Der letzte Tanzbär - Kathrin Hamel - E-Book

Der letzte Tanzbär E-Book

Kathrin Hamel

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Beschreibung

In ihren Geschichten erzählt Kathrin Hamel vom Gestern und Heute. Vom Hier und Dort. Von dem, das trennt. Und dem, das verbindet. Sie erzählt Geschichten in ihrem ganz eigenen, unverwechselbaren Stil. Geschichten, die berühren. Geschichten, die nachhallen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 50

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Kathrin Hamel, 1971 in Berlin geboren, lebt heute in Magdeburg. Seit 2003 verschiedene Literaturpreise, unter anderem Preisträgerin bei der Preisfrage der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina 2008 sowie beim Dillinger Literaturpreis 2003. Zahlreiche Publikationen in Zeitschriften und Anthologien. 2015 Veröffentlichung des Erzählbandes „Erde“.

Kathrin Hamel

Der letzte Tanzbär

© 2019 Kathrin Hamel

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7482-1468-7

Hardcover:

978-3-7482-1469-4

e-Book:

978-3-7482-1470-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Umschlagfoto: euthymia - stock.adobe.com

Die Geschichten „Die Suche nach Karthago“ und „Auf dem Grat“ erschienen erstmalig auf www.smartstorys.at.

Inhalt

Der letzte Tanzbär

Schlamm

Kakao

Die Suche nach Karthago

Auf dem Grat

Töchter des Hauses

Al fine

Der letzte Tanzbär

Und wo wohnen Sie?, fragt die Frau im Amt. Beim Zirkus, antwortet der Mann, und senkt den Blick, im Moment jedenfalls. Da weiß sie Bescheid.

Ich sitze vor dem Zelt und trinke noch ein Bier. Vier Stunden habe ich jetzt in den Ställen geschuftet. Sie bringen regelmäßig Bier und manchmal Schnaps, und vorhin hat eine der Russinnen sogar Stullen geschmiert. Wie eine Familie leben sie hier: die Russinnen mit ihren biegsamen Körpern, der Typ mit der roten Nase aus Sachsen, Diego aus Tschechien, die dicke Frau mit den Ponys. Die Sensation ist der Tanzbär.

Den Tanzbären will der Chef selbst vorführen. Über 300 Kilo wiege der Bär, hat mir Diego erklärt. Auch der Bär bekommt Schnaps. Und Weißbrot, ein paar getrocknete Maiskolben, ein bisschen Zucker. Mager kauert er in seinem Käfig inmitten seiner Scheiße. Seine Kette ist kaum länger als zwei Meter. Keine Ahnung, wie der Chef den Leuten den vorführen will. Ich drehe mich weg.

Was sitzt du hier rum, schreit der Chef mich an, füttere ich dich vielleicht dazu durch?, und scheucht mich hoch. Ich springe auf, stolpere ein bisschen, stehe dann halbwegs sicher auf den Beinen und greife nach den Handzetteln, die er mir entgegenstreckt.

Am Marktplatz stehen sie wieder, traurige Gestalten mit ungepflegten Tieren. Ein Pappschild haben sie aufgestellt: Wer Tier liebt, der gerne gibt. Eine dicke Frau hält mit einer Hand zwei Ponys am Strick, in der anderen schüttelt sie eine Sammelbüchse, in der ein paar Geldstücke klimpern. Struppige Strähnen hängen den Ponys über die Augen. Daneben ein Typ mit Handzetteln. Die Frau vom Amt will zügig daran vorbeigehen. Da erkennt sie den Mann, der neulich bei ihr war, und greift doch einen der Zettel. Kidnapping, denkt sie, reines Kidnapping ist das.

Auf den Zetteln, die ich verteile, ist der Tanzbär angekündigt: Der letzte Tanzbär. Eine Attraktion, einzigartig in Europa.

