Der Liebhaber in Berlin - Karoline Antoni - E-Book

Der Liebhaber in Berlin E-Book

Karoline Antoni

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Beschreibung

Wer denkt, mit Mitte 50 passiert in einem Frauenleben nicht mehr viel, irrt. Und zwar gewaltig! Im Gegenteil, diese Phase ist eine magische Zeit. Sie birgt herbe Krisen und hält bestenfalls Lösungen bereit. Das Leben der 5 Frauen, die allesamt Inga heißen, fächert sich in den vorliegenden fünf Erzählungen auf wie in einem Kaleidoskop: berufliche Erfolge hat sie erlebt und familiäres Glück. Aber auch Belastungen und Verluste, die sie auf härteste Weise prüfen. Bewältigen konnte sie diese nur mit Hilfe ihrer Familie, ihren Freunden und ihren Kollegen. Inga hat kämpfen müssen. Um ihre Kinder, um ihre Beziehungen, um ihre Gesundheit, ihre Selbstbestimmung und manchmal auch darum, nicht verrückt zu werden. Die Autorin schildert in den 5 Erzählungen einfühlsam, humorvoll und mit großer Lebenserfahrung, wie Inga mit Mitte 50, als ihr nicht mehr so viel Zeit bleibt, wichtige Entscheidungen trifft. Und sich damit den unterschiedlichen Aufgaben stellt, die das Leben und das Schicksal für sie bereit gehalten haben.

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für Eduard und Erika Kromar

Inhaltsverzeichnis

NARZISSEN UNTER DEN LINDEN

DU BIST DER LENZ

DER LIEBHABER IN BERLIN

WASCH MICH, ABER MACH MICH NICHT NASS

DIE ZIGEUNERIN UND DER ALTE DRECKSACK

Narzissen Unter den Linden

Inga und Gisbert

Eine Spionagegeschichte und ein kleiner Entwicklungsroman

1

„Frau Reschke? Hier spricht Hauptkommissar Kern. Einen Moment, ich gebe ihnen ihren Mann.“

Die Polizei? Inga erschrak. Hoffentlich war nichts passiert. Nun, da Gisbert mit ihr sprechen konnte, schien er ja am Leben zu sein. Das weitere, was sie hörte, erschien ihr im Nachhinein so unwirklich, dass ihr Tun völlig verrückt erschien:

„Pack mir ein paar Sachen, Unterwäsche, Hose, Trainingsanzug, Schlafanzug, Schuhe, Toilettenbeutel, Rasierapparat, was zu lesen und bring alles zum Polizeipräsidium in die Stadt. Nein, ich bin nicht verletzt. Nein, es geht mir nicht gut. Nein, ich komme nicht nach Hause. Frag nicht weiter. Tu einfach, was ich sage!“

Inga tat genau das. Sie packte, als ob ihr Mann zu einer Kur ginge. Tat alles in eine Reisetasche, an deren Griff noch die Banderole vom Flug nach Madeira hing, wo sie im Herbst in Urlaub gewesen waren.

Sie handelte in Zeitlupe, alles um sie herum schien zu verschwimmen. Ihre Glieder wurden schwer und die Zeit schien stillzustehen. Es war, als ob sie sich von außen zusah. Wie nach Ewigkeiten war sie endlich fertig. Sie ging mit der Tasche zur Garage, öffnete die rechte Hintertür des Autos, stellte sie hinein, die Tür schloss mit unnatürlich lautem Knall, der sie zusammenzucken ließ. Ihr Mund war trocken. Inga schwitzte, ihr war heiß, das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Irgendetwas Schlimmes musste geschehen sein. Sie war froh, dass wenig Verkehr in der Stadt war. Sie konnte sich kaum konzentrieren, denken konnte sie auch nicht. Ihr Kopf war wie leer.

Vor dem Polizeipräsidium gab es keine Parkplätze. Sie stellte den Wagen in einer Seitenstraße ab, die sie sich zwang zu merken. Aus Angst, sie später nicht wiederzufinden.

Der Polizist am Empfangstresen hatte sie erwartet. Er sprach sie mit Namen an, nahm ihr die Tasche ab, bat sie auf einem der Holzbänke Platz zu nehmen. Die Holzplanken der Bank schienen sich in die Unterseite ihrer Schenkel zu drücken, ihre Hände waren schweißig-kalt. Dann wurde sie in ein überhitztes, verrauchtes Büro gerufen. Der Polizist in Zivil stellte sich als derjenige vor, mit dem sie vor einer halben Stunde gesprochen hatte. Seine Stimme war freundlich, der Händedruck fest, die Hände warm.

Gisbert saß mit dem Rücken zu ihr, hochgereckt, steif. Als er sich umdrehte, erkannte sie ihn kaum. Sein Gesicht war wächsern und grau. Die Augenhöhlen eingefallen, die Augen verhangen, gelb. Es war, als ob ihr die vielen geplatzten Äderchen auf seinen Wangen zum ersten Mal auffielen. Teilnahmslos schaute er, stumpf und gleichgültig.

„Was ist denn passiert?“ Inga wusste nicht, ob sie das fragen durfte.

„Ich bin angezeigt worden. Ich soll eine Frau vergewaltigt haben.“

Seine Stimme klang fremd, wie von einem Sprachroboter, als ob sie nicht zu ihm gehörte.

Dann wurde er hinausgeführt. Er drehte sich nicht um, sondern stakste dem jungen uniformierten Polizisten hinterher, alle Glieder steif, den Kopf hoch erhoben.

„Frau Reschke?“ Hauptkommissar Kern machte auf sich aufmerksam.

Sie blickte in seine Richtung, unfähig ihn direkt anzuschauen.

„Ich weiß, es ist jetzt nicht einfach für Sie. Aber darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“

Inga nickte, immer noch an ihm vorbeischauend.

„Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen?“

Sie dachte nach. Die letzten drei Abende war er nicht zu Hause gewesen. Am Montag hatte er sie angerufen, um ihr zu sagen, er brauche etwas Zeit für sich, zum Nachzudenken. Dass er immer wieder einmal anrief, um mit unterschiedlichsten Ausreden mitzuteilen, dass er ein paar Tage abtauchen wollte, das kannte sie. Aber dass er nachdenken wollte, diese Aussage war neu gewesen.

„Frau Reschke?“

Inga schreckte hoch. „Ja?“

„Wann haben sie ihren Mann zuletzt gesehen?“

Sie antwortete langsam und leise: „Am Sonntagabend. Wir haben Tatort geschaut, dann sind wir ins Bett. Gisbert war schon weg, als ich aufgestanden bin“.

„Und die letzten drei Tage?“

„Da kam mein Mann nicht nach Hause, etwas Geschäftliches. Er hat mich am Montagabend angerufen. Das kam öfters vor! Er ist mit verschiedenen Projekten beschäftigt, die über ganz Deutschland verteilt sind.“ Ihr Gesicht blieb ausdruckslos.

„Haben Sie ihn manchmal begleitet?“ Die Stimme des Polizisten klang beiläufig.

„Nein, ich unterrichte jeden Tag und früher waren die Kinder zu versorgen. Mein Mann sagte immer, jemand müsse ja die Stellung halten.“

„Sind sie sicher, dass es immer geschäftliche Anlässe waren, weswegen ihr Mann unterwegs war?“ Dieses Mal klang Herr Kerns Stimme schärfer.

„Aber ja, wenn er es mir so gesagt hat.“ Ingas Stimme war nun fester geworden.

„Und Sie glauben alles, was Ihnen Ihr Mann sagt?“ Nun klang die Stimme des Polizisten eisig.

„Sollte ich nicht?“ Inga blickte ihn nun ganz direkt an.

„Hatten Sie denn schon einmal den Verdacht, dass ihr Mann, nun ja -“

Inga unterbrach ihn. „fremdging? Und wenn, dann hat er es so gemacht, dass ich nichts bemerkt habe. Aber ich kann es mir nicht vorstellen. Mein Mann ist nicht so ein Typ.“ Wieder blickte sie ihn direkt an. Sollte er nur glauben, sie sei die ahnungslose, unschuldige Ehefrau.

„Danke, Frau Reschke. Das ist alles für heute. Bitte halten Sie sich zur Verfügung, falls wir noch Fragen haben.“ Die Schärfe in seiner Stimme überraschte sie. Irgendetwas an ihrer Antwort schien ihm nicht gepasst zu haben.

„Aber sicher, Sie haben ja meine Nummer.“

„Wenn sie ihren Mann besuchen wollen, stellen Sie einen Antrag bei der Staatsanwaltschaft - Dort wird man Ihnen das Procedere erklären.“ Nun langsam wieder freundlich, fast mitfühlend.

„Ich weiß noch nicht, ob ich das möchte, aber danke für die Auskunft. Kann ich jetzt gehen?“

Der Kommissar erhob sich, gab ihr wieder seine Hand und brachte sie hinaus. Vor dem Gebäude schien Inga wie aus einer Trance zu erwachen. Sie zog ihren Mantel fest um sich und schlug den Weg zum Leonardo Hotel ein, das früher Holiday Inn geheißen hatte. In der Bar bestellte sie einen doppelten Whisky. Der Mann hinter dem Tresen hatte ihr einen Single Malt mit einem ihr völlig unverständlichen Namen angeboten. Sie hätte in dem Moment jeden Fusel getrunken, wenn er nur ihren Mund, dann ihre Kehle verbrannte, und in einer warmen Woge in ihren Kopf stieg, sich dort schließlich wie eine warme Wolke verteilte und wenigstens für ein paar Minuten ein verlässliches Gefühl der Beruhigung hinterließ. Sie ließ sich das Glas noch einmal füllen - wieder doppelt - um dieses Gefühl eine Weile länger zu haben, legte 30 Euro neben das leere Glas, nickte dem Barkeeper zu und ging, einen festen Punkt im Blick, um nicht zu schwanken.

An der kalten, frischen Luft atmete sie tief durch, lief zu ihrem Auto und fuhr vorsichtig, aber sicher nach Hause. Sie spürte eine Klarheit wie schon ganz lange nicht mehr. Ihr Rücken straffte sich und ihr Kopf richtete sich auf.

2

Inga war 1960 in Köln auf die Welt gekommen, sie hatte einen Bruder - Karl - der fünf Jahre älter war als sie und die feste Konstante in ihrem Leben wurde, bis er verschwand - einfach so. Dass die Familie selten Besuch hatte und kaum wegging, war ihr als Kind nicht aufgefallen. Karl und ihre Mutter waren ihr Gesellschaft genug. Beide waren fröhlich, lachten viel, spielten mit ihr und tollten mit ihr herum.

Der Vater blieb im Hintergrund. Dass es in der Wohnung ein Zimmer gab, das außer ihm niemand betreten durfte, war für alle so selbstverständlich, dass es sie bis heute nicht berührte und auch nicht interessierte. Dies verwunderte sie manchmal, wenn sie an ihre Kinderzeit dachte. Es verwunderte sie auch, dass sie nie etwas gefragt hatte, was die Vorgänge um den Vater betraf. Sein tagelanges, wochenlanges Wegsein, die Männer, die manchmal kamen, seine vielen Stunden in besagtem Zimmer, ohne dass sie, der Bruder oder die Mutter ihn störten.

In den Kindergarten ging sie nicht, Nachbarskinder gab es keine in ihrem Alter, sie lernte früh lesen, verbrachte ihre Zeit mit Büchern – Märchen, Sagen, Abenteuerromanen. Sie las alles, was sie in ihre Finger bekam. Manchmal nahm die Mutter ihr das eine (Lady Chatterley) oder das andere (Das Kommunistische Manifest) sanft aus der Hand, aber die meisten Bücher aus dem riesigen Regal im Wohnzimmer durfte sie mitnehmen. Da, wo sie den Inhalt nicht verstand, las sie um der Melodie des Textes willen. Ihre Mutter las oft vor, ihr und Karl war es wie ein Hauskonzert, das keine Instrumente benötigte.

