Der letzte Jaguar - Kristina von Stosch - E-Book

Der letzte Jaguar E-Book

Kristina von Stosch

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Beschreibung

Auf der Suche nach seiner Identität reist Ayo nach seinem Abitur von Deutschland aus ins bolivianische Amazonasbecken, wo eine Vielzahl undurchschaubarer Konflikte um Land und Kultur seine Werte und Normen auf den Kopf stellen. Dazu kommt noch der mysteriöse Tod seines Großvaters. Ob die Legende des Arawak-Volkes wohl wahr ist? Die Suche nach Klarheit verwickelt ihn in ein undurchdringliches Geflecht aus Umweltzerstörung und Korruption. Wenn er der Legende auf den Grund gehen könnte und ihn doch nur einmal sehen könnte, Abu, den Jaguar, bevor die großen Waldbrände ihn für immer auslöschten...

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Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der letzte Jaguar

Kristina von Stosch

Für alles Leben im Amazonas

AUTORIN

Dr. Kristina von Stosch, geboren 1977 in Süddeutschland hat lange Zeit in Bolivien gelebt und sich 15 Jahre lang intensiv mit Landkonflikten im Tiefland Boliviens beschäftigt. Das Thema dominierte ihr Geographiestudium und ihre spätere Promotion, danach widmete sie sich dem Thema 8 Jahre lang als Friedensfachkraft der deutschen Entwicklungszusammenarbeit GIZ. Sie veröffentlichte zahlreiche akademische Literatur zu dieser Thematik, Der Letzte Jaguar ist jedoch ihr erster Roman. Sie erhofft sich, somit ein breiteres Publikum erreichen und für die Amazonasproblematik sensibilisieren zu können. Nach knapp 2 Jahren als Friedensfachkraft an einer Universität auf Osttimor, lebt sie mit ihren Kindern nun wieder in ihrer Wahlheimat Bolivien.

© 2022 Kristina von Stosch

Illustriert von: Sixto Angulo

Lektorat: Maren Sauvant, Andrea Paschke, Cordula Becker

Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer

Verlagslabel: Por la vida

ISBN Softcover: 978-3-347-62156-5

ISBN Hardcover: 978-3-347-62157-2

ISBN E-Book: 978-3-347-62158-9

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

PROLOG

Er war tot. Einfach tot. Wie konnte er so daliegen, so unbeweglich, er, der Stärkste, der Mächtigste. Panthera Onka, schon allein sein Name war so mächtig, dass er als einziger lateinischer Tiername einen festen Platz in meinem Gehirn ergattert hatte.

Er war mein Held, mein Symbol der perfekten Welt, mein Symbol der Harmonie, des Kreislaufs der Natur, wenn er nicht mehr leben durfte, warum dann ich? Was war ich schon wert gegen die Übermacht eines Jaguars. Was sollte das alles noch? Ein Theater? Ein schlechtes Spiel? Ich hatte mir so oft vorgestellt, wie er an mir vorbeistolzieren würde mit erhobenem Haupt, wie er mich anblicken würde und ich den Kopf vor meinem König senken würde, wie ich vor Ergebenheit zittern würde und respektvoll den Rückzug antreten würde. Alles brach in mir zusammen, wie eine geplatzte Seifenblase, die bunt schimmerte, in der man sich spiegeln konnte und träumen. Jetzt war der Traum vorbei. Mit aller Willenskraft versuchte ich, diese Wirklichkeit zu ignorieren, aber sie fühlte sich immer noch so schrecklich an.

Ich sah zu, wie die verbrannten Baumstämme am Boden vor sich hin kokelten, langgestreckt und flach auf dem Boden, als würden sie sich einer höheren Macht ergeben, einem Herrscher, der sie kontrollierte. Wer war nur dieser Herrscher, der alles zerstörte, grundlos, ziellos, als hätte er alles Leben satt und sehnte sich nach endloser Stille?

Stille, genau, das war es, was mir Angst machte. Nicht einmal das ständige Summen der Grillen war zu hören, wenn mir doch wenigstens ein Moskito ins Ohr summen würde, könnte ich wieder ins Leben zurückfinden. Ich fühlte mich ebenso tot wie die schwarze Stille um mich herum, meine endlose Suche verlor ihren Sinn genau jetzt, wo ich mein Ziel erreicht hatte.

Ich wollte nicht mehr sehen, keine schwarze Erde mehr sehen, ich wollte nicht mehr riechen, ich bildete mir ein, meine Nase tat schon das ihre dazu und verweigerte das Riechen, denn all der Rauch verbrannte die Nasenhaare. Ich wollte sie nicht mehr spüren, die Hitze, diese Hitze, die nicht zu vergleichen war mit der fröhlich feuchten, tropischen Wärme, die ich immer so genossen hatte, die einem das T-Shirt an die Brust klebte, als würde es eins werden mit der Haut aber gleichzeitig Fruchtbarkeit ausstrahlte und vor Leben nur so strotzte. Ich wollte sie auch nicht mehr schmecken, diese feindliche Hitze, eine Hitze, die alle grünen Erinnerungen aus mir herausbrennen wollte und nach Tod schmeckte. Trocken, staubig, salzig und bitter. Genau so stellte ich mir den Geschmack des Todes vor. Hören, ja, ich wollte hören, das einzige, was ich noch wollte. Einen Ton, eine Musik des Lebens, kein Knistern der letzten Zuckungen eines Zusammenspiels von verbranntem Harz, Rinde und Baumsäften.

Hatte er mich noch betrachtet? Ich konnte es nicht sagen. Ich versuchte, den Moment wieder zurückzurufen. Der Wald, das Feuer, Rauch, und wie er da lag. Er muss mich noch gesehen haben, ja, ganz sicher, ich war doch direkt hier. Ob er mir noch etwas mitteilen wollte? Sich verabschieden wollte? Er hatte einen friedlichen Blick, respektvoll und weise, als hätte er sich schon einen wunderbaren Platz in seiner Nach-Tod-Welt gesichert. Kein Blut, kein Kampf, einfach so, aus. Danach wurde alles schwarz.

KAPITEL 1

5: 35 Uhr morgens. Meine Beine waren taub, schließlich hatte ich vergeblich versucht, meine 1,90m zwischen den Sitz und die Rückenlehne des Platzes 25F zu klemmen, auf dem ich den ganzen Weg zwischen Madrid und Santa Cruz verharren musste. Alles kribbelte, auch meine Gedanken kribbelten, mein Abenteuer hatte endlich begonnen, meine Suche, die schon so lange in mir gesteckt hatte, jetzt durfte sie sich endlich entfalten. Wie hätte ich auch ahnen sollen, dass alles ganz anders verlaufen würde, so anders wie es verschiedener gar nicht hätte sein können.

