Der letzte Horizont - Robert T. Sinclair - E-Book

Der letzte Horizont E-Book

Robert T. Sinclair

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Beschreibung

Im 26. Jahrhundert… Nach der riskanten Flucht vor den Beyjakin stranden die Terraner im Niemandsraum am Rande unserer Galaxie. Ihre Mission ist gescheitert, alle Ressourcen sind verbraucht und die Verfolger sind ihnen unerbittlich auf der Spur, als sie plötzlich eine Entdeckung machen... Am Rande des Kosmos, am Ende der Hoffnung: bestreiten Sie mit Commander Frank Dorn, Captain Sabrina Henderson, Colonel Leslie Draper und Ariana den letzten verzweifelten Kampf der Menschheit um ihr Überleben. Erleben Sie jetzt das dramatische Finale der Kultserie, gespickt mit rasanter Action, Gefühl, vielen Fantasy-Elementen und einem Schuss Humor. Eine Geschichte, die mehr als einen Helden braucht und ein Buch, das Sie nicht aus der Hand legen werden bevor Sie es zu Ende gelesen haben.

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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Für meine Mutter, den treusten Fan dieser Saga. Du bist jetzt bei den Sternen, aber wir tragen Dich immer in unseren Herzen.

Für meine Frau Christa, die mir den Rücken freigehalten hat. Ohne ihre Unterstützung auch beim Lektorat hätte diese Episode nicht entstehen und reifen können.

Besonderer Dank gilt Jaqueline für all die Diskussionen und Anregungen, die mir sehr viel Spaß gemacht und das Universum der Terran Starfleet sehr bereichert haben.

„Wir sind am Ende.“

Admiral Willard Jones

Was bisher geschah:

Syndikatboss Flint, der letzte Oligarch der Erde, ist endlich am Ziel. Mit Hilfe der Ralkari und ihrer weit überlegenen Technologie gelingt es ihm, das Bündnis der Planeten zu dem auch die Erde und Epsilon Arcturus 3 gehören, zu destabilisieren. Der Amazonenclan der Kas’aari, die mit der Regentin Thera um die Herrschaft von Epsilon Arcturus 3 rivalisieren, ist ihm ebenfalls dabei behilflich. Sie stürzen Thera vom Ishd’vari Clan mit einer Revolte und mit Hilfe genetisch veränderter, unverwundbarer Kampfinsekten, die Flint organisiert hat. Thera kann jedoch mit knapper Not entkommen, während ihr Mann Michael, ein Terraner, in die Hände der Kas’ aari fällt.

Viel zu spät erkennen Commander Frank Dorn, Colonel Leslie Draper, Captain Sabrina Henderson und Admiral Willard Jones die Absichten von Flint. Sie versuchen Flint und seine Gefolgsleute zu stellen, aber das Syndikat ist ihnen immer einen Schritt voraus. Bei einem Bombenanschlag kommt eine Kronzeugin um, der Admiral wird schwer verletzt. Flint und seine Helfer entkommen erneut.

Bevor die Spur kalt ist nehmen sie unter dem Kommando des zwielichtigen Sicherheitsbeamten Harris die Verfolgung auf.

Ariana wird von Flint erpresst. Aus berechtigter Sorge um Frank liefert sie einige Informationen. Bald darauf weigert sie sich jedoch und überlebt den Angriff eines Kampfinsekts, das Flint auf sie angesetzt hat, nur knapp. Frank, der viele Lichtjahre entfernt ihre Botschaft erhält, muss tatenlos zusehen wie Ariana von dem Insekt niedergerissen wird. Captain Harris hindert Frank mit vorgehaltener Waffe, die Funkstille zu brechen. Dann reißt der Kontakt zur Erde ab. Frank glaubt, dass Ariana tot ist. Die Situation an Bord eskaliert. Leslie Draper und Frank Dorn reißen schließlich die Kommandogewalt an sich und setzen Harris außer Gefecht. Sie erreichen den ersten Wegepunkt auf der Verfolgungsjagd und erwarten Kontakt zum vorausgeschickten Tankmodul, welches der terranische Sicherheitsdienst dort bereitstellen sollte. Stattdessen entpuppt sich das Signal als die Kommunikation zwischen den Schiffen der Ralkari Invasionsflotte, die sich in den dichten Gasnebeln versteckt hält.

Die Terraner platzen mitten in ihre Formation. Ein wildes Gefecht beginnt. Das schwerfällige Schiff von Frank und Sabrina muss bedrohliche Treffer einstecken. Die Terraner können sich mit einem letzten Hyperraumsprung in Sicherheit bringen. Auf einem Mond landen sie und beginnen mit der Reparatur ihrer Schiffe. Sabrina koppelt ihre Intruder vom Gespann ab und erkundet das fremde Sonnensystem. Sie haben keine Möglichkeit die Erde vor der Invasion zu warnen.

Unterdessen versuchen Ariana und Tomar den Admiral an einen sicheren Ort zu bringen.

Disthene, eine Kämpferin, wurde von den Ralkari auf Ariana angesetzt, um sie gefangen zu nehmen. Sie lauert ihr auf und kann sie nach einem kurzen Zweikampf überwältigen. Tomar muss hilflos zusehen wie Ariana verschleppt wird. Während Disthene sie für die Kampfspiele der Ralkari ausbildet, trifft sie auf Michael Gene Tambler, den das gleiche Schicksal erwartet.

Für die von den Ralkari unterworfenen Völker dienen die Spiele als Abschreckung.

Frank und Chefingenieur McGinney reparieren die Schäden notdürftig, während Sabrina endlich Jonathan Flint ausfindig macht. Sie setzen alles auf eine Karte. Frank, Leslie und der sinistre Harris begeben sich auf Flints Fährte, während Sabrina und McGinney eine Kommunikationsboje in Richtung Erde losschicken, um die Flotte zu warnen.

Harris verspricht zu kooperieren und macht sich bei der erstbesten Gelegenheit aus dem Staub. Er will Flint alleine schnappen und bringt den Plan von Frank, Leslie und Sabrina erneut zum Scheitern. Die Offiziere gehen in die Falle und landen im Straflager auf Devil’s Kitchen. Dort treffen Sie unter den Gefangenen Komedor, einen sehr alten arsarianischen Gelehrten. Hitze, Staub, Zwangsarbeit und Folter sind ihr tägliches Schicksal in der Kobaltmine.

Sie können dank eines geheimnisvollen Amuletts, welches Frank von Ariana bekommen hatte, fliehen und werden von Sabrina gerettet. Bei der anschließenden Befreiung der anderen Inhaftierten nehmen die Terraner den brutalen Gefängnisaufseher Keymar gefangen. Dabei stoßen auch die Häftlinge Saborin und Tamirik von den Minnrhi zu ihnen. Sie bieten ihre Ortskenntnisse und ein Versteck gegen einen Mitflug an. Skeptisch willigt Frank ein, die beiden Minnrhi im Gegenzug eines sicheren Verstecks, mitzunehmen. Sie starten und entkommen nur knapp einer Patrouille, als Saborin und Tamirik einen Rückzieher machen. Sie fürchten Keymars Rache und wollen ihr Versteck nicht anfliegen, solange er an Bord ist.

Währenddessen überrennen die Ralkari mit ihrer Armada von Kampfdrohnen und Kampfinsekten die Bündniswelten ohne große Gegenwehr. Die genetisch erzeugten Insekten werden massenhaft eingesetzt und sind der gefährlichste Gegner einer jeden anderen Lebensform. Einmal zerstört, bildet sich aus jedem Fragment binnen Tagen ein neues Insekt.

Flint wird Gouverneur der Erde. Die rücksichtslose Ausbeutung der Planeten beginnt, die Bewohner der Bündniswelten erwartet Vertreibung, Versklavung und Tod. Das Ende der Menschheit scheint besiegelt. Die wenigen Flüchtlinge werden von Tomar und Admiral Jones angeführt. Zusammen entkommen sie in die Dunkelwolke, die einst Tomars Fluchtdomizil war.

Auf einem unwirtlichen Planeten brennen sich die letzten freien Menschen verzweifelt eine Notbehausung in den nackten Fels, aber die gigantische Ralkari Streitmacht hat die Verfolgung bereits aufgenommen. Die kosmische Uhr der Menschheit läuft ab.

Jonathan Flint lehnte sich zufrieden zurück. Heather De Agostini und Hyato saßen vor ihm an dem mächtigen Tisch aus schwarzgrauem Granit. Die Ralkari hatten ihn zum Gouverneur gemacht. Er herrschte über das Bündnis der Planeten. Flint war am Ziel.

„Nun müssen wir weiter sehen. Wir brauchen eine Lösung wie wir uns dieser Ralkari entledigen“, sagte De Agostini leise.

