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Jerusalem im 13. Jahrhundert: Als der Stauferkaiser Friedrich II. vom Sultan eine junge Frau als ›Gastgeschenk‹ angeboten bekommt, ist es um ihn geschehen. Die unbekannte Schöne ist niemand anderes als die piemontesische Gräfin Bianca, die eine dramatische Flucht zur Gefangenen im Harem des Sultans gemacht hat. Auch sie ist vom ersten Augenblick an fasziniert von dem charismatischen Herrscher. Beide spüren, dass sie füreinander bestimmt sind – doch die Staatsräson steht der Erfüllung ihrer Liebe im Weg. Dreimal heiratet der Kaiser, dreimal wird er Witwer, und jedes Mal hofft Bianca vergeblich, dass sie doch noch ihr Glück an seiner Seite finden wird. Als er sich erneut mit einer anderen vermählen soll, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung …
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Seitenzahl: 655
Veröffentlichungsjahr: 2013
Susanna Stein
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Jerusalem im 13. Jahrhundert: Als der Stauferkaiser Friedrich II. vom Sultan eine junge Frau als »Gastgeschenk« angeboten bekommt, ist es um ihn geschehen. Die unbekannte Schöne ist die piemontesische Gräfin Bianca, die nach einer dramatischen Flucht zur Gefangenen im Harem des Sultans wird. Auch sie ist vom ersten Augenblick an fasziniert von dem charismatischen Herrscher. Beide spüren, dass sie füreinander bestimmt sind – doch immer wieder siegt die Staatsräson über die Gefühle. Lange müssen die Liebenden warten, bis sich ihr Schicksal endlich erfüllt …
Widmung
Motto
Karte
Prolog
TEIL I
Als die ersten Vögel [...]
Bianca spürte, dass ihre [...]
Der Mann stand auf [...]
Seine Heiligkeit Papst Gregor IX. [...]
Bianca wollte atmen und [...]
Sie driftete auf einer [...]
Karim an-Nasir griff nach [...]
Zur Hölle mit ihm«, [...]
Lorenzo warf dem Falken [...]
Der Falke krallte sich [...]
Als Bianca die Augen [...]
Der Medicus seufzte und [...]
Manfreds Zorn brauchte dringend [...]
Der Kaiser aß eine [...]
Der Mann in Schwarz [...]
Bianca betrachtete unauffällig Lorenzos [...]
Ruckartig war Lorenzo wach. [...]
Karim an-Nasir schlug ungeduldig [...]
Bianca hatte den Fluss [...]
Lorenzo tastete vorsichtig mit [...]
Papst Gregor IX. unterdrückte einen [...]
Trotz der Sonne fühlten [...]
Manfred Lancia beobachtete argwöhnisch [...]
Sie fanden die Stella [...]
Karim stand am Hafen [...]
Es war ihnen nicht [...]
Friedrich fühlte die ersten [...]
Zusammen mit seinen engsten [...]
Bianca konnte vor Aufregung [...]
TEIL II
Giovanna nahm einen Schluck [...]
Die Septembersonne war in [...]
Seit Tagen segelte die [...]
Die Anlage war technisch [...]
Der Mann in Schwarz [...]
Von See aus betrachtet, [...]
Robert, ein Neffe des [...]
Es war bereits spät [...]
Durch die Wucht des [...]
Zamira, die derzeitige Favoritin [...]
In der Ecke hockte [...]
Der Teufel soll ihn [...]
Die Gruppe bestand aus [...]
Heinrich von Passau stand [...]
Die Nacht war lau [...]
Wie in jedem Jahr [...]
Karim an-Nasir blickte der [...]
Das Pulver hatte eine [...]
Die Spur war kalt [...]
Karim schüttelte den Kopf, [...]
Die Glocken am Hospital [...]
Er hörte den Klang [...]
An einem herrlichen Septembernachmittag [...]
Sie hatte ihr kostbares [...]
Die beiden Männer waren [...]
Der Kaiser lehnte den [...]
Hier unten waren die [...]
Giovanna hatte lange nachgedacht [...]
Sie ritt eines der [...]
Er hatte sich wider [...]
TEIL III
Der Raum war perfekt [...]
Heinrich von Passau erschrak, [...]
Seine Heiligkeit Papst Gregor IX. [...]
Die Hölzer waren schwarz [...]
Wolfelin, der Burgvogt von [...]
Die Kirschbäume waren längst [...]
Der Mann schwankte von [...]
Karim ritt in gestrecktem [...]
An ihrem Lieblingsplatz in [...]
Sie trafen sich im [...]
Friedrich legte den Federkiel [...]
Eine der Schwestern servierte [...]
Seit er im Schlaf [...]
Wenn der Kaiser ein [...]
Giovannas Füße waren zu [...]
Es hatte schon den [...]
Die Äbtissin zog sich [...]
Konstanze trippelte auf unsicheren [...]
Er war alt geworden. [...]
Sie wussten nicht, wo [...]
Karim an-Nasir sah sofort, [...]
Es war einmal«, begann [...]
Der Reiter kam auf [...]
Es dämmerte schon, als [...]
Ihre Hände zitterten so, [...]
Blut tropfte ihm über [...]
Sie stand vor der [...]
Nachwort
Für meinen Vater, der mich gelehrt hat, niemals aufzugeben
Das ist die Geschichte einer Liebe,
Die ein Gleiches nicht hat,
Die mich verstehen ließ
Alles, was gut ist, und alles, was schlecht ist,
Die Licht in mein Leben brachte,
Um es nachher wieder auszulöschen …
O wie dunkel ist das Leben geworden,
Ohne deine Liebe will ich nicht leben.
Carlos Almaran, »Historia de un amor«
Das Mädchen zuckte vor Schreck zusammen, als es den Löwen brüllen hörte. Jedes Mal, wenn das mächtige Tier in seinem Eisenkäfig den Rachen aufriss, so dass man seine riesigen gelben Zähne sehen konnte, und ein schauderhaftes Grollen ausstieß, schienen die Mauern des Palastes zu beben, und das Mädchen zitterte vor Angst. Auch die Hunde im Hof zogen die Schwänze ein und versteckten sich hinter den Strohballen, die in einer stillen Ecke neben großen Mauervorsprüngen gelagert wurden. Und die Pferde scharrten und zerrten nervös an den Stricken, mit denen die Knechte sie am Sattelplatz festgebunden hatten.
Das Mädchen ergriff einen Federkiel, mit dem sein Bruder grazile lateinische Buchstaben gemalt hatte, und kritzelte etwas auf das Pergament. Dann kletterte es behende auf den Tisch, an dem ihr Bruder eigentlich seine Schreibübungen machen sollte. Es hoffte, dass nicht ausgerechnet jetzt die Nonne zur Tür hereinkommen würde, die die Fortschritte seines Bruders im Lesen und Schreiben überprüfen sollte. Aber Neugier, gepaart mit der Faszination, die von allem Fremden ausging, ließ es nicht zur Ruhe kommen.
Das Mädchen wollte um jeden Preis einen Blick auf den Löwen mit seinem sandfarbenen Fell werfen, auch wenn die Erfahrung ihm sagte, dass seine Angst vor dem wilden Tier nur noch größer werden würde.
Vorsichtig lugte es durch die schmale Fensteröffnung in den weitläufigen Hof.
Es sah drei dunkelhäutige Sklaven, die gerade damit begonnen hatten, dem hungrigen Löwen einen blutigen Rehkadaver in den Käfig zu schieben. Im Hof roch es nach warmem Blut und Gedärm. Das Raubtier packte das Fleisch mit seinen Pranken und riss mit den Zähnen große Fetzen davon ab. Schaudernd wandte das Mädchen den Kopf, und ein bitterer Geschmack stieg ihm in den Mund. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn, und obwohl die Luft lau und angenehm war, war ihm plötzlich kalt. Doch schon kurze Zeit später ließ die Übelkeit nach, das Mädchen strich sich erleichtert eine rotblonde Haarsträhne aus dem Gesicht, lehnte sich erschöpft gegen die Wand und schloss die Augen.
Der Anblick der Raubtiere seines Vaters erregten in ihm stets eine Mischung aus Abscheu und Bewunderung, obwohl es die Löwen und Leoparden inzwischen kannte. Es war noch nicht lange her, das Mädchen hatte gerade laufen gelernt, da war es auf einen der Käfige zugetrippelt, und die Kinderfrau war vor Angst fast gestorben.
»Konstanze«, hatte sie geschrien und das Mädchen in ihre Arme gerissen. Seitdem hatte ihre Mutter den Dienern strikt verboten, Konstanze je wieder in einen der Höfe zu lassen, in denen sich die Tiere aufhielten.
Sein Vater, von dem das Mädchen das rötliche Haar und die blauen Augen geerbt hatte, hatte ihm den Namen Konstanze gegeben. Das bedeutete »die Beharrliche«, und dass dieser Name klug gewählt war, zeigte sich nicht nur an Konstanzes Starrsinn, sondern auch an der Stärke ihrer noch jungen Persönlichkeit.
Der riesige Palast inmitten einer großen Ebene, hinter der Wälder aus Eichen, Buchen und Ulmen die Hügel hochkletterten, war voller Menschen und Tiere. Ritter und ihr Gefolge von Apulien bis jenseits der Alpen hatten hier und in der Stadt Quartier bezogen. Die Stadt hieß Foggia, doch Konstanze kannte sie kaum, denn meist lebte sie mit ihrer Mutter in der Abgeschiedenheit des Kastells Gioia del Colle, ein paar Tagereisen weiter südlich. Ihr Bruder hatte bereits erste Pflichten eines Ritters und hielt sich oft im Gefolge seines Vaters auf. Ihm war der Palast in Foggia deshalb gut vertraut, aber Konstanze wagte es nicht, ihren Bruder zu bitten, ihr die Geheimnisse des riesigen Bauwerks zu zeigen.