»Hier entlang, junger Mann, zur Einreise Bolivien, Passagiere nach Panama dort entlang,« war die erste bolivianische Stimme, die mir die Ankunft bestätigte. Erst jetzt merkte ich, dass sich die Reihen der boardenden Fluggäste für den Copa-Flug nach Panama mit der herausströmenden Masse meiner Air-Europa-Maschine vermischte und Mäander ähnliche Ausgüsse an den Kurven hinterließ, wo sich die gestrandeten Fluggäste wieder einzureihen versuchten. Die nächste Stromschnelle befand sich einen Stock tiefer, an der 5 Beamte wortlose Stempel in die Pässe klopften, weitere zwei irgendein sinnloses Formular einsammelten -ich hatte noch nie verstanden, warum man im Zeitalter der Technologie immer noch seitenweise handschriftliche Formulare ausfüllen musste- und letztendlich ergoss sich der Strom samt Geröllmasse meterhoher Kofferberge auf das doch recht beschauliche Flughafengebäude von Viru Viru.

Viru Viru, so nannte sich der Flughafen, das hatte mir gleich gefallen, das klang nach Abenteuer, nach Neuanfang, das klang wie eine fremde Sprache, das klang wie der Ruf eines seltenen Paradiesvogels. Ich wollte das Abenteuer meiner Suche sofort zu mir holen, es beschleunigen und freute mich schon auf eine Reihe wunderbarer Begegnungen, die meinen Weg lenken sollten. So hatte ich es mir vorgestellt. Durch meinen südländischen Teint und die grünen Mandelaugen konnte ich meine Zukunft schon blühen sehen.

Es roch nach dem Schmetterlingshaus des Zoos, in den mich immer meine Großeltern geführt hatten. Schon als Kind hatte es mich fasziniert, wie diese federleichten Geschöpfe durch die Luft flatterten und ich hatte mir sie als musikalische Noten vorgestellt. So sähe bestimmt Musik aus, wenn man sie sehen könnte. Die Luft war heiß, feucht und schon jetzt vernahm ich ein durchdringendes Summen der Grillen. Mein Großvater hatte mir nicht zu viel versprochen, selbst eine Straussenfamilie begrüßte mich in der Ausfahrt des Flughafens, das Empfangskomitee war perfekt, meine Stimmung auch.

Meine kleine AirBNB-Bude hatte ich mir größer vorgestellt, bestimmt hatten sie das Internetfoto mit einem Froschauge fotografiert, damit es größer wirkte. Ich drehte mich im Kreis und entdeckte das unglaublich klobige Bett, es war sogar dieselbe Bettwäsche bezogen wie auf dem Foto im Netz. Ein Laken mit großen Blumen in braun-grün-Tönen, darauf ein zweites Laken, das wohl zum zudecken gedacht war und 3 Kopfkissen, von denen ich sofort eins auf mein Sofa legte. Das Sofa hätte aus der Entrümpelung meiner Tante stammen können in Kombination mit dem dunklen schweren Couchtisch, auf den ich mein Tablet nicht abstellen konnte, ohne Stilbruch zu begehen. Dahinter thronte erhaben ein 55 Zoll – Flachbildschirm und schräg dahinter eine White Westinghouse Klimaanlage, die mir von nun an das Summen der Grillen ersetzte.

Das Badezimmer hatte einen riesigen Spiegel und eine Dusche, aus der Spaghetti ähnliche Drähte in allen Farben das Duscherlebnis erheitern sollten. Den Mut zu warmem Wasser durch freie Drähte direkt über meinem Kopf brachte ich in der ganzen Zeit nie auf und höre mich noch immer lautstark argumentieren, wie lächerlich es doch sei, bei 35°C eine warme Dusche zu benutzen während ich mich innerlich schon wieder auf eine warme Dusche freute.

Das letzte, was mir einfiel, war noch das Klopfen der Vermieterin. Amelia hatte mir eine gefüllte Teigtasche gebracht und einen Saft aus getrockneten Pfirsichen. Mit einem »genieß unser schönes Santa Cruz, die schönste Stadt der Welt« verabschiedete sie sich auch schon wieder und ging in ihr Zimmer, wo lautstark ein Fernseher eine kolumbianische Vorabendserie verkündete.

Es war, als würden Erinnerungen meiner ganz frühen Kindheit plötzlich aus meinen Gehirnlöchern klettern und sich einen Weg an die Oberfläche bahnen. Wilde Bilder schwirrten in mir herum und ich konnte nicht mehr sagen, ob es Erzählungen waren, denen durch meine kindliche Fantasie Leben eingehaucht worden waren oder vielleicht waren es auch wahre Erlebnisse gewesen. Ich sah einen dichten, grünen Wald, hörte Stimmen auf Spanisch und auch in einer weiteren Sprache. Verschiedene Leute hielten mir eine frisch geerntete Erdnuss hin und erzählten mir Geschichten, meine Geschichten, Geschichten meines Ichs, die mich von da an nie wieder losgelassen hatten.

Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wie ich eingeschlafen war, wann und warum. Ich purzelte aus Raum und Zeit als ich von einer Auto-Alarmanlage aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich hatte nicht viel geschlafen, oder doch? Auf jeden Fall hatte ich Hunger, war immer noch platt und mein Körper gewöhnte sich nur langsam daran, wieder seine volle Länge ausstrecken zu dürfen. Ich setzte mich mit meiner Empanada an den Couchtisch, fuhr meinen Laptop hoch und wunderte mich über die wunderbare Wifi-Verbindung, so schnell funktionierte das in Deutschland nicht.

Außer zwei Schulfreunden hatte sich niemand gemeldet, sollten mich meine Freunde schon wenige Monate nach dem Abitur vergessen haben? Bestimmt waren sie alle beschäftigt mit ihrem sozialen Jahr, mit ihrem Studium, mit ihren Reisen, und mit der unweigerlichen Krise, die sich nach Stillstand der von selbst fortlaufenden Zeit und der sich automatisch fortsetzenden Ereignisse im Schulleben einstellte. Nimmst du jetzt Französisch oder Spanisch? waren die einzig lebenswichtigen Entscheidungen, die ich bis dahin zur Planung meiner Zukunft hatte beisteuern müssen. Und diese Frage fiel mir besonders leicht, denn ich hatte das große Glück, spanisch schon durch die Muttermilch, besser gesagt durch meinen Vater, aufgenommen zu haben.

Aber jetzt standen wir da, das Glücksrad drehte sich nicht von selbst weiter, man musste schon selber daran drehen. So verfingen sich manche Entscheidungen in einem Spinnennetz und strauchelten wie ein Nachtfalter, um endlich einen Ausweg zu finden. Oder sie blieben erst einmal willig hängen, da sich unsere ungewisse Zukunft, trotz Greta Thunbergs Druck, nicht sehr rosig abzeichnete. Als ich meinen Freunden vor einigen Monaten von den Plänen meiner Suche berichtet hatte, hatten sie nur nett gelächelt, während sie sich vorstellten, wie in meinem Curriculum die Lebensphase ‚Bolivien‘ aussehen würde: »große erfolglose Suche meines Ichs«.

