Der Lohn der Sünde - Peter Tremayne - E-Book
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Der Lohn der Sünde E-Book

Peter Tremayne

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Beschreibung

Das Geheimnis des Goldenen Steins.

Irland 671. Bunt bemalte Wagen sind auf dem Weg nach Cashel. Die Akrobaten, fahrenden Sänger, Zauberer wollen dort am Großen Jahrmarkt anlässlich des Beltaine-Festes teilnehmen. Doch etwas trübt die Freude: Eine junge Frau, die sich mit ihrem Wagen den Schaustellern angeschlossen hat, wird ermordet. In ihrem Wagen findet man die Leichen eines jungen Mannes. Sind die geheimnisvollen Messingsplättchen mit dem Raben darauf, die beide am Handgelenk tragen, ein Hinweis auf ihre Herkunft und die Mörder? Und was hat es mit dem Goldenen Stein auf sich? Eine schwierige und gefährliche Aufgabe für Fidelma und Eadulf.

„Wer einen Roman von Peter Tremayne gelesen hat, der möchte sie alle lesen.“ NDR.

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Seitenzahl: 538

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Informationen zum Buch

Das Geheimnis des goldenen Steins

Irland im Herbst 671: Bunt bemalte Wagen fahren nach Cashel, zur Burg des Königs von Muman. Die Akrobaten, fahrenden Sänger, Zauberer wollen am Jahrmarkt zur Sommersonnenwende teilnehmen. Doch dann werden in einem der Wagen die Leichen eines jungen Mannes und einer jungen Frau gefunden. Ein geheimnisvoller goldener Stein und eine Messingscheibe mit dem Kopf eines Raben sind die einzigen Hinweise, die Fidelma und Eadulf auf die Spur der Mörder führen könnten.

»Tremaynes Keltenkrimis haben inzwischen weltweit Kultstatus erreicht.« BuchMarkt

»Wer einen Roman von Peter Tremayne gelesen hat, möchte sie alle lesen.« NDR 1

Peter Tremayne

Der Lohn der Sünde

Historischer Kriminalroman

Aus dem Englischenvon Irmhild und Otto Brandstädter

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Personenverzeichnis

Übersichtskarte

Anmerkung des Autors

Kapitel 1

Kapitel2

Kapitel3

Kapitel4

Kapitel5

Kapitel6

Kapitel7

Kapitel8

Kapitel9

Kapitel10

Kapitel11

Kapitel12

Kapitel13

Kapitel14

Kapitel15

Kapitel16

Kapitel17

Kapitel18

Kapitel19

Kapitel20

Über Peter Tremayne

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Gewidmet Vicky und Stef Van Leeuwen

und auch Harry, Callum und Ella

Et inferus et mors missi sunt in stagnum ignis

haec mors secunda est stagnum ignis.

Vulgata, Apocalypsis20, 14

Und der Tod und die Hölle wurden geworfen in den feurigen Pfuhl.

Das ist der andere Tod.

Offenbarung20, 14

Hauptpersonen

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham aus dem Lande des Südvolks, ihr Gefährte

Auf der Burg Cashel

Colgú, König von Muman, Fidelmas Bruder

Finguine, tánaiste oder ernannter Thronfolger

Alchú, Fidelmas und Eadulfs Sohn

Muirgen, Alchús Kinderfrau

Dar Luga, airnbertach, Haushälterin der Burg

Bruder Conchobhar, Heilkundiger und Apotheker

Ferloga, Gastwirt und Marktaufseher im Rath na Drinne

Ségdae, Abt von Imleach und Oberster Bischof von Muman

Fíthel, Oberster Brehon von Muman

Krieger der Nasc Niadh, der Leibwache des Königs

Aidan, zeitweiliger Befehlshaber

Enda

Luan

In der Ortschaft Cashel

Rumann, ein Gastwirt

Cerball, Lord von Cairpre Gabra

Mitglieder der Cleasamnaig Baodain (Baodains Gauklerschar)

Baodain, Prinzipal der Gauklerschar

Escrach, seine Frau

Echdae, ein Kunstreiter

Echna, seine Partnerin

Tóla, ein Reitknecht und Zureiter

Ronchú, ein Zauberkünstler

Comal, seine Frau

Im Marschland der Osraige

Rechtabra, ein Bauer

Ríonach, seine Frau

Duach, Freund Rechtabras

Cellaig, Freund Rechtabras

Ruán, Brehon von Coileach, dem Herrn der Marschen

Dar Badh, eine Dienstmagd

Auf den Bergen mit der Hochebene

Bruder Finnsnechta, ein Einsiedler

In der Abtei Cill Cainnech

Feradach, cenn feadh, Hauptmann der Stadtwache

Abt Saran

Bruder Failge, sein Verwalter

Anmerkung des Autors

Die Ereignisse in diesem Roman folgen denen, die im Band »Sendboten des Teufels« geschildert wurden. Wir schreiben das Jahr671 und befinden uns in den letzten Tagen des Monats Giblean, wie früher der April genannt wurde. In Cashel wird anlässlich des Bealtaine-Festes der Große Jahrmarkt vorbereitet, der am ersten Tag des Monats Mai, wie wir heute sagen, beginnt. In Cormacs Glossar aus dem 9.Jahrhundert (Sanas Chormaic) findet sich dafür die Bezeichnung cét-sam-sín, erste Tage des Sommerwetters.

Es mag für den heutigen Leser aufschlussreich sein, dass in den Annalen und Chroniken Irlands für die Zeit, die unmittelbar vor unserer Geschichte liegt, der Brand und die Zerstörung dreier großer Abteien verzeichnet werden: nämlich Armagh, Bangor und »Haus des St. Telle«, das Letztere lag an der Grenze der Grafschaft Westmeath. Die Jahresangaben in den verschiedenen Annalen weisen geringfügige Unterschiede auf. Ich vertraue auf die Datengenauigkeit der Annála Ríogachta Éireann (Annalen des Königreichs Irland), die im Allgemeinen als »Annalen der Vier Meister« bekannt sind.

Ebenfalls von Interesse dürfte sein, dass Clochar (anglisiert als Clougher in der Grafschaft Tyrone– wörtlich: Ort des Steins) der Baugrund einer Abtei und späteren Kathedrale war, die von St. Macartan (Aedh Mac Cairthinn), dem Schüler und Freund des heiligen Patrick, gegründet wurde. Heute steht dort nur eine kleine Kirche. In der Heiligenlegende Félire Óengusso aus dem 9.Jahrhundert wird berichtet, dass rechts neben dem Portal der Kathedrale ein Stein stand, der einstmals mit Gold und Silber überzogen war. Er wurde Cermand Cestach genannt und schon von vorchristlichen Gläubigen verehrt. Cermand gilt als eine lokale Gottheit, und Cestach lässt sich als »dunkles Rätsel« deuten. Auch der Begriff Cloch Ór (Goldener Stein) ist überliefert und wird in der mittelalterlichen Vita S.Macarthinni Episcopi Clocharensus erwähnt. Der Stein, auf den in Schriften bis ins 18.Jahrhundert Bezug genommen wird, muss ein bedeutendes Heiligtum der Druiden gewesen sein. Heute scheint er jedoch nicht mehr zu existieren.

Dem geographisch interessierten Leser sei gesagt, dass sich hinter der heutigen Bezeichnung Thurles in der Grafschaft Tipperary das alte Durlus Éile verbirgt. Cill Cainnech (im heutigen Irisch Cill Chainnigh) ist natürlich Kilkenny; Sliabh Ard Achaigh (im modernen Irisch zu Sliabh Ardagh verkürzt) sind die Slieveardagh-Berge, d.h. die Berge mit der Hochebene. In der Nähe davon gibt es immer noch den Ort Tulach Ruán, an dem Brehon Ruán lebte (jetzt Tullaroan geschrieben); und Osraige heißt nun Ossory.

Kapitel 1

Bunt bemalte Wagen, vor die geduldig dahintrottende Maultiere oder auch Ochsen gespannt waren, zogen in langer Reihe auf der Slíge Dála dahin. Das war die befestigte Hauptstraße, die von Tara im Nordosten bis nach Cashel führte, dem Hauptort von Muman, dem am weitesten südwestwärts gelegenen der Fünf Königreiche auf der großen Insel Éireann. Von einer Anhöhe schauten zwei Reiter hinunter auf diesen »Weg der Blinden« und auf den langsam dahinziehenden Tross. Die Landstraße nannte man tatsächlich so, weil sie so durchdacht angelegt war, dass selbst Blinde sich sicher darauf fortbewegen konnten.

»Wo mögen die hinwollen?«, fragte Bruder Eadulf erstaunt, denn er und sein Begleiter hatten gerade den Anstieg hinter sich gebracht und erblickten nun den Zug der sechs oder sieben Planwagen.

Der junge Krieger Aidan an seiner Seite grinste belustigt. Er gehörte zur Leibwache des Königs von Muman, den Berittenen vom Goldenen Halsreif.

»Nach Cashel, Freund Eadulf. Wohin sonst sollten die um diese Jahreszeit ziehen?«

»Versteh ich nicht.« Eadulf hatte es noch nicht begriffen. Wo die Slíge Dála endete, wusste er natürlich. Vor Jahren war er selbst einmal die ganze Strecke von Cashel nach Tara und zurück geritten. Doch Aidans Tonfall sagte ihm, dass es dort noch etwas Besonderes geben musste.

»Hast du etwa vergessen, dass in ein paar Tagen Bealtaine gefeiert wird, das Fest der Feuer des Bel?«

Eadulf runzelte die Stirn und suchte sich zu erinnern. »Und das ist der Grund?«, fragte er.