Ihr Vater hatte den Palast nur wenige Jahre vor Konstanzes Geburt nach seinen Vorstellungen und Wünschen errichten lassen. Es war ein überaus prächtiges Gebäude, mit reich geschmückten weitläufigen Marmorsälen, in denen sich ein kleines Mädchen ganz verloren vorkam, und so vielen Innenhöfen, dass sich sogar die Diener verirrten.
Der ganze Hofstaat mit seinen mehr als zweihundert Mitgliedern hatte sich hier versammelt, und die Stimmen der vielen fremden Menschen drangen sogar bis in die Zimmer weit oben im Palast, in denen Konstanze und Konrad schliefen, spielten und unterrichtet wurden.
Sie mochte keine großen Städte, und obwohl Foggia viel kleiner als Palermo war, in das sie einmal mit ihrer Mutter gereist war, stießen der Lärm der Menschen und Tiere sowie die Ausdünstungen der Stadt sie ab.
Wie ihre Mutter liebte sie das Rauschen der Bäume im Wind, den Gesang der Vögel am Abend und einen vom Tau noch feuchten Garten am Morgen. Das Leben in der Stadt raubte ihr den Schlaf und schickte ihr schlimme Träume.
Normalerweise begleitete Konstanze ihre Mutter nicht nach Foggia, aber dieses Mal hatten ihre Eltern darauf bestanden. Sie seufzte und begann ein Bild zu malen. Sie dachte kurz an die Vorhaltungen, die die Nonne ihr machen würde, wenn sie das kostbare Papier für Kindereien verschwendete, entschied sich dann aber erst recht für den Entwurf einer phantasievollen Blumenwiese auf demselben Blatt, das ihr Bruder mit lateinischen Lettern beschrieben hatte.
Konstanze war ein ruhiges Kind, das sich Stunden mit sich selbst beschäftigen konnte, doch allmählich wurde sogar ihr langweilig. Sie hörte ihren Bruder im Nebenzimmer und wollte ihn rufen, hatte aber dann doch keine Lust. Wenn doch nur ihre Mutter käme. Sie hatte ihr versprochen, ihr vor dem Schlafengehen eine Geschichte von einem berühmten Prinzen zu erzählen, der viele Gefahren für seine Prinzessin bestanden hatte. Konstanze wusste nicht, wie spät es inzwischen war, aber da die Löwen gefüttert wurden, musste es bereits Abend sein.
Ihre Mutter hatte ihr berichtet, dass es ein großes Fest geben werde. Vier Tage lang sollte gefeiert werden, und Konstanze würde an der Seite ihrer Eltern sitzen, den Spielleuten zuhören und so viele Trauben und Datteln essen dürfen, wie sie wollte.
Sie warf den Federkiel beiseite und begann ihre Haare, die wie zarte Goldfäden über ihren Rücken fielen, zu Zöpfen zu flechten. Warum kam ihre Mutter nicht? Warum sah überhaupt niemand nach ihr?
Sie steckte einen ihrer Zöpfe in den Mund und kaute gedankenverloren auf den Haarspitzen. Sie war es nicht gewöhnt, allein gelassen zu werden. Immer hielten sich Dienerinnen, die Kinderfrau oder der Erzieher ihres Bruders in ihrer Nähe auf. Sie wurde gewaschen, zu Bett gebracht, angezogen. Die Diener kämmten ihr die Haare und bereiteten ihr das Essen.
Ihr Vater war der mächtigste Mann der Welt. Und der klügste, fand Konstanze. Sie bewunderte ihn – aber sie fürchtete ihn auch. Ihr Vater hatte kein Verständnis für Schwächen und schon gar nicht für Ungehorsam. Sie hatte ihn liebevoll, aber auch zornig und streng erlebt, großzügig, aber auch herrschsüchtig und kalt.
Ihre Mutter dagegen war voller Liebe, empfindsam und verständnisvoll den Kindern gegenüber. Konstanze wusste, dass ihr nichts Böses geschehen konnte, solange ihre Mutter bei ihr war.
Sie überlegte, ob sie es wagen konnte, nach der Nonne zu suchen. Eine leise Angst, dass man sie vergessen haben könnte und nicht wieder holen würde, stieg in ihr hoch. Aber dann sagte sie sich, dass ihre Mutter es niemals zulassen würde, dass sie allein bliebe, und fasste neue Zuversicht. Ganz sicher würde gleich die Nonne zurückkommen.
Ein Geräusch ließ sie herumfahren, doch in der Tür stand nicht die Frau, die das Mädchen erwartet hatte. Ein fremder Mann trat ins Zimmer. Konstanze rührte sich nicht und starrte ihn an. Sie hatte ihn noch nie gesehen und fragte sich, ob er zum Hofstaat ihres Vaters gehörte.
Der Mann lächelte auf seltsame Art und sagte leise: »Konstanze, du bist ja ganz allein. Komm, wir suchen deine Mutter.«
Er streckte die Hand aus, aber Konstanze versteckte ihren Arm hinter dem Rücken. Der Mann war ihr unheimlich, und mit dem sicheren Instinkt eines Kindes wich sie ein paar Schritte zurück.
Doch ohne zu zögern, kam er auf sie zu, nahm sie auf den Arm und verließ mit ihr das Zimmer.
Konstanze blickte in seine Augen und erschrak. Sie waren gefühllos wie die eines Falken. Das Mädchen schluckte und fragte: »Hat Euch mein Vater geschickt?«
Der Mann stieß ein kurzes, höhnisches Lachen aus. »Nein, meine Kleine, das hat er nicht«, flüsterte er Konstanze ins Ohr und trug sie mit schnellen Schritten über den breiten Gang. »Und um dir die Wahrheit zu sagen, mein Täubchen, er weiß nicht einmal, dass ich da bin.«
Auf der Flucht
Als die ersten Vögel den neuen Tag ankündigten, erwachte Bianca, blinzelte gegen die letzten Reste der Müdigkeit, schlug die Leinendecke mit den kunstvollen Stickereien zurück und schwang energisch die Füße aus dem Bett. Sie ging zu einem Holztischchen, das exakt nach ihren Wünschen und Vorstellungen angefertigt worden war, nahm den Tonbecher, den ihre ehemalige Amme Giovanna erst vor kurzem frisch gefüllt hatte, und trank einen Schluck kühles Wasser. Bianca wählte einen einfachen Rock, dazu eine Leinenbluse, und zog sich an.
Ihr langes blondes Haar, das ihr wie ein seidiger Vorhang bis auf die Hüften fiel, flocht sie zu einem Zopf und steckte ihn mit Nadeln und Kämmen am Kopf fest. Giovanna würde sie später frisieren, aber jetzt blieb dazu keine Zeit.
Bianca beeilte sich, denn im Osten schob sich schon die Sonne wie eine rote Scheibe über den Horizont, und sie wollte um keinen Preis das frühe Morgenlicht, das den Garten auf eine besondere Art verzauberte, versäumen.
Die Mägde und Knechte waren alle schon auf den Beinen, und als Bianca durch den Innenhof der Burg lief, hatten sie die Pferde für den Grafen Lancia und seine Ritter bereits gesattelt.
Wie jeden Morgen stank der Innenhof nach frischem Pferdemist, und die Jagdhunde ihres Bruders gruben im Dreck nach Knochen und anderen Küchenabfällen. Der schwere Pferdegeruch überlagerte den feinen Duft von frischgebackenem Brot, der aus der warmen Küche in den Hof zog.
Bianca lächelte und dachte an das knusprige Brot, das sie später mit etwas Butter essen würde. Sie liebte die einfachen Speisen – Brot, Obst, Gemüse. Die fetten Braten, die die Ritter ihres Bruders mit Vorliebe verschlangen, verursachten ihr Übelkeit. Wenn es nach ihr ginge, würde sie überhaupt kein Fleisch anrühren – aber Bianca wusste sehr wohl, dass so ein Bekenntnis nicht ganz ungefährlich war. Nur Ketzer aßen kein Fleisch. Und der Ketzerei verdächtig zu sein konnte den Tod bedeuten. Ein Gedanke, den sie an diesem perfekten Morgen schnell verscheuchte.
Bianca durchquerte den Burghof mit schnellen Schritten und betrat den Garten durch ein Holztor mit filigranen Schnitzereien. Sobald sie sich vor neugierigen Blicken sicher fühlte, setzte sie sich ins Gras und betrachtete eine Rose. Die Blätter waren noch feucht vom Tau, die samtigen Blüten zu dieser frühen Stunde fest geschlossen. Am Himmel zeigte sich schon hier und da ein perfektes Blau, und Bianca ahnte, dass ihr ein weiterer heißer Julitag bevorstand.
Ihre schmalen Finger strichen zärtlich über die Knospen. »Du bist die Schönste von allen«, flüsterte sie der Blume zu, und ihre Augen folgten dem gewundenen Pfad durch den Rosengarten. Links und rechts sah sie Alba- und Gallicarosen in den zartesten Cremetönen.
Der Rosengarten war nur klein, denn die Blumen waren zu kostspielig, um sie in großen Mengen anzupflanzen. Aber man hatte ihn so geschickt angelegt, dass niemandem seine geringen Ausmaße auffielen. Biancas Großmutter hatte mit der Rosenzucht begonnen und ihr Wissen für alle nächsten Generationen in einem kunstvoll bemalten Buch festgehalten.