Ich erfüllte meine Rituale per Email (Mama, ich bin gut angekommen, bin müde, melde mich wieder) und WhatsApp (Hi Paul, schlechte Verbindung, cool hier, ich melde mich irgendwann mit besserem Internet) und startete mal wieder den Stolz meines Lebens: ArcGis, Version 10.8.1. Ich empfand es gleich von Anfang an als meine Glückszahl, da ich genau an diesem Datum geboren war, am 10. August 2001. Ich startete das Kartographie-Programm und öffnete wieder einmal die Karte, die ich schon so häufig angeschaut hatte. Das Satellitenbild aus dem bolivianischen Amazonasbecken, meine Welt, meine Kindwelt, meine neue Welt, mein Abenteuer. Gleich morgen sollte es losgehen, auf zur großen Suche.

KAPITEL 2

Jung und energetisch, so kannte ich mich eigentlich, aber das mit dem Jetlag hatte ich wirklich unterschätzt. Nach vielen Runden in der Stadt, Telefonkarte, Geld abheben, ein paar Sachen für die Reise kaufen, war es mit einer Dosis kolumbianischer Vorabendserie ein Leichtes, wieder zurück in meine Traumwelt zu finden, aber auch ein Leichtes, um 3 Uhr morgens wach zu liegen und dem Summen der Klimaanlage zu lauschen. Ohne Brüste kein Paradies, das war also das Niveau lateinamerikanischer Filmkultur. Ich nahm mir vor, bei der nächsten Gelegenheit ein paar bolivianische Filme zu kaufen und anzuschauen. Sollte ich nicht noch wenigstens einen weiteren Tag in der Stadt verbringen? Ich hatte meine kleine Wohnung ja vorsichtshalber für eine Woche gemietet, obwohl ich überhaupt nicht wusste, wie lange ich bleiben sollte. Woher kam nur dieser Trieb, sofort loszufahren, sofort in Aktion zu treten? Es trieb mich ungebremst an, eine Kraft, die es mir nicht erlaubte inne zu halten. Ein Drang, der schon lange meinen Körper lenken wollte und endlich die Oberhand gewann. Ja, morgen sollte es losgehen.

Ich sprach mit Amelia, die mich kaum aus ihrer Unterkunft ausziehen lassen wollte, schulterte meinen Rucksack und merkte aber schnell, dass es keine gute Idee war, zu Fuß zu gehen. Diese Stadt war wirklich nicht zum Laufen geeignet. Die Bürgersteige quollen über aufgrund der vielen Waren. Es gab alte Kleidung, noch ältere Schuhe und uralte Damen, die kleine Häufchen vor sich aufgebaut hatten. So gab es Kartoffelhaufen, Limonenhaufen, Karottenhaufen, stinkende Haufen, einige Dinge erkannte ich wieder von irgendeiner Besuchsreise, die wir vor vielen Jahren mit der Familie gemacht hatten, andere waren mir völlig fremd. Ich übte mich im Parcours, in dem ich einen Weg zwischen Bürgersteig und den auf der Strasse rasenden motorisierten Rädern einschlug, gleichzeitig über die Schlaglöcher sprang, die vielseitigen Häufchen umrundete und die Balance auf den dreckigen Plastiktüten zu behalten versuchte. Ich wusste nicht mehr, ob die ständigen nassen Tropfen von den Klimaanlagen der Häuser kamen oder von meiner Stirn, dazu panierte mich der heiße Wind mit feinen Sandkörnern. Hinter mir vernahm ich eine Melodie, die konstant zwei Tonleitern rauf und wieder runter tanzte und einen Mann mit sich führte, der ein Getränk mit ganzen Maiskörnern in einer Riesenkugel anpries. Somó war für mich eine so süße Kindheitserfahrung, dass sie noch heute fest in meinen Erinnerungen klebte. Diese Melodie wurde arrhythmisch von Bassklängen begleitet, die von verschiedensten motorisierten Gefährten ausgestoßen wurden. Bei diesem Laustärkepegel hätte mir meine Mutter gesagt, ich solle nicht zu dicht am Lautsprecher sitzen. Ja, zu Fuß gehen war wirklich eine Herausforderung.

Einen Block entfernt erspähte ich eine Frau mit einer Orangenpresse und einem Berg Orangen, oh ja, ein rettender Orangensaft. Ich leitete meinen Körper zu diesem Wagen und genoss wenig später die gesunde Erfrischung.

Am Busterminal roch es nach frittierten Hähnchen. Ich schaute auf mein Handy, es war 11 Uhr morgens, meine liebste Frühstückszeit, aber Knusperhühnchen musste es nicht sein heute. Erst einmal der Bus. Ich wusste, dass mich eine sehr lange Fahrt Richtung Norden erwartete, ich wusste auch, dass es nicht leicht sein würde, Transportmittel zu finden, bis dahin, bis zum Ort meines Ursprungs und Ziels, zum Ort meiner Suche, so dass ich meinen ersten Zwischenstopp erst einmal in Concepción plante. Die Kleinstadt war nur 6 Busstunden entfernt, eine gute Dosis für den ersten Tag. Ich kaufte ein Ticket für den blauen Kastenbus, der aussah, als wäre er aus einem mexikanischen Spielfilm des letzten Jahrhunderts gepurzelt. Es waren dieselben Busse, in denen mich schon damals, vor etwa 13 Jahren meine Eltern mitgenommen hatten. So zumindest zeigten es die Fotos.

Ich sah, dass im Bus noch nicht alle Tickets verkauft waren und erkannte schnell, dass er noch nicht so schnell abfahren würde, es war also doch noch Zeit zum Frühstücken, wunderbar. Ich entschied mich für eine Käse-Teigtasche mit Puderzucker und einen Kaffee. Die Teigtasche war fantastisch, den Kaffee musste ich mit 3 Löffeln Zucker versüßen, um den Instant-Pulver-Geschmack zu übertünchen. Die anderen Gäste taten das genauso. Warum trank ein Kaffee-Land Instant-Pulver aus Brasilien? Ich erinnerte mich daran, dass ich erst letztlich gelesen hatte, dass Bolivien mit seinem Yungas-Arabica-Kaffee einen internationalen Preis gewonnen hatte, trotzdem trankt man instant Robusta. Seltsame Welt.

»Señor Ayo Vogelhorst, der Bus fährt jetzt los«. Erst als der junge Mann mich antippte, merkte ich, dass er mich meinte. Bei bolivianischer Aussprache war mein Name nicht wiederzuerkennen. Auch in Deutschland fanden Leute meinen Namen seltsam und verwechselten ihn mit Hajo. Ständig musste ich erklären, dass mein Name wirklich nur aus den drei Buchstaben a-y-o bestand. Aus meinem Nachnamen Vogelhorst wurde hier Bochelchos und damit kaum noch als mein Name zu erkennen. Gleichzeitig war ich froh, nicht Hajo zu heißen, denn die spanische Aussprache würde mich hier in Ajo, also Knoblauch verwandeln. Mein Name war mir sehr wichtig, in ihm trug ich einen bedeutenden Teil meiner Selbst, hier verbargen sich mein Ursprung und meine Identität. Ich wusste, dass mein Name eine große Bedeutung hatte, diese tiefer zu verstehen, war Teil meiner Suche.