„Vorsicht“, mahnte Flint. „Ihre Gedanken können unser Ende sein. Kein Wort mehr darüber. Meine Wissenschaftler arbeiten bereits an einer Lösung. Hätten wir nur Madeleine Riviere nicht verloren. Sie musste sich ja unbedingt auf die andere Seite schlagen. Aber jetzt ist Schluss mit dieser Diskussion.“

„Verdammt, Flint! Sie beuten die Erde maßlos aus. Wälder werden abgeholzt, Menschen verschwinden, Gewässer werden abgepumpt. Sie pressen die Erde auf der Suche nach Metallen und Rohstoffen völlig aus. Die Ralkari hinterlassen eine Mondlandschaft“, insistierte De Agostini leise aber energisch.

„Wozu haben wir das gemacht, wenn uns die Ralkari keine Lebensgrundlage mehr hinterlassen? Wovon bist Du dann noch Gouverneur? Von einer Wüste?“

„Halt endlich den Mund, Heather“, zischte Flint. „Das wird sich ändern“, sicherte er zu.

„Wie soll das gehen? Niemand ist ihnen gewachsen“, sagte Hyato.

„Wir haben noch einen Trumpf in der Hand. Den werden wir ausspielen“, erwiderte Flint eisig.

„Wie denn? Wie willst Du diese Bestien aufhalten?“, fragte Heather De Agostini zweifelnd. Hyato stimmte ihr nickend zu. Flint erhob sich und ging zum Fenster. Nach einer kurzen Atempause wandte er sich wieder seinen beiden Helfern zu. Seine Augen begannen siegesgewiss zu funkeln.

„Es gibt etwas das die Ralkari fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Madeleine Riviere hat es entdeckt ohne sich über die Tragweite im Klaren zu sein. Ich bin sicher, dass wir damit im Dreier-Rat alles durchsetzen und uns die Ralkari gefügig machen können“, erwiderte Flint.

„Worum handelt es sich?“ fragte Hyato.

Flint zögerte. De Agostini wurde ungeduldig.

„Nun rück‘ es heraus zum Teufel. Ich will endlich wieder die Sicherheit haben, dass wir die Sache kontrollieren.“ Flint lächelte eisig darauf.

„Es ist eine nette kleine Seuche. Wir arbeiten bereits an der Isolierung der Erreger und an einem Gegenmittel für uns.

Hyato blieb der Mund offen stehen, während De Agostini mit einem tiefen Atemzug ihre Emotionen wieder unter Kontrolle brachte.

„Hoffen wir, dass die Ralkari nicht selber ein Gegenmittel haben.“

„Oh, das haben sie, Heather. Es ist nur sehr instabil. Mit einem kleinen Kniff kann man es unwirksam machen. Aber das wissen die Ralkari noch nicht. Madeleine brachte uns auf diese Spur, ohne selbst dahinter zu kommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon zu viele Skrupel und Eva Johnson hat nie an das Potenzial dieser Sache geglaubt.“ Flint setzte sich wieder.

„Geht jetzt wieder an die Arbeit. Wir sind noch nicht am Ziel. Fragt Ralathor, wann der Widerstand endlich niedergekämpft ist und macht ihm Druck.“ Hyato rutschte vom Stuhl und verschwand wortlos durch die Tür. Heather De Agostini folgte ihm.

Mit einer eleganten Bewegung zog sich Disthene durch das Schott ins Innere des schwer beschädigten Schiffs. Die „Hoffnung“ schwebte antriebslos im Raum, die Feuer waren längst erstickt, alle Systeme waren ausgefallen. Das Schiff war tot. Durch die fehlende Schwerkraft trieben überall im Wrack Trümmerteile herum. Sie blickte auf ihren Lebensformscanner und stieß einen leisen Zischlaut aus. Ihre Augen leuchteten gelblich und spiegelten sich im Helm des Druckanzugs. Sie war nahe der Position der drei Überlebenden der Schiffsbesatzung. Im nächsten Moment erschrak sie. Etwas stieß sie von hinten an. Sie zog ihre Waffe und drehte sich hastig um. Es war ein totes Besatzungsmitglied dessen Helm geborsten war. Die Wolke gefrorener Blutstropfen, die den schwebenden Körper umgab, prasselte auf Disthenes Visier. Sie hatte sich schnell wieder unter Kontrolle und steckte die Waffe wieder ein. Disthene stieß den Körper von sich weg und entfernte sich von der grausigen Szene. Aus dem Augenwinkel erspähte sie die Reflektion eines Helmvisiers. Sie leuchtete die Ecke über ihr mit ihrem Strahler aus. Ein anderes Besatzungsmitglied hing in einem zerborstenen Kabelbaum fest. Das Lebenserhaltungssystem des Anzugs schien noch zu funktionieren, wie die beiden blinkenden Dioden auf der Brust bestätigten. Sie stieß sich von der Wand ab und glitt langsam nach oben. Sie blickte in den beschlagenen Helm, der ein Männergesicht beherbergte. Er atmete, war aber ohne Bewusstsein. Die ganze Cockpitbasis mit den Sitzen war vom Boden herausgerissen worden. Das Metall hatte die Wucht der folgenden Explosion abgemildert und ihn dadurch gerettet. Plötzlich bemerkte Disthene noch eine zweite Person, die sich zwischen den Sitzen verfangen hatte. Sie hielt sich mit ihrem Schwanz am Kabelbaum fest, streckte ihren Arm aus und bekam die Hülle des Druckanzugs am rechten Bein zu fassen. Sie zog kräftig und nach einem weiteren Ruck schwebte die Person auf Disthene zu. Sie leuchtete in den Helm. Das rußgeschwärzte Gesicht der ohnmächtigen Frau war ebenmäßig und synthetisch schön. Das Lebenserhaltungssystem war intakt, der Sauerstoff fast aufgebraucht. Ihr kurzer Atem vermochte kaum noch den Helm zu beschlagen. Disthenes Scanner erzeugte ein kurzes, monotones Signal und blinkte hektisch. Sie zischte ekstatisch.

„Thera Ishd’var. Das Schicksal steht auf meiner Seite“, sagte sie voller Genugtuung.

Disthene benachrichtigte zwei ihrer Helfer, die kurz darauf mit der Bergung der Überlebenden begannen.

Wenig später informierte sie Ralathor über ihren Erfolg. Der Abgesandte des Dreier-Rates war außer sich vor Freude und hatte ihr dafür eine Audienz beim Rat in Aussicht gestellt. Die Zacken ihres stahlgrauen Rückenkamms bewegten sich vor Aufregung auf und ab und erzeugten dabei ein rasselndes Geräusch, ähnlich dem einer Klapperschlange. Sie war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Die besten Kämpfer des Universums hatte sie für die Spiele gefangen. Der Rat würde ihr dafür alles gewähren, dessen war sie sich sicher. Dann trat die Söldnerin mit ihrer Beute den Rückflug an.

„Verdammt noch mal. Wir liegen hier wie auf einem Präsentierteller. Es war doch eine Scheißidee, die ganze Minnrhi-Bande mitzunehmen. Also wenn die sich nicht gleich entscheiden, verpasse ich denen eine ordentliche Tracht Prügel“, fluchte McGinney und rutschte unruhig auf seinem Sitz herum.

„Bleiben Sie cool, Mac“, intervenierte Sabrina ihrerseits genervt. „Wir haben ohnehin nicht mehr viele Optionen.

„Entschuldigen Sie, Mädchen. Es ist nur so, dass die Zeit eines alten Mannes begrenzt ist. Zu schade für so einen Firlefanz. Der Commander ist viel zu human, wenn Sie mich fragen.“

Sabrina winkte ab und heftete ihre Augen an den Monitor des Langstreckenscanners.

Das Gespann aus Hawk und Intruder flog getarnt, aber antriebslos durch den Niemandsraum und entfernte sich langsam von Devil’s Kitchen. Frank hatte bis auf Navigation und Lebenserhaltung alles abgeschaltet, um Ressourcen zu sparen und um so wenige Emissionen wie möglich zu erzeugen. Sie mussten unter allen Umständen unentdeckt bleiben.

Im selben Augenblick erwachte das Intercom. Frank bat sie an Bord der Hawk zu kommen. Sabrina schaltete die Scannerwerte auf Leslies Schirme bevor sie mit Mac die Hawk betrat.

„Die Langstreckenscanner haben eine Vielzahl beweglicher Objekte lokalisiert. Wenn wir auf diesem Kurs bleiben schneiden wir fünf Mal gegnerische Kursvektoren.“

„Es scheint, als hätte unsere Flucht die ganze Beyjakinflotte alarmiert. Ihre Suchmuster um Devil’s Kitchen und seine Nachbarsysteme sind spiralförmig. Es wird schwer sein auf Dauer einen Kontakt zu vermeiden“, ergänzte Leslie, die sich die Werte schnell angesehen hatte.