Bianca liebte den Garten. Es gab keinen Rosenstock, den sie nicht kannte, und besonders jetzt im Juli konnte sie sich keinen schöneren Platz vorstellen. Es duftete betörend, und sie spürte hier eine Art von Sinnlichkeit, die sie nicht in Worte zu fassen vermochte. Dieses Gefühl gab ihr Ruhe und war zugleich Kraftquelle für einen Alltag, der nur wenige glückliche Momente für sie bereithielt.
Gleich hinter dem Rosengarten lagen die Obstwiesen, daran grenzte der Gemüsegarten mit seinen Beeten für Lauch, Endivien, Kresse, Gurken, Schalotten, Kohl und Rauke, und noch ein kleines Stück weiter gelangte man in den Kräutergarten, wo es würzig nach Minze, Basilikum, Thymian, Rosmarin und Majoran roch.
Bianca raffte ihren weiten Leinenrock, stand auf und sah sich lächelnd um. Mein kleines Paradies nannte sie ihren Garten, und hier fühlte sie sich wie die Königin eines verwunschenen Landes. Sie saß oft allein und ungestört auf einer Bank und versank in den wenigen Mußestunden, die ihr blieben, in romantischen Tagträumen.
Ihre Lieblingsgeschichte war die traurige Liebe von Tristan und Isolde, die der Minnesänger Gottfried von Straßburg an den Höfen erzählte.
Viele Troubadoure kannten inzwischen die Sage von der schönen Isolde und dem tapferen Tristan, die voneinander nicht lassen konnten, weil sie verzauberten Wein getrunken hatten, und trugen sie von Land zu Land und von Hof zu Hof über die Alpen in den Süden.
Als Bianca das erste Mal einen Sänger gehört hatte, der das Schicksal der beiden Liebenden zu seiner Laute vorgetragen hatte, waren ihr gegen ihren Willen die Tränen gekommen.
Normalerweise weinte sie selten und wenn, dann niemals in Anwesenheit ihres zehn Jahre älteren Bruders, des Grafen Manfred Lancia. Aber an jenem Abend war ihr zum ersten Mal bewusst geworden, was in ihrem Leben fehlte – die Liebe.
Ihr Großvater väterlicherseits war ein berühmter »trovatore« gewesen und hatte am Hof des Kaisers Barbarossa vor den Großen und Mächtigen des Reiches gesungen. Er hatte wunderschöne Gedichte geschrieben, und Bianca verehrte diesen Mann, seit sie eines seiner Bücher entdeckt hatte. Auch er war auf den Namen Manfred getauft worden und beklagte mit zärtlichen Worten Gefühle zu einer Frau, die seine Liebe nicht erwidert hatte.
Bianca hatte ihren Großvater nie kennengelernt, aber in ihren Träumen sprach sie oft mit ihm und hoffte, dass er stolz auf seine Enkelin sein würde, denn sie schrieb selbst gelegentlich Gedichte, achtete aber sorgfältig darauf, dass dies ihrem Bruder verborgen blieb. Manfred hatte nicht das geringste Verständnis für irgendeine Art von Zeitverschwendung. Und Gedichte schreiben zählte für ihn zu einer der schlimmsten.
Bianca schlenderte nachdenklich an den Rosen vorbei. Ihr Bruder hatte ihr schon gestern Abend in seiner gewohnt herrischen Art eine Nachricht bringen lassen. Er erwarte Gäste für den heutigen Tag, einen mächtigen Ritter mit seinem Gefolge. Bianca solle sich bereithalten. Sobald er, Manfred, von dem morgendlichen Jagdausflug zurück sei, habe er mit ihr zu sprechen.
Bianca lächelte wehmütig. Man brauchte keine große Vorstellungskraft, um zu ahnen, was er ihr sagen würde. Im vergangenen Monat war sie siebzehn Jahre alt geworden, und nach Manfreds Meinung war es höchste Zeit, sie zu verheiraten. Im Prinzip sei sie längst überfällig, hatte er erst vor kurzem schonungslos vor den Ohren der Dienerschaft behauptet.
Bianca wusste, dass Manfred schon seit geraumer Zeit nach einem Mann suchte, dem er seine Schwester zur Frau geben konnte. Nach einem reichen, setzte sie in Gedanken dazu, denn die Familie Lancia war so gut wie bankrott.
Einst hatte das Geschlecht der Lancias zu den wohlhabendsten Familien im Piemont gehört. Bianca kannte alle Geschichten über den Großvater, der zwar als Troubadour einer der besten, als Verwalter seiner Ländereien jedoch ein Versager gewesen war. Es war ihm nicht gelungen, den Reichtum der Familie zusammenzuhalten. Stück für Stück hatte er den Besitz verkauft, und von der früheren Pracht war wenig geblieben.
Bianca und Manfred waren die Letzten der Lancias, ihre Eltern seit Jahren tot. Ihre Mutter starb bei Biancas Geburt. Ein ungewöhnlich großer Blutverlust und ein nachfolgendes hohes Fieber hatten die Gräfin Lancia so geschwächt, dass sie den nächsten Tag nicht überlebt hatte. Ihr Vater fiel im Kampf gegen marodierende Soldaten.
Bianca war von ihrer Amme Giovanna aufgezogen worden, und niemand stand der jungen Gräfin Lancia so nah wie diese Dienerin. Die beiden Geschwister respektierten sich zwar, aber zärtliche Gefühle hatten Manfred und Bianca nie füreinander gehabt.
Bianca blickte auf und entdeckte Giovanna auf dem Weg in den Kräutergarten. Wie immer trug die Amme ein dunkles Gewand und eine helle Haube, die das gesamte Haar bedeckte. Und wie immer war sie in Eile. Sie hob ihren Rock bis zur Wade und lief in dieselbe Richtung. Das kühle, weiche Gras unter ihren nackten Füßen schluckte das Geräusch ihrer Schritte.
»Giovanna, ist mein Bruder schon zurück?«
»Nein, meine Liebe, aber er wird bald kommen. Beeil dich, du kannst ihm nicht barfuß und voller Grasflecke gegenübertreten.« Die Amme sah ihre Ziehtochter traurig an. »Es ist so weit, Süße, Manfred hat einen Mann für dich gefunden, und wir beide werden Lebewohl sagen müssen.«
»Unsinn, Giovanna. Wir werden uns nie trennen. Wenn ich die Burg verlassen muss, gehst du mit mir. Ich werde ganz sicher nicht ohne ein vertrautes Gesicht mit einem fremden Mann in einen fremden Palast ziehen.«
»Aber Bianca, das ist der Lauf der Welt und das Schicksal der Frauen. So ist es schon immer gewesen. Sagt nicht der Herr, das Weib soll dem Manne untertan sein?«
Bianca seufzte und schwieg. Heute Morgen wollte sie nicht streiten. Und schon gar nicht mit Giovanna. Aus Liebe zu ihrer Amme gab sie oft nach. Doch so sanftmütig sie Giovanna begegnete, so starrsinnig benahm sie sich gegenüber Manfred. Auch wenn sie ihm Gehorsam schuldete – Bianca dachte nicht daran, seine Wünsche oder auch Befehle widerspruchslos hinzunehmen.
Giovanna, die das aufbrausende Temperament ihrer Ziehtochter kannte, zog Bianca fest in die Arme.
»Was auch immer passiert, glaube an deine Träume, und bleibe so, wie du bist.«
»Gestern ist mir im Schlaf ein Engel begegnet«, erwiderte Bianca zögernd. »Um mich herum tobte ein schreckliches Feuer. Menschen schrien, und die Luft roch nach verbranntem Fleisch. Der Engel sah mich an, dann war er fort.«
Giovanna wurde blass.
»Glaubst du an Träume, Giovanna?«
»Träume sind Bilder, nach denen du dich sehnst, oder solche, die du fürchtest. Aber manchmal sprechen Träume auch die Wahrheit.«
»Und denkst du, der Engel wird an meiner Seite sein, wenn ich ihn brauche?«
»Das weiß nur einer allein. Und wenn es Gottes Wille ist, wird es so sein.«
Jede der beiden Frauen hing einen Augenblick lang ihren Gedanken nach. Dann durchbrach lautes Rufen und der Lärm galoppierender Pferde die Stille.
»Mein Bruder ist zurück. Bete für mich«, flüsterte Bianca.
Bianca spürte, dass ihre Hände zitterten, und krampfhaft hielt sie hinter ihrem Rücken die Finger verschlungen. Sie richtete ihren Blick starr auf die beiden schweren gekreuzten Schwerter an der Stirnseite der Wand und wagte es nicht, ihrem Bruder direkt in die Augen zu sehen. Zum einen, weil sie fürchtete, ihre Tränen nicht länger zurückhalten zu können, zum anderen, weil die Erfahrung sie gelehrt hatte, dass auch nur die Andeutung von Trotz in ihrem Blick Manfreds Stimmung weiter verschlechtern würde. Die Geschwister hatten schon zu viele Kämpfe ausgefochten, als Kinder auf spielerische Art, doch seitdem beide erwachsen waren, hatten sich tiefe Gräben zwischen ihnen aufgetan.
Aber noch nie hatte Biancas Bruder seinen Zorn so offen gezeigt. Jedes Mal, wenn seine Schwester widerspenstig ihre Stacheln aufgestellt hatte, war der Streit letztlich zu ihren Gunsten ausgegangen. Trotz seines aufbrausenden Temperaments war Manfred ein Mann, der den Frieden liebte.