»Na, da wird doch der Große Jahrmarkt von Cashel abgehalten. Und außerdem feiern wir dann auch den Beginn der Sommerweide.«

Jetzt dämmerte es ihm. »Hatte ich glatt vergessen«, gab er zu. »Während der Festtage bin ich nie in Cashel gewesen. Immer wenn der Jahrmarkt stattfand, waren Fidelma und ich in anderen Teilen der Welt unterwegs.«

»Da wirst du umso mehr Spaß haben, wenn du ihn jetzt zum ersten Mal erlebst. Neun Tage dauert das Fest, und dabei gibt es sportliche Wettkämpfe aller Art, zum Beispiel Bogenschießen, Waffengänge mit Schwert, Keule und Spieß und natürlich Pferderennen. Akrobaten und andere Gaukler führen die erstaunlichsten Kunststücke vor. Essen und Trinken wird in Hülle und Fülle geboten, und der König und sein Oberster Brehon laden zum großen Festmahl ein… Also verglichen mit unserem Jahrmarkt sind die gerühmten Märkte von Tailltenn, Tlachtga und Carman geradezu armselig.«

Die begeisterte Schilderung nahm Eadulf mit einem Lächeln hin und ließ kein Auge von den stetig nach Südwesten ziehenden Wagen. Unmittelbar vor ihm lag jetzt ein Knüppeldamm, den man über ein Moorgebiet gebaut hatte. Auf festem Untergrund genügten gestampfte Erde und Steine zur Befestigung. Aber um Sumpfstrecken in den Marschen zu überqueren, waren die Wegebauer anders vorgegangen. Längs gelegte Birkenstämme bildeten die Seitenbegrenzung, quer wurden Eichenbohlen darübergelegt, die mit ihrem Gewicht die Stämme niederdrückten und festhielten. Die glatte Oberfläche, die so breit war, dass Gespanne selbst in voller Fahrt aneinander vorbeikamen, wurde von den Planken gebildet. In gewissem Sinne entstand so ein Ponton, der auf dem Morast schwamm. Über Bäche und Flüsse hatte man meist Brücken aus Holz oder Stein errichtet. Immer wieder hatte der Straßenbau Eadulf beeindruckt. Es gab strenge Gesetze, die den Unterhalt der langen Verbindungswege regelten; in ihrem jeweiligen Gebiet waren die Stammesführer dafür verantwortlich.

Eadulf wusste, dass es von hier noch etwa zwölf Meilen bis zum Rock of Cashel waren. Der riesige Felsblock, auf dem die Könige von Muman ihre Burg gebaut hatten, ragte weithin sichtbar aus der ihn umgebenden Ebene auf. Im Tiefland gab es Moore, aus denen sich kleine Hügel erhoben wie Inseln aus einem Meer. Auch konnte das Moor ebenso trügerisch und erbarmungslos sein wie die See: Kam jemand vom Wege ab, war er hoffnungslos verloren. Wie hatte er eigentlich vergessen können, dass der Festtag mit den Feuern des Bel, dem alten Gott des Lichts, bevorstand? Die Landschaft war doch mit einem Teppich gelber Blüten, den Symbolen des Feuers, überzogen. Überall leuchteten Ginsterbüsche und Sumpfdotterblumen, selbst Habichtskraut war ab und an zu sehen..

Eine der Moorinseln jenseits der Fahrstraße kannte Eadulf. Eichen standen auf ihr dicht an dicht, von Efeu umrankt. Daire Eidnech hieß der Flecken deshalb– das von Efeu überwucherte Eichengehölz. Zwischen den Bäumen dort befand sich eine kleine Klostergemeinschaft, die der heilige Ruadhán von Lothra vor hundert Jahren gegründet hatte.

Kurze, durchdringende Vogelschreie ließen Eadulf zur blassen Sonne des Spätfrühlingstages aufschauen. Über ihm schwebte ein Vogel mit grauem und rostrotem Gefieder, das musste ein Turmfalke sein. Eben wollte der sich auf seine Beute stürzen, doch das Kaninchen sprang davon, und der Falke hatte das Nachsehen. Eadulf freute sich, dass das Langohr entkommen war. Warum legten die Kaninchen hier keine Baue an wie in seinem Heimatland? Sie begnügten sich mit einem Lager in einem hohen Moospolster. Doch gleich gab er sich selbst die Antwort: Im nassen Moor einen trockenen Bau zu graben, war einfach unmöglich.

»Wir müssen zusehen, dass wir bald auf den Hauptweg dort unten gelangen, wenn wir Cashel noch im Hellen erreichen wollen«, unterbrach Aidan Eadulfs Gedanken und wies dabei auf den Sonnenstand.

Er nickte zustimmend und trieb mit Schenkeldruck seinen stämmigen Falben mit dem schwarzen Stirnfleck an. Der junge Krieger ritt voraus, und nach einer Weile gerieten sie wieder auf den schmalen trockenen Pfad, dem sie durch die Marschlandschaft gefolgt waren. Es war nicht schwierig, sich an diese Reitwege zu halten, die sét genannt wurden. Von Mooshügel zu Mooshügel zogen sie sich kreuz und quer durchs Moor, doch hin und wieder war Vorsicht geboten, schon ein Schritt vom Wege konnte unheilvoll sein, denn rechts und links gähnte bodenloser Morast. Selbst Pfade wie diese, auf denen sich nur ein Pferd hinter dem anderen bewegen konnte, waren im Gesetz aufgeführt, und die Stammesältesten standen in der Verantwortung, sie begehbar zu halten.

Es dauerte geraume Zeit, bis sie an den breiten Dammweg kamen und sich eine Pause gönnten.

»Wir erreichen Cashel noch bei Tageslicht«, meinte Aidan zuversichtlich. »Der vor uns liegende Weg ist eben, und wir könnten sogar Trab reiten, wenn du möchtest. Auf der kurzen Strecke ermüden wir die Pferde nicht.«

Aber Eadulf schüttelte den Kopf. Er war kein geübter Reiter und musste sich jedes Mal überwinden, eine Reise auf dem Pferderücken anzutreten. Schon bei einem leichten Galopp fühlte er sich unwohl und fürchtete, den Halt zu verlieren; das Tier mochte noch so fügsam sein. »Wir schaffen es auch in ruhiger Gangart«, versicherte ihm sein Begleiter rasch. »Haben ja genug Zeit.«

In bedächtigem Schritt zogen sie los und genossen die Nachmittagssonne, die zwar schwächer wurde, aber immer noch wärmte. So hatten sie bald ein paar Meilen auf der allmählich aus den Marschen ansteigenden Straße zurückgelegt und erblickten schon die höheren Berge im Süden und Westen. Während sie an einem lichten Gehölz vorbeiritten, sahen sie Rauchwolken und verspürten den beißenden Geruch von etwas Brennendem. Nach der nächsten Wegbiegung hatten sie ein langes, gerades Stück Straße vor sich. Da standen all die Wagen, die sie zuvor von der Anhöhe beobachtet hatten.

Sofort war klar, woher der Rauch kam. Vom letzten Wagen in der Reihe stiegen die Schwaden auf, wenn auch keine Flammen mehr züngelten. Männer und Frauen standen umher, hielten Eimer in den Händen, auch Strauchbesen oder sogar Decken. Die Ochsen des Unglückswagens hatte man ausgespannt und etwas weiter weg in Sicherheit gebracht. Zwischen den Leuten, die das Feuer gelöscht hatten, war es augenscheinlich zu einem Streit gekommen, man schrie sich an und gestikulierte wild.

Um schneller bei ihnen zu sein, gab Aidan seinem Pferd die Sporen. Als die Streitenden die herantrabenden Pferde hörten, verstummten sie und blickten ihnen argwöhnisch entgegen.

»Ist jemand verletzt?«, rief Aidan und zügelte sein Ross. Großen Schaden hatte das Feuer offensichtlich nicht verursacht.

Eine Antwort erhielt er nicht gleich, doch aller Augen richteten sich auf einen großen Mann mit breiten Schultern, der sich vordrängte. Er sah wie ein Hufschmied aus. Sein Lederwams ließ die muskulösen Arme frei. Blaue Augen standen in auffälligem Kontrast zum dunklen krausen Haar.

»Wer bist du?«, fragte er unwirsch, murmelte jedoch: »Entschuldige, Krieger!«, sobald er den goldenen Reif um AidansHals wahrnahm. Das Rangabzeichen der Nasc Niadh, der Leibwache des Königs von Muman, war ihm bekannt.

»Und wer bist du?«, fragte Aidan kurz angebunden.

»Ich bin Baodain, Anführer der Cleasamnaig Baodain. Du hast gewiss schon von uns gehört?«

»Baodains Gauklertruppe?«, wiederholte Aidan.

»Wir wollen die Leute unterhalten und ziehen nach Cashel zum Großen Jahrmarkt.«

»Das habe ich mir schon gedacht«, erwiderte der junge Krieger. Er zeigte auf den angekohlten Wagen. »Ich frage noch einmal: Ist jemand zu Schaden gekommen? Können wir irgendwie helfen?«

Verunsichert wandte sich Baodain zu seiner Truppe um. »Der Kutscher von dem Wagen ist in dem Qualm ohnmächtig geworden«, sagte er dann.

Eadulf hatte das Gefährt bereits in Augenschein genommen; etwas Ähnliches war ihm in diesem Land noch nicht begegnet. Es war ein an allen Seiten geschlossener, vierrädriger Kasten mit einem halbrunden Holzdach. In Gallien hatte er so etwas gesehen und öfter noch in Rom. Dort bezeichnete man so einen Kutschwagen sogar mit dem keltischen Wort rheda. Ganze Familien fuhren damit zu ihren Sommervillen außerhalb der Stadt. Sechs Leute konnten darin sitzen und hatten noch Platz für Gepäck. Das Gefährt hier wirkte wie eine Holzhütte auf Rädern und war von dem Feuer kaum in Mitleidenschaft gezogen worden, Brandspuren gab es lediglich neben dem Kutschbock. Wenn der Kutscher dort gesessen hätte, schlussfolgerte Eadulf sofort, müsste er Verbrennungen erlitten haben. »Ist der Kutscher schwer verletzt?«, fragte er den Mann, der sich als Baodain vorgestellt hatte.