Der Mann neben mir im Bus war mir gleich sympathisch. Mittelgroß, braune Haare mit grauem Haaransatz, flache Stirn, eine gesunde Körperfülle und sehr wache, interessierte Augen. Seine Jeans, kariertes Hemd und Timberland-Stiefel ließen vermuten, dass er sich nicht nur auf asphaltierten Straßen und in 4-Sterne-Hotels aufhielt, gleichzeitig wirkte er ungsstatistik Boliviens gut repräsentiert. Vorne saßen 3 Kinder zusammen auf einer Bank, daneben eine füllige Frau, wahrscheinlich die Mutter. Gleich dahinter ein älterer Mann mit Strohhut und erstaunlich wenig Zähnen, dafür hatte er ein Grinsen, dass aussah, als hätte es sich in den Falten des Gesichtes für immer eingenistet. In der Mitte sassen in paar Frauen mit mittellangen Röcken, umso längeren Zöpfen und Strohhüten, dazu Autoreifensandalen. Ein paar Männer mit pastellfarbenen braunen Hauttönen aller Abstufungen und Stoffhosen, die am unteren Rand etwas hochgekrempelt waren. Ich fragte mich, wie ich wohl auf die Leute wirkte, denn, obwohl ich in Haar- und Hautfarbe nicht so unterschiedlich war, verrieten doch meine Augen und spätestens meine Kleidung und Verhalten, dass ich in dieser Gegend nicht täglich verkehrte. Ich stellte mir eine Verwandtschaft mit den anderen Busgästen vor, suchte nach Ähnlichkeiten, scannte sie und tat mich doch schwer, die Vertrautheit in mir zu wecken.

Wie sollte ich meine Suche nur angehen? So langsam begann ich doch zu zweifeln. Mal wieder einfach vorgeprescht, ohne nachzudenken, das hatte ich doch schon so oft gemacht, es war noch nie gut gegangen. Ich ertappte mich, wie ich mir wünschte, es könnten mich Worte einer zufälligen Person in die richtige Richtung meiner Suche lenken, ich wünschte mir kleine Wunder wie sie in den Büchern von Paulo Coelho vorkamen. So einfach und zauberhaft wollte ich es auch haben.

Ich schloss die Augen und für einen Moment spürte ich die Dimension meiner Suche, für den Bruchteil einer Sekunde wich der jugendliche Leicht- und Frohsinn einer neuen Dimension, einer veränderten Version von mir selbst, in die ich nicht einsteigen wollte. Meine Schulfreunde hatten mich belächelt, so, wie ein Vater lächeln würde, wenn seine 5-jährige Tochter berichten würde, sie gehe mal kurz nach Afrika und sei zum Abendessen wieder zurück. Ein Lächeln, das zugleich freundlich war und zugleich zu verstehen gab, dass das Vorhaben sich niemals aus der Traumwelt in die Wirklichkeit bewegen würde. Ich muss ihm nur einmal in die Augen schauen, dann weiß ich Bescheid, ich bin ganz sicher, erklärte ich ihnen in einem fort, aber wie sollten sie es auch verstehen. Es war ein Drang, der sich auch in mir so anfühlte, als wäre er aus einer anderen Dimension in mich hineingelangt und benutze mich als Wirt. Aber was konnte schon passieren? Ich musste es versuchen.

»Señor, reisen sie nach Concepción?« durchbrach es die Schallmauer meiner Gedankenwelt. Mein Nachbar lächelte mich freundlich an. Ich musste die Worte erst einmal sortieren und aus den Abgründen meiner Gedankenwelt an die Oberfläche tauchen. Mir kam die Frage ein wenig sonderbar vor, schließlich waren wir alle in einem Bus nach Concepción.

»Si, also, no, nicht genau, also nicht endgültig, ich fahre danach noch weiter«.

Ich bastelte schon an einer Antwort auf die wohl obligatorisch folgende Frage wohin denn?, als er mir eine Tüte mit gesalzenen Kochbananenchips hinreichte. »Chipilo? Du bist nicht von hier, oder?«

Schon wieder so eine komplizierte Frage, mit so viel Philosophie war ich erst einmal überfordert, woher ich kam und wohin ich ging, war mir in dieser Lebensphase überhaupt alles andere als klar.

»Deutschland, ja, also mein Vater ist Halbbolivianer, meine Mutter ist Deutsche.«

»Ah, Hohenheim?«

»Wie bitte?«

Ich brauchte eine Weile, bis ich das Wort als deutsches Wort erkannte.

»Ich war einmal in Stuttgart-Hohenheim«.

»Ach so, ja, was, also kennen Sie das? Kennen Sie Deutschland, waren Sie einmal in Hohenheim?«

Mein Nachbar entpuppte sich als Experte in tropischer Landwirtschaft, die es ja hier in voller Fülle gab, das Wissen dazu allerdings unter anderem in Stuttgart, wo die Tropen nur im Schmetterlingshaus des zoologischen Gartens zu finden waren. Noch so eine einleuchtende Wirklichkeit.

Inzwischen waren wir endlich aus dem städtischen Gebiet herausgefahren, über den Rio Grande, der grosse Fluss, der wie mir mein Nachbar erklärte, erstaunlich wenig Wasser führte zu dieser Jahreszeit. Es war September, bald schon war Ende der Trockenzeit, es würde aber noch etwa 2 Monate brauchen, bis der Wasserlauf wieder an Strömung gewinnen würde. Wir holperten einige Stunden weiter und unterhielten uns über belanglose Dinge. Als wir schon durch Cuatro Cañadas gefahren waren, zeigte der sympathische ‘Timberland ‘ hinaus (ich wusste immer noch nicht seinen Namen) und sagte »hier, das Event HB4«. Es klang wie eine chemische Formel.

»HB4 ist eine neue gentechnisch veränderte Sojabohne, die dieses Jahr hier eingeführt wurde. Noch nicht einmal zugelassen in Europa, dafür in China.«

»Event?« Darunter stellte ich mir eher eine coole Abendveranstaltung vor, Musik, Bier, viele Leute.

»Ich dachte, es gäbe schon länger Gensoja hier,« wollte ich meine Unkenntnis überspielen.

»Ja, schon seit vielen Jahren. Erst gab es nur das RoundupReady-Soja von Monsanto. Darauf kannst du so viel Glyphosat spritzen, wie du möchtest und kriegst die Pflanze nicht klein. Toll, was?«

Er schielte zu mir herüber und wollte offenbar testen, wie ich zu diesem Thema stand.

»Aber was denkst du, was passiert mit dem Wasser, wenn die hier den ganzen Wald klein machen und Soja pflanzen?«

»Naja, verschmutzt halt.« Antwortete ich brav.

»Naja…verschmutzt halt…und verschwindet halt, das ganze Ökosystem trocknet aus, wo soll sich die Feuchtigkeit halten? Aber dafür gibt es jetzt eben das Event HB4, eine Sojabohne, die an die Trockenheit angepasst ist,« führte er sein Thema weiter aus. Ich war erstaunt, was er bei den Schwaben so alles gelernt hatte. Oder lernte man das in Leverkusen? Wie war das mit Bayer und Monsanto? Darüber hatte ich doch mal ein Referat gehalten.