»Du tust, was ich dir befehle. Und auch wenn du dich noch so sträubst, ich werde keinen Schritt nachgeben«, drohte er.
Vor Aufregung sprühten Speicheltröpfchen aus seinem Mund. Ein paar trafen Bianca im Gesicht, aber sie wagte es nicht, über ihre Wange zu wischen. Sie brauchte alle Kraft, ihrem Bruder aufrecht entgegenzutreten.
»Du wirst die Gemahlin des Grafen von Tuszien. Mehr habe ich dir nicht zu sagen. Und ich warne dich, Bianca, deine Einwände sind nichts als Überspanntheit. Du solltest längst verheiratet sein und Kinder haben. Es ist meine Schuld, dass du dir in unserer Abgeschiedenheit Ideen in den Kopf gesetzt hast, die einer Frau nicht anstehen. Das muss ein Ende haben.«
Bianca atmete tief durch und drängte die Tränen zurück.
»Ich weiß selbst, dass wir verarmt sind und dass du mir keine große Mitgift geben kannst. Aber muss ich deshalb wie ein Stück Vieh an den verkauft werden, der am meisten zahlt? Enzio Pucci ist ein ungebildeter Klotz, der nicht lesen und nicht schreiben kann. Mein Bruder, ich bitte dich, tu mir das nicht an. Nicht diesen Mann.«
»Lesen und schreiben? Seit wann müssen Ritter lesen und schreiben können? Der Graf von Tuszien ist im Kampf noch niemals besiegt worden. Das sind die Tugenden eines Mannes. Was willst du? Einen Minnesänger? Hör auf zu träumen, Bianca.«
»Wer sagt, dass ich träume? Ich fordere nur eins – ein bisschen Liebe«, flüsterte Bianca und wusste, dass sie die Zärtlichkeit, die ihrem Leben fehlte, von ihrem Bruder niemals bekommen würde. Und erst recht nicht von Enzio Pucci.
»Liebe. Bist du von Sinnen?«
Manfred spuckte ihr die Worte entgegen, und Bianca sah, dass er sich nur mühsam beherrschte. Wie oft hatte sie halsstarrig wie ein Esel ihren Willen durchgesetzt. Und er hatte nachgegeben, um seine Ruhe zu haben. Aber diesmal würde sie verlieren. Dieses Mal war Manfred der Stärkere.
Die Geschwister starrten sich feindselig an.
»Du wirst mich also dieser Heirat nicht entkommen lassen«, sagte Bianca fassungslos. »Du wirst mich, ohne dass dich dein Gewissen plagt, einem Mann ausliefern, der mich wie eine Sklavin halten wird. Wird er es zulassen, dass ich mit meinem Falken jagen gehe? Nein. Wird er meine Bücher ehren? Bestimmt nicht. Der Mann ist ungebildet wie ein Bauer. Er wird meine Gedichte nie verstehen.«
»Deine Gedichte?«, knurrte Manfred. »Deine Gedichte? Was soll das heißen?«
Biancas Tränen flossen jetzt ungehemmt. Noch ein falsches Wort, und Manfred würde sie aus dem Haus jagen. Es gab schreckliche Geschichten, die sich die Frauen manchmal zuflüsterten. Geschichten von untreuen Ehefrauen, alten Witwen oder ungehorsamen Schwestern, die ohne Habe und Schutz die Burgen verlassen mussten, weil sie dem männlichen Oberhaupt der Familie im Weg waren. Bestenfalls fanden sie Zuflucht in einem nahen Kloster, schlimmstenfalls fielen sie in die Hände marodierender Söldner, und was dann mit ihnen geschah, wagte sich Bianca nicht auszumalen. Sie hatte von einem Grafen gehört, der seine Frau wie ein Tier in einem Käfig hielt. Es hieß, sie habe längst den Verstand und die Sprache verloren. Bianca schauderte, wurde aber von Manfreds Stimme abrupt aus ihren Gedanken gerissen.
»Antworte mir«, befahl Manfred mit leiser, vor Wut zitternder Stimme. »Welche Narrheiten begehst du hinter meinem Rücken?«
Bianca wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und versuchte beherrscht zu sprechen. »Keine, mein Bruder. Es gibt keine Geheimnisse, die ich vor dir habe. Die Gedichte, von denen ich sprach, sind die Bücher unseres Großvaters, des berühmten Troubadours Manfred.«
»Höchste Zeit, dass du Enzios Frau wirst. Er wird dir die Flausen austreiben. Und was die Bücher dieses alten Narren angeht, so befehle ich dir, sie zu verbrennen. Dieser Mann ist die Quelle unseres Elends. Für seine Torheiten hat er das Land der Lancias verkauft.«
Bianca erschrak vor der Härte ihres Bruders. Sie hatte nicht gewusst, wie sehr Manfred unter dem Ruin der Familie litt. Nein, das sah sie jetzt, niemals würde er ihr die Heirat mit Enzio Pucci, Herr über riesige Ländereien und gefüllte Goldtruhen, ersparen.
»Der Graf von Tuszien kommt heute zum Festbankett. Ich erwarte, dass deine Schönheit ihn für dich einnimmt. Sei klug und füge dich.«
Sie sah nicht auf, als Manfred mit raschen Schritten an ihr vorbeiging und ohne ein weiteres Wort den Raum verließ.
Bianca trat an ein Fenster und entdeckte weit hinten am Horizont die Gipfel der Berge, von denen einige selbst im Sommer noch eisige Schneehauben trugen. Doch für die Schönheit der Landschaft mit ihren dichten Wäldern und klaren Flussläufen hatte sie keinen Blick. Selbst den makellos blauen Himmel beachtete sie nicht. Ihre Augen folgten dem Flug eines der Jagdfalken, die von Lorenzo, Giovannas Neffen, betreut und ausgebildet wurden.
»Wie ich dich beneide«, flüsterte Bianca. »Hätte ich nur ein kleines Stück von deiner Freiheit, wie unendlich viel würde ich gewinnen.«
Lange Zeit lehnte sie an der kahlen Wand und starrte auf den eleganten Vogel, der majestätisch seine Kreise zog. Als sie sich abwandte, hatte sie einen Entschluss gefasst. Es musste einen Ausweg geben, sie würde sich nicht wie eine Kuh verkaufen lassen.
Der Mann stand auf dem flachen Dach eines prachtvollen weißen Palazzos und ließ seinen Blick langsam über den Hafen wandern. Das herrliche Mosaik zu seinen Füßen, das noch aus der Zeit der Römer stammte, beachtete er nicht, und auch das schneeweiße Geländer mit wundervollen Arabesken übersah er. Der Mann blickte gebannt geradeaus, blinzelte ein wenig und konzentrierte sich. Es war ein heißer Tag, die Sonne glühte hoch am Himmel und schickte ihr gleißendes Licht in die engen Straßen der Stadt.
In der Hitze des Tages verbrannte die Haut, wenn man sie nicht mit kühlen Leinengewändern bedeckte. Die bleichen Ritter aus dem Norden verfluchten die Sonne und dankten dem Himmel, wenn sie ihre schweren Kettenhemden, die sie vor den scharfen Schwertern der Sarazenen schützen sollten, im Zeltlager lassen konnten.
Der Mann auf dem Dach spürte die Hitze kaum. Seine Haut war von Geburt stark gebräunt, und im Gegensatz zu den blonden Männern aus dem Deutschen Reich hatte er die Wüsten Palästinas längst kennengelernt. Er war an Temperaturen, die das Hirn auszudörren schienen, ebenso gewöhnt wie an bitterste Kälte.
Er trug einen dunklen bodenlangen Umhang und einen schwarzen Turban, der sein Haar vollständig verdeckte, dafür das Gesicht umso stärker betonte. Ein Gesicht, das Männer beeindruckte und Frauen zu süßen, aber verbotenen Träumen verleitete.
Die Nase erinnerte an den Schnabel eines Falken, die geschwungenen Lippen dagegen wirkten weich und sinnlich. Das Faszinierendste aber waren seine Augen – von einem so tiefen Braun, dass sie schwarz schienen, und so intensiv, dass die meisten Menschen ihren Blick schnell abwandten und sich in aller Eile bekreuzigten.
Sein Name war Karim an-Nasir, und er war ein Nachkomme von Saladin, dem größten Sultan des Morgenlandes.
Bewegungslos verharrte er in der Glut des Nachmittags und nahm sich Zeit, die Szenerie zu seinen Füßen in Ruhe zu betrachten. Was er sah, machte ihm Angst.
Vor ihm lag der große Hafen von Brindisi, in dem sonst Fischerboote und Handelsschiffe vor Anker gingen. Seit Jahrhunderten, schon seit der Römerzeit, war dieser Hafen im Abend- und Morgenland bekannt als Tor zum Orient. Die berühmte Via Appia führte von Rom nach Apulien und endete direkt im Hafen von Brindisi.
Karim beobachtete die Menschen, die sich dort drängelten und zum Hafen strebten. Mochte die Via Appia in Rom als Prachtstraße gelten, hier – in Brindisi – war sie nur eine kleine, schmale Gasse, die die Pilger und Möchtegernkreuzfahrer auf dem großen Hafenplatz in eine ungewisse Zukunft entließ.
Das Wasser hinter den Hafenmauern war brackig braun, an der Mole kein Anlegeplatz mehr frei. Alle kleineren Boote hatte man bereits aus dem Hafen gerudert, um Platz für die Galeeren zu schaffen. Doch immer neue Schiffe, viele unter venezianischer Flagge, steuerten den Hafen an, und längst war klar, dass Brindisi diesem Ansturm nicht gewachsen war.