Der zuckte mit den Schultern.

»Der Kutscher ist tot«, rief eine Frau so laut von hinten, dass sich alle nach ihr umdrehten. Sie stand am Ende des nächsten Wagens, jung und hübsch sah sie aus.

Eadulf schwang sich vom Pferd. »Ich muss mir die Leiche ansehen.«

Baodain stellte sich ihm in den Weg. An der Aussprache hatte er gemerkt, dass der Mann in der Kutte aus einem anderen Land kam. »Wir dulden nicht, dass sich ein fremder Mönch hier einmischt«, brummte er. »Wir nehmen die Sache selbst in die Hand.«

Aidan beugte sich vom Pferd und packte in unmissverständlicher Drohgebärde den Griff seines Schwerts. »Das ist Eadulf, der Mann von Lady Fidelma, Schwester des Königs Colgú von Cashel«, sagte er knapp. »Du wirst seinen Anordnungen folgen, und wenn nicht, bekommst du es mit mir zu tun. Ich bin Aidan, der Befehlshaber der Leibgarde des Königs.«

Baodain zögerte kurz, als wollte er sich widersetzen, schnaubte und ging zur Seite. Diese Geste bewirkte, dass alle anderen zurücktraten und Eadulf zum nächsten Gefährt in der Wagenreihe gehen ließen. Dort lag am schlammigen Wegrand eine Gestalt mit dem Gesicht nach unten. Offensichtlich hatten die Flammen nur ihre linke Seite erfasst. Der Geruch von angesengtem Fleisch schlug ihm entgegen, doch er überwand seinen Widerwillen und kniete sich neben den Toten. Es schien ein junger Bursche zu sein. Er war in einen langen Umhang aus grobem Wollstoff gehüllt, der nun teilweise verbrannt war. Die Füße waren auffällig klein, eine Sandale war abgefallen und lag daneben. Die wollene Kapuze war nur wenig beschädigt und bedeckte fast den ganzen Kopf.

Eadulf drehte den Leichnam auf den Rücken, dabei fiel die Kapuze zurück, und Eadulf schreckte auf. Der unversehrte Teil des Gesichts ließ eindeutig eine junge Frau von vielleicht zwanzig Jahren erkennen. Selbst im Tod und mit leicht verzerrten Gesichtszügen war das Mädchen mit dem herzförmigen Antlitz schön. Fast glaubte er, unter der blassen Haut wäre noch ein Hauch von Leben, und sie könnte gleich die Augen aufschlagen und ihn anlächeln.

Er presste die Lippen aufeinander und mühte sich, seiner Erregung Herr zu werden. Hinzunehmen, dass der Tod ein junges Mädchen von solcher Schönheit ereilt hatte, war schwerer, als wenn ein alter und abgehärmter Toter vor einem lag. Eines beschäftigte ihn besonders: Die Brandwunden an ihrer linken Seite waren nicht so schlimm, als dass sie davon hätte sterben müssen. Schmerz und Schreck dürften die Ursache gewesen sein, ja, vielleicht war der Schreck so heftig gewesen, dass ihr Herz versagt hatte. Aufmerksam glitt sein Blick über den Leichnam, suchte nach weiteren Wunden. Er fand keine. Der Tod musste gewiss erst vor kurzem eingetreten sein, das Gesicht war sehr bleich, die Lippen waren noch purpurrot und die Gesichtsmuskeln angespannt. Rasch tastete er den Körper nach irgendwelchen Dingen ab, aus denen sich schließen ließ, wer sie war. Doch das ergab nichts, auch die Kleidung bot keine Aufschlüsse. An einer Sandale aber steckte etwas zwischen den Lederriemen. Es war ein Streifen Pergament, nicht größer als eine Handfläche.

Möglichst unauffällig entfaltete er den Streifen Pergament und war enttäuscht. Die Zeichen darauf waren in der alten Ogham-Schrift. Die wurde aus kurzen Strichen gebildet, die auf einer Grundlinie standen oder sie unterschnitten. Er hatte sich nie die Mühe gemacht, diese Schrift zu erlernen, weil sie längst nicht mehr in Gebrauch war, selbst die Sprache, die damit geschrieben wurde, war altertümlich, bérla na filed nannte man sie, die Sprache der Dichter. Da ihm das Gekritzel nichts sagte, steckte er das Papier in den Lederbeutel, den er stets am Gürtel trug. Schließlich erhob er sich und sah Baodain und seine Leute an, die ihn umringten.

»Du hast mir nicht gesagt, dass der Kutscher eine Frau war«, stellte er fest. Erschrockenes Aufstöhnen zeigte, wie überrascht und entsetzt alle waren.

Baodain trat ein paar Schritte vor und starrte auf die Leiche. »Woher hätte ich das wissen sollen?«, fragte er verunsichert, auch er war sichtlich erstaunt. »Wie ein Junge war sie gekleidet und hat sich auch so gegeben. Mit dem Gespann war sie allein unterwegs.«

»Und nun ist sie tot«, erklärte Eadulf mit Nachdruck. »Wie hieß sie? Den Namen wirst du wohl behalten haben?«

»Der Junge… das Mädchen… hat mir keinen Namen genannt.«

»Sie hat doch zu deinem Trupp gehört«, fuhr Eadulf ihn an. »Willst du mir etwa weismachen, du hast nicht gewusst, dass sie ein Mädchen war oder wie sie hieß?«

»Er… sie… hat nicht zu unserer Truppe gehört«, wehrte sich Baodain. »Der Junge… eh, das Mädchen… war eine Fremde. Er… sie… hat sich uns erst heute Mittag angeschlossen. Wir alle sonst kennen einander, und manche von uns sind sogar miteinander verwandt.«

»Von woher bist du mit deiner Truppe gekommen?«

»Wir sind schon viele Wochen unterwegs.« Baodain umging die Frage.

»Wo kommt ihr her?« Eadulf ließ nicht locker.

»Zuletzt sind wir auf dem Jahrmarkt von Uisneach aufgetreten.«

Eadulf war der Ort bekannt, dort befand sich der Mittelpunkt der Fünf Königreiche, denn am Aill na Mireann, dem »Grenzstein«, trafen ihre Gebiete aufeinander. Das war ein riesiger Steinblock, den die Vorfahren vor Urzeiten errichtet hatten. Geographisch betrachtet, lag der heilige Bezirk in Midhe, dem Mittleren Königreich, und eben dort waren vor Zeiten die Hochkönige inthronisiert worden, die später ihren Hauptsitz nach Tara verlegten.

»Ihr seid also südwärts durch Laigin gezogen und habt dann diesen Hauptweg erreicht. War das schon bei Durlus, oder seid ihr über Cill Cainneach gekommen?«

»Du weißt ja gut Bescheid in unserem Land, Bruder aus der Fremde«, meinte Baodain herablassend.

»Ich versuche mir nur klarzumachen, wo das Mädchen zu euch gestoßen ist.«

»Wie ich gesagt habe, sie hat sich uns erst heute angeschlossen, so gegen Mittag. Wir haben Rast gemacht und unsere Tiere getränkt. Bei der kleinen Siedlung am Torfstich war das, nicht weit vom Abzweig nach Durlus Éile. Das heißt…«

»Ich weiß, wo das ist«, unterbrach ihn Eadulf barsch. »Wie und warum wollte sie mit euch ziehen?«

Um Baodains Mundwinkel zuckte es verärgert, doch nach einem Blick auf Aidan redete er weiter. »Wir haben an dem Bach dort gerastet und haben die Tiere getränkt, wie ich schon gesagt habe, als dieser Wagen da…«, er wies auf das seltsame Gefährt, »aus dem Waldstück auftauchte.«

»Aus welcher Richtung?«

»Von Norden.«

»Von woher kommt dieser Nebenweg?«

»Alle diese Wege schlängeln sich durch das riesige Moor«, erklärte ihm Aidan. »Da mit einem Wagen durchzuwollen, ist keine gute Idee. Meist sind es nur schmale Pfade. Von Durlus Éile wäre es noch am ehesten möglich.«

»Der Wagen ist also durch die Marschen von Norden her gekommen bis zu der Stelle, wo ihr Rast gemacht habt. War’s nicht so?« Eadulf wartete, bis Baodain das bestätigte. »Und was geschah dann?«

»Wie schon erwähnt, wir hielten den Kutscher für einen jungen Burschen. Seinen Namen hat er nicht gesagt, aber dass er unterwegs nach Cashel ist, hat er gesagt und gefragt, ob er sich unserem Zug anschließen darf. Er wollte lieber in Gesellschaft fahren als ganz allein. Warum hätte ich ihm das verweigern sollen? Jeder weiß doch, es ist besser, auf den großen Straßen zu mehreren Wagen unterwegs zu sein, wegen der Räuber. Besonders gesprächig war der Junge nicht, und nachdem alle aufgebrochen waren, brauchte sich ja keiner mit ihm zu unterhalten. Wir sind ganz ruhig auf der Straße nach Cashel weitergezogen, bis vor kurzem das Feuer ausbrach und wir angehalten haben, und dann seid ihr gekommen.«

»Demnach habt ihr weder ihren Namen gewusst noch woher sie kam?«

»Eigentlich hat sie nur gefragt, ob sie sich uns anschließen darf«. Baodain zuckte die Achseln und schwieg.

