Der Löwe und die Königin - Susanne Stein - E-Book

Der Löwe und die Königin E-Book

Susanne Stein

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Beschreibung

Der große historische Roman über die Frau an der Seite von Richard Löwenherz! Berenguela, Prinzessin von Navarra, ist 25 Jahre alt, als sie erfährt, dass sie den englischen König Richard I. heiraten soll. Doch was andere Frauen ihrer Zeit glücklich machen würde, nämlich die Gattin des großen Frauenverführers zu werden, ruft bei ihr alles andere als Freude hervor. Denn Berenguela hat einen Traum: Sie möchte als Ärztin kranken Menschen helfen. Das Schicksal aber will es anders und führt sie an der Seite des Königs bis ins Heilige Land. Ganz allmählich kommen sich die so unterschiedlichen Eheleute näher … Der Löwe und die Königin von Stein Susanne im eBook erhältlich!

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Seitenzahl: 597

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Susanne Stein

Der Löwe und die Königin

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

Landkarten

Prolog

Teil I Die Braut

Sie spürte, dass ihre [...]

Es regnete. Unaufhaltsam fiel [...]

Oben auf den Zinnen [...]

Ganz plötzlich war sie [...]

Richard, dritter Sohn des [...]

Maries Rücken fühlte sich [...]

Wenn sie nach vorn [...]

Der Mond stand bleich [...]

Eleonore, Königin von England, [...]

Schon den ganzen Vormittag [...]

Der Medicus atmete tief [...]

Berenguela lief träumend über [...]

»Hast du gehört?«, fragte [...]

Teil II Der Weg nach Osten

Ein warmer Spätsommerwind trieb [...]

Die Sonne verschwand hinter [...]

Ein Sonnenstrahl schlich sich [...]

In Messina hatten sich [...]

»Ich kenne nicht einmal [...]

Richard war es endlich [...]

Man hatte die Kadaver [...]

Entgegen Oliviers Vermutung waren [...]

Prinz John ritt lächelnd [...]

Er kam mit langen [...]

Die französischen Kreuzfahrer erreichten [...]

Den ganzen Tag über [...]

Der nächste Tag brachte [...]

Sie hatten einen Wassereinbruch [...]

Dieses Mal war er [...]

Richard hatte den Kapitänen [...]

Jeanne zog die letzte [...]

Trotz der Hitze fror [...]

»Es ist ein faszinierendes [...]

»Du kannst gern den [...]

Teil III Der Medicus

Seit drei Monaten wartete [...]

Richard war mit dem [...]

Pierre de Tours und [...]

Berenguela stand in der [...]

»Er ist unterwegs«, sagte [...]

Olivier klopfte leise an [...]

Mit bebenden Händen deckte [...]

Sie kreuzten die Straße [...]

»Sie haben ihn.« John [...]

Auf den tiefverschneiten Wegen [...]

»Die Königin wünscht Euch [...]

Zum ersten Mal hatte [...]

Es gab niemanden im [...]

Der König tobte. Philipps [...]

Das Jahr ging zu [...]

Der englische König hatte [...]

Am nächsten Morgen ging [...]

Stammbaum

Nachwort

Für meinen Mann und seine Engelsgeduld

»Ich beginne zu verstehen, wie wahr es ist, dass ein Toter oder ein Gefangener weder Verwandte noch Freunde hat, denn ich schmachte hier, weil es an Gold und Geld fehlt. Ich habe Sorge um mich, aber noch mehr um meine Untertanen, die sich nach meinem Tod schwere Vorwürfe machen müssen, wenn ich hier noch länger als Gefangener leiden muss.«

Richard Löwenherz

(1157–1199)

Prolog

Ein spärlicher Sonnenstrahl traf auf das trübe Wasser des Flusses und schickte ein wenig Licht zu den schmutzigen Schneeflecken am Ufer. Träge schob die Strömung ein Boot nach Nordwesten, vorbei an der Festung und dem prächtigen Schloss, beide umgeben von einer mächtigen Mauer aus groben Steinen. Die Festung, die den Namen des heiligen Georg trug, war erst vor ein paar Jahren vollendet worden, und an schönen Tagen wirkte sie wie ein kostbares glänzendes Schmuckstück vor einem strahlend blauen Himmel. Düsteres Wetter wie dieses dagegen verwandelte sie zu einem freudlosen Gemäuer, das den Menschen, die sich in ihm aufhielten, nur wenige Annehmlichkeiten bot.

Das Schloss und die Festung belauerten den Fluss. Niemand kam hier vorbei, ohne dass die wachsamen Augen der Bogenschützen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit auf den Mauern Stellung bezogen, ihn nicht erspähten. Ein Stück weiter, im Nordosten, lag die Stadt Tours, wie immer überlaufen von Pilgern. Der heilige Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hatte, war in dieser Stadt begraben, und seine Gebeine lockten fast so viele Gläubige nach Tours wie nach Rom. Vor ein paar Jahren war die riesige Kathedrale abgebrannt, und die Stadt hatte ihr Wahrzeichen verloren. Ein schreckliches Unglück, hervorgerufen durch brennende Kerzen.

Er grinste. Von der Festung aus konnte er Tours nicht sehen, und bei dem großen Feuer, das so vielen Menschen das Leben gekostet hatte, war er nicht Zeuge gewesen. Schade. Er bedauerte, dieses Ereignis verpasst zu haben. Zu gern hätte er beobachtet, wie die Flammen nach dem Holz des Dachstuhls griffen und die Balken verschlangen. In seiner Phantasie hörte er die Schreie der Männer und Frauen, die in der Kathedrale eingeschlossen waren und denen das Feuer den Weg nach draußen versperrt hatte. Er schnalzte mit der Zunge und lächelte spöttisch. Gott war grausam und strafte seine Schäfchen, selbst wenn sie ihn und seinen Sohn Jesus Christus immer wieder um Gnade baten. Sein eigenes Verständnis von Religion hätte den Priester, der ihm für gewöhnlich die Beichte abnahm, entsetzt. Er glaubte nicht an das Gute und erst recht nicht an Barmherzigkeit. Die Welt war schlecht. So lautete eines der wichtigsten Gesetze, die er sich selbst geschaffen hatte. Das Diesseits war hart und grausam, und nach dem Tod wurde es auch nicht besser. Denn was die erwartete, die an Krankheit starben oder an einem der zahlreichen Kämpfe, die das Leben ihnen abverlangte, zugrunde gingen, schien ihm ebenso trostlos. In seiner Vorstellung waren die Menschen einem Gott ausgeliefert, der sich wenig darum scherte, ob sie an ihn glaubten oder nicht. Im Gegenteil, die frömmsten Pilger lebten am erbärmlichsten. Schon oft hatte er die armseligen Gestalten beobachtet, die nach tage- oder sogar wochenlangen Fußmärschen in Tours vor der stümperhaft wieder aufgebauten Kirche zusammenbrachen. Er hielt sie alle für Narren, hütete sich aber, darüber zu sprechen. Schon früh hatte er gelernt, dass es klüger war, die Wahrheit für sich zu behalten. Die meisten Menschen sehnten sich nach gnädigen Lügen und falschen Schmeicheleien. Und genau das bekamen sie von ihm.

Er warf einen Blick aus dem Fenster, das nach Süden direkt auf den Fluss zeigte. Seine Augen folgten einem Lastkahn, der ein paar Schweine transportierte. Der Bauer, in einen Mantel aus braunem Tuch gehüllt, hatte die Schultern hochgezogen und versank bis zur Nase in dem groben Stoff, als könnte er auf diese Weise dem bitteren Dezemberfrost entkommen. Er stellte sich vor, wie die Kälte unter den Mantel des Bauern kroch und sein Blut zum Gefrieren brachte. Er gelobte im Stillen, ein Vaterunser zu beten, wenn der Bauer vor seinen Augen tot umfallen würde. Doch nichts dergleichen geschah, der Lastkahn steuerte, von Schicksalsschlägen unbehelligt, seinen Weg flussabwärts.

Nicht mehr weit, und das Boot des Bauern würde samt Schweinen einen großen Strom erreichen, der dann wiederum weit im Westen in das schier unendliche Meer mündete. Der Strom trug den Namen Loire und war zu dieser Jahreszeit breit und mächtig, denn Regen und Schnee hatten ihn anschwellen lassen. Er kannte die Loire und ihren stilleren Nebenfluss Vienne gut, Letzterer floss schließlich direkt unter seinem Fenster – und er hasste sie beide. Sie waren unberechenbar und tückisch. Im Frühjahr, wenn der Schnee schmolz, traten sie über die Ufer und überschwemmten das Land. Niemand konnte sie beherrschen. Nicht einmal Gott. Da war er sicher.

Er konzentrierte sich wieder auf das Ufer und suchte nach einer Ablenkung, um seine Langeweile zu vertreiben. Zu jeder Jahreszeit war der Blick aus seinem Fenster von atemberaubender Schönheit, doch er hatte keinen Sinn für Anmut. Landschaften ödeten ihn nicht weniger an als die Prachtbauten, die der König überall errichten ließ. Auch dieses Schloss, in dem er einen großen Teil des Jahres verbrachte, hatte der König erweitern, umbauen und verschönern lassen. Sein Name war Chinon, und einst hatte es der gräflichen Familie von Blois gehört, aber die Vorfahren des Königs hatten es vor einhundertdreißig Jahren in ihren Besitz gebracht. Erst vor ein paar Monaten hatte er versucht die Länge der äußeren Schlossmauer zu messen und seine Schritte gezählt. Es war ihm nicht gelungen, die gesamte Mauer abzuschreiten, und er hatte sein Vorhaben bei der Zahl sechshundertfünfunddreißig beendet.

