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"Im Fluge" ist die titelgebende Geschichte des neuesten Erzählbandes von Kathrin Hamel. Ihr Protagonist lebt auf einer Insel im Rhythmus der Gezeiten. Sein ganzes Dasein hat er den Vögeln verschrieben. Mit seiner großen Liebe möchte er vogelgleich über das endlose Meer gleiten, sich mutig und unbeschwert dem Wind anvertrauen, sich kühn in die Fluten stürzen. Mehrere Sommer hält diese Liebe. "Doch als der Sommer sich neigte, sich noch einmal aufbäumte, als die Augustsonne mit letzter Kraft die Luft flimmern ließ, als Millionen von arktischen Watvögeln eintrafen und gemeinsam mit den heimischen Möwen, Enten und Austernfischern ihr Gefieder abstießen, als dicke Spülsäume aus Vogelfedern sich an den Stränden ausbreiteten, als im Norden das Licht schmolz, reiste sie ab." Im doppelten Sinn im Fluge verstreicht sein Leben. "Im Fluge" steht aber auch sinnbildlich für die anderen Erzählungen. Lassen sich auf diese Weise doch große Distanzen zurücklegen - vom Jung zum Alt, vom Hier zum Dort. Die Geschichten faszinieren durch ihren Themenreichtum und den ausgereiften, unverwechselbaren Stil. "Im Fluge" enthält eine Auswahl von überarbeiteten, bereits erschienenen wie auch bisher unveröffentlichten Geschichten.
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Seitenzahl: 81
Veröffentlichungsjahr: 2022
Kathrin Hamel, in Berlin geboren, lebt heute in Magdeburg. Seit 2003 verschiedene Literaturpreise, unter anderem Preisträgerin bei der Preisfrage der Jungen Akademie an der Berlin- Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina 2008 sowie beim Dillinger Literaturpreis 2003. Zahlreiche Publikationen in Zeitschriften und Anthologien, zuletzt in „Quintessenz“ (Anthologie der Finalisten des SpaceNet Awards 2018), „Wunderwerk Text“ (Anthologien der Finalisten des Literaturwettbewerbs der Gruppe 48 e. V. 2019 und 2021) sowie „Nähe“ und „Geheimnis“ (Anthologien der Finalisten des Literaturpreises „Grassauer Deichelbohrer“ der Jahre 2019 und 2020).
Eigene Veröffentlichungen: "Erde" (2015) und "Der letzte
Tanzbär" (2019).
Kathrin Hamel
Im Fluge
© 2021 Kathrin Hamel
Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer
ISBN Softcover: 978-3-347-46109-3ISBN Hardcover: 978-3-347-46110-9ISBN E-Book: 978-3-347-46111-6
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
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Inhaltsverzeichnis
Dünnes Eis
Nebenan wohnt der Osterhase
Kein Problem
Glück
Papier
Dreizehn
Wolken
Tee
Im Fluge
Erde
Al fine
Dünnes Eis
Hunger, brüllt mein Magen, Hunger. Ich laufe. Schwimme. Laufe. Das Meer müsste zugefroren sein zu dieser Zeit, sagen die Alten. Die beste Zeit des Jahres wäre jetzt. Majestätisch würden wir über mächtiges Eis schreiten. An Eislöchern würden wir ausharren, stundenlang. Sobald eine Robbe zum Atmen an die Oberfläche käme, ahnungslos ihre Nase aus dem Wasser streckte, würden wir zupacken. An guten Tagen, erzählen die Alten, hätten sie auch junge Walrosse oder Belugas an den Eislöchern geschnappt. Doch das Eis trägt nicht mehr. Ich muss schwimmen. Immer wieder schwimmen. Das Wasser zehrt. Hunger, brüllt mein Magen, Hunger.