Eadulf schaute zum Kutschbock hin, wo es eben noch gebrannt hatte. »Es liegt nahe, anzunehmen, dass sie vom Wagen gesprungen ist, als die Flammen hochschlugen, und noch ein paar Schritte gelaufen ist. Weiß jemand, wie das Feuer entstanden ist?«

Einer der Männer machte sich bemerkbar. Er sah blässlich aus, hatte sandfarbenes Haar. »Soviel ich vom Feuer gesehen habe, also der Junge… das Mädchen… muss das Feuer versehentlich entfacht haben und ist von den Flammen überrascht worden. Sie muss vom Wagen gesprungen sein, um sich zu retten.«

»Und wer bist du?«, fragte Eadulf.

»Ich heiße Ronchú. Meine Frau und ich…«, er wies mit einer Kopfbewegung zu der hübschen jungen Person, die gerufen hatte, dass der Kutscher tot ist, »… wir sind auf dem vorletzten Wagen gefahren. Ich kann daher bloß raten, wie es zu dem Brand gekommen ist, scheint mir aber logisch.«

»Wie das Feuer ausgebrochen ist, hat also niemand gesehen?«

»Was mich betrifft, ich habe den allerersten Wagen gelenkt«, wehrte Baodain ab. »Keiner von uns hat auch nur das Geringste bemerkt, bis einer von hinten rief: ›Leute, der letzte Wagen brennt.‹ Wir haben gehalten, und alle sind losgestürzt, um zu löschen. Das war reichlich schwierig, denn mit Wasser war nichts zu machen, wir mussten die Flammen mit unseren Besen ausschlagen.«

»Wann habt ihr gesehen, dass da jemand am Straßenrand lag?«, war Eadulfs nächste Frage.

Wieder musste Baodain Auskunft geben. »Ich habe es gesehen, als ich nach hinten rannte. Ich habe angenommen, der Junge wäre von dem Rauch ohnmächtig geworden, und hab jemand zugerufen, er soll sich um ihn kümmern. Wir hatten das Feuer gerade gelöscht, als du und der Krieger auftauchten. Uns den Verunglückten anzuschauen, hatten wir noch gar keine Zeit.«

Eadulf blickte die Umstehenden an, alle nickten zustimmend. »Es war genau so, wie Baodain gesagt hat«, bekräftigte eine Frau, die recht stämmig aussah. »Das Feuer zu löschen war am dringendsten.«

Eadulf ging zum Wagen hinüber und sah sich den Kutschbock an. Ihm fiel auf, dass schwarze Streifen auf den Sitz geschmiert waren. Ein halb verbrannter hölzerner Eimer lag neben dem Kutschbock. Offensichtlich war darin auch dieses schwarze Zeug gewesen. Es erinnerte ihn an die klebrige Masse, die Seeleute in die Ritzen zwischen den Planken ihrer Schiffe drückten, um sie wasserdicht zu machen. Sie konnte sich schnell entzünden, das wusste er. Eadulf spürte, dass ihm jemand über die Schulter schaute; es war Ronchú.

»Der Junge muss einen Eimer von dem brennbaren Zeug da bei sich gehabt haben, und das hat Feuer gefangen«, murmelte er.

Doch ehe Eadulf etwas darauf erwidern konnte, drängte Aidan zur Eile. »Es wird bald dunkel, wir können nicht hier mitten im Moor einen ganzen Wagentross aufhalten und eine Untersuchung anstellen.« Und da Eadulf unwillig wurde, fügte er hinzu: »Ich meine, es wäre besser, die Truppe nach Cashel zu begleiten und dort den Fall weiter zu klären.«

Dem konnte sich Eadulf nicht verschließen. Gewiss musste man herauszufinden versuchen, wer die Tote war, doch zunächst schien es einfach ein Unfall zu sein.

»Der Wagenkasten, die Räder und die Deichsel sind völlig in Ordnung«, äußerte sich Baodain. »Wir können die Ochsen wieder anspannen und den Wagen nach Cashel ziehen lassen. Dort kann alles genau untersucht werden.«

»Also gut«, stimmte Eadulf zu. »Während ihr die Zugtiere ins Joch spannt, schaue ich mal in den Wagen, vielleicht findet sich da ein Anhaltspunkt, wer das bedauernswerte Mädchen war.«

So ein Wagen auf vier Rädern war ihm vertraut. Einmal war er darin quer durch Gallien bis nach Rom gereist. Meist hatte so ein Gefährt eine Mitteltür auf beiden Seiten und daneben offene Fenster. Hier jedoch war einiges anders. Die Fenster waren mit dicht schließenden Fensterladen versehen. Eadulf ging zur Tür auf der rechten Seite und reckte sich nach der Türklinke. Doch die war von außen mit einem Strick festgebunden, den man fest verknotet hatte. Die Tür auf der anderen Seite war vernagelt, ein Zimmermann hatte da ganze Arbeit geleistet. Bei einem an sich stabilen Wagen waren derartige Vorkehrungen befremdlich.

Aidan wurde angewiesen, den Knoten mit dem Schwert durchzuhauen, und Eadulf hievte sich in den dunklen Innenraum. Widerwärtiger Gestank schlug ihm entgegen. Der atemberaubende Mief war eine Mischung aus menschlichen Ausdünstungen und dem Geruch von Urinpfützen und verrottendem Grünzeug. Eadulf fuhr zurück, konnte sich mit ausgestreckter Hand eben noch am Türrahmen halten, stand wieder unten und rang nach frischer Luft.

Baodain gluckste hämisch beim Anblick von Eadulfs bleichen, von Widerwillen verzerrten Zügen. »Du siehst ja ganz blass aus, Sachse, bist wohl nicht daran gewöhnt zu sehen, wie fahrendes Volk lebt.«

Aidan schob Eadulf beiseite und schwang sich in den Wagen. »Die muss sich hier ein Schwein gehalten haben. Stinkt ja entsetzlich. Sonderbar, selbst als Tote sah sie nicht wie eine Frau aus, die nicht auf sich hält. Ist kein Wunder, dass sie bei dem Mist hier drin die Wagentüren dicht verschlossen hatte.«

Eadulf nahm sich zusammen und brachte mühsam heraus: »Ich fürchte, mein Freund, es stinkt nach einer verwesenden Leiche. Dem Geruch bin ich schon in Katakomben und auf Friedhöfen begegnet. Ich brauche mal eine Lampe.«

Alle schwiegen beklommen, und Aidan sprang erschrocken herunter. Dann kam jemand mit einer Öllampe und reichte sie Eadulf. Der kletterte erneut hoch, hielt die Lampe vor sich und schaute sich in dem verdreckten Raum um. Aidan stand auf dem Tritt hinter ihm. Man konnte das Innere nur als totales Chaos bezeichnen. Ein Wirbelsturm schien darin gewütet und ringsum alles zertrümmert zu haben. In der Mitte war etwas unter einer dunklen Decke verborgen. Eadulf zog sie weg. Darunter lag ein Toter.

Er überwand sich, bückte sich und betrachtete den Leichnam, von dem der Fäulnisgestank ausging. Es war ein Mann, dessen Leiche sich bereits zersetzte. Wer immer das war, er musste schon vor ein paar Tagen gestorben sein. Der Leib war aufgedunsen, der Verwesungsgeruch unerträglich. Noch erkannte man, dass der Tote ein junger Mann gewesen war, seine Kleidung war schlicht, und die Ledersandalen waren gut gearbeitet.

Eadulf versuchte den Haaransatz auszumachen, die Stirn war auffällig hoch. Das erinnerte ihn an die Tonsur, die der heilige Johannes trug und für die sich die Kirchenleute im Westen entschieden hatten anstelle der in Rom üblichen corona spinea.

Lange starrte er auf diesen Schädel mit dem zurückgeschorenen Haaransatz, bis Aidan schließlich fragte: »Was gibt es da, Freund Eadulf? Was hast du entdeckt?«

Eadulf ging rückwärts, und Aidan stützte ihn beim Absteigen. »Einen zweiten Toten«, antwortete er leise. »Noch eine Leiche. Wenn wir in Cashel sind, werden wir sie weiter untersuchen, aber ihr Tod wurde nicht von einem zufällig entstandenen Feuer verursacht.«

»Wer ist es denn?«, wollte Baodain wissen.

Bekümmert schüttelte Eadulf den Kopf und blickte von Aidan zu Baodain und zurück zu Aidan. »Es ist die Leiche eines Mönchs.«

Kapitel2

»Gerecht ist das nicht!«

Colgú, Lord von Tuadmuma, Aurmuma, Uarmuma, Desmuma, König von Muman, dem größten der Fünf Königreiche von Éireann, schmollte. Einen Augenblick lang sah er wie ein quengliger kleiner Junge aus. Er ließ sich in den Armsessel zurücksinken und schaute verdrossen seine Partnerin an.

Vor dem Kamin mit den prasselnden Holzscheiten saß ihm seine Schwester, Fidelma von Cashel, gegenüber. Auch sie war sichtlich unzufrieden. »Wer kann schon darüber befinden, ob etwas gerecht ist oder nicht, Bruder? Man muss sich mit dem abfinden, was einem das Schicksal auferlegt.«

Sie redeten über die Folgen, die sich daraus ergaben, dass Eadulf am Abend zuvor mit den Planwagen von Baodains Gauklertrupp und den beiden Leichen eingetroffen war.

Colgú stöhnte. »Bitte erspar mir deine Lieblingssprüche aus dem Vergil. Mittlerweile kenne ich sie alle. Fata obstant– das Schicksal steht dir im Wege.«

Um Fidelmas Mundwinkel zuckte es, sie wollte etwas erwidern, schwieg jedoch.

»Das wird einen Schatten auf den Großen Jahrmarkt von Cashel werfen«, brummte Colgú.

