Der letzte Brombeersommer - Olli Shark - E-Book

Der letzte Brombeersommer E-Book

Olli Shark

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Beschreibung

Autor Flynn Blackville steckt in einer tiefen Krise: Schreibblockade, Versagensängste und die Sorge um seine krebskranke Großmutter rauben ihm jede Kraft. Als sie ihm eines Tages von ihrer vor über siebzig Jahren verlorenen Zwillingsschwester Rosi erzählt – und dass ihr größter Wunsch ist, sie noch einmal zu sehen – erwacht in ihm ein Ziel, das alles verändert. Zwischen familiären Erinnerungen, alten Geheimnissen und der Last seiner eigenen Vergangenheit begibt Flynn sich auf eine Reise voller Hoffnung, Zweifel und unvorhersehbarer Begegnungen. Doch die Zeit drängt – und der Sommer der Brombeeren könnte der letzte sein. Eine bewegende, autobiografisch geprägte Geschichte über Familie, Verlust und die Kraft, für einen Herzenswunsch zu kämpfen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Der letzte Brombeersommer

Der letzte Brombeersommer

Impressum: Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Veröffentlicht bei Infinity Gaze Studios AB

1. Auflage, Oktober 2025, Alle Rechte vorbehalten

Copyright © 2025 Infinity Gaze Studios

Texte: © Copyright by Olli Shark

Lektorat, Korrektorat: @kommakabinett

Cover & Buchsatz: V.Valmont @valmontbooks

Veröffentlicht über tolino media

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung von Infinity Gaze Studios AB unzulässig und wird strafrechtlich verfolgt.

Infinity Gaze Studios AB, Södra Vägen 37, 829 60 Gnarp

Schweden, www.infinitygaze.com

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:

[email protected]

Für alle Menschen da draußen,

die immer weiterkämpfen

und an Wunder glauben

Playlist

Kygo & Miguel - Remind me to forget

Missy Higgins - Unbroken

The Rubens - Hoops

Stanfour - Wishing you well

Hilltop Hoods - 1955

Ricki-Lee - Ghost

Lena Anderssen - State of the land

Tom Gregory - Forget somebody

Brooke Fraser - Betty

Jordan Davis - Take it from me

Stanfour - Night time

Zerb - Mwaki

Green Day - One Eyed Bastard

Bodine Monet - Tears like rain

Gigi D´Augustino - The riddle

Candice Alley - Fallin

Brooke Fraser - Therapy

Dean Lewis - How do i say goodbye

Kapitel 1.

Ich liege wach. Kann wieder einmal nicht schlafen. Böse Gedanken fressen mich innerlich auf. Haben sich wie ein gefräßiger Wurm in meinen Kopf geschlichen, sodass ich überhaupt nicht mehr klar denken kann.

Jeder einzelne Atemzug liegt mir schwer auf meiner Brust, denn eine drückende Wärme hat sich in meiner Wohnung angestaut. Am liebsten möchte ich schreien. Einfach nur laut vor mich herbrüllen. Doch nicht einmal dazu fühle ich mich in der Lage. Meine Kräfte sind weg. Einfach spurlos verschwunden.

Auf dem Rücken liegend blicke ich in die Dunkelheit, in der mein Schlafzimmer unheilvoll getaucht ist, während sich mein Gedankenchaos immer weiter ausbreitet. Zudem schießt eine bitterliche Hitze durch meine Knochen, als würde mich jemand innerlich auffressen.

Verdammt. Mein Bett quietscht, als ich mich langsam und kräftezehrend erhebe. Dann begebe ich mich in die Küche, um mir ein Glas Wasser zu holen. Langsam betätige ich den Wasserhahn. Das Rauschen des Wassers beruhigt mich für ein paar Sekunden und lässt meine Atemfunktion etwas ruhiger werden. Kühles Leitungswasser ist genau das, was ich jetzt brauche. Und eine gute Idee. Denn die benötige ich mehr als alles andere.

Niedergeschlagen und müde schleiche ich mich dann durch die schummrige Wohnung in mein Arbeitszimmer, setze mich an den Schreibtisch, knipse die Schreibtischlampe an und öffne den Laptop.

Es dauert nicht lange, da blicke ich wieder auf diese eine leere Seite. Meine Augen bleiben stehen, starren nur noch auf diese schneeweiße Bildschirmfläche.

Mein Puls beschleunigt sich, nachdem ich meine Finger auf die Tastatur gelegt habe, aber kein einziges Wort schreiben kann. Kurz denke ich an den Schreibprozess meiner ersten beiden Bücher zurück. Ich hatte keine großartige Last mit mir zu schleppen und nicht das Gefühl, ich muss irgendjemandem etwas beweisen.

Außerdem flossen mir die Ideen einfach nur so zu, und meine Finger rasten förmlich über die Tastatur. Doch mittlerweile bin ich an einem Punkt angelangt, wo ich mich wirklich ausgebrannt fühle.

Enormer Druck baut sich in mir auf, sobald ich nur den Laptop aufklappe. Ich habe einen großen Verlag hinter mir, eine Agentin und ganz viele Leser, die darauf warten, bald endlich mein neues Buch in ihren Händen halten zu können.