In der Schule waren sie und Karl exzellente Schüler. Beide waren sehr sportlich, Inga schwamm bald Meisterschaften, Karl war ein überragender Leichtathlet. Ihr Vater verfolgte ihre Erfolge aufmerksam, aber unaufgeregt, als ob er nichts anderes erwartet hätte. Während ihre Mutter meistens bei den Wettkämpfen dabei war und sie oft zum Training brachte, kam der Vater nie mit - ließ sich aber alles genau berichten. Sie spürten, dass er stolz auf sie war.

Von Klassenkameraden bekam sie mit, was deren Eltern von Beruf waren: viele Mütter waren Hausfrauen, so wie ihre Mutter, manche arbeiteten im Büro oder in einer Fabrik, die Väter waren Handwerker, Ärzte, Beamte oder Arbeiter. Wenn sie gefragt wurde, was ihr Vater sei, antwortete sie „freiberuflicher Journalist, er arbeitet von zu Hause aus, ist aber oft unterwegs“. So hatte es ihr ihre Mutter erklärt.

1966, sie war sechs Jahre alt, bekam die Familie einen Fernseher. Karl und sie liebten die amerikanischen Serien: Lassie, Fury, die Bezaubernde Jeannie, die mit verschränkten Armen und einem Blinzeln sich in Form eines kleinen wattigen Wirbelsturms woanders hin zaubern und überhaupt damit allerlei lustigen Unsinn treiben konnte.

Sie sahen oft Nachrichten mit den Eltern zusammen. Grauenhafte Dinge aus Kambodscha und Vietnam, Bilder, die sie nie wieder vergessen würde. Ihr fiel auf, wie sich die Miene des Vaters dabei versteinerte. Einmal ging es um Studentenproteste in Berlin, sie mochte acht Jahre alt gewesen sein. Es wurde berichtet, wie ein junger Mann namens Benno Ohnesorg in einem großen Tumult ums Leben kam, und sie dachte dabei, dass der Name nun überhaupt nicht passte. Da stürzte der Vater hinaus und kam an dem Abend nicht mehr aus seinem Zimmer. Von draußen hörte sie ihn aufgeregt sprechen. Das gleiche passierte Jahre später, als in den Nachrichten gesendet wurde, dass ein Herr Guillaume als Agent der DDR aufflog.

Inga las Magazine und Zeitungen, die ihre Lehrer missbilligten, die taz, den Spiegel, die Frankfurter Rundschau. Mit 14 bezeichneten sie ihre Klassenkameraden als linke Socke. Sie lernte zu argumentieren, war kritisch und in den Augen anderer blitzgescheit. Sie selbst fand es nur normal, so zu denken. Sie spürte, dass es ihrem Vater gefiel, wie sie gegen das „kapitalistische“ Deutschland waren. Karl trat der SDAJ bei, sie hatte es auch vor, ging gern mit zu den Treffen. Man saß auf dem Boden, alle rauchten selbstgedrehte Zigaretten und debattierten, wie die Weltrevolution zu erreichen sei.

Es war kurz vor ihrem Abitur, Karl studierte in Köln Soziologie und Politikwissenschaft, die Arbeit des Vaters fand nach wie vor in seinem Raum statt, allerdings war Karl inzwischen bei den Treffen mit den fremden Männern, die in ihren Treviramänteln aus und ein gingen, dabei. Auch dies wurde von ihr und der Mutter nicht hinterfragt, sondern hingenommen. An jenem Morgen hörte sie durch die Tür nur, wie der Vater zur Mutter sagte „es geht los in Afghanistan, wir werden gebraucht, pack mir den Koffer“ und wie in Karls Zimmer ebenfalls die Schranktüren hektisch auf und zu schlugen. Wenig später fiel die Wohnungstür ins Schloss. Erst als es ganz still war, kam sie aus dem Zimmer, sah ihre Mutter in Vaters Raum Papiere bündeln, die sie im Kohleofen in der Küche verbrannte. Anschließend kamen zwei Männer, die das Zimmer ausräumten, Apparate, Geräte, Kabel, die sie noch nie gesehen hatte. Sie selbst war wie hinter einem Schleier, unfähig zu verstehen, was da vor sich ging. Sie hörte nur den Seufzer der Mutter, der nach Erleichterung klang und das Ploppen des Korkverschlusses von „Mariacron“ einem deutschen Weinbrand. Von dem stand immer eine Flasche im Barfach des Wohnzimmerschranks. Inga sah, wie sich die Mutter ein halbes Glas einschenkte und es in einem Zug austrank, als der Raum, über 18 Jahre ein Tabu, leer war. Sie half der Mutter ein paar Möbel hineinzutragen, so dass er bewohnt wirkte, immer noch wie in Trance.

Wenig später klingelte es, es standen vier Männer vor der Tür, die ohne ein Wort durch die Wohnung hasteten und alles durchsuchten. Auf die Frage, wo Kurt und Karl Schlesinger seien, antwortete die Mutter, dass sie es nicht wisse. Schließlich zogen die Männer ab. Ingas Hände waren damals schweißig-kalt gewesen. Ohne zu fragen, wusste sie, dass die Mutter ihr die gleiche Antwort geben würde.

Die nächsten Wochen vergingen wie in Trance. Die Abiturvorbereitungen, schließlich die Prüfungen. Sie schloss sehr gut ab. Nach der Zeugnisvergabe brach sie zusammen. Auf dem Weg zum Flughafen konnte sie sich kaum auf den Beinen halten. Die Mutter hatte zwei Koffer gepackt, darin war alles, was sie aus Köln mitnahmen. Inga wusste nicht, wohin es gehen sollte.

