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Katzen sterben entweder jung oder sie werden ganz alt – soweit die Einschätzung von Katzenkennern. Und Kater Viktor wurde ganz alt. 20 Jahre lang hat er die die Familie der Autorin dazu gebracht, für ihn zu sorgen und seine Macken zu mögen. Wer Katzen kennt, wird nicht überrascht sein. Denn diese Charaktertiere auf Samtpfoten bringen uns bei, sich auf sie einzustellen. Dafür belohnen sie uns mit absolutem Wohlbefinden. Katzen stehen in inniger Bindung zu uns, wie sie rational nicht zu erklären ist. Sie lieben es häuslich, geraten aber auch in kniffelige Situationen. Viktor ist ein solcher Kater: eigensinnig, anspruchsvoll, ein autonomer Jäger in seinem großen Revier. Manchmal wird es lebensgefährlich für ihn und er kann nur gerettet werden, weil er zu seinen Menschen eine ganz besondere Beziehung hat. Aber treu ist er. Und er zeigt, wie man liebenswert und egoistisch zugleich sein kann.
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2020
Für meine Mutter, Helga Bürkle, eine wahre Katzenkennerin
Und Kater Viktor wurde ganz alt. 20 Jahre hat er in der Familie der Autorin gelebt. Natürlich hat er ihr beigebracht, seine Macken toll zu finden und zu zeigen, was ihm gerade genehm war. Wer Katzen kennt, wird nicht überrascht sein. Denn diese Charaktertiere auf Samtpfoten dressieren ihre Menschen geradezu. Dafür belohnen sie uns mit absolutem Wohlbefinden. Sie lieben es häuslich, geraten aber auch in kniffelige Situationen. Viktor ist ein solcher Kater: eigensinnig, anspruchsvoll, ein autonomer Jäger mit großen Revier. Manchmal wird es lebensgefährlich für ihn. Gerettet kann er nur werden, weil er in inniger Bindung zu seinen Menschen steht, wie sie rational nicht zu erklären ist. Und dieses treue Tier zeigt, wie man liebenswert und egoistisch zugleich sein kann
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Viktor ist eine Katze. Eigentlich war er ein Kater. Ein wunderbarer Kater. Ein schöner Kater. Eigen. Und ein großer Jäger. Mit anderen Katzen hatte er nichts im Sinn. Kämpfen wollte er nicht. Verfolgt von Katern oder Hunden sprang er ans Küchenfenster und ließ sich retten.
Gekriegt haben wir ihn im Mai 1995. Ein junger Bekannter hatte eine Katze, die vier Junge geworfen hatte. Das hatte er Konrad erzählt, der mir eine Geburtstagskarte gedruckt hatte, auf der eine Katze und die Worte standen: „Für dich - endlich die ersehnte Katze!“.
Meine Mutter, die gerade zu Besuch war - selbst eine verrückte Katzenliebhaberin, die nach jedem Verlust erklärt hatte: „jetzt kommt mir keine Katz´ mehr ins Haus“, rollte die Augen. „Du bist ja mit den Kindern schon überfordert, was willst du noch mit einer Katze?“.
Das war natürlich gemein von ihr und kränkte mich. Wenn sie auch ein bisschen recht hatte, dass es mit Haushalt, Job und Kindern nicht immer rund lief und ich oft am Rande des Nervenzusammenbruchs entlang schrammte. Das gab ich aber nicht zu, sondern entgegnete schnippisch: „zu Hause sind die Katzen doch auch einfach so mitgelaufen und haben keine Arbeit gemacht. Und außerdem wird mich ein Kätzchen entspannen!“.
Zum Augenrollen kam noch ein Schnauben, dann ein spitzes „wenn du meinst!“, womit sie sich um den Kuchen kümmerte.
Nicht dass ihr meint, wir wären sentimentale Katzenergebene gewesen. Meine Mutter hatte halt die Tiere, die uns zuliefen, aufgenommen und aufgepäppelt. Katzen waren immer dabei. Sie hielten Hof und Garten frei von Mäusen. Wenn sie über die Vögelchen herfielen, die unsere Bäume bevölkerten, wurden sie mit Steinchen beworfen, von denen viele erstaunlicherweise trafen, wobei unsere Mutter üblicherweise eigentlich nicht treffsicher war. Dies brachte die Katzen dazu, Vögel zu jagen, wenn meine Mutter es nicht sah. Wenn sie eine Eidechse oder einen kleinen Fasan brachten, schimpfte sie und verhieß ihnen, der Jäger würde sie erschießen, wenn sie ihm vor die Flinte kämen. So geschah es manchmal auch. Aber auch die Bundesstraße, die unweit unseres Hauses verlief, forderte ihren Tribut. Gegen Katzenseuchen impfte man früher nicht, die Katzen starben halt. Manchmal wurden sie durch eine Spritze des freundlichen Hausarztes erlöst, der regelmäßig zu meiner kranken Oma kam.