Starrend sitze ich weiterhin vor dem Laptop, und meine Augen fangen an zu brennen. Sachte reibe ich mir an meinen Schläfen und versuche, mich auf mein neues Buch zu konzentrieren. Unzählige Male habe ich bereits von vorne angefangen und versucht, dieses Manuskript, diese Geschichte – oder besser gesagt: irgendeine Geschichte – auf Papier zu bringen. Und jedes Mal landet sie wieder im Papierkorb.

Das Empfinden von Versagen breitet sich bei jedem Scheitern einer angefangenen Geschichte in meiner Brust in der Form eines stechenden Schmerzes aus.

Bei meinen ersten beiden Büchern, die erstaunlicherweise beides Bestseller wurden, habe ich einfach drauflosgeschrieben – ohne Wenn und Aber. Die Ideen lagen mir quasi zu Füßen. Ich hatte keinen Druck. Habe mein erstes Buch sogar noch selber finanziert und es als Selfpublisher veröffentlicht. Und das mit unerwartetem Erfolg. Denn kurz danach wurde meine jetzige Agentin auf mich aufmerksam und hatte mir prompt einen Vertrag für mein zweites Buch bei einem sehr großen Verlag organisieren können.

Zu diesem Zeitpunkt war ich wohl der glücklichste Mensch auf dieser Welt. Habe meine Freude regelrecht nach außen getragen und verließ meine Wohnung immer mit einem Selbstbewusstsein, welches mir so lange in meinem Leben gefehlt hatte. Meine Laune und Motivation konnten nicht besser sein. Ich hatte meinen Job an den Nagel gehängt und alles auf eine Karte gesetzt. Wollte meinen Traum leben.

Doch nun muss ich um meinen Traum, meine Existenz und um meine Zukunft bangen, wenn mir nicht bald mal die perfekte Idee in den Sinn kommt.

„Was mache ich nur hier?“, blubbere ich fragend vor mich hin, als ich meine Ellenbogen auf dem Schreibtisch abstütze und mir meine Hände vor Müdigkeit ins Gesicht schlage.

Der Abgabetermin ist am 31. Oktober. An Halloween!

Ich habe also noch gute fünf Monate Zeit, den besten Roman, den ich je geschrieben habe, zu schreiben und ihn anschließend meinem Verlag zu servieren. Ich muss mich nur zusammenreißen. Doch die Neugierde meiner Agentin lässt ebenfalls nicht locker. Denn jedes Mal fragt sie mich, wie ich mit dem Schreiben vorankomme, und jedes Mal muss ich sie anflunkern, dass alles wie am Schnürchen läuft. Besser als je zuvor.

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Und ich schäme mich dafür. Nicht nur, dass ich meine Agentin, die mir schließlich auch den Vertrag bei diesem hochkarätigen Verlag besorgt hat, schon mehrmals angelogen habe, sondern auch, weil mir einfach nicht die geringste Idee einfällt, worüber ich schreiben könnte. Ich bin kein guter Autor, rede ich mir immer wieder schon seit Wochen ein.

Ich habe das alles nicht verdient. Aber was habe ich verdient?

So viele Fragen bohren sich seit etlichen Tagen, Wochen und Monaten in meinem Kopf ein, welche einen hohen Anteil an meiner Schlafstörung und all den schlaflosen Nächten beisteuern.

Langsam lasse ich meine Hände wieder von meinem Gesicht los und klappe anschließend den Laptop zu. Und wieder habe ich kein einziges Wort geschrieben.

Mit einem unguten Gefühl im Magen trinke ich mein Glas mit Leitungswasser leer. Dann marschiere ich langsam wieder zu Bett. Dort liege ich wach, starre in die Dunkelheit und überlege angestrengt, was ich machen könnte. Vielleicht sollte ich noch ein wenig durch die warme Nacht laufen. Immerhin sind mir so die besten Ideen für meine ersten beiden Bücher wie fliegende Laubblätter einfach nur so zugeflogen.

Aber ich entscheide mich dagegen und versuche, die Augen zuzumachen.

Kapitel 2.

Die ersten Sonnenstrahlen flimmern durch meine zugezogene Jalousie. Als ich meine Augen öffne, sehe ich sie durch die bewegenden Vorhänge aufgrund des offenen Fensters immer wieder aufblitzen.

Was für eine Nacht, denke ich mir still und erhebe mich kraftlos. Dann reibe ich mir meine müden Augen und gähne. Es ist Zeit für die Arbeit. Ich muss jetzt etwas schreiben. Unbedingt. Mir wird schon etwas einfallen.

Selbstbewusst spreche ich mir den Mut und das Vertrauen zu, welches ich nicht habe. Jedenfalls jetzt nicht, in diesem Moment. Mein Herzschlag beschleunigt sich bei dem Gedanken, wieder nichts Ordentliches in die Tastatur zu hämmern.

Ich brauche die Idee. Diese eine Idee. Doch sie will mir partout nicht einfallen. Im Halbschlaf begebe ich mich ins Badezimmer und hüpfe unter die Dusche. Das kühle Wasser, welches sachte auf mich herabfällt, spendet mir neue Lebensenergie. Jedes Mal, vor allem im Sommer, fühle ich mich nach einer kalten Dusche wie neugeboren. Gerade nach dem Aufstehen erweckt es in mir neue Lust zum Leben. Doch sobald ich an meinem Laptop sitze, empfinde ich nur noch eine depressive Leere in mir.