Chinon war eine langgestreckte Schlossanlage, die aus mehreren unterschiedlichen Bauteilen bestand. Am östlichen Rand lag die Festung Saint-Georges. Sie schützte das eigentliche Schloss in der Mitte der Anlage, indem sie den Zugang mittels eines tiefen Grabens versperrte. Und im Westen der gesamten Anlage befanden sich mächtige Türme, von deren obersten Plattformen man weit ins Land sehen konnte.

Auf der Festung Saint-Georges lebten Bogenschützen, denen man nachsagte, sie seien imstande, einen Falken mit einem einzigen Abschuss vom Himmel zu holen und ihn dabei mitten ins Herz zu treffen. Es gehörte zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, den Bogenschützen zuzusehen, wenn sie gegeneinander antraten und ihr Können erprobten. Er wünschte sich sehnlich, ein ebensolcher Meister des Bogens zu sein, doch es war ihm noch niemals gelungen, einen Vogel im Flug zu töten.

Seine Opfer, und davon gab es etliche, konnten nicht fliehen. Er fing sie und sperrte sie ein, bevor er sie umbrachte. Und er achtete darauf, dass sie langsam starben.

Er wandte sich um und starrte auf die Ratte in einem von ihm selbst gezimmerten Holzkäfig, die ihm gestern Abend in die Falle gegangen war. Morgen war Weihnachten, es wurde die Geburt des Messias gefeiert, und der Tod der Ratte würde die Langeweile der endlosen Feste endlich vertreiben. Er malte sich aus, wie sie sterben würde, und nahm sich vor, das große Bankett, das der König jedes Jahr zu Weihnachten auf Schloss Chinon gab, früh zu verlassen. Es würde ohnehin keinem auffallen, ob er an der langen Tafel saß oder sich längst zurückgezogen hatte. Er verabscheute die langen Abende im Beisein des gönnerhaften Königs, den lärmenden Übermut des jungen Thronfolgers, die Auftritte der eitlen Königin und die schamlosen Blicke all der Herzöge und Fürsten, die jedes Jahr zum Weihnachtsfest an den Hof nach Chinon kamen.

Eines Tages würde er selbst König sein, und er würde eine Königin sein Eigen nennen, schöner und klüger als alle Frauen der Welt. Er dachte kurz an den Thronfolger und dass dieser für seine Tapferkeit berühmt war, hielt sich aber nicht lange mit solcherlei Grübeleien auf. Er war sich sicher, dass das Schicksal Großes mit ihm vorhatte und ihm einen Weg zur Krone zeigen würde – egal, welche Mühen er dafür auf sich nehmen müsste.

Er kicherte und prüfte die Schneide des kleinen Dolches, den er einem der Ritter gestohlen hatte. Er hatte sich entschieden. Er würde der Ratte erst das Fell abziehen und sie dann töten. Den Kadaver und das Messer würde er heimlich in die Küche bringen und dort bei den Vorräten verstecken. Vielleicht hatte er Glück und konnte später die entsetzten Schreie der Mägde hören.

Niemand würde ihn verdächtigen.

Er war sechs Jahre alt.

Teil IDie Braut

Berenguela flocht ihr langes schwarzes Haar zu einem Zopf und warf ihn achtlos über die Schulter. Ihre Finger waren staubig, und als sie sich mit dem Handrücken eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht wischte, entdeckte sie einen dunklen Streifen auf ihrer Haut, der nur bedeuten konnte, dass die trockene Erde Navarras sich inzwischen sogar in ihrem Haaransatz festgesetzt hatte. Auf ihrer Stirn standen Schweißperlen, und ihr Rücken schmerzte. Sie fühlte, dass ihre leichte helle Leinenbluse unter den Achseln feucht wurde, eine unvermeidbare Folge ihrer körperlichen Arbeit in stechender Sonne.

Berenguela lächelte und griff beherzt zu ihrem Gartenwerkzeug, einer kleinen Hacke mit spitzen Zacken, an denen man sich leicht verletzen konnte. Es war eine vorzügliche Arbeit, besonders geeignet für die zierlichen Hände einer Frau, angefertigt vom besten Schmied des Landes. Berenguela war selbst in die heiße, schmutzige Werkstatt gegangen, um sie in Empfang zu nehmen. Sie hielt den Schmied Pablo für eine Art Künstler seines Fachs und gab regelmäßig Dinge, die sie zur Bestellung ihres Kräutergartens benötigte, bei ihm in Auftrag. Ihr Werkzeug hütete Berenguela wie andere Frauen ihr Geschmeide, was ihr Vater mit resigniertem Kopfschütteln quittierte und ihre Mutter zu der Wiederholung endloser Vorwürfe veranlasste.

Um ihren Rücken zu entlasten, beschloss sie, sich nicht mehr zu bücken, sondern auf dem Boden zu knien und so die Erde zwischen den Pflanzen zu lockern. Stolz betrachtete sie die Paeonien, die auch in diesem Jahr eine prachtvolle rosafarbene Blüte versprachen, harkte zwischen den Stauden ein wenig die Erde und wandte sich dann dem großen Beet mit Artemisia, auch Beifuß genannt, zu. Die Paeonien würden ihrem Garten Farbe verleihen, doch weit kostbarer waren die unscheinbaren grünen Stengel, die Berenguela in großer Menge anbaute. Heilkundige wie der berühmte Constantinus Africanus, der einst als Händler von Arzneipflanzen viele Länder bereist hatte, bevor er in das Benediktinerkloster auf dem Monte Cassino eintrat, hielten Artemisia, das seinen Namen Artemis, der Göttin der Tiere und der wilden Natur, verdankte, für die Mutter aller Kräuter. Ein Tee aus dieser Pflanze half gegen viele Frauenleiden, und Berenguela selbst trank den warmen Sud gegen die krampfartigen Schmerzen, die sie jeden Monat befielen und die sie an manchen Tagen sogar mit zusammengebissenen Zähnen kaum ertragen konnte. Artemisia trieb darüber hinaus Steine aus Nieren und Blase, und als Kompresse auf den Bauch gelegt, konnte es Verhärtungen und Geschwülste im Leib lösen.

In dem Kräutergarten, dessen Existenz Berenguela einzig und allein ihrer Hartnäckigkeit verdankte, denn sowohl ihre Eltern als auch ihre Brüder hatten ihre Leidenschaft für die Heilkunde immer für eine vorübergehende Marotte gehalten, wuchsen neben den Paeonien auch zartlila Iris, blühten schneeweiße Lilien, rankten cremefarbene Rosen, und sattblaue Veilchen verbanden sich zu einem dichten Teppich. Dazwischen gab es Beete von Salbei, Liebstöckel, Fenchel, Minze und Kerbel, dazu Senf, Majoran, Thymian, Ysop und Melisse. Berenguela pflegte das Tausendgüldenkraut und den Schierling, Wermut und Brennnessel hatten ihren festen Platz ebenso wie Knoblauch, Wegerich, Eibisch, Raute, Sellerie und Dill. Sie kannte Samen und Blüten der Pflanzen, trocknete und archivierte sie, zeichnete die zarten Blätter und die robusten Stengel, malte ihre Köpfe in lebhaften Farben, und selbst in welken Blumen entdeckte sie die Schönheit der Natur. Berenguela war weit davon entfernt, sich mit ihrem Garten lediglich die Zeit zu vertreiben. Der Wunsch, mehr und mehr über die Heilkraft der Natur zu erfahren, trieb sie an, und sie hatte sich insgeheim vorgenommen, dass nichts und niemand sie davon abhalten sollte, die Erhabenheit von Gottes Schöpfung weiter und weiter zu erforschen. Sie nahm ihre Studien so ernst, als wäre sie eine wahre Medica, eine Heilkundige, die die Grundlagen ihres Wissens an der Universität von Salerno erworben hatte.

*

Sie spürte, dass ihre Knie steif wurden, und stand auf, um das Blut in ihren Beinen wieder zum Fließen zu bringen. Ein Blick auf die Sonne zeigte ihr, dass sie bis zum Mittag noch ein paar Stunden Zeit hatte. Sie wunderte sich, warum Marie, ihre Vertraute und, mehr noch, ihre Lehrerin in der Pflanzenkunde, nicht kam. Normalerweise verbrachten sie die frühen Morgenstunden gemeinsam im Garten, und Marie lehrte sie verborgenes Wissen der weisen Frauen.

Berenguela runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen. Es fiel ihr schwer, Dinge in einer gewissen Entfernung klar zu erkennen, und sehr zu ihrem Unmut hatte bislang kein Kraut die Schwäche ihrer Augen heilen können. Manchmal kam es vor, dass sie meinte einen Reiter zu sehen, der aber in Wahrheit nur ein knorriger Baumstamm war. Vor allem in der Dämmerung erwies sich ihre Sehkraft als trügerisch, und mehrfach hatte sie in dem weitläufigen Innenhof der Palastanlage ihres Vaters den Gruß eines Ritters übersehen. Einige hielten sie daher für zerstreut, andere für überheblich. Alle waren sie jedoch übereinstimmend der Ansicht, dass Berenguela eine späte Jungfrau sei – mit Erde an den Händen und Staub in den Haaren.