Der Mann auf dem Dach zählte siebzig Galeeren im Hafen, und draußen auf dem Meer schaukelten doppelt so viele in einer sanften Dünung. Karim, der die Kunst der Mathematik von berühmten Männern gelernt hatte, rechnete schnell nach. Jedes dieser neuen großen Schiffe bot Platz für mindestens siebzig Ruderer, zweihundert Ritter mit ihren Pferden konnten an Bord gehen. Vorsichtshalber überschlug Karim die Zahlen mehrfach, aber alles in allem schätzte er über vierzigtausend Kreuzfahrer, die zum Teil bereits vor Brindisi lagerten oder sich im Anmarsch auf die Stadt befanden.
Dem Sarazenen stockte der Atem – vierzigtausend Menschen in einer Stadt, die nicht einmal einen Bruchteil davon aufnehmen konnte. Vierzigtausend Menschen in glühender Hitze, und die heißesten Wochen des Sommers standen ihnen noch bevor.
Karim kniff die Augen gegen die blendende Sonne zusammen und sah zur anderen Seite, nach Westen, zu den Wäldern und Sümpfen hinter der Stadt. Sein Blick schweifte über die makellos weißen Häuser von Brindisi, und er schauderte vor der Gefahr, die diese herrliche Kulisse bedrohte und den Menschen für lange Zeit Angstträume bereiten würde.
Nicht nur der Hafen war überfüllt, auch das Zeltlager vor den Toren im Westen wuchs unaufhörlich, und immer rückten neue Kreuzfahrer nach. Der Strom der Ritter aus dem Norden schien nicht enden zu wollen, der Lärm der Männer und ihrer Pferde legte sich vom Sonnenaufgang bis in die späte Nacht über die Stadt. Karim konnte es auch jetzt hören: das Stampfen der Hufe, das Hämmern der Waffenschmiede, Rufe und Schreie in unterschiedlichen Sprachen, das unablässige Gebell streunender Hunde.
Längst hatte Brindisi vor den Menschenmassen kapituliert. Die Stadttore blieben Tag und Nacht geöffnet. Wer sollte schon den Hafen bedrohen, wenn alle Heere der Christenheit vor den Mauern lagerten?
Und obwohl die Stadt direkt am Adriatischen Meer lag, war die Luft schwül und schwer, geschwängert von Feuchtigkeit und Gestank.
Karim hielt sich ein mit Lavendel getränktes Tuch an die Nase, als eine Woge von Fäulnis und Verwesung an ihm vorbeizog.
»Mein Freund blickt mit Sorge zum Horizont«, sagte eine tiefe Stimme hinter ihm.
Karim an-Nasir hätte den Klang dieser Stimme unter Tausenden in jeder Menschenmenge der Welt erkannt. Er drehte sich um und verbeugte sich.
»Ihr habt recht, mein Kaiser, das, was ich sehe, erfüllt mich mit Furcht«, erwiderte er und sah Friedrich II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und König von Sizilien, direkt ins Gesicht. Friedrich kannte Karim seit seiner Jugend im Palast und in den Gassen von Palermo und war nicht der Mann, der den intensiven Augen des Sarazenen ausgewichen wäre. Er glaubte nicht an Dämonen und böse Blicke – er war ein Bewunderer der Wissenschaft und hielt sich für einen kühlen Denker.
»Und wovor fürchtet Ihr Euch, Karim?«
Friedrich schenkte Karim ein freundschaftliches Lächeln, das nur wenige Menschen zu sehen bekamen. Meist war die Miene des Kaisers ernst, häufig verschlossen, manchmal kalt.
Doch Karim war mehr als ein Freund – ein Vertrauter, ein Gefährte aus Jugendtagen, ein Mann mit einem messerscharfen Verstand. Friedrich schätzte und mochte ihn, auch, weil Karim genügend Mut hatte, ihm manchmal zu widersprechen. Außerdem bewunderte er Karims diplomatisches Geschick, durch das er schon viele Verhandlungen mit Fürsten und Königen als Sieger verlassen hatte.
»Sprecht, mein Freund. Was macht Euch Angst?«
»Euer Heer wird zu groß, mein Kaiser. Die Stadt bricht unter diesen Menschenmassen zusammen. Das Wasser wird knapp. Seid auf der Hut, Federico. Heute habe ich einen Mann mit Fieber gesehen.«
Federico. Friedrich genoss die zärtliche Anrede, die ganz wenigen Auserwählten vorbehalten war. Seine erste Frau, Konstanze, hatte ihn manchmal so genannt. Sie war vierzehn Jahre älter gewesen als Friedrich – eine Ehe, die aus machtpolitischen Gründen geschlossen worden war. Und doch, Friedrich hatte Konstanze von Aragon geschätzt, respektiert, gemocht. Geliebt hatte er sie nicht. Eine Tatsache, die übrigens auch auf seine zweite Frau, Isabella von Brienne, zutraf. Sie war erst fünfzehn und meist kränklich – aber Friedrich hatte im Moment weder Zeit noch Muße, sich mit den Problemen einer Frau auseinanderzusetzen. Selbst wenn es sich um die der Kaiserin handelte.
»Ihr habt ja recht«, seufzte er und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Karim, »es wird Zeit, dass die Schiffe ablegen. Aber ich muss warten. Ludwig, der Landgraf von Thüringen, ist mit vielen Rittern aufgebrochen, um an unserer Seite zu kämpfen. Es ist unmöglich, jetzt schon zu segeln.«
»Noch ein Heer«, murmelte Karim. »Noch mehr Menschen, noch mehr Pferde. Ich habe jetzt schon vierzigtausend Ritter gezählt. Eurem Kreuzzug, mein Kaiser, folgen zu viele Menschen. Wann erwartet Ihr den Landgrafen?«
»In vier Wochen. Spätestens im August sind wir auf See.«
Karim sah den Kaiser entsetzt an. »Im August? Das ist zu spät, viel zu spät. So lange dürfen wir nicht bleiben.«
»Karim, wo bleibt Euer Mut, Eure Zuversicht?«
»Mut, Federico, wird Euch hier nicht helfen. In der Luft hängt der Geruch von Fäulnis, in den Sümpfen hinter der Stadt lauert der Tod. Die Männer werden am Fieber sterben.«
Friedrich entgegnete nichts. Sein Gesicht hatte sich verschlossen, wie so oft, wenn er eine Entscheidung treffen musste, die er im Grunde nicht treffen wollte.
Karim erkannte, dass jeder weitere Einwand ebenso sinnlos wäre wie der vorherige. Der Kaiser hatte zum Kreuzzug gerufen, und nun musste er warten, bis alle Ritter sich um ihn versammelt hatten. Ihm blieb keine andere Wahl.
Friedrich wandte seinen Blick nach Osten, über das Mittelmeer, dorthin, wo in weiter Ferne das Heilige Land in der Sonne glühte. »Wir bleiben und warten. Tut gegen das Fieber, was Ihr könnt. Sobald der Landgraf von Thüringen angekommen ist, wird das Heer auf die Schiffe verladen.«
»Ihr befehlt, mein Kaiser«, entgegnete Karim und verbeugte sich.
»Ich befehle«, sagte Friedrich, »aber ohne Euch bin ich nichts. Ihr seid derjenige, der in Salerno Medizin studiert hat.«
Friedrich nickte seinem Freund zu, drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort.
Karim sah, wie der Kaiser gelassen über das Dach zurückschlenderte. Friedrich war kein hochgewachsener Mann, nur mittelgroß und kleiner als Karim, der allerdings die meisten Männer überragte. Doch die Gestalt des Kaisers war kräftig und muskulös, sein Körper gestählt von ungezählten Kämpfen und Turnieren.
Friedrich trug ein einfaches braunes Leinengewand. Sein rotblondes Haar schien unter der Sonne Apuliens noch heller. Ebenso wie Karim hatte auch er ungewöhnliche Augen. Sie waren von einem klaren Blau, das so kühl wirkte wie ein eiskalter See in dem riesigen Gebirge in seiner Heimat Sizilien, das die Menschen des Abendlandes Alpen nannten.
Karim wusste natürlich, dass schon vor vielen hundert Jahren ein berühmter Feldherr aus Karthago mit Elefanten über die Bergriesen gezogen war, und auch er selbst war zusammen mit Friedrich auf einer abenteuerlichen und überaus gefährlichen Reise ins Deutsche Reich gelangt, wo Friedrich in der Stadt Mainz zum König gekrönt worden war.
Inzwischen herrschte Friedrichs ältester Sohn Heinrich seit einigen Jahren dort als deutscher König und Stellvertreter des Kaisers.
Karim dachte mit Schaudern an das kalte, barbarische Land jenseits der Alpen, wo es im Winter so kalt wurde, dass die Vögel tot vom Himmel fielen, und konzentrierte sich wieder auf den Kaiser, der jetzt die Treppenstufen vom Dach hinunterstieg. Nichts an seiner Haltung drückte Unsicherheit oder Unentschlossenheit aus. Noch nie hatte Karim einen Menschen getroffen, der so sehr in sich selbst ruhte und sich seiner eigenen Kraft bewusst war wie Friedrich. Kein anderer Mann hatte so viel Charisma wie der Kaiser. Kein Wunder, dachte Karim und erlaubte sich einen Moment der Respektlosigkeit, kein Wunder, dass die Frauen ihn lieben und die Männer ihn fürchten.