„Sie haben Recht. Es wird höchste Zeit zu verschwinden“, sagte Frank.

„Sehen wir uns einfach die Fluchtziele an“, schlug Leslie vor und schaltete den Holoprojektor ein.

„Wie wäre es damit“, sagte sie und deutete auf ein System, welches weit genug weg von Devil’s Kitchen, aber an der dem galaktischen Zentrum zugewandten Seite des Spiralarms lag. Gleichzeitig erschienen Tamirik und Saborin im Cockpit. Sie hatte Leslies Vorschlag noch mitbekommen.

„Nein, da befindet sich der zweitgrößte Flottenstützpunkt der Beyjakin. Außerdem sind dort zwei Ralkari Kampfgruppen stationiert. Wir sollten dieses Versteck anfliegen“, sagte Tamirik und deutete auf einen kleinen Stern am Rande der Projektion. Sie hatten sich offenbar endlich für die Unterstützung der Terraner entschieden.

„Das sind gut zehn Parsec. Warum so weit draußen? Haben wir dort die Möglichkeit für Reparaturen?“ fragte Frank skeptisch.

„Das ist das Saleebah-System. Es befindet sich an der Grenze zum intergalaktischen Raum und ist weit genug weg von Mormatil und anderen Beyjakinkolonien. Wir haben dort vor langer Zeit ein kleines Depot eingerichtet, das alles Notwendige zum Überleben enthält. Auch Reparaturen können wir durchführen. Wir hoffen, dass unser Bruder Gemin alles gut verwaltet hat, während unserer Abwesenheit“, erwiderte Saborin ruhig.

„Wie sicher ist dieses Versteck?“, fragte Leslie.

„Das System ist am äußersten Rand des Spiralarms. Die Beyjakin haben kein Interesse an diesem Gebiet. Nur selten kommen Patrouillen in die Nähe von Saleebah, da es außer ein paar dichten Asteroidenfeldern nichts gibt. Niemand fliegt dort freiwillig hinein. Wir befanden uns einmal auf der Flucht und waren gezwungen durch das Feld hindurch zu fliegen. Unsere Verfolger wagten sich nicht hinein und drehten ab. Wir aber haben einen Weg gefunden“, antwortete Tamirik.

Leslie Draper blickte Frank und Sabrina fragend an.

„Unbekanntes Gebiet. Die Langstreckenscanner haben zu wenig für eine genaue Kartierung dieses Bereichs. Wie auch immer: die Lady braucht ein paar Reparaturen und wir müssen schleunigst weg von hier“, meinte Sabrina.

„Ihr wisst doch, dass erzreiche Asteroiden die Scannersignale stören können. Wir sollten auf Nummer sicher gehen und in gebührendem Abstand zu dem Asteroidenfeld aus dem Hyperraum austreten“ schlug Frank vor.

„Okay, so machen wir es. Wir sind ziemlich am Ende mit allem. Hoffen wir, dass wir uns dort neu formieren können. Also los. Alles fertig machen zum Sprung. Ich werde in der Zwischenzeit schnell nach unseren Gefangenen sehen“, sagte Leslie zustimmend.

„Wird aber auch Zeit“, grummelte der Ingenieur. Mac und Sabrina begaben sich eiligst zurück ins Cockpit der Intruder, während sich die beiden Minnrhi setzten. Frank hatte die Koordinaten aus der Holoprojektion bereits übernommen, die aktuelle Sprungposition angepasst und anschließend synchronisierte er die beiden Antriebe des Gespanns erneut. Sabrina hatte die Bordsysteme der Intruder längst klar und gab die Freigabe, während Mac die Tarnung überprüfte. Als Leslie wieder zurück im Cockpit war, sprangen sie aus dem Devil’s Kitchen System gerade noch rechtzeitig bevor sie wieder in Reichweite der Kampfdrohnenstaffel waren, die den unwirtlichen Planeten umrundete.

Michael verlor sein Schwert beim Parieren ihres Hiebes und schrie vor Schmerz, der wild durch seinen Arm pulsierte.

„So wird das nichts“, bemerkte Ariana entnervt. Sie trainierte ihn und versuchte ihm die Grundlagen des Schwertkampfes beizubringen.

„Ja“, sagte Michael tonlos. „Ich bin nun mal kein Schwertkämpfer und werde nie einer werden.“

Ariana atmete hörbar aus, legte die Klinge auf die Bank zurück und nahm den Helm ab.

„Dann versuchen Sie es hiermit“, sagte sie und reichte ihm eine Art Morgenstern.

„Diese verdammten antiquierten Methoden ohne Ritterlichkeit und Fairness“, fluchte er, während er das martialische Kriegsgerät an sich nahm.

„Glauben Sie vielleicht ich kämpfe gerne? Wir haben doch nur diese Chance. Wer weiß auf welche Gegner wir treffen. Bei Disthene müssen wir auf alles gefasst sein. Ich fürchte, wir werden die Spiele ohnehin nicht überleben. Lassen Sie uns wenigstens hoffen, dass wir nicht noch gegeneinander antreten müssen“, erwiderte Ariana aufgewühlt. Michael seufzte, hob sein Schwert auf und steckte es weg.

„Es tut mir leid. Ich bin wirklich dankbar, dass Sie mir helfen. Es ist nur alles so sinnlos. Verzeihen Sie mir, aber auch der metanische Regent ist nur ein Mensch und hat seine Schwächen.“

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Das unterscheidet die Menschen von den Ralkari und vielen anderen Völkern. Wir Arsarianer wurden durch die Zentralintelligenz dazu erzogen keine Gefühle zu zeigen, kalt und berechnend zu bleiben, den Vorteil immer im Auge. Zwar gibt es alte Geschichten, die von besseren Zeiten auf Arsaria erzählen, aber ich bin jedenfalls so aufgewachsen. Immer nur die Erfüllung der Aufgabe als oberste Priorität, der Kommune und der Allgemeinheit dienen. Das Individuum zählt nicht und hat sich unterzuordnen. Seit dem ich Menschen und Metaner kennen gelernt habe, kann ich nicht mehr auf Arsaria leben. Unsere Gesellschaftsform der Kommunen ist widerlich“, sagte sie abfällig.

„Ihr Lob in allen Ehren, aber Licht- und Schattenseiten gibt es überall. Wir Menschen haben eine Menge Dreck am Stecken. Wenn man in unsere Vergangenheit schaut wird einem speiübel, das können Sie mir glauben. Ich weiß nicht, ob wir besser sind, als die Ralkari. Wie oft standen wir vor der Selbstvernichtung, wie viele Kriege haben wir aus irrsinnigen Gründen geführt − mit Millionen von Opfern. Wie ehrgeizig haben wir das Leben im All gesucht und es gleichzeitig massenhaft und bedenkenlos auf unserer Erde vernichtet. Es grenzt an ein Wunder, dass wir überhaupt überlebt haben.“ Michael atmete tief durch und richtete sich auf.

„Thera und ich wollten es besser machen, als die alten Clans. So war unser Plan. Wir glaubten zu sehr an das Gute, wollten Chancen für Meta und seine Bevölkerung schaffen. Der Anfang war schwer, aber nach und nach schien es zu funktionieren. Ein Traum wurde wahr, für wenige Jahre. Sehr schön, aber mit bösem Erwachen. Wir sind letztendlich gescheitert.“

„Auch ich hatte einen Traum, nämlich Arsaria auf eine andere Weise zu dienen, als es uns die Zentralintelligenz in der Vergangenheit befahl. Die geschlagenen Wunden zu heilen und unsere Gesellschaft wieder zu der Hochkultur zu entwickeln, die sie einst war, zu Zeiten Tomars und anderer großer Personen. Auf der Erde zu leben zusammen mit Frank“, Arianas Augen wurden feucht und sie drehte sich weg. Michael schluckte trocken, ging einen Schritt auf sie zu und nahm sie in den Arm.

„Bitte glauben Sie weiter an Ihren Traum. Geben Sie nicht auf“, sagte er leise und war sich bewusst, dass er sich dabei selbst am meisten Mut zusprach. Ariana weilte einen weiteren Augenblick in seiner Umarmung, dann löste sie sich daraus.

„Nur wenn Sie auch weiter an Ihren Traum glauben.“

Michael lachte vor Rührung.

„Es gibt ein metanisches Sprichwort: es besagt, dass jede Welt im innersten von den Träumen ihrer Bewohner zusammengehalten wird. Ich mag diesen Gedanken. Er ist so voller Hoffnung.“ Er räusperte sich und stemmte seine Hände in die Hüften.