»Moment Mal, also erst wird alles abgeholzt und mit Glyphosat vergiftet, danach, wenn kein Wasser mehr da ist, bringt man eine neue Sorte, oder wie hast du es genannt, Event, und baut Soja im Trockenen an? Ist ja ganz einfach.«

»Ja, genauso funktioniert die Welt bzw. genauso funktioniert sie nicht.«

Ich hätte ihn gerne gefragt, was er sonst so tut, ob er eine Familie hat, ob er morgens lange schläft und welche Musik er mag, ob er nach Hause fährt oder von zu Hause weg, eben ganz normale, fröhliche Fragen, wie man sie in Bussen so stellt, um Nachbarn kennen zu lernen. Aber irgendwie war mir nicht mehr nach Fragen zu Mute. Ich schaute aus dem Fenster und sah ein paar Kühe die Straße überqueren, direkt dahinter reihten sich etwa 10 Lastwägen aneinander, wie Waggons einer Eisenbahn, alle beladen mit Getreide. Sie waren auf dem Weg zum nächsten Silo.

Ein Schlagloch riss mich sehr sprunghaft aus meinen Tagträumen. Sie war wohl doch nicht ganz so perfekt, die Straße, ich hatte mich schon gewundert. Aus meiner frühen Kindheit hatte ich immer nur staubige und holprige Wege in Erinnerung. Wir kamen durch unzählige weitere Dörfer und ich fragte mich, ob die Straße asphaltiert worden war, um mehr Platz für die Straßenmärkte zu schaffen oder für die Trocknung der Cocablätter. Unzählige Motorräder sausten an uns vorbei, die auch als Taxi dienten. Wenigstens bekam man so immer eine frische Brise, ein sehr praktisches und billiges Transportmittel. Hühner, Reissäcke und Familien mit 5 Kindern fuhren gemächlich auf dem Moped an uns vorüber. Weiter hinten sah ich sogar, wie jemand ein Regal transportierte und fast das Zeltdach des Orangenverkäufers dabei abräumte. Mir kam mein deutscher Radiosender in den Sinn, den ich immer beim Frühstück gehört hatte, der würde folgendes melden: Vorsicht auf der Bundesstraße San Julián – Concepción, es liegen Reifenteile auf der Fahrbahn, Kinder, Falschfahrer, Hühner am Straßenrand, Vorsicht vor der Benzinspur, eine Fahrbahnerneuerung ohne Absperrung, bitte fahren Sie langsam und überholen nicht, wir melden es, wenn die Gefahr vorüber ist oder besser, sie bleiben zu Hause.

Endlich nahm der Soja-Ausblick sowohl im Feld als auch in Form von Lastwagen-Ladungen ein Ende, es wurde etwas grüner, kurviger und hügeliger. Und holpriger, endlich holprig, ich fühlte mich ja schon ganz unbolivianisch auf den glatten Asphaltstraßen. Wir waren schon über 4 Stunden unterwegs, so lange konnte es nicht mehr sein bis Concepción. Ich freute mich darauf, bald das lauwarme Wasser meiner Trinkflasche gegen ein kühles Etwas tauschen zu können. Mein Busnachbar schaute aus dem Fenster und hatte mein Hochgefühl wohl bemerkt.

»Jetzt sind wir in der echten Chiquitania, die mit den Jesuiten, das weißt du, oder nicht?«

Ich lächelte ihn an und stammelte ein »hm ja ähm«, ein weiteres Produkt meines erstsagen-dann-denken-Schemas. Zum Glück hatte er Spaß daran, den Guide zu spielen.

»Schau doch mal raus, jetzt wird es schön. Hier links ist die Kirche, die Plaza, überall entspannte Leute, Chiquitanos, das liegt bestimmt an der Barockmusik,« schloss er seinen Satz und lachte. »Wer Barockmusik macht, muss doch entspannt sein, oder? In nur 100 Jahren haben die Jesuiten hier die Indigenen Völker missioniert, ihnen ein `ordentliches´ Dorfleben beigebracht, Kirchen gebaut und viel Musik gespielt. Aus Bambusrohren haben sie Geigen gebaut, das muss sich erst mal einer vorstellen, im 18.Jahrhundert.«

Ja, davon hatte ich gehört, ich hatte mich ja wirklich viel eingelesen in das, was die Welt meiner Vorfahren vielleicht einmal war und gerade zu meiner Welt werden sollte, hatte gelesen, wie alte Notenblätter als Klopapier missbraucht worden waren und ganze Gemeinden Bachmelodien auf der Geige spielten. Aber es schien mir schon ganz schön verrückt, den Urvölkern Barockmusik beizubringen. Und noch verrückter war, dass sie das als ursprüngliche Tradition weiterführten bis heute. Andererseits, was war schon ursprünglich? Ich stellte mir vor, wie Bach und Händel hier mit ihrer weißen Perücke und Pferdekutsche durch die Landschaft kutschierten, um dann zwischen Bananenstauden und Papayabäumen in die Kirche zu stolzierten, sich eben den Staub vom Rock wischten und das Konzert anstimmten. So etwas Absurdes, Barockmusik im Dschungel.

Jetzt war ich aber doch neugierig. »Das war aber nicht so wirklich nett von den Jesuiten, die Indigenen hierher zu zwingen in ein Dorfleben, oder? Die sind doch bestimmt nicht freiwillig in die Dörfer gekommen. Zwischen jagen, sammeln und frei sein oder Kirchen bauen für die Weißen, unverständliche Lieder singen, unbekannte Instrumente spielen und einen fremden Gott verehren, hätten sie sich sicherlich für Freiheit entschieden, oder nicht?«

»Du hast Option drei vergessen: von Spaniern ermordet werden. Da fiel die Entscheidung vielleicht doch leichter.« Er schaute kurz aus dem Fenster und nahm seine restlichen Bananenchips.

»So, ich steige jetzt aus, war schön dich kennen zu lernen. Ich bin Fermin, oder besser Chacho, hier meine WhatsApp-Nummer, falls du mich mal brauchst.« Er hielt mir eine dieser Missionszeitschriften der Zeugen Jehovas hin, auf der er seine Telefonnummer notiert hatte. Warum denkt er, ich könnte ihn brauchen?

»Ist das schon Concepción?«

»Nein, aber fast, noch eine halbe Stunde. Ich bleibe hier in Las Piedras, hier wohnt mein Onkel, ich helfe ihm dabei, Büffelkäse zu machen und ruhe mich immer ein wenig aus am schönen See.«

Noch bevor ich etwas erwidern konnte, war er draußen, winkte einmal kurz und schon fuhr der Bus weiter. In Deutschland hätte man bestimmt schon an 3 Haltestellen Pinkelpausen eingelegt und überhaupt hätte es Haltestellen gegeben. Hier wäre eine besonders schöne Pinkelpause gewesen, mit Seeblick. Ich liebte es, mir in der Natur die schönsten Orte zum Pinkeln zu suchen, ich könnte für den Schwarzwald schon einen Pinkelführer herausgeben. Ich würde die Pinkelstellen in Kategorien gliedern, mit Naturblick, Sichtschutz von hinten, Bergluft, Windschutz zu ihrer eigenen Sicherheit, zu erreichen bei mittlerem bis schwachem Harndrang…

Die Ankunft in Concepción war unschwer zu erkennen. Wie Chacho sagen würde, noch ein Stück echte Chiquitania, eine Plaza, nette Leute, aber alles ein wenig größer als zuvor. Alle strömten mit ihren Bündeln nach draußen, auch ich schnappte mir mein Rucksack-Bündel und tat so, als wüsste ich genau, wo ich hinwollte. Ich wollte es auf alle Fälle vermeiden, sofort als Tourist entlarvt zu werden. Der erste Programmpunkt drängte sich von alleine auf: pinkeln und essen. Bestimmt werde ich danach eine dieser wunderbar magischen Begegnungen haben und der weitere Weg wird sich mir von alleine ausbreiten. So stellte ich es mir vor, so wünschte ich es mir und so würde ich alleine weder Entscheidungen treffen noch Verantwortung übernehmen müssen. Aber so leicht machte das Schicksal mir das Leben nicht.

