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Die Erde ist mit mehreren benachbarten Welten in einem Handelsbündnis zusammengeschlossen. Wichtigster Partner ist Epsilon Arcturus 3, auch Meta genannt. Der Handel wird jedoch immer wieder durch mysteriöse Überfälle gefährdet. Im Schatten dieser Angriffe zieht Flint, der letzte Oligarch der Erde, die Fäden. Sein Ziel: den kompletten Zusammenbruch von Meta und des Bündnisses herbeizuführen, um die Macht seines Syndikats dauerhaft zu sichern. Als die metanische Regentin bei einem geheimen Flug entführt wird, eskaliert die Lage. Während die Feindseligkeit wächst, versucht Admiral Willard Jones, der neu ernannte Inspekteur der terranischen Raumflotte, verzweifelt, bei der Erdregierung Hilfe zu bekommen. Doch seine Bitten verhallen ungehört. Ihm bleibt eine letzte verzweifelte Option. Mit einer kleinen, handverlesenen Gruppe seiner besten Pilotinnen und Piloten startet Jones die riskante Operation Orions Schwert. Ihr Ziel: Befreiung der Regentin und Zerschlagung des Syndikats, um den drohenden Krieg abzuwenden. Aber Jones bester Mann, auf dem alle Hoffnungen ruhen, ist in Ungnade gefallen, strafversetzt und scheint kaum in der Lage zu sein, gegen das Syndikat zu kämpfen. Das Syndikat hat längst seine Züge gemacht. Weder Jones noch seine Crew ahnen: Eine tödliche Spezialistin ist bereits auf sie angesetzt. Das Netz um die Terraner zieht sich immer enger zusammen. Die Zeit für den Frieden läuft ab und die Falle schnappt zu. Spannender Auftakt zur Terran Starfleet Serie von Robert T. Sinclair. Bekannt aus vielen Lesungen in deutschen Planetarien, erscheint nun die Pilotfolge Orions Schwert in Neuauflage als Space Explorers Edition. Die Space Opera mit Fantasy Elementen und überraschenden Wendungen garantiert Kopfkino der besonderen Art.
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Seitenzahl: 389
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Vorwort
Epilog
Liebe Leserinnen und Leser,
Sie halten eine neue und komplett überarbeitete Auflage der Terran Starfleet Serie Episode 1 in den Händen. Nach mehr als 25 Jahren haben wir uns entschlossen, den ersten beiden Teilen der Serie einen Reboost zu geben. Immerhin liegen die Wurzeln im Jahr 1981 und Episode 1 „Orions Schwert“ kam schließlich im Jahr 1998 auf den Markt. Das gab uns als freie Autoren und Independent Series die Chance, die Episode facettenreicher und noch spannender zu machen. Dazu haben wir die Ur-Manuskripte der Serie aus den 1980er Jahren gesichtet und Elemente aus der Anfangszeit, als dieses „Universum“ entstand, wieder einfließen lassen. Diese Neuauflage als Space Explorers Edition ist mit der Essenz des ursprünglichen Storyboards der 1980er Jahre angereichert.
Nun aber rasch an Bord. Es ist höchste Zeit für die Zukunft. Wir starten. Beim Lesen und Träumen viel Spaß und herzlichen Dank für Ihre Treue.
Ihr Robert T. Sinclair
www.terran-starfleet.org
Besonderer Dank gilt meiner Frau Christa sowie Jacqueline und Kilian für die Hilfe beim Lektorat und für die Tipps beim Layout.
Den Starfield Voyagers Christian und Cliff für den Spaß rund um unsere gemeinsamen Auftritte.
Herzlichen Dank an David Moretto von Jollycat für die Gestaltung des Covers. Wenn wir es auf die Kinoleinwand schaffen, meine erste Wahl für das Design und die Digital Art.
In der Zukunft, irgendwo im Weltraum, weit außerhalb der Sicherheitszone um den Planeten Epsilon Arcturus 3: Jonathan Flint, der mächtigste Oligarch der Erde, fühlte sich sicher. Niemand konnte sein Gesicht erkennen. Er saß als einziger der siebenköpfigen Gruppe im abgedunkelten Teil des Raumes und doch spürte jeder die grimmige, unheimliche Kälte, die von ihm ausging. Gerüchten zufolge war er mehr als zweihundertfünfzig Jahre alt. Alle die seine ursprüngliche Identität kannten, lebten nicht mehr. Modernste, in vielen Welten noch unbekannte Medizintechnik, die sich nur ganz wenige Menschen leisten konnten, ermöglichte dies. Er erfüllte buchstäblich alle Klischees, die einen skrupellosen Oligarchen ausmachten. Sein System lebte von Angst, Terror und Unterwerfung. Flint war eine miese Ratte und spielte Gott. Er zog es vor aus dem Verborgenen heraus zu agieren. Im Raum hing eine ganze Serie mit Porträts der schlimmsten Diktatoren und Autokraten des 20. und 21. Jahrhunderts, die seine Vorbilder waren. Einige hatte er bereits übertroffen. Diejenigen, die seine Anweisungen ausführten, waren von ihm gekauft worden oder hatten durch ihre Position im Syndikat enorme Vorteile. Das Risiko aufzufliegen war gering. Unter dem Deckmantel eines Großkonzerns erstreckte sich ein weitverzweigtes und perfekt organisiertes Netzwerk von industriellen und politischen Strukturen, von globalen Konzernen mit Forschungsbereichen, ohne jede Ethik und Moral, jenseits der Vorstellung eines jeden anständigen und aufrichtigen Erdenbürgers. Das Syndikat hatte Regierungen in der Gewalt, kaufte und verkaufte sie. So entstanden abhängige Regime, durchweg von Despoten geführt. Sie wurden zerstört, wenn sie nicht mehr gefügig waren. Alle legten am Ende nur einer einzigen Person Rechenschaft ab: Flint, der einem Phantom gleich all das beherrschte und steuerte.