3

Monatelang hatte Inga Fieber. Die Menschen, die sie versorgten, kannte und verstand sie nicht. Sie lernte ihre Sprache, manchmal kam die Mutter zu Besuch, sagte ihr, dass sie sicher seien und dass sie bald gesund werden würde. Langsam erfuhr sie, dass sie sich in Sotschi befand, einem Kurort am Schwarzen Meer. Ihr Russisch wurde von Tag zu Tag besser. Einmal traute sie sich, ihre Mutter nach Karl und dem Vater zu fragen. Das unbestimmte Lächeln und wie sie ihr über das Haar streichelte, waren Antwort genug: sie würde sie, wenn überhaupt, nicht so bald wiedersehen. Sie vermisste Karl so sehr! Er war ihre Verbindung zur Welt gewesen und ihr Ruhepunkt zu Hause. Nun fühlte sie sich wie in einer abgeschlossenen Kapsel im Weltall – nicht wissend wo sie ankommen würde.

Ihre Mutter hatte sich verändert. Sie trug Uniform mit goldenen Streifen und Sternen auf den Schulterklappen, respektiert vom Personal der Klinik. Sie wartete nur noch darauf, dass die Krankenschwestern salutieren würden. Und sie sprach Russisch mit einer Autorität, dass ihr Gesichtsausdruck sie zu einer völlig anderen Frau machte.

Inzwischen war Inga in eine Art Wohnheim mit eigenem Zimmer, Balkon und kleinem Bad verlegt worden – in das Sanatorium, wie ihre Ärztin, eine Frau in den Vierzigern mit hell olivfarbenem Teint, rundem Gesicht und schräg stehenden Mandelaugen, sagte.

Wenn Inga sie fragte, was denn mit ihr los gewesen war, lächelte sie und sagte „die Nerven waren es. Manchmal kann es einem zu viel werden, gerade wenn man so jung ist wie du!“ Und dann strich sie ihr über das Haar – wie es die Mutter tat, wenn sie sie besuchte. Auch ihre Ärztin hatte eine Uniform an, auf den Schulterklappen hatte sie silberne Sterne – die bei ihrer Mutter waren goldfarben.

Sie war 20, als es ihr wieder so gut ging, dass sie das von der Mutter auferlegte Tagespensum absolvieren konnte: morgens gut frühstücken, dann Sport – Gymnastik, laufen und schwimmen, dann zur Cafeteria gehen und essen, danach ruhen, dann Zeitungen aus verschiedenen Ländern lesen, abends noch einen letzten Spaziergang und dann früh ins Bett. Die Zeitungen waren oft nicht aktuell, Inga ahnte, wie schwierig es sein musste, sie aufzutreiben. Oft war sie verblüfft, wie unterschiedlich darin über ein und dieselbe Sache berichtet wurde. Wenn sie mit ihrer Mutter darüber sprach, bekam sie eine Ahnung davon, dass es die „Realität“ nicht gab, sondern dass sie über die Art und Weise, wie darüber gedacht, geschrieben und gesprochen wurde, erst erschaffen wurde. Und dass es einen Unterschied machte, ob sie über etwas in Deutsch, Russisch, Englisch oder Französisch las. Und dass es sogar davon abhängen konnte, in welcher Stimmung sie war, wenn sie sich mit einem Thema beschäftigte, welche Art von Wirklichkeit auftrat. In Köln, in der Wohnung, wo sie mit Karl gelebt hatte, war die Mutter eine für deutsche Verhältnisse ganz normale Hausfrau gewesen. Auch eine Wirklichkeit, die gekippt war. Hier in Sotschi, ja wer war ihre Mutter denn? Eine Professorin? Eine Majorin? Eine Funktionärin? Sie wusste es nicht. Erst Jahre später sollte sie begreifen, welchen Zweck die abgeschlossene Kapsel, in der sie sich befand, für sie erfüllen sollte.

4

1981 wurde entschieden, dass sie gesund genug sei, ein Studium zu beginnen. Es waren Zeugnisse mit ihrem Namen beschafft worden, die ein russisches Abitur bezeugten. Sie begann in Odessa politische Ökonomie zu studieren, hielt es aber bald nicht mehr aus, so abstrus und naiv kamen ihr die Vorlesungen vor, strikt dem sowjetischen Duktus und einer kommunistischen Ideologie folgend, die auf Inga unlogisch und widersprüchlich wirkten. Ständig hätte sie widersprechen mögen und sehnte sich nach ihren deutschen Lehrern, die sich mit ihr auseinandergesetzt und sie zum Widerspruch zwar nicht ermutigt, ihn aber doch mit einer Art amüsiertem Respekt geduldet hatten. Widerspruch war hier nicht möglich. Wieder ein Tabu, das sie wie selbstverständlich begriff und befolgte.

Mit 23 Jahren wechselte sie nach Ostberlin an die Humboldt-Universität. Sie belegte Philosophie, Sprach- und Literaturwissenschaft – Ideologie unbelastete Fächer, wie sie fälschlicherweise angenommen hatte. Inga war glücklich, wieder Deutsch zu hören, zu lesen, zu sprechen, zu träumen, zu denken. Sie liebte die deutschen Philosophen – Kant, Hegel, Leibniz, Wittgenstein, sogar den misanthropen, Frauen ablehnenden, ihr verklemmt vorkommenden Schopenhauer, der so kluge Dinge schrieb, verschlang sie. Sie las Marx und genoss Bebels Schriften, der so viel von Frauen hielt. Sie war nun eine normale Studentin mit ostdeutschen Papieren und Zeugnissen und als Geburtsort in ihrem Pass war Leipzig eingetragen. Die Mutter kam alle paar Wochen zu Besuch. Arm in Arm gingen sie Unter den Linden spazieren, sahen im Deutschen Theater von Heine „Deutschland ein Wintermärchen“ und besorgten Karten für das Theater am Schiffbauerdamm, wo Mutter Courage gegeben wurde oder sie hockten im Studentenzimmer in der Schönhauser Allee nebeneinander auf dem Boden, hörten Brahms und Dvorak oder die Mutter las ihr vor- wie früher in Köln.