Direkt an der Plaza strahlte mich eine Frau aus der Tür ihres Restaurants an. Ob sie so Werbung für ihr Restaurant machen wollte oder einfach gute Laune hatte, konnte ich nicht beurteilen. Sie hatte braune, hochgesteckte Haare und war mittleren Alters. Dennoch leuchteten ihre Augen wie ihre frisch bemalten Fingernägel. El Buen Gusto- der gute Geschmack, das klang schon einmal vielversprechend, also folgte ich dem Lächeln.

Inzwischen war es schon dunkel geworden, aber kein wenig kühler. Mein saftig-frischfleischiges Gericht mit Maniok und Reis und einem leckeren Acerola-Kirschsaft brachten mir alle Träume wieder und ich war überzeugt, am nächsten Tag würde alles fließen. Ich würde die Familie meiner Großeltern treffen und damit meine Suche beginnen. Mein Optimismus war mein ständiger Lebensbegleiter, er drängte sich immer wieder durch meine grauen Gedankenwolken. Dennoch war ich mir nicht mehr sicher, ob das mit meiner Suche wirklich eine gute Idee gewesen war. Was würde denn sein, wenn ich fände, was ich suchte, was würde dann aus mir werden? Und wenn ich nicht fände, was ich suchte? Ich fragte mich, ob ich jetzt wohl einen Knoten in meinen Gedanken hatte.

Alle Völker der Welt suchten, das war nicht ungewöhnlich. Entweder war es das gelobte Land, oder wie die Völker hier im Amazonas es nannten, den großen Paititi, den heiligen Hügel oder die Loma Santa, oder das Land ohne Leid, ohne Böses, wie die indigenen Guarani es beschrieben. Alles eine ständige Suche ohne Finden. In Europa suchte man das Glück in der modernsten Kaffeemaschine und in Asien suchte man die Weltherrschaft. In Australien und Afrika suchte man Wasser und in Nordamerika Präsidenten als One-Man-Show. Tiere suchten schliesslich auch. Nahrung, sichere Schlafplätze, Nester, Paarungspartner. Ohne Suche waren wir nichts, waren wir tot. Ich war mir sicher, dass das auch für Homo Sapiens galt.

Eine Kakerlake bahnte sich einen Weg unter der Toilettentür durch. Ich lauschte dem Summen der Grillen in der Nacht, so lange der Papagei, der über mir in einem alten Holzgestell saß, nicht plapperte. Und wenn ich finden würde, was ich suchte? Und wenn ich nicht finden würde, was ich suchte? Plötzlich fand ich beide Optionen Angst einflößend. Ich leerte meinen Teller und suchte mir ein einfaches Hostel, legte mich ins Bett und beschloss, mich mit diesen höchst komplizierten Fragen nicht zu beschäftigen, es solle sich jemand anderes darum kümmern. Wer auch immer, irgendein Gott, eine kosmische Kraft, das Schicksal, es war mir egal.

KAPITEL 3

Ein wunderbares Frühstück, einfach lecker. Die Frau des Besitzers, Maria, musste schon um 4 Uhr aufgestanden sein, um all diese Leckereien zu backen, Reisbrot, Maniok-Käse-Bällchen, Maistaschen, dazu gab es unglaublich leckere Tropenfrüchte. Ich konnte sehen, dass die Papayas hier im Garten wuchsen, die Bananen vielleicht auch. Den einzigen Punkteabzug würde ich beim Kaffee geben, wieder Instantcafé, das war ja Stilbruch total.

Alle Gäste waren auf den wunderschönen Garten verteilt, als hätte man sie in einem Architekturmodell so angeordnet, ihre Beine kunstvoll drapiert und Kaffeegeschirr harmonisch hinzugefügt. Die Klänge der Barock-Musik tänzelten dazu um die Teetassen herum, als würden sie überall gute Laune-Tröpfchen verteilen. Ame Tauna war ein simples Hostel, aber der Innenhof war mindestens 5 Sterne wert. So viele bunte Blüten konnte man gar nicht betrachten. Direkt über mir entdeckte ich eine Orchidee, die gerade in der Blüte stand, eine gelbe Zunge mit rosa Punkten darauf, fein und zart wie man sich das Bett einer Fee vorstellen würde, ein Wunderwerk der Natur. Das hätte ich nicht schöner zeichnen können, obwohl das kein Kriterium war. Aber das hätte auch Vincent Van Gogh nicht schöner gezeichnet, sicherlich hatte er sich von einer solchen Blumenpracht inspirieren lassen.

Ich nahm meine Zettel und Notizen heraus, klappte meinen Laptop auf und schaute mir noch einmal mein Vorhaben an. Wie es mir mein Vater geschildert hatte, musste ich ein Sammeltaxi nehmen Richtung San Cristobal im Norden, dann ein Motorrad suchen, das mich bis Cañada Larga brachte, in meine Gemeinde, dorthin, wo ich meine Suche beginnen würde. Nur noch schwach erinnerte ich mich an die Gesichtszüge meines Großvaters, seine raue Haut, die weisen schwarzen Mandelaugen, seine knochigen Beine und ruhige Art. Was wohl mit ihm geschehen war? Ich erinnerte mich vor allem an seinen Geruch, vielleicht bleibt das als Kind besonders stark hängen, ich wusste es nicht. Ich spürte noch diesen Geruch nach Wald, nach Laub und Erde vermischt mit einem süßlichen Duft ähnlich wie dem einer Honigmelone. Es war seltsam damals, ich erinnerte mich nur noch an die Reaktionen meiner Eltern.

Eines Tages hatten wir einen Anruf erhalten, in brüchiger Leitung, wir hatten nur jedes zweite Wort verstanden. Es gab kein WhatsApp, Skype, Video, nur ein 2-minütiges Gespräch mit einer einzigen Information, Opa war tot. Papa war zur Beerdigung gereist, das musste inzwischen schon etwa 7 Jahre her sein, er konnte damals nur kurz bleiben, kam zurück nach Deutschland und hatte nur das erfahren, was wir schon wussten. Opa war tot. So war das auf dem Land, er hatte Schmerzen gehabt und war gestorben. Punkt. Das hatten sie ihm erklärt, natürlich hatten sie nicht die Möglichkeit gehabt, Opa vorher in ein Krankenhaus zu bringen, einen Arzt zu holen, selbst Juan, der Dorf-Heiler, konnte nicht mehr dazu sagen. Er hatte nur immerzu wiederholt, Miro, mein Großvater, das wäre ein ganz besonderer Mann gewesen, er hätte unglaubliche Dinge gekonnt. Ich hatte nie erfahren, was er so Unglaubliches konnte, obwohl er in mir als kleines Kind trotzdem einen tiefen Eindruck hinterlassen hatte.