Warum? Wurde ich verflucht? Gönnt mir vielleicht irgendeine Person da draußen den Erfolg nicht, den ich mir so hart erarbeitet habe?

Angestrengt philosophiere ich darüber nach. Unangenehme Bauchschmerzen breiten sich wieder in mir aus. Der Kaffee schmeckt bitter. Appetit habe ich auch nicht. Obwohl mein Magen knurrt, verspüre ich nicht den geringsten Drang, eine Kleinigkeit zu essen. Aber was soll's, ich muss meine Gedanken aufs Schreiben fokussieren, und zwar ganz schnell.

Leider habe ich auch meine Ernährung diesbezüglich total vernachlässigt – wenn man überhaupt noch von Ernährung sprechen darf. In den letzten zwei Monaten habe ich schon mehr als fünf Kilo verloren. Vor ein paar Jahren hätte ich mich über diesen krassen Gewichtsverlust tierisch gefreut und wahrscheinlich noch eine Party dafür geschmissen. Doch dieses Mal nicht.

Denn jedes Mal, wenn ich in meiner Arbeit vertieft bin, vergesse ich zu essen und schütte mir nur noch Kaffee oder Wasser in den Rachen. Je nachdem. Noch nicht einmal eine Cola oder ein bisschen Alkohol kommen bei mir auf den Tisch, denn das würde – vor allem der Alkohol – mich nur wieder ablenken und mich komplett aus der Bahn werfen.

Aber jetzt krieg ich auch ohne Alkohol nichts mehr Gescheites auf die Reihe. Nicht einen vernünftigen Satz. Nichts.

Bereits am frühen Morgen sitze ich schon verzweifelt da und klappe schließlich wieder einmal mit einer angespannten Wut in meinem Bauch den Laptop zu.

Langsam puste ich die negative Energie, die in meinem Körper gefangen ist, aus und fasse mir an die Stirn. Dann luscher ich kurz auf mein Handy und bemerke plötzlich eine Nachricht von meiner Agentin.

Dieses Mal hat sie mir eine Mail geschrieben. Seltsam! Normalerweise schreiben wir immer ganz freundschaftlich auf WhatsApp! Ich halte kurz inne und blicke verdutzt auf mein Display. Dann öffne ich meinen Mailaccount, um die E-Mail zu lesen. Gespannt analysieren meine Augen den Text:

„Hallo Flynn,

wie läuft es mit deinem neuen Bestseller? Wir sind schon alle ziemlich gespannt und freuen uns, es bald endlich lesen zu können. Übrigens habe ich für deine letzten beiden Bücher eine Signierstunde in Hamburg organisiert. Es wäre jetzt am nächsten Samstag. Sag mir bitte Bescheid, ob es bei dir zeitlich passt. Ich weiß, es ist zwar sehr kurzfristig, aber es wäre wirklich wichtig. Ich freue mich, von dir zu hören.

Viele Grüße

Martina.

PS: Ich schreibe dir eine Mail, weil mein Handy gerade in der Reparatur ist. Es ist leider ins Klo gefallen. Und der Trick mit dem Reis hat nicht funktioniert.“

Nachdem ich ihre Mail zweimal gelesen habe, überlege ich, was ich am besten darauf antworten könnte.

Wiedermal tobt in mir ein furchtbares Gewitter, welches einfach nicht aufhören möchte zu blitzen und zu donnern. Und jedes Mal, wenn ich darauf angesprochen werde, wie weit ich denn mit meinem neuen Buch schon sei – egal von welcher Person auch immer –, bekomme ich plötzliche und gewaltige Hitzewallungen, und ein leichtes Brennen sammelt sich auf meiner Brust.

Mit gemischten Gefühlen blicke ich weiterhin, fast wie gelähmt, auf ihre Nachricht. Dabei erwische ich mich, wie sich ein leichtes Schmunzeln über meine Lippen zieht, denn ihre tollpatschige Art hat mich schon so einige Male zum Lachen gebracht.

Ich weiß, dass sie alle wie wild darauf brennen, mein neues Buch bald lesen zu können. Und ja, das würde ich auch gerne – wenn es denn existieren würde.

Kurz blicke ich auf das Regal, wo meine bisherigen beiden Publikationen stehen, die darauf warten, bis sich endlich das nächste neben sie einreiht. Nächstes Jahr, um genauer zu sein. Vielleicht auch zu meinem 30. Geburtstag. Meine Augen wandern von dem einen zum anderen, immer abwechselnd. Fokussiert äuge ich auf die Buchstaben meines Namens: Flynn Blackville! Mein Pseudonym. Und ich liebe ihn.

Die Entscheidung, meinen Nachnamen Schwarzhoff ein wenig ins Englische umzuwandeln, kam schon während der Entstehung meines ersten Buches, da ich es einfach für passender und geheimnisvoller empfand. Und ich glaube, dies war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe, denn der Erfolg spricht für sich.