Berenguela war zu klug, um die Blicke der Ritter und vor allem die der Frauen nicht deuten zu können. Natürlich wusste sie, dass eine Frau, die mit fünfundzwanzig Jahren immer noch unverheiratet war, irritiertes Tuscheln erntete. Doch da sie sich selbst für wenig bemerkenswert hielt und überdies gänzlich uneitel war, ertrug sie das Raunen der Damen und das Grinsen der Ritter mit Gleichmut.

Wenn sie in den Spiegel sah, fand sie ihr Gesicht zu schmal, um schön zu sein, ihr Haar eine Spur zu dunkel und ihre Lippen zu voll. Sie hatte eine kleine Falte über der Nasenwurzel, und ihre Augen waren von einem so tiefen Braun, dass sie schwarz schienen. Ihre Stirn wölbte sich hoch und klar, ein Denkergesicht nannte es ihr Bruder Sancho, der denselben Namen wie ihr Vater trug, und dies war keinesfalls als Schmeichelei gemeint. Berenguela war groß und schmal, die meisten Frauen am Hof ihres Vaters überragte sie zwei Finger breit. Die »Kräuter-Prinzessin« hatte Sancho sie vor vielen Jahren genannt, und dieser Name war sehr zum Verdruss ihrer Eltern an ihr haftengeblieben.

Berenguela blieb lauschend stehen. Sie meinte Marie gehört zu haben, doch der Wind trug lediglich das Hämmern und die Rufe der Steinmetze zu ihr. Ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht und glättete ihre Stirn. Überall im Land wurde gebaut. Kapellen und Kirchen wuchsen in jedem Ort, Herbergen entstanden, in den Dörfern zimmerte man neue Häuser aus Holz, und in den Städten errichtete man Paläste aus Stein. Berühmte Baumeister reisten nach Navarra, Steinmetze wurden angeworben und gut bezahlt, Künstler strömten ins Land in der Hoffnung auf Ansehen und Reichtum.

Berenguela bewunderte den Scharfsinn ihres Vaters, der einen großen Anteil an dem wirtschaftlichen Erblühen Navarras hatte. Einer der Wege nach Santiago de Compostela zum Grab des heiligen Jakob führte durch Navarra, und Berenguelas Vater, König Sancho, genannt der Weise, war seinem Ruf, ein umsichtiger Herrscher zu sein, ein weiteres Mal gerecht geworden. Er ließ den Jakobsweg vor Räubern und Wegelagerern schützen und versprach allen Pilgern sicheres Geleit. Infolgedessen war der Strom derer, die durch Navarra zur Kirche des heiligen Jakob im Königreich Kastilien, der Heimat von Berenguelas Mutter, zogen, stetig angeschwollen. Mittlerweile überschwemmte eine Woge von Gläubigen die christlichen Königreiche auf der Iberischen Halbinsel und spülte auch nach Navarra nicht wenig Geld und Wohlstand.

Der Jakobsweg führte südlich an Berenguelas Heimatstadt Pamplona vorbei, aber viele, und vor allem die, die es sich leisten konnten, besuchten die Königsstadt Navarras, um sich hier von den Mühen, die ihnen die hohen Pässe der Pyrenäen abverlangt hatten, zu erholen. In den Gassen Pamplonas reihte sich Gaststube an Gaststube, vergrößerten die Wirte beständig ihren Ausschank, und die Münzwechsler fanden reichlich Kundschaft. Viele der Pilger stammten aus Ländern weit im Norden und tauschten in Navarra ihre Goldstücke.

Von Pamplona aus ging es weiter nach Westen über Puente la Reina, Richtung Burgos und León bis fast an die Küste. Dann – endlich – erreichten die Pilger Santiago de Compostela. Dahinter lag das Ende der Welt, ein riesiges Meer, dessen Ausmaße niemand kannte und das in gewaltigen Stürmen gegen das Land anrannte – in dem unablässigen Versuch, es zu verschlingen. In diesem Teil Kastiliens regnete es viel und ausgiebig. Der Sturm, der oft den Regen begleitete, peitschte das Wasser über die schroffen Felsen der Küste, die Dörfer duckten sich unter den niedrigen Wolken. Und die Pilger, die oft erst nach Jahren das Ziel ihrer Reise erreichten, suchten Zuflucht in der Stadt des heiligen Jakob, froh über jeden trockenen Schlafplatz, der sich ihnen bot.

Eine Reise auf dem Jakobsweg war keineswegs ungefährlich und auf jeden Fall voller Strapazen. In den Wäldern der Pyrenäen lauerten Bären und Wölfe und auf den Straßen als Pilger getarnte Betrüger, die die Menschen um die wenigen Münzen, die sie noch bei sich hatten, brachten. Es gab Diebe und Räuber, die vorgaben, beim heiligen Jakob um Vergebung bitten zu wollen, in Wahrheit jedoch auf den Straßen nach schneller Beute suchten. Und trotz der Ritter, die im Namen des Königs den Jakobsweg sicherten, endete ein Pilgerleben oft gewaltsam.

Berenguela war mit ihren Eltern, König Sancho und Königin Sancha, selbst zum Grab des heiligen Jakob gezogen, und jeder Ort, der am Weg lag, war ihr vertraut. Besonders liebte sie die Stadt Estella, eine Tagereise südwestlich von Pamplona. Hier war das Klima milder als in der Residenz, denn hohe Berge standen wie ein Schutzwall zwischen der Stadt und den rauhen Winden aus Norden und Westen. Berenguela war der Meinung, dass Estella in einem geradezu beängstigenden Tempo wuchs. Aus dem Norden und vor allem aus dem Osten zogen mehr und mehr Menschen in das einstige Dorf, das sich, protegiert von ihrem Vater, in wenigen Jahren zur pulsierenden Stadt entwickelt hatte. Die Bauarbeiten für den prächtigen Palacio de los Reyes de Navarra, den Königspalast von Estella, waren noch längst nicht abgeschlossen, doch schon jetzt kam er Berenguela schöner und kunstfertiger vor als der in Pamplona.

Um nach Estella zu gelangen, kreuzte man den Rio Arga in Puente la Reina. Berenguela war oft über die elegante steinerne Brücke geritten, die ihren Namen der Dona Mayor, einer Ahnin des Königs, verdankte, und hatte Gott für die Schönheit ihrer Heimat gedankt. Navarras Küste war lieblicher als die im Westen Kastiliens, das Wetter gemäßigter und die Landschaft abwechslungsreicher. Die mächtigen Berge im Norden bildeten eine natürliche Grenze zu Aquitanien und den Grafen von Armagnac und machten Navarra nahezu uneinnehmbar. Im Schatten der Berge hielt die Natur ewigen Winterschlaf, doch die Täler waren fruchtbar und grün. In den endlosen Wäldern mit Buchen und Eichen, Ahorn, Pappeln und Ulmen lebte genügend Wild, und die klaren Flüsse waren voller Forellen. In Navarra musste niemand hungern, denn auch Getreide und Gemüse fanden hier ideale Böden.

Im Mai konnte es in Berenguelas Heimatstadt Pamplona schon sehr heiß werden, die Winter dagegen waren bitterkalt. Navarra galt in manchen Teilen als rauhes Land, das an eisige Schneestürme ebenso gewöhnt war wie an die trockene Hitze, die im Sommer die Felder ausdörren konnte. Die Menschen verbrachten ihr Leben in harter Arbeit und strenger Gottesfurcht, in die sich allerdings ein großes Maß an praktischem Lebenssinn und pfiffiger Geschäftstüchtigkeit mischte. Die fränkischen, deutschen und englischen Pilger zum Beispiel, die in Scharen durch Navarra zogen und ihre Münzen in den Wirtshäusern und Herbergen ließen, betrachtete man gemeinhin als ein Geschenk des Himmels. Navarra, das über Jahrhunderte den ungläubigen und barbarischen Mauren von Al-Andalus im Süden der Iberischen Halbinsel getrotzt hatte, empfand die unerwartete wirtschaftliche Blüte als Gottes eigenen Fingerzeig. Er selbst hatte ihrer Ansicht nach das kleine Land auserwählt, den Gläubigen aus aller Welt den Weg zum heiligen Jakob zu weisen.

Erneut warf Berenguela einen prüfenden Blick zur Sonne und beschloss, ihre Arbeit im Garten für heute zu beenden. Obwohl der Sommer noch fern war, brannte die Sonne in den Mittagsstunden schon stechend vom Himmel. Zudem drängte sich in Berenguelas Gedanken die Sorge um Marie. Sie konnte sich nicht entsinnen, dass Marie jemals den frühen Morgen im Kräutergarten versäumt hatte. Sie klopfte die letzten Erdreste von ihrem dunklen Leinenrock, säuberte sich in einem kleinen Wasserbecken notdürftig die verschmutzten Hände und wischte mit einem sauberen Stück Tuch sicherheitshalber über ihre Stirn, um Schweiß und Staub zu entfernen.