Sergeis Hand liegt auf der Schulter seines Sohnes. Smotri, sagt er stolz, schau doch, wie schön unser Belushka geworden ist. Sascha folgt dem Blick seines Vaters nach links auf die Holzkirche, nach rechts auf die Lenin-Statue. Nach vorn schließlich auf das offene Meer. Erst in den letzten Jahren waren die Häuser gereinigt und gestrichen wurden. Rot, blau, gelb ragen sie aus dem Schnee. Unübersehbar ist das Grün der einzigen Schule. Eine richtige Stadt, flüstert Sergei, eine richtige Stadt wird das. Lange, lange hatte er gehadert mit seinem Schicksal. Der schlimmste Ort zum Leben, hatte er als Junge gedacht, wäre diese Insel aus Felsen, Eis und Tundra mitten im Polarmeer. Weggehen würde er, sobald er erwachsen ist. Doch dann hielt die Liebe ihn fest. Wie einst seinen Großvater. Als blutjunger Soldat war dieser nach Nowaja Semlja gekommen. Zusammen mit hunderten anderer. Aus allen Ecken der Sowjetunion wurden sie auf die Insel gebracht, achtzehn-, neunzehnjährige Jungen. Nach Nowaja Semlja, ins neue Land, auf keiner sowjetischen Landkarte verzeichnet. 19 Jahre alt war Großvater, als die erste Atombombe auf der Insel gezündet wurde. Sechs Jahre später, als der Atompilz der ZarBombe in die siebenfache Höhe des Mount Everest emporwuchs, als der gleißende Lichtblitz ihrer Explosion über tausend Kilometer weit zu sehen war, als ihre Kraft selbst in Norwegen und Finnland Fensterscheiben bersten ließ, hatte Sergeis Großvater schon längst beschlossen zu bleiben. Zärtlich streicht Sergei über Saschas Schulter. Die vierte Generation, denkt er. Belushya Guba hat Zukunft, die Insel hat Zukunft. Neuerdings kommen sogar Touristen hierher. Kreuzfahrtschiffe laufen regelmäßig am Hafen ein. Die Bucht mit ihren warmen Meeresströmungen ist für sie ideal befahrbar. Wegen der Polarlichter kommen sie. Diesem großartigen grünen Leuchten, das entsteht, wenn der Sonnenwind die Erde küsst. Vor allem aber wollen sie die Eisbären sehen.
Wir können hören, wie dick die Eisschicht ist. Die Alten haben uns gelehrt, mit den Tatzen auf das Eis zu schlagen und darauf zu lauschen, wie das Wasser zurückschlägt. Mit Leichtigkeit würde ich die perfekte Stelle finden, um ein Wasser loch aufzubrechen. Früher sind die Winter herrlich gewesen, erzählen die Alten, Zeit sich Fett anzufressen. Diese dicke Schicht, die uns überleben lässt, wenn es im späten Frühling anfängt zu tauen, wenn sich das Eis nach Norden zurückzieht und mit ihm die Robben. Wenn das Packeis brüchig wird und schließlich ganz verschwindet. Ich habe sie nicht mehr kennen gelernt, die fetten Zeiten. Immer öfter sehe ich Bären, die nur noch aus Haut und Knochen bestehen. Sie taumeln, wanken, schleppen sich mit letzter Kraft voran. Auf dünnen Eisschollen treiben sie, zu schwach zum Schwimmen. Bricht die Scholle unter ihnen weg, wird der Ozean sie verschlingen. Seetang und Seegras fresse ich, seit Wochen schon. Meine Kräfte lassen nach. Hunger, brüllt mein Magen, Hunger.
Ein markerschütternder Schrei lässt Sergei erschaudern. Hastig zieht er Sascha an sich. Eisbären, kreischt jemand, Eisbären. Sergei entspannt sich. Eisbären sind hier zu Hause. Herren der Arktis. Herrscher der Insel. Wächter des Sperrgebiets. Vier, fünf Tiere werden auch in der Nähe von Belushya Guba regelmäßig gesehen. Sergei und Sascha setzen ihren Weg fort. Papa, flüstert Sascha plötzlich, und verharrt. Wie angewurzelt steht er, weit aufgerissen seine Augen, sein Arm erhoben, die Hand weist Richtung Spielplatz. Jetzt sieht es auch Sergei. Mindestens ein Dutzend Eisbären streift durch die Magistralnaja Uliza. Zwei Tiere haben sich auf den Spielplatz verirrt. Mühelos erklimmt ein Bär die geneigte Leiter des Kletterturms. Mütter kreischen, Väter rennen hin und her, packen ihre Töchter, Söhne. Furcht kriecht an Sergeis Rücken hoch. So nah, denkt er, so viele. Die Tiere sind mager, abgezehrt. Gerade das macht sie gefährlich. Bald sieben Jahrzehnte lebt Sergeis Familie nun auf der Insel. Seite an Seite mit den Bären. Ein paar Mal kam es vor in den letzten Jahren, dass hungrige Eisbären Menschen angriffen. Doch solch eine Invasion haben sie hier noch nie erlebt. Ratlos mustert Sergei die Bärengruppe, sein Blick fliegt von Tier zu Tier. Zu viele, denkt er wieder, viel zu viele. Viel zu nah. Und wir dürfen sie nicht abschießen.