»Ein viel dunklerer Schatten wird sich denjenigen aufs Gemüt legen, die persönlich von diesen Todesfällen betroffen sind«, gab sie zu bedenken.

»In den vergangenen Jahren hast du unsere Großen Markttage nicht miterlebt«, fuhr Colgú fort und ging auf ihre Mahnung nicht ein. »Sie sind ein außerordentliches Ereignis. Und Cleasamnaig Baodain ist überall bekannt. Die treten auf fast jedem Jahrmarkt auf.«

»Von der Truppe habe selbst ich schon gehört«, versicherte ihm Fidelma spöttisch. »Ich weiß auch, dass sie überall auf den großen Jahrmärkten in den Fünf Königreichen aufgetreten sind. Ihre akrobatischen Kunststücke sollen fast anWunder grenzen. Aber egal, welcher Rang ihnen beigemessen wird und wie berühmt sie sind, vor dem Gesetz sind alle gleich, wenn es verdächtige Mordfälle aufzuklären gilt.«

»Wo ist Eadulf heute?«, fragte ihr Bruder.

»Er macht den Morgenausritt mit unserem Sohn. Wir wechseln uns dabei immer ab, und heute…«

»Weiß ich doch alles«, unterbrach Colgú sie. »Aber jetzt müssen Leute vernommen und gesetzliche Vorkehrungen getroffen werden, da sollten persönliche Dinge zurückstehen.«

Fidelma runzelte gereizt die Brauen. »Sobald Eadulf zurück ist, reiten wir zu Baodains Gauklern hinunter, und ich werde sie kraft meines Amtes als Anwältin bei Gericht befragen.«

Ihr Bruder verzog das Gesicht, er hatte seine Zweifel. »Ist es klug, sich so einen Aufschub zu leisten? Nach allem, was mir berichtet wurde, ist die Sache doch einfach. Das Mädchen muss den Mönch in ihrem Wagen umgebracht haben und wollte vermutlich alle Spuren ihres Verbrechens beseitigen. Mit dem entzündlichen Material kam es zum Unfall, sie geriet selbst in Brand, sprang vom Wagen und ist gleich darauf an einem Schock oder an ihren schweren Verletzungen gestorben.«

»Was einfach aussieht, ist selten wirklich einfach«, erwiderte Fidelma spitz. »Jedenfalls ist Aidan dabei, sicherzustellen, dass Baodains Leute dort bleiben, wo man sie gestern Abend hingeführt hat. Er und Eadulf hielten es für besser, sie auf dem Feld östlich von der Siedlung kampieren zu lassen und ihnen nicht zu gestatten, zum Wettkampfplatz bei Rath na Drinne zu ziehen. Darüber hinaus hat Eadulf darauf bestanden, genau festzuhalten, in welcher Reihenfolge und mit welcher Besatzung die Wagen auf dem Hauptweg unterwegs waren. Aidan hat für die Nacht Wachen um ihre Wagenburg aufgestellt.«

»Warum also zögerst du die Sache hinaus? Natürlich abgesehen davon, dass der Ausritt mit eurem Sohn wichtig ist.«

Fidelma überhörte seine sarkastische Bemerkung. »Ich habe beschlossen, bis zum Vormittag mit der Befragung der Truppe zu warten. Wenn jemand schuldig ist, sollte man ihn eine Weile unbehelligt lassen, dann wähnt er sich in trügerischer Sicherheit.«

Colgú schaute erstaunt auf. »Schuldig? Wer soll da schuldig sein? Sehen wir mal von dem unseligen Mädchen ab, weshalb meinst du, noch jemand aus der Truppe könnte in die Vorgänge verstrickt sein?«

»Was sich da ereignet hat, ist sehr sonderbar. Bevor wir nicht greifbare Fakten haben, sollten wir uns hüten, Schlussfolgerungen zu ziehen.«

Dem König war unbehaglich zumute. »Dar Luga hat mir berichtet, im Ort wird schon viel gemunkelt, und die Leute haben schlimme Befürchtungen. Wenn Gaukler mit Leichen auftauchen, bringt das Unglück.« Dar Luga war die airnbertach oder Haushälterin der Burg. »Je schneller wir uns der Sache annehmen, umso besser ist es für jedermann. Zu dumm, dass mein neugewählter Oberster Brehon nicht hier ist.«

In Fidelmas grünen Augen blitzte es auf. »Heißt das, du traust mir nicht zu, die Sache in den Griff zu bekommen? Stellst du meine Eignung oder mein Vorgehen in Frage?« Ihr Ton war kalt und bedrohlich.

Colgú lenkte sofort ein. »Nein, nein, so habe ich das nicht gemeint. Das weißt du doch. Aber sonderbar ist all das schon, was Eadulf berichtet hat. Einem Trupp umherziehender Gaukler schließt sich ein seltsam aussehender Wagen an. Ihn lenkt ein Mädchen, das wie ein Junge gekleidet ist. Plötzlich steht der Wagen in Flammen. Es sieht so aus, als hätte das Mädchen selbst das Feuer gelegt. Die Flammen schießen hoch, und sie kann sich nur retten, indem sie vom Wagen springt und wegrennt. Nach wenigen Schritten bricht sie zusammen und stirbt. Im Wagen liegt eine Leiche, vermutlich ein Klosterbruder. Zu welch anderem Schluss soll man gelangen, als dem, dass das Mädchen ihren Begleiter getötet hat, dann den Wagen in Brand steckte, um ihre Tat zu vertuschen, und dabei ungewollt selbst umgekommen ist.«

»Wenn sie die Absicht hatte, alles zu vernichten, den Wagen und auch den Leichnam darin, warum hat sie das nicht getan, bevor sie sich Baodains Tross anschloss? Warum hat sie damit gewartet, bis jede Menge Zeugen zugegen waren? Warum hat sie darum gebeten, sich dem Zug anschließen zu dürfen, und zwar bis nach Cashel? Weshalb wollte sie gerade bis hierher gelangen?«

Colgú zuckte die Achseln. »Hast du eine Erklärung?«

Gereizt stöhnte Fidelma auf und wäre am liebsten aufgesprungen. »Begreif doch, genau das sind die Fragen, auf die wir Antworten finden müssen.«

»Mir scheint, die einzige logische Erklärung ist die, die ich eben genannt habe.«

»Aber sie wirft viele weitere Fragen auf. Erst wenn man die beantwortet hat, kann man sich zufriedengeben«, schalt sie ihn. »Wir haben längst nicht alle Fakten beisammen, um uns ein Bild zu machen.«

»Aber Eadulf hat doch mit den Leuten gesprochen, die dem brennenden Wagen am nächsten waren, und die haben ihm gesagt…«

Fidelma schüttelte den Kopf. »Die haben ihm nur erzählt, was sie glaubten gesehen zu haben, das bedeutet aber nicht, dass sie alle die Wahrheit gesagt haben.«

Colgú lehnte sich in seinen Armsessel zurück und schaute verdrossen drein. »In einer Woche wird das Große Marktfest eröffnet, und vorher müssen wir eine plausible Erklärung haben, um die Gemüter der Leute zu beruhigen. Eines darfst du nicht vergessen, die Stammesführer mit ihren Frauen aus allen Gauen von Muman werden hier sein. Sämtliche Würdenträger des Königreichs und dazu noch einige hochangesehene Persönlichkeiten von jenseits unserer Grenzen werden sich in Cashel versammeln. Genau deshalb wäre es jetzt gut, dass Fíthel, unser Oberster Brehon, auch hier wäre, der könnte ihre Befürchtungen zerstreuen.«

Fidelma mühte sich, Colgú ihre Verärgerung nicht spüren zu lassen, denn offensichtlich hatte ihr Bruder kein rechtes Zutrauen zu ihr. »Wo ist denn Brehon Fíthel im Moment?«, fragte sie kühl. »Wenn dir so viel daran liegt, ihn hier zu haben, schick ihm doch eine Botschaft, dass er umgehend zurückkehren soll.«

Colgú war noch in seinen Überlegungen befangen und merkte ihren gereizten Ton nicht. »Er wird eine Weile fort sein. Es geht um einen Streit zwischen unserem Vetter Olchobur von Raithlinn und dessen Nachbarn von den Uí Echach, den er zu schlichten gedenkt.«

»Gesetz und Sitte verlangen, dass der Oberste Brehon während der Großen Markttage anwesend ist, denn dann wird auch Gericht gehalten; der Dál, das oberste Gericht, tritt zusammen und urteilt über Fälle, die jedermann an den Obersten Brehon und den König herantragen darf«, belehrte sie, immer noch gereizt, ihren Bruder.

Colgú nahm es hin und versicherte ihr: »Bis zum Gerichtstag bleiben uns noch ein paar Tage, aber bis dahin muss der vorliegende Fall geklärt sein.«

Fidelma erhob sich und ging zur Tür. »Es bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als dich auf mich zu verlassen. Ich mache mich also besser ans Werk. Ich nehme an, ich habe deine Billigung, bei meinen Nachforschungen vorzugehen, wie ich es für notwendig halte.«

Colgú schaute ihr verwirrt nach. »Was hast du eben gesagt? Ja, selbstverständlich. Du bist eine dálaigh. Du brauchst doch keinen Auftrag von mir, um in Rechtssachen tätig zu werden.« Er schwieg kurz und schüttelte den Kopf. »Vielleicht war es ein Fehler, dass du dich aus der Klostergemeinschaft gelöst und dir all die Schwierigkeiten aufgebürdet hast, die dein Amt mit sich bringt. Dein Leben wäre dort ein bisschen ruhiger verlaufen.«

»Mein lieber Bruder, du weißt sehr wohl, dass ich das Leben als Klosterfrau viel bedrückender empfunden habe«, erwiderte sie verbissen.