Über die Zeit in Köln sprachen sie nicht, auch nicht darüber, dass in Ostberlin jegliche westliche Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsender tabu waren. Auch nicht darüber wie es Karl und dem Vater ging, wo sie waren und ob sie überhaupt noch lebten. Darüber, was die Mutter in der Sowjetunion tat und welche Auswirkungen der Atomunfall von Tschernobyl hatte, wurde auch nicht gesprochen. Davon musste die Mutter ja wissen, denn wenn sie Inga besuchte, kam ihr Flugzeug direkt aus Kiew. Helga hatte darüber berichtet, da ihre Familie regelmäßig Westsender schaute. Sie fragte auch nicht, wie es kam, dass sie die Mutter jetzt so oft sehen konnte. Aber Inga bemerkte bei jedem ihrer Besuche, wie angespannt und abgearbeitet sie war und wie sie es dann genoss, mit ihr, ihrem Kind, Zeit zu verbringen. Und als sie wieder abreiste – jedes Mal mit dem Flugzeug von Aeroflot von Schönefeld nach Odessa – wirkte sie erholt und um Jahre jünger.

Dass es in der DDR keine Bananen gab, keinen Kaffee, keine Schokolade und man sich für selbstverständliche Dinge wie Schrauben, Gummistiefel, Spülmittel anstellen musste, störte Inga wenig. Sie hatte immer ein Buch dabei oder war mit Freunden zusammen, was das Anstehen und auch den materiellen Mangel erträglich machte. Und sie erhielt zu ihrem Stipendium ja den Berlinzuschlag. Lisa studierte Psychologie, Helga Ökonomie, Hans und Anna waren in Philosophie eingeschrieben. Mit ihnen ging sie schwimmen und tanzen und mit ihnen verbrachte sie viele Wochenenden am Weißensee, wo Lisas Eltern eine gemütliche Datsche hatten und sie im Sommer Nachmittage lang nackt im Gras lagen. Ab 1986 diskutierten sie immer öfter darüber, dass es „so“ nicht weitergehen konnte. Dabei vergewisserten sie sich, dass sie alleine und außerhalb von Räumen waren, wo sie eventuell abgehört wurden. Und sie achteten auch darauf, dass keiner dabei war, der nicht zu ihrer Fünfergruppe gehörte, d. h. dem nicht zu trauen war. Diese vier Freunde durften erfahren, dass es in Ingas Leben Ungereimtheiten gab, dass sie in verschiedenen Kulturen gelebt und gelernt hatte, die nichts voneinander wissen sollten. Dass dies von Inga nur geleistet werden konnte, in dem sie strikte Tabus befolgte und keine Schlussfolgerungen und Bewertungen über die verschiedenen Bereiche ihres Lebens vornahm. Für Inga war dies nur scheinbar selbstverständlich geworden. Viel mehr stellte es eine ständige Anstrengung dar, sich innerlich zu spalten, was soviel Lebensenergie kostete, dass sie sich oft erschöpft und leer fühlte. Wenn sie ihren Freunden davon erzählte, bekam ihr Hals hektische rote Flecken, das Herz begann zu jagen, sie schwitzte, zitterte und konnte vor Atemnot oft nicht weitersprechen. Helga nahm sie dann in die Arme und wiegte sie wie ein noch sehr kleines Kind.

Die SED-Repression war überall zu spüren. Schüsse an der Mauer hallten immer wieder durch die Nacht, so dass Inga, die inzwischen in der Heinestraße wohnte, sich Watte in die Ohren drehte, um nichts zu hören. Trotzdem schreckte sie manchmal auf, lag dann wach und dachte an ihre Schulzeit in der Oberstufe in Köln und die Diskussionen mit dem Deutschlehrer, der sich so kritisch dem Sozialismus gegenüber gezeigt hatte und auf die realen Probleme und die faschistischen Tendenzen im Arbeiter- und Bauernstaat hinwies, was sie - naiv und unwissend, dafür umso vehementer - als „einzelne menschliche Schwächen“ abtat. Er hatte dann nur geseufzt und den Kopf geschüttelt. Er hatte mehr gewusst, als Inga sich damals hatte vorstellen können. Die Bürger waren unter ständiger Bespitzelung. Auch die wirtschaftlichen Engpässe waren immer mehr zu spüren. Und die Menschen wurden unzufriedener, noch unzufriedener.

5

Inga begann nach dem Studium, das sie mit Auszeichnung abschloss, im Verlag Volk und Wissen als Autorin für Schulbücher der Fächer Deutsch, Geschichte und Staatskunde sowie als Lektorin und Übersetzerin zu arbeiten. Sie war nun 27 Jahre alt. Fast neun Jahre waren vergangen, dass sie Karl und den Vater das letzte Mal gesehen hatte. Sobald sie an die Beiden dachte, schien sie ein so schweres Gewicht nach unten zu ziehen, dass sie nicht mehr aufstehen konnte. So blieb sie oft morgens einfach im Bett liegen, bis ein Kollege aus dem Verlag sie holte, dem sie einen Wohnungsschlüssel gegeben hatte oder sie blieb auf ihrem Stuhl im Verlag sitzen, bis die rundliche Putzfrau kam, sie sachte hochzog, ihr den Mantel über die Schulter legte und sagte: „Nu, meene Kleene is et ooch jenug, jetzt jehste nachhause.“

Die Mutter hatte ihre Besuche in Ostberlin beibehalten, ja verstärkt. Sie kam häufiger und blieb länger, wurde jedes Mal schwächer und durchsichtiger. Es hatte im Winter 1986 begonnen, dass sie bleich und fahrig, mit einem Gesicht, aus dem sich der Totenschädel abzeichnete, in Schönefeld ankam. Umso zärtlicher, war sie zu Inga. Und in der Woche, in der die Mutter da war, konnte sie soviel Liebe, Zärtlichkeit und Trauer bei ihr spüren, wie nie zuvor. Noch nie durfte sie ihr so nahe sein. Und diese Nähe blieb ihnen all die Wochen, die sie miteinander verbrachten. Sie spürten, welch ein besonderes Geschenk ihnen zuteil wurde und genossen jeden Augenblick - ahnend, dass sie sich gegenseitig alles waren. Wirklich alles, für das es sich gelohnt hatte und lohnte, diese Art von Leben zu führen. Und es bedurfte keiner Nachfrage, warum es so war und wie es werden würde.