Seine Heiligkeit Papst Gregor IX. war verärgert. Und alle, die ihn kannten, wussten aus Erfahrung, dass es jetzt geraten war, sich zur ausgiebigen Kontemplation in eine der zahlreichen Kapellen der Basilika zurückzuziehen. Denn wer die Launen des früheren Kardinals von Ostia aus Unwissenheit oder auch nur aus schlichter Dummheit herausforderte, wünschte sich sehr bald, die Räume des Lateranpalastes, in dem der Papst residierte, nie betreten zu haben.
Gregor war aus anderem Holz geschnitzt als sein Vorgänger. Von Honorius III., einem weisen alten Mann, stammte das Wort: »Warum soll ich streng sein, wenn ich Milde walten lassen kann?« Gregor IX. vertrat exakt die gegensätzliche Ansicht. Milde war etwas für Schwächlinge, wer herrschen wollte, brauchte Härte.
Obwohl schon über sechzig Jahre alt, hielt er sich in seiner weißen Soutane bemerkenswert gerade. Er war ein Mann von großer, beeindruckender Statur, energisch und ungeduldig. Seine dunklen Augen schienen die eines jüngeren Mannes. Nichts in ihnen drückte die Nachsicht des Alters aus oder ließ in irgendeiner Weise auf Müdigkeit schließen.
Vor knapp drei Monaten war der Graf von Segni, Hugo Kardinal von Ostia, zum neuen Papst gewählt worden. Er gab sich den Namen Gregor IX., ein Wink, den der Kaiser wohl verstand. Einer seiner Vorgänger, Papst Gregor VII., hatte schließlich Kaiser Heinrich IV. den berühmten Gang nach Canossa abgerungen. Damals hatte der Kaiser im Büßerhemd und ohne Schuhe um Vergebung seiner Sünden flehen müssen. Ein Triumph, den der jetzige Papst zu wiederholen gedachte.
Papst Gregor sah grübelnd aus dem Fenster hinüber zur Lateranbasilika, die seit mehreren hundert Jahren neben der Basilika St. Peter die Macht der Kirche demonstrierte. Die Schönheiten Roms interessierten ihn nicht. Man wurde nicht Herrscher der Christenheit, indem man sich schwärmerisch in Bewunderung von Natur, Kunst oder Architektur verlor. Das Einzige, was Gregor von Herzen bewunderte, war die Majestät einer Kathedrale. Ansonsten bewegten sich seine Überlegungen in höchst weltlichen Kategorien, und die hießen Macht, Einfluss, Reichtum.
Letzteres galt selbstverständlich nicht für ihn persönlich. Nein, die geballte Kraft und Energie von Papst Gregor zielte auf den Ruhm der Kirche. Sie zu stärken, sie gegen vermeintliche und wirkliche Feinde zu verteidigen, das war der Antrieb, der ihn auch noch mit sechzig Tag für Tag die Geschicke der Kirche leiten ließ.
Feinde der Kirche – sie lauerten überall, und der schlimmste von allen hatte sich aufgemacht, den Kirchenstaat auf bedrohliche Art und Weise zu umklammern. Friedrich herrschte im Königreich Sizilien, dessen Grenzen bis kurz vor Rom reichten und direkt an das Patrimonium Petri stießen. Außerdem hatte er das Deutsche Reich jenseits der Alpen in seinen Machtbereich gebracht. Ausgerechnet Friedrich. Gregor kannte den Kaiser seit langem, und noch nie hatte er diesem Mann getraut. Im Gegenteil, jeder Gedanke an Friedrich versetzte ihn in Zorn. Ihm behagte weder der Lebenswandel des Kaisers noch der Umgang, den der Herrscher pflegte. Und er war fest entschlossen, ihm zu zeigen, dass die Schlüssel des Laterans endlich in starken Händen lagen.
Unwirsch drehte sich Seine Heiligkeit um und wandte sich an den Dominikanermönch, der eben in die privaten Räume des Papstes geführt worden war.
»Nun sprich endlich«, fuhr er den Mönch an. »Wird der Kaiser sein Kreuzzugsgelübde halten? Oder findet er wieder eine Ausrede?«
Der Dominikaner sah den Papst fragend an. »Eine Ausrede? Das würde der Kaiser nie wagen.«
»Willst du klüger sein als alle Kardinäle? Dieser Kaiser ist ein Meister der Winkelzüge. Er hat die Kirche schon zweimal hingehalten. Seit zwölf Jahren verspricht er den Kreuzzug.«
Papst Gregor nippte an einem silbernen Kelch mit Wasser. Es hatte keinen Sinn, dem Mönch Vorhaltungen zu machen. Ruhiger geworden, forderte er den Dominikaner auf, Bericht zu erstatten.
Der Mönch verbeugte sich kurz und begann: »Vor Brindisi lagern viele tausend Ritter, aber der Kaiser zögert noch.«
»Er zögert? Warum?«
»Wer weiß? Der Kaiser spricht nicht über seine Pläne, nicht einmal mit seinem Beichtvater. Aber sein Leibarzt Karim an-Nasir lässt Zelte für die Kranken errichten. Man sagt, die Männer haben Fieber.«
»Du meinst, Friedrich muss seine Pläne doch ändern?«
»Vielleicht.«
»Wir haben Juli«, sinnierte Papst Gregor, »der Kaiser muss sich beeilen. Die Menschenmassen werden den Sommer dort nicht überstehen. Gut, warten wir ab. Segelt er nicht spätestens im August, ist er erledigt.« Diese Aussicht hellte Gregors Stimmung schlagartig auf.
»Und wenn der Kaiser den Kreuzzug aufschiebt?«, fragte der Mönch und spürte einen Augenblick zu spät, welch grobe Unhöflichkeit er begangen hatte. Die Pläne Seiner Heiligkeit gingen ihn, einen einfachen Dominikaner, nun wirklich nichts an.
Doch ganz gegen seine Gewohnheit übersah Papst Gregor die plumpe Vertraulichkeit. Sein scharfer Verstand arbeitete bereits in höchster Konzentration und überschlug die Möglichkeiten, die sich der Kirche boten, falls Friedrich den Kreuzzug tatsächlich nicht antreten konnte. Verlockende Möglichkeiten, deren Auswirkungen die Welt verändern würden.
Papst Gregor IX. schenkte dem Mönch deshalb ein mildes Lächeln. »Dann«, antwortete er auf die Frage des Dominikaners, »dann werden wir den Kaiser bestrafen.«
Bianca wollte atmen und bekam keine Luft. Panik überfiel sie. Sie kämpfte verzweifelt, um wach zu werden. Jemand war über ihr. Jemand drückte etwas auf ihren Mund. Blind schlug sie um sich. In ihrer Kammer herrschte tiefste Finsternis. Normalerweise schien das Mondlicht durch die Fenster, doch am Abend hatte der heiße Sommertag ein heftiges Gewitter gebracht, und nun fiel der Regen aus dichten Wolken. Bianca hörte das Rauschen und spürte die Kühle, die ins Zimmer hereinzog.
»Hochmütiges Miststück«, keuchte eine Stimme. Hände zerrten an ihrem Leinenhemd und rissen an ihren langen blonden Haaren.
Bianca erstarrte vor Entsetzen. Sie hatte die Stimme erkannt. Am Abend, beim Festbankett, als die Diener einen Gang nach dem anderen auftischten und der schwere rote Wein aus dem Piemont in die Kelche floss, hatte dieser Mann neben ihr gesessen – Enzio Pucci, Graf von Tuszien.
Er wälzte sich auf sie und keuchte Schimpfworte, die Bianca nie gehört hatte. Sie wand sich unter seinem Körper, versuchte zu beißen, zu treten, mit aller Kraft von ihm freizukommen, doch er war stärker als sie.
Bianca verstand nicht, warum Giovanna ihr nicht zu Hilfe kam. Solange sie denken konnte, schlief die Amme bei ihr in der Kammer. Bianca lauschte verzweifelt nach einer Stimme, einer Bewegung, nach irgendeinem Lebenszeichen, aber sie hörte nichts. Nichts außer den heiseren Flüchen des Mannes und dem unaufhaltsam strömenden Regen.
Giovanna, wach auf, flehte Bianca stumm und spürte, wie die Kräfte sie verließen.
Plötzlich nahm der Mann seine schwielige Hand von ihren Lippen, Bianca öffnete keuchend den Mund, und im selben Moment spürte sie seine Zunge. Grob zwängte er sie zwischen ihre Zähne und stieß sie tief in ihren Rachen. Voller Ekel begann sie zu würgen, und er schlug ihr mit der rechten Hand ins Gesicht. Kurz und hart, wie er es bei widerspenstigen Mägden zu tun pflegte. Sein schwerer Siegelring traf ihre Wange und ließ die Haut aufplatzen. Bianca fühlte etwas Feuchtes in ihrem Augenwinkel, Tropfen, die über ihre Wangen liefen und schließlich auf ihren Lippen endeten. Sie schmeckten nach Blut.
»Du Hure«, stöhnte er. »Ich werde dir deinen Hochmut austreiben.«
Sein Geruch war unerträglich, eine Mischung aus feuchtem Tierfell und säuerlicher Milch. Bianca hatte den ganzen Abend unter diesem Gestank gelitten, und soweit es Höflichkeit und Gastfreundschaft zuließen, hatte sie sich von ihrem Tischherrn weggedreht. Vom ersten Augenblick an hatte sie diesen Mann verabscheut. Er war grob und derb, und die Narbe, die quer über seine Wange lief, gab ihm einen grausamen Zug.