Ein Blick zurück auf mein Handy lässt mein Herz aber wieder rasen. Prompt entscheide ich mich, meiner Agentin erstmal nicht zu antworten und ihre Nachricht komplett aus meinem Kopf zu streichen. Vielleicht antworte ich ihr noch heute Nachmittag. Oder morgen. Oder übermorgen. Aber nicht jetzt. Denn in diesem Moment habe ich gerade gar keine Idee, welche Lüge ich ihr jetzt auftischen könnte.

Kapitel 3.

„So komme ich nicht weiter“, fluche ich laut durch mein verdunkeltes Arbeitszimmer, als es schon auf die Mittagszeit zugeht. Umhüllt von aggressiven Stimmungsschwankungen, Phasen, die es früher nie bei mir gegeben hatte, greife ich mir mit beiden Händen in die Haare und möchte sie am liebsten vor geladener Wut alle rausreißen, um mir Schmerzen zuzufügen.

Vielleicht liegt es einfach nur daran, dass ich in den letzten Monaten seelisch und moralisch nicht ganz auf der Reihe war und immer noch, zumindest manchmal, ein emotionales Wrack bin. Nicht nur, weil mich dieser Druck innerlich so zerrissen hat und ich nicht die geringste Idee für mein neues Buch habe, sondern weil der gesundheitliche Zustand meiner Großmutter nicht stabil ist. Sie hat Krebs. Brustkrebs, um genauer zu sein.

An dem Tag, als sie die Diagnose bekam, hat sich bei mir alles verändert. Wie ein dunkler Schatten hat sich diese Nachricht über unsere Familie gelegt. Jeden Tag ging es mir schlecht, und meine Gedanken waren nur noch bei ihr. Bei meiner Oma. Ich fiel nicht nur in eine Depression, sondern auch in eine Schreibblockade, die bis heute so gut wie anhält. Mittlerweile ist es schon drei Monate her.

Dennoch darf sie, weil sie sich gegen eine Chemotherapie entschieden hat und der Krebs auch zu fortgeschritten ist, zu Hause bleiben. Genauer gesagt, zu Hause bei meiner Mutter, meiner Schwester und meinem Bruder. Meine Mutter, die selbst Krankenschwester ist, und meine Schwester, die gerade eine Ausbildung zur Krankenschwester absolviert, kümmern sich bestens um sie.

Das ist auch der Grund, warum ich des Öfteren ein schlechtes Gewissen habe, weil ich einfach viel zu selten vor Ort bin und meine Zeit lieber mit dem Schreiben – wenn ich denn mal was Gescheites auf Papier bringen würde – verbringe.

So ein Mist. Wütend klappe ich den Laptop zu. Dabei muss ich schon aufpassen, dass ich ihn durch zu grobe Gewalt nicht zerstöre.

Dann sitze ich schweigend da und halte mir meine Hände vors Gesicht. Währenddessen rinnt mir eine Träne die Wange hinab.

Beherrsch dich, rede ich mir in einem Flüsterton zu. Alles wird gut.

Eine innere Leere baut sich wieder in mir auf. Ich fühle mich hilflos und allein. Und habe Angst. Angst vorm Versagen. Angst vor der Zukunft. Angst um Verluste. Einfach nur Angst um alles, was auf mich zukommen könnte.

Kurzerhand beschließe ich, mich auf den Weg zu meiner Oma zu machen. Genauer gesagt: zu meiner Familie. Zu meiner Mutter und zu meinen beiden jüngeren Geschwistern Clara und Luc.

Draußen herrscht eine bedrohliche Hitze. Langsam wandere ich zu meinem Wagen, der inzwischen einer Sauna gleicht, und setze mich hinein. Sofort lockt mir die Wärme jeden Tropfen Flüssigkeit aus dem Körper.

Ich stöhne auf, denn nach nur wenigen Minuten klebt mein T-Shirt schon vor lauter Schweiß an meinem Rücken. Sachte zupfe ich es von meiner Haut.

Ist das widerlich, seufze ich.

Dann fahre ich los. Ich schalte das Radio ein und brauche ungefähr zehn Minuten, bis ich das Haus, in dem meine Familie lebt, erreiche. Es ist das Haus, in dem ich ebenfalls aufgewachsen bin und das ein wenig am Rande der Stadt liegt.

Aufgrund der Entfernung zur Innenstadt entschied ich mich deshalb, auch nach meiner Ausbildung zum Tourismuskaufmann in die Stadt zu ziehen. Während die meisten meiner Freunde und Weggefährten aus meiner Schulzeit oder Ausbildung Schwerin den Rücken gekehrt haben, bin ich der Stadt bis heute treu geblieben.

Hier bin ich geboren. Und hier möchte ich bleiben.

Kapitel 4.

Als ich auf die Einfahrt vorfahre, parke und aus dem Auto steige, kommt mir unerwartet mein jüngerer Bruder Luc entgegen. Nächstes Jahr macht er sein Abitur. Mit einem Basketball unter dem Arm geklemmt, kommt er auf mich zu. Wahrscheinlich trifft er sich jetzt mit seinen Kumpels, um mit ihnen gemeinsam ein paar Körbe zu werfen.

Ein Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus, als ich ihn begrüße.