Aber da war zudem noch diese andere Geschichte, die Geschichte, die mein Vater am Rande erwähnt hatte, aber nur als kleine Anekdote, als nichtssagender Kommentar, wie der Einfall eines Kindes. Ich sagte niemals, dass ich an diese Geschichte glaubte, sie hätten mich nur belächelt. Ich nahm mir schon damals vor, dieser Geschichte auf den Grund zu gehen an dem Tag, an dem ich alt genug wäre. Und jetzt war es soweit. Meine große Suche. Niemandem hatte ich den wahren Grund meiner Suche erzählt. Ich sagte nur, ich wolle den Ursprung des Volkes meines Großvaters erforschen, das Dorf der Arawak kennenlernen als Teil meiner eigenen Identität. Obwohl diese Aussage nicht falsch war, so war sie doch nicht vollständig, ich musste dieser zweiten Geschichte nachgehen, ja, das war es, was mich antrieb.

Ich startete noch einmal Archie, so nannte ich mein Lieblings-ArcGis 10.8.1-Kartenprogramm, lud das Satellitenbild der Region Nord-Concepción, die Shape-Files der Munizips-Grenzen, der Straßen und Wege und die genaue Lage von Cañada Larga, der Arawak-Gemeinde, Opas Gemeinde. Archie schuf für mich daraus eine wunderschöne Karte. Bis San Cristobal war der Weg als Sekundärstraße eingetragen aber von da an war die Verbindung zu Cañada Larga überhaupt nicht als Weg markiert. Es musste in San Cristobal irgendwo rechts, Richtung Nordost weitergehen, aber das würde ich schon herausfinden. Am nächsten Tag sollte es losgehen.

Ich stand schon zwei Stunden am Straßenrand der Hauptstraße Concepción – San Ignacio und wanderte wie eine Sonnenblume mit der Sonne immer ein Stückchen weiter, allerdings im Schatten. Neben mir schlief genüsslich ein schwarzer kleiner Hund und gegenüber wurden in großen Jutesäcken Cocablätter verkauft. Schon zwei Mal war ich zum Tante-Emma-Laden auf die andere Straßenseite gelaufen, einmal, um mir eine große 21-Flasche Wasser zu kaufen und ein weiteres Mal, um mir ein paar Salzkekse zu besorgen. Noch immer fuhr das Sammeltaxi nicht los Richtung San Cristobal. Als ich vor 2 Stunden angekommen war, war das Taxi ‘schon fast voll‘ gewesen, inzwischen hatten mindestens 5 Fahrgäste einen Platz gekauft und wir waren weiterhin fast voll. Der Toyota Noah hatte drei Plätze auf der hinteren Rückbank, drei Plätze auf der mittleren Rückbank und wenn ich mich nicht irrte, zwei Plätze vorne neben dem Fahrer. Auf der Handbremse war ein gemütliches Sitzkissen platziert in braunem Karomuster, das wohl einen Logenplatz versprach. Nach meiner Rechnung fehlte nur noch ein Mitfahrer, um den Noah zu füttern und in Bewegung zu setzen. Ich hoffte nur, der Fahrer würde dann nicht erst noch Mittagessen wollen.

Als wir endlich losfuhren, spürte ich eine Art Aufregung, die mich an die Geschenkeglocke der Familien-Weihnachtsfeiern erinnerte. Dieses Gefühl, im nächsten Moment etwas Aufregendes Unbekanntes und zugleich Wunderbares zu erleben. Mein Herz klopfte so schnell, dass ich mich über mich selbst wunderte. Wieso war ich denn jetzt plötzlich so aufgeregt?

Der Weg schlängelte sich einige Kurven weiter auf der etwas holprigen Asphaltstraße, um dann links Richtung Norden abzuzweigen und sich tiefer in den Wald hineinzufressen. Der graue Straßenbelag verwandelte sich in rote Erde, die Sicherheitsschneise von 5m vegetationsloser Zone verringerte sich auf 0m, die Baumwipfel ragten über uns und nahmen uns in sich auf. Die üppige Vegetation rechts und links des Weges ließ keinen tieferen Blick in den Wald zu. Ab und zu schlugen Äste gegen die Windschutzscheibe, die zum Glück noch intakt war. Im Gegensatz dazu war die Stelle, wo man hinten links ein Fenster vermuten würde, mit transparentem Paketklebeband abgeklebt. Es wehte uns eine frische Brise in Gesicht, ohne die wir bei dieser Hitze lebendig gebraten würden. Wir hatten inzwischen alle eine einheitliche Farbe erlangt, ein gesamtkörperliches braunrot, als hätte man uns mit einem Vintage-Effekt retuschiert. Die rote Erde war in allen Poren und verwandelte sich mit dem Schweiß zu einer krümeligen Gesichtsmaske. Der Kampf des Motors im Sand wurde durch den nostalgischen Gesang von Facundo Cabral begleitet, ich bin weder von hier, noch von dort, ich habe kein Alter, keine Herkunft und glücklich sein ist meine Farbe der Identität, wie unglaublich passend für mich in diesem Moment.

Ich schlummerte einige Zeit ein, wurde immer wieder von Schlaglöchern geweckt, doch dieses Mal war es kein Schlagloch. Ein scharfes Bremsen brachte den Noah ein wenig ins Schleudern und dann zum Stillstand. Vor uns saß ein kleiner Haufen in dunkelbraun. Schnell stieg ich wie die anderen Fahrgäste, aus dem Auto, näherte mich dem Haufen und erkannte ein winziges rundes Gesicht mit einem breiten Grinsen. Diesem armen Geschöpf war sicherlich alles andere als Grinsen zu mute, aber die Schöpfung hatte ein Gesicht erschaffen, das nur grinsen konnte. Langsam bewegte es seine unendlich langen Arme mit den 3 spitzen Krallen, um sich fortzubewegen. Ich erinnerte mich an das Quartett-Spiel das wir zu Hause hatten. Faultier, langsamstes Säugetier der Welt. Grösse 0,6m, Gewicht 5kg, Geschwindigkeit 0,146 km/h, Anzahl Nachkommen 1, Höchstalter 40 Jahre.

Der Mann, der auf dem Logenplatz vorne Mitte im Noah fuhr, nahm das Faultier am Nacken und setzte es in den nächsten Baum am Straßenrand. Unglaublich, was in diesem Fell alles herumhüpfte, bestimmt hatte unser Mitfahrer jetzt die ganze Symbiose aus Grün- und Rotalgen, gepaart mit Schmetterlingslarven, Motten und Käfern an seinen Fingern kleben. Ich wollte schnell mein Handy holen zum Fotografieren, aber schon ging die Fahrt weiter und als die Gesichter der Mitreisenden schweigend nerviger Gringo sagten, legte ich meinen Apparat wieder zur Seite.