Hunger, ich habe Hunger. Wir müssen an Land Nahrung finden. Suchend ziehen wir durch die Landschaft, tasten uns vor über die Kruste aus Eis und Erde. Es fühlt sich nicht gut an unter meinen Tatzen. Sie ist rau und rissig, diese Fläche. Und leblos. Sooft ich auch mit meiner Pranke darauf schlage, das Wasser antwortet nicht. Ich folge meiner Nase. Dem Duft nach Menschen, Haut, Speck, Fleisch. Noch besser riechen die Hügel rund um die Menschensiedlungen. Der Geruch durchweht meine Nase, wirbelt in meinem Kopf herum, macht mich ganz schwindlig, treibt mir das Wasser im Maul zusammen. Immer näher komme ich. Gierig schlage ich meine Pfote in einen schwarzen Hügel, dem ein herrlicher Duft entweicht. Die dünne, schwarze Haut klebt an meiner Tatze, lässt sich nicht abstreifen. Hunger, brüllt mein Magen, Hunger. Und meine Zähne zerpflücken auch die schwarze Haut, zermalmen nebenbei die weißen Balken, die nach gar nichts schmecken. Viele von uns sind hier. Wühlen nach Fressbarem. Einer hat Schaum vor dem Maul. Einer liegt auf der Seite und schreit. Auch mein Bauch beginnt zu schmerzen, als ob etwas Großes, Schweres darin liegt, das nicht weiterrutscht. Ich muss würgen. Menschen, denke ich, ich muss dem Duft nach Menschen folgen, Haut, Speck, Fleisch.
Sergei spannt den letzten Draht für heute. Seit Tagen sichern sie die Müllkippen mit Elektrozäunen. Die Spezialbatterien sind auf dem Flughafen Rogatschowo angekommen. Nicht aber die sehnlichst erwartete Expertengruppe. Das Müllproblem müsse zuerst gelöst werden, hatten die Experten aus der Ferne verkündet. Immer mehr Bären tummeln sich inzwischen direkt in Belushka. Belagern Wohnhäuser und öffentliche Gebäude. Etwa 50 Tiere, schätzen die lokalen Behörden. Der Notstand ist ausgerufen. Überall hängen Zettel. Nicht weglaufen, steht dort, nicht nahetreten, das Tier mit einem Auto möglichst verschrecken, Straßen nicht allein nutzen. Sergei verzieht das Gesicht. Auf die Straße traut sich kaum jemand mehr. Wie die meisten Väter fährt Sergei seinen Sohn jeden Tag mit dem Auto zur Schule. Alle Veranstaltungen sind abgesagt, das öffentliche Leben steht still. Mit Leuchtraketen und einer Art Pfefferspray versuchen die Menschen, die Bären aus der Stadt zu vertreiben. Sie reden nur klug daher, die Experten, denkt Sergei. Und trauen sich nicht mal auf die Insel wegen des bisschen Schneesturms. Wie viele hier besitzt Sergei ein Gewehr. Die Eisbären gehörten zu den gefährdeten Tierarten, heißt es immer wieder, auf keinen Fall dürften sie abgeschossen werden. Sergei will nicht schießen. Will weiter Seite an Seite mit den Eisbären leben, wie in all den Jahren. Doch sollte ein Bär in seine Wohnung eindringen, seiner Familie zu nahe kommen, sollte Sergei je vor der Entscheidung stehen, Bär oder Sohn, wird er sich zu verteidigen wissen.
Menschen, denke ich, Haut, Speck, Fleisch. Menschen. Ich taste mich voran. Meine Tatzen sind wund, mein Bauch schmerzt. Um die Hügel sind jetzt Zäune gespannt, die uns schlagen. Nicht wie das Wasser schlagen sie zurück, leise, plätschernd, sanft. Jäh und heftig ist ihr Schlag. Haut, Speck, Fleisch. Ich folge meiner Nase. Nähere mich der Menschensiedlung. Hunde bellen. Ich erklimme einen Hang, versuche das schwarze Gitter neben mir nicht zu berühren. Fürchte mich, dass auch dieses schlägt. Scharre an einem Holzbrett. Es gibt nicht nach. Auf dem Bauch rutsche ich den Hang hinunter, bremse sacht mit meinen Vordertatzen. Das nächste Brett gibt nach. Die Wand ist glatt, der Boden auch, meine Pfoten finden kaum Halt. Abgefallene Stücke liegen im Weg. Vorsichtig taste ich mich zurück nach draußen. Unter meinen Tatzen wieder der vertraute Schnee. Haut, Speck, Fleisch. Ich folge dem Duft. Dort, von dort muss er entweichen. Ich stelle mich auf die Hinterbeine. Schlage auf die Öffnung. Die Fläche zersplittert wie Eis. Ich schiebe meine Nase in das Loch, aus dem es so lecker duftet, dann das ganze Gesicht. Ein langes dunkles Ding ist genau auf mich gerichtet.
Nebenan wohnt der Osterhase
Nebenan wohnt der Osterhase. Der Osterhase heißt Andi und war mein bester Freund.