„Na, Großer“, sage ich mit einem freundlichen Lächeln. Und ja, er ist wirklich groß. Mit seinen fast 1,90 Metern ist er der Größte aus unserer Familie und somit zehn Zentimeter größer als ich.

„Hey“, antwortet er gelassen zurück. „Was machst du denn hier? Ich dachte, du steckst mitten in der Arbeit mit deinem neuen Buch?“

In seiner Stimme höre ich etwas, das ich nicht deuten kann. Etwas Enttäuschendes. Etwas Unzufriedenes. Etwas Bedrückendes. Ja, irgendetwas in dieser Art, das mein Herz gefrieren lässt und mir das Gefühl verleiht, dass etwas nicht in Ordnung zu sein scheint. Fast wie gelähmt stehe ich da und weiß kaum zu antworten.

„Ich wollte mal vorbeischauen, wie es euch so geht und vor allem, wie es Oma geht“, antworte ich schließlich.

„Die sitzt draußen im Garten.“

„Bei der Hitze?“ Meine Augen weiten sich.

„Ja, klar. Du weißt doch, dass sie das liebt.“ Er lacht und wechselt den Basketball von der rechten auf die linke Seite.

„Und du gehst jetzt mit deinen Kumpels ein bisschen zocken?“, frage ich dann.

„Klar. Ist doch geiles Wetter.“

„Na, dann wünsche ich dir viel Spaß.“

„Danke. Wie lange bleibst du heute?“

„Ich weiß es noch nicht. Ich muss nachher noch ein Geschenk kaufen gehen, da ich morgen auf einem Geburtstag eingeladen bin.“

„Ach so“, murmelt er und schaut pikiert zu mir rüber.

Ich weiß, dass ich in den letzten Monaten wenig Zeit mit meinem kleinen Bruder verbracht habe. Und ich würde es auch gerne wieder ändern, mehr Zeit mit ihm und generell mit meiner Familie zu verbringen. Aber irgendwie fehlt mir dafür die gewisse Motivation. Ich verspüre zu viel Druck von außen und habe regelrecht das Gefühl, mir würde immer die Zeit davonfliegen. Hinter mir steht ein großer Verlag. Und in fünf Monaten muss ich ihnen das beste Buch, das ich je geschrieben habe, quasi auf einem Silbertablett präsentieren. Doch ich habe nichts.

Als Luc schließlich mit seinem Basketball verschwindet, wird es mir wieder einmal bewusst, dass ich für die schönen Dinge im Leben einfach zu wenig Zeit investiere. Familie. Auch meine Freunde habe ich in den letzten Monaten ziemlich vernachlässigt. Trotzdem versuche ich, all diese Gedanken erst mal aus meinem Kopf zu verbannen, um mich auf eine wichtigere Sache zu konzentrieren: meine Oma. Denn immerhin weiß niemand, wie viel Zeit uns noch mit ihr bleibt.

Für einen kurzen Moment halte ich inne. Ich spüre, wie sich mein Magen unangenehm zusammenzieht. Dann schleiche ich um das Haus herum.

Das Gartentor steht halb offen, und ich sehe, wie meine Mutter gerade dabei ist, ihre Blumen zu bewässern, bevor sie noch wegen der bedrohlichen Hitze vertrocknen. Hoch konzentriert steht sie mit der grünen 10-Liter-Gießkanne vor ihren Pflanzen, bis sie durch das Quietschen des Gartentors plötzlich auf mich aufmerksam wird.

„Flynni! Was machst du denn hier?“ Ein ungläubiger Ton, als wäre sie überrascht, mich zu sehen, weht durch die drückende Luft zu mir rüber.

Langsam gehe ich auf sie zu und schließe sie in die Arme. Ihre Mundwinkel ziehen sich nach oben, und ein liebevoller Blick stößt mir direkt ins Herz. Daraufhin zieren sich meine Lippen zu einem freudigen Lächeln.

„Ich wollte nur mal vorbeischauen. Wie geht es dir?“

„Mir geht es sehr gut. Ich habe heute mal einen freien Tag. Wie kommst du mit deinem neuen Buch voran? Du hast dich ja jetzt schon ein paar Tage nicht mehr blicken lassen.“

Auch in ihrer Stimme deute ich etwas Enttäuschendes. Oder ich bilde es mir nur ein.

„Ja, ganz gut. Ich habe die letzten vier Tage richtig viele Wörter getippt“, lüge ich.

Meine Mutter runzelt die Stirn und mustert mich scharf.

Nach einer kurzen Pause fragt sie schließlich: „Wirklich?“

„Ja“, antworte ich schlicht. Währenddessen spüre ich eine gewaltige Hitze durch meinen Körper schießen. Das Blut in meinen Ohren pulsiert. Mein Herz stolpert vor sich hin.

„Ist wirklich alles in Ordnung bei dir?“, fragt sie mich eindringlich mit ihrer überfürsorglichen Art.

„Ja, Mami. Alles in Butter“, antworte ich und atme laut aus.

„Irgendwas ist doch los?! Du kannst mir alles erzählen, mein Junge, ich hoffe, du weißt das!“

„Nein, Mutti. Es ist wirklich alles in Ordnung“, sage ich und schlucke meine Angst, sie könne davon Wind kriegen, dass es mir derzeit einfach nur beschissen geht, herunter.