Der Oligarch lehnte sich langsam zurück, während der Sesselbezug aus synthetischem Leder knarzte, unwillig sich zu verformen. Er blickte reihum. An seiner Linken saß Thomas Ashborne, der den Rang eines Admirals bekleidete. Ihm unterstand der terranische Sicherheitsdienst. Neben dem korrupten Admiral langweilte sich Heather de Agostini, die nie ihr wahres Gesicht offenbarte. Ihr schwarzes Haar war nicht ihr eigenes und ihr Antlitz war hinter genügend Medoplast verborgen, das in jede beliebige Form gebracht werden konnte. Keine Gesichtserkennungssoftware konnte sie dadurch entlarven. Durch ihr weißes, sündhaft teures Seidenkostüm, wirkte sie teflonhaft und künstlich, was ihren inneren Wunsch nach Unschuld und einer sterilen „weißen Weste“ wiederspiegelte. Die schwarz lackierten Fingernägel ihrer linken Hand krallten sich in die Armstütze ihres Sessels. Ihre Rechte mit der Zigarette, deren graue Ascheraupe sich bisher hartnäckig geweigert hatte auf den Boden zu fallen, bewegte sich endlich auf den Aschenbecher vor ihr zu. Außer ihr selbst kannte nur Flint ihre Herkunft und die Funktion, die sie in ihrem Leben außerhalb des Syndikats innehatte. Der capellanische Mann neben ihr war Ras al Mahar. Mahar hatte in jedem größeren Geschäft auf Capella 2 seine zwölf Finger im Spiel. Er sah für einen Capellaner recht menschlich aus. Die markantesten Unterschiede waren seine bronzefarbene Haut, sein Knorpelkamm am Hinterkopf, der sich über den Rücken bis zu seinem Gesäß fortpflanzte und eben seine zwölf Finger. Er war mit einem dunklen umhangähnlichen Gewand bekleidet. Im Halbschatten, rechts neben Flint, lehnte ein muskulöser, hochgewachsener Mann mit kurzen blonden Haaren im Sessel. Seine eisigen Gesichtszüge wirkten distanziert, geradezu unmenschlich und schienen unfähig, ein Gefühl oder eine Stimmung zu zeigen. Im Gegensatz zu Heather de Agostini trug er aber keine Maske, wenngleich es so aussah. Der grobschlächtige Eisklotz war nur unter seinen Nachnamen Soerensen bekannt. Einzig Flint kannte die Wurzeln des blonden Riesen. Soerensen überragte alle anderen um mindestens einen Kopf und war komplett in Schwarz gekleidet. Er trug immer Handschuhe und Thomas Ashborne wusste, dass er für die speziellen Arbeiten zuständig war. Rechts von Soerensen saß Ziang Li Pang. Der etwa sechzig Jahre alte Mann war im Außenministerium tätig und kontrollierte die Prostitution im Syndikat. Er frönte dieser selbst und war dadurch manipulierbar. Genau genommen war er für die Gruppe in organisatorischen Dingen unbrauchbar, aber seine Informationen waren von größter Wichtigkeit, weil viele Verschlusssachen im Außenministerium über seinen Schreibtisch liefen. Und schließlich gab es noch Eva Johnson. Sie saß am Ende der Reihe neben Li Pang und war eine recht attraktive Frau Mitte fünfzig mit makellosem Gesicht. Meist trug sie ihre kurzen schwarzen Haare verspielt gelockt, nun aber streng glatt nach hinten gekämmt, ergänzt durch einen schlichten, sehr eleganten und teuren Kleidungsstil, was ihrer Person eine ausgesprochen aristokratische Erscheinung verlieh. Li Pang hatte ein Faible für sie. Eva Johnson nutzte diese Schwäche ohne Gnade aus. Li Pang war leicht unter Kontrolle zu halten denn sie war zäh, ehrgeizig und draufgängerisch. Rücksichtslos und brutal verfolgte sie ihre Ziele, was ihr den legendären und gefürchteten Ruf im Syndikat einbrachte. Jeder Unbedarfte würde hinter ihrer äußeren Erscheinung eine Frau von höchstem Format vermuten und nicht jemand, der über Leichen ging. Flint stand zwar auf sie, war sich aber sicher, dass sie ihn benutzte und an seinem Sturz arbeitete. Die, die es bislang versucht hatten, waren auf grausamste Weise exekutiert worden und einfach verschwunden. Evas Geschick und Skrupellosigkeit waren ihm jedoch ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen. Sie wurde ihm gefährlich, aber noch hielt er allein alle Trümpfe in der Hand. Flint atmete hörbar und sichtlich genervt aus.
„Es geht um ein Geschäftsvolumen von etwa 800 Milliarden terranischen Währungseinheiten. Ich habe es satt immer nur von Euren Fehlschlägen zu hören. Wieviel bezahle ich Euch jedes Jahr? Ein Vermögen für Eure Inkompetenz! Es ist mir egal, wie die Angelegenheit gelöst wird. Unsere Auftraggeber wollen endlich Ergebnisse sehen. Ich auch. Also bringt mir endlich die Resultate, die ich erwarte, sonst trenne ich mich von Euch.“ Er pausierte einen Lidschlag lang und hob seine Stimme drohend an.
„Wenn das wieder fehlschlägt, übernimmt Mr. Soerensen!“ Bedrücktes Schweigen folgte und kühlte die eisige Atmosphäre im Raum noch weiter ab. Eva Johnson drehte ihren Sessel etwas zur Seite, schlug die Beine übereinander und spielte demonstrativ gelassen mit dem Platinring an ihrem linken Ringfinger.
„John, ich bitte Dich. Der Plan, den ich ausgearbeitet habe, wird alle Schwierigkeiten dieser Mission restlos beseitigen“, sagte sie ruhig und selbstbewusst. Alle Augenpaare richteten sich plötzlich auf sie. Flint beugte seinen Oberkörper wieder zur Tischkante und faltete die Finger, die er jetzt in den erleuchteten Teil der blankpolierten Tischplatte aus schwarzem Onyx schob. Jeder konnte sein genervtes, schweres Atmen hören. Nur Eva Johnson und Soerensen kannten ihn. Niemand sonst. Er war für alle nur die Nummer Eins, das Phantom oder der Chef, aber Eva provozierte ihn regelmäßig indem sie ihn mit seinem Vornamen ansprach.
„Fahren Sie fort“, forderte Flint sichtlich gereizt.
Eva Johnson holte tief Luft, zog ihre kurze, schwarze, kragenlose Jacke zurecht und erhob sich selbstsicher und mit Stil, der erkennen ließ, dass sie die Nummer Zwei im Syndikat war und den Anspruch auf die Nummer Eins erhob. Flint bemerkte erneut, dass sie immer noch eine äußerst attraktive Frau war, während sie sich auf den Holoprojektor zubewegte. Normalerweise gab er sich solchen Gefühlen nur selten hin, ließ sich von seinen geschäftlichen Zielen niemals ablenken. Seine Auftraggeber erwarteten eine erfolgreiche Mission.
„Liebe Kollegin, liebe Kollegen, Sie werden feststellen, wie vollständig durchdacht und umfassend der Plan ist“, begann Eva Johnson, „er berücksichtigt alle Gegebenheiten. Wenn sich alle an die Vorgaben halten, wird nichts schief gehen.“ Sie schaltete den Projektor ein, zog einen Datenchip aus ihrer Jackentasche und legte ihn ein. Dann wandte sie sich wieder der Gruppe zu und fuhr mit der Darstellung ihres Plans fort.
„Sie alle kennen die derzeitige politische Situation auf Epsilon Arcturus 3, auch als Meta bekannt. Vor gut zwölf Standardjahren trat Meta dem Bündnis bei. Der Beitritt und die Öffnung nach außen wurden von der Regentin Thera Ish´dvar initiiert. Sie übernahm die Regentschaft von ihrer Mutter und gehört dem Ish´dvari Clan an. Davor gab es viele Machtwechsel, die durch kurze und blutige Fehden herbeigeführt wurden. Vor den Ish´dvari hatte Sari Kas´aar vom Kas´aari Clan die Macht. Dieser Clan hat uns gebeten, die Regierung von Meta zu stürzen und dafür zu sorgen, dass alle Änderungen im politischen System zurückgenommen werden. Wie Sie alle wissen hat die Regentin einen Senat eingeführt, der die Regierung unterstützt und von der Bevölkerung gewählt wird. Verschiedene Clans haben in der Vergangenheit versucht, den Senat unter ihre Kontrolle zu bekommen. All diese Versuche sind gescheitert. Dem Senat gehören fast nur Befürworter der politischen Reform an. Eine Infiltration und Beeinflussung des Senats würde sehr lange dauern, viele unserer Ressourcen binden und ein Erfolg wäre trotzdem nicht garantiert. Sie sehen also, dass diese Möglichkeit für uns ausscheidet.“ Eva Johnson pausierte, während sich die Darstellung auf der Projektionswand änderte. Jetzt zeigte sie die Regentin Thera Ish´dvar in einem Handgemenge.
„Leider hat die Regentin alle Attentatsversuche unbeschadet überstanden. Bisher waren es fünf und nach jedem Versuch stieg ihre Popularität. Für uns wäre es zwar einfach sie zu liquidieren, aber wir würden dadurch eine Märtyrerin schaffen und das hilft den Kas´aari kein bisschen. Alle Analysen zeigen, dass unsere einzige Chance darin besteht, die Regentin zu entführen und dauerhaft aus dem Verkehr zu ziehen. Wir werden sie und ihren Mann für eine lange Zeit verschwinden lassen, bis unsere Auftraggeber die Situation auf Meta unter Kontrolle haben. Unser Vorteil: fast kein Risiko.“
„Das halte ich für ein Märchen. Die Regentin ist so gut abgeschirmt, dass es uns unmöglich sein dürfte, sie zu entführen“, unterbrach Heather de Agostini, während sie ihre Zigarette im Aschenbecher ausdrückte. Eva Johnson hob drohend ihren Kopf, verlagerte ihren Stand, stemmte ihre Linke in die Hüfte und blickte de Agostini direkt in die Augen.