Verglichen mit den großen Residenzen Europas, verlief das Leben am Hof von Navarra gemächlich, fast eintönig und auf jeden Fall völlig unspektakulär. Sicher, auch König Sancho veranstaltete Turniere und Feste, doch nach Pamplona verirrte sich nur selten einer der großen Troubadoure und schon gar nicht einer der schillernden Herrscher des übrigen Europas. Die Dichter bevorzugten die Höfe nördlich der Pyrenäen, liebten die Paläste in Aquitanien, die Residenzen des französischen Königs in Reims und in Paris oder die Burgen des Grafen von Toulouse. Kulturell galt Navarra als zurückgebliebenes Land, in das sich ein Minnesänger nur auf ausdrückliche Einladung des Königs wagte.

Berenguelas ältester Bruder Sancho verbrachte einen Großteil des Jahres daher am Hof von Aquitanien. Er war ein enger Bekannter der Söhne des englischen Königs Heinrichs II., vor allem zu Richard, dem dritten Sohn, Thronfolger und Herzog von Poitiers, bestand eine schon seit langem dauernde Freundschaft. Heinrich II. herrschte über eine unfassbar riesige Landmasse. Sie reichte von England auf den Kontinent, zog sich von der Normandie den Atlantik entlang bis tief in den Süden nach Bayonne und endete erst an der Nordseite der Pyrenäen.

Berenguela hatte den König und drei seiner Söhne vor einigen Jahren kennengelernt. Sie erinnerte sich nicht gern an diese Begegnung, denn der König hatte sie aus seinen schmalen Augen so eindringlich gemustert, dass Berenguela beschämt den Blick abwandte. Sie fühlte sich wie eine Zuchtstute begutachtet, und der lüsterne Zug um Heinrichs Mund ließ sie vor Ekel erschauern. Sie verabscheute den englischen König, über den die Damen am Hofe hinter vorgehaltener Hand grauenvolle Dinge zu berichten wussten. Er hielt seine Frau, Königin Eleonore, schon seit langer Zeit in England gefangen und hatte ganz offen mit seiner Geliebten, der schönen Rosamunde, gelebt, die er, so glaubte sich Berenguela zu erinnern, sogar heiraten wollte. Dafür hätte der Papst die Ehe mit der Königin Eleonore auflösen müssen – aber dies war niemals geschehen, und die schöne Rosamunde war vor dreizehn Jahren gestorben. Man raunte, die Königin sei nicht unschuldig am Tod der Rivalin, sie habe sie damals im Park des Schlosses Woodstock vergiftet. Berenguela kannte genügend Pflanzen, die den Tod brachten, und hielt es durchaus für möglich, dass Rosamundes geheimnisvolle und kurze Krankheit durch einen Sud aus Blättern hervorgerufen worden war. Doch dass die Königin selbst Rosamunde den Trank gereicht haben sollte, konnte sie nicht glauben. Berenguelas klarer Verstand zweifelte schon deshalb an dieser Version der Geschichte, weil König Heinrich seine Gemahlin Tag und Nacht von einigen seiner engsten Vertrauten bewachen ließ. Wie also sollte sie ihrer Gefangenschaft entkommen, um ausgerechnet nach Woodstock in das Schloss ihrer ärgsten Feindin zu reisen.

Sie empfand Mitleid mit dieser Frau, die sie nur aus Erzählungen kannte. Sechzehn Jahre schon war die englische Königin hinter den Schlossmauern von Winchester und Salisbury lebendig begraben, weil der König ihr nicht verzieh, dass sie sich auf die Seite ihrer Söhne gestellt hatte, als die begannen gegen den Vater zu rebellieren. Von ihrem Bruder Sancho wusste Berenguela, dass Heinrichs Söhne die Mutter vergötterten und den Vater hassten. Ob die Töchter des Königs ebenso empfanden, konnte ihr Sancho nicht sagen. Er war ohnehin der Ansicht, dass Frauen sich besser nicht in die Geschäfte der Männer einmischten – vor allem, wenn diese mit Politik zu tun hatten. Um ihr zu verdeutlichen, wohin dies führte, verwies er für gewöhnlich auf das traurige Schicksal der Königin Eleonore. Berenguela hatte es aber ohnehin aufgegeben, sich von Sancho in einen Disput ziehen zu lassen. Sie waren sich nie einig, und in den meisten Fällen verließ ihr Bruder erzürnt den Raum.

Gefangenschaft, dachte Berenguela, ist schlimmer als der Tod, und wünschte der unbekannten Königin die Kraft, sich niemals aufzugeben. Sie dachte daran, dass Eleonore dem englischen König zehn Kinder geschenkt hatte – und in ihrer ersten Ehe zwei dem damaligen französischen Herrscher Ludwig. Ihr Lieblingssohn war Richard, und Berenguela wunderte sich nicht, dass gerade er mit der größten Leidenschaft gegen seinen Vater kämpfte. Drei Brüder hatte Richard bereits verloren. Der Erstgeborene, Wilhelm, starb im Alter von drei Jahren. Der zweite, Heinrich, war vor sechs Jahren einer unheilbaren, geheimnisvollen Krankheit erlegen, deren Namen Berenguela nicht kannte und über deren Symptome selbst ihr Bruder Sancho wenig berichten konnte. Und vor drei Jahren dann der tragische Tod des dritten Bruders, Gottfried. Er wurde bei einem Turnier tödlich verwundet, Sancho war Zeuge. Richard würde also früher oder später seinem Vater auf den Thron folgen und dann dieses riesige Reich regieren – und verteidigen müssen. Der junge französische König Philipp schmiedete unablässig neue Bündnisse gegen die Aquitanier, und Sancho sah in ihm einen gefährlichen Gegner.

Ihr Bruder Sancho liebte den Kampf und das Abenteuer, und Berenguela war sich sicher, dass er all dies in der Gesellschaft seines Freundes Richard finden würde. Sie selbst hielt den Aquitanier für einen verantwortungslosen Draufgänger, der keiner Auseinandersetzung aus dem Weg ging. Ihr Urteil über ihn stand seit ihrer ersten Begegnung fest. Der Herzog von Poitiers und künftige englische König war in Berenguelas Augen ein oberflächlicher Mann, der kein Interesse daran hatte, den Dingen auf den Grund zu gehen. Das Beste an ihm war seine Stimme – dunkel und volltönend füllte ihr Klang selbst den größten Rittersaal. Und wenn der Herzog sang, schlich sich sein Lied geradewegs in die Seelen der anwesenden Damen und betörte ihre Sinne. Berenguela gab zu, dass Richards Lieder ein musikalischer Genuss waren. Ihm beim Singen zuzusehen, widerstrebte ihr jedoch – zu sehr erinnerte sie sein Verhalten an die Balz des Auerhahns.

Dass ihr Bruder so sehr die Freundschaft des Aquitaniers suchte, missfiel ihr. Aber Sancho als Erstgeborener und Kronprinz des Königreichs Navarra hatte besondere Rechte, und es stand ihr nicht zu, ihm Vorhaltungen zu machen. Ihr zweiter Bruder, Ramiro, war Priester und Bischof von Pamplona. Sie fühlte sich ihm näher als Sancho, wenngleich auch er ihre Leidenschaft für die Heilkunde nicht billigte. Und selbst bei ihrer jüngeren Schwester Blanka fanden ihre Studien wenig Gegenliebe. Zu unterschiedlich waren die beiden Frauen, und seit Blanka mit dem Grafen von Champagne verheiratet war, bestand ihr Kontakt nur noch aus vereinzelten Briefen.

Berenguela liebte die Ruhe und Abgeschiedenheit des Lebens in Navarra. Der einzige Ort, den sie dem Königspalast in Navarra vorgezogen hätte, war die Universität von Salerno, die berühmteste Medizinschule des Abendlandes. Die Tatsache, dass sie eine Frau war, stand dem Weg nach Salerno nicht entgegen – die Universität nahm auch weibliche Studierende auf. Doch für die Tochter eines Königs, auch wenn sie aus einem kleinen Land am Rande des christlichen Europas stammte, galten andere Regeln.

Berenguela lächelte wehmütig, als sie die Pforte zum Garten hinter sich schloss und mit schnellen Schritten den Pfad zum Palast einschlug. Niemals würde ihr Vater ihren Wünschen nachgeben und offiziell ihren Forschungen seine Zustimmung erteilen. Er gestattete ihr den Garten – und dafür war sie ihm dankbar. Mehr konnte sie nicht verlangen.

Berenguela atmete tief aus und beschloss – zumindest für heute –, alle trüben Gedanken beiseitezuschieben.

*

Es regnete. Unaufhaltsam fiel seit Tagen ein feiner Schleier aus Wasser vom Himmel und legte sich über die Stadt. Alles schien von der Feuchtigkeit durchdrungen. Es tropfte von den Bäumen, troff von den Hausdächern, und die Rinnsale sammelten sich in dem trüben Fluss, auf dem die Lastkähne die Stadt ansteuerten. Es war ein milder Regen und doch ein unbarmherziger, keiner, den man nach heißen, trockenen Sommertagen herbeisehnte, weil die Natur nach Wasser dürstete. Dieses stetige kühle Nieseln wusch das Lächeln aus den Gesichtern der Menschen und ließ sie schwermütig werden unter der Masse der grauen Wolken. In den Straßen der Stadt glitten die Pferde auf den feuchten Steinen aus, und außerhalb der Mauern wateten die Bauern und Händler durch knöcheltiefen Schlamm. Die Fuhrleute zogen und schoben ihre Karren mit Getreide und anderen Lebensmitteln unter lauten Flüchen durch den Matsch zum Markt, und die Lumpen der Bettler waren schwer vor Nässe.