„Wo ist Oma?“, lenke ich abrupt das Thema ab.

„Die sitzt hinten auf der Hollywoodschaukel“, antwortet sie prompt. Dann fährt sie mit ihrer Hand über die Stirn und wischt sich den glänzenden Schweiß ab.

Die Sonne brennt erbarmungslos. Der Juni hatte schon Rekordtemperaturen von bis zu 40 Grad, und es ist gerade mal Anfang des Monats.

„Okay“, sage ich. „Ich möchte mal zu ihr.“

„Mach das. Da wird sie sich bestimmt freuen. Sie fragt schon immer nach dir.“

Langsam bewege ich mich quer durch den Dschungel, den meine Mutter Garten nennt, vorsichtig hindurch. Dabei spüre ich nicht nur die warmen Sonnenstrahlen auf meinem Rücken ruhen, sondern auch, wie mir meine Mutter nachdenklich und mit einer besorgten Miene hinterherschaut. Ob es wirklich so ist, weiß ich nicht. Dennoch merke ich eindeutig ihre scharfen Blicke wie eine kühle Brise auf meiner Haut schlummern.

Kapitel 5.

„Omi!“, rufe ich meiner Großmutter überglücklich entgegen, sie wiederzusehen.

Mit geschlossenen Augen ist ihr Antlitz zur Sonne gerichtet und leicht gehoben – bis sie aufgrund meiner Stimme reagiert. Gelassen dreht sie ihren Kopf in meine Richtung. Ein erfreutes Lächeln schimmert in ihrem abgemagerten Gesicht. Mein Pulsschlag erhöht sich, als ich mit langsamen Schritten auf sie zugehe.

Bleib ganz ruhig. Fang bloß nicht an zu heulen.

Als ich die Hollywoodschaukel erreiche, greift sie nach meiner Hand und zieht mich so fest, wie sie nur kann, an sich. Ich könnte heulen wie ein Schlosshund. Warum? Warum macht mich das gerade nur so emotional und traurig?

„Wie geht es dir, mein Junge?“, sagt sie mit einer kraftlosen Stimme, als ich mich zu ihr beuge und wir uns in die Arme schließen.

„Mir geht es gut, Oma“, flüstere ich ihr sanft ins Ohr.

Als wir uns voneinander lösen, lächelt sie mir mit einem müden und melancholischen Blick entgegen, welchen ich mit einem bedrückten Seufzer erwidere. Ich fühle mich leer und deprimiert. Genauso bestimmt wie sie. Ich meine, wie soll sich eine Person sonst fühlen, wenn sie weiß, dass sie nicht mehr lange auf dieser Welt verweilen wird? Diese Welt für immer verlässt? Das Gefühl, selbst zu wissen, dass jeder schöne Moment, jeder tiefe Atemzug, quasi der letzte sein kann? Ja, wie soll man sich da schon großartig fühlen?

Scheiße! Ich glaube, das trifft es auf den Punkt. Doch meine Oma war noch nie ein Mensch gewesen, der ihre Trauer, ihr Leid oder sonst dergleichen nach außen trug. Äußerlich war sie immer die selbstbewusste, taffe Frau. Zeigte immer ihre Stärke. Ganz anders als ich. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte diese starke Charaktereigenschaft von ihr geerbt. Einfach diese innere Ruhe.

„Das freut mich, mein Junge“, lächelt sie mich schließlich an und fügt noch hinzu: „Komm, setz dich zu mir.“ Vorsichtig klopft sie mit ihrer linken Hand auf die geblümte Sitzoberfläche.

Ich zögere kurz, setze mich aber schließlich mit auf die Hollywoodschaukel. Ein Quietschen ertönt durch den kleinen Dschungel. Bewusst greift sie dann nach meiner rechten Hand und umschließt sie mit ihrer.

„Was macht dein neues Buch?“, fragt sie mich dann mit einem warmherzigen Blick.

Mein Atem wird wieder schwerer. Langsam kann ich diese Frage nicht mehr hören, denke ich mir.

„Ja, es geht eher schleppend voran. Ich stecke mitten in einer Blockade.“

Eine Art von Gänsehaut zieht sich über meine Arme. Mein Gesicht fängt an zu kribbeln, und ich kann nicht glauben, dass ich meiner sterbenskranken Großmutter noch mit meinen Problemen belästige.

„Warum das denn, mein Junge? Ist alles in Ordnung mit dir?“

„Ja, Omi. Alles gut. Ich hänge gerade nur mit der Geschichte ein bisschen hinterher. Aber ich bin schon ziemlich weit.“

„Das wirst du schon schaffen. Ich freue mich schon so sehr, deinen neuen Thriller bald zu lesen.“

Ihre Augen glänzen. Doch mir stockt der Atem. Denn ich hoffe wirklich, dass meine Oma den Releasetag noch miterleben wird. Immerhin ist sie mein allergrößter Fan. Hat mich von Anfang an, seitdem ich als kleiner Junge meine Geschichten auf Papier gebracht habe, immer unterstützt. Egal, was für eine Geschichte ich geschrieben habe – sie hat sie gelesen oder mir dabei zugehört, wenn ich sie in ihrem Garten oder auf der Terrasse bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher vorgelesen habe.