„Ich bin jedenfalls froh, dass Sie da sind und ich nicht alleine gegen Disthene stehe. Das Dumme ist nur, dass wir jetzt wohl diese archaischen Eigenschaften aus den vergangenen Epochen ausgraben müssen.“

„Dann versuchen Sie nun den Trainingsandroiden zu besiegen. Sie müssen aber vorsichtig sein. Die Androiden nutzen jede Schwäche aus, verteilen Stromstöße und schmerzhafte Stiche. Disthene hat sie entsprechend programmiert. Sie will, dass wir für die Spiele hart und erbarmungslos werden“, erklärte Ariana.

„Hm, einige römische Kaiser hätten sicher ihre wahre Freude an dieser Echse gehabt“, sagte er leise.

„Römische Kaiser? Ich verstehe nicht?“

„Vergessen Sie es. War nicht die beste Epoche der terranischen Geschichte. Zeigen Sie mir wie man diesen Stachelknüppel schwingt.“

Ariana führte ihm einige Hiebe mit dem Morgenstern vor. Dann nahm Michael den Griff in die Hand und näherte sich dem Androiden, der sofort in Angriffsstellung ging. Der Terraner tat es ihm gleich und zuckte in der nächsten Sekunde unter einem schmerzenden Stromblitz zusammen. Michael biss die Zähne zusammen, während der Android ihn umkreiste. Wieder durchfuhr den Regenten ein heftiger Stromstoß. Aus den beiden Händen des Übungsandroiden klappten plötzlich spitze schmale Klingen hervor. Michael duckte sich instinktiv, kam wieder hoch und drosch mit aller Wucht auf seinen Gegner ein, bis dieser seinen künstlichen Kopf verlor und abschaltete.

„Hey, das hat gar nicht so schlecht funktioniert“, meinte Michael, als er den Morgenstern noch zweimal euphorisch durch die Luft sausen ließ.

„Okay, wir haben zumindest mal eine Waffe für Sie gefunden. Der Android war auf Stufe eins geschaltet. Ab Stufe vierundzwanzig ist man für die Spiele bereit“, erwiderte Ariana trocken. Michael war sprachlos und fand den Schuss überlegene Arroganz in Arianas Äußerung einen Lidschlag lang mehr als attraktiv, fing sich jedoch ebenso rasch wieder.

„Bei welcher Stufe stehen Sie?“

„Mit dem Schwert bei neunundzwanzig, mit Spieß und Stock bei sechsundzwanzig, mit Axt und Morgenstern bei fünfundzwanzig“, entgegnete sie ruhig.

„Bei allen Höllen der Galaxis. Ich bin wirklich froh, dass Sie auf meiner Seite sind. Wo steht der Gegner?“

„Das weiß ich nicht. Disthene ist sicherlich die Meisterin aller Klassen. Schließlich habe ich einmal gegen sie verloren. Sie wird bestimmt erst am Ende der Spiele gegen die Besten antreten. Das ist meine Vermutung. Niemand hier weiß viel über die Spiele, deren Verlauf oder ihre Regeln. Daher können wir nur so gut wie möglich trainieren. Das gibt uns vielleicht die Chance eine Weile zu überleben“, erwiderte Ariana kühl.

„Okay, dann auf ins Training“, antwortete Michael ernsthaft.

„Was passiert eigentlich wenn man die Zulassung zu den Spielen nicht schafft?“

„Das ist eine rein rhetorische Frage. Glauben Sie im Ernst, dass man jemanden nicht in die Arena schickt nur weil er nicht bereit ist?“

„Na klar, verstehe“, sagte Michael ebenso kühl.

Komedor, der arsarianische Gelehrte, erschien im Cockpit. Leslie blickte verwundert auf, sprach ihre Kritik aber nicht aus. Vor wenigen Minuten hatte er noch geschlafen. Tamirik und Saborin rückten etwas näher zusammen, um ihm Platz zu machen. Komedor ließ sich auf den Sitz nieder.

„Wie geht es Ihnen“, fragte Dorn.

„Danke, ich fühle mich besser. Wohin fliegen wir?“

Leslie informierte Komedor knapp. Der alte Mann sah wesentlich besser aus, die Farbe war in sein Gesicht zurückgekehrt. Der Cocktail aus Wasser, Aufbaumitteln und den Medikamenten, die der Medo-Bot verabreicht hatte, zeigte Wirkung. Die eingefallene, steinerne Miene und sein Befinden waren deutlich aufgefrischt.

„Sie müssen sehr wachsam sein“, riet Komedor.

„Die Beyjakin werden alles aufbieten, um uns wieder zu fassen.“

Die Krücke, wie McGinney das Gespann aus Hawk und Intruder nannte, trat aus dem Hyperraumlichtblitz in den Normalraum, genau auf der vorausberechneten Position. Sabrina scannte sofort die Umgebung.

„Asteroidenfeld voraus, zwölf Millionen Kilometer Distanz bis zum imaginären Rand. Die Ausdehnung wird noch berechnet“, meldete Sabrina und blieb mit ihren Augen am Monitor haften.

„Mein Gott, es ist riesig. Das Feld erstreckt sich mindestens über dreißig astronomische Einheiten. Viele Unterschiede in der Konzentration der Asteroiden sind im Feld auszumachen. Einige große Brocken voraus. Der größte davon misst etwa viertausend auf zweitausend Kilometer und liegt in dreizehn komma vier fünf astronomischen Einheiten Entfernung, fast genau auf Kurs.

„Unser Versteck“, sagte Tamirik und blickte nervös zu Saborin.

„Haben Sie eine verschlüsselte Frequenz auf der wir ihren Freund rufen können?“

„Nein, wir müssen das Depot anfliegen. Es ist nur leicht gesichert und hat keine aktiven Waffensysteme“, erklärte Saborin, während Frank zu Leslie sah.

„In Ordnung, wir sind etwa ein Grad unterhalb der Ekliptik. Nicht gerade gut für einen vernünftigen Überblick, aber wir gehen langsam näher“, entschied Frank, „und behaltet mir bloß die Umgebung im Auge.“

„Wie sieht das Störniveau aus?“, fragte Leslie. Sabrina blickte auf ihren anderen Monitor und antwortete direkt:

„Bisher nichts außergewöhnliches, Colonel. Ich habe einen Kurs berechnet, der uns auf kürzestem Weg zu diesem Depot führt.“ Saborin rümpfte sich zweifelnd die Nase, beugte sich nach vorn und studierte die Darstellung auf dem Hologramm über der Mittelkonsole.

„Der Einflugschacht befindet sich auf der von uns abgewandten Seite. Wir sind noch nie von dieser Richtung her angeflogen“, bemerkte er angespannt. Einige der Asteroiden besaßen eine bemerkenswert dunkle Oberfläche, Kohlenstaub gleich und damit viel dunkler, als es bei Asteroiden dieses Typs gewöhnlich vorkam. Die optischen Instrumente vermochten sie kaum erfassen. Das Gespann hatte einige Astronomische Einheiten zurückgelegt, als Sabrina leise zu schimpfen begann.

„Was ist denn los?“, fragte Leslie.

„Ich fasse es nicht. Die Konzentration voraus wird zu dicht. Das ist mir zu riskant denn da kommen wir nicht unbeschädigt durch. Der ganze kleine Müll lag durch unseren ungünstigen Anflugwinkel voll im Radarschatten der größeren Asteroiden. Ich muss die Ekliptik wieder verlassen und nach dieser Schuttansammlung erneut eintauchen.“

„Gut, dann bekommen wir wenigstens ein besseres Gesichtsfeld auf die ganze Ausdehnung“, argumentierte Frank brummend. Sabrina übernahm weiterhin die Handsteuerung und zog das Gespann aus der Ekliptik. Wenig später hatte sie den neuen Kurs berechnet mit welchem sie knapp ein Grad mehr an Winkel zwischen ihrer Flugbahn und der Ebene des Asteroidenfeldes erreichten. Die Scanner waren alle mit der Erfassung und Kartierung der Myriaden verschieden großer Objekte beschäftigt und aktualisierten die holographische Projektion sekündlich.

„Ich hab’s jetzt“, erklärte Sabrina schließlich, nachdem sie erneut eine leichte Korrektur der Bahn im Scheitelpunkt vorgenommen hatte und jetzt die Nasen von Hawk und Intruder wieder in die Ekliptik drückte. McGinney hatte aufmerksam die Intensitätswerte der verschiedenen Scanner verfolgt und regte sich plötzlich.

„Der große Brocken, den wir anfliegen, weist einen Hot Spot im Infrarotbereich auf. Was läuft da?“ Frank wurde sofort hellhörig und sah sich die Werte an. Jetzt erhob sich auch Tamirik aus ihrem Sitz und betrachtete das entsprechende Bild auf dem Hologramm. Sabrina hatte als Erste neue Daten, da sie sich das volle Spektrum ansah.