Die dicken Steinquader der Schlossmauern von Winchester trotzten der Feuchtigkeit so gut sie konnten, doch in den Sälen und Kammern hatten sich längst dunkle Flecken an den Wänden gebildet. Adelaide fröstelte und verbarg ihre klammen Finger tief in den Falten ihres glänzenden braunen Seidenkleides. Sie hasste den Regen und die trüben Wolken, die ihn begleiteten. Seit zwanzig Jahren lebte sie in diesem Land, und sie verabscheute es wie am ersten Tag. Auch damals hatte es geregnet, in dichten Schauern, die der Wind über die tosende See vor der Küste von Dover trieb. Adelaide war neun Jahre alt, als sie zum ersten Mal englischen Boden betrat. Eine kindliche Braut, deren Verlobung zwei Könige ausgehandelt hatten – Ludwig VII. von Frankreich und Heinrich II. von England. Sie erinnerte sich, dass sie gezittert hatte, als fremde Arme nach ihr griffen und sie aus dem schlingernden Boot hoben. Gesichter, die sie nicht kannte, starrten sie an, und eine Sprache, die sie nicht verstand, verwirrte sie.

»Mal wieder ein Opfer der schwarzen Galle, meine Schöne? Ich sehe, die Melancholie umgibt dich wie eine der Regenwolken da draußen«, sagte eine spöttische Stimme hinter ihr. Adelaide zuckte vor Schreck zusammen, atmete langsam aus und drehte sich um. »John. Ich habe dich später erwartet.«

»Ich weiß«, erwiderte Prinz John und schlenderte lässig zu dem Tisch in der Mitte des Raums, auf dem ein Schachbrett samt zierlich geschnitzten Figuren stand. »Du erlaubst?« Er nahm einen Kelch und schenkte sich aus einer Karaffe einen Schluck Wein ein. »Auf die geduldigste Frau, die ich kenne«, prostete er ihr zu. Adelaide kniff die Augen zusammen und unterdrückte ihren Zorn. John lächelte. »Verzeih, ich habe dich verärgert. Aber nenne mir sonst auf dieser Erde eine Braut, die seit zwanzig Jahren darauf wartet, dass der Verlobte sie endlich zum Traualtar führt.« Er deutete eine Verbeugung an. »Und das ist umso erstaunlicher«, fuhr er fort, »da es sich bei dieser Braut um die schönste Frau handelt, die unser lausiges Königreich je gesehen hat.« Sie fand seine Worte keiner Erwiderung wert, und der Prinz hatte wohl auch keine erwartet. »Setz dich doch, meine Liebe«, forderte er sie auf. »Ich mag nicht länger stehen, und du weißt, wie unhöflich es wäre, in Anwesenheit einer Dame unbekümmert Platz zu nehmen.« Mit einer einladenden Handbewegung wies er auf einen prachtvoll verzierten Stuhl mit purpurfarbenem Seidenkissen.

Adelaide warf ihm einen eisigen Blick zu. »Verschone mich mit deinen Spitzfindigkeiten. Wir sind nicht hier, um Schmeicheleien auszutauschen.«

»Wie du meinst, meine Liebe. Nimmst du Weiß?« Er begann die Figuren auf dem Brett zu verteilen. Adelaide trat an den Tisch, bückte sich leicht, um einen Kelch mit Wasser zu nehmen, und registrierte kühl die Begierde in seinen Augen. »Deine Haut ist so sahnig wie die Milch unserer besten Kuh«, raunte John, sprang auf und griff ihr um die Taille. »Besonders hier.« Er berührte mit dem Zeigefinger den Ansatz ihres Busens. »Ein Jammer, dass du hinter unseren dicken englischen Mauern versauern musst. Mein Bruder ist ein Idiot.«

Adelaide wand sich aus seiner Umarmung. »Hast du Nachricht von Richard?«

»Nichts als zornige Worte.«

»Wo ist er?«

»Belagert die Stadt Le Mans. Übrigens gemeinsam mit deinem Halbbruder Philipp. Ist das nicht pikant? Mein Bruder – dein, wie soll ich ihn nennen, Dauerverlobter? – führt Krieg gegen seinen eigenen Vater und verbündet sich zu diesem Zweck mit dem französischen König. Ich würde sagen, Richard ist eine dieser verlorenen Seelen. Du weißt, was ich meine. Zu Hunderten ziehen sie von Hof zu Hof und pilgern am Ende ins Heilige Land, um dort bei den Sarazenen einen ungnädigen Tod zu finden. Ungehorsam gegen die Gesetze der Familie. Tja, da lässt sich nichts machen. Wusstest du, dass unser alter Vater ihn enterben will?«

Adelaide ließ sich mit der Antwort Zeit. »Ich dachte«, sagte sie zögerlich, »er hat Richard selbst zum Thronfolger bestimmt.«

John drohte ihr scherzhaft mit dem Zeigefinger. »Du schnurrst wie die Katze, die den Singvogel gefressen hat. Lese ich in deinen Augen eine heimliche Freude?«

»Warum sollte ich froh sein, wenn Richard den Anspruch auf die Krone verliert? Bin ich nicht dazu bestimmt, seine Königin zu werden?«

Der Prinz verschluckte sich am Wein. »Nun, wir beide wissen, dass diese Aussichten mehr als vage sind. Mein teurer Bruder Richard hat sich zwar etwas übereilig selbst zum Nachfolger auf Englands Thron ernannt, aber schließlich lebt der König noch.«

Adelaide begann zu verstehen. »Richard braucht also Philipp, um gegen seinen Vater zu kämpfen. Andererseits dürfte Philipp Richard für seine eigenen Zwecke benutzen.«

John deutete eine Verbeugung an. »Klug gefolgert. Du hast Talent zur Diplomatie, meine Hübsche. Philipps lächerliche französische Krondomäne ist vom Herrschaftsgebiet unseres Vaters nahezu eingeschlossen. Wer weiß, was Richard ihm als Gegenleistung versprochen hat. Und dafür bekommt er gut ausgebildete französische Ritter.«

»Aber sagt man nicht, König Heinrich sei ernsthaft erkrankt?«

»Ach, irgendein harmloses Fieber. Der alte Mann wird kämpfen bis zum letzten Blutstropfen.«

»John, euer Vater ist nicht alt.«

»Er zählt sechsundfünfzig Jahre. Ich nenne das alt. Aber ich vergaß, dass du die Kräfte des Königs besser kennst als ich. Schließlich bin ich nur sein jüngster Sohn, während du …« Mit den Fingern seiner rechten Hand hob er leicht ihr Kinn. »Wir sind hier unter uns, erlaube mir deshalb diese kleine Indiskretion. Hat nicht mein Vater dir die gähnende Langeweile während Richards jahrelanger Abwesenheit aufs Schönste vertrieben?«

Adelaide schlug unwillig seine Hand beiseite. Sie hasste Unterredungen wie diese. John ging aus Wortgefechten für gewöhnlich als Sieger hervor, was in erster Linie an seiner schonungslosen Offenheit lag, mit der er häufig genug die Grenzen der Höflichkeit überschritt. Sie kannte ihn fast ihr ganzes Leben lang. Er war ein kleiner Junge von drei Jahren, als sie nach England kam, und als Kinder hatten sie oft zusammen gespielt. Richard wurde damals schon zum Ritter ausgebildet und hielt sich nicht am englischen Hof seines Vaters auf, sondern lebte auf dem Kontinent, in den Residenzen Aquitaniens, vor allem in dem großen Palast von Chinon. Adelaide, die kleine französische Prinzessin, die Richard, dem dritten Sohn des englischen Königs, versprochen worden war, fand in John zwar keinen Freund, aber immerhin einen Gefährten, und in seiner ein Jahr älteren Schwester Jeanne eine Vertraute. Bis auch Jeanne mit elf Jahren als Verlobte des Königs von Sizilien den Hof ihres Vaters in England verlassen musste und nach Palermo zog. Seit jenem Tag hatte sie Jeanne nicht wiedergesehen.

Es war nichts Ungewöhnliches, dass Fürsten ihre Töchter als junge Mädchen den künftigen Schwiegereltern überließen, damit diese sie auf ihre spätere Rolle vorbereiten konnten. Auch Adelaides Eltern, der französische König Ludwig VII. und Konstanze von Kastilien, hatten ihre kleine Tochter mit gutem Gewissen nach London geschickt, ebenso wie schon vor Jahren Adelaides ältere Schwester Marguerite. Im Alter von drei Jahren hatte man Marguerite mit dem damals siebenjährigen Thronfolger Heinrich dem Jüngeren, Richards älterem Bruder, vermählt. Doch Heinrich war vor sechs Jahren überraschend an einer heimtückischen Krankheit gestorben. Marguerite hatte inzwischen den König von Ungarn geheiratet. In England würde sie niemals Königin werden.