Und jetzt, wo ich hier neben ihr sitze, umgeben von unzähligen Pflanzen mit all den unterschiedlichen Farben und Düften, wird mir klar, wie sehr mich das alles innerlich in kleine Stücke zerfetzt. Ich realisiere, wie schnell die Zeit in Nullkommanichts vergangen ist. Tag für Tag. Monat für Monat. Jahr für Jahr.

Es kommt mir wie gestern vor, als wir in ihrem Garten bei einer Tasse Tee saßen und ich ihr die Geschichte von dem mutigen Drachenprinzen vorgelesen habe. Schließlich erwidere ich ihre Aussage mit einem Lächeln.

„Und wie geht es dir, Oma?“, frage ich sie behutsam, nachdem sich ihre Hände von meiner gelöst haben.

„Ach, ich genieße grad die Sonne und lausche den Vögeln und dem Rauschen der Bäume.“ In ihrer Stimme liegt Hoffnung. Freude. Und irgendwie auch Sehnsucht.

„Wenn du möchtest, Oma, können wir gerne mal in den Zoo gehen! Wir haben doch jetzt endlich Löwenbabys hier bekommen. Vielleicht hast du ja Lust, nächste Woche mit mir dahinzufahren.“

„Ach, weißt du? Ich glaube, die Kraft habe ich nicht mehr.“

„Ich verstehe“, antworte ich und verziehe nachdenklich meinen Mund.

Dann, nach einer kurzen Pause presse ich mir mühselig eine mir sehr wichtige Frage von den Lippen – umhüllt von einem Hauch frischer Minze, der wie eine warme Brise an uns vorbeizieht.

„Hast du vielleicht sonst noch einen Wunsch? Etwas, das dir vielleicht wichtig ist?“

Entgeistert schaut sie zu mir rüber. Ihr Blick leuchtet hoffnungsvoll. Ihre müden Augen funkeln. Dann linst sie an mir vorbei, geradewegs rüber zu einem Brombeerbusch.

„Rosi“, murmelt sie leise.

Träumend sitzt sie da. Ich merke, wie ich am ganzen Körper anfange zu zittern. Habe ich da gerade etwas ausgelöst? War meine Frage vielleicht sogar falsch?

Als sie ihre Augen wieder öffnet, fängt mein Puls an, immer schneller zu werden, denn ich sehe, wie das Gesicht meiner Oma zusammenzuckt und mit den Tränen kämpft. Vorsichtig erhebt sie sich von der quietschenden Hollywoodschaukel und blickt geradeaus über meinen Kopf hinweg.

Mit ihren wackeligen Beinen gleitet sie barfuß über den weichen Rasen, bis sie vor der riesigen Brombeerhecke haltmacht. Innerlich spüre ich eine furchtbare Last auf ihrer Seele brennen. Schweigend drehe ich meinen Kopf und schaue ihr verdutzt hinterher.

Dann streicht sie mit ihrem zarten, dünnen Zeigefinger behutsam über die einzelnen Blätter und Blüten der Brombeerhecke.

„Ob ich es wohl noch einmal erleben werde, wenn die Brombeeren wieder sprießen?“

„Bestimmt, Oma. Bestimmt!“, ermutige ich sie. „Das wirst du. Und nicht nur dieses Jahr. Sondern noch viele weitere Jahre.“

Meine Stimme zerbricht, während ich mich langsam aufrichte. Unter mir spüre ich plötzlich die Erde beben.

„Oma?“

„Ja, mein Junge?“, fragt sie mich sanft, immer noch mit dem Rücken zu mir und dem Blick vertieft auf die Brombeerhecke gerichtet.

„Wer ist Rosi?“

„Was?“

„Rosi! Du hast vorhin den Namen Rosi erwähnt.“

Ihre Hände gleiten weiter über die vereinzelten Blätter. Dabei atmet sie tief ein. Ein Schweigen liegt in der Luft, und ich höre ein schmerzliches Seufzen aus ihrem Mund strömen. Dann presst sie ganz leise mit einer hauchdünnen Stimme etwas von ihren Lippen hervor:

„Meine Schwester. Meine Zwillingsschwester.“

Kapitel 6.

„Deine Zwillingsschwester?“ Ich kann nicht glauben, was ich da höre. Hat sie gerade wirklich gesagt: Zwillingsschwester? Nachdenklich ziehe ich meine rechte Braue nach oben.

Als sie sich zu mir umdreht, blicke ich wieder in leere, traurige Augen. Augen, die viel erlebt haben. Viel geweint haben. Und viel Schlechtes gesehen haben. Aber gleichzeitig sehe ich auch eine Frau, die mit all dem Leid, das sie durchmachen musste, trotzdem stärker wurde.

„Ja, meine Schwester“, wiederholt sie sachte und bewegt sich mit langsamen Schritten zurück zur Hollywoodschaukel.

„Davon wusste ich ja gar nichts.“ Verblüfft ziehe ich meine Augenbrauen zusammen und möchte sie am liebsten mit hunderten von Fragen, die gerade in meinem Kopf wie ein ganzer Bienenschwarm umherschwirren, löchern.