Am Montag fährt mich der Chef zum Amt. Wer keinen festen Wohnsitz hat, bekommt seinen Scheck einmal in der Woche. Ich bin wieder bei der netten Frau dran. Gefällt es Ihnen denn beim Zirkus?, fragt sie mich.

Er ist schmutzig und riecht nach Mist und Bier. Etwas von Familie murmelt er, als sie ihn nach dem Zirkus fragt. Schöne Familie, denkt die Frau vom Amt. Sammelt die Obdachlosen von der Straße auf, gibt ihnen eine Matratze im Stall bei den Tieren, versorgt sie mit Alkohol und ein bisschen Essen. Und lässt sie schuften wie Sklaven. Zögernd reicht die Frau dem Mann den Scheck. Bestimmt warten die Leute vom Zirkus unten, denkt sie. Fahren ihn in die Kreisstadt zur Bank, nehmen das bisschen Geld. Ich kann nichts machen, denkt sie, er müsste wenigstens wollen.

Ich lehne mich an die Wand und lasse mich langsam auf den Boden rutschen. Sitze ganz nah bei Diego, Schulter an Schulter fast, schon leicht benebelt vom Bier. Die Russin hat uns wieder Stullen gebracht. Ich fühle mich aufgehoben, wohlig und warm.

Samstag ist Premiere, sagt Diego, und steht auf, fünf Tage noch, dann wird auch der Tanzbär vorgeführt. Der Bär liegt in seinem Käfig und füllt diesen fast aus. Er nagt pausenlos an seiner Pfote. Aus einer Schüssel wirft Diego dem Bären Weißbrotwürfel zu und ein paar Wurzeln und Gras. Müsste der nicht was Richtiges fressen?, frage ich, Obst und Nüsse oder so, Fleisch vielleicht?

Fleisch, lacht Diego, der hat doch gar keine Zähne mehr. Solche Bären sind Wildfänge, erklärt er, die kommen aus dem Balkan oder aus Russland. Im Frühjahr ziehen die Wilderer los und jagen Bärenmütter mit Nachwuchs. Ganz klein sind die Jungen dann noch, drei, vier Monate alt. Die Bärinnen werden erschossen. Den Kleinen stößt man eine dicke, glühende Eisennadel durch die Nase. Für den Nasenring, sagt Diego, und deutet auf den Bären. Mir wird schlecht. Und die Zähne, lacht er höhnisch, die Zähne werden den Bären gezogen, noch bevor sie ein Jahr alt sind. Du kannst ihm ja Beeren kaufen, spottet er, oder Pilze. Von deinem Geld vom Amt vielleicht? Welches Geld?, denke ich, welches Geld.

Möchten Sie ein Programmheft mitnehmen?, spricht der Mann sie von der Seite an. Fast hätte sie ihn nicht erkannt in seinem blauen Glitzeranzug. Verblüfft kramt sie vier Mark aus ihrem Portmonee und gibt sie ihm. Kinder drängen aufgeregt an den Händen ihrer Eltern oder Großeltern in das Zelt, schieben und drücken und reißen die Frau vom Amt mit sich. Widerstrebend lässt sie sich in den Bann ziehen von der Zirkusmusik, vom Geruch nach Sägespänen, Popcorn und Pferdeäpfeln. Der Duft ruft Kindheitserinnerungen wach.

Durch den Spalt im Vorhang folgen wir der Vorstellung. Volles Haus. Gespannte, erhitzte Gesichter. Der Tanzbär wird angekündigt. Ich spüre die Anspannung, die in der Luft liegt. Nur noch wenige Sekunden. Dann betreten der Chef und der Bär die Manege. Eisenketten verbinden sie, für Abstand sorgt eine Stange. Gefesselt durch seinen Nasenring, beginnt der Bär zu tanzen. Hebt und senkt die Pfoten, dreht sich zur schrägen Musik des Akkordeons.

Sich Tiere anzuschauen, die auf einem Bein stehen oder durch brennende Reifen springen, ist der Frau vom Amt eigentlich zuwider. Und