Adelaide erinnerte sich genau an ihre erste Begegnung mit Richard. Es war der 6. Januar 1169, und sie war mit ihren Eltern zu der Festung Montmirail in der Gegend von Chartres gereist, wo sich die Herrscherfamilien der beiden mächtigsten europäischen Königshäuser trafen. Es war ein eiskalter Tag, sie hatte unablässig gefroren, und trotz des prächtigen Empfangs, an dem sie teilnehmen durfte, ließ sich das Zittern ihrer Hände und das Klappern ihrer Zähne nicht unterdrücken. Der Junge, der ihr als Prinz Richard vorgestellt wurde, hatte einen wilden Schopf roter Haare und reichte mit seinen zwölf Jahren fast bis ans Kinn seines Vaters. Ihm schien die Kälte nichts auszumachen, und er blinzelte ihr lachend zu. Dies war der Tag ihrer Verlobung, sie war plötzlich erwachsen geworden, von einem Moment auf den anderen hatte sie den sicheren Hort ihrer Kindheit verloren und musste ihre Heimat für die ihres künftigen Mannes aufgeben. Damals glaubte sie, sie würde schon bald nach ihrer Ankunft auf der Insel mit einem der Erben Aquitaniens verheiratet sein. Doch niemand, und am wenigsten sie selbst, hatte damit gerechnet, dass sie Jahr um Jahr in London verbringen würde – ohne dass jemals eine Hochzeit mit dem dritten Sohn des Königs stattfand. Inzwischen waren ihre Eltern gestorben, ihr Halbbruder Philipp, der einzige Sohn aus den drei Ehen ihres Vaters, trug jetzt die französische Krone.

Ein Räuspern holte sie in die Gegenwart zurück. »Verzeih, wenn die Erwähnung meines geliebten Vaters Erinnerungen ausgelöst hat, die du lieber für immer begraben würdest«, sagte John und ließ sich zu einem Lächeln herab. »Wünschst du ihm immer noch den Tod, weil er die unschuldige Prinzessin zur königlichen Hure gemacht hat?«

»Du bist lästig wie eine Warze«, zischte Adelaide. »Um aber deine Neugier zu stillen, ich dachte an Richard.«

»Die Rolle der schmachtenden Braut steht dir nicht.«

Wut kroch aus ihrem Inneren wie eine der schwarzen Spinnen, die in den Mauerritzen lauerten. Eines Tages, dachte Adelaide, wird John für seine Bosheiten bezahlen. Sie zwang sich, äußerlich ruhig zu bleiben. »Du sprachst von zornigen Worten, die dir Richard gesandt hat.«

»Hm.«

Adelaide atmete hörbar aus. »Bitte, John, antworte mir. Habe ich nicht ein Recht, zu wissen, was zwischen Richard, seinem Vater und meinem Bruder vor sich geht? Seit zwanzig Jahren lebe ich in diesem tristen Land, in diesen feuchten Mauern, weit weg von der Sonne des Südens. Solange ich denken kann, warte ich – auf Richard, auf meine Hochzeit, auf eine Entscheidung. Das ist kein Leben, John.«

»Mag sein, aber du hast keine Wahl.«

»Wenn König Heinrich siegt, wird er Richard verstoßen«, flüsterte Adelaide.

»Möglich«, sinnierte John und betrachtete seine sorgfältig gepflegten Fingernägel. »Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er ihn töten wird.«

Adelaide drehte sich zum Fenster und blickte in den Nieselregen. »Ist Richard tot, bist du der letzte Sohn des Königs.«

John lachte laut. »Du bist amüsant – und du bist schön. Sieh dich vor. Ich könnte es ernsthaft in Erwägung ziehen, selbst dein Ehemann zu werden. Richard nimmt dich ja doch nicht mehr, auch wenn er – wider Erwarten – am Leben bleibt. Und einer von uns muss dich schließlich heiraten. Irgendwann.«

Empört fuhr sie herum. »Schweig. Ich bin die Tochter eines Königs.«

Mit zwei Schritten stand er vor ihr. »Die Tochter eines Königs?«, zischte er. »Das war einmal. Alles, was ich heute sehe, ist eine Dirne mit adeligem Stammbaum.« Sie hob die Hand, doch John hatte mit dieser Bewegung gerechnet. Blitzschnell umschloss er ihre Handgelenke und hielt sie wie in einem Schraubstock gefangen. »Wage es nicht, mich zu ohrfeigen.«

Sie konnte seinen Atem spüren und fühlte Speicheltropfen auf ihrer Wange – kalt wie der englische Regen. Sie war gefangen zwischen seinen Armen und der Wand im Rücken, und im nächsten Moment fühlte sie seine Lippen auf ihrem Mund. Seine Zunge zwängte sich zwischen ihre Zähne.

Eine Welle des Ekels überschwemmte sie, und voller Zorn biss sie zu. John unterdrückte einen Schrei und stieß sie von sich. Adelaide taumelte gegen die Mauersteine und prallte schmerzhaft mit der rechten Schulter an den Sims unterhalb des Fensters.

Von Johns Lippen tropfte Blut, die untere schwoll sichtbar an. Er hatte roten Schleim auf ihren Webteppich gespuckt, und als sie ihm ins Gesicht blickte, sah sie ein Grinsen, das ihr mehr Angst einjagte als alle Flüche, die sie im Stillen erwartet hatte. Sie stand zitternd an der Wand, hielt sich die schmerzende Schulter und starrte den jüngsten Sohn des Königs an, als wäre er ein wildes Tier, das im nächsten Augenblick zum tödlichen Sprung ansetzt. Sein blauer Umhang war mit Blut befleckt, und seine besudelten Hände hatten Spuren an den hellen Ärmeln seines Gewands aus bestickter Seide hinterlassen.

»Raus«, flüsterte Adelaide. »Verschwinde, bevor du deine Zunge ganz verlierst.«

Den Ausdruck in seinen Augen konnte sie nicht deuten, doch sein Blick wanderte wie ein widerliches Insekt über ihren Körper. »So fällt unsere Partie für heute aus? Schade, ich hätte dir Revanche geboten.« John deutete eine spöttische Verbeugung an und drehte sich zur Tür. Er berührte die Klinke, wandte sich dann aber noch einmal zu ihr um und schlug sich mit einer übertrieben scherzhaften Bewegung an die Stirn. »Ach, fast hätte ich es vergessen … Mein Vater hat deinem Bruder Philipp doch tatsächlich vorgeschlagen, deine Verlobung mit Richard zu lösen. Eine gute Idee, findest du nicht? Höchste Zeit, dass du einen Mann bekommst, der nicht so lange zaudert und – sagen wir – beherzt zupackt. Selbst wenn die Braut ein wenig bissig ist.«

Adelaide wagte nicht zu atmen. »Du lügst«, flüsterte sie kaum hörbar.

Er hob bedauernd die Schultern. »Deine Schönheit scheint die Männer nicht zu fesseln, Adelaide.«

»Der König wird mich niemals aufgeben und öffentlich demütigen.«

Seine Lippe blutete nicht mehr, war aber zu einem unförmigen Wulst angeschwollen. »Wer weiß?«, entgegnete er. »Aber keine Angst, du bleibst so oder so in der Familie. Eine enge Bindung an Frankreich habe auch ich schon immer gutgeheißen.« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.

Adelaide lief zur Tür und zog den schweren Stuhl unter die Klinke. Sie erwartete nicht, dass John zurückkommen würde, wünschte aber auch keinen anderen ungebetenen Besuch. Ihre Gedanken rasten. Angenommen, John hatte die Wahrheit gesagt, und König Heinrich drang tatsächlich darauf, die Verlobung mit Richard zu lösen? Denk nach, sagte sie sich. Was bezweckt er damit?

Sie nahm ein weiches Wolltuch aus dem Schrank und schlang es um ihre Schultern. Sie wusste sehr wohl, dass eine dynastische Verbindung zwischen England und Frankreich für beide Seiten von unschätzbarem Vorteil war. Deshalb war ja ihre Schwester Marguerite schon als Kind mit dem englischen Thronfolger Heinrich dem Jüngeren vermählt worden. Doch seit dessen Tod konnte nur sie, Adelaide, die Ansprüche der französischen Krone sichern. Niemals würde ihr Bruder Philipp diese Verlobung, die nun schon seit zwei Jahrzehnten bestand, in Zweifel ziehen.

Sie verfluchte die feuchte Kälte, die den Sommer zum Herbst machte. Adelaide sehnte sich krank nach der Wärme und der heiteren Unbeschwertheit Frankreichs. In ein paar Jahren würde ihre Schönheit welken wie die Blütenblätter der Rosen im Herbst. Sie war jetzt neunundzwanzig Jahre alt, ihr helles rotblondes Haar fiel in weichen Wellen bis über ihre Hüften, ihre Haut war zart und makellos, ihre Augen blau wie der Himmel im Süden. Es gab eine Zeit, da hatte Richard sie in seinen Briefen umworben und Lieder über ihre Anmut geschrieben, die die Minnesänger in ganz Europa vortrugen. Doch das war lange her, sie hatte ihren Verlobten schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Richard betrat nie englischen Boden, ständig führte er irgendwo Krieg, sicherte die Grenzen seines Herzogtums, zettelte Revolten gegen seinen Vater an. Und sie? Sie war die vergessene Braut, die ihre Unschuld an den König verloren hatte.

Die einsamen Jahre in London und Winchester hatten sie gelehrt, ihre Gefühle im Zaum zu halten. In ihrer Jugend hatte sie ihr Vertrauen freigebig verschenkt – und war bitter enttäuscht worden. Viel zu spät hatte sie die Absichten des englischen Königs erkannt, niemand hatte sie vor der Lüsternheit dieses Mannes gewarnt, der seine Frau gefangen hielt, seiner Geliebten den Platz der Herrscherin zugestand und seine künftige Schwiegertochter verführte. Verzweifelt hatte sie Richard geschrieben, er möge nach England kommen und sie von der undankbaren Rolle der ewigen Braut befreien. Er hatte ihr nicht einmal geantwortet.