„In exakt drei Tagen gibt es eine Möglichkeit, die nicht wiederkehrt. Die Regentin wird, begleitet von ihrem Mann und einem Teil ihres Stabes, nach Capella 2 fliegen, um offiziell ein Handelsabkommen zu unterzeichnen. Das metanische Flaggschiff ist nur schlecht geschützt. Wir wissen, wo und wie wir zuschlagen müssen. Die Schiffspläne haben wir von unseren Auftraggebern erhalten und bereits ausgewertet.“
„Was ist mit der Eskorte“, fragte Flint tonlos.
„Die Eskorte wird dieses Mal nur aus zwei terranischen Schiffen bestehen“, erwiderte Thomas Ashborne und kam Eva Johnson zuvor. Sie konnte ihn nicht ausstehen und warf ihm einen bohrenden Blick zu, da er keine Gelegenheit ausließ, sich wichtig zu machen und sich bei Flint einzuschmeicheln.
„Wir entern das Flaggschiff, bringen die Regentin und ihren Mann in unsere Gewalt und zerstören es.“
„Was ist denn nun mit der Eskorte?“, wiederholte Ras el Mahar, „außerdem zählt die Besatzung des Flaggschiffes sicher mehr als fünfzig Soldaten.“
„Ein oder zwei lassen wir überleben, damit sie die Geschichte erzählen können. Alle anderen werden beseitigt“, fuhr Eva Johnson fort, „die anschließende Machtübernahme auf Meta ist dann Sache des Auftraggebers. Als Gegenleistung wurde uns ein abgelegenes Gebiet mit völliger Autonomie auf Meta zugesichert. Wir haben also sehr bald eine sichere Heimatbasis.“
„Können wir uns darauf verlassen?“, fragte Ashborne skeptisch. Eva nickte.
„Natürlich können wir das. Wir haben die Kas´aari in der Hand. Außerdem kontrollieren wir wichtige Teile des Import- und Exportgeschäftes und alle Handelswege, sobald sich die neue metanische Regierung aus dem Bündnis zurückzieht. Und der gesamte Waffenhandel obliegt ebenfalls unserer Kontrolle. Zusammen mit dem Schmuggel kommen wir auf ein Volumen von 800 bis 1000 Milliarden terranischen Währungseinheiten, das durchaus noch sehr viel höher ausfallen könnte“, erläuterte Eva.
„Ihr seht also, dass wir viel dabei gewinnen, aber es kommt noch besser: wie ich bereits sagte, geht es nur offiziell um ein Handelsabkommen. In Wahrheit wollen die Regierungen von Erde, Capella und Meta massiv gegen uns vorgehen. Das Eis auf dem wir stehen wird dünner und wir werden mehr und mehr unter Druck geraten. Der Plan ist die Lösung. Neben einem auf Jahre sicheren Stützpunkt machen wir mehr Geld, als wir je brauchen, und können so endlich neue Kräfte sammeln.“
Flint rümpfte sich die Nase und lehnte sich wieder zurück.
„Der Plan ist, von einigen Kleinigkeiten mal abgesehen, halbwegs akzeptabel. Ich meine die Eskorte. Wir müssen es schaffen, dass der Begleitschutz von metanischen Fliegern gestellt wird. Bei unserem Angriff werden wir terranische Waffen und terranische Uniformen verwenden. Ashborne, das werden Sie organisieren! Das wird den Konflikt anheizen und die Erdregierung noch weiter in Misskredit bringen. Der metanische Senat wird aufgrund der vorgefundenen Beweise und Aussagen von den wenigen Überlebenden nur eine Entscheidung treffen können: Abbruch der diplomatischen Beziehungen zur Erde.“
„Absolut brillant, John. Genau so soll das ablaufen“, pflichtete Eva Johnson bei. Ras al Mahar lehnte sich kopfschüttelnd in seinen Sessel zurück.
„Aber wie wird sich die terranische Flotte verhalten? Ich bezweifle, dass ein Flaggschiff mit solch wichtigen Persönlichkeiten nur von zwei Schiffen begleitet wird“, kritisierte er. Admiral Thomas Ashborne schluckte trocken. Alle Augenpaare waren auf ihn gerichtet.
„Ja, ja, es wird natürlich mehr Patrouillen geben, aber man will kein großes Aufsehen erregen. Bedenken Sie, dass nur wenige hochrangige Personen wissen, worum es bei diesem Treffen der Regierungschefs wirklich geht“, wiegelte er ab, „wir können also ganz sicher sein, dass wir ein leichtes Spiel haben.“
„Das hoffe ich für Sie. Meine Organisation hat sehr viel in das Gelingen dieses Plans investiert. Besser Sie enttäuschen meine Partner nicht“, erwiderte Mahar drohend.
„Haben Sie nicht noch wichtige Details vergessen?“, fragte Flint schroff. Eva Johnson drehte elegant auf ihrem hohen Metallabsatz und blickte in die Dunkelheit des Raumes, die den dort sitzenden Oligarchen umgab.
„Ach Sie meinen die wenigen Sekundärprobleme? Ja, die gibt es in der Tat. Mit denen werden wir aber fertig, denn ich habe sie in den Plan integriert. Wie Sie alle wissen hatten wir vor zwei Jahren einen Zusammenstoß mit dem terranischen Sicherheitsdienst, dem es gelungen war eine Agentin bei uns einzuschleusen. Ich habe sie zwar selbst liquidiert und wir konnten bei der Aktion beinahe unbehelligt zu unserem Stützpunkt zurückkehren, aber wir haben dabei leider einen fanatischen Gegner geschaffen.“ Eva Johnson zeigte auf die betreffende Person der dreidimensionalen Projektion.
„Der Lebenspartner der Agentin, ein Offizier der terranischen Flotte, war beauftragt den Zugriff der Behörde zu sichern, folgte uns und griff an. Bei dem kurzen Gefecht konnten wir sein Schiff so schwer beschädigen, dass er aufgeben und umkehren musste. Das Kriegsgericht hat den Offizier wegen seines eigenmächtigen Handelns für ein Jahr strafversetzt. Sein Name: Frank Dorn. Er schmort immer noch auf Merope 3, kommt aber in zwei Tagen frei. Wenn er von unserem Überfall hört, wird er sicherlich die richtigen Schlüsse ziehen. Er hat sehr gute Kontakte, denn er war mit dem Mann der metanischen Regentin zusammen auf der Akademie. Sie sind noch immer befreundet. Sicher wird er nichts unversucht lassen, seine Freunde zu befreien.“ Sie machte eine kurze Pause, da sie die Zweifel in der Gruppe regelrecht spürte. Soerensen zeigte mit einer eindeutigen Geste wie er solche Probleme zu lösen gedachte. Eva Johnson entgegnete mit einem kalten Lächeln.
„Damit diese Gefahr erst gar nicht eintritt, habe ich vorgesorgt. Wir werden den eifrigen jungen Mann bei seiner Jagd auf uns unterstützen. Ich habe eine Spezialistin aus der Randzone auf ihn angesetzt. Sie ist exzellent und wird ihn schnell und leise aus dem Verkehr ziehen und zu uns bringen.“ Sie machte erneut eine perfekt inszenierte Pause, richtete sich auf und seufzte mit einem eisigen Lächeln: „Zuerst wollte ich ihn beseitigen lassen, aber wir haben eine recht aufwendige und komplexe Analyse gemacht: warum so viel vorhandenes Hasspotenzial verschwenden? Wir verpassen ihm ein hübsches Implantat. Danach gehört er mir und wir können ihn einsetzen, wofür wir wollen.“
„Nein! Ich will kein Risiko eingehen. Soerensen soll ihn so schnell wie möglich ausschalten.“, befahl Jonathan Flint nach kurzem Zögern.