„Das ist harte Strahlung. Gibt es dort alte Reaktoren?“, fragte sie die Minnrhi. Saborin und Tamirik sahen sich an und verneinten.

„Das ist kein Reaktor“, widersprach Frank, „der Asteroid ist ein Friedhof, ihr Depot eine Ruine. Weg von hier.“ Die Minnrhi wurden kreidebleich. Auf einmal wurde das Gespann heftig durchgeschüttelt. Das „Achtung Feindkontakt“ blieb Sabrina im Hals stecken.

„Heckschirm ausgefallen!“, meldete Leslie und aktivierte die Waffensysteme.

„Frank, es sind zwei Fregatten der Beyjakin. Sie haben sich hinter Saleehbah verborgen gehalten und greifen an. Die Tarnung nützt uns nicht mehr viel. Sie haben unsere Triebwerksemissionen lokalisiert. Soweit ich sehen kann sind uns keine Kampfdrohnen auf den Fersen“, meldete Sabrina

„Wir müssen springen“, sagte Saborin aufgeregt.

„Wir können vielleicht noch ein oder zweimal springen. Dazu brauchen wir gesicherte Koordinaten. Wir müssen Zeit gewinnen“, erwiderte Frank, übernahm die Steuerung von Sabrina und zwang das Gespann in eine 180-Grad Schleife. Noch ließ er die Tarnung eingeschaltet, während die Hellfirekanonen das Feuer erwiderten.

„Keine Kampfdrohnen“, bestätigte Leslie nach einem Blick auf den Monitor des Nahbereichscanners.

„Wenigstens etwas“, gab Frank trocken zurück, während die Geschütztürme einige der anfliegenden Geschosse verdampften.

„Frank, wir werden nicht in das Asteroidenfeld einfliegen können. Die beiden Fregatten decken die gesamte Hemisphäre mit ihren Waffen ab“, meldete Sabrina über das Intercom.

„Dann haben wir kein Versteck. Die Beyjakin werden uns kriegen. Was sollen wir machen?“, bemerkte Tamirik ängstlich.

„Ihr Versteck wurde enttarnt und zerstört. Wir kämpfen“, antwortete Frank entschieden und zwang die Maschine auf eine schraubenförmige Flugbahn. Er steuerte mit einigen chaotischen Manövern auf die ihnen am nächsten liegende Fregatte zu.

„Geschütztürme in Angriffsposition“, sagte Frank zu Leslie, die sofort schaltete. Eine Besonderheit der Hawk bestand darin, dass sie ihre gesamte Feuerkraft nach vorn konzentrieren konnte. Die hinteren Geschütztürme auf dem Triebwerk ließen sich etwas aus der Mittellinie verstellen, so dass sie die beiden Hellfire Revolverkanonen und die Torpedowerfer in den Flanken des Schiffes unterstützen konnten. Damit waren elf Hellfiregeschütze und zwei Torpedorohre nach vorn gerichtet, welches mehr als eine klassische Breitseite ergab. Die Zielerfassung der Hawk hatte die beiden mächtigen Artilleriepositionen der Fregatte fixiert und gab die Daten an die Torpedos weiter, während unzählige Salven aus Lasern, Partikelwaffen und Massebeschleunigern in die Frontschirme des Gespanns einschlugen. Frank hatte die schraubenförmige Bahn so gewählt, dass die schwere Artillerie oft auch ins Leere ging, da sie zu träge war, um den schnellen und chaotischen Bewegungen zu folgen.

Frank feuerte die beiden Torpedos in einer Entfernung von fünftausend Kilometern ab. Die Rotationsstarter luden sofort nach. Mit ungeheurer Wucht schlugen sie fast gleichzeitig in die Geschützbänke der Fregatte ein. Die Hellfiretürme feuerten pausenlos, um Schirme und Flak der Fregatte zu schwächen.

„Frontschirm bei fünfzig Prozent. Wir können das Feld nicht länger symmetrisch halten“, warnte Sabrina. Frank löste unbeeindruckt davon die nächste Salve von vier Torpedos aus und zog das schwerfällige Gespann weg. Dabei trafen die beiden Flaktürme auf dem Achterdeck der Fregatte genau und erschütterten die Hawk brutal. Die Energie fiel für zwei Sekunden aus. Dann fraßen sich die Explosionen der Torpedos in das Beyjakinschiff und die kleineren Glutbälle verschmolzen zu einem Inferno. Saborin und Tamirik kniffen die Augen zusammen, als erwarteten sie das gleiche Schicksal. Saborin ballte die Faust.

„Für all die Versklavten“, schrie er. Das riesige Schlachtschiff der Beyjakin zerbrach in der Mitte. Die Explosionsfront erwischte die Heckschirme des Gespanns und gab ihnen endgültig den Rest.

Die zweite Fregatte drehte auf sie ein und schoss aus allen Rohren. Sabrina feuerte zwei Torpedos auf den Gegner ab, während McGinney fieberhaft an der Stabilität der Frontalschirme arbeitete. Ein Torpedo wurde von der Beyjakinflak abgeschossen, der andere entließ seine verheerende Energie in den Schutzschild und überlud ihn.

„Wir halten das Dauerfeuer nicht mehr lange durch. Noch ein Treffer und wir sind geliefert. Ich habe hier überall rot, Frank!“, fluchte Sabrina, „lass’ uns bloß abhauen. Meinetwegen in das Asteroidenfeld.“

„Nein, die schießen uns da drin in Stücke. Such neue Sprungkoordinaten und mach alles klar für einen Ausweichsprung“, befahl Frank.

Die zweite Fregatte war im Visier. Die Hawk feuerte ein halbes Dutzend Torpedos in einem Fächer ab.

„Kampfdrohnen! Auf drei Uhr!“, schrie Leslie.

„Sabrina!“, brüllte Frank und wich einer neuen Salve aus.

„Ja, ja, verdammt! Ich habe es gleich!“

Die Photonentorpedos trafen die zweite Fregatte Mitschiffs. Ihre Geschütze verstummten augenblicklich. Aus ihrem Rumpf quoll eine Fontäne glühenden Gases, eine der beiden Antriebsektionen brach ab und explodierte mit einem riesigen nuklearen Feuerball. Während sich die schwer gebeutelten Schilde des Gespanns kurz erholten, klebte die erste Gruppe der gefährlichen Ralkaridrohnen am Heck des trägen Doppelschiffs und wieder prasselte das Dauerfeuer gnadenlos auf die Terraner ein.

„Zielsysteme ausgefallen“, alarmierte Sabrina, während Frank wortlos ihre Koordinaten übernahm.

„Jetzt! Sprung, Sprung!“, schrie Leslie. Komedor und die beiden Minnrhi hielten den Atem an. Frank kurbelte so gut es ging. Er konnte nicht vielen Geschossen ausweichen. Ein zweites Geschwader flog frontal auf sie zu und nahm sie in die Zange. Sie sahen die Geschütze im Dunkel des Alls aufleuchten. Im selben Augenblick schleuderte sie der Sprungantrieb endlich in den Hyperraum, zusammen mit einem Geschoß, das nur Bruchteile einer Sekunde später in das Verbindungsmodul des Gespanns einschlug. Der Hyperraumlichtblitz verschmolz mit der Detonation eines zweiten Projektils. McGinney fluchte lautstark, bevor das Interkom zusammenbrach. Im ganzen Schiff knirschte und ächzte berstendes Metall. Frank versuchte die heftige Taumelbewegung, die die beiden Treffer verursacht hatten zu kompensieren, aber das angeschlagene Verbindungsmodul quittierte unter der Überlast endgültig den Dienst. Das Gespann brach im Hyperraum auseinander. Hawk und Intruder kollidierten an den Flanken so heftig, dass Leslie, Saborin, Tamirik und Komedor durch den harten Schlag aus den Sitzen flogen und ohnmächtig wurden. Frank war wie Sabrina durch die brutalen Roll- und Taumelraten an der Belastungsgrenze. Ihre Sitze hielten sie fest. Sabrina verhinderte eine Katastrophe, indem sie instinktiv die Rotationsrate der Hawk um die Querachse erfasste und ihre Intruder durch knappe aber harte Steuerimpulse wegdrückte. Die Sekunden dehnten sich zur schieren Unendlichkeit bis der Hyperdrive schließlich abschaltete und die havarierten Schiffe in den Normalraum entließ.

„Sabrina?“

Endlose Sekunden vergingen, während sein Ruf verhallte. Frank erhielt keine Antwort. Dann fiel die Beleuchtung der Hawk aus.

„Sabrina, wie schwer hat es euch erwischt? Melde Dich endlich!“, funkte Frank, während er auf die Notbeleuchtung hoffte. Sie blieb aus.