Einen Moment lang fragte sich Bianca, ob es möglich sein konnte, dass Giovanna noch schlief und jede Sekunde aufwachen würde.
Dann formte sich ein schrecklicher Gedanke. Hatte Enzio Giovanna getötet? Er wird uns beide umbringen, dachte sie und gab alle Hoffnung auf. Ihre Muskeln erschlafften, ihr Körper wurde weich, Angst legte sich über ihr Denken, und ihr Widerstand schien gebrochen.
Der Mann über ihr spürte ihr Nachgeben, riss ihr das Leinenhemd über die Hüften und zwängte sich zwischen ihre Beine. Bianca hörte eine Frau weinen und erkannte ihr eigenes Schluchzen.
Ihr rechter Arm stieß an den Tisch neben ihrem Bett, ihre Hand fuhr rudernd durch die Luft und über die Platte. Sie fühlte etwas Weiches, ein Stück Seide für einen neuen Rock. Ihre Nägel kratzten über den tönernen Wasserkrug, und plötzlich spürte sie kaltes Metall. Die Schere. Die Schere aus Eisen, die Giovanna am Abend dorthin gelegt hatte. Sie erinnerte sich, dass sie zu stumpf zum Schneiden geworden war und einer der Knechte sie deshalb geschliffen hatte. Sie reckte sich, machte ihren Arm so lang wie möglich – dann lag die Schere in ihrer Hand. Und im selben Moment, in dem der Graf von Tuszien mit Gewalt in sie eindringen wollte, rammte sie ihm das spitze Eisen in den Rücken. Nur einen Wimpernschlag später stieß der Mann über ihr ein heiseres Röcheln aus, sein Körper bäumte sich auf, und dann brach er ohne einen Laut über ihr zusammen. Seine massige Gestalt drückte sie tief in das Stroh unter den Laken.
Bewegungslos blieb Bianca liegen und rang um jeden Atemzug. Dann versuchte sie sich aus der Umklammerung des leblosen Körpers zu winden, verfing sich aber in Enzios Mantel.
Noch immer strömte der Regen wie ein dichter Vorhang. Das gleichmäßige Rauschen half ihr, ruhiger zu werden. Sie holte tief Luft, befahl sich, ihre Kräfte zu sammeln, und riss energisch an dem Manteltuch. Endlich spürte sie, dass sie freikam.
Tränen strömten ihr übers Gesicht. Auf allen vieren kroch sie über den Steinboden und tastete nach einer Kerze. Sie musste Giovanna finden, musste wissen, ob die Amme noch lebte.
»Giovanna«, flüsterte sie. »Wo bist du? Bitte, sprich mit mir.« Nichts, nur das Wispern des Regens. Dann hörte sie es – ein leises gequältes Seufzen. »Giovanna«, hauchte sie. Bianca wagte nicht, sich zu bewegen. War es möglich, dass Enzio noch lebte?
Eine Hand berührte ihre Schulter, und ihre Panik kam zurück.
»Sei ruhig, meine Tochter«, flüsterte eine heisere Stimme, und Bianca fühlte sich schwach vor Erleichterung. »Cara mia, du hast eiskalte Hände, du zitterst.«
»Giovanna, der Herr möge mir vergeben, ich habe einen Menschen getötet.«
Bianca klammerte sich an ihre Amme, und beide Frauen sanken erschöpft auf den Boden. Ihre Kraft und ihr Mut waren verbraucht. Bianca rollte sich auf den harten Steinen zusammen, umfasste mit beiden Armen ihre Knie und begann wieder zu weinen. Und Giovanna, die erkannte, dass diese Nacht ihr Leben für immer verändert hatte, strich ihr zärtlich über das Haar.
Sie driftete auf einer warmen Woge, und der Engel hüllte sie in goldenes Licht.
»Fürchte dich nicht«, sagte der Engel und reichte ihr die Hand. »Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir.«
Der Engel war prächtig gekleidet und hatte ein gütiges Gesicht. Er trug einen langen roten Mantel, und über seinem Kopf leuchtete ein heller Schein. Sie war sich sicher, dass sie ihm schon einmal begegnet war, aber sosehr sie sich auch bemühte, sie konnte sich nicht erinnern, wann und wo.
Der Engel reichte ihr die Hand, und sie ließ es zu, dass er sie auf die Füße zog. Es fiel ihr schwer zu stehen, und doch wagte sie es nicht, sich auf den Engel zu stützen.
»Bianca«, raunte eine Stimme. »Bianca, wach auf.«
Hände rüttelten an ihren Schultern und klopften ihr sanft auf die Wangen.
»Lass mich, ich kann nicht«, murmelte Bianca und sah sich verzweifelt nach dem Engel mit dem leuchtenden roten Mantel um. Aber er war fort. Sie hielt die Hände schützend vor ihr Gesicht. Immer noch spürte sie leichte Schläge, besonders die linke Seite pochte schmerzhaft.
»Bianca, du musst aufwachen, du musst mir helfen.«
Ein Licht blendete sie, und jemand hielt ihr einen Krug kühles Wasser an die Lippen. Ganz langsam öffnete sie die Augen und erkannte im Schein einer brennenden Kerze ein vertrautes Gesicht – Giovanna. Die Amme tupfte ihr mit einem feuchten Lappen das Blut von der Wange.
»Dem allmächtigen Gott sei Dank«, flüsterte Bianca, »du bist noch bei mir.« Sie wollte Giovanna glücklich in die Arme schließen, doch diese zuckte vor Schmerz zusammen. »Was ist?«, fragte sie besorgt. »Bist du verletzt?«
Giovanna griff nach der Kerze und hielt sie hoch, damit das Licht auf ihr Gesicht fiel.
Bianca schloss entsetzt die Augen. »O mein Gott«, flüsterte sie. »Wir müssen den Medicus suchen. Sofort. Er ist hier auf der Burg. Einer der Ritter ist beim Turnier verwundet worden. Giovanna, du brauchst Hilfe. Dein Auge sieht schrecklich aus.«
»Ich weiß. Aber ich muss allein damit zurechtkommen. Wir dürfen niemanden holen.«
Bianca starrte ihre Amme an. Giovanna hatte recht. Wenn sie den Medicus um Hilfe baten, wie sollten sie eine Erklärung für Enzios Leiche finden?
Sie spürte rasende Kopfschmerzen und legte die Hände an die Schläfen. Denk nach, sagte sie sich, denk genau nach und mach jetzt keinen Fehler. Konnte sie ihren Bruder rufen? Würde er ihr helfen? Immerhin war Enzio in ihre Gemächer eingedrungen und hatte sie im Schlaf überfallen und sich dadurch eines Verbrechens schuldig gemacht. Aber nun lag Enzio tot in ihrem Bett. Erstochen von seiner zukünftigen Frau. Sie drückte ihre schmerzenden Hände fest auf ihre Stirn und schüttelte den Kopf. Nein, Manfred würde ihr nicht helfen. Im Gegenteil. Sie war die ungehorsame Schwester, die schon den ganzen Tag gegen die geplante Heirat aufbegehrt hatte. Sie hatte einen Ritter getötet, einen reichen, mächtigen Grafen. Wenn die anderen Enzios Leiche fanden, würde es einen Prozess geben.
Bianca wusste, dass die Männer, die über sie richten würden, kein Verständnis für Frauen hatten, die ihre Verteidigung selbst in die Hand nahmen. Möglicherweise würde man sie beide mit dem Tod durch das Feuer bestrafen, ganz sicher aber würde sie von ihrem Bruder verstoßen werden – nachdem man sie ausgepeitscht hätte.
Sie zwang sich, ihre Kopfschmerzen zu vergessen, und rückte näher an Giovanna.
»Du bist die Weise von uns beiden. Und du hast wie immer recht. Kein Medicus, keine Hilfe. Wir müssen selbst entscheiden, was zu tun ist.«
Bianca nahm die Kerze und sah sich das misshandelte Gesicht ihrer Amme sorgfältig an. Enzio musste Giovanna brutal geschlagen haben. Vermutlich war sein Siegelring direkt auf ihren Augenwinkel geprallt, dort, wo die Haut zart und der Schädelknochen dünn war. Giovannas linkes Auge war bereits völlig zugeschwollen, ein dicker dunkelroter Striemen zog sich über ihre Schläfe, und unter dem Auge klebte geronnenes Blut. Sie strich ihrer Amme zart über die Wange.
»Ich bin froh, dass er tot ist. Er war ein Vieh.«
Giovanna schlug hastig das Kreuz und sah ihre Ziehtochter entsetzt an. »Sag so etwas nie wieder. Wir haben eine Sünde begangen, für die wir ein Leben lang büßen werden.«
»Ach Giovanna, wäre es besser gewesen, wenn er uns beide umgebracht hätte? Wenn ich sehe, was er dir angetan hat, sage ich: Zur Hölle mit ihm.«
Giovanna warf ihr einen erschrockenen Blick zu. Was sollte jetzt aus ihnen werden? Sie war alt und müde. Und wenn es ihr nicht gelingen würde, die Wunde an ihrem Auge mit Hilfe von Kräutern zu heilen, würde sie mit großer Wahrscheinlichkeit den nächsten Herbst nicht erleben. Sie seufzte und verdrängte Schmerz und Bitterkeit. Sie hatten anderes zu tun, als über ihre Wunden zu jammern. Giovanna entschied, ihr linkes Auge notdürftig mit einer Binde zu schützen und sich später um die Verletzung zu kümmern. Was sie jetzt am allernötigsten brauchten, war ein Plan.