»Doch immer noch kennt dich jeder als Schwester Fidelma und redet dich auch so an.«

»Solange sie wissen, dass ich Fidelma von Cashel und eine dálaigh bin, kümmert mich nicht, was sie sonst denken. Ja, es war ein Fehler, auf Abt Laisrans Empfehlung in einen frommen Orden einzutreten. Aber damals hatte ich gerade Brehon Moranns Hohe Schule für Rechtskunde beendet und brauchte einen sicheren Halt für meinen weiteren Lebensweg.«

»Und wo willst du jetzt hin?«, fragte ihr Bruder.

Fidelma blieb an der Tür stehen. »Eadulf hat die Leichen gestern Abend zu Bruder Conchobhar schaffen lassen. Ich muss erst einmal wissen, was er festgestellt hat. Keine Sorge, ich halte dich auf dem Laufenden.«

Bruder Conchobhar, der betagte Arzt und Apotheker, gehörte zur Burg Cashel, solange Fidelma und ihr Bruder sich erinnern konnten. Er hatte schon ihrem Vater Failbe Flann gedient, als der vor über dreißig Jahren König war, und dessen beide Kinder bei ihrem Heranwachsen als Lehrer begleitet. Seine Apotheke befand sich gleich neben der alten Kapelle auf der anderen Seite des mit Steinplatten ausgelegten Innenhofs. Fidelma öffnete die Tür und trat ein, doch wie jedes Mal blieb sie stehen, um sich an den überwältigenden Duft von Kräutern und Gewürzen zu gewöhnen, der ihr aus der Apotheke entgegenschlug. Sie fand Bruder Conchobhar in dem hinteren Raum, in dem gewöhnlich Tote aufgebahrt und zur Bestattung vorbereitet wurden. Wenn jemand im Haushalt des Königs starb, war es Aufgabe des Apothekers, den Leichnam zu waschen und herzurichten.

Der alte Arzt beugte sich gerade über eine Leiche, die ausgestreckt auf einem Tisch in der Mitte des Raumes lag. Er blickte auf, als Fidelma hereinkam. In der blutbefleckten Hand hielt er ein altan, ein scharfes chirurgisches Messer. Auch der Schutzumhang, den er über der Kleidung trug, wies Blutspuren auf. Hastig zog er ein Leinentuch über den Mittelteil des Leichnams, dann erst wandte er sich Fidelma zu.

»Was gibt es denn da, guter Freund?«, erkundigte sie sich. »Etwas, das ich nicht sehen soll?«

Bruder Conchobhar schaute sie ungewöhnlich ernst an. »Es gibt Sachen, die man lieber nicht sehen sollte.«

Fidelma fragte leicht spöttisch: »Nicht einmal eine dálaigh, eine Anwältin, die vielleicht schon mehr Tote gesehen hat als manch kampferprobter Anführer in der Schlacht?«

»Dennoch, ein paar Sachen solltest du…« Doch sie ließ ihn nicht ausreden.

»Dass du feinfühlig bist, weiß ich, aber das ist jetzt nicht angebracht. Ein Mord ist nun mal ein Mord, und wenn ich ihn aufklären soll, kann ich mir Zartgefühl nicht leisten. Du untersuchst gerade das tote Mädchen.« Sie wies mit dem Kopf zum Tisch. »Was hast du festgestellt, und was willst du mir ersparen? Leute, die an Verbrennungen gestorben sind, habe ich schon öfter gesehen.«

Bruder Conchobhar schüttelte den Kopf. »Da ist nichts, das du nicht wissen sollst oder das ich dir nicht erzählen würde, doch es ist besser, dass du das hier nicht mit eigenen Augen siehst. Jedenfalls ist sie nicht an den Brandwunden gestorben. Die auf der linken Seite sind schlimm genug, aber die Todesursache waren sie nicht.«

Fidelma versuchte, ihre Verärgerung zu überspielen. »Dann sag mir erst einmal, was du festgestellt hast, und lass mich danach entscheiden, ob ich es immer noch in Augenschein nehmen will.«

Er nickte bedächtig. »Also gut, fangen wir mit der Todesursache an. Schlicht und einfach, die Frau wurde vergiftet.«

Fidelma starrte den Apotheker überrascht an. »Woher willst du das wissen?«

»Bin ich Arzt oder nicht?«, fragte der Alte. »Mir sind die blauen Flecken auf den Lippen aufgefallen, und die Gesichtsmuskulatur ist verzerrt. Das sind wesentliche Anzeichen. Bruder Eadulf hat gestern Abend schon selbst darauf hingewiesen. Er wollte aber, dass ich mir selber ein Bild mache. Auf sein Urteil gebe ich viel, er hat an der Medizinschule von Tuaim Breccan studiert. Weil er ebenfalls diesen Verdacht hegte, hat er dir nahegelegt, anzuordnen, dass Baodain und seine Akrobaten erst einmal festgehalten werden.«

»Vergiftet? Aber wie?«

Bruder Conchobhar schaute sie von der Seite an. »Ich kann nur sagen, was passiert ist, das Wie und Warum muss ich dir überlassen.«

Fidelma nickte zustimmend. »Bleiben wir beim Was– weißt du, was für ein Gift es war?«

»Sicher kann man in einem Fall wie diesem nie sein. Doch die Erfahrung sagt mir, dass es ein sehr starker Aufguss einer Pflanze war, die ›Teufelsbrot‹ genannt wird.«

Die krautige Pflanze mit dem hohen hohlen Stängel und den weißen Blütchen war Fidelma durchaus bekannt. Kinder wurden immer ermahnt, sie ja nicht zu pflücken.

»Apotheker nutzen sie doch aber als Beruhigungsmittel«, wandte sie ein. »Du hast mich das früher gelehrt und hast sie als Heilmittel verabreicht.«

»In sehr schwacher Verdünnung hat sie diese Wirkung. In hochkonzentrierter Form jedoch ist sie tödlich. Und das war bestimmt die Absicht.«

»Trotzdem, das passt irgendwie nicht zusammen. Das Mädchen steckt ihren Wagen in Brand, schluckt den Trank, springt vom Wagen und rennt bis zu dem Fleck, auf dem sie tot zusammengebrochen sein soll. So schnell kann das Gift nicht gewirkt haben.«

»Meiner Ansicht nach war das Gift schon länger in ihrem Körper, möglicherweise seit Tagen. Im Grunde genommen hätte es sich auch in einem auffälligen Verhalten äußern müssen.«

»Du meinst, man hätte ihr die Wirkung des Gifts anmerken können?«

»Genau das meine ich.«

»Aber deswegen hast du doch nicht das Seziermesser gebraucht?«

Nur zögernd rang sich Bruder Conchobhar zu einer Erklärung durch. »Ich wollte gerade, wie es die Sitte verlangt, die Frauen rufen, die weibliche Tote ausziehen, waschen und in Grabtücher hüllen, als mir etwas auffiel. Durch den locker fallenden Umhang, den sie trug, hatte ich es nicht gleich bemerkt. Doch als sie hier lag, sah ich, dass ihr crislach geschwollen war.«

Das Wort bezeichnete den Teil des Körpers, um den ein criss oder Gürtel getragen wurde, und sollte vornehm Unterleib oder Bauch umschreiben. Bruder Conchobhar gehörte zu denen, die es für angebracht hielten, sich bei Frauensachen beschönigender Ausdrücke zu bedienen. Er stockte wieder, und Fidelma war gespannt, wie er in seiner umständlichen Weise fortfahren würde.

»Ich habe die Kleidung hochgeschoben und die Schwellung untersucht. Zwar hatte ich sofort vermutet, was es war, doch um zu gesicherter Erkenntnis zu gelangen, musste ich die maclaig öffnen.«

Der alte Arzt hatte den Ausdruck »Kinderstube« gewählt, um die Gebärmutter zu bezeichnen. Trotz aller Ungeduld schwieg Fidelma, ahnte aber, was kommen würde.

»Das Mädchen war schwanger, im sechsten oder siebenten Monat. Ich habe die… die Leibesfrucht entfernt.« Er wies mit dem Kopf auf die mit dem Tuch bedeckte Leiche. »Ich war der Meinung, dass du das wirklich nicht sehen möchtest.«

Fidelma war gefasst und ernst. Der Alte hatte natürlich recht. Sie war an den Anblick so manches Unschönen gewöhnt, doch einen weitentwickelten Fötus zu sehen, hätte sie sich gern erspart. »Lässt sich vom Zustand des Ungeborenen etwas ableiten?«

Der Arzt verneinte. »Bis zum Zeitpunkt, da die Mutter vergiftet wurde, ist es ganz natürlich und gesund gewachsen. Ich kann nicht einschätzen, was gewesen wäre, wenn das Gift in das noch unfertige Kind eingedrungen wäre. Möchtest du es jetzt sehen…?«

Rasch wehrte Fidelma ab. »In der Sache möchte ich mich ganz auf dich verlassen. Hast du an der Mutter selbst noch etwas Auffälliges entdeckt, woraus wir schließen können, wer sie war?«

Bruder Conchobhar schaute auf das Gesicht der Toten. »Ihre Kleidung war ärmlich, und doch…« Er bückte sich und deckte einen Arm ab, es war der, den das Feuer unversehrt gelassen hatte. »Schau mal, ihre Fingernägel sind gepflegt, die Hände zart, haben keinerlei Schwielen. Sie muss aus gutem Hause gewesen sein und gehörte gewiss nicht zum fahrenden Volk oder war auch nicht jemand, der auf dem Feld arbeitet oder sich am Webstuhl müht.«

Fidelma betrachtete die Hand und nickte zustimmend. »Hast du sonst noch etwas festgestellt?«

»Zwei Dinge könnten vielleicht hilfreich sein. Sie hat auf ihre Körperpflege geachtet. Man erkennt das an der Haut, die hell und makellos ist, wenn man von den letzten paar Tagen absieht, und auch am Haar. Sie hat es regelmäßig gewaschen und mit einer duftenden Essenz gespült.«

Fidelma beugte sich vor und roch an den rotbraunen Flechten. »Lavendel?«, fragte sie.