Ich dachte immer, alle Latinos wären so sehr kommunikativ, aber in diesem Fall schlummerten die Fahrgäste nur müde vor sich hin und sprachen kein Wort. Abgesehen davon hätte man bei diesem Motorengeräusch mit Radiobeat kein besonders entspanntes Gespräch führen können. Ich hatte so viele Fragen, ob es viele Faultiere gab, was für andere Tiere hier vorkamen, welche davon gefährlich waren oder giftig und wie lange es noch dauerte bis San Cristobal. Ich bedeckte meine Fragen mit roter Schweißerde und schaute auch nur träge aus dem Fenster.

San Cristobal kündigte sich dadurch an, dass sich der Wald lichtete und einen Blick auf weite Weideflächen frei gab. Fischgrätenartig schnitten sich breite Schneisen rechts und links von Hauptweg in die Landschaft und unter vereinzelten Bäumen und Palmen tummelten sich hunderte von Nelore-Zeburindern auf der Suche nach ein paar Quadratmetern Schatten. Je näher wir dem Dorf kamen, desto häufiger sah man auch Plantagen-Anbau verschiedener Feldfrüchte, ich erkannte Bananenstauden und Papayabäume, soweit meine Kenntnis tropischer Landwirtschaft. Vielleicht hätte ich der Uni Hohenheim vor der Reise auch mal einen Besuch abstatten sollen. Bestimmt würde ich noch gesprächigere Leute finden, so wie Chacho, die mich hier ein wenig würden einführen können.

San Cristóbal entpuppte sich als kleines Dorf, der Hauptplatz bestand aus einem großen Rasen-Fußballfeld, auf dem Kühe grasten, und 2 Holztoren. Die Häuser drum herum waren aus Lehmziegeln, vereinzelt waren sie auch eine Kombination aus Lehmziegeln und gebrannten Ziegelsteinen, alle samt ohne Anstrich und mit Wellblech-Dach. Das musste ja unglaublich heiß werden darunter. Insgesamt zählte das Dorf etwa 100 Häuser, die sich ein paar Häuserblocks weit ausbreiteten. Wir fuhren an der Plaza bzw. dem Fußballfeld vorbei direkt zum Markt, wie das Gelage aus Plastikplanen, Motorrädern, Cumbia-Reggaeton-Musik, kopfüber hängenden gerupften Hühnern und Lastwagenladungen von Zitrusfrüchten genannt wurde. Wie so wenige Bewohner so viel Dynamik entfalten konnten, war mir schleierhaft.

Die Gerüche gegrillter Hühnerherz-Spieße und Pommes erweckten meine Lebensgeister. Es war auch schon viele Stunden her, dass ich das letzte Mal etwas gegessen hatte, die Salzkekse waren schon aufgebraucht. Ich setzte mich auf eine Holzbank mit Aussicht auf den Tumult der Straßenverkäufer und bestellte mir eine Erdnuss-Suppe. Ich erinnerte mich, wie wir einmal am Nationalfeiertag Boliviens mit der bolivianischen Gemeinde Stuttgarts Erdnuss-Suppe gekocht hatten. Mit Pommes in der Suppe und der scharfen typischen Soße, allerdings hatten wir damals keine Hühnerfüße benutzt. Ich sah mir den Hühnerfuß auf ewohnheiten gegenüber doch sehr offen war, wofür ich mich innerlich bei meinen Eltern bedankte, die mir meine ganze Kindheit lang immer verschiedenste Speisen und Kreationen aller Länder vorgelegt hatten.

Lange starrte ich auf meinen Löffel und wie kleine Blitze durchzuckten mich meine Gedanken. Die Geschichte, meine Geschichte, war wieder ganz nah, der Grund meiner Reise. Erdnuss, ja, genau, ohne die Erdnuss wäre es nicht möglich gewesen, diese Sache, diese andere Geschichte. Ob es genau diese Erdnüsse waren, die ich auch gerade aß? Ob mein Opa andere Erdnüsse gehabt hatte? Ich würde es hoffentlich bald herausfinden.

Ich lauschte dem Gespräch eines Ehepaares neben mir, sie hatte einen großen Strohhut, einen knielangen traditionellen Rock, wie ich ihn von den Bildern der Hochlandindigenen kannte, dazu das beladene Schultertuch, in dem gekaufte Waren verstaut waren, in anderen Tüchern saßen sonst kleine Kinder. Ihr Alter schätzte ich auf 40-60 Jahre, genauer konnte ich es wirklich nicht zuordnen. Sie sah sehr erschöpft aus wie nach jahrelanger harter Feldarbeit, gleichzeitig sahen ihre Augen viel jünger aus als ihre Haut. Sie unterhielt sich mit ihrem Mann auf einer Sprache, die ich nicht verstand. Das nahm ich als guten Grund, ein Gespräch zu eröffnen.

»Welche Sprache sprecht ihr?«

Sie kicherte schüchtern in ihre Hand, er sagte kurz »Quechua«.

»Dann seid ihr also aus dem Hochland?«

Jetzt meldete sie sich zu Wort, »Cochabamba – Chapare«. Ich wusste, dass das Chapare-Tiefland im Departement Cochabamba das Haupt Coca-Anbaugebiet Boliviens war, diese Region und die daraus entstandene Coca-Bauern-Bewegung hatte den sich selbst verewigenden Präsidenten Evo Morales in 2006 an die Macht befördert. Wurde hier etwa auch Coca angebaut? Ich wollte diese Frage nicht so direkt stellen, aber sie kam mir mit ihrer Frage zuvor.

»Von welcher Nicht-Regierungs-Organisationbist du?«

Das war wohl der einzige Grund, warum hier nicht-Bolivianer anzutreffen waren. »Ich bin nur zu Besuch hier.«

»Schaust du dir den Sonntagsmarkt an?«

Aha, jetzt wusste ich auch, warum hier heute so viel Trubel war, Sonntagsmarkt, ich nahm an, dass es an den restlichen Wochentagen ruhiger zuging.

»Si, der Markt beeindruckt mich.«

Ich wollte nicht zu viel von meinem eigentlichen Reiseanliegen preisgeben, fuhr jedoch fort, »kennt ihr eine Gemeinde, die Cañada Larga heisst?«

»Nein, keine Ahnung.«

»Arawak?«

Sie schauten mich nur verständnislos an.

»Wohnt ihr hier?« fragte ich weiter, denn ich hatte aus den Wortfetzen verstanden, sie seien aus dem Chapare hierher gewandert.

»Wir sind hier seit 25 Jahren. Da hat uns die Kirche, Padre Steinhuber aus Santo Corazón Land gegeben. War ja ungenutztes Land, nur Wald. Wir haben was daraus gemacht, wir exportieren sogar. Sesam, Soja, Chia und Rinder. In die ganze Welt. Ohne uns wäre das alles hier immer noch unnützes Land.«

Das mit dem unnützen Land sah ich etwas anders.