„Keine Sorge. Das wird nicht nötig sein. Bitte überlass das mir, John. Ich habe ein Faible für diesen naiven Kreuzritter und ich möchte wissen wie gut die Vorhersagemethode unserer künstlichen Intelligenz ist. Du kannst sicher sein, dass er uns aus der Hand frisst, wenn wir mit ihm fertig sind“, bat Eva.
„Nur solange unsere Mission dadurch nicht gefährdet ist“, drohte Flint.
„Aber ja, Du hast Recht. Wir werden gewinnen. Das verspreche ich Dir. Er wird meiner Spezialistin nicht entrinnen. Ich bin absolut sicher“, gab Eva Johnson beschwichtigend, aber selbstsicher zurück, „ich werde Ihnen allen jetzt noch einen Datenchip aushändigen. Er enthält genaue Instruktionen für jeden. Sie können die Information nur ein einziges Mal lesen, dann wird der Chip unbrauchbar. Das ist soweit alles. An die Arbeit. Wir haben nicht viel Zeit und wir können uns keine Fehler leisten.“
Eva Johnson ging zu ihrem Platz zurück und ließ die Mappe mit den Chips herumgehen. Jeder der Anwesenden entnahm einen dieser Speicherkristalle. Heather de Agostini drückte ihre neue, halb gerauchte Zigarette hastig wieder aus und stand gleichzeitig mit Mahar und Li Pang auf. Die drei verließen den dunklen Raum. Ihnen folgten Soerensen und Ashborne. Flint wartete bis sich die Tür wieder geschlossen hatte. Langsam erhob er sich aus dem Sessel und ging zu Eva Johnson, die geduldig durch die Panoramascheibe in den Weltraum blickte. Sie vermied es ihn direkt anzublicken, sondern sah in sein Spiegelbild.
„Ich will hoffen, dass Du diesen terranischen Offizier unter Kontrolle bekommst“, sagte Flint scharf.
„Keine Angst, John. Er wird ihr nicht widerstehen können. Sie wird leichtes Spiel mit ihm haben. Da bin ich mir absolut sicher. Ich bedaure nur, dass ich mir dieses Schauspiel nicht selbst mitansehen kann“, erwiderte Eva ruhig.
„Ich traue einer fremden Person nicht. Woher kommt sie? Ich habe bisher keine Informationen über sie bekommen.“
„Wir haben sie in der Randzone, ziemlich weit draußen, aufgegabelt. Unsere Vorräte waren aufgebraucht. Wir sind auf ihrer Heimatwelt, einem Planeten ohne Namen gelandet, blieben ein paar Tage und versuchten dort auch ein paar Söldner anzuwerben. Wir haben ein paar von ihnen umgebracht, aber leider hat sie das auch nicht motiviert. Wir haben definitiv den falschen Planeten ausgewählt. Alles friedliche Leute voller Angst, die in ziemlich chaotischen Kommunen leben. Kurz bevor wir den Planeten wieder verließen kam sie freiwillig in unser Lager und bat uns darum, sie mitzunehmen.“
„Das gefällt mir überhaupt nicht. Wie gründlich hast Du sie durchleuchtet?“
Eva Johnson begann innerlich zu kochen, verbarg es aber geschickt indem sie ihr kaltes Lächeln aufsetzte.
„Nun beruhige Dich endlich, John. Du weißt, dass ich niemandem über den Weg traue. Sie hat zwar alle unsere Tests bestanden, aber Rufus behält sie immer im Auge. Diese Frau hat wirklich eine Menge unglaublicher Talente, die uns bisher äußerst nützlich waren. Ich sage es noch einmal: wir haben alles unter Kontrolle. Nichts kann schiefgehen. Wenn Du willst, werde ich sie beim nächsten Treffen mitbringen. Sie wird dir gefallen“, erklärte Eva Johnson überzeugend. Flint blickte sie skeptisch aus den Augenwinkeln an und schüttelte den Kopf.
„Deinetwegen war uns damals der Sicherheitsdienst auf den Fersen. Du hast die Sache seinerzeit nicht konsequent gelöst. Hättest alle ohne großes Aufsehen verschwinden lassen sollen, nicht nur Jessica Allen. Jetzt steht viel mehr auf dem Spiel. Noch ein solcher Fehler und es wird Dein letzter sein. Dann wirst Du lautlos und allein im All treiben. Ich hoffe, das ist Dir klar!“, sagte Flint leise mit versteinerter Miene. Durch sein Drohen froren Evas Gesichtszüge ein und jetzt durchbohrte ihr Blick den Oligarchen wie eine Lanze aus Verachtung. Flint wandte sich von ihr ab.
„Soerensen wird sich für alle Fälle bereithalten. Ich fliege jetzt zurück und erwarte Deinen ausführlichen Rapport nach der Aktion.“
„Du wirst den Bericht bekommen, John. Wir werden in den kommenden Stunden unsere Position jenseits des metanischen Raumes beziehen. Wenn der Kontakt zum Bündnis abreißt, können wir schnell in sichere Raumsektoren ausweichen. Sorge Du nur dafür, dass die terranischen Waffen rechtzeitig eintreffen und Ashborne die metanische Eskorte organisiert“, erwiderte Eva. Sie schluckte den Groll auf Flint hinunter und brannte darauf, ihren Plan endlich in die Tat umzusetzen, als sich die Tür hinter dem Syndikatführer schloss. Eva aktivierte die Kommunikationskonsole und rief die Brücke.
„Steuerkontrolle, wir nehmen Kurs auf den nächsten metanischen Raumsektor. Schickt mir Rufus und diese Amazone in den Konferenzraum.“
Sie gönnte sich eine der überlangen, unverschämt teuren, arkturianischen Zigaretten und brauchte nicht lange zu warten. Rufus Ball, auch der Schlächter genannt, trat mit der Frau aus der Randzone ein. Sie trug eine leichte, rote Fliegerkombi, die eng an ihrem Körper anlag und mit einem netzartigen Metallgeflecht überzogen war; das Haar hochgesteckt. Rufus hatte bereits einen gepanzerten Wüstenanzug angelegt.
„Rufus, es geht los. Der Plan hat wie erwartet die Zustimmung der Führung gefunden. Ihr fliegt sofort los. Alles läuft wie abgesprochen. Ich will den Offizier lebend und in gesundem Zustand hier sehen. Hast Du das kapiert, Gipsy?“ Rufus hasste es wie die Pest, wenn sie ihn Gipsy nannte, denn diese Verniedlichung deutete auf seine kriminelle Jugend als Terrorist und Auftragsmörder hin, in der sie ihn kennengelernt und angeworben hatte. Sein sadistisches und brutales Naturell hatte in ihr seine Meisterin gefunden. Wann immer Eva ihn so nannte, wusste er, dass sie keine Interpretation ihrer Befehle gab.
„Geht klar, Boss. Ich halte es aber für Zeitverschwendung. Wir sollten ihn umlegen. Das wäre besser für uns. Ich will ihn zerquetschen, aber keine Sorge: ich werde ihn nicht umbringen.“ Eva blickte ihn eisig an und blies ihm den Rauch ins Gesicht.
„Danach fliegst Du von dort aus weiter und führst den Angriff auf das Flaggschiff. Terranische Torpedos bekommt Ihr wie abgesprochen beim geplanten Übergabepunkt. Sorgt dafür, dass die richtigen überleben“, befahl Eva Johnson.
„Verstanden, Boss“, erwiderte Rufus.
Eva Johnson wandte sich an die Frau.