»Würde ich auch meinen.«

»Von diesen Beobachtungen ausgehend, können wir sicher sein, dass sie eine Tochter aus begütertem Hause war oder zumindest in ihrer Gemeinschaft Ansehen genoss.«

»Das sehe ich ebenso.«

»Da das Mädchen so sorgsam auf sich achtete«, überlegte Fidelma laut, »ist es schwer zu glauben, dass sie sich aus Versehen selbst angezündet hat.«

»In dem Zusammenhang gibt es noch etwas, worüber ich mit dir sprechen möchte«, erwiderte Bruder Conchobhar bedächtig.

Erwartungsvoll schaute Fidelma ihn an. »Dann nur zu!«

»Mir hat man erklärt, zu den Verbrennungen an der linken Seite des Mädchens und ihrer Kleidung sei es gekommen, als sie versucht hätte, den Wagen in Brand zu stecken, um die Leiche darin zu beseitigen. Die Brandwunden rochen aber sonderbar, und das ließ mir keine Ruhe. Deshalb habe ich mir heute früh den Wagen angesehen. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wo das Feuer entstanden und wie groß der Schaden war. Der angebrannte Holzeimer, von dem das Feuer ausging, lag noch da.«

»Ja, Eadulf hat alles so gelassen, wie er es vorgefunden hat, damit ich selber meine Schlussfolgerungen ziehen kann. Ist dir etwas Besonderes aufgefallen?«

»Ist dir Tene Gregach ein Begriff?«

»Griechisches Feuer?« Fidelma schüttelte den Kopf.

»Es gibt verschiedene Bezeichnungen dafür, wir nennen es auch dergthach. Das ist ein entflammbares Material, das schon von den Griechen und Römern verwendet wurde. Ein Chronist namens Malelas aus Antiochia hat es beschrieben. Im Wesentlichen bestand es aus Schwefel. Die Brandsätze wurden in den Seeschlachten mit riesigen Wurfmaschinen auf die gegnerischen Schiffe geschleudert und waren von verheerender Wirkung.«

»Glaubst du, jemand hat das Brandzeug gegen das Mädchen geworfen?«

»Nein, das nicht. Das, was mal ein Holzeimer war, lag umgekippt neben dem Kutschbock. Wenn du mich fragst, war darin eine Mischung aus Schwefel und Vogelleim, und das könnte man Griechisches Feuer nennen.«

Richtig einleuchten wollte das Fidelma nicht. »Vogelleim verwenden unsere Krieger oft, um die Ränder ihrer Schilde zu verstärken. Die Masse ist zäh wie Bitumen.«

»Und im richtigen Verhältnis mit Schwefel gemischt, entzündet sie sich, sowie sie erwärmt wird.«

»Damit ist der ganze Hergang trotzdem nicht geklärt«, beharrte Fidelma. »Stellen wir uns vor: Das Mädchen lenkt ihr Gespann. Sie hat einen Eimer mit diesem dergtach neben sich. Der fängt Feuer, die Flammen schlagen hoch, und es erwischt sie an der linken Seite, sie rettet sich, springt ab, rennt weg…«

»… und stirbt dabei an dem Gift, das sie Tage zuvor eingenommen hat«, beendete der alte Apotheker den Satz. »Nur bleibt da ein Problem. Sie muss das dergthach angezündet haben, aber womit? Um es in Brand zu setzen, braucht man Alkohol und eine Zunderbüchse. Wenn sie das, so unwahrscheinlich es ist, bewerkstelligt hätte und die Flammen unerwartet hochschlugen, hätte sie doch vor Schreck ihre Zunderbüchse fallen gelassen. Eadulf hat mir versichert, dass er nichts dergleichen gefunden hat.«

»Glaubst du, der Eimer brannte schon vorher?«

»Ich kann dir nur sagen, was ich gehört und gesehen habe.«

»Ich werde dem zusammen mit Eadulf weiter nachgehen«, verkündete sie kurz entschlossen. »Gibt es sonst noch etwas Auffälliges?«

Bruder Conchobhar griff sich von einem Nebentischchen ein Stück geflochtener Hanfschnur. Sie war gerade lang genug, sie sich ums Handgelenk zu binden. Daran hing ein Plättchen aus Messing, nahezu rund wie eine Münze, es hatte ein kleines Loch, durch das die Schnur gefädelt war. Er reichte es ihr, sie drehte es hin und her, um Genaueres daran zu erkennen.

»Es war um ihr linkes Handgelenk gebunden, um das unversehrte«, antwortete er auf ihren fragenden Blick.

Fidelma ging zum Fenster und hielt das Armband gegen das Licht. »Da ist der Umriss eines Vogels eingeprägt«, stellte sie fest.

»Ich halte es für einen Raben. Sieh mal den kräftigen, dicken Schnabel mit der Krümmung oben.«

»Ob das Bild eine besondere Bedeutung hat?«

»Ich habe dergleichen noch nie gesehen.«

»Vielleicht ist es nur eine Schmuckmünze an einem Armband aus Hanf. Scheint weder für Wohlhabenheit noch für Adel zu sprechen«, murmelte sie mehr für sich. »Was ist mit dem Mann, der im Wagen lag? Eadulf glaubte, das war ein Mönch. Hast du dir den Leichnam schon genauer anschauen können?«

Bruder Conchobhar zeigte auf eine Seitentür. »Ich habe ihn draußen in einen Sarg gelegt, wegen der Verwesungsgase, sie riechen so übel.«

Fidelmas löste ihren Blick von der Leiche des Mädchens und sah Bruder Conchobhar stumm an. Sogleich gab er ihrdie erwartete Antwort: »Der Mann ist einige Tage vor dem Mädchen gestorben. Die Zersetzung hat bereits begonnen.«

»Es geht ja die Vermutung um, das Mädchen könnte den Mann getötet und dann versucht haben, die Spuren zu beseitigen. Hast du eine Ahnung, wie viele Tage er vor dem Mädchen gestorben ist?«

»Wenn ein Mensch stirbt oder ermordet wird, verändert sich sein Körper, das weiß jeder. Die Haut verfärbt sich, die Totenstarre setzt ein, und nach zwei oder drei Tagen schwillt der Leib an, weil sich übelriechende Gase bilden. Als gestern Abend die Leiche hergebracht wurde, waren diese Anzeichen bereits überdeutlich. Ich konnte den Leichnam nur noch flüchtig untersuchen, habe ihn in die Holzkiste gelegt und den Deckel versiegelt. Der Verstorbene muss so bald wie möglich bestattet werden.«

»Dann war der Mann also schon mehrere Tage tot, als das Mädchen auf die Gauklertruppe stieß und das Feuer ausbrach?«

»Ich würde sagen: ja.«

»Und wie lange genau?«

»An die zwei oder drei Tage, bestimmt drei Tage, seinem Zustand nach zu urteilen.«

»Was meinst du, woran ist er gestorben?«

»Ich schätze, er hat dasselbe Gift geschluckt wie das Mädchen. Er hat deutlich unter Krämpfen gelitten, wie man es bei Vergifteten kennt.«

»Also genau wie das Mädchen?«, wiederholte Fidelma.

»Nur vor dem Mädchen«, sagte Bruder Conchobhar.

»Eadulf ist der Ansicht, er war ein Mönch, weil er die Tonsur wie Colmcille getragen hat.«

»Ich verstehe, warum er das dachte«, sagte der Alte und lächelte. »Wir scheren uns die Tonsur auf dem Vorderhaupt, in einer Linie von einem Ohr zum anderen. Der Tote hatte eine hohe Stirn, und da ist es auffälliger, weil sich die Haut gestrafft hat und der Haaransatz dadurch verschoben wirkt. Fälschlicherweise wird immer angenommen, dass Haare und Nägel nach dem Tod weiterwachsen. In Wirklichkeit aber zieht sich nur die Haut zusammen, und dadurch sehen Haare und Nägel länger aus.«

»Er muss also nicht unbedingt ein Klosterbruder gewesen sein?«

Bruder Conchobhar hob die Schultern. »Mit Sicherheit lässt sich das nicht feststellen. Auch er hatte nur das wollene Zeug armer Leute an.«

»Und sonst kannst du nichts weiter über ihn sagen?«

»Nur, dass er jung war und wahrscheinlich ganz hübsch, ehe ihn der Tod entstellte. Er war blond, auch wenn jetzt das Haar verfitzt und schmuddelig war.«

»Noch mal zu der Kleidung, die beide trugen. Du meintest vorhin, die war aus einfachem, selbstgewebtem Stoff.«

Bruder Conchobhar wies auf einen Haufen Kleidungsstücke in einer Ecke. »Da liegt alles, was sie anhatten. Schau es dir an. Es kann natürlich auch das einfache Habit sein, wie es in einer Klostergemeinschaft getragen wird. Ich habe nichts gefunden, woraus man auf ihre Person oder Herkunft schließen könnte.«

Noch während er sprach, sah Fidelma die Sachen durch, fand aber auch nichts wirklich Interessantes. Es waren schlichte Kutten aus grobem Wollstoff, und die Unterhemden waren aus einfachem Leinen. Selbst die Sandalen der beiden sahen abgetragen aus. An den Sachen des Mädchens gab es keinerlei Broschen oder sonstigen Schmuck, es blieb bei dem Armband mit dem Messingplättchen. Bei der Kleidung des Mannes fehlte der Gürtel mit dem üblichen Lederbeutel.