Im Herbst 1987 besuchte Inga dann die Mutter, nachdem sie einen Anruf bekommen hatte: in russischer Sprache, formell, mit konkreten Anweisungen. Das Flugzeug landete in Odessa, ein Wagen mit einem stummen Fahrer brachte sie nach Sotschi zu jenem Krankenhaus, in dem sie selbst vor fast neun Jahren gewesen war. Ihre Mutter lag schmal und blass, umgeben von Apparaten mit denen sie verkabelt war, in einem frischbezogenen Bett und öffnete die Augen, als die Tür aufging. Inga ging langsam und leise auf sie zu, küsste sie auf die Stirn, sah ihr in die strahlenden Augen.

„Mein Kind, mein liebes Kind“ sagte sie.

Inga setzte sich und hielt ihre Hand. „Das ist jetzt das letzte Mal, dass wir uns sehen, oder?“

Die Mutter nickte, Tränen in den Augen.

„Mama, ich muss dich jetzt fragen dürfen und du sollst mir antworten, sonst kann ich nicht weiterleben.“

Ihre Mutter nickte wieder, jetzt gequält lächelnd.

„Wo ist Karl? Was ist mit ihm passiert?“

Ein Stöhnen ging durch den Körper der Frau, die Stimme war tonlos, der Zug um ihren Mund bitter: „Karl war bei der Invasion der russischen Truppen als Teil des KGB, der als Sturmtrupp nach Kabul unter Oberst Bajarinow gejagt wurde. Weil dein Vater ihn noch kurz vor der Stürmung der Stadt herausgezogen hat, hat er sich nicht mit diesen grausamen Menschenschändern schuldig machen müssen. Aber er hat darauf bestanden, weiter in Afghanistan zu bleiben und gegen die Stämme zu kämpfen, die es in den gebirgigen Unwegsamkeiten des Hindukusch der Sowjetarmee so schwer gemacht haben. Er wurde für den Mi 24 ausgebildet – als Inga fragend aufblickte, ergänzte sie – „einem Kampfhubschrauber, mit dem unsere Armee gute Erfolge hatte. Bis die Taliban von den USA die sogenannten „Stinger-Raketen“ bekamen. Auch von einfachen Kämpfern waren diese leicht zu bedienen. Karl war bei den ersten, die abgeschossen wurden. Er soll gleich tot gewesen sein. Das war im Dezember 1986 gewesen. Im Laufe dieses Jahrs wurde dann die Lufthoheit der sowjetischen Armee gebrochen. Wie es weitergeht, weiß keiner. Aber wohl nicht so wie es uns das ZK glauben macht.“

Durch Inga ging es wie ein Stromstoß, sie zuckte zusammen und sah um sich.

„Keine Sorge Kind, es hört uns keiner, ich habe das Zimmer absuchen und sichern lassen.“

„Und Vater?“ Inga wagte kaum zu flüstern.

Die Mutter antwortete laut, mit fester Stimme: „dein Vater war in den letzten Jahren kritisch dem ZK gegenüber geworden. Den KGB, dem er angehörte, sah er zunehmend außer Kontrolle geraten. Und er fand die sozialistischen und kommunistischen Ideale nicht mehr. Die Invasion in Afghanistan empfand er als Unrecht und er versuchte das ZK zu überzeugen, dass ein Krieg in diesem Land nicht zu gewinnen war. Damit war er unliebsam geworden. Man stellte ihn vor die Wahl, sich mit einer Mi 24 abschießen zu lassen, oder sich vor einem Militärgericht zu verantworten. Er ist mit Karl zusammen gestorben.“

Inga liefen die Tränen über das Gesicht.

Die Mutter fuhr fort: „mir konnten sie keine Untreue nachweisen. Ich war aus Köln zurückgekommen, war wieder an meinem alten Platz. Seit Mai 85 war ich so oft in Tschernobyl und dem Umland, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, wie lange ich überleben würde.“ Sie küsste Ingas Hand und sagte „aber es hat uns in den letzten beiden Jahren so eine gute Zeit beschert, nicht wahr, mein Mädchen? Und ich habe es geschafft, dass du aus allem herausgehalten wurdest.“ Sie lehnte sich erschöpft zurück, schloss die Augen und schien eingeschlafen zu sein.

In Inga tobte es. Sie sollte aus allem herausgehalten worden sein? Seit sie in Köln auseinandergerissen worden waren, war sie entwurzelt, denn die drei Menschen ihrer Familie waren ihr die einzige Heimat gewesen, die sie hatte. Und der Mensch, der ihr zuletzt alles gewesen war, wurde ihr jetzt auch genommen. Das laute Schluchzen schüttelte sie, sie fühlte nur noch Haltlosigkeit, Verzweiflung und tiefes Mitleid – mit der Mutter und mit sich selber.

„Ach mein Mädchen! Weine nicht. Du wirst all das, was uns zerstört hat, überleben. Glaube mir, es geht nicht mehr lange. Und Überleben ist das Allerwichtigste.“

Inga umarmte ihre Mutter noch einmal ganz zart, sah in ihre lächelnden Augen und streichelte sie. „Ich hab dich so lieb, Mamutschka.“

„Und ich dich erst, mein Inga Mädchen!“

Ingas Tränen liefen über das nun noch einmal aufstrahlende Gesicht. Als sie sich endlich von ihrer Mutter trennte, war es dunkel geworden.