Dass die geliebte Mimi beim Sprung durchs schräg aufgestellte Fenster abrutschte, daran möchte ich gar nicht mehr denken. Stellt es euch bitte nicht vor. Es war eine der schlimmsten Momente meiner Jugend, diese liebe Kätzin herunternehmen zu müssen und schuld an ihrem Tod zu sein. Ich hatte nämlich vergessen, nach ihr zu sehen und hatte versehentlich die Tür zugemacht. Natürlich wurde sie begraben. Wie alle anderen Katzen auch. Mizzi, Mohrle, Mausi, Kitty und auch Mimi, sie bekamen alle ihr Grab. Mit Kreuz. Unser Grundstück war groß genug für alle zu Tode gekommen Tiere.
Wir Kinder weinten dann. Die Eltern blieben stoisch. „Das ist bei Katzen halt so. Entweder sie sterben jung oder sie werden ganz alt. Aber dann dürfen sie nicht fort. Das habe ich jeder Katz´ gesagt. Aber wenn sie halt nicht hören wollen! Dann geht es so aus. Es ist halt so.“ Mama weinte natürlich nicht. Wegen einer Katze weinen, das tat man nicht - damals. Früher. Für Tiere galten andere Regeln als für Menschen. Außerdem lebten, als ich Kind war, noch viele Leute, die den „Krieg“ oder sogar „beide Weltkriege“ erlebt hatten. Und die Menschen gekannt hatten, die den Krieg nicht überlebt hatten, weil sie direkt darin umgekommen oder in einem russischen Lager verhungert waren. Aber wenig zu essen hatte es bei allen gegeben, so wanderte zu „Kriegszeiten“ manch „falscher Hase“ in den Kochtopf. Dies wurde grinsend, gleichzeitig verschämt erzählt, manchmal sogar, wenn wir am Tisch saßen und es gerade etwas zu essen gab. Und dies inzwischen so viel, dass die Zeiten von richtigen und falschen Kaninchen rum waren, stattdessen gab es sonntags Schnitzel und wegen der Soße noch einen Rinderbraten dazu. Die Verwandten sahen auch nicht mehr aus wie Hungerkünstler, sondern die Frauen glichen römischen Matronen, die Männer schoben Bräuche vor sich her, die nicht nur vom Essen kamen. Und Onkel Albert – im letzten Aufgebot von Nazideutschland mit 16 Jahren noch an die Ostfront geschickt und ein Jahr später als Gerippe mit 42 Kilo wieder nach Hause gekommen – kenne ich nur als überaus runden Mann.
Für unsere Katzen bestand also keine Gefahr mehr, in irgendeinem Kochtopf zu landen. Vielmehr wurden sie von Mama aus demselben gut versorgt, bekamen Speisereste, die sehr willkommen waren. Sie fingen Mäuse und anderes Getier (siehe oben) und fraßen die Beute. An Weihnachten gab es, eingepackt, eine Dose Whiskas, die unter den Baum gelegt wurde. Für die Oma und meinen Vater ein Anlass, über fortgeschrittene Dekadenz und falsch verstandene Tierliebe zu lästern.
Der kleine Viktor kam 1995 aber nun in eine andere Periode der Mensch-Tier-Beziehung, in der ein Haustier haben, eine verantwortungsvolle Aufgabe bedeutete, wofür inzwischen ein großes Angebot an verschiedenem Futter, entsprechendem Equipment und Katzenratgeber zur Verfügung standen.
Martin, der Bekannte, hatte mich angerufen, um einen „Kätzchen-Aussuch-Termin“ zu vereinbaren: „du wirst dann spüren, welches Tier eine Verbindung zu dir herstellt und zu dir will“. Ich hatte es mir andersherum vorgestellt, nämlich, dass ich die Auswahl treffen würde und war verwirrt. „Seht ihr schon was Kater und was Kätzinnen sind?“ fragte ich. „Natürlich“ schnappte Martin – als ob es nichts Einfacheres geben könnte, als aus den zwei kleinen runden Bällchen, die kleine Kätzchen zwischen den Hinterläufen haben, auf deren Geschlecht zu schließen.
„Einen Kater und drei Mädchen haben wir“. „Na, dann ist ja alles klar. Wir nehmen den Kater. Wie sieht er denn aus?“ „Ein Tiger, dunkel- und hellgrau. Und etwas beige.“ Martin schien ein bisschen pikiert ob der allzu schnellen und unemotionalen Entscheidung. „O.k., ich bring ihn dann, wenn er entwöhnt ist.“
Ich antwortete „aber erst, wenn er auch ins Kistchen geht.“
Martin: „sonst noch Wünsche? Wie wollt ihr ihn denn nennen?“
„Viktor“. Das war mir gerade eingefallen.
Jetzt lachte Martin: „der Name passt. Euer Viktor ist schon dick und kräftig, weil er seine Schwestern ständig von den Zitzen wegdrückt und so das meiste abkriegt.“
„Ja, dann ist gut, die Kinder sind ja auch kernig, da wird er sich behaupten müssen“.