„Nun zu Ihrer Aufgabe, Ariana: Sie werden sich um den Offizier kümmern. Ich überlasse es Ihnen, wann und wo Sie die Falle zuschnappen lassen. Es ist nur wichtig, dass er Ihnen vertraut, aber unterschätzen Sie ihn nicht. Ziehen Sie ihn dann aus dem Verkehr. Keine Fehler! Verstanden?“ Die junge Frau verzog keine Miene und nickte knapp.
„Zwei Jagdmaschinen werden zu Ihrem Schutz immer in Ihrer Nähe sein. Greifen Sie mit unserem vereinbarten Signal darauf zurück, wenn es notwendig sein sollte. Wir haben nur diese eine Chance. Einen Fehlschlag können wir uns nicht leisten. Ich hoffe, das ist Euch klar.“
„Verstanden“, erwiderte die Frau aus der Randzone leidenschaftslos.
„Dann los! Holt sie Euch“, befahl Eva Johnson fanatisch.
Während die beiden den Raum verließen, drehte sie sich wieder dem Panoramafenster zu, zog genussvoll an ihrer Zigarette und durchdachte weiter ihre nächsten Schachzüge.
Gedankenverloren blickte Colonel Leslie Draper auf die leuchtende, blauweiße Erdkugel, die wie ein facettenreicher Diamant auf schwarzem Samt vor ihr lag. Sie lehnte sich zurück, verschränkte ihre Arme, und ließ mit geschlossenen Augen die letzten beiden Wochen in ihren Gedanken Revue passieren: Urlaub auf Hawaii. Einen kurzen Moment lang glaubte sie den salzigen Geruch des Meeres und der schäumenden Gischt zu riechen und den Wind zu spüren.
Die brünette, zierliche 35-jährige Frau war eine der jüngsten Stabsoffiziere der terranischen Raumflotte. Vor dem Urlaub hatte sie ihren letzten Lehrgang absolviert und sich für den Posten auf Hawaii beworben. Im Planungsstab war eine Stelle frei geworden und man hatte ihr von höchster Stelle versichert, dass sie diese erhalten würde. Sie verfügte über ein großes Netzwerk im Stab und war daher zuversichtlich. Insgeheim hatte sie sich schon darauf gefreut, nach dem Dienst eine Runde mit dem Surfbrett drehen zu können. Aber das Ministerium hatte ihre Hoffnungen zunichte gemacht. Aufgrund ihrer guten Leistungen auf der Akademie versetzte man sie kurzerhand dorthin, wo sie absolut nicht sein wollte: in den Weltraum.
Die Erde verschwand langsam aus dem Blickfeld ihres Fensters. Die Raumstation Dädalus 2 stand langsam rotierend im Librationspunkt L4 zwischen Erde und Mond. Leslie Draper kommandierte hier das fünfte Aufklärungsgeschwader. Sie hegte zwar immer noch Groll gegen die Admiräle, die sie mit ihren fadenscheinigen Begründungen auf diesen gigantischen Raumstützpunkt versetzt hatten, aber sie konnte nichts dagegen tun. Leslie beschloss, trotzdem gute Arbeit zu leisten. Sie hoffte auf eine schnellere Beförderung, um so bald wie möglich wieder von diesem Ort wegzukommen. Die Ingenieure hatten sich zwar sehr viel Mühe mit den Freizeiteinrichtungen der Station gemacht, aber reale Wellen, Wasser, Wind und Surfbrett konnte einfach nichts ersetzen.
Dennoch war die mächtige Raumstation eine technologische Meisterleistung, die wie ein überdimensionales Speichenrad am pechschwarzen Himmel hing. Der spindelförmige Zentralkörper enthielt die Reaktoren zur Energieversorgung, die Werkstätten und Lager und die Lebenserhaltungssysteme. Die vier Speichen gewährleisteten die Verbindung zum großen äußeren Rad. Dieser Torus beherbergte die Mannschaftsquartiere, die Bars, Läden, eine Einkaufsmeile mit Restaurants und die Logistikzentren. Auf dem Torus waren in jeweils gleichem Abstand vier riesige Kugeln verschnitten. Darin befanden sich die Hangardecks und die Startanlagen. Acht Raumfluggeschwader samt Besatzungen, Wartungspersonal, Logistik und Verwaltung mit einer Stärke von über fünftausend Personen waren hier ständig stationiert. Die Teile von Dädalus und den anderen Raumstationen waren auf dem Mond hergestellt und von dort aus in den Raum gebracht und montiert worden. Die Erde verfügte außer Dädalus 2 noch über andere Raumbasen. Dädalus 1 stand im Librationspunkt L5. Auf dem Mond befanden sich drei große Städte mit einer Bevölkerung von mehreren zehntausend Menschen. Die Marskolonie zählte fast eine Million Einwohner. Auf den Jupitermonden Ganymed und Triton lagen Forschungsstationen. Im äußeren Sonnensystem bildete eine Vielzahl von Raumrelais und Messplattformen das Netzwerk für Navigation und Kommunikation der Flotte und der einzelnen Basen. Zwölf Jahre zuvor hatte die Erde zusammen mit fünf benachbarten Sonnensystemen ein Handelsbündnis gegründet. Diplomatische Korps waren um gute Beziehungen zu den jeweiligen Regierungen bemüht. Heerscharen von Ingenieuren, Technikern, Offizieren, Personal und auch Touristen pendelten zwischen den Systemen und sorgten so für einen regen Technologietransfer und Kulturaustausch.
Die Erde verfügte über die größte Raumflotte im Bündnis. Besonders gute Beziehungen pflegte Terra mit Epsilon Arcturus 3 auch Meta genannt und Capella 2. Die Nachbarwelten Atair 5 und Wega Prime waren die jüngsten Mitglieder.
Alles ging seinen gewohnten Gang an diesem Augusttag.
Leslie Draper hatte buchstäblich nichts zu tun. Ihr dritter Tag brach auf Dädalus an. Schreibtisch und Postfächer waren bis auf die automatische Willkommensnachricht der Personalabteilung leergefegt und die drei Akten in ihrem kleinen Holotablet kannte sie seit vorgestern in- und auswendig. Die ihr unterstellten Leute gingen ihrer Arbeit nach und ihr Vorgänger hatte wirklich alles in korrekter Ordnung hinterlassen. Sie wollte sich gerade wieder den Gedanken an das Surfen hingeben als das Intercom summte.
„Draper, was gibt es denn?“
“Doktor Courtland ist hier, Madam“, meldete die Assistentin von Colonel Draper aus dem Vorzimmer.
„Sie möchte bitte hereinkommen“, erwiderte Leslie. Gleich darauf trat Doktor Elena Courtland ein. Sie sorgte für die psychologische Betreuung der Dädalus-Besatzung. „Guten Morgen, Doktor. Was führt Sie zu mir?“ Leslie bat sie mit einer Geste auf der bequemen Sitzecke am Fenster Platz zu nehmen.
„Morgen, Colonel. Ich werde ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen.“ Leslie Draper winkte ab.
„Worum geht es denn?“
„Haben Sie den Sondervermerk zur Akte Frank Dorn gelesen, den ich Ihnen geschickt habe?“ Leslie nickte.
„Über einen der neuen Piloten, den wir kriegen? Ja, das habe ich. Ihr Gutachten ist ziemlich vernichtend.“
„Ich habe gute Gründe, Colonel. Dieser Pilot ist verrückt und ein potentieller Selbstmörder. Ein Überbleibsel aus dem Future Sky Programm. Wir können es nicht verantworten, ihn je wieder fliegen zu lassen. Ich bitte Sie dringend, das Gesuch abzulehnen. Sie würden uns dadurch eine Menge Ärger ersparen“, riet Elena Courtland.
Leslie Draper griff nach ihrem Holotablet, welches die Akte vor ihr gestochen scharf in den Raum projizierte. Ihre Augen wanderten mehr gelangweilt über die Seiten, deren Inhalt sie längst kannte.
„Hm, das Future Sky Programm sagt mir leider nichts“, bemerkte Leslie.