Vor dem Krankenzimmer wartete die Ärztin, die Inga vor vielen Jahren nach ihrem Nervenzusammenbruch behandelt hatte. Sie nahm sie in den Arm, streichelte ihr über die Haare, wie sie es auch damals gemacht hatte.

„Wie geht es jetzt weiter?“

„Wir kümmern uns um alles. In zwei Tagen wird deine Mutter beigesetzt. Mit allen militärischen Ehren auf dem Ehrenfriedhof in Odessa. Bleib bis dahin bei mir, du sollst jetzt nicht allein sein.“

Inga half, die Mutter zu waschen und zu frisieren. Es wurde ihr die Uniform mit den goldenen Streifen und Sternen angezogen, der bereitstehende Sarg war aus schwerem Holz, sie lag auf rotem Samt.

Inga plagte eine heftige Übelkeit. Die Ärztin gab ihr ein Medikament, damit sie die Beerdigung mit den salutierenden Soldaten und den Reden der Funktionäre durchstehen konnte, ohne sich zu übergeben.

Auf der geschliffenen Grabplatte stand: Anna Reschke, Heldin der UdSSR, geboren 13.5.1936 in Novosibirsk, gestorben 20.10.1987 in Sotschi.

Der Name stimmte also. Immerhin der ihrige auch. Inga hatte einen Schleier getragen, niemand hatte ihr Gesicht gesehen. Niemand kannte sie außer der Ärztin, ihr gab sie ihre Adresse in Ost-Berlin und steckte ihre schnell in die Handtasche. Von der Mutter war eine Mappe mit Papieren, Fotos und Aufzeichnungen für sie gerichtet worden, die sie in ihrem Koffer verstaute. Am Flughafen wurde sie von einem Sowjetoffizier durch die Sicherheitskontrollen direkt ans Flugzeug gebracht. Zum Abschied nickte er ihr zu.

6

Zurück in Berlin, traf sich Inga mit Lisa und Helga. Sie waren so bedrückt, wie Inga sie noch nie erlebt hatte. Anna und Hans waren verhaftet und nach Rummelsburg in U-Haft gebracht worden. In den letzten Wochen hatten die beiden geplant, mithilfe eines westdeutschen Onkels, der in Lübeck lebte, über die Ostsee nach Dänemark zu flüchten. Die bleierne, missmutige und misstrauische Stimmung, die sich über die Stadt und über die ganze DDR gelegt hatte, wollten die Freunde nicht mehr aushalten. Ein Nachbar hatte sie bei der Stasi verraten.

Lisa hatte schon versucht über einen Cousin, der Stasioffizier war, und dem sie vertraute, etwas über ihr Ergehen zu erfahren, erfolglos. So blieb ihnen nur, zu hoffen, dass die Freunde keine allzu schlimmen Verhöre über sich ergehen lassen mussten und es ihnen im Gefängnis nicht zu schlecht erging.

Inga umgab wieder die wattige Wolke, hinter der sie kaum etwas wahrnahm. Keine lauten Geräusche, keine Farben, keine deutlichen Gefühle, alles war gedämpft, grau und unwirklich. In ihrem Kopf verhinderte eine breiige Masse, dass sie nachdenken konnte, in ihrer Brust waberten körperlose Schlieren, die einen vibrierenden, sehr hohen Ton erzeugten. Sie fühlte nichts außer einer ständigen Unruhe, die sie nicht schlafen ließ.

Sie ging wieder in den Verlag. Auf die Frage, wie denn der Urlaub war, antwortete sie „gut“ und blickte durch ihre Genossinnen und Genossen durch, wenn sie von ihnen besorgt gemustert wurde. Die beiden von ihr verfassten Schulbücher „Unsere kleinen Brüder und Schwestern in Kuba“ für die fünfte Klasse und „Russische Dramen und ihr Einfluss auf das Theater des Arbeiter- und Bauernstaats“ für die zwölfte Klasse waren gut aufgenommen worden. Der VEB Leiter lobte sie und wünschte ihr weiterhin „ein gutes Händchen.“

Den ganzen Winter verbrachte Inga mit Aufstehen, Verlag, Schlafengehen, sich im Bett wälzen. Sie war dünn geworden und sprach kaum noch.

7

Wenn er sie nicht angesprochen und sie auf die Narzissen aufmerksam gemacht hätte, die in den Beeten um die alte Staatsgalerie blühten, sie hätte den Frühling nicht bemerkt. Es schien ihn zu belustigen, dass sie erst so verwundert, dann ganz ungläubig reagierte und als sie in sein lächelndes Gesicht blickte, war es ihr, als ob sie aus einem langen Schlaf erwachen würde. Er stellte sich als Gisbert Schlesinger vor. Er sei Ingenieur aus Jena und zu einem Kongress nach Ostberlin gekommen. Ob sie wisse, wo man gut essen könne. Sie nannte ihm ein jugoslawisches Lokal in der Nähe des Alexanderplatzes und er fragte, ob er sie einladen dürfe. Es schien ihr, als ob sie auftauen würde, er war aufmerksam, fröhlich und sah nett aus. Er kannte sich gut in deutscher und russischer Literatur aus, liebte die Lieder und Opern von Kurt Weill und schien auch gereist zu sein, zumindest im Ostblock. Sie trafen sich in der Woche jeden Tag. Nach dem Kongress rief er sie jeden Abend aus Jena an, an den Wochenenden kam er nach Berlin. Dass sie nach Jena kam, das wollte er nicht, in Berlin sei es doch schöner. Von sich erzählte er wenig, wenn, dann von seiner Arbeit und alltäglichen Vorkommnissen im Betrieb. Aber er war ein guter Zuhörer, ein sehr guter sogar. Er brachte sie dazu von sich zu erzählen. Etwas, was sie selten unbefangen getan hatte. Aber bei ihm sprudelte es nur so aus ihr heraus. Er hatte eine dunkle, weiche Stimme, freundliche blaue Augen und einen schönen Mund. Und nichts schien ihn glücklicher zu machen, als wenn sie erzählte. Bald wusste er alles von ihr. Besonders die Jahre in Köln interessierten ihn. Davon konnte er nicht genug erfahren. Sie musste vieles immer wieder berichten. Sein Interesse an ihr und ihrem Leben machte sie stolz. Noch nie hatte sich jemand so für sie interessiert und dies in solch einer Intensität wahrgenommen, wie es Gisbert tat. Sie hatte das Gefühl, nach langen Jahren des Darbens lebendig zu sein, wieder etwas zu fühlen.