„Moment“, bat sie leise und sichtlich angegriffen. Sie brauchte einige Augenblicke, um die letzten brutalen Manöver zu verdauen, bevor sie die Kataloge von Alarmen auf dem Monitor des Hauptsystems zu analysieren begann. Neben ihr rappelte sich McGinney benommen und schwer stöhnend aus seinem Sitz hoch.

„Mann, Mädchen, jetzt weiß ich wie sich ein Martini fühlt, wenn er geschüttelt wird. Sind Sie okay?“

Sabrina zuckte mit ihrem Mundwinkel und war dankbar, dass es offensichtlich niemand vermochte, McGinneys Humor weg zu schießen. Dann machte sich der Ingenieur ebenfalls an die Analyse der immer noch zunehmenden Fehlermeldungen und Systemalarme. In der Hawk kam Leslie als erste wieder zu sich. Sie hatte sich den Kopf an der Panelwand der oberen Cockpitverkleidung angeschlagen und blutete aus einer Platzwunde. Frank hatte alle Hände voll zu tun. Das bisschen Licht kam von den drei Monitoren vor ihm. Er prüfte Scanner und Navigation. Die Schilde und die Zielerfassung waren ausgefallen. Ein Teil der Waffen funktionierte noch, aber durch das zerstörte Verbindungsmodul hatten sie die meisten der zusätzlichen Energiespeicher verloren.

„Wie schlimm ist es“, fragte Leslie während sie sich den Nacken vor Schmerz rieb.

„Was wollen Sie zuerst?“, erwiderte Frank seufzend.

„Die Lebenserhaltung ist zwar weitgehend intakt, aber wir haben kaum noch Energie. Im Kabinenbereich backbord ist das Netz möglicherweise zerstört, der Bypass spricht nicht an, das Sekundärnetz arbeitet nicht. Das Hauptsystem und die Navigation haben einiges abbekommen. Der Unterlichtantrieb hat höchstens noch dreißig Prozent Kapazität. Die Schilde sind ausgefallen. Vom Rest schweigen wir mal.“

Sabrinas Gesicht erschien auf dem Intercomschirm. Die Übertragung war sichtlich gestört und fiel sekundenweise aus.

„Wir sind am Ende! Das war definitiv der letzte Sprung der Lady. McGinney meint, dass wir ohne Dock nicht mehr weit kommen. Der Kollaps des Verbindungsmoduls hat einige irreparable Schäden verursacht. Wir können die kleine Dockingschleuse nicht mehr benutzen. Durch die Kollision mit Euch wurden die Kuppel der Hauptnavigation abgerissen und die Hellfirekanone beschädigt. Wir haben steuerbord einen ziemlich großen Riss in der Primärstruktur. Die Treffereinwirkung beim Sprung hat uns erheblich vom Kurs abgebracht. Das ist erst mal die Kurzversion für die Admiralität.“, meldete Sabrina emotionslos, „wie sieht es bei Euch aus?“

„Miserabel. Die Drohnen haben uns ganz schön gerupft. Wir haben kaum noch Energie und das Netz im Kabinenbereich backbord ist hin. Der Treffer in das Verbindungsmodul hat die Primärstromkreise wahrscheinlich so überladen, dass sie in diesem Bereich durchgebrannt sind. Zielsysteme und Schilde sind ausgefallen“, erwiderte Frank. Saborin, Tamirik und Komedor regten sich langsam und kamen wieder zu Bewusstsein.

„Mit dem bisschen Energie, das uns noch bleibt ist ein weiterer Sprung auf jeden Fall unmöglich“, schloss Frank.

„Also sind wir wirklich am Ende?“, wiederholte sie fragend.

„Ja, Sabrina. Sieht ganz so aus.“

McGinney hatte mitgehört und schaltete sich zu.

„Commander, wenn der Kabinenbereich ohne Energie ist dann….“

Leslie beendete den Satz gemeinsam mit Frank.

„Dann zieht das Notprotokoll und die Türverriegelung ist automatisch aufgehoben. Harris und Keymar!“ Sie fuhr aus ihrem Sitz, zog ihre Waffe und stieg über den vor Schreck erstarrten Saborin, der alles mitbekommen hatte. Frank folgte ihr. Sie tasteten sich durch den dunklen Gang. Am Heckschott flackerte die Notbeleuchtung spärlich und tauchte den Verbindungsgang des terranischen Schiffes mit dem beißenden Rauch verbrannter Metalle und Kabel in ein surreales Licht. Sie erreichten die Kabine, in der sie Captain Harris und Keymar eingesperrt hatten. Die Tür war zu.

„Geben Sie mir Deckung“, sagte er zu Leslie während er sich gegen die Schiebetür stemmte und sie aufzog. Leslie war bereit zum Schuss, für den Fall dass Keymar oder Harris sie angriff, aber nichts tat sich im Dunkel der Kabine. Durch das kleine Kabinenfenster drang ein wenig fahles Sternenlicht vom Rand der Milchstraße. Frank ging vorsichtig hinein. Die Liegen waren verlassen. Leslie erschrak, als sie die am Boden liegenden Reste der Fesseln sah. Im selben Augenblick waren zwei dumpfe Klopfgeräusche zu hören, die wie Hammerschläge gegen eine Stahlhülle klangen. Frank kannte dieses Schnalzen, das von den Explosivbolzen der Heckschleuse stammte. Das Heckschott der Hawk flog taumelnd davon. Die mächtige Druckgaskartusche schleuderte nur Sekundenbruchteile später die Rettungsfähre über das kleine Katapult in den Raum. Frank hastete ins Cockpit zurück, Leslie folgte ihm genauso schnell und elektrisiert.

„Verdammt, sie fliehen mit dem Rettungsmodul. Dieser Dreckskerl Harris hat sich mit Keymar verbündet. Das gibt es doch nicht!“, fluchte Frank. Dann erschien Keymar auf dem Schirm.

„Bis bald und lauft mir nicht weg“, sagte er mit einem heiseren Lachen. Am Bildrand war Captain Harris zu erkennen, der die Rettungsfähre flog. Kurz darauf verschwand sie im Hyperraumlichtblitz. Zwar war die Reichweite des Rettungsmoduls nicht sehr groß, aber bis Mormatil reichte seine Kapazität allemal. Frank fühlte sich so mies wie nie zuvor. Selbst bei seiner Niederlage gegen Eva Johnson hatte er sich nicht so besiegt und geschlagen gefühlt.

Sie mussten tatenlos zusehen wie Keymar und Harris mit ihrer realen letzten Chance, dem Rettungsmodul, entkamen. Für eine Zeit lang herrschte betretenes Schweigen in beiden Cockpits. Komedor wusste nicht, was schlimmer war. Die Dunkelheit oder die bedrückende Stille.

„Das ist also unser Ende“, sagte Saborin niedergeschlagen. „Es wird nicht sehr lange dauern bis sie mit einer großen Streitmacht zurück sind, uns aufbringen und wieder nach Devil’s Kitchen verfrachten.“

„Nein, Saborin. Lebend bekommen sie uns nicht mehr. Zumindest diese eine letzte Option haben wir noch“, sagte Frank leise.

„Dann will ich die letzten Stunden mit Tamirik alleine verbringen“, erwiderte Saborin. Er erhob sich und zog Tamirik mit sich in den Gang. Sie verschwanden in der Kabine von Keymar und Harris. Frank ließ sie wortlos ziehen und wandte sich an Leslie.

„Wir sollten ein paar Reparaturen versuchen. Schalten wir alles Unwichtige aus, um Energie zu sparen.“

Sie nickte und schluckte trocken. Sabrina und McGinney hatten mitgehört.

„Ich habe einen Scan gemacht so gut es ging“, sagte Sabrina nüchtern und fuhr fort.

„Der Sprung hat uns an die andere Seite des großen Asteroidenfeldes geschleudert. Nicht so weit wie berechnet. Das kam durch die Explosion. Wir sind rechnerisch etwa fünf Millionen Kilometer im intergalaktischen Raum und haben zwei Möglichkeiten: erstens, wir lassen uns so lange wie möglich treiben. Dann zieht uns die Gravitation der Milchstraße ins Asteroidenfeld und wir kollidieren recht schnell mit einem der Felsbrocken, oder zweitens: wir verbraten den letzten Rest Antriebsenergie, schaffen es gerade noch ins Asteroidenfeld und knallen dann manövrierunfähig auf die Felsen. Welche Variante gefällt Dir besser?“ Frank ignorierte ihre Frage.