„Das war ein Sonderprogramm. Es begann vor mehr als fünfzehn Jahren, um talentierte Piloten und andere Spezialisten für die Flotte zu gewinnen. Wir haben außer Dorn noch ein paar von diesen Sauriern hier auf der Station. Alles Chaoten und wahnsinnige Freaks. Die Regierung hat das Programm auf Druck der Medien nach einem Jahrgang aber wieder gestrichen, weil der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen stand. Leider sind alle Akten dazu unter Verschluss. Ich bin ziemlich sicher, dass eine ganze Generation von Psychologen darüber promovieren könnte, wenn die Regierung endlich die Akten freigeben würde“, erklärte Elena Courtland.
„Ah, ich verstehe“, erwiderte Leslie, “prinzipiell stimme ich mit Ihnen überein. Mir ist der Kandidat sehr unsympathisch und ich hätte ihn sofort abgelehnt, aber dummerweise ist dem Gesuch noch ein handschriftlicher Befehl von Admiral Jones beigefügt und der lässt mir keine Wahl. Wir müssen den Commander wieder in das Geschwader aufnehmen.“ Sie zeigte mit dem Finger auf die Notiz am Rand der Projektion.
Fassungslos las Elena Courtland die Zeilen des Admirals und schüttelte den Kopf.
„Das darf doch wohl nicht wahr sein. Wie hat er das nur geschafft? Ich kann es nicht glauben. Wieso steht der Admiral hinter solchen Psychopaten? Der Typ ist doch komplett durchgeknallt und gar nicht mehr therapierbar. Sehen Sie sich nur mal seine Liste mit den Vorschriftsüber tretungen an. Wir müssen einen Weg finden, ihn abzulehnen.“
Leslie schloss das Hologramm wieder und legte den kleinen Projektor beiseite.
„Unbestritten, er hat einige herausragende Auszeichnungen, aber die schlechten Seiten überwiegen eindeutig. Selten habe ich so viele Dienstvergehen auf einem Haufen gesehen. Dieser Mister Dorn hat ganz offensichtlich eine Vorliebe für halsbrecherische Sonderveranstaltungen und zeigt besonderen Ehrgeiz beim Interpretieren von Befehlen, wenn wir einmal von Ihrem Bericht absehen. Wir sind eine saubere Einheit. Strafversetzte kann ich in meinem Geschwader nicht gebrauchen.“
„Erinnern Sie mich nicht daran“, erwiderte Elena Courtland, „der Kerl hat sich mit dem Syndikat angelegt und, soweit ich weiß, eine geheime Operation vermasselt. Er ist damals völlig ausgerastet. Ich kann Sie nur noch einmal dringend bitten, den Mann abzulehnen.“
„Ich bedaure, Doktor. Der Befehl des Admirals ist eindeutig. Aber es gibt vielleicht einen anderen Weg: wir könnten einen Einstellungstest durchführen. Das ist nach einer so langen Strafversetzung völlig legal. Außerdem benötigt der Commander ohnehin eine neue psychologische Beurteilung. Beides ist nach der Vorschrift ausdrücklich angezeigt. Wenn er beides besteht, wird er meiner Staffel zugeteilt. Und dann ist er beim geringsten Ausrutscher fällig. Ich dulde weder Disziplinlosigkeit noch Vorschriftsverletzungen. Soviel versichere ich Ihnen. Das psychologische Gutachten ist Ihre Sache, eine Kündigung bei Nichteignung dann nur eine Formalität.“
Elena Courtland nickte erleichtert.
„Mit anderen Worten: wir kriegen ihn diesmal raus, wenn er Mist baut. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben. Vielen Dank, Colonel.“ Sie erhob sich.
„Keine Ursache, Doktor. Ich benachrichtige Sie, sobald der Commander hier eintrifft.“ Leslie erhob sich und drückte ihr die Hand zum Abschied.
Als sich die Tür hinter Elena Courtland geschlossen hatte, betätigte Leslie die Sprechtaste zum Vorzimmer.
„Informieren Sie die Flugkontrolle und den Offizier vom Dienst, dass sich Commander Dorn sofort nach seiner Ankunft bei mir zu melden hat.“
„Ja, Colonel, geht klar“, erwiderte die Assistentin.
Colonel Draper griff nach dem Holo-Terminal an ihrem Schreibtisch und klappte es auf. Sie überlegte kurz und entschied sich anders. Eigentlich wollte sie den Statusbericht über ihr Geschwader abrufen, aber jetzt wählte sie einen Rundgang. Es konnte nicht schaden, ihren Leuten etwas auf die Finger zu sehen und Präsenz zu zeigen. Vielleicht gab es ja auch ein paar Probleme, mit deren Lösung sie sich die Zeit vertreiben konnte. Ihr Arbeitspensum würde sich in den nächsten Wochen gewaltig steigern. Dessen war sie sich sicher, aber sie hatte keine Lust so lange zu warten. Sie erhob sich, zog ihre Uniformjacke straff und ging schnellen Schritts aus ihrem Büro.
„Ich bin auf den Hangardecks. Danach gehe ich frühstücken. Kann eine Weile dauern“, sagte sie zu Ihrer Ordonanz im Vorzimmer.
„Ist gut, Colonel. Ich rufe Sie über das Intercom aus, wenn Sie hier gebraucht werden“, erwiderte sie.
Chefingenieur James McGinney hatte alle Hände voll zu tun. Zur gleichen Zeit wie Leslie Draper war eine fabrikneue Hawk 6 angekommen. Leslies erster Befehl an McGinney und seinen Trupp war die Eingangsprüfung der Maschine. Dann sollte sie einsatzbereit gemacht werden. Leslies Anordnung passte ihm ganz und gar nicht, denn es gab laut Wartungsplänen noch genug andere Maschinen, die an der Reihe waren. Jetzt brummte sein Team Überstunden. Auf dem Wartungsdeck sah es aus wie nach einem Orkan. Überall lagen Werkzeuge, Vorrichtungen und ganze Stapel verschiedener Baugruppen herum, die der Hawk entnommen worden waren. Die Prüfung und Abnahme von Prototypen verlief immer hektisch, aber McGinney hatte noch alles unter Kontrolle. Das irische Gemüt des sechzigjährigen Ingenieurs konnte alles verkraften bis auf zwei Dinge. Das waren stumpfe, bürokratisch-akademische Heißlufterzeuger und Besserwisser wie Leslie Draper und nichts zu Rauchen. Seine Gruppe vermisste den alten Kommandeur am meisten. Admiral Willard Jones war vor zwei Wochen überraschend zum Generalinspekteur berufen und ins Hauptquartier auf der Erde versetzt worden. An seine Stelle war Leslie Draper getreten. All dies geschah im Zuge der Flottenumstrukturierung, die McGinney für den größten Schwachsinn aller Zeiten hielt. Sie waren elf Tage ohne vorgesetzten Offizier, aber die Arbeit lief trotzdem glänzend. Niemand hielt sich mit überflüssigen Bestimmungen auf. Seit sie das Kommando hatte, dauerten alle Arbeiten doppelt so lang, nichts klappte mehr und der Druck wuchs ständig. Die Zahl der Meetings hatte sich durch die kontrollsüchtige Leslie Draper verdreifacht. Der Job machte keinen Spaß mehr. Augenmaß war nicht mehr erwünscht. Stattdessen wuchs die Blindleistung durch die Bürokratie. Vorschriften und Haftungsfragen waren jetzt allgegenwärtig. Alles musste peinlich genau abgehakt, bestätigt und dokumentiert und gefühlt zwanzigfach abgesichert werden. McGinney und seine Leute waren frustriert und mit den Nerven am Ende. Es war offensichtlich, dass die neue Kommandeurin keine technische und praktische Erfahrung mitbrachte. Sie redete überall mit, wusste alles besser und manifestierte sich als das wandelnde Diensthandbuch mit einer Arroganz, die nicht mehr zu überbieten war. Rolf Hansen, einer der Techniker bemerkte ihr Kommen.