Eine Welle der Bitterkeit überrollte sie, und sie schmetterte den Kelch, aus dem John getrunken hatte, gegen die Wand. Der rote Wein lief wie Blut an den Steinquadern hinab, und mit Befriedigung sah sie, wie der kostbare Teppich zu ihren Füßen die Flüssigkeit aufsog. Er war ein Geschenk des Königs, gewebt von frommen Benediktinerinnen, und Adelaide hatte es immer als Hohn empfunden, dass dieser Teppich, der Adam und Eva im Paradies darstellte, ausgerechnet in ihrem Zimmer lag.

Sie sammelte die ganze Kraft ihrer Gedanken und richtete sie auf einen Punkt: Was sollte aus ihr werden, wenn die Verlobung tatsächlich nicht mehr bestand? Wohin sollte sie gehen? An wen würde man sie dann zugunsten der Machtpolitik verschachern? Sie war es leid, Spielball einflussreicher Männer zu sein, die sie hinter Palastmauern verschwinden ließen und sie bei Bedarf in ihr Bett holten. Als sie damals englischen Boden betreten hatte, war sie ein naives junges Mädchen gewesen. Sie hatte Richard mit einer Ausschließlichkeit und Überzeugung geliebt, die sie in der Rückschau beschämte. Viele Jahre hatte sie sich an die Hoffnung geklammert wie ein Verurteilter an die vage Aussicht auf Gnade: Eines Tages würde Richard sie aus diesem Schloss, das nichts anderes als ein Gefängnis war, befreien. Inzwischen war die Einfalt der Gewissheit gewichen, dass er niemals kommen würde. Die Liebe zu ihm war ihr verlorengegangen, aber Gefühle ließen sich nicht in einer Holztruhe mit dickem Deckel versenken, und so war der Hass gewachsen und hatte sich in jedem Winkel ihres Körpers eingenistet.

Adelaide begann im Zimmer auf und ab zu gehen, was ihr gewöhnlich beim Denken half. Sie war eine brillante Schachspielerin und überschlug kühl ihre Optionen. Sollte Richard die Rebellion gegen seinen Vater verlieren, war sein Tod gewiss, der König würde nicht zögern, seinen aufrührerischen Sohn aufs Grausamste zu bestrafen. Doch die Wahrscheinlichkeit war groß, dass Richard in Allianz mit ihrem Bruder Philipp den König besiegte, zumal sie an die Harmlosigkeit des Fiebers, das John erwähnt hatte, nicht glauben konnte. Ihre Quellen hatten anderes berichtet. Von einer besorgniserregenden Entkräftung des Königs war die Rede, immer mehr verlasse sich der kranke Monarch auf seinen engsten Vertrauten Guillaume le Maréchal. Richards Chancen standen also gut, in absehbarer Zeit selbst auf dem englischen Königsthron zu sitzen. Es sei denn, grübelte Adelaide, es käme etwas dazwischen. Richard war für seine Sorglosigkeit bekannt, er hasste die schweren Kettenhemden und stürzte sich oft ohne Helm und Rüstung in den Kampf.

Auch ein Richard ist besiegbar, dachte Adelaide. Sie würde alles in die Waagschale werfen, um seine Position zu schwächen. Sie musste lächeln, denn die Bilder, die in ihrem Kopf entstanden, waren von präziser Logik und teuflischer Kaltblütigkeit. Vielleicht vermochte ihre Schönheit die Männer nicht zu fesseln, aber den Verstand hatte sie ihnen oft genug geraubt.

Ihre rechte Schulter schmerzte immer noch, und so öffnete sie eine Truhe aus Zedernholz und entnahm ihr einen unscheinbaren kleinen Lederbeutel. Das Wasser aus ihrem Kelch schüttete sie aus dem Fenster und schenkte sich einen Schluck Wein ein. Vorsichtig löste sie den Verschluss des Beutels und ließ eine Perle aus Bienenwachs in ihre Hand gleiten. Sie nahm die Perle in den Mund und lutschte ein wenig an ihr, dann trank sie den Wein, um den penetranten Geschmack zu vertreiben. Der Schlafmohn-Extrakt in dem Wachs würde ihr bald Ruhe vor der pochenden Qual in ihrem Arm bringen und ihr zudem die Möglichkeit geben, einen kurzen Brief aufzusetzen. Noch heute musste ein Bote London verlassen, um mit den schnellsten Pferden nach Le Mans zu reiten. Es blieb ihr nicht viel Zeit. Sie nahm den schwarzen König vom Brett und hielt ihn fest in ihrer Faust umfangen. Sie war am Zug, das Spiel war eröffnet.

*

Oben auf den Zinnen des Wehrturms war die Luft erträglich, und er sog die morgendliche Kühle in langen genussvollen Atemzügen in sich hinein. Dann wandte er den Blick nach Osten, wo eine glutrote Sonne langsam über den Horizont kroch, und spürte angesichts der Weite und Leere um sich herum, wie seine Gedanken zur Ruhe kamen und der Schmerz in seinem Kopf allmählich nachließ. Der Himmel war noch diesig, doch später, wenn die Sonne höher stieg, würde das zarte Weiß einem strahlenden Blau weichen. Er schlenderte die breite Mauer entlang. Sein schwarzer Mantel, auf dessen Rücken ein weißes Kreuz mit acht Spitzen zu sehen war, wies ihn als einen Ritter der Johanniter aus. Ernst grüßte er die Wachen, die Tag und Nacht an den Schießscharten Stellung bezogen, und musterte die karge Landschaft. Durch das Tal, das unter ihm lag, verlief eine der Handelsrouten zwischen der Küste, vor allem den Häfen von Tortosa und Tripolis, und dem Landesinneren. Im Süden lagen die hohen Gipfel des Libanon, dahinter, weiter östlich, der Gebirgszug des Antilibanon.

Er sah von der Sonne gebleichtes Gestein, loses Geröll und unendliche Mengen staubiger Erde. Jetzt war die Luft noch frisch, doch mittags flirrte sie in der Hitze und machte es den Wachen schwer, die friedlichen Handelskarawanen, die gemächlich über die Straßen zogen, von den anrückenden Truppen des Sultans Saladin zu unterscheiden. Er wusste, dass der Sultan kommen würde. Im Sommer vor zwei Jahren waren die christlichen Ritter von den Sarazenen besiegt worden. Es waren Christen gewesen, die die Waffenruhe mit Saladin gebrochen und eine Karawane auf dem Weg von Damaskus nach Ägypten überfallen hatten. Rainald von Chatillon hatte die Ritter angeführt, und dafür hatte ihm Saladin später eigenhändig den Kopf abgeschlagen. Bei der Stadt Hattin, ein Stück nordwestlich vom See Genezareth, war das christliche Heer von Saladins zwölftausend Reitern nicht nur geschlagen, sondern vernichtet worden, und der König von Jerusalem, die Meister des Templer- und des Johanniterordens sowie Rainald von Chatillon wurden gefangen genommen. Alle wurden später zum Tode verurteilt.

Der Sultan eroberte das Land in einem beispiellosen Siegeszug. Zweiundfünfzig Städte und Festungen fielen ihm in die Hände, die Häfen von Akkon und Askalon gingen verloren und im Oktober dann die Stadt Jerusalem selbst. Die als sicher geltenden Festungen von Montreal und Kerak kapitulierten vor der Belagerung durch Saladins Truppen. Den Christen blieben Chastel Blanc, Margat und Tortosa. Auch die Mauern von Krak des Chevaliers hatten standgehalten, und die Burg hatte sich wieder einmal als wahres Bollwerk gegen die Ungläubigen erwiesen. Vier Wochen lang hatten die Sarazenen im vergangenen Jahr Krak des Chevaliers belagert. Vergeblich. Die Festung war und blieb uneinnehmbar, und da es weder an Wasser noch an Lebensmitteln gemangelt hatte, musste der sonst so sieggewohnte Sultan seine Truppen wieder abziehen.

Die riesige Burg war erst vor knapp zwei Jahrzehnten neu erbaut worden. Zwei schwere Erdbeben im Abstand von dreizehn Jahren hatten die Anlage völlig zerstört. Die Ritter des Johanniterordens, die die imposante Festungsanlage von einem der Vasallen des Grafen von Tripolis gekauft hatten, waren gezwungen gewesen, die Burg auf den Resten der alten Grundmauern neu zu errichten, und hatten bei dieser Gelegenheit die Verteidigungsanlagen perfektioniert.

Die bis zu acht Meter dicken Mauern, vor allem aber die Wassergräben, die die Burg umgaben und die in einem Land der Trockenheit mehr als Luxus waren, hatten den Sultan scheitern lassen. Doch Saladin war für seine Hartnäckigkeit und insbesondere für seine Klugheit berühmt – er würde nicht zögern, einen neuen Weg ins Innere von Krak des Chevaliers zu suchen. Und früher oder später würde er ihn finden.