„Versucht zu reparieren was geht. Das ist momentan unsere einzige Chance. Ich lasse mir in der Zwischenzeit etwas einfallen.“

„Wenn uns die Beyjakin nicht vorher erwischen“, maulte McGinney im Hintergrund. Er wusste, dass auf ihn die meiste Arbeit zukommen würde. Dann kehrte eine gespenstische Ruhe ein. Frank erzeugte beim Hantieren mit der beschädigten Bordelektronik ein paar Kurzschlüsse, schaffte es aber irgendwie die Notbeleuchtung im Cockpit und im Vorderteil des Schiffes wieder flott zu bekommen.

„War es das?“

„Ich weiß es nicht, Colonel. Sieht jedenfalls nicht gut aus“, gab er zurück und vermied es, sie dabei anzusehen. Erst jetzt bemerkte Leslie ihre Wunde am Kopf. Sie zuckte vor Schmerz, wischte die blutbefleckte Handfläche an ihrer Jacke ab, verschwand ohne Worte aus dem Cockpit in die Lounge, um die Wunde zu versorgen. Komedor saß still und nachdenklich auf seinem Sitz. Er hatte sich wieder erholt.

„Ist die Selbstzerstörung wirklich ihre Absicht?“

„Wenn wir keine andere Wahl mehr haben, ja. Ich gehe nicht freiwillig auf den Gefängnisplaneten zurück. In diesem Punkt stimme ich mit den Minnrhi überein“, erwiderte Frank ruhig.

„Oftmals sind es kleine Dinge, die den Ausschlag geben. Unwesentlich erscheinende Kleinigkeiten an die man niemals denkt. Haben Sie ihre Kleinigkeiten schon überdacht?“ Komedor erhob sich langsam und drehte sich dem Gang zu.

„Was wollen Sie mir sagen, Komedor?“

Der Arsarianer ließ Frank ohne Antwort alleine im Cockpit zurück. Offenbar war der Gelehrte nicht weiter bereit zu diskutieren. Für einen Moment kam Frank der Gedanke, dass Komedor verärgert war. Er seufzte. Sabrina hatte mitgehört.

„Wir sind erledigt, Frank. Nichts kann uns helfen.

Ich bin jedenfalls mit meinem Latein am Ende. Ich habe mir viele Arten für das Ende vorgestellt. Im Kampf abgeschossen zu werden zum Beispiel, oder auf einem unwirtlichen Planeten abzustürzen, aber nicht im Niemandsraum wie Treibgut zu stranden und zu ersticken, zu erfrieren oder zu verhungern.“ Frank brachte keine Antwort hervor. Nach einigen nachdenklichen Augenblicken stemmte er sich aus dem Sitz, um nach Leslie zu sehen. Er fand sie in der Lounge. Sie reinigte ihre Wunde mit einem Verbandstreifen. Der Medo-Bot lag defekt am Boden. Die Havarie der beiden Schiffe hatte ihn aus seiner Verankerung gerissen und ihn gegen die Wand der Lounge geschleudert.

„Geht es?“

Sie nickte kaum merklich. Frank half ihr, drehte sie behutsam ins schwache Licht und desinfizierte die Wunde mit dem Spray, das sie ihm mit der anderen Hand gereicht hatte.

„Sieht schlimmer aus, als es ist. Glück gehabt.“

Er stellte das Desinfektionsmittel weg, griff das Verbandspray aus dem Erste Hilfe Kasten der Versorgungskonsole und versiegelte die Wunde mit drei Sprühimpulsen. Sie atmete hörbar aus und ließ sich auf die bequeme Sitzgruppe nieder.

„Danke. Ich spüre alle meine Knochen“, sagte sie angestrengt.

„Warum ruhen Sie sich nicht ein wenig aus? Wir können ohnehin nicht viel machen.“

„Wie geht es jetzt weiter“, fragte sie leise und unsicher. Frank wandte sich dem kleinen Fenster zu.

„Keine Ahnung“, sagte er resignierend. „Ich gebe es nicht gerne zu, aber im Moment habe ich keine Antwort. Egal was wir machen, die Beyjakin werden uns wohl vorher erwischen.“

„Ich will nicht sterben. Nicht so“, sagte sie eindringlich. Er nickte zermürbt.

„Mein Traum in Kindertagen war es immer ins All hinaus zu fliegen, die Sterne zu erforschen. Als Studenten träumten wir von großen Taten und davon wie wir uns friedlich neue Welten erschlossen, Planeten und Monde nutzbar für uns machten, und dass wir als Helden zurückkehren würden. Nun, der Traum hat sich erfüllt, aber jetzt ist nichts Heroisches mehr daran, die Romantik ist verflogen und der Preis ist hoch. So viele sinnlose Konflikte und jetzt kämpfen wir am Ende der Milchstraße ums Überleben und gegen einen Feind, der uns keine Chance lässt. Ich bin unendlich müde und habe den Kampf so satt.“ Frank machte eine Pause, atmete erschöpft aus und wandte sich Leslie zu, die ihn mit verständnisvollem Blick ansah.

„Wenn Sie nicht hinausgeflogen wären, hätten die Ralkari Sie auch erwischt, oder? Was macht das also für einen Unterschied? Wir sind so oder so besiegt“, erwiderte Leslie trocken. Frank nickte und entließ hörbar seinen Atem.

„Ich hasse es, wenn Sie Recht haben. Also an die Arbeit. Ich werde mal sehen, was wir reparieren können. Vielleicht schaffen wir es bis zum Asteroidenfeld“, schlug er vor. Dann trat er an den noch funktionierenden Speisenautomat, wählte einen Single Malt Whisky und hoffte, dass die Maschine kein Problem mit seiner Auswahl hatte. Der Inhalt des Bechers, den der Automat einige Augenblicke später ausgab, sah nach Single Malt aus und roch auch danach. Frank verließ mit dem Drink die Lounge und ließ sich müde in seinen Sitz fallen. Er nahm einen Schluck und schloss für einen Moment die Augen. Der Scotch wärmte angenehm beim Abgang und Frank genoss das leicht salzige Aroma mit Noten von Seetang und Meeresbrise. Er entspannte sich so gut es ging. Alle unwichtigen Systeme waren abgeschaltet, um Energie zu sparen. Stille kehrte ein. Das Amulett drückte gegen seine Brust. Er nahm es in die Hand und öffnete es, ohne, dass er seine Augen dazu aufschlug. In Gedanken sah Frank Ariana, während ihrer letzten gemeinsamen Momente vor sich. Sie hatte gegen das Wächterinsekt gekämpft und lag am Boden. Das Insekt holte zum finalen Stoß mit seinen Greifern aus. Dann war der Kontakt abgerissen. Schmerz überfiel ihn. Plötzlich fühlte er ein leichtes Kribbeln in seiner Hand. Energie floss vom Amulett zurück und verstärkte seine Gefühle und Empfindungen.