Inga mochte Sex. Seit sie siebzehn war, hatte sie immer wieder Freunde gehabt, manchmal Affären mit verheirateten Kollegen. Aufrechterhalten konnte sie diese Beziehungen nicht über längere Zeit. Auch ihr körperliches Verlangen wurde immer wieder gestört von den wochen-, manchmal monatelangen Phasen des abgestumpften gefühllosen mechanischen Lebens, das sie nur aushalten konnte, weil es Lisa, Helga, Hans und Anna gab. Und weil es ihre Mutter gegeben hatte und die Erinnerung an Karl und den Vater.

Nun war Gisbert da und es schien, dass sich ihre Verpanzerungen, die so viel grindigen, aufgerissenen Schorf angesetzt hatten, langsam auflösen wollten.

Es irritierte sie aber, dass bei Gisbert, so liebevoll, aufmerksam und zugewandt sein Verhalten ihr gegenüber war, kein leidenschaftliches Verlangen und sexuelle Lust zu spüren waren. Wenn sie ihn verführte, ließ er sich hölzern und mechanisch darauf ein. Sein Glied erigierte zwar, wollte aber nicht spielen, sondern kam schnell, immerhin ihre Leidenschaft berücksichtigend, zum Orgasmus. Dann schien es erleichtert, als ob es eine unangenehme Aufgabe hatte erledigen müssen und zog sich schnell zurück. Manchmal war es ihr, als ob sie mit dem staksigen Pinocchio schlafen würde. Nur dass nicht die Nase lang war, sondern der Penis hervorstand, um schnell wieder klein zu werden. Dass sie große Lust empfand, rief bei Gisbert keine Resonanz hervor, mehr noch, ihre Leidenschaft schien ihn zu langweilen. Bei ihren früheren Liebhabern war dies anders gewesen. Deren Verlangen war durch Ingas Lust befeuert worden.

Aber da Gisbert ansonsten sehr aufmerksam war, vergaß sie ihr Unbehagen immer wieder schnell. Es schien ihm nichts zu entgehen: er wusste ihre einzelnen Lebensstationen, die Geschichten ihrer Freundinnen, die Namen ihrer Genossinnen und Genossen im Verlag, ihre laufenden Arbeiten, sogar ihr Monatszyklus wurde von ihm genau registriert. Auf jedes Detail zu achten schien ihm eine Selbstverständlichkeit, der er mit automatisierter Routine nachging. Dass diese Fähigkeit ihr so viel Aufmerksamkeit zukommen ließ, genoss sie über alle Maßen. Noch nie im Leben hatte sie sich so wertvoll und wichtig gefühlt. Für Gisbert war sie der bedeutendste Mensch auf der ganzen Welt. Dessen war sie sich sicher. Absolut sicher.

Es rumorte immer mehr unter der bleiernen Oberfläche, die sich über ganz Ostdeutschland gelegt hatte. In Leipzig gab es jeden Montag offene Demonstrationen, der sich auch von der SED protegierte Künstler und Intellektuelle anschlossen. Inga hoffte inständig, dass Anna und Hans durchhielten bis es zum großen Umbruch kam und dass ihnen bis dahin nichts passierte.

Sie hatte in der Mappe ihrer Mutter, die sie von Sotschi mitgebracht hatte, ihre Kölner Geburtsurkunde, ihr Abiturzeugnis, ihre Prüfungszeugnisse und Diplome mit entsprechenden Daten und einen bis 1996 gültigen westdeutschen Personalausweis gefunden. Was hatte die Mama gesagt: „es wird nicht mehr lange gehen“.

Zu ihrem Erstaunen wurde Gisbert ab März 1989 plötzlich von sich aus im Bett aktiv. Wie Inga auffiel dreimal im Monat hintereinander und zwar an ihren fruchtbaren Tagen. Da sie genau in dieser Zeit im Monat schnell erregt war, kam ihr seine Veränderung sehr entgegen. Nach der „Brunftzeit“, wie sie es nannte, war ihr Zusammenleben, er war zwischenzeitlich nach Berlin gezogen, wieder sexlos.

Im Juli 1989 wurde Inga schwanger. Gisbert drängte auf Heirat. Für Inga war dies nicht wichtig, aber die Vorstellung, eine kleine richtige Familie zu haben, machte sie glücklich, so dass sie mit Freude einwilligte. Sie lud zur Trauung ihre Genossinnen und Genossen aus dem VEB, ihre 2 Freundinnen und die Ärztin aus Sotschi ein. Lisa und Helga waren Trauzeuginnen. Gisbert sagte, er habe niemanden, den er einladen wolle. Lisa und Helga fanden dies merkwürdig. Sie waren mit ihm die ganzen 15 Monate, die Inga mit ihm zusammen war, nicht warm geworden. Wenn sie Andeutungen machten, dass eine Ehe mit einem Mann, über den Inga eigentlich nichts wusste, doch etwas - wenn nicht gerade gefährlich (dies meinten die Freundinnen eigentlich) - so doch ungewöhnlich sei, winkte Inga lachend ab.