„Achtung Chefin im Anflug“, flüsterte er McGinney im Vorbeigehen zu. Dieser hustete spontan den Rauch seiner Zigarre heraus.
„Mist, die fehlt mir heute noch. Wir sind sowieso schon in Verzug.“
„Morgen Leute“, grüßte sie knapp.
„Ah, guten Morgen, Colonel“, sagte Jim McGinney und blies ihr eine beißend bläuliche Rauchwolke entgegen.
„Wie kommen Sie voran“, fragte sie gespielt unbeeindruckt von McGinneys Qualmpilz.
Der Ingenieur sah auf seinen ölverschmierten Monitor, der die Checkliste wiedergab.
„Madam, geben Sie mir die drei Tage. Dann haben wir den Vogel einsatzbereit, inklusive aller notwendigen Tests“, erwiderte er genervt und behielt seine Havannaimitation dabei im Mund.
„Das können Sie gleich vergessen. Wir bekommen ab morgen drei neue Piloten. Ich brauche also morgen früh um neun Uhr Lokalzeit die Maschine. Ich hoffe, ich war deutlich genug“, antwortete Leslie.
„Das meinen Sie doch nicht ernst, Madam? Wenn wir Glück haben, schaffen wir bis morgen gerade die Hälfte der Checkliste.“
„Sie haben Zeit bis morgen früh um neun. Das ist ein Befehl. Und das Rauchen ist verboten!“
„Da werden wir aber kaum alle Vorschriften einhalten können“, erwiderte der Chefingenieur mit geballter Faust in der Tasche.
“Ich erwarte von Ihnen die korrekte und vorschriftsgemäße Ausführung meiner Befehle, Sergeant Major“, erwiderte sie entschlossen. Verärgert warf McGinney sein Diagnoseinterface auf den Tisch.
„Wir versuchen unser Möglichstes, Madam.“
Leslie Draper wandte sich ab und verließ das Wartungsdeck wieder, während der Chefingenieur lautstark vor sich hin fluchte. Leslie hatte bemerkt, dass sie McGinney und seine Leute nur gestört hatte und gänzlich unerwünscht gewesen war. Weil ihr Geschwader momentan auch die Flugbereitschaft stellte, beschloss sie, als nächstes zum Startdeck zu gehen, um auch dort nach dem Rechten zu sehen. Zu ihrer Enttäuschung gab es keine Probleme. Alle kamen bestens ohne sie zurecht und so war sie bereits nach drei Minuten wieder fertig. Irgendwie fühlte sie sich noch nutzloser und überflüssiger als zuvor. Frustriert machte sich Leslie auf den Weg zur Kantine. Vielleicht vermochte ein kräftiges Frühstück den verdorbenen Vormittag zu retten.
Der heiße Wüstenwind von Merope 3 fegte unbarmherzig über die Einöde und erzeugte einige Staubteufel, die sich über dem betonharten und mit Rissen übersäten Boden in die Höhe schraubten. Der ganze unwirtliche Planet bestand mehr oder weniger aus einer großen Wüste. Nur an einigen geschützten Stellen und in den wenigen Oasen wuchs eine spärliche Vegetation. Der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre war drei Prozent niedriger als auf der Erde. Er nahm von Jahr zu Jahr ab, da die Wälder von Merope 3 längst der Vergangenheit angehörten. Die Umlaufbahn des Planeten war durch einen relativ nahen Stern des Plejadenhaufens instabil geworden. Merope 3 geriet in solchen Perioden näher an seine eigene Sonne heran. Dadurch war der Planet verödet. Durch die instabile Umlaufbahn wirkten gewaltige Gezeitenkräfte, die starke planetenweite Beben auslösten. Dennoch war der Himmelskörper für das Bündnis äußerst wichtig. Es gab hier im Vergleich zu anderen Planeten große Vorkommen an seltenen Erzen und Mineralien. Die Rohstoffe wurden von einer capellanischen und einer irdischen Gesellschaft abgebaut und direkt verhüttet. Riesige Transportschiffe flogen die gewonnenen Metalle und Rohstoffe zur Weiterverarbeitung auf die verschiedenen Bündniswelten. Als Arbeitskräfte dienten Strafgefangene. Merope 3 beherbergte einen zusammengewürfelten Haufen Abschaum aus allen Ecken der Galaxis. Der Planet war weitgehend unerforscht. Die Minengesellschaften hatten nur Geld für die Erschließung der Erzvorkommen und deren Ausbeutung investiert. Jede Woche kamen neue Strafgefangene. Die Menschen, die hier arbeiteten, waren entbehrlich und die wenigsten erlebten das Ende ihrer Haft. Überall mischte und verdiente das Syndikat mit, entschied über Sklaverei oder Tod.
Die mächtigen Tore des Walzwerkgeländes öffneten sich fürchterlich quietschend. Steine flogen und trafen den Mann. Am Tor hatte sich ein Spalier von Häftlingen gebildet, die mit Stöcken und Metallstangen bewaffnet, darauf warteten, ihm vor dem Passieren den Rest zu geben. Der Wachposten entfernte das Überwachungsimplantat unter der Haut am Nacken des Mannes nicht gerade behutsam und ließ ihn passieren. Commander Frank Dorn hatte diesen Tag herbeigesehnt. Seine einjährige Strafversetzung war endlich vorbei. Die letzte Hürde war das Tor. Er holte tief Luft, nutzte seinen Rucksack als Schild, griff einen Stein vom Boden auf und rannte los. Sein Wurf traf den Gegner mit der Eisenstange. Der Schläger fiel um und riss einen anderen mit. Die Peiniger grölten voller Blutdurst und Zorn, lösten das Spalier auf und wollten ihn einkreisen. Frank schützte sich mit dem Rucksack vor den Schlägen, aber es waren zu viele. Er schlug einen Haken, und rutschte unter zwei der Gegner durch, brachte sie dabei zu Fall, rollte ab, kam auf die Beine und rannte um sein Leben. Das Tor schloss sich gleichzeitig. Mit dem letzten Atemzug schaffte er es durch die letzten sechzig Zentimeter Öffnung. Der dumpfe, metallische Klang gestattete ihm ein Aufatmen. Endlich war er wieder frei, nahm die Beine in die Hand und ließ das Tor schnell hinter sich. Frank marschierte auf der einzigen Straße nach Norden, welche Hüttenwerk und das Straflager mit einem kleinen, etwa vier Kilometer entfernten Raumfrachthafen verband. Der nächste Frachter war für den Nachmittag angemeldet. Die Gefängnisleitung hatte ihm verboten, die Containerbahn zu benutzen, die neben der Straße entlangführte. Mit ihr wurden die schweren Frachtcontainer zum Verladepunkt am Landeplatz gefahren. Ein letzter Versuch, ihn für seine Unbeugsamkeit zu bestrafen. Ein ganzes Jahr hatte er in den Minen geschuftet. Sein täglicher Knochenjob dauerte zwölf Stunden, oft länger. Frank hatte die Worte seines unmotivierten Pflichtverteidigers noch im Ohr. Er werde das Jahr ganz locker auf einer Backe absitzen. Einfache Arbeit. Nur volle Frachtcontainer in die Umlaufbahn fliegen und die leeren wieder zurück, hatte er ihm im Schnellverfahren gesagt. Betrug oder Unwissen: das Gegenteil war der Fall. Längst hatten die Gesellschaften den Transport automatisiert. Nur eines war kein Betrug: als Pilot war er ein Au-ßenseiter. Jeden verfluchten Tag hatte er in den, nach allen biochemischen Ausdünstungen der einsitzenden Lebensformen zum Himmel stinkenden Baracken, zusammen mit über fünfhundert anderen Strafgefangenen vegetiert, versuchte Konflikten aus dem Weg zu gehen, aber fast