»Wir haben noch den Fetzen Pergament, der in ihrer Sandale steckte«, erinnerte sie Bruder Conchobhar. Eadulf hatte ihr das Schriftstück gezeigt, und sie hatte ihn gebeten, es dem betagten Freund zu bringen. Zwar war ihr das alte Alphabet geläufig, und sie verstand auch die altertümliche Sprache, die damit aufgezeichnet wurde, hielt es aber für besser, dass der Apotheker, der über vorzügliche Kenntnisse der alten Schrift verfügte, es ebenfalls prüfte. Möglicherweise konnte er einen darin verborgenen Hinweis erkennen.

»Hast du Gelegenheit gehabt, einen Blick auf die Notiz zu werfen? Ich habe nur eine Bezeichnung oder einen Namen entziffern können.«

Bruder Conchobhar öffnete eine Schublade und nahm das kleine Stück Pergament heraus. »Es handelt sich um eine Bezeichnung für einen Gegenstand in Ogham und eine Ortsangabe.«

»Ich lese es als Cloch Ór– Goldener Stein vom Friedhof«, sagte sie.

»Die Zeichen sind schlecht zu erkennen. Ich meine, es heißt ›Goldener Stein ist auf dem Friedhof von…‹ Den Namen kann ich nicht ausmachen.«

Fidelma war mit der Auslegung einverstanden. Zwei oder drei Buchstaben hatte sie nicht deuten können. »Das klingt, als sei etwas auf einem Totenacker aufgerichtet«, sagte sie nachdenklich. »Ein Goldener Stein? Klingt merkwürdig.«

»Hast du nie vom Cloch Ór, dem Goldenen Stein, gehört?«, fragte Bruder Conchobhar sie ganz überrascht.

»Ich glaube nicht. Jedenfalls fällt mir dazu nichts ein. Warum? Habe ich da etwas verpasst?«

Bruder Conchobhar spitzte verblüfft die Lippen und lächelte dann. »Nein, eigentlich nicht. Ist ja nur eine Sage, die aus den Tagen des Alten Glaubens stammt, aus der Zeit der Druiden.«

»Und worum geht es da?«

»Das ist… oder jedenfalls nahm man das so an… ein geheiligter Felsblock, der mit Gold überzogen war und in einem heidnischen Heiligtum stand.«

»Ist er noch vorhanden… dieser Cloch Ór? Auf welchem Friedhof befindet er sich? An wessen Gedenkstätte?«

»Das könnte ich euch sagen«, hörten sie plötzlich eine Stimme. Erstaunt drehten sie sich um und sahen Dar Luga, die Haushälterin der Burg. Die füllige ältere Frau mit dem rundlichen Gesicht stand in der Tür und versuchte, möglichst nicht auf den Tisch mit der zugedeckten Leiche zu sehen.

»Was suchst du denn hier, Dar Luga?«, fragte Bruder Conchobhar nicht eben freundlich.

»In der Küche ist uns das Gewürz carlann ausgegangen, ich brauche es für einen Lammbraten. Ich wollte fragen, ob du vielleicht ein paar Stängel übrig hast.«

»Schauen wir mal bei den Heilkräutern und Gewürzen nach. Gewiss wird Wasserminze dabei sein. Er schob beide Frauen in den Hauptraum der Apotheke, folgte ihnen und schloss die Tür.

Während der Apotheker in den Behältern auf den Regalen nach der Minze suchte, nutzte Fidelma die Gelegenheit, mit der Haushälterin ins Gespräch zu kommen. »Du hast eben gesagt, dir ist bekannt, wo dieser Cloch Ór zu finden ist.«

»Ganz so ist es nun auch wieder nicht«, antwortete ihr Dar Luga. »Aber ich kenne die alte Geschichte, in der die Rede von ihm ist.«

»Nur zu, erzähl mir bitte, was du davon weißt«, forderte Fidelma sie lächelnd auf.

»Gern, Lady. Doch Bruder Conchobhar weiß bestimmt mehr darüber. Das war ein uralter vergoldeter Stein, der von denjenigen verehrt wurde, die sich nicht zum Neuen Glauben bekennen wollten. Mogh Ruith besaß ihn, der Sklave des Rades, der ein Gott wurde… einer der Söhne von An Lair Derg.«

»Die Rote Mähre?« Das war ein umschreibendes Wort für die Sonne. Fidelma zwang sich ernst zu bleiben. »Der war also, bevor der Neue Glaube ins Land kam, ein Sonnengott? Als Kind habe ich davon gehört, er soll ein blinder Druide gewesen sein, der vor vielen Jahrhunderten in unserem Königreich lebte.«

Dar Luga bestätigte das mit Nachdruck. »Es gibt verschiedene Geschichten über ihn, Lady. Die einfachen Leute in den Landstrichen im Westen glauben immer noch, dass er einer der Unsterblichen wurde. Wenn man ihn verärgerte, konnte er zu gewaltiger Größe anschwellen; schnaubte er vor Wut, kam ein Sturm auf, in dem Männer, Frauen und Kinder, selbst Tiere von einem Ende des Landes an das andere geschleudert wurden. Auch Flüsse traten über die Ufer. Wer ihn so wütend erblickte, der lebte nicht mehr lange.«

»Aber wohl lange genug, um von den Gewalttaten des Unholds zu berichten«, spöttelte Fidelma.

Dar Luga ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und erzählte ungerührt weiter. »Gekleidet war er mit dem Fell eines hornlosen Bullen, und das Gesicht war unter einer Vogelmaske verborgen, einer Rabenmaske. Sein Schild hatte einen Silberrand und war mit goldenen Sternen verziert. Der Riese war so gewaltig, dass er den Goldenen Stein auf der Schulter trug. Warf er ihn in einen Fluss oder einen See, verwandelte er sich in einen ungeheuer großen giftigen Aal, der seine Feinde verschlang.«

»Ein Kerl also, mit dem man sich besser nicht anlegte.« Fidelmas Stimme war anzumerken, wie sehr sie die Geschichte belustigte.

Dar Luga spürte, dass sie nicht ernst genommen wurde, und war eingeschnappt. »Gib mir meine Wasserminze, Bruder Conchobhar, ich muss wieder in die Küche.«

Schuldbewusst versuchte Fidelma, die Haushälterin zu besänftigen. »Das ist eine großartige Geschichte, mir war sie neu. Tut mir leid, wenn meine unbedachte Bemerkung dich verletzt hat, das wollte ich nicht. Aber hast du nicht gesagt, du weißt, wo dieser wundersame Stein abgeblieben ist?«

Dar Luga zögerte und bedachte Fidelma mit einem argwöhnischen Blick. »Es geht die Sage, dass Mogh Ruith seine Wohnstatt auf Dairbhre, dem Eiland der Eichen, hatte, das auch Bhéil Inse, Insel in der Flussmündung, genannt wird. Das ist im Stammesgebiet der Uibh Ráthach.«

Fidelma runzelte die Stirn und versuchte sich zu erinnern, wo diese Insel war. Bruder Conchobhar half ihr. »Am Ende der breiten Halbinsel im Westen ist das, das Gebiet der Eóghanacht von Locha Léin grenzt daran.«

»Genauso ist es, Lady«, bestätigte Dar Luga, nahm die Minze, nickte dem Apotheker zum Dank kurz zu und ging hinaus.

Fidelma schwieg einen Moment und meinte dann zu ihrem alten Freund gewandt: »Von Mogh Ruith habe ich natürlich gehört, aber nie, dass er sich in einen Gott verwandelt hat.«

»Das Land der Uibh Ráthach ist eine wüste, unzugängliche Gegend jenseits der großen Berge im Westen. In den abgelegenen Dörfern erzählt man sich Abend für Abend Geschichten, und die wachsen sich zu Legenden aus, und eine Legende gilt immer mehr als die Wirklichkeit.«

»Jenem Ende der Halbinsel bin ich am nächsten von See aus gekommen. Vor Jahren bin ich südlich davon zu den Felsen von Scelig Mhichail übergesetzt und habe das Kloster dort besucht.«

»Dairbhre konntest du dabei nicht sehen, es liegt vor der Nordseite der Halbinsel.«

»Ob es sich lohnt, nach dem Goldenen Stein zu suchen? Es muss doch einen Grund haben, weshalb das Mädchen den Hinweis auf ihn bei sich hatte.«

Bruder Conchobhar zuckte die Achseln. »Mogh Ruith hat es wirklich gegeben, wenn wir den Chroniken Glauben schenken können. Demnach hat dein eigener Vorfahr, der König Fiachu Muillethen, ihn aufgesucht und sich bei ihm Rat geholt, als Hochkönig Cormac Mac Airt ungerechtfertigterweise mit einer Heerschar in dieses Königreich einfiel, um gewaltsam Tribut einzutreiben. Cormac wurde besiegt, und Fiachu Muillethen belohnte seinen Ratgeber Mogh Ruith mit Landbesitz auf Ewigkeit.«

Erregt schlug sich Fidelma vor die Stirn. »Natürlich! Ach, bin ich dumm! Hat er sich nicht Magh Féne als Wohnsitz auserkoren, südlich von hier? Und verehren ihn die Stammesleute dort nicht noch immer als ihren Urahn?«

»So ist das! Sie sind die besten Schwert- und Kunstschmiede im ganzen Königreich geworden«, bekräftigte Bruder Conchobhar.

»Möglicherweise gibt es dort sogar einen Goldenen Stein«, überlegte Fidelma.

»Da kann ich dir nicht weiterhelfen. Es ist fraglich, ob die Ogham-Zeichen auf dem Pergamentstreifen überhaupt etwas mit dem Tod dieser beiden Fremden zu tun haben. Es liegt nun in deiner Hand, wie du in der Sache vorgehst. Gott sei Dank bin ich keine dálaigh