch ist, mit dem Herzen aber nicht bei euch ist, der ist gegen euch und viel schlimmer als die von außen auftretenden Feinde, weil er mit geheuchelter Freundschaft diejenigen zerstreut, die drinnen sind15 (vgl. Mt 12,30).“