„Ich habe ja auch noch nie von ihr erzählt.“

In ihrer Stimme liegt eine gewisse Erleichterung. Vielleicht brennt es ihr schon seit Ewigkeiten auf der Seele, darüber zu sprechen, doch wahrscheinlich hatte sie nie den Mut gehabt, es jemandem anzuvertrauen. Noch nicht einmal meiner Mutter? Ich grüble. Irgendjemand muss doch davon wissen?

„Würdest du mir davon erzählen? Was ist aus ihr geworden?“, frage ich in einem sanften Ton. Dann lassen wir uns wieder auf die quietschende Hollywoodschaukel sinken, und sie beginnt zu erzählen.

„Rosi ist meine Zwillingsschwester, die ich das letzte Mal vor über 70 Jahren gesehen habe.“

Achtsam senkt sie ihren Kopf und schaut bedrückt nach unten.

„Was ist passiert?“ Ich kann meine Neugierde nicht unterdrücken. Ich spüre, dass sie darüber reden möchte.

Vorsichtig blickt sie wieder auf. Ich fühle und merke augenblicklich, wie sehr diese Verdrängung sie ihr ganzes Leben lang gequält haben muss.

„Nun“, räuspert sie sich. „Meine Mutter musste damals meine Schwester und mich ins Kinderheim abgeben. Sie war selbst noch viel zu jung. Gerade mal 19, als wir beide auf die Welt kamen.“

Angespannt lausche ich ihren Worten. Mein Atem beruhigt sich, während sie weiterspricht.

„Als wir zwei Jahre alt waren, trennte sich unser Vater von unserer Mutter. Wir haben ihn danach nie wieder gesehen. Uns ist nur zu Ohren gekommen, dass er ausgewandert sein soll, um höchstwahrscheinlich eine neue Familie zu gründen.“

„Das heißt, du hast ihn eigentlich nie wirklich kennengelernt“, kommentiere ich, während mir ein kalter Schauer über den Rücken läuft.

„Leider nein.“ Mühselig schluckt sie die Blockade in ihrem Hals hinunter und schließt für einen kurzen Moment die Augen. Wahrscheinlich tut es ihr immer noch weh, darüber zu sprechen.

„Und warum seid ihr ins Kinderheim gekommen?“, frage ich, denn meine Neugierde wächst weiter.

„Nun, die Trennung von unserem Vater hat meine Mutter so emotional mitgenommen, dass sie daraufhin angefangen hat zu trinken. Erst waren es nur ein, zwei Gläser am Tag. Später wurden daraus aber zwei bis drei Flaschen.“

Ihre Worte lassen mich erstarren. Noch nie hat sie mir oder meinen Geschwistern davon erzählt. Wenn wir sie mal auf ihre Kindheit angesprochen haben – was eher selten vorkam –, dann bezeichnete sie diese immer als unbeschwert und fröhlich. Denn, so wie wir es vernommen hatten, soll ihre Mutter eine starke Frau gewesen sein, die für sie alles getan hätte, um ihr ein tolles Leben zu ermöglichen. Und genau das macht mich gerade so stutzig, als ich versuche, durch ihre Fassade hindurchzublicken.

„Irgendwann …“, sie spricht weiter, nachdem sie tief die sommerliche Luft eingesogen hat, „… wurde es so schlimm, dass sie kaum noch für uns sorgen konnte. Irgendjemand in unserem Haus hatte sie damals beim Jugendamt gemeldet. Oder war es vielleicht doch eine Erzieherin aus dem Kindergarten?“

Sie grübelt, während ein Schmetterling vor uns umherfliegt. Ihre Mundwinkel formen ein kaum sichtbares Lächeln. Vorsichtig bewegt sie ihren Finger zu dem farbenfrohen Falter, der sich dann völlig ungeniert auf ihrer Hand niederlässt. Nach einem leichten Windzug fliegt er schließlich davon. Langsam. So, als würde er sich verabschieden. Bis er endgültig verschwindet.

„Auf jeden Fall … kamen wir dann mit vier Jahren ins Kinderheim. Meine Mutter suchte sich ärztliche Hilfe, denn sie wollte uns natürlich so schnell wie möglich wieder zu sich holen.“

„Verständlich“, antworte ich mit einem Kopfnicken. „Und sie hat es ja auch geschafft“, füge ich hinzu. Aber nur sie. Ihre Schwester nicht. Was ist also aus ihr geworden?

„Ja, sie hat es geschafft. Aber als sie uns beide zu sich holen wollte, war nur noch ich da gewesen.“

Ein kurzes Schweigen, begleitet von dem Summen der Bienen, weht über den Garten hinweg. Währenddessen pustet sie die drückende Luft aus ihrem Mund und redet weiter.

„Als ich sechs war – ich war bereits zweieinhalb Jahre im Heim – sah ich unsere Mutter zum ersten Mal wieder. Doch da war Rosi schon lange verschwunden. Eines Morgens, als ich aufgewacht bin, ich dachte, sie sei schon draußen, war ihr Bett leer. Sie war einfach fort. Wie vom Erdboden verschluckt. Man hatte mir erklärt, dass ihre neuen Eltern sie schon früh am Morgen abgeholt hatten. Und das ohne sich von mir verabschieden zu können.“

---ENDE DER LESEPROBE---