„Ich liebe Dich, Ariana. Wo immer Du jetzt bist“, sagte er leise. „Ich bedaure so sehr, dass wir nicht mehr Zeit miteinander verbringen konnten.“ Sein Gedankenbild verblasste von der einen Sekunde zur anderen auf eine merkwürdige Art, als akzeptiere das wertvolle Relikt solche tiefen Gefühle nicht. Frank wehrte sich nicht, obwohl es ihn störte und verletzte. Vielleicht wirkt die Isolation und die Aussichtslosigkeit hier draußen, das Verlorensein zwischen den Sternen, dachte er und leerte seinen Drink, den er in der anderen Hand hatte. Irgendetwas zog seine Gedanken weg von Ariana, tief in die Dunkelheit. Für einen Herzschlag lang kam Furcht in ihm auf, dann verschwand sie wieder. Finsternis lag vor ihm. Frank wagte nicht, die Augen zu öffnen und zwang sich zur Ruhe. Bewusst und ruhig atmete er, ließ seinen Geist weiter in die Schwärze hinab ziehen. Endlos war der Fall durch das Dunkel. Die Energie, die das Amulett abgab, umfloss seinen Körper, durchdrang schließlich jede Faser und jede Zelle seiner Existenz, trug ihn fort in die Unendlichkeit. Plötzlich sah er einen schwachen, gelblichen Schimmer vor sich. Frank hielt inne, atmete tief durch und gewann weiter an innerer Ruhe. Der Schimmer wurde heller, als wäre plötzlich eine Nebelwand verzogen. Er erkannte die Milchstraße. Ein riesiges Asteroidenfeld lag voraus. In weiter Ferne leuchtete Saleebah mit ihrem orangeroten Licht. Frank erkannte den größten Asteroiden, den Saborin als ihr Versteck beschrieben hatte, in der Sekunde, als ihn die Energie weiter in die Tiefe des Niemandsraumes zog. Im selben Moment trieb er plötzlich mit größer werdender Geschwindigkeit auf einen kleineren Asteroiden zu, der am äußeren Ende der Ausdehnung lag. Die Fahrt endete abrupt in geschätzten tausend Kilometern über der zerfurchten und mit Kratern übersäten Oberfläche. Er sah sich um und hoffte, dass er Zeit für einen Blick oder zwei mehr hatte, als zuvor. Der Asteroid war von mehreren kleinen Brocken umgeben. Das Licht von Saleebah warf die Schatten der kleineren Brocken auf die aschfahle Oberfläche des größeren und hüllte die ganze Szenerie in ein gespenstisches Licht. Sonst gab es keine Auffälligkeiten. Der Halo des galaktischen Zentrums dominierte den Hintergrund. Einige Kugelsternhaufen und die beiden magellanschen Wolken, kleine Nachbargalaxien der Milchstraße in der Nähe des südlichen Pols, hoben sich ab. Sogar der Tarantelnebel in der großen Magellanschen Wolke war als schwacher rötlicher Fleck wahrnehmbar. Frank drehte sich ein Stück und blickte in den Niemandsraum. Der gewaltige Andromedanebel, eine weitere Nachbargalaxie der Milchstraße, lag fast zum Greifen nah vor ihm, als Fleck, den er gerade noch mit zwei Händen verdecken konnte. Weitere Galaxien leuchteten überall, je nach ihrer Entfernung mehr oder weniger stark. Sie gehörten allerdings nicht mehr zur lokalen Gruppe. Unendlichkeit und Stille umgaben ihn. Er wünschte sich, immer hier bleiben zu können. Für drei Sekunden, oder Minuten, oder Stunden. Es war wie eine Ewigkeit. Plötzlich erfasste ihn Angst. Frank wusste nicht mehr, ob er atmete oder ob sein Herz noch schlug. Verzweifelt suchte er die Hawk in der Dunkelheit. Als hätte die Energie darauf gewartet, schleuderte sie Frank pfeilgerade vom beschatteten Asteroiden durch die Dunkelheit zurück. Frank schnappte hastig nach Luft, als würde er von einem viel zu lange dauernden Tauchgang ohne Pressluftflasche an die Wasseroberfläche zurückkehren. Nur einen Lidschlag später realisierte er, wo er war: im Cockpit der Hawk. Alles war unverändert. Er sah auf die Borduhr. Knappe zwei Minuten waren vergangen seit dem er das Amulett geöffnet hatte und doch kam es ihm wie eine Ewigkeit vor. Er brauchte noch einige Augenblicke, bis er sich über das Erlebte klar war und schließlich die Navigation auf seinen Hauptschirm holte. Der Scanner brachte die Asteroiden auf den Monitor und legte sie über die Projektion der Karte, die sie vor dem fatalen Sprung erzeugt hatten. Frank beugte sich vor. Die Asteroidenformation, über der er gerade geschwebt hatte, gab es tatsächlich. Warum hatte ihn das Amulett an diesen Ort geführt?

Die mächtige Raumfestung stand im Erde-Mond Lagrangepunkt L4. Ralathor blickte aus dem großen Fenster und sah Disthenes Schiff anfliegen. Auch Jonathan Flint hatte sich angekündigt. Bei Disthene war er richtig gespannt. Sie hatte die einst mächtigste Frau des Bündnisses, Thera Ish’dvar, die Regentin von Epsilon Arcturus 3, an Bord. Er würde ihr bald gegenüberstehen. Bei Flint konnte er dessen Erwartung ahnen. Der Verräter strebte sicher nach mehr Macht und weniger Ralkari-Einfluss. Nur das Wie interessierte ihn sehr und so würde Flints Auftritt bestimmt amüsant werden.

In einiger Entfernung stand Dädalus 1, einer der terranischen Orbitalstützpunkte. Er wurde während der kurzen Invasion schwer beschädigt. Unzählige Reparaturdrohnen waren mit der Bergung von Wrackteilen und dem Instandsetzen eigener Einheiten beschäftigt. Ralathor beabsichtigte, die lädierte terranische Station als Straflager ausbauen zu lassen. Er wandte sich zur Tür und marschierte mit kräftigen Schritten zum Landedeck, um Disthene zu empfangen. Dort blieb er an der Rampe stehen, als sie das Schiff verließ, gefolgt von zwei Ralkari, die den Paralysebehälter mit Thera auf einem Kraftfeld hinter ihr her schoben.

„Du hast es vollbracht“ sagte er voller Stolz, als er Theras anmutiges, aber blasses Gesicht hinter der Scheibe sah.

Disthenes Augen leuchteten erwartungsvoll.

„Wir werden den Dreier-Rat mehr als zufrieden stellen. In Kürze werde ich um eine Audienz bitten und Dich für eine Auszeichnung vorschlagen. Ein Platz in der Geschichte ist uns beiden sicher“, sagte Ralathor.

„Das werden die besten Spiele aller Zeiten. Nichts wird sie jemals übertreffen können. Ich bin gespannt wie der Kampf ausgehen wird, wenn die Regentin gegen ihren Mann und Ariana antritt. Bitte bereite sie gut vor.“

„Davon könnt Ihr ausgehen, mein Gebieter. Ich denke, dass sich die Regentin und Ariana fast ebenbürtig sind. Die anderen werde ich ausgewogen zusammenstellen. Ihr werdet es bald sehen“, erwiderte Disthene.

„Entschuldige mich jetzt. Flint erwartet mich. Ich werde dann später die Proben besuchen, wenn die Regentin bereit ist.“

Disthene verneigte sich und verließ mit ihrer Beute und den beiden Gehilfen das Landedeck. Ralathor sah ihr einen Moment nach und verschwand in Richtung seiner Lounge, wo er den Terraner empfangen wollte. Plötzlich summte sein Hyperraumkommunikator am Gelenk seiner mit Klauen bewehrten Hand. Einer seiner Adjudanten erschien in der kleinen Holoprojektion.

„Keymar, der Aufseher von Devil’s Kitchen hat sich gemeldet. Sie konnten während eines Gefechts entkommen.“

„Sie?“, fragte Ralathor verwundert.

„Keymar hatte die Hilfe eines Terraners. Offensichtlich ein Abtrünniger. Die beiden terranischen Schiffe wurden bei dem Gefecht schwer beschädigt. Allerdings haben die Beyjakin zwei Fregatten verloren. Welche Anweisung soll ich an Keymar durchgeben?“

„Bringt mir diese lästigen Terraner endlich! Egal was passiert“, bestimmte Ralathor knapp. Dann eilte er in seine Lounge.

Eine gute Stunde später erreichte Jonathan Flint die Raumfestung und wurde nach der Landung von zwei Ralkarisoldaten zu Ralathor eskortiert. Der Anführer der Echsenwesen saß in einem steinernen Wasserbecken mit drei weiblich wirkenden Ralkari, die ihn mit einer öligen Substanz einrieben. Die Posten verharrten ohne sichtliche Emotionen an der Tür und ließen Flint nicht eine Sekunde aus den Augen.

„Mister Flint? Was verschafft mir die Ehre“, sagte Ralathor gelangweilt.

Flint kam sofort zur Sache.

„Ich verlange, dass sich die Ralkari aus dem Sonnensystem und aus den Bündnissektoren zurückziehen.“ Ralathor schloss seine Augen und genoss das Öl in den Hautfalten seines Rückenkamms.

„Wir haben den Krieg nicht begonnen, um uns zurück zu ziehen. Da, wo wir kämpfen, bleiben wir auch. Wir werden von diesen Ressourcen hier sehr lange existieren können. Den Rest transportieren wir zu unserer Heimatwelt.“

„Nun, dann sehen wir uns gezwungen die Bündnissektoren mit Nometox-B zu überziehen“, erwiderte Flint tonlos. Jetzt öffnete Ralathor ein Auge, dessen Netzhaut gelblich schimmerte.

„Sie wissen, dass wir uns nicht drohen lassen. Nometox-B ist nicht schädlich für die Ralkari.“

„Nur wenn man mit dem Gegenmittel geimpft ist. Das ist soweit korrekt, Ralathor. Allerdings haben wir einen Weg gefunden, das Gegenmittel zu neutralisieren“, erklärte der Terraner. Es geschieht gerade in diesem Augenblick auf all ihren Einsatzbasen der Bündnissektoren.“

Ralathor beugte sich einige Zentimeter zurück und schloss sein Auge wieder.

„Ich glaube Ihnen nicht. Sie sollten sich davor hüten unsere Gunst zu verspielen.“

„Wir wollen weiterhin Ihre Gunst, aber nicht als Sklaven. Ich lasse Ihnen zum Beweis eine Probe hier“, erwiderte Flint trocken. Er nahm ein einfaches kleines und versiegeltes Glasgefäß mit einer braunen Substanz aus seiner Jackentasche und stellte es demonstrativ auf den Beckenrand.