täglich geriet er zwischen die Fronten und musste um sein Leben kämpfen. Hinter jeder Ecke zu jedem Moment lauerte der Tod. Auch an eine Flucht war nie zu denken, da die Wüste schnell und sicher alles umbrachte, was ihr schutzlos überlassen wurde. Frank schwor sich diesen Ort nie mehr zu betreten. Er marschierte weiter auf der Straße so schnell er konnte, doch in einigen hundert Metern zeichneten sich plötzlich flirrende Silhouetten ab, die von den erhöhten Rändern auf die Straße strömten. Keine Fata Morgana, sondern todsicher ein weiterer Mördertrupp des Syndikats, der das Kopfgeld kassieren wollte. Frank lachte innerlich. Nach zwanzig Schritten bog er plötzlich ab, überwand den niedrigen Rand der Straße, der vor den Verwehungen der Sandstürme schützen sollte und ging mitten in die offene Wüste. Die Sonne brannte seit gut drei Stunden und es entbehrte dem normalen, gesunden Menschenverstand sich um diese Zeit hier herumzutreiben. Die Mittagszeit war nicht mehr fern und die Temperaturen würden mörderische Werte erreichen. Frank blieb auf dem Kamm einer Düne stehen und wischte sich mit dem Ärmel seines ausgeblichenen Overalls den Schweiß von der Stirn. Er sah sich um. Noch sah es nicht so aus, als wären ihm die Schläger gefolgt. Frank nahm seine zerbeulte Feldflasche aus dem Rucksack und trank ein paar Schlucke. Ein ganzes, elend langes Jahr hatte er auf Merope 3 verbracht, aber an die Hitze und den bestialischen Gestank in den Baracken, der noch schlimmer war, hatte er sich nie gewöhnen können. Nach einem Blick auf seine völlig zerkratzte, aber noch funktionierende Uhr, die er mehr als einmal mit seinem Leben verteidigt hatte, nickte er zufrieden. Er war gut vorangekommen und orientierte sich kurz. In etwa dreihundert Metern Entfernung zeichneten sich fünf Steinsäulen, für ein ungeübtes Auge kaum wahrnehmbar, zwischen den Ockertönen der Wüste ab. Frank befestigte die Feldflasche am Hosenbund und lief die Düne hinab. Er steigerte sein Tempo soweit es der feine Sand zuließ und erreichte die verwitterten Stelen. Sie hatten wohl einmal das Dach eines Brunnens gestützt, der aber längst versiegt war. Von der einstigen Oase zeugten nur noch einige ausgeblichene Reste von größerem Buschwerk, welches von den häufigen Sandstürmen gnadenlos zerfetzt worden war. Etwa dreißig Meter weiter südlich befand sich ein kleines kuppelförmiges Gebäude aus Natursteinen, das tief im Sand steckte. Die angrenzende Düne drohte es beim nächsten Sandsturm völlig unter sich zu begraben. Frank machte einen Schritt darauf zu, blieb aber im nächsten Augenblick abrupt stehen. Vor ihm waren frische Reifenspuren. Er bewegte sich zurück und suchte sofort hinter einer der Steinsäulen Deckung. Frank war sich sicher, dass niemand von diesem Ort wusste. Vorsichtig kroch er bis zu einem größeren Stein. Von hier konnte er in den Schatten des Steiniglus sehen. Dort stand ein Geländefahrzeug unter einem Tarnzelt. Er beschloss nachzusehen und wollte sich gerade erheben, als er den Schatten eines Menschen neben sich bemerkte und gleichzeitig das bedrohlich surrende Geräusch einer geladenen Impulswaffe an seinem Kopf wahrnahm.
„Wen haben wir denn da? Und jetzt komm ganz langsam hoch und versuch ja keine Tricks“, sagte eine Stimme hinter ihm. Frank kam der Aufforderung nach. Der Bewaffnete schob ihn vor sich her bis sie das Fahrzeug erreichten. Ein großer glatzköpfiger Mann, bekleidet mit einem grauen Tarnanzug, stieg aus. Er strich sich über seine, den Kopf zierende, lange Narbe.
„Das nenne ich einen guten Fang, Harry“, meinte er.
„Na sowas? Wenn das nicht Rufus Ball, der Schlächter ist“, sagte Frank zu dem Glatzkopf“, seit wann bevölkern Ratten die offene Wüste?“
Rufus geballte Faust traf ihn in den Magen. Frank sackte auf die Knie.
„Ah, jetzt vergehen Dir Deine dummen Sprüche“, erwiderte Rufus. Bevor Frank sich wehren konnte zog ihn Rufus hoch und schlug solange auf ihn ein bis der Offizier bewusstlos war.
„Du hast schon genug? Schade, ich werde doch erst warm, Du Bastard“, schrie Rufus und schickte Frank mit einem letzten Hieb in den Staub.
„Ich versteh nicht was Eva an dem findet. Den Drecksack würde ich nur zu gern umlegen“, murmelte Rufus.
„Ist doch egal, Mann. Die Sonne wird ihn schnell erledigen. Ich habe das Signal für unsere Zuckerschnecke aus der Randzone extra lange verzögert. Bis die hier landet ist der Scheißkerl längst tot und verdorrt. Bin mal gespannt wie sie das Eva erklärt. Die wird ausrasten und sie selbst durch die Luftschleuse ins All befördern. Das war es dann für unsere super talentierte Zuckermaus. Dieses Miststück“, erwiderte Harry. Rufus Ball grinste zufrieden.
„Gut gemacht, Alter. Damit sind wir die beiden Kakerlaken auf einen Schlag los. Auf Dich ist Verlass. Und jetzt weiter. Binde diesen Hurensohn an einen der Steinpfähle und dann machen wir die Fliege. Wir sind hier fertig“, befahl Rufus seinem Helfer. Harry schleifte den Commander an eine der Steinsäulen und fesselte ihn daran. Dann zerschnitt er den Overall des Offiziers und leerte das Wasser aus Franks Feldflasche in den heißen Sand.
„So, Freundchen. Für Dich ist hier Endstation, denn Du wirst hier verschmoren“, schnaubte er hasserfüllt und trat Frank brutal in die Seite.
„Komm endlich“, rief Rufus. Er hatte inzwischen das Geländefahrzeug gestartet und winkte ihm hektisch zu. Harry beendete seine Aktion in aller Ruhe, indem er Franks Beine und Handgelenke zusätzlich fesselte und dann das Fahrzeug bestieg.
„Die Zeit wird knapp. Wir müssen pünktlich am Treffpunkt sein, um unsere Leute und die Fracht aufzunehmen“, maulte Rufus vorwurfsvoll.
„Ja, ja, reg Dich ab. Ich habe ihm nur mein Autogramm hinterlassen“, gab Harry zurück. Rufus fuhr los und steuerte das allradgetriebene Fahrzeug zurück auf die Straße in Richtung Frachtterminal. Dort stand ihr Schiff, das die illegalen Torpedos von einem Frachter übernehmen sollte.
Stunde um Stunde verging. Die Sonne von Merope 3 verbrannte die ungeschützten Stellen von Franks Körper erbarmungslos. Spät am Nachmittag landete eine Centurion in seiner Nähe. Selbst der infernalische Lärm der Hubmotoren des eleganten Schiffs vermochte ihn nicht aus seiner Bewusstlosigkeit zu erwecken. Nach einigen Minuten öffnete sich die Luke auf der Backbordseite und eine Rampe fuhr aus dem Rumpf des Schiffs heraus. Eine komplett in helle, kaftanähnliche Wüstenkleidung gehüllte humanoide Gestalt erschien auf der Rampe und blieb stehen. Sie suchte die Umgebung mit einem brillenartigen Bildverstärker ab und prüfte die Informationen, die aus dem Navigationssystem der Centurion in die Optik eingespeist wurden: es war