Als das kleine Katerchen dann gebracht wurde, waren wir, insbesondere ich, selig. Ein kleines dickes Kerlchen, getigert, mit einer wunderbar geformten Zeichnung auf der Stirn. Es hatte ein dickes Ärschlein, große grüne Katzenaugen, geringelte Beinchen und eine rosa Zunge, die sich anfühlte wie feines Schmirgelpapier, wenn es einem über den Finger leckte. Und diese Füßchen! Mit den kleinen Zehen, schon kleinen Krallen, die unten drunter weich gepolstert waren. An einem Fuß – links vorne – war das Hautpolster ganz schwarz, unter den anderen drei Füßen rosarot und dunkelgrau. Diese Öhrchen: zart und haarig, dass ich ständig darüber streichen wollte. Wenn ich ihn hochhob, ihn zart im Genick packte, und wenn ich dann sein Fell zwischen den Fingern der rechten Hand hatte, machte er sich steif. Dann ließ er sich regungslos an meine Schulter legen und kuschelte sich an mich. Und wenn er dann zu schnurren und treteln begann, dann spürte ich nur noch Glück. Großes, dickes, fettes, reines Glück.
Nun war er also da, der kleine Kater. Der erste Nachmittag war schnell vorbei, jeder von uns wollte ihn haben, mit ihm spielen, ihn streicheln. Kira fand das kurze Schwänzchen toll. Romeo wollte, dass Viktor einem Wollfaden hinterher lief. Konrad begutachtete seine spitzen Zähnchen. Meine Mutter strich ihm über sein weiches Fell und ich war hin und weg nur vom bloßen Angucken. Wenn wir den kleinen Wonneproppen mit unserer Begeisterung irgendwie verwirrt, geängstigt oder verunsichert haben sollten – er ließ sich nichts dergleichen anmerken. Er hielt still, wenn Kira sein Schwänzchen anfasste; wenn Romeo den Wollfaden zucken ließ, sprang er hinterher; er schlabberte verdünnte Kondensmilch, mit der ihn meine Mutter sofort zu korrumpieren versuchte. Er hielt es geduldig aus, dass Konrad seine Zähnchen inspizierte und bei mir lag er an der rechten Schulter und schnurrte.
Als es zum Schlafengehen ging, fragten die Kinder, ob der kleine Kater denn bei ihnen schlafen dürfe. Abgesehen davon, dass beide noch klein waren und dass Tiere im Bett nicht mit Konrads Hygienevorstellungen korrespondierten, fand auch meine Mutter, dass eine Katze nicht in ein menschliches Bett gehörte. Außerdem sollte eine Katze einen eigenen Platz haben, von dem aus sie ihr Kistchen erreichen konnte. „Denn Katzen müssen – wie wir auch – manchmal nachts aufs Klo.“ Ich selbst hätte den kleinen Kater ja selber gern in meinem Bett gehabt, was aber wegen Konrad (siehe oben) nicht ging.
Also entschied ich, Viktor solle die erste Nacht im Gästeklo mitsamt seiner Kiste mit Katzenstreu verbringen. Da war er auf kleinem Raum (100 x 60 cm) davor geschützt, sich im Haus zu verlaufen. Und wir waren davor geschützt, dass er, wenn er sich verliefe, die Teppiche voll pinkeln würde. Meine Sorge, er würde sich im stockdunkeln Gäste-WC ohne Fenster nicht zurechtfinden, zerstreute meine Mutter mit einem Kopfschütteln: „weißt du denn nicht, dass Katzen zur Orientierung ihre Schnauzhaare benutzen?“ Und tatsächlich, am Schnäuzchen beim kleinen Tiger waren wirklich schon welche. Nun bekam er ein kleines Schüsselchen Wasser, etwas Trockenfutter, eine kleine Decke und sein Katzenklo in vorne beschriebenen 0,6 m2 und darin war dann wirklich kein Platz mehr, sich zu verirren. Ich setzte ihn auf die Decke und schloss die Tür.
Am nächsten Morgen, es war Sonntag und alle zu Hause, öffnete ich vorsichtig die Klotür. Ein verschlafenes Katerchen hob den Kopf, öffnete die Augen, gähnte herzhaft mit einem eindeutigen Babygeräusch und richtete sich auf. Er machte einen kleinen Buckel, was an seinem noch kurzen Körper mit dem molligen Bauch ganz drollig aussah und reckte und streckte sich. Er schien ein bisschen was gefressen zu haben, in der Katzenstreu war ein kleines Pieselchen und die Decke hatte er auch benutzt. Wenn er sich in der ungewohnten neuen Umgebung geängstigt haben sollte, war ihm auch dies nicht anzumerken. Während ihn noch fünf Augenpaare erwartungsvoll anblickten, kam er zur Tür, schlüpfte durch unsere Beine, offensichtlich war er bereit, seine neue Heimat zu erkunden.