Der Mann auf den Zinnen trug die Verantwortung für die Unversehrtheit der Burg, und diese Bürde lastete schwer auf ihm. Mittlerweile hatte er den südlichen oberen Festungswall hinter sich gelassen und wandte sich der schmalen Treppe zu, die einzelne kleinere Räume miteinander verband und dann in den großen Saal führte, in dem sich die wenigen Johanniter, die auf der Festung verblieben waren, mehrmals am Tag versammelten. Er kannte jeden Winkel der Festung; die Kopfschmerzen, die ihn nachts oft quälten, raubten ihm den Schlaf und ließen ihn rastlos durch die düsteren Gänge streifen. Er konnte sich fast lautlos bewegen und hatte sich angewöhnt, wie ein Schatten zu erscheinen, meist dort, wo ihn niemand erwartete. Er liebte die Dunkelheit und die Kälte, die sich nach Sonnenuntergang in den Mauern einnistete. Am Tag, im Angesicht der gleißenden Sonne, überschritt das unablässige Pochen hinter seinen Augäpfeln oft die Grenze des Erträglichen. Sein Leiden, das kein Medicus bislang zu heilen vermocht hatte, begleitete ihn seit der Schlacht bei Hattin, als ihn ein heranjagender Sarazene mit seinem Säbel angegriffen hatte. Er hatte den Schlag parieren können, war jedoch vom Pferd gestürzt und dabei mit dem Kopf gegen einen Stein geschlagen. Sein Helm hatte ihm das Leben gerettet, aber dennoch war er viele Tage ohne Bewusstsein gewesen. Als er erwachte, hatte sich die Wunde geschlossen, doch die Schmerzen waren geblieben, und an manchen Tagen wünschte er sich, er hätte den Tod gefunden. Er wusste, dass dieser Gedanke für einen Ritter, der das heilige Kreuz verteidigte, mehr als eine Sünde war, doch er hätte seinen rechten Arm für ein Mittel gegeben, dass ihm auf Dauer Linderung bringen könnte. Trotz aller Gebete und seines Flehens um Erlösung übernahm immer wieder der Schmerz die Herrschaft in seinem Leben, zuweilen mit einer solchen Intensität, dass er meinte, bereits auf Erden die Qualen der Hölle zu spüren.

Sein Name war Alain de Macon, und er stammte aus einem Land, dessen fruchtbare Erde sattgrüne Wiesen hervorbrachte, dazu Felder voller Getreide und dichte Wälder im Überfluss. Seit vielen Jahren hatte er die Orte seiner Kindheit nicht mehr gesehen, die steinige Wüste des Morgenlandes war seine Heimat geworden, der Kampf gegen die Ungläubigen seine Berufung. Nur selten gestattete er sich ein Gefühl, das der Sehnsucht nahekam. Ihm fehlten Zeit und Muße, aber auch der Mut, eine Empfindung zuzulassen, die eine ebensolche Pein verursachen konnte wie der Schmerz in seinem Kopf. Alain de Macon war vierunddreißig Jahre alt, ein Ritter der Johanniter, dessen Lebensaufgabe darin bestand, Gottes Wort mit dem Schwert zu verteidigen. Er tat dies mit Leidenschaft, doch er verabscheute den Fanatismus derjenigen, die einen Sarazenen lieber tot als bekehrt sahen.

Vor vielen Jahren war er ins Heilige Land gezogen, denn zu Hause, auf der Burg seiner Ahnen, hatte sein ältester Bruder die Herrschaft über das Familienvermögen sowie die Ländereien übernommen. In seiner Heimat war dies die übliche Praxis, doch das Oberhaupt der Familie hatte auch zugleich die Pflicht, für alle anderen zu sorgen. Sein Bruder Gilles erfüllte seine Aufgaben mit Umsicht und Klugheit, aber auch mit – wie Alain es empfand – unerträglicher Strenge und Selbstgefälligkeit. Unter Gilles de Macon wurde die Familie reicher, ihr Einfluss wuchs, und Gilles offenbarte, beflügelt von dem Erfolg seiner Unternehmungen, von Jahr zu Jahr mehr despotische Züge. Als Alain mit vierzehn die Volljährigkeit erreicht hatte, verließ er die Burg seiner Väter, bestieg in Marseille ein Schiff und segelte nach Akkon. Er hatte nie die Absicht gehabt, ein Mönch zu werden. Im Gegenteil, sein Ziel war es, das Heilige Land gegen die Ungläubigen zu verteidigen und bei dieser Gelegenheit zu Ruhm und Reichtum zu kommen. Es war kein Geheimnis, dass Ritter, die Richtung Jerusalem gezogen waren, dort Heimat und Vermögen gefunden hatten. Viele heirateten einheimische Töchter von reichen Grundbesitzern, manche sogar getaufte Sarazeninnen. Auf jeden Fall kehrten die meisten nie wieder zurück in ihr Heimatland, wo sie sich ja doch nur den strengen Regeln der Familie zu unterwerfen hatten.

Alain de Macon wurde dennoch schon kurz nach seiner Ankunft im Heiligen Land ein Kreuzritter der Johanniter. Es war der spätere Großmeister des Ordens, Roger de Moulins, der sich um den jungen Ritter aus Burgund gekümmert hatte. Eine Welle von Trauer überschwemmte Alain, wenn er an seinen Mentor und Freund dachte, der das Gemetzel von Hattin nicht überlebt hatte. Zehn Jahre lang hatte Roger de Moulins den Orden klug und weise geführt, niemand konnte ihn ersetzen und die Leere, die er hinterließ, ausfüllen.

Roger de Moulins hatte Alain mit dem Leben eines Kreuzritters vertraut gemacht, und die Geschichte des Ordens faszinierte Alain. Vor über hundert Jahren hatten Kaufleute aus Amalfi in Jerusalem ein christliches Hospital gegründet, und über die Jahre war aus dieser Gemeinschaft ein Zusammenschluss von Männern entstanden, die wie Mönche lebten, aber wie Ritter kämpften. Das Hospital in Jerusalem war das größte der gesamten christlichen Welt, seine Regeln für die Krankenpflege orientierten sich an den muslimischen Hospitälern von Bagdad und Damaskus. Fünf Jahre vor seinem Tod hatte Roger de Moulins die Bestimmungen, an die sich Ärzte und Pfleger zu halten hatten, schriftlich niedergelegt. Sogar die Länge und Breite der fast tausend Betten, die den Kranken zur Verfügung standen, hatte er vorgeschrieben, damit jeder genügend Platz und Muße fand, um gesund zu werden. Frauen, die hier ihr Kind zur Welt brachten, wurde eine Wiege zur Seite gestellt, damit sie ihr eigenes Bett nicht mit dem Säugling teilen mussten und dabei im Schlaf ihr Kind gefährdeten. »Wir gebieten«, hatte Roger de Moulins außerdem geschrieben, »dass jeder Kranke im Spital einen Pelz zum Anziehen hat und Filzschuhe, um zur Verrichtung seiner Notdurft zu gehen, und ein schafwollenes Häubchen.«

Alain war kein Arzt, aber er hatte das Hospital vom Heiligen Johannes in Jerusalem oft besucht. Hier wurde in Gottes Namen Dienst am Menschen geleistet, und Alain war stolz, ein Teil des Ordens zu sein. Doch die Johanniter unterhielten nicht nur Hospitäler, sie hatten es sich zusätzlich zur Aufgabe gemacht, die Grenzen des Heiligen Landes zu sichern und gegen die Sarazenen, die immer wieder neue Angriffe auf die christlichen Festungen unternahmen, zu verteidigen. Alain hatte sich als Kämpfer bewährt und darüber hinaus als geschickter Heerführer erwiesen. Er war der Stratege des Ordens, dessen Gespür für die beste Taktik den christlichen Rittern viele Siege beschert hatte. Seit der Katastrophe von Hattin allerdings zweifelte nicht nur Alain an seinen Fähigkeiten. Sein scharfer Verstand hatte längst erkannt, dass das Heilige Land für die Christen verlorengehen würde, wenn nicht bald Hilfe aus Europa käme. Saladin war zu mächtig geworden, die wenigen Festungen sowie die drei Hafenstädte, die den Christen verblieben waren, reichten nicht aus, um das Land auf Dauer zu befrieden und den dringend notwendigen Handel sowie den Nachschub an Lebensmitteln aus Europa zu sichern. Schon vor Jahren war Roger de Moulins zusammen mit dem Meister der Templer und dem Patriarchen von Jerusalem nach Verona gezogen, um dort mit dem Papst und dem deutschen Kaiser Friedrich, genannt Barbarossa, die prekäre Lage im Heiligen Land zu erörtern. Der Deutsche, dachte Alain verbittert, hatte immerhin seine Bereitschaft erklärt, über einen Kreuzzug ins Heilige Land nachzudenken. Der französische König Philipp dagegen schickte die Gesandten von Paris aus weiter nach England. Vielleicht sei ja der englische König Heinrich geneigt, Jerusalem zu befreien. Doch die Reise von Verona über Paris nach London lag nun schon vier Jahre zurück, keiner der europäischen Herrscher war ihnen zu Hilfe gekommen, und seit Hattin hatte das Heilige Land seine besten Männer verloren. Die wenigen Ritter, die übrig waren, die Festungen mit ihrem Leben zu verteidigen, hatten die Hoffnung aufgegeben, dass neue, kampfbereite Männer nachrücken würden. Sie lebten so unauffällig wie möglich und beteten zu Gott, dass des Sultans schier unbändiger Eroberungswille früher oder später gestillt sein würde.