Karim an-Nasir griff nach einer Ecke des weißen Tuches und zog es dem Mann über den Kopf. Neben ihm stand ein Pater der Zisterzienser, und Karim sah ihm ernst ins Gesicht.
»Der Mann ist tot«, erklärte der Sarazene. »Für ihn können wir nichts mehr tun. Seht zu, dass Ihr ihn schnell begrabt. Kein Körper darf in der sengenden Sonne liegenbleiben.«
Karim erkannte die Skepsis im Blick des Zisterziensers und ärgerte sich über so viel Borniertheit. Vermutlich fragte sich auch dieser Pater zum tausendsten Mal, was ein Ungläubiger wie er ausgerechnet in einem Kreuzfahrerheer trieb. Und mit derselben Wahrscheinlichkeit würde er sich wundern, warum der Kaiser des größten christlichen Reiches einen Sarazenen zu seinem Leibarzt gewählt hatte.
Karim wusste, dass einige der Ritter die Anwesenheit eines Dieners Allahs für ein schlechtes Omen hielten, und tatsächlich konnte inzwischen jeder sehen, dass der Kreuzzug Friedrichs II. unter keinen guten Vorzeichen stand. Tag für Tag glühte die Sonne von einem wolkenlosen Himmel, Männer wie der Zisterzienserpater, der aus einem Kloster jenseits der Alpen stammte, litten Höllenqualen in der Hitze, nirgendwo eine wohltuende Brise, die den Geruch von Krankheit und Tod vertrieb. Dazu das Fieber, an dem bereits einige Männer gestorben waren.
Vielen Rittern graute vor der Überfahrt ins Heilige Land, denn dort sollte es noch heißer sein, aber alles war besser, als in dieser stinkenden Stadt zu verfaulen.
Karim an-Nasir verstand sich zwar nicht auf die Kunst des Gedankenlesens, aber die Ängste und Bedenken des Zisterziensers standen so deutlich auf seiner Stirn, dass selbst der größte Narr sie lesen konnte.
Der Sarazene fragte sich, warum die Menschen des Abendlandes nicht längst ausgestorben waren. Ihr medizinisches Wissen war auf einem Stand, der in der orientalischen Welt seit Jahrhunderten als überholt galt. Die Ärzte des Morgenlandes stützten sich auf das alte, überlieferte Wissen berühmter Heilkundiger aus Syrien, Persien oder Judäa.
Schon vor vierhundert Jahren hatte der persische Arzt Rhazes ein bahnbrechendes Buch über Pocken und Masern geschrieben. Karim hatte alle Abhandlungen, die sich mit Gesundheitspflege, Hygiene, Operationen und geheimnisvollen Fieberkrankheiten befassten, studiert. Er kannte die Bücher des berühmten Arztes Ibn Sina, den die Christen Avicenna nannten, ebenso wie die Werke von Abu`l-Qasim Halaf Ibn al-Abbas, dem Leibarzt zweier Kalifen in Córdoba.
Die Christen dagegen, dachte er verächtlich, vertrauen darauf, dass ihre Priester sie gesund beten. Ihre Medici bekamen von der Kirche strenge Auflagen, und die Wissenschaft geriet immer mehr ins Visier der Mönchsorden. Mit Sorge hatte Karim von den Inquisitoren der Dominikaner gehört, die durch das Land zogen und Menschen zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilten. Darunter auch solche, die sich mit den Grenzen des Wissens nicht abfinden wollten.
Karim hoffte von ganzem Herzen, dass er niemals und unter keinen Umständen verletzt in die Hände eines christlichen Medicus fiel. Lieber wollte er im Kampf einen schnellen Tod sterben als unter Aufsicht eines dieser Barbaren qualvoll dahinsiechen.
Dass er überhaupt mit ins Heilige Land zog, lag an seiner tiefen Freundschaft zu Friedrich. Der heute so mächtige Kaiser hatte sich als Kind in den Gassen von Palermo nicht eben wie der Sohn eines Königs benommen. Mehr oder weniger lebte er wie ein Streuner und fand Freunde in christlichen und muslimischen Familien. Als Karim und Friedrich sich kennenlernten, waren beide zehn Jahre alt. Friedrich sprach bereits perfekt Arabisch. Über zwanzig Jahre hielt jetzt ihre Freundschaft, und der Sarazene bewunderte Friedrich mehr denn je.
Es gab wenige Menschen, denen der Kaiser wirklich vertraute – Karim war einer davon.
Der Sarazene straffte seine Schultern und wandte sich an den Pater: »Holt Euch so viele Helfer, wie Ihr braucht, und gebt allen Männern, die Fieber haben, jeden Tag neue Wäsche. Die Pritschen und die Strohsäcke brauchen jeden Morgen neue Laken. Stirbt einer der Männer, wird seine Wäsche verbrannt. Habt Ihr verstanden?«
»Aber wie soll das gehen? Woher soll ich so viele Tücher beschaffen? Das ist Verschwendung. Kein Mensch braucht jeden Tag ein neues Betttuch.«
Karim führte den Zisterzienser durch die Reihen der Kranken. »Seht her. Dieses Tuch hier ist blutig und verdreckt. Es stinkt nach Fäulnis und Exkrementen. Es muss sofort ausgetauscht werden. Achtet mit Euren Helfern auf makellose Sauberkeit. Wenn es sein muss, holt Ihr die Tücher aus den Häusern der wohlhabenden Bürger von Brindisi.« Er wandte sich ab, um das Zelt zu verlassen, drehte sich aber ein letztes Mal zum Pater um. »Ach, Pater Ruggiero, ehe ich es vergesse, dies ist ein Befehl des Kaisers.«
Karim lächelte leicht, als sich das Gesicht des Zisterziensers missmutig verzog.
Zur Hölle mit ihm«, wiederholte Bianca und riss ein Stück von ihrem zerfetzten Nachthemd ab, um Giovannas blutiges Gesicht zu säubern.
»Wir müssen fliehen, auf der Burg sind wir nicht mehr sicher. Wenn man entdeckt, was geschehen ist, wird man uns gefangen nehmen. Und wir müssen Enzio verschwinden lassen.«
Die Amme wimmerte vor Schmerz, als Bianca notdürftig die Wunde an ihrem Auge verband. Aber Giovanna hatte schon größere und schlimmere Pein erduldet als diesen Schlag an die Schläfe. Sie wusste, dass sie die Schmerzen aushalten konnte: Und für Bianca hätte sie alles ertragen.
Giovanna stimmte ihrer Ziehtochter zu. Es gab keine andere Möglichkeit als die Flucht. Doch wie und vor allem wo sollten sie den Leichnam des Grafen von Tuszien verstecken?
Bianca betete, dass der Regen nicht aufhören möge, so dass sie den dichten Vorhang aus feinen Wassertropfen zu ihrem Vorteil nutzen könnten. Und sie hoffte, dass alle anderen Männer in der Burg – vor allem aber ihr Bruder – vom Wein berauscht tief und fest schliefen.
Rasch überschlug sie verschiedene Möglichkeiten. Die Gemächer der Frauen befanden sich in einem Anbau, etwas abseits der Befestigungsanlagen der Burg. Da Bianca die einzige gräfliche Dame im Haushalt ihres Bruders war, bewohnte sie das oberste Stockwerk des Anbaus allein. Manfreds Privaträume lagen unter den ihren, alle anderen Ritter schliefen in den Kammern, die direkt an die Befestigungsanlagen angrenzten.
Um die Burg unbemerkt verlassen zu können, müssten die Frauen nicht nur einen gefahrlosen Weg aus dem Wohnturm der gräflichen Familie finden, sondern sich über den Burghof an den Pferdeställen und den Hunden vorbeischleichen, um dann durch eines der Tore zu schlüpfen.
Unmöglich, dachte Bianca verzweifelt, das können wir nicht schaffen.
Und Enzio? Wie sollen zwei Frauen einen großen, schweren Mann durch die Gänge schleifen, ohne dass einer der anderen erwachen würde?
»Giovanna«, flüsterte Bianca, »es geht nicht. Ich sehe keinen Weg zur Flucht.«
»Es gibt immer einen Weg. Wir müssen ihn nur finden. Und das schnell, denn wenn der Morgen graut, haben wir keine Chance mehr.«
Bianca nahm die Kerze und erhob sich mühsam von dem Steinboden. Sie spürte jeden Muskel, ihre Arme schmerzten, ihre Wange fühlte sich wund an.
In der Burg herrschte Totenstille, und auch draußen schien die Natur den Atem anzuhalten. Noch sang kein Vogel, bellte kein Hund.
Mit der brennenden Kerze schritt sie durch ihr Zimmer zu der schmalen Holztür, durch die man in einen Gang gelangte, den nur wenige Menschen betreten durften. Der Gang führte direkt zu dem privaten Abtritt der Grafenfamilie an der Außenseite der Burgmauern. Von hier aus mündete der Latrinenabfluss in einen tiefen und übel riechenden Teil des Burggrabens.
Der Abtritt hatte ein etwas größeres Fenster als andere Kammern der oberen Burgstockwerke, damit der Gestank durch ständige frische Luft vertrieben wurde.
Bianca öffnete vorsichtig die Tür und schlich, ohne ein Geräusch zu machen, in den Gang, dann hinüber zu der Kammer, in der die gräfliche Familie ihre Notdurft verrichtete.
»Es wäre möglich«, flüsterte sie. »Es wird nicht leicht sein, aber wir müssen es